Migrationsforschung und Geschlecht


Studienarbeit, 2005
20 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. FRAGESTELLUNG UND VORGANGSWEISE

2. MIGRATIONSFORSCHUNG UND GESCHLECHT
2.1. WEIBLICHE ABSENZ IN MIGRATIONSSTUDIEN
2.2. WEIBLICHE IMMOBILITÄT?
2.3. FRAUEN ALS MITGENOMMENE ODER ZURÜCKBLEIBENDE
2.4. FEMINISTISCHE MIGRATIONSFORSCHUNG

3. MIGRATIONSVERHALTEN VON FRAUEN
3.1. GESCHLECHTERVERTEILUNG IN DER INTERNATIONALEN MIGRATION
3.2. PATRIARCHALE STRUKTUREN IN DER INTERNATIONALEN MIGRATION
3.2.1. Frauen als Billigarbeitskräfte
3.2.2. Differente Geschlechterbeziehungen an Herkunfts- und Zielorten
3.2.3. Spezifische Migrationsbedingungen für Frauen

4. SCHLUSSBEMERKUNGEN

5. LITERATUR

1. Fragestellung und Vorgangsweise

Das Thema „weibliche Migration“ scheint mir deshalb interessant, weil Frauen in diesem Zusammenhang meist nur als Mitziehende oder Zurückbleibende wahrgenommen werden, nicht als selbständig Wandernde.

„Zusammengefasst ist zu sagen, dass Frauen in der Literatur zur internationalen Migration lange Zeit entweder gar nicht, nur schemenhaft oder zu Objekten verzerrt auftauchen. Tatsächlich spielen Frauen in der internationalen Migration jedoch eine sehr aktive Rolle.“1

Ich möchte versuchen, einen Überblick über die Problematik der weiblichen Migrationsforschung zu geben. Dabei werde ich vor allem darauf eingehen, warum bis vor kurzem Frauen als Wandernde in der Literatur kaum vorgekommen sind. Dann werde ich die Entstehung einer feministischen Migrationsforschung nachzeichnen. Anschließend werde ich kurz die wichtigsten Themenfelder feministischer Migrationsforschung der Gegenwart zusammenfassen.

2. Migrationsforschung und Geschlecht

2.1. Weibliche Absenz in Migrationsstudien

„Seit Anfang der 1980er Jahre wird in der Migrationsforschung von Wissenschafterinnen immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass Frauen in Migrationsstudien nicht vorkommen [...] Gleichzeitig haben diese Forscherinnen eingefordert, den Blick auf weibliche Wanderungswege, auf die spezifischen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen in deren Herkunftsgebieten ebenso wie in [sic!] ihren Ankunftsorten zu lenken, oder, allgemeiner formuliert, neben den Aspekten der

Klasse und Ethnizität auch das Geschlecht in die Migrationsforschung mit einzubeziehen.“2

Dabei ist es tatsächlich so, dass im Verlauf der Nachkriegszeit knapp die Hälfte aller legalen und illegalen MigrantInnen Frauen sind (United Nations, 1995). In mehr als hundert Jahren Migrationsforschung kommen Frauen aber nur selten als Untersuchungsobjekte vor. Und wenn, dann nur als Abhängige in Zusammenhang mit männlicher Wanderung. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Die wichtigsten Quellen der Migrationsforschung sind staatliche Statistiken und Meldedaten. Diese Statistiken wurden lange Zeit als objektiv gesehen und nicht weiter hinterfragt. Dabei wurde übersehen, dass Melderegister und Wanderungsstatistiken immer aus spezifischen politischen und subjektiven Interessen und Absichten heraus entstehen. Was und wer als

„erfassenswert“ definiert wird, hängt vom spezifischen Selbstbild einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit ab.3

So diente das Konskriptionswesen in der Habsburgermonarchie im ausgehenden 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem militärischen Zwecken. Es sollte männliche, militärpflichtige Personen erfassen. Darum kamen weibliche sowie zum Militärdienst von vornherein ungeeignete Personen (z.B. „Ausländer“) kaum darin vor.

„Wird von internationaler Migration gesprochen, so tauchen Bilder von jungen Männern auf, die sich, getrieben von ungünstigen Erwerbschancen und Abenteuerlust und unter Berufung auf die männliche Clique, alleine auf den Weg in Richtung besseres Leben machen. So oder so ähnlich sieht jenes Bild aus, das in den Forschungen zur internationalen Migration explizit oder implizit gezeichnet wird.“4

Rudolf Heberle erstellte in den 1950er Jahren erstmals eine „Typologie der Wanderungen“. Dabei untersuchte er zusätzlich zu den „üblichen“ Kriterien der Richtung, der Entfernung und der Aufenthaltsdauer auch die Unterschiede der sozio-kulturellen Systeme der Herkunfts- und der Zielgesellschaften sowie die sozialen Beziehungen der Wandernden. Sein Ziel war es, Migranten (die männliche Form ist Absicht) in ihrer Eingebundenheit in verschiedene Sozialsysteme und nicht als „isolierte Atome“ zu betrachten.

Doch dabei bleibt die jeweilige soziale Umgebung der Wandernden eine fast ausschließlich männliche. Als Beispiele führt Heberle die saisonwandernden Hirten, die Angelsachsen und Wikinger, die Kaufleute des Mittelalters und die wandernden Gesellen an. Frauen werden ausschließlich als Ehefrauen erwähnt.

In den 1970er Jahren sieht Wolfgang Köllmann Migration als Versuch des wirtschaftlichen Ausgleichs. Danach ist für Wanderungen die Aussicht auf eine bessere wirtschaftliche Lage am Zielort ausschlaggebend. Auch bei Köllmann werden Frauen einzig als „mitziehende Ehefrauen“ oder „zwecks Heirat nachgeholte Bräute“ genannt. Negiert werden dabei wiederum einerseits die alleine wandernden Frauen als auch deren Mitwirkung an der Entscheidung zur Familienwanderung.

Ebenso verhält es sich 1972 bei Frank Thistlethwaites Studien zur europäischen Überseewanderung des 19. und 20. Jahrhunderts und in den 1980er Jahren bei D. Langewiesche und F. Lenger. Und das, obwohl es seit den 1970er Jahren mehrere ausführliche Studien zu den weiblichen Dienstboten und deren Herkunft gibt.5

„Ausgehend von Heberle über Köllmann bis hin zu „jüngeren“ Autoren wird, ganz in Anlehnung an die patriarchalisch geprägten (Familien-) Bilder, der Mann als der für Nahrung sorgende definiert, wofür er bereit ist, die Heimat zu verlassen und in die

Fremde zu ziehen. Im Gegensatz dazu wird die Frau als das immobile, passive, zu Hause auf den männlichen Familienernährer wartende Individuum beschrieben. Von beiden Autoren werden traditionelle geschlechtsspezifische Dichotomien6 und rollenspezifische Stereotype reproduziert, und das, obwohl die zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreich vorhandenen Daten eine deutlich andere Schlussfolgerung und

Interpretation zulassen würden. [...] Frauen scheinen zwar zahlenmäßig als Migrantinnen in einem großen Ausmaß auf, trotz allem bleibt der [Hervorhebung von der Autorin selbst] Wanderer der Mann.“7

2.2. Weibliche Immobilität?

Das generiert den Eindruck, dass Frauen generell immobil seien.

„So stellte Gustav Schimmer [im Jahre 1872; Anmerkung von mir] fest, „dass die Beweglichkeit der männlichen einheimischen Bevölkerung [in der Habsburgermonarchie; Anmerkung von mir] schon früher eine stärkere war, während das weibliche Geschlecht mehr in der Heimat verweilte“ (Schimmer 1872: 70)8 . Und:

„Nach Geschlechtern ist die Beweglichkeit der einheimischen Bevölkerung nicht gleich, sondern das männliche seiner Natur nach weit mehr geneigt, die Heimat zu verlassen und anderwärts Erwerb zu suchen, als das weibliche,“ (ebd.: 69) Betrachtet man allerdings die beigefügten statistischen Tabellen, so zeigt sich, dass zwischen Männern und Frauen nur ein ganz geringer prozentualer Unterschied auszumachen

ist [...] Die prozentual höchsten Unterschiede betrugen drei bzw. vier Prozentpunkte.“9

Eine Zunahme der Wanderungen von Frauen in der Statistik um 1869 wurde einerseits mir einem Ausbau der Straßen und einer damit verbundenen Zunahmen der Bequemlichkeit des Reisens erklärt. Andererseits wurde es mit dem abgeleiteten Heimatrecht der Frauen begründet. Nach ihrer Heirat verloren Frauen ihre eigene Heimatzuständigkeit und mussten die ihres Ehemannes übernehmen. Dieser Wechsel der Heimatzuständigkeit kann also leicht mir einem Wechsel des Wohnortes verwechselt werden. Bei dieser Erklärung blieb allerdings die große Gruppe der ledigen Frauen ausgeblendet. Vor allem die Dienstbotinnen waren sehr mobil.

„Im großen und ganzen können wir festhalten, dass trotz des Tatbestandes, dass Frauen ein großes Wanderungspotenzial darstellten, die zeitgenössischen Kommentatoren des 19. Jahrhunderts die für die westliche Kultur seit der Aufklärung

typische „Geschlechterkodierung“ von stark/schwach, öffentlich/privat (Scott 1994: 300)10 relativ unreflektiert reproduzieren. Traditionelle rollenspezifische Stereotype und männliche Denkvorstellungen werden hier völlig unhinterfragt angeführt und fortgeschrieben.“11

Mitte der 1880er Jahre stellte der Engländer E.G. Ravenstein die so genannten „ Laws of Migration “ zusammen.

„Nicht nur für Österreich, sondern ganz grundsätzlich vertrat Ravenstein die These, dass Frauen zwar quantitativ in einem größeren Ausmaß am Wanderungsgeschehen des 19. Jahrhunderts beteiligt waren, sie jedoch überwiegend auf den Nahbereich beschränkt blieben und Männer das Hauptpotential bei der Fernwanderung stellten. Diese Thesen von Ravenstein sind über Jahrzehnte hinweg fortgeschrieben worden.“12

Auch der deutsche Ferdinand Tönnies (1855 – 1936) konstatierte, dass Frauen eher kürzere Entfernungen zurücklegen würden, während Männer auch vor längeren Wanderungen nicht zurückschreckten.

[...]


1 Aus: Aufhauser, Elisabeth: Migration und Geschlecht: Zur Konstruktion und Rekonstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit in der internationalen Migration, in: Husa, Karl; Parnreiter, Christof; Stacher, Irene (Hg.): Internationale Migration. Die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts?, Brandes & Apsel/Südwind, Frankfurt am Main/Wien, 2000, S. 99

2 Aus: Hahn, Sylvia: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, in: Husa, Karl; Parnreiter, Christof; Stacher, Irene (Hg.): Internationale Migration. Die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts?, Brandes & Apsel/Südwind, Frankfurt am Main/Wien, 2000, S. 77

3 „Diese Klassifikationskriterien waren [...] das Resultat politischer Ansichten und subjektiver Interessen und spiegeln damit indirekt das Bild wider, das die jeweiligen Zeitgenossen von ihrer eigenen Gesellschaft hatten. Dadurch kam es zu Aussparungen und Ausblendungen von ganzen Teilen dieser Gesellschaft. Um dies mit einem markanten Beispiel zu illustrieren: Obwohl es in Paris eine große Zahl von Frauen gab, die sich als Prostituierte ihren Erwerb sichern mussten, scheint dieser Erwerbszweig in den überlieferten Statistiken nicht auf. Gerade Prostitution war und ist (teilweise bis heute) ein Erwerbsbereich, den es zwar de facto gibt, der jedoch in den amtlichen Statistiken ausgeblendet wird. Da diese Frauen und ihre Erwerbstätigkeit nicht in das „Gesamtkonzept“ der Gesellschaft passen (und passten), fanden und finden sie nicht einmal als Zahlen einen Niederschlag.“, aus: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 79

4 Aus: Aufhauser: Migration und Geschlecht: Zur Konstruktion und Rekonstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit in der internationalen Migration, S. 97

5 Vgl.: Engelsing 1973, Ottmüller 1978, Walser 1986, Wierling 1987, Higgs 1987; in: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 92 ff.

6 Die Dichotomie Öffentlichkeit/Privatheit hat lange Tradition. Die soziale Spaltung der Gesellschaft in Öffentlich und Privat weist der Frau den „unsichtbaren“ Bereich der Privatheit zu und dem Mann den prestigeträchtigen öffentlichen Bereich. Aktiv handeln kann nach diesem Verständnis nur der Mann in seiner öffentlichen Rolle, die Frau hat „nur“ bewahrende, passive Aufgaben.

7 Aus: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 89

8 Vgl.: Schimmer, Gustav Adolf (1872): Bevölkerung der im Reichsrathe [sic!] vertretenen Königreiche und Länder nach der Zählung vom 31. December [sic!] 1869, bearbeitet und herausgegeben von der k.k. statistischen Central-Commission [sic!], V. Heft. Erläuterungen zu den Bevölkerungs-Ergebnissen mit 4 Karten. Wien: V- XIV, in: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 95

9 Aus: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 81

10 Vgl.: Scott Joan Wallach (1994): Über Sprache, Geschlecht und Geschichte der Arbeiterklasse. In: Geschichte schreiben in der Postmoderne. Beiträge zur aktuellen Diskussion, hg. Christoph Conrad /Martina Kessel. Stuttgart: Philipp Reclam jun.: 283-309, in: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 95

11 Aus: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 82

12 Aus: Hahn: Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, S. 83

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Migrationsforschung und Geschlecht
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Teildiplomprüfung Spezielle Soziologie Migration
Note
1,00
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V115066
ISBN (eBook)
9783640163328
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migrationsforschung, Geschlecht, Teildiplomprüfung, Spezielle, Soziologie, Migration
Arbeit zitieren
Mag. Andrea Schikowitz (Autor), 2005, Migrationsforschung und Geschlecht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115066

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