Zur Historizität des Gordischen Knotens


Seminararbeit, 2008

19 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vergleich der vier Überlieferungen

3. Die Genese der Primärüberlieferung und die Konstruktion der Umstände durch die Sekundärhistoriker

4. Die Glaubwürdigkeit und Vertrautheit des Orakelspruch und die Möglichkeit seines Vollzugs

5. Zusammenfassung

6. Bibliografie

1. Einleitung

Während des Kleinasienzuges (334/333) stand Alexander unter hohen Druck. Er rechnete mit einem Gegenangriff der Perser. Ebenso war das Klima innerhalb seines Heeres angespannt. Diese Anspannung wurde durch den steinigen Weg an der Südwestküste Kleinasiens mitbedingt. In diesen unbekannten Gefilden hatte er jederzeit mit Hinterhalte, Mordanschlägen und Intrigen von Seiten der Perser zu rechnen. Hinzukommt, dass für ihn kein anderer Weg gangbar war, weil er der persischen Flotte den Zugang zum Land abschneiden wollte. Um die Anspannung seiner Truppen zu nehmen und um ihnen Zuversicht zu geben, soll er sich eines der berühmtesten Orakel bedient haben. In der damals bekannten Stadt Gordion soll er den Sagen umwobenen Knoten am Joch des Wagens gelöst haben. Durch die Lösung des Knotens sollte ihm die Herrschaft über ganz Asien versprochen werden.[1]

Das Ereignis ist so sehr im kollektiven Bewusstsein verankert, dass es heute noch gerne als geflügeltes Wort zitiert wird, wenn es darum geht einen gordischen Knoten zu lösen. Dennoch kann diese Tatsache keinen Aufschluss darüber geben, ob dieses Ereignis historisch ist. Der erste Blick auf die damaligen Ereignisse offenbart, dass Alexanders Aufenthalt in Gordion nur strategisch bedingt sei. So vereinbarten Parmenion und Alexander, dass sie sich dort treffen wollten. Alexander sollte die Küstenstädte offenhalten und Parmenion sollte mit schweren Tross und Entsatz nach Gordion ziehen. Ebenso schien Gordion ein idealer Ort zu sein, um ein militärisches Aufgebot gegen die Perser zu organisieren und die Kräfte für die bevorstehende Schlacht zu sammeln. Denn Alexander rechnete damit, dass er am Halysbogen auf Memnon treffen würde. Auch durch seine geografische Lage war Gordion ideal, denn von dort aus konnte er schnell zu jeder Region Kleinasiens – besonders über die persische Königsstraße – gelangen, sei es zu den besagten Küstenstädten oder zum Bosporus, um beides vor einen Übergriff der Perser zu schützen.[2]

Diese Arbeit wird sich also mit folgender These auseinandersetzen: Die Geschehnisse, die zur Erfüllung der mit dem gordischen Knoten verbundenen Prophezeiung erforderlich waren, sind eine Fiktion der späteren Alexanderhistoriker. Erst in der neueren Forschung ist diese These Gegenstand des Interesses geworden. In der früheren Forschung wurde über die Glaubwürdigkeit der beiden Lösungsvarianten des Knotens diskutiert. Daher ging die ältere Forschung davon aus, dass diese Ereignisse historisch waren. Dies macht verständlich, weshalb sich die Historiker besonders mit der Symbolwirkung des Knotens beschäftigten.[3]

Um der These genüge zu tun, wird folgende Methodik erwogen: zunächst werden die Überlieferungen der vier Alexanderhistoriker, die sich auf die Erfüllung der Prophezeiung beziehen, detailliert verglichen. Dabei werden ausgewählte Vergleichsmerkmale berücksichtigt. In einem weiteren Arbeitsschritt werden die Absichten der vier Autoren aus den Ergebnissen des Vergleiches herausgearbeitet. Ebenso soll der Überlieferungsweg von den Primär- zu den Sekundärquellen nachvollzogen werden. Dabei wird besonders darauf eingegangen, inwieweit die Autoren bewusst die Umstände so zusammenstellten, um Alexander in ein für sie günstiges Licht zu stellen. Im letzten Arbeitschritt soll gezeigt werden, welcher Mittel sich die Alexanderhistoriker bedienten, um ihren Darstellungen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Es soll gezeigt werden, inwieweit die Autoren Elemente des Mythos und die Erfahrungen ihrer Alltagswelt einbrachten. Kurz wird auf die Vorraussetzungen eingegangen, die zur Durchführung der Prophezeiung erforderlich waren.

2. Vergleich der vier Überlieferungen

Zunächst werden die Überlieferungen der vier Alexanderhistoriker (Justin, Plutarch, Arrian und Curtius)[4] inhaltlich mit einander verglichen. Dieser Vergleich soll zeigen, dass in allen Überlieferungen ähnliche Elemente wiederkehren. Diese Elemente werden von Autor zu Autor unterschiedlich gewichtet und unterscheiden sich daher nur im geringen Maße von einander. Diese Unterschiede sollen in diesem Abschnitt der Arbeit herausgearbeitet werden. Eine bloße Inhaltswiedergabe der vier Überlieferungen würde diesem Zweck nicht genügen. Für den Vergleich werden folgende Kriterien verwendet: (1) die geografische Beschreibung der Stadt, (2) die Standortsbestimmung des Wagens, (3) die Motive Alexanders Gordion aufzusuchen, (4) Alexanders Wissen um die Bedeutung der Sage, des Wagens und des Orakelspruchs, (5) der Geltungsbereich des Orakelspruches, (6) die Beschaffenheit des Wagens, (7) Material des Knotens, (8) Ausgestaltung des Knotens, (9) der subjektive Eindruck bezüglich der Nichtlösbarkeit des Knotens, (10) die beiden Lösungsvarianten des Knotens und (11) die bei Arrian und Curtius überlieferten Sagen.

(1) Sämtliche Autoren belegen, dass Alexander sich in Gordion aufhielt und dort den Wagen vorfand. Nur Iustin und Curtius beschreiben die genaue geografische Lage der Stadt. Iustin beschreibt auch die Geografie, nämlich dass Gordion „zwischen Klein- und Großphrygien“ liegt (I 7-10). Ausführlicher lokalisiert Curtius den Standpunkt der Stadt: er betont das, dass Land dünn besiedelt sei, auch liege die Stadt am Fluss Sangarios und sei in etwa gleichweit vom Schwarzen wie vom Killikischen Meer entfernt. Dies sei auch der kürzeste Abstand zwischen den beiden Meeren, er verdeutlicht dies metaphorisch, wenn er sagt, dass sich dort das Festland „wie ein enger Hals“ (C 13) zusammenschnüre. Dieses kleinasiatische Festland zeichnet sich durch drei Merkmale aus: es besitzt eine dünne Scheidewand – den Bosporus –, welche die Meere trennt, dann hängt es am Festland – Asien – und ist an den restlichen Seiten von Fluten umspült (C 11-14).
(2) Arrian und Plutarch weisen daraufhin, dass der Wagen in der Residenz des Midas bzw. auf den Königsberg stehe(A 2-5 A 37, P 3f). Für Justin und Curtius steht der Wagen im Zeus- bzw. Jupitertempel[5] (I 10f I 37, C 14).[6]
(3) Iustin zufolge wollte Alexander die Stadt nicht vordergründig in Besitz nehmen, sondern er wollte nur „das Joch des Gordios“ im Jupitertempel sehen, weil er vom Orakelspruch gehört hatte (I 9 -12). Auch nach Arrian hatte Alexander den Wunsch den Wagen zu sehen und suchte daher den Königsberg auf (A 1f). Curtius geht von einer anderen Motivation aus. Ihm zufolge wollte Alexander Gordion erobern (C 14). Auch für Plutarch ist die Unterwerfung Phrygiens der einzige Beweggrund, die Stadt zu betreten.
(4) Nach Iustin hatte Alexander von der Sage und dem Orakelspruch gehört (I 10-12). Es muss nicht so sein, dass ihm diese Umstände erst in Gordion bekannt wurden, sondern schon früher bekannt waren. Denn das Auffinden des Wagens war für Alexander die Hauptmotivation nach Gordion zu gehen. Nach Arrian scheint die Sage auf eine Überlieferung der phrygischen Bevölkerung zu basieren. Daneben wurde ihm auch vom Orakelspruch erzählt (A 6 u. 41). Sicherlich handelt es sich hier nur um eine Versicherung durch die örtliche Bevölkerung, denn andernfalls hätte er nicht zuvor den Wunsch gehabt dem Königsberg zu besteigen (A 2). Eine ähnliche Ansicht vertritt auch Curtius, denn die Einheimischen versicherten ihm, dass es einen Orakelspruch gäbe (C 16). Ebenso erkannte er den Wagen mit seiner Bedeutung für Midas nach dem er in den Zeustempel trat (C 14). Daher ist anzunehmen, dass er ein Wissen um die Bedeutung des Wagens hatte. Auch Plutarch spricht für diesen Verdacht, wenn er davon ausgeht, dass er erst den Wagen sah und dann von der Sage erfuhr(P 4-7). Alle vier Überlieferungen sprechen dafür, dass Alexander ein sicheres Wissen um die Bedeutung des Wagens, des Orakelspruchs und der Sage hatte.
(5) Die drei antiken Historiografen Curtius, Arrian und Iustin stimmen darin überein, dass der Orakelspruch nur die Herrschaft über Asien verspreche. Plutarch meint, dass der Orakelspruch die Herrschaft über die ganze Ökumene verspreche (P 7-8).
(6) Laut den von Iustin und Arrian aufgeführten Sagen wird der Wagen als Ochsengespann beschrieben (I 15, A 9). Midas bzw. Gordios fuhren mit den Wagen nach Gordion. Nach Arrian ergibt sich, dass der Wagen auf der Reise nach Gordion nicht gegen einen repräsentativeren Wagen ausgetauscht wurde, da er der „Wagen seines Vaters“ (A 38), d.h. Gordions Wagen, sei. Auch Curtius würde einen Tausch gegen einen repräsentativeren Wagen widersprechen, da er „in seiner Ausstattung von den geringeren und gewöhnlich gebrauchten Wagen nicht grundlegend verschieden war“ (C 14). Bei Plutarch wird der Wagen nur erwähnt, aber nicht genauer beschrieben (P 4).[7] Somit handelte es sich um einen sehr bescheidenen Wagen.
(7, 8) Bei Iustin besteht der Knoten aus Riemenwerk (I 48), bei Arrian und Plutarch wurde für den Knoten Kornelkirschbast verwendet (A 44, P 4f). Curtius beschreibt das Material nicht näher. Bei allen befindet sich der Knoten am Joch des Wagens. Bei Arrian und Plutarch wird der Knoten durch einen Jochnagel zusammen gehalten (A 53, P 15). Bei den vier Alexanderhistorikern war das Enden des Knotens nicht sichtbar. Nur Plutarch und Curtius begründen dies. Der Knoten war mehrfach in einander verschlungen, so dass die Enden nicht sichtbar waren und somit als unentwirrbar galt (P 9f, C17f).
(8, 9) In allen Überlieferungen, außer in der von Iustin, hatte Alexander den subjektiven Eindruck (A 46, P 11, C 17), dass er den Knoten nicht lösen könne wegen der viele Verschlingungen. Auffallend ist, dass bei Iustin nicht festgestellt wird, dass er den Knoten nicht lösen könne und dass der Knoten aus (Leder-)Riemen bestand. Zieht sich Leder zusammen, so wird der Knoten unlösbar, daher ist ein solcher subjektiver Eindruck nicht nötig, denn der Knoten ist aufgrund des Materials schon unlösbar. Der subjektive Eindruck der Nichtlösbarkeit des Knotens nach Curtius könnte dadurch bedingt sein, dass Alexander in Anbetracht der um ihn versammelten Phryger und Makedonier unter Erfolgsdruck stand und daher keine Zeit hatte um nach einer anderen Lösung zu suchen. Auch Arrian weist daraufhin, dass Alexander „bei der Mehrzahl der Menschen (keine) falsche(n) Gemütsbewegungen erwecke(n)“ wolle (A 48).

[...]


[1] Vgl. FOX: 2004, S. 174f u. 182.

[2] Vgl. KRAFT: 1971, S. 87-89.

[3] Vgl. SEIBERT: 1990, S. 92-94.

[4] Die Zitierweise der Primärquellen wird im Literaturverzeichnis erläutert. Die vier Alexanderhistoriker schrieben ihre jeweiligen Werke mit großen zeitlichen Abstand zu den Ereignis in Gordion: So schreib Quintus Curtius Rufus (im folgenden Curtius) die Historiae Alexandri Magni zwischen den Jahren 41-54 nach Christus, Marcus Iunianus Iustinus (Iustin) schrieb seine Historiarum Philippicarum libri XLIV zwischen 200 und 400 nach Christus. Lucius Flavius Arrianus (Arrian) schrieb seine Anabasis Alexandrou um 120 nach Christus. Neben den drei Historiografien schrieb Plutarch seine Doppelbiografien um 100 nach Christus. Folglich war keiner von ihnen Zeitzeuge des Geschehens (Vgl. WIEMER: 2005, S. 18.).

Diodor wird bei diesem Vergleich nicht berücksichtigt. Diodor hatte für Alexanders Kleinasienzug nicht viel übrig, dies liegt sicherlich daran, dass Diodor den „persischen“ Standpunkt bei der Betrachtung der Ereignisse einnahm. Für ihn sind die Berichte um den Lynkesten, Memnons Tod und die Eroberung Makedoniens wichtiger, als die Geschehnisse in Gordion. (Vgl. KRAFT: 1971, S. 86 Anm. 16, S. 88-90, S. 89 Anm. 19). Für diese Zeit bezieht sich Diodor wahrscheinlich auf einen Gewährsmänner, der aus persischer Sicht die Ereignisse darstellt, bzw. Kleitarch (Vgl. WIEMER: 2005, S. 20).

[5] Nach ALBERS ist es aus römischer Perspektive gleichgültig, ob es sich bei dem Gott um Zeus oder Jupiter handelt. Beide Götter haben für die Römer eine ähnliche Bedeutung und Funktion, d.h. sie sind gleichwertig. Vgl. ALBERS: 2008, Art.: Zeus.

[6] MEDERER geht davon aus, dass der Wagen im Tempel auf dem Burgberg steht. Dieser Ansicht kann nicht gefolgt werden. Im Text steht dass der Wagen durch Midas dem Zeus Basileus geweiht wurde, daraus kann nicht geschlossen werden, dass der Wagen zwangsläufig in einem Tempel aufbewahrt werden müsse. Etwas anderes ist aus dem Wortlaut des Textes nicht ersichtlich (vgl. MEDERER: 1936, S. 9, Anm.).

[7] ROLLER geht davon aus, dass es sich um einen Wagen handelt, der für den Transport und nicht zum Kämpfen geeignet ist (Vgl. ROLLER: 1984, S. 270). KÖRTE betont ebenfalls den bäuerlichen Charakter des Wagens (Vgl. KÖRTE: 1904, S. 16).

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Details

Titel
Zur Historizität des Gordischen Knotens
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Der Aufstieg Makedoniens
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V115060
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historizität, Gordischen, Knotens, Aufstieg, Makedoniens
Arbeit zitieren
Constantin Schmidt (Autor), 2008, Zur Historizität des Gordischen Knotens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115060

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