Die Novemberrevolution in Dresden 1918/19


Magisterarbeit, 2006
107 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

0. Einleitung

I. Die letzten Tage des alten Regimes
Die entscheidenden Ereignisse in Dresden und die Lage in Sachsen am Vorabend der Novemberrevolution.
1. Dresden am Ende des Ersten Weltkrieges
1.1. Die wirtschaftliche Situation
1.2. Ernährungslage, Volksgesundheit und Wohnungsnot
2. Die Parlamentarisierung in Sachsen
2.1. Der außerparlamentarische Widerstand bis zum Kriegsende
2.2. Die Oktoberreformen
3. Die Spaltung der sächsischen Soziademokratie

II. Dresden im Novembersturm
Die revolutionären Ereignisse und die Machtkämpfe in der Elbestadt im November und Dezember 1918.
1. Die revolutionäre Erhebung in der sächsischen Hauptstadt
1.1. Der Ausbruch der Revolution in Dresden
1.2. Der ‚Vereinigte Revolutionäre Arbeiter- und Soldatenrat’
2. Neuordnung in Dresden und Sachsen
2.1. Die Bildung der Revolutionsregierung
2.2. Der Bruch der Regierungskoalition

III. Das Ringen um die neue Ordnung
Konflikt und Konsens – Auf dem Weg zur parlamentarischen Demokratie.
1. Die Reorganisation des Bürgertums
2. Die Januarkämpfe 1919
3. Wahlen zu Nationalversammlung, Volkskammer und Stadtverordnetenkollegium

IV. Zusammenfassung

V. Verwendete Abkürzungen

VI. Quellen- und Literaturverzeichnis
1. Archivalische Quellen
2. Gedruckte Quellen
3. Zeitungen, Zeitschriften und Periodika
4. Zeitgenössische Literatur
5. Darstellungen
6. Nachschlagewerke und Bibliographien

0. Einleitung

Die Revolution, von der das deutsche Reich im November 1918 erschüttert wurde und welche die Republik von Weimar gebar, zählt wohl unbestritten zu den bedeutendsten Zäsuren der jüngeren deutschen Geschichte. Das Geschehen in den Zentren der Erhebung, Kiel, Hamburg, München und natürlich die Reichshauptstadt Berlin, gilt daher als hinlänglich erforscht, ebenso wie die regionalgeschichtlichen Untersuchungen der Kerngebiete des Aufstandes in den einzelnen Bundesstaaten.

Nun bildete sich jedoch im Königreich Sachsen eine Konstellation heraus, die für das gesamte Deutsche Reich einmalig bleiben sollte. Das Zentrum der linken Kräfte und der revolutionären Erhebung im ‚Roten Königreich’[1] – denn so wurde das Königreich Sachsen aufgrund seiner sozialdemokratischen Tradition genannt – war mit Leipzig nicht mit der Zentrale der politischen Macht identisch. In der sächsischen Hauptstadt und dem Regierungssitz Dresden hatten nach zähem Ringen am Ende des Ersten Weltkrieges die rechten Sozialdemokraten die Vorherrschaft errungen und sich im Zuge der Oktoberreformen auch an der Bildung einer sächsischen Landesregierung beteiligt. Was folgte, war ein zähes Ringen zwischen den Revolutionszentren Leipzig[2] und Dresden, bzw. zwischen Unabhängigen und Mehrheitssozialdemokraten, bei dem die anderen sächsischen Bezirke eine eher untergeordnete Rolle spielten.

Im Folgenden soll nun der Verlauf der Novemberrevolution in Dresden betrachtet werden. Wie gestaltete sich die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Situation in der sächsischen Hauptstadt am Ende des Ersten Weltkrieges und unmittelbar vor dem Novemberumsturz? Worin lagen die Besonderheiten im Verlauf des Umbruchs im Vergleich zu den beiden anderen sächsischen Revolutionszentren, Leipzig und Chemnitz? Wer trat vor, während und unmittelbar nach der Revolution in der Elbemetropole besonders in Erscheinung? Welche Bedeutung hatten die Ereignisse in Dresden für die politische Entwicklung auf das Revolutionsgeschehen in Sachsen und wie weit reichte der Einfluss der Landespolitik auf die kommunale Ebene?

Neben einer detaillierten Darstellung der Ereignisse in der Elbestadt zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und den Wahlen Anfang 1919, durch welche die Revolution ihren Abschluss in der Konstituierung der Nationalversammlung, der Volkskammer und des Stadtverordnetenkollegiums findet, soll der Schwerpunkt dieser Arbeit darauf ruhen, zu untersuchen, inwieweit die Dresdner Mehrheitssozialdemokratie die treibende Kraft darstellte für die Reformen im Oktober, den Novemberumsturz, die Entmachtung der USPD und das Erstarken des Bürgertums. War sie stets im Drang nach der politischen Mitte bestrebt, allen radikalen Tendenzen von links und von rechts frühzeitig zu begegnen und auf diese Weise nicht nur die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, sondern auch eine politische Konstanz zu garantieren? Oder sah sie die Chance, nach der Burgfriedenpolitik während des Krieges sich im Windschatten der Revolution in den Augen der Arbeiterschaft zu rehabilitieren, die Hoffnung nährend, nach dem Umbruch eine ausreichende Vertrauensbasis zu besitzen, die Neuordnung der Gesellschaft und den Wiederaufbau des Landes gestalten zu können? Wie schaffte es die (M)SPD, ihr Konzept der parlamentarischen Demokratie durchzusetzen, und inwieweit trifft der Ausdruck der ‚steckengebliebenen Revolution’ auf die tatsächlichen Entwicklungen in Dresden und Sachsen Ende Januar und Anfang Februar 1919 zu? Folgte die Sozialdemokratie nicht ihren politischen Grundlinien, indem sie gegen eine Räteherrschaft und für eine schnelle Einberufung der Nationalversammlung eintrat und versuchte, einen Konsens aller demokratischen Kräfte herbeizuführen, auf welchen sich letztlich das gesamte politische System der Weimarer Republik gründete?[3]

Um dieser Fragestellung eingehend gerecht zu werden, ist die vorliegende Arbeit in drei Hauptkapitel gegliedert, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte aufweisen. Im ersten Kapitel wird auf die vorrevolutionären Zustände eingegangen. Fokussiert auf Dresden und die für die Revolution relevanten Protagonisten, werden die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlagen der Novemberereignisse beleuchtet werden. Weiterhin wird ein Blick die relevanten politischen Entwicklungen in Sachsen fallen. Besonderes Augenmerk gilt hierbei auch dem Werdegang der sächsischen Sozialdemokratie und den Reformen im sächsischen Landtag. Bezüglich dieses ersten Kapitels ist der Forschungsstand durchaus als fortgeschritten zu bezeichnen, weshalb die Auswertung der umfangreichen Quellen nur wenige neue Erkenntnisse zutage brachte und sich dieser Abschnitt im Gros auf die umfangreiche Sekundärliteratur stützen kann.

Für den zweiten Teil, der das Kernstück dieser Arbeit darstellt, gestaltet sich die Quellen- und Literaturlage weitaus schwieriger. Alle stadtgeschichtlichen Standardwerke[4] gehen auf den Umsturz im November nur am Rande oder gar nicht ein, und so gut die Quellenlage für die Zeiträume unmittelbar vor dem 9. November 1918 und nach den Volkskammerwahlen am 2. Februar 1919 ist, so lückenhaft gestaltet sie sich im betrachteten Rahmen. Die Novemberrevolution in Dresden wurde bislang sehr unzureichend erforscht, was einerseits dem Mangel an auswertbarem Material geschuldet, andererseits der überwiegenden Konzentration auf Leipzig als USPD-Hochburg und Mittelpunkt der Revolution in Sachsen zuzurechnen ist. Speziell zu den Dresdner Novembergeschehnissen existieren zwar einige Arbeiten Horst Dörrers[5], doch folgen diese einer sehr einseitigen marxistisch-leninistisch Betrachtungsweise, die zudem jeden anderen Sichtwinkel als den der Arbeiterbewegung und der kommunistischen Parteien vermissen lässt. Folglich wird es erforderlich sein, sich, zumindest was die Dresdner Ereignisse anbelangt, neben den wenigen verfügbaren Archivalien und Quellen im besonderen Maße auf die Tagespresse[6] und vereinzelte Zeitzeugenberichte[7] zu stützen.

Im dritten Teil stehen die Machtkämpfe im Dezember 1918 und Januar 1919 im Mittelpunkt. Die Wahlen zur Nationalversammlung und zur Volkskammer können wie die sächsischen Verhältnisse zu jener Zeit als weitgehend durchleuchtet gelten. Allein eine genauere Untersuchung der Konterrevolution oder der Reorganisation des Bürgertums zur Jahreswende 1918/19 in Dresden und in Sachsen ist seitens der Historiker bisher noch ausgeblieben. Einerseits ist dies auch hier der ungünstigen Quellenlage zuzurechnen, andererseits war der Schatten der Geschichte der sächsischen Sozialdemokratie bislang zu breit, als dass die Geschichte der sächsischen Nationalliberalen die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich hätte lenken können[8].

I. Die letzten Tage des alten Regimes

Die entscheidenden Ereignisse in Dresden und die Lage in Sachsen am Vorabend der Novemberrevolution.

1. Dresden am Ende des Ersten Weltkrieges

1.1. Die wirtschaftliche Situation

Zum Ende des Ersten Weltkrieges war die Lage in der Garnisonsstadt Dresden von ebendenselben Folgen der Kriegswirtschaft geprägt, die im gesamten deutschen Kaiserreich zu spüren waren. Es mangelte nahezu an allem; an Brenn- und Rohstoffen, an Nahrungsmitteln, an Arbeitskräften[9], Pferden, Wägen und anderen Utensilien, die dem Heer seit dem Mobilisierungsbefehl vom 1. August 1914 verfügbar gemacht werden mussten[10].

Zwar war die Auftrags- und Absatzlage anfangs noch für alle Dresdner Industriezweige recht gut[11]. Doch bald konnten diejenigen Betriebe, die Heeresaufträge erhielten, ihre Gewinne erhöhen, die Produktion steigern und notwendige Modernisierungen durchführen. Bereits zu Kriegsbeginn hatte der Verband der sächsischen Industriellen (VSI) die Besorgnis geäußert, dass die Wirtschaft im ‚Roten Königreich’ vor einer ungeheuren Zerreißprobe stehe[12], da Importblockade und Exportbeschränkungen alle nicht für den Kriegsbedarf produzierenden Industrien erheblich belasteten. Vor allem die unzähligen Klein- und Kleinstbetriebe, denen mit der Einberufung ihrer Angestellten, der schwindenden Kaufkraft der Bevölkerung und dem Mangel an Material und Rohstoffen ohnehin die ökonomische Situation ungleich erschwert war[13], und solche, die Luxusgüter fabrizierten, würden dadurch nicht selten zur Aufgabe gezwungen. Maßgeblich betroffen waren die Dresdner polygraphische Industrie, die Schokoladenfabrikation, die Parfüm- und Seifenherstellung und das Brauereigewerbe[14]. Während hingegen die Schiffswerft durch rentable Rüstungsaufträge florierte und die Kriegskonjunktur für sich nutzen konnte, erlebte auch die Binnenschifffahrt auf der Elbe bedingt durch immense Frachtausfälle signifikante Einbrüche.

Der Arbeitsmarkt in Sachsen war wie auch im übrigen Reich durch die Massenmobilisierung von Soldaten, die bis zu 16,5% der gesamten deutschen Bevölkerung ausmachten, extrem unter Druck geraten[15]. Zwar war in Sachsen, speziell in Dresden, ein vergleichsweise hoher Prozentsatz an Frauen erwerbstätig[16], jedoch konnte dadurch, wie durch den Einsatz von Jugendlichen, Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen auch, das fehlende Arbeitskräftepotenzial erwachsener Männer nur bedingt ausgeglichen werden. Das Gros der verfügbaren Facharbeiter drängte sich in den kriegswichtigen Industriezweigen. Auf diesem Wege ging den deutschen Friedensindustrien, besonders der Landwirtschaft und dem selbständigen Handwerk, nahezu die Hälfte ihrer Arbeitskräfte verloren[17].

Auch die sächsischen Betriebe versuchten sich auf diese neue Situation einzustellen, zumal die Absatzmöglichkeiten nunmehr auf den Binnenmarkt beschränkt waren. Das Sachsenwerk in Dresden beispielsweise, welches als Großbetrieb auf Granaten- und Zünderherstellung umgerüstet hatte, konnte zwischen 1914 und 1917 seine Gewinne mehr als vervierfachen (von 1,3 auf 6 Millionen Mark) und die Zahl der Belegschaft in den ersten drei Kriegsjahren von 946 auf 5.187 erhöhen[18].

Nur war die etappenweise Produktionsumstellung und Orientierung der Industriebetriebe im Königreich Sachsen auf die Bedürfnisse des Heeres von außerordentlichen Erschwernissen geprägt. Da hier leichtindustrielle Gewerbe dominierten, speziell die Textil- und Bekleidungsindustrie oder auch jene der Holzverarbeitung und der Nahrungs- und Genussmittel[19], war die Umrüstung auf die Produktion und Verarbeitung von schweren Rohstoffen und Kriegsgerät, die Erweiterung der Kapazitäten, die Aufrüstung und Neuanschaffung von Maschinen ein geld- und zeitraubendes Unterfangen. Aus diesem Grund und in der Annahme eines nicht mehr allzu fernen Kriegsendes nahmen viele sächsische Betriebe von diesen Umstrukturierungsmaßnahmen Abstand. Teilweise basierte diese Erscheinung aber auch auf der Politik der sächsischen Regierung, die nicht gewillt war, Maßnahmen zur Anpassung der hiesigen Wirtschaftsstruktur zu ergreifen, nicht zuletzt da die Heeresaufträge von der Reichsregierung, um kurze Informations- und Transportwege und somit eine schnelle Durchsetzung der Berliner Direktiven gewährleisten zu können, primär an Industriebetriebe gingen, die bereits dafür ausgestattet und obendrein nicht zu fern der Reichshauptstadt gelegen waren[20]. So nimmt es kaum wunder, dass die Zahl der Textilbetriebe in Sachsen in den Jahren zwischen 1913 und 1917 um 64,7% von 7.548 auf 2.661 sank und etwa die Hälfte der Viertelmillion Arbeitsplätze unbesetzt blieben, während in Preußen in besagtem Zeitraum trotz der schwierigen Wirtschaftssituation im Deutschen Reich sogar eine geringfügige Steigerung der Produktionsstätten von 6.437 auf 6.469 zu verzeichnen war, obwohl auch hier die verfügbaren Arbeitskräfte um die Hälfte vermindert waren[21].

Speziell im Gebiet in und um Dresden ruhte also die Herstellung von Erzeugnissen der Friedensindustrie schier völlig, da nur ein sehr kleiner Teil der Industriebetriebe Kriegsproduktionsaufträge erhielt, vor allem aber jene, die in der Metall-, der Chemie-, der Elektro-, der Leder- und der Tabakindustrie angesiedelt waren, um das Heer mit Kriegsbedarf und Zigaretten zu versorgen[22]. Verschärft wurde diese Situation noch durch die Stilllegungen im Rahmen des so genannten Hindenburgprogramms, das zu Beginn des Jahres 1917 zwecks Forcierung der Rüstungsproduktion die Schließung aller nicht kriegswichtigen Produktionsstätten vorantrieb. Die Rohstoff- und Arbeitskräfteverteilung kam insbesondere leistungsfähigen Betrieben zur Fabrikation von Kriegsmaterial zugute, womit sich die Versorgung der sächsischen Industrie weiter verschlechterte. Daran konnten auch die Versuche der sächsischen Regierung, dem Königreich mehr Rüstungsaufträge zu verschaffen, nur wenig ausrichten. Nicht zuletzt auch deswegen, da durch die passive Haltung bei der Umstellung auf Kriegsproduktion die Mehrzahl der Betriebe gar nicht in der Lage war, den hohen Anforderungen zu genügen[23]. Noch empfindlicher als die Ermangelung an Aufträgen trafen andere Eingriffe in das gewerbliche Leben, die dazu führten, dass neben Arbeitern auch ganze Industrien der Stadt den Rücken kehrten; „Beschlagnahme, Rationierung, Verarbeitungsverbote, Stillegungen nahmen einen bis dahin noch unbekannten Umfang an und führten zu weiteren Einschränkungen auch in vielen Betrieben der sogenannten Rüstungsindustrie.“[24]

Am meisten profitiert von diesen Bedingungen haben aber indes die militärischen Staatswerkstätten, die – angegliedert an die Königliche Feldzeugmeisterei – zu gigantischen Betrieben mit zeitweilig bis zu eintausend Beschäftigten anwuchsen, stetig ihre Produktion ausweiteten und somit auch einen Großteil der verfügbaren Arbeitskräfte aus der Region an sich banden[25].

In den Rüstungswerken vielerorts wurde die Arbeitszeit erhöht und so war es nicht selten, dass ein Arbeiter zwischen zehn und zwölf Stunden am Tag schuftete, wobei sich die Reallöhne zum Kriegsende auf nur etwa einem Viertel des Vorkriegsniveaus befanden, wohingegen die Lebenshaltungskosten zwischen 1913 und 1918 einen fast 300%igen Anstieg zu verzeichnen hatten. Frauen, die meist 30% bis 50% weniger verdienten als ihre männlichen Kollegen[26], mussten, wenn ihre Männer im Felde oder gefallen waren, selbst ihren Lebensunterhalt verdienen. Um sich und ihre Kinder durchzubringen, begannen sie die Arbeitswelt für sich zu erobern. Zwar waren für sie aufgrund ihrer Niedriglöhne die hohen Schwarzmarktpreise unerschwinglich und die Not groß, doch viele von ihnen erarbeiteten sich neben der finanziellen Unabhängigkeit ein neues Selbstbewusstsein[27].

Dabei war die hohe Beschäftigungsrate weiblicher Arbeitskräfte im stark industrialisierten Königreich Sachsen nicht allein kriegsbedingt. Schon 1914 lag ihre Quote bei überdurchschnittlichen 34,6%, steigerte sich dann auf 45,7 (1916) bis 1918 erstmalig etwa gleich viele Männer und Frauen in den sächsischen Fabriken arbeiten[28]. Speziell für Dresden bedeutete dies, dass noch 1914 im Mai 51.715 Männer und 30.165 Frauen in den Betrieben arbeiteten, 1918 stellten die Frauen mit 38.531 Arbeitsverhältnissen (Männer: 32. 527) eindeutig den Hauptteil[29].

Mit der Demobilisierung des Heeres nach dem Ersten Weltkrieg ging jedoch auch ein Abbau weiblicher Arbeitskräfte einher, so dass 1919 die Zahl der arbeitenden Frauen in Sachsen von 314.630 um etwa 90.000 fiel – ungeachtet eines Gesamtanstieges der Beschäftigungsverhältnisse[30]. Nichtsdestotrotz hatte sich aber einiges getan bezüglich der Emanzipation der Frauen. Denn nicht nur als wirtschaftlicher Faktor traten sie auf den Plan. Ihr Drängen nach politischer Gleichstellung konnte auch von den konservativsten Kräften nicht mehr länger ignoriert oder unterbunden werden, zumal die Bevölkerungsentwicklung – bedingt durch die Dezimierung der männlichen Bevölkerung infolge der Kriegsverluste – auf eine zeitweilige Frauenmehrheit im Reich, in Sachsen und in Dresden hinauslief[31].

1.2. Ernährungslage, Volksgesundheit und Wohnungsnot

Was indes die physische und die psychische Widerstandsfähigkeit der Bevölkerungsmehrheit am essentiellsten gegen die Belastungen des Krieges erschütterte, was die Grenzen des Erträglichen überstieg, an den Kräften zehrte und gleichfalls die Moral untergrub, hatte als Ursache die immer prekärer werdende Ernährungslage. Zu Beginn der Kampfhandlungen wirkte sich die Wirtschaftsblockade der feindlichen Mächte noch nicht so stark auf den Lebensmittelsektor aus, doch mit dem Kriegseintritt Italiens 1916 und dem Stopp der Lieferungen aus Skandinavien und den Niederlanden, war das Deutsche Reich gänzlich auf seine eigenen Reserven und Ernten angewiesen. Nur fielen letztere zwischen 1914 und 1918 derart spärlich aus, dass innenpolitische Spannungen zweifellos aufkeimen mussten. Während jener Jahre hätten die ungünstigen Witterungsverhältnisse ohnehin keine sonderlich ergiebigen Erträge zugelassen, doch das Fehlen an Dünger und Saatgut, an landwirtschaftlichen Arbeitskräften, Maschinen und Spannvieh gab den entscheidenden Ausschlag, dass eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung nicht mehr sichergestellt werden konnte. Diese Hungersnot sollte den Faktor ‚Heimatfront’ in diesem Ersten Weltkrieg entscheidend mitbestimmten[32].

Die sächsische Landwirtschaft war strukturell der sächsischen Industrie nicht unähnlich. Es überwogen kleine und mittelgroße Betriebe[33], die an den gleichen Kriegsfolgen krankten, welche den Unternehmen in der Stadt zusetzten. Nur das die in der Heimat zurückgebliebenen Landwirte – meist Frauen und ältere Leute – entgegen allen Einwirkungen des Krieges und der Zwangswirtschaft keine Verbrauchs- und Luxusgüter produzierten, ihnen fiel die Aufgabe zu, die Volksernährung sicherzustellen[34]. Zwar hatte die noch im August 1914 ins Leben gerufene Kriegsorganisation Dresdner Vereine bis zum Kriegsende 274 Volksküchen in Dresden errichtet[35], um Kriegerfamilien, Arbeitslose, Kinder und andere Bedürftige zu versorgen, doch mit Hilfe dieser Massenspeisungen konnte die Volksversorgung allenfalls erleichtert, kaum effizient geregelt und durchgeführt werden. So beugte sich die städtische Verwaltung rasch der Notwendigkeit, eine Stelle für die Beschaffung von Nahrungsmitteln einzurichten, aus welcher dann das Dresdner Lebensmittelamt hervorging. Die städtische Lebensmittelverteilung mit ihren Mittelstellen und Unterstellen unterstand somit neben dem Landeslebensmittelamt[36] einer zentralen Stelle, die sich seit dem Herbst 1916 in drei große Abteilungen mit verschiedenen Aufgabenbereichen gliederte. Die „erste für Allgemeines, Brot und Kartoffeln; die zweite für Milch, Fleisch, Fette, Futtermittel; die dritte für Gemüse und Obst. Drei Ratsmitglieder mit 82 männlichen und 95 weiblichen Hilfskräften und einem jährlichen Verwaltungsaufwand von Mk. 500.000 arbeiten dort. Der Zusammenhalt zwischen den drei Abteilungen wird durch wöchentliche Beratungen unter meinem [des Oberbürgermeister Bernhard Blühers, B.B.] Vorsitz gewährleistet.“[37] Weiterhin wurde zwecks besserer Kontrolle und Organisation der Bewirtschaftung von Brotgetreide und Mehl von der Stadt Dresden, den Amtshauptmannschaften Pirna, Dresden-Altstadt und Dresden-Neustadt der ‚Kommunalverband Dresden und Umgebung’ gegründet. Dies änderte jedoch nichts daran, dass von Ende Februar 1915 an das Brot knapp wurde und nur noch auf Bezugsschein zu bekommen war. Wenig später fehlte es auch an Trockengemüse, ebenso wie an Fleisch und Milchprodukten, während die Versorgung mit Kartoffeln an Zuverlässigkeit verlor[38]. So übernahmen die Mittelstellen der 22 Mehlbezirke mit ihren 837 Brotvertrauensleuten, die anfangs nur für die Mehl- und Brotverteilung verantwortlich waren, zunehmend auch diese Aufgaben für andere Lebensmittel und letztlich sogar die Kohlenverteilung[39]. In den ersten Jahren des Krieges war es noch möglich gewesen, mit Hilfe der städtischen Fürsorge größere Lebensmittelmengen herbeizuschaffen, später beschränkte sich die Arbeit des Lebensmittelamtes auf die Verteilung der von Reichs- und Staatsstellen zugewiesenen Mengen. Doch auch hierbei erwuchsen der Stadtverwaltung stellenweise erhebliche Schwierigkeiten, „durch Verordnungen der Amtshauptmannschaften, die auf Verhütung der Kartoffelausfuhr aus ihren Bezirken hinausliefen, oder durch die Ausfuhr erschwerende Handhabung der Vorschriften der Landeskartoffelstellen seitens der nachgeordneten Behörden“[40].

Die Versorgungskrise gipfelte endlich im ‚Kohlrübenwinter’1916/1917. In Ermangelung ausreichender Mengen Kartoffeln und Brot nach der Missernte des Sommers 1916, versuchte man durch die ersatzweise Verarbeitung von Kohl- und Futterüben dem Hunger entgegenzuwirken. Ein Brot durfte nach einer Verfügung des Kriegsernährungsamtes beispielsweise zu bis zu 60% aus Futterrüben bestehen, und seit dem 16. April 1917 war allen Bäckereien und Kaffeehäusern das Backen von Kuchen verboten. Doch der Hunger war in jenen Monaten nicht das einzige, was der Bevölkerung zusetzte. Besagter Winter brachte hohen Schnee bei einer eisigen Kälte von bis zu Minus 30°C und dauerte bis in den April hinein an, was wiederum enorme Schäden in der Landwirtschaft nach sich zog. Aufgrund des außergewöhnlich langen Winters waren bereits nach kurzer Zeit die Kohlenvorräte aufgezehrt und die Behörden konnten aufgrund von Versorgungsengpässen wochenlang keine Nachlieferungen organisieren. Der Schulbetrieb wurde wegen der Kälte eingestellt, elf der Schulhäuser wurden zu Wärmehallen umfunktioniert, die täglich bis zu 3.000 Dresdner frequentierten, öffentliche Gebäude geschlossen, die Straßenbahn wurde aufgrund des Mehrbedarfs an Strom in der kalten Jahreszeit zeitweilig stillgelegt, und auch die Laternen ließen in jenem dritten Kriegswinter schließlich die Straßen der Stadt im Dunkeln[41].

Zum Ende des Krieges schätzte die Stadtverwaltung die Ernährungssituation aufgrund einer besseren Organisation und gewisser Routine bei der Nahrungsmittelverteilung, vor allem aber dank der reichlichen Gemüseernte, positiver ein als in den Jahren zuvor. Die Lage war also nicht mehr derart drastisch wie im ‚Kohlrübenwinter’ 1916/17, aber entscheidend gebessert hatte sie sich ebenso wenig. Bei „Brot, Kartoffeln, Fleisch, Fett, Eiern, Fischen, Brotaufstrich und Nährmitteln“[42] war man weiter auf Zuweisungen von den Reichs- und Landesstellen angewiesen.

Mit dem 18. August 1918 begannen die ‚fleischlosen Wochen’, die zu Beginn aller drei, später aller vier Wochen angesetzt waren und die verfügbare Fleischmenge pro Person sich lediglich auf 200g (später 250g) belief. Alle Bemühungen der Stadtverwaltung hierbei, das in deutschen Großstädten übliche Niveau von 300g zu erreichen, blieben erfolglos. In Ermangelung ausreichender Fleischmengen wurden sogar Tierhäute zerkleinert und bei der Wurstverarbeitung zugesetzt. Auf diesen Umstand zielt ein Spottlied ab, das zu jener Zeit in ganz Sachsen von Mund zu Mund ging und dem Unmut der hungernden Menschen Luft machen sollte:

„Wir sind wahrhaftig nicht verwöhnt/und mit ‚Ersatzen’ ausgesöhnt/und keine Kostverächter;/wir essen alles ungeziert–/doch was man uns als Wurst serviert,/weiß Gott und nur der Schlächter./[…] Wie du auch schlingst und keifst und knurrst,/statt Leberwurst gibts Lederwurst./[…] Was nützt es Mensch, daß du da murrst!/Es ist ja schließlich alles Wurst,/was heut sie mit uns wagen./Ach! ‚Fortgewurstelt’ wird ja doch,/ du wirst die eigne Haut ja noch/zuletzt zu Markte tragen“.[43]

Die Versorgung mit Fett, Milch und Butter bot ebenso wenig Aussicht auf Besserung. Die Milchrationen für Alte und Kinder mussten sogar noch gekürzt werden. In Dresden waren die Lebensmittelrationen bei Kartoffeln auf 70%, bei Mehl auf 52%, bei Fleisch auf 31% und bei Butter auf 22% des Vorkriegsverbrauches abgefallen[44] und es kam vor, dass selbst diese geringen Zuteilungen nicht gesichert waren. Auch bei Obst war die Versorgungslage unbefriedigend; ein großer Teil ging in den Schleichhandel, ein anderer Großteil wurde für Marmelade erfasst[45].

Vom 13. Oktober 1918 ab war die wöchentliche Kartoffelversorgung auf 3,5 Kg (Kinder bis zum 4. Lebensjahr 2,5 Kg) pro Person limitiert[46], da die Kartoffelernte des Jahres noch erheblich schlechter ausgefallen war als in den vorangegangenen. Und selbst von dieser Ernte konnten ganze Kartoffelschläge – Millionen von Zentnern – nicht abgeerntet werden, da es mehr denn je an Arbeitskräften haperte. Auch wirkte sich die Transportmittelknappheit weiter negativ aus, nicht allein bei der täglichen Bewirtschaftung der Felder und der Ernte, die Verzögerung bei der Vorratsbeschaffung war ebenfalls darauf zurückzuführen[47]. Zusätzlich zu diesen bereits bekannten Aspekten kam einer, der nicht unerheblich durch die Mangelernährung begünstigt wurde, der aber viele potentielle Erntehelfer von der Arbeit auf den Feldern ausnahm und dem Hunger auf diesem Wege Vorschub leistete: Die ‚spanische Grippe’, die mit etwa 500 Millionen Erkrankungen und 22 Millionen Todesopfern[48] in die europäische Geschichte eingehen sollte, machte weder vor dem Deutschen Kaiser- noch vor dem sächsischen Königreich halt und füllte auch die Dresdner Hospitäler. Aufgrund der stark angestiegenen Zahl der Grippeerkrankungen entschloss sich der Rat zu Dresden Ende Oktober 1918, bis auf weiteres die Abhaltung öffentlicher Veranstaltungen mit größeren Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen zu verbieten[49]. Aber die ungünstigen Auswirkungen der Unterernährung und der schlechten Bekleidung auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung beschränkten sich nicht auf rasche Ausbreitung der Grippeepidemie, die Zahl der tödlichen Tuberkulosen stieg beachtlich, gleichfalls der allgemeinen Todesfälle[50]. In den Monaten Oktober und November des Jahres 1918 hatte Dresden 2.408 Sterbefälle zu verzeichnen, das waren bedeutend mehr als in den übrigen Monaten desselben Jahres und als in den Vergleichsmonaten der Jahre 1916 (1.088) und 1917 (1.281)[51], was eindeutig auf die Auswirkungen der Epidemie und eine erhöhte Anfälligkeit für andere Krankheiten durch ein von den Entbehrungen der vergangenen Jahre geschwächtes Immunsystem verweist[52].

Zu den beschriebenen Ernährungsprobleme und dem schlechten allgemeinen Gesundheitszustandes musste die Dresdner Bevölkerung mit einem eklatanten Mangel an Wohnraum umzugehen lernen. Zwar hatte die Stadtverwaltung den Notstand erkannt und war gewiss auch gewillt, Abhilfe zu schaffen, nur wurde dieses Unterfangen zum einen dadurch erschwert, dass die wirksamste Gegenmaßnahme – der Neubau von Häusern – durch kriegswirtschaftlich bedingte Einschränkungen schier unmöglich gemacht wurde. Rohstoffe waren rar, die Ziegeleien stillgelegt, es fehlte an Arbeitern und Transportmitteln[53]. Zum anderen kam gegen Ende des Krieges noch erschwerend hinzu, dass die Truppen aus dem Felde heimkehrten. Freilich war durch die Schaffung eines Mieteinigungsamtes im März 1918 und die Einrichtung eines Wohnungsnachweises im Oktober 1918 zunächst versucht worden, Wohnraumkapazitäten freizusetzen, doch das allein konnte die Situation nicht entspannen[54]. In diesem Zusammenhang wurden zusätzlich vorübergehend bisher nicht zugelassene Räume, wie beispielsweise ungenutzte Dach- und Kellerwohnungen, dem Wohnungsmarkt zugeführt. Nichtsdestotrotz besserte sich die Lage erst allmählich mit der Bewilligung von städtischen Mitteln zur Errichtung neuen Wohnraums[55].

Alles in allem wurde die Stadtverwaltung erheblich beansprucht. „Versorgung der Einwohner mit Nahrung, Kleidung und Brennmaterial, Fürsorge für Verwundete, Kriegsgeschädigte, Hinterbliebene, Arbeitslose und Kinder.“[56] Dabei musste die Stadt auf etwa die Hälfte ihrer 10.000 Beamten, die zum Kriegsdienst eingezogen waren, verzichten und gleichzeitig mit fortschreitender Kriegsdauer immer mehr Gelder zur Verfügung stellen.

Um nicht von diesen finanziellen und organisatorischen Erschwernissen verschlungen zu werden, stützten sich die Behörden auf die bereits erwähnte „Kriegsorganisation Dresdner Vereine“, die unter dem Vorsitz Oberbürgermeister Blühers[57] überall da zu helfen sich zur Aufgabe gemacht hatte, wo die staatliche Fürsorge nicht ausreichte. Und gleichwohl sie insgesamt etwa 6 Millionen Mark Spenden für ihre Arbeit sammelte und mit vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten – besonders hervorzuheben seien an dieser Stelle die Volksküchen – das Leid der Bevölkerung zu mildern half, waren all jene Anstrengungen doch nicht ausreichend, um eine entscheidende Verbesserung der Situation herbeizuführen[58].

2. Die Parlamentarisierungsbestrebungen in Sachsen

2.1. Der außerparlamentarische Widerstand bis zum Waffenstillstandsersuchen

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich der Unmut über die beschriebenen Entbehrungen und die hohen Schwarzmarktpreise in Sachsen wie im Reich gegenüber der Regierung in Massenstreiks und Demonstrationen entlud. Erste Hungerrevolten 1915 und 1916 machten bereits den Einsatz von Polizei und Militär notwendig, doch überwiegend waren die ohnehin nur seltenen und isolierten Proteste eher friedlicher Natur[59]. Von den 8.000 Menschen, die sich am 2. November 1916 in der Dresdner Innenstadt versammelt hatten, um auf ihre schlechte Versorgungslage aufmerksam zu machen, waren circa 5.000 bis 6.000 Frauen[60]. Zeitgleich wurden Zigarettenfabriken in der Stadt bestreikt, was aber keinesfalls derart politisch motivierte Hintergründe hatte und auch nicht das Ausmaß erreichte, um zu einer – wie es Horst Dörrer herbeizuzitieren sucht – „gewaltigen Manifestation der steigenden Empörung der Massen gegen den imperialistischen Krieg“[61] zu avancieren. Vielmehr kam es im Verlaufe des Jahres 1916 zu aus der Not geborenen kürzeren Arbeitsniederlegungen und kleineren Kundgebungen, die zwar das politische Potenzial der ‚Massen’ andeuteten, keinesfalls aber vollends zur Geltung brachten.

Auch der große Streik, der ganz Sachsen im April 1917 erfasste, basierte weniger auf den Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen oder mehr politischer Mitbestimmung. Die Parolen der 30.000 Arbeiter, die allein in Leipzig auf die Straße gingen, zielten in der Hauptsache auf Essen, Frieden und Freiheit[62]. Wobei der Ruf nach Frieden eher der Ruf nach dem Ende der alliierten Blockade, der Ruf nach besserer Versorgung mit Lebensmitteln, Roh- und Brennstoffen war, als ein politisches Ansinnen. Denn einen Frieden um jeden Preis wollte man keinesfalls. Das zeigte sich eindeutig im Sommer 1917. Als die Deutschen mit ihrem Friedensansinnen von den alliierten Kapitulationsforderungen brüskiert wurden, schien der innerdeutsche Burgfriede noch einmal aufzuerstehen und die Protestbewegung abzuklingen. Doch als sich im darauf folgenden Winter die Ernährungssituation erneut dramatisch verschlimmerte, kamen wieder 20.000 Demonstranten zu den ‚Hungermärschen’ in Dresden zusammen[63].

Nun erwuchs auf dem Fundament dieser wirtschaftlichen Beschwerden ein breites Verlangen nach politischen Neuerungen. Doch außerhalb der Schlüsselstelle der Lebensmittelversorgung im Reich, Berlin, wo auch sächsische Nationalliberale Verfassungs- und Wahlrechtsreformen forderten, wurden die Parlamentarisierungsbestrebungen weitgehend vernachlässigt. Auch die sächsischen Parlamentarier richteten ihren Fokus zunächst auf die Reichshauptstadt – ohne nennenswerten Erfolg. Die Forderung der Zweiten Kammer des sächsischen Landtags[64], die Regierung möge sich doch auf Reichsebene für eine Neuordnung einsetzten, wurde in der Ersten Kammer mit den Stimmen der Konservativen vehement blockiert. Daraufhin thematisierten die Abgeordneten der Zweiten Kammer auch eine Verfassungsreform in Sachsen, die in der Hauptsache den Einfluss der Zweiten Kammer mehren sollte. Noch war jedoch eine Demokratisierung bzw. eine Parlamentarisierung in Sachsen nicht durchzusetzen. Die Dominanz der konservativen Kräfte in Erster Kammer und Regierung verhinderte bis auf kleinere Zugeständnisse alle Modernisierungsversuche[65], was letztendlich zum Stillstand in der sächsischen Politik führte. Vorerst konnte sich das alte Regime also mit dieser ‚Hinhaltetaktik’ behaupten. Allerdings fühlten sich die Mehrheitssozialdemokraten ((M)SPD) nur ungenügend in ihrer nationalen Politik gewürdigt, was den Graben zwischen ihnen und der Regierung in Sachsen erheblich verbreiterte, wenn er auch noch nicht die beiden Lager vollends zu trennen vermochte.

Ein gutes Beispiel für das Lavieren der Mehrheitssozialdemokraten bietet die große Streikwelle vom Januar 1918. Diese trug in ihren Forderungen schon einen deutlich politischeren Charakter, als es die bisherigen Proteste taten. Ihr Zentrum lag eindeutig in Berlin, wo zeitweilig 150.000 Menschen ihre Arbeit niederlegten[66]. Aber auch in anderen großen deutschen Städten, wie Hamburg, Kiel, Fürth und Nürnberg, politisierte sich die Bewegung sehr schnell, da man selbst dort, wo es ursprünglich allein um Fragen der Arbeitsbedingungen und der Löhne gegangen war, bald erkannte, dass ohne eine baldige Waffenruhe keine Fortschritte auf anderen Gebieten zu erwarten seinen[67]. „[A]nnexionsloser Frieden (im Hinblick auf den ‚Gewaltfrieden’ von Brest-Litowsk), Aufhebung des Belagerungszustandes, Wiederherstellung des Vereins- und Versammlungsrechts, Demokratisierung des Wahlrechts, politische Amnestie“[68] lauteten die Forderungen der bis dahin größten politischen Protestwelle im Lager der Mittelmächte. Letztendlich erschien sie in ihren direkten Auswirkungen jedoch relativ gefahrlos. Weder wirkte sie sich in revolutionären Aktionen aus, noch konnten die vereinzelt entstandenen Arbeiter- und Soldatenräte genug Geltung erlangen, um einen ernstzunehmenden politischen Faktor darzustellen. Langfristig gesehen, trug diese Streikwelle im Januar 1918 jedoch nachhaltig zur Polarisierung und Radikalisierung der politischen Landschaft im Deutschen Reich bei[69].

So sehr diese große Protestbewegung für das Reich ein ernstzunehmendes Fanal aussandte, so bedeutungslos verlief sie in Sachsen. In den gesamten östlichen Gebieten des Königreiches wurden zwischen dem 30. Januar und dem 4. Februar gerade einmal 14 Betriebe, unter denen sich zudem nur wenige kriegswichtige befanden[70], von insgesamt lediglich etwa 3.230 Arbeitern bestreikt[71]. In Dresden beschränkten sich die Arbeitseinstellungen auf 330 Arbeiter der Zigarettenmaschinenfabrik ‚Universelle’, 150 der Eisengießerei ‚Zielkow’, einige Klempner und einzelne Beschäftigte anderer Gewerbe[72]. Am 1. Februar verhängte das stellvertretende Generalkommando den verschärften Belagerungszustand, der bei Notwendigkeit auch den Einsatz des Militärs gestattete, und gab Befehl, gezielt gegen die Streikleitungen vorzugehen[73]. General z. D. Georg Hermann von Broizem, stellvertretender kommandierender General des Dresdner XII. Armeekorps, ließ bereits zu Ausbruch der Arbeitsniederlegungen verlautbaren, dass alle Betätigungen, die auf Arbeitseinstellungen abzielten, als Landesverrat betrachtet und dementsprechend geahndet würden. „Demonstrationen und Agitationsreden vor Betrieben, Aufforderungen zu Arbeitsniederlegungen, Streikposten, das Bedrohen Arbeitswilliger und das Verteilen von Flugblättern“[74] wären von Behördenseite wirksam zu unterbinden. Arbeitern, die an den Streiks teilnähmen, drohte die sofortige Einberufung, was bis zum 12. Februar 1918 in 61 Fällen auch durchgesetzt wurde[75].

Im Westen Sachsens konzentrieren sich die Arbeitsniederlegungen auf das Gebiet in und um Leipzig, was ein Zentrum der Unabhängigen Sozialdemokratie war. In Chemnitz kam es durch gezielte Verzögerungen gar nicht erst zum Ausstand[76]. Aber auch in Leipzig erfolgte dieser mit nur mäßiger Beteiligung von circa 3.500 Beschäftigten und zudem ohne entscheidende Beeinträchtigungen der Rüstungsproduktion. Nur die Deutschen Flugzeugwerke GmbH war als einziges Großunternehmen von dem Ausstand betroffen, wurde jedoch sofort – obwohl ziviler Betrieb – ohne Widerstand der Angestellten einer Militärführung untergeordnet, die den Ausstand dergestalt beendete, dass sie alle Arbeiter für einberufen erklärte und an ihren Arbeitsplatz zurückbeorderte. Untermauert wurden diese Befehle mit einer sonstigen sofortigen Versetzung an die Front oder einem militärrechtlichen Strafverfahren[77].

Warum die Beteiligung an den Streiks in ganz Sachsen im Vergleich zum Deutschen Reich so niedrig ausfällt, ist auf unterschiedlichste Ursachen zurückzuführen. Nicht unbedeutend waren offenbar die Bemühungen der sächsischen Regierung, den Informationsfluss der Protestbewegung abzugraben. Die Zensurbehörden leisteten ihre Vorarbeit, indem sie der Presse ein Berichtsverbot bezüglich des Massenstreiks auferlegten[78]. Für Westsachsen erließ der stellvertretende General des Leipziger XIX. Armeekorps, General z. D. Georg Hermann von Schweinitz, – ähnlich wie von Broizem im Osten des Königreichs – ein allgemeines Versammlungsverbot. Die Polizei unterband verdächtige Flugblattaktionen, Flugzettelverteiler wurden verhaftet, bei verdächtigen Agitatoren der USPD wurden die Postkontrollen ausdrücklich verlängert, bei anderen wurden sie erstmalig bestimmt[79].

Auch fehlte der politische Rückhalt für die Streikbewegung. Nicht allein, dass sich die sächsischen Linken uneins waren über die Richtigkeit der von der Zentralverwaltung geplanten Streiks, von der die Vertreter Dresdens bei einem Geheimtreffen der sächsischen USPD-Bezirke als einzige überzeugt schienen, auch hatte die Linke nicht den Einfluss und die politische Durchschlagskraft, sich gegen (M)SPD, Gewerkschaften, Behörden und Unternehmensleitungen durchzusetzen und einen Massenstreik zu organisieren[80].

Ein weiteres Problem für die schlechte Protestbeteiligung in Sachsen lag wohl auch in der Motivation der Arbeiterschaft. In der Hauptsache ging es bei den Ausständen um eine Solidarisierung mit der Bewegung in Berlin[81]. Doch da in Sachsen in Ermangelung einer zusammenhängenden Streikführung keine einheitliche Bewegung zustande kam, verfehlten die politischen Forderungen ihre Wirkung. Die Arbeiter ließen sich in Anbetracht ihrer Alltagssorgen nur schwer dazu bringen, den Gedanken der ‚Großen Sozialistischen Oktoberrevolution’ zu folgen und daraufhin mit ihrer Beteiligung am Ausstand ein persönliches Risiko einzugehen. Sicherlich hätte sich die prekäre Nahrungsmittellage von den Initiatoren instrumentalisieren lassen, nur war auch hier die fehlende Streikführung und mangelnde Koordination ein unüberwindliches Hindernis, was allzu oft zu Unklarheiten bei den Streikenden über die Hintergründe der Proteste führte[82].

Die USPD entblößte in den Tagen des Januarstreiks 1918 somit nicht nur Zerrissenheit bezüglich ihres außerparlamentarischen Vorgehens, sie offenbarte eklatante Schwächen in der Organisationsstruktur des Landesverbandes, der sich freilich auf einen starken Leipziger Bezirksvorstand stützen, jedoch keine Impulse für die Landespolitik geben konnte[83]. Seitens der sächsischen Regierung zeigte man sich über den Verlauf des Streiks sehr zufrieden. Innenminister Christoph Graf Vitzthum von Eckstädt hielt fest, dass die öffentliche Ordnung nicht gestört gewesen wäre, was neben der Bedachtsamkeit der sächsischen Arbeiterschaft auf den Ausgleichsbemühungen der Gewerkschaften beruhe und auf das energische Auftreten des stellvertretenden Generalkommandos zurückzuführen sei[84]. Am 1. Februar 1918 – also noch während der Arbeitsniederlegungen – empfing Graf Vitzthum persönlich den Landesvorstand der (M)SPD und dankte diesem für dessen Deeskalationspolitik[85] und die unternommenen Anstrengungen, die Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung zu gewährleisten. Die Mehrheitssozialdemokraten erklärten daraufhin am 4. Februar, keine Streiks unterstützen zu wollen, und rieten den organisierten Arbeitern, ihre Aktionen ruhig zu beenden[86].

Nun, da einerseits die linken Kräfte in Sachsen ob des verpufften Massenausstandes ihre Grenzen aufgezeigt bekommen und auf der anderen Seite die Vertreter der alten Ordnung und des Burgfriedens ihren Einfluss eindrucksvoll zur Geltung gebracht hatten, kam es in verschiedenen Gebieten Sachsens dennoch immer wieder zu kleineren Streiks – zuvorderst aus Unzufriedenheit über die Versorgungslage, die Lohn- und Arbeitsbedingungen. Diese zahlreichen unpolitischen Verteilungskonflikte bedrohten jedoch zu keiner Zeit wirklich die öffentliche Sicherheit, so dass die sächsische Regierung keinen Reformzwang verspürte. Zumal nach den Friedensschlüssen im Frühjahr 1918 mit Russland, Rumänien und der Ukraine in der Bevölkerung die Zuversicht auf einen baldigen Frieden wuchs und den Drang, politische Veränderungen noch während des Krieges einzufordern, weitgehend abebben ließ[87]. Die Konservativen im Landtag vermochten, aus diesem Reformdesinteresse sogar noch einen Vorteil zu ziehen. Als es nämlich im Mai 1918 zu einer Wahlrechtsdemokratisierungsdebatte im sächsischen Landtag kam, waren die Zuschauertribünen völlig leer, was der Sprecher der Konservativen zu der schwer zu widerlegenden Behauptung veranlasste, die debattierten Neuerungen würden nur wenig Beachtung bei der Bevölkerung finden[88].

Nach dem Zusammenbruch der deutschen Frühjahrsoffensiven 1918 und dem erstarkenden Zweifel am Siegfrieden jedoch gärte in der Arbeiterschaft abermals der Unwille, die schlechte Nahrungsmittellage, die sinkenden Reallöhne, den stetigen Preiswucher und die Verwehrung von mehr politischen Rechten länger hinzunehmen. Freilich war dieser letzte Sommer des Krieges nicht von großen Unruhen erschüttert worden, wohl aber das Vertrauen in die Unbesiegbarkeit der Wehrmacht. Die Stimmen des Zweifels an der alten Ordnung wurden während der Sommermonate nicht lauter, aber sie trafen auf weniger Widerstand.

Wiederum ohne Unterstützung der Gewerkschaften oder der Mehrheitssozialdemokratie streikten noch im Juli die Bergarbeiter in Sachsen und Oberschlesien[89]. Bereits ab August 1918 häuften sich in der ostsächsischen Presse, wenn auch zensiert, Meldungen über den Unmut nahezu aller Bevölkerungskreise. Anfang September drängten die Dresdner Brauereiarbeiter ihre Gewerkschaftsführer, Demonstrationsversammlungen zu organisieren, damit sie ihren Forderungen nach Teuerungszulagen und Achtstundentag Nachdruck verleihen könnten. Wenige Tage danach organisierten Arsenal- und städtische Arbeiter eine Kundgebung, an der schätzungsweise 8.000 Menschen teilnahmen[90]. Der Druck auf die Gewerkschaften nahm derart zu, dass sie sich schließlich gezwungen sahen, dem Drängen ihrer Mitglieder nachzugeben und eine große Demonstration anzuberaumen. Am 14. September versammelten sich auf dem Dresdner Schützenplatz nach Polizeischätzungen etwa 20.000 Personen[91], die einem Aufruf der (M)SPD und des örtlichen Gewerkschaftskartells gefolgt waren. Für die Mehrheitssozialdemokraten und die Gewerkschaften ging es hierbei um nicht weniger als das Vertrauen ihrer Mitglieder und Sympathisanten, deren Empörung über die gescheiterte Kriegspolitik außer Kontrolle zu geraten drohte, und den entscheidenden Moment, sich an die Spitze der Protestbewegung zu setzten, um diese kontrollieren und der eigenen politischen Strategie angleichen zu können.

Doch die Verärgerung in der sächsischen Bevölkerung hatte inzwischen ein Ausmaß erreicht, in dem sie bestenfalls kanalisiert, keineswegs jedoch beschwichtigt werden konnte. Die soziale Umschichtung, die mit dem Krieg einhergegangen war, hatte eine extreme Polarisierung der Gesellschaft bewirkt. Dem verarmten Mittelstand und der Arbeiterschaft standen die Kriegsgewinnler, Großunternehmer und Agrarier, gegenüber. Zudem trat der Gegensatz zwischen Stadt und Land, zwischen Konsumenten und Produzenten, immer schärfer zutage. Die Städter konnten zumeist die hohen Preise für landwirtschaftliche Produkte nicht bezahlen, während den Bauern die festgesetzten Höchstpreise für ein ökonomisches Arbeiten oft zu niedrig waren. So verwundert es kaum, dass Schleichhandel und Felddiebstahl vielerorts überhand nahmen[92]. Hinzu kamen die Ungerechtigkeiten in der Nahrungsmittelverteilung. So wurden beispielsweise aristokratische und großbürgerliche Offiziere reichlich mit Butter, Fett und Fleisch versorgt, während die unteren Mannschaftsgrade gesalzene Heringe zugeteilt bekamen. Außerdem – und hierin waren sich Sozialdemokraten und Liberale einig – schien das Königreich Sachsen bei der Lebensmittelvergabe durch das Reich benachteiligt zu werden. Und all diese Unregelmäßigkeiten, Ungerechtigkeiten und Störungen der Nahrungsmittelverteilung fielen letztendlich auf die Regierung zurück, was unweigerlich mit einer ‚Loyalitätserosion’ einhergehen musste[93].

2.2. Die Oktoberreformen

Die politischen Neuerungen im ‚Roten Königreich’ ereigneten sich im Fahrwasser der Reformen auf Reichsebene. Am 29. September hatte der Erste Generalquartiermeister der Obersten Heeresleitung (OHL), General Erich Ludendorff, die Reichsregierung aufgefordert, sofortige Waffenstillstandsverhandlungen aufzunehmen[94] und eine Parlamentarisierung der Regierung durchzuführen, worin ihn sowohl die Zentrumspartei als auch die Nationalliberalen bekräftigt hatten. Wenige Tage zuvor hatten bereits die Mehrheitssozialdemokraten ihre Regierungsbeteiligung von der Demission des Reichskanzlers Georg Freiherr von Hertling abhängig gemacht[95]. Als es schließlich am 3. Oktober 1918 zur Bildung des neuen Kabinetts unter dem Vorsitz des Prinzen Max von Baden kam, befanden sich neben drei Zentrumspolitikern auch zwei Sozialdemokraten unter den Regierungsmitgliedern.

Die Bildung der neuen Reichsregierung bewerteten auch die Mehrheitssozialdemokraten in Sachsen als Erfolg der Burgfriedenpolitik. Um den erfolgreichen Verlauf des Krieges nicht zu gefährden, verzichtete man auf innenpolitische Auseinandersetzungen und unterstützte die alte Ordnung. Als die Waffenstillstandsverhandlungen im Oktober 1918 publik wurden, „begann der Zerfall des autoritären Regimes, vorangetrieben von massivem Druck der Sozialdemokraten wie der Liberalen“[96] und der außerparlamentarischen Opposition. Nachdem Max von Baden nun die preußische Wahlrechtsreform auf den Plan gerufen hatte, forderten Landes- und Bezirksvorstände der sächsischen SPD am 6. Oktober die umgehende Zusammenkunft des Landtags, um dort über eine Modernisierung des Wahlrechts im Königreich abzustimmen, und die Bildung einer neuen sächsischen Regierung, welche das Vertrauen des Volkes besäße. Die Fortschrittliche Volkspartei (FVP) unterstützte etwas verzögert die Forderungen der SPD[97]. Nationalliberale und Konservative stellten sich zumindest nicht explizit dagegen, bzw. zeigten sie sich zu den notwendigen Konzessionen bereit.

Parallel hierzu trat bereits am 2. Oktober 1918 das Gesamtministerium unter Vorsitz des Königs zusammen, um die Eventualitäten einer politischen Neuordnung zu besprechen[98]. Die Inhalte dieser geheimen Sitzungen blieben der Öffentlichkeit zwar verborgen, doch lässt sich in der Häufigkeit der Zusammenkünfte des Ministeriums in den folgenden Wochen ein Indiz für die Wahrnehmung der Dringlichkeit von Reformen ausmachen[99].

Am 10. Oktober berichtete der ‚Dresdner Anzeiger’ von der Verlautbarung der königlichen Regierung, den sächsischen Landtag für den 28. Oktober einzuberufen, und vom Auftrag an das Innenministerium, die Ausarbeitung einer Gesetzesvorlage vorzubereiten, durch welche das bestehende Landtagswahlrecht zur Zweiten Kammer durch ein solches auf breiter Basis ersetzt werden sollte[100]. Bei einer vertraulichen Besprechung von Vertretern der Regierung, der Polizei und des Militärs am 14. Oktober, bei der die äußere und innere Lage erörtert wurde, bestätigte Ministerialdirektor Dr. Walter Koch den akuten Handlungsbedarf:

„Wir befinden uns augenblicklich mitten in der Revolution, wenn es auch jetzt noch nicht dahin gekommen sei, daß versucht werde, ihre Ziele mit Gewalt durchzuführen […] [E]s sei die Pflicht der Behörden, denen die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit obliege, sich für den äußersten Fall einzurichten.“[101]

Die Lage sei nur mit Hilfe der (M)SPD und der Gewerkschaften in den Griff zu bekommen. Von jenen würden jedoch seitens der Arbeiterschaft einige innenpolitische Erfolge – das demokratische Landtags-, Gemeinde- sowie das Frauenwahlrecht – erwartet, die man wohl befriedigen müsse, um die Situation zu stabilisieren. Repressive Maßnahmen, wie Militäreinsätze oder Sonderkommandos der Polizei, fanden Kochs Zustimmung nicht, da hierdurch die Lage allenfalls weiter verschärft würde. Zudem war auch die Zuverlässigkeit der Truppe, wie Graf Vitzthum am selben Tag dem König eröffnete, keinesfalls garantiert[102].

[...]


[1] Vgl. zur Geschichte der sächsischen Sozialdemokratie im behandelten Zeitraum und zur Novemberrevolution in Sachsen neben anderen: Adam, Thomas/ Rudloff, Michael: Mythen sächsischer Geschichtsschreibung. Eine Erwiderung auf Ewald Frie, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 38 (2002), S. 302-319. Berger, W: Der Verlauf der Revolution in Sachsen, Dresden 1920. Fabian, Walter: Klassenkampf um Sachsen. Ein Stück Geschichte 1918-1930, Löbau 1930. Frackowiak, Johannes: Soziale Demokratie als Ideal. Die Verfassungsdiskussionen in Sachsen nach 1918 und 1945, Köln u. a. 2005. Frie, Ewald: Über die bösen Folgen ohnmächtiger Stärke. Die Sozialdemokratie im Königreich (Freistaat) Sachsen 1900-1933, in: ZfG 49 (2001), S. 965-980.Lipinski, Richard: Der Kampf um die politische Macht in Sachsen, Leipzig 1926. Heidenreich, Frank: Arbeiterkulturbewegung und Sozialdemokratie in Sachsen vor 1933, Weimar, u. a. 1995. Matzerath, Josef: Aspekte sächsischer Landtagsgeschichte. Varianten der Moderne 1868 bis 1952, sächsischer Landtag 2003. Mertens, Peter: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges. Die ‚Nebenregierungen’ der Militärbefehlshaber im Königreich Sachsen, Leipzig 2004. Nonn, Christoph: Sozialer Konflikt und politische Reform in Sachsen, Preußen und Deutschland 1914-1918, in: Retallack, James: Sachsen und Deutschland. Politik, Kultur und Gesellschaft 1830-1918, Dresden 2000, S. 207-217. Rudolph, Karsten: Die sächsische Sozialdemokratie vom Kaiserreich zur Republik (1871-1923), Weimar, u. a. 1995. Rüdiger, Bernd: Der Freistaat in der Weimarer Republik, in: Sächsische Heimatblätter, 30. Jg., Heft 3 und 4, S. 138-155. Rüdiger, Bernd: Freistaat in der Weimarer Republik (1918-1933), in: Czok, Karl (Hg.): Geschichte Sachsens, Weimar 1989, S. 429-479. Schmeitzner, Mike: Alfred Fellisch 1884-1973. Eine politische Biographie, Köln, u. a. 2000. Schmeitzner, Mike: Georg Gradnauer und die Begründung des Freistaates Sachsen 1918-1920. Parlamentarisierung und Demokratisierung der sächsischen Revolution, in: Aurig Rainer/Herzog, Steffen/Lässig, Simone: Landesgeschichte in Sachsen. Tradition und Innovation, Bielefeld 1997, S. 249-270. Schmeitzner, Mike/Rudloff, Michael: Geschichte der Sozialdemokratie im sächsischen Landtag. Darstellung und Dokumentation 1877-1997, Dresden 1997. Szejnmann, Claus-Christian W.: Vom Traum zum Alptraum. Sachsen in der Weimarer Republik, Leipzig 2000. Ulbricht, Gunda: Die exemten Mittelstädte Sachsens im Prozeß der Gemeindeverfassungsreform 1918-1933. Diss. Dresden 1995. Walter, Franz: Sachsen-Stammland der Sozialdemokratie, in: PVS. Jg. 32, Heft 2, 1991, S. 207-231.

[2] Vgl. neben anderen: Rudloff, Michael/Adam, Thomas/Schlimper, Jürgen: Leipzig – Wiege der deutschen Sozialdemokratie, Berlin 1996.

[3] Vgl. Schmeitzner: Alfred Fellisch, S. 89f.

[4] Vgl. neben anderen: Dresden. Die Geschichte der Stadt. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, hg. vom Dresdner Geschichtsverein e.V., Dresden 2002. Dresden. Geschichte der Stadt in Wort und Bild, von einem Autorenkollektiv unter der Leitung von Rudolf Förster, Berlin 1984. Hahn, Alfred/Neef, Ernst: Dresden. Ergebnisse einer heimatkundlichen Bestandsaufnahme, Berlin 1984.Schieferdecker, Uwe: Geschichte der Stadt Dresden, Gudensberg-Gleichen 2003. Ruf, Christian: 800 Jahre Dresden. Eine Zeitreise, Dresden 2005.

[5] Vgl. neben anderen: Dörrer, Horst: An der Schwelle einer neuen Epoche. Die Kämpfe der Novemberrevolution 1918 zur Schaffung der Kommunistischen Partei Deutschlands in Dresden und Ostsachsen, Dresden 1978. Dörrer, Horst: Die Dresdner Arbeiter im Kampf gegen den 1. Weltkrieg. Die Novemberrevolution und die Gründung der KPD in Dresden. (Kurzer Abriß 1914-1919), in: Unter der Fahne der Revolution. Die Dresdner Arbeiter im Kampf gegen den 1. Weltkrieg. Die Novemberrevolution und die Gründung der KPD in Dresden (1914-1919). Beiträge zur Geschichte der Dresdner Arbeiterbewegung. Heft 5, hg. vom Museum für Geschichte der Dresdner Arbeiterbewegung, Dresden 1959, S. 7-64. Dörrer, Horst: Die Dresdner Arbeiterbewegung während des Weltkrieges und der Novemberrevolution 1918. Diss. Leipzig 1960. Dörrer, Horst/Marschner, Wolfgang/Kriegenherdt, Fritz: Die Novemberrevolution und die Gründung der KPD in Ostsachsen, Dresden 1988.

[6] Hierbei werden im Besonderen die linksliberale DNN, die mehrheitssozialdemokratische DVZ, das Dresdner Amtsblatt Dresdner Anzeiger und die konservative Sächsische Staatszeitung Verwendung finden.

[7] Vgl. neben anderen: Andreas, Rheinhold: Sturm auf die Arrestanstalt, in: Unter der Fahne der Revolution. Die Dresdner Arbeiter im Kampf gegen den 1. Weltkrieg. Die Novemberrevolution und die Gründung der KPD in Dresden (1914-1919). Beiträge zur Geschichte der Dresdner Arbeiterbewegung. Heft 5, hg. vom Museum für Geschichte der Dresdner Arbeiterbewegung, Dresden 1959, S. 78f. Blüher, Bernhard: Dresdens Stadtverwaltung in den ersten vier Kriegsjahren, in: Dresdner Kalender 1919. Jahrbuch über das künstlerische, geistige und wirtschaftliche Leben in Dresden, hg. von Joh. Erich Gottschalch, Dresden 1919, S. 33-60. Blüher, Bernhard: Dresdens Stadtverwaltung nach der Revolution von 1918. Worte an das Stadtverordnetenkollegium von Oberbürgermeister Bernhard Blüher am 21. Februar 1919, in: Dresdner Kalender 1920. Jahrbuch über das künstlerische, geistige und wirtschaftliche Leben in Dresden, hg. von Joh. Erich Gottschalch, Dresden 1920, S. 27-41. Böhme, Magdalene: Vor dem Polizeipräsidium, in: Unter der Fahne der Revolution, S. 79f. Gradnauer, Georg: Der neue Weg, in: Dresdner Kalender 1920, S. 21-26. Koch, Walter: Nachlass, SäHStAD, 12713, Nr. 1 und 2. Lorenz, Ernst: Fünf Jahre Dresdner USPD. Erinnerungen aus schwerer Zeit. Eine rückschauende Betrachtung anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Partei. Dresden 1922. Merker, Paul: Vom Schloßturm wehte die rote Fahne. Wie die Arbeiter und Soldaten in Dresden die Monarchie beseitigten, in: Jahrbuch 1988 zur Geschichte Dresdens, hg. vom Institut und Museum für Geschichte der Stadt Dresden, Dresden 1988. 24-35. Otte, Rolf: Sie mögen die Hunde auf uns hetzen. Die Dresdner Arbeiterjugend im Kampf gegen das Reichsvereinsgesetz und den ersten Weltkrieg (1906-1918), in: Beiträge zur Geschichte der Dresdner Arbeiterbewegung. Heft 1, hg. vom Museum für Geschichte der Dresdner Arbeiterbewegung, Dresden 1958. Purlitz, Friedrich: Das politische Dresden in den Kriegsjahren 1914 bis 1918, in: Dresdner Kalender 1919, S. 61-67. Purlitz, Friedrich: Das politische Dresden 1918/19, in: Dresdner Kalender 1920, S. 43-53. Spengler, Richard: Rote Fahnen auf dem Altmarkt, in: Unter der Fahne der Revolution, S. 77f. Wagner, Otto: Dem General fuhr der Schreck in die Glieder, in: Unter der Fahne der Revolution, S. 80f. Wätzig, Alfons: Der Dresdner ‚Meuterertransport’, in: Unter der Fahne der Revolution, S. 73-75.

[8] Vgl. Rudloff, Michael: Von den Nationalliberalen zur Deutschen Volkspartei. Der Umbruch im sächsischen Parteiensystem im Spiegel der Korrespondenz des Kriebsteiner Unternehmers Dr. Konrad Niethammer, in: Figuren und Strukturen. Historische Essays für Hartmut Zwahr zum 65. Geburtstag, hg. von Manfred Hettlig, Uwe Schirmer und Susanne Schötz, München 2002, S. 699-735, hier S. 700f.

[9] Vgl. Kluge Ulrich: Die deutsche Revolution 1918/19. Staat, Politik und Gesellschaft zwischen Weltkrieg und Kapp-Putsch. Frankfurt/Main 1985, S. 40.

[10] Vgl. Schmidt, Carsten: Dresden im Ersten Weltkrieg, in: Dresdner Hefte 80. Das ‚Rote Königreich’ und sein Monarch, 22. Jg. Heft 80, 4/2004. Beiträge zur Kulturgeschichte der Region, hg. vom Geschichtsverein Dresden e.V. Dresden 2004, S. 64-73, hier S. 65.

[11] So bezeichnete z. B. ein Stimmungsbericht der Kreishauptmannschaft zu Dresden an das königliche MdI vom 29. März 1915 die allgemeine wirtschaftliche Lage in allen Erwerbsständen als eine verhältnismäßig gute. [Vgl. SäHStA, 10747, Nr. 102, Bl. 107-110.]

[12] Vgl. Park, Sang Wook: Sächsische Kriegsindustrie und Wirtschaftspolitik, Berlin 2003, S. 62.

[13] Vgl. Schmidt: Dresden im Ersten Weltkrieg, S. 65f.

[14] Vgl. Vom Königreich zum Freistaat Sachsen. (Dresden/Sachsen von 1900-1918/19). Heimatgeschichtliche Unterrichtshilfen für die Dresdner Geschichtslehrer, Heft 4, hg. vom Zentrum der Pädagogen der Stadt Dresden, Dresden 1990, S. 67.

[15] Vgl. Kluge: Die deutsche Revolution 1918/19, S. 40.

[16] Vgl. März, Johannes: Die sächsische Industrie im Kriege, in: Sachsen in großer Zeit. Geschichte der Sachsen im Weltkrieg, Bd. 3, bearb. von Arthur Baumgarten-Crusius, Leipzig 1920, S. 384-411, hier S. 394.

[17] Vgl. Kluge: Die deutsche Revolution 1918/19, S. 40f.

[18] Vgl. Dresden. Die Geschichte der Stadt. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, hg. vom Dresdner Geschichtsverein e.V., S. 197.

[19] Vgl. Park, Sang Wook: Sächsische Wirtschaftspolitik und -praxis im Weltkrieg 1914-1918. Diss., Dresden 2000, hier S. 219-230.

[20] Vgl. Schmidt: Dresden im Ersten Weltkrieg, S. 66f.

[21] Vgl. Park, Sang Wook: Sächsische Kriegsindustrie und -wirtschaftspolitik 1914-1918, Berlin 2003, S. 221.

[22] Vgl. Schmidt: Dresden im Ersten Weltkrieg, S. 67.

[23] Vgl. ebd., S. 67.

[24] März, Johannes: Die Dresdner Industrie in den Jahren 1914-1918, in: Dresdner Kalender. Jahrbuch über das künstlerische, geistige und wirtschaftliche Leben in Dresden, hg. von Joh. Erich Gottschalch, Dresden 1919, S. 69-75, hier, S. 73.

[25] Vgl. Vom Königreich zum Freistaat Sachsen, S. 68.

[26] Vgl. Dörrer/Marschner/Kriegenherdt: Die Novemberrevolution und die Gründung der KPD, S. 8.

[27] Vgl. Giesecke, Una: Frauen im Ersten Weltkrieg Dresdner, in: Dresdner Hefte 62. Caroline, Berta, Gret und die anderen – Frauen und Frauenbewegung in Dresden. 18. Jg. Heft 62, 2/2000, Beiträge zur Kulturgeschichte der Region, hg. vom Dresdner Geschichtsverein e.V., Dresden 2000, S. 35-41.

[28] Vgl. Mertens: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges, S. 52.

[29] Vgl. ebd., S. 54.

[30] Vgl. ebd., S. 54-57.

[31] In der sächsischen Hauptstadt lebten nach dem Ersten Weltkrieg rund 1/3 mehr Frauen als Männer, was ein Übergewicht darstellte, das u. a. in der kommenden politischen Neuordnung zum Ausdruck kam, beispielsweise der Einführung des Frauenwahlrechts in Sachsen. Zum Ende des Jahres 1918 waren in Dresden mit einer Gesamteinwohnerzahl von 524.000 laut Statistik nur 215.800 männliche und 308.200 weibliche Bürger registriert. [Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Dresden für die Jahre 1916-1918. 18.-20. Jg., hg. vom staatlichen Amte der Stadt, Dresden 1921, S. 8.]

[32] Vgl. Schmidt: Dresden im Ersten Weltkrieg, S. 67f.

[33] 60 Prozent aller landwirtschaftlichen Produktionsstätten in Sachsen bewirtschafteten je eine Fläche von weniger als zwei Hektar. [Vgl. Fabian: Klassenkampf um Sachsen, S. 11f.]

[34] Vgl. DA vom 6. November 1918.

[35] Vgl. Blüher: Dresdens Stadtverwaltung in den ersten vier Kriegsjahren, S. 43.

[36] Zur besseren Gewährleistung der Volksernährung und des Viehbestandes richtete das sächsische Innenministerium am 12. März 1915 eine Unterabteilung II B unter der Leitung von Dr. Koch ein. Dieses Regelungs- und Überwachungsamt für Lebens- und Futtermittel – die offizielle Bezeichnung lautete seit dem 1. September 1916 ‚Ministerium des Innern, Landeslebensmittelamt – wuchs von anfangs 25 Mitarbeitern zu einer beachtlichen Dienststelle heran. Vier Unterabteilungen teilten sich in die verschiedenen Aufgabenbereiche (1. Allgemeines, u. a. Preisprüfung; Brot und Mehl; Zucker, Kolonialwaren, Eier, Gemüse, Obst; von den anderen Abteilungen nicht abgedeckte Bereiche; 2. Futtermittel; 3. Fleisch, Vieh, Wild Geflügel, Fische; Fette, Molkereiprodukte; 4. Kartoffeln, Streckungsmittel). [Vgl. Mertens: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges, S. 319f.]

[37] Ebd., S. 39.

[38] Vgl. Schmidt: Dresden am Ende des Ersten Weltkrieges, S. 68.

[39] Vgl. Blüher: Dresdens Stadtverwaltung in den ersten vier Kriegsjahren, S. 39.

[40] DA vom 24. Oktober 1918.

[41] Vgl. Schieferdecker: Geschichte der Stadt Dresden, S. 110.

[42] Blüher: Dresdens Stadtverwaltung nach der Revolution von 1918, S. 32f.

[43] Zit. n.: Rüdiger, Bernd/Zeise, Roland: Bundesstaat im Deutschen Reich (1871-1917/18), in: Czok: Geschichte Sachsens, S. 427.

[44] Vgl. Dörrer/Marschner/Kriegenherdt: Die Novemberrevolution und die Gründung der KPD, S. 8.

[45] Vgl. ebd., S. 33f.

[46] Vgl. SäS vom 10. Oktober 1918.

[47] Vgl. DNN vom 7. November 1918.

[48] Vgl. Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch, bearb. von der Wörterbuch-Red. des Verl. unter Leitung von Helmut Hildebrandt, 258. Aufl., Berlin 1998, S. 605.

[49] Vgl. DNN vom 25. Oktober 1918, S. 3.

[50] Vgl. Blüher: Dresdens Stadtverwaltung nach der Revolution von 1918, S. 34.

[51] Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Dresden für die Jahre 1916-1918, S. 12.

[52] Diese Tendenz lässt sich nicht nur in Dresden erkennen. Im gesamten Königreich Sachsen war im Jahre 1918 ein extremer Anstieg bei den Sterbefällen registriert worden. Ingesamt waren es 84.694, von denen allein 10.244 an Lungentuberkulose und 8.479 an Lungenentzündung starben. Die Dunkelziffer lag sicher höher, denn nicht wenige der überdurchschnittlich vielen (11.113) Ablebensfälle aus Altersschwäche würden bei genauerer Betrachtung ohne weiteres eine der vorgenannten Diagnosen zulassen. [Vgl. Mertens: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges, S. 49.]

[53] Vgl. Blüher: Dresdens Stadtverwaltung in den ersten vier Kriegsjahren, S. 59.

[54] Vgl. Blüher: Dresdens Stadtverwaltung nach der Revolution von 1918, S. 30f.

[55] Vgl. Blüher: Dresdens Stadtverwaltung in den ersten vier Kriegsjahren, S. 59.

[56] Schmidt: Dresden im Ersten Weltkrieg, S. 68.

[57] Bernhard Blüher wurde am 27. Juni 1918 nach Ablauf der der 6-jährigen Amtszeit in seinem Amt als Oberbürgermeister der Stadt Dresden auf Lebenszeit bestätigt. [Vgl. Purlitz: Das politische Dresden in den Kriegsjahren 1914 bis 1918, S. 67.]

[58] Vgl. Schmidt: Dresden im Ersten Weltkrieg, S. 68-70.

[59] Vgl. Nonn: Sozialer Konflikt und politische Reform in Sachsen, S. 208.

[60] Vgl. Dörrer: Die Dresdner Arbeiter im Kampf gegen den 1. Weltkrieg, S. 18.

[61] Vgl. ebd., S. 18.

[62] Vgl. Mertens: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges, S. 365f.

[63] Vgl. Schmidt: Dresden im Ersten Weltkrieg, S. 71.

[64] Nach der sächsischen Verfassung vom 4. September 1831 bestand das sächsische Parlament aus zwei Kammern. In der Ersten Kammer, dem Oberhaus, saßen die volljährigen königlichen Prinzen, je fünf Standesherren und Kirchenvertreter, ein Vertreter der Leipziger Universität, 22 Rittergutsbesitzer, von denen zwölf auf Lebenszeit gewählt und zehn vom König ernannt wurden, und acht Bürgermeister bedeutender Städte. Im Jahre 1896 wurde ein indirektes Dreiklassenwahlrecht für das Unterhaus, die Zweite Kammer, eingeführt, nach welchen Wahlmänner von Urwählern entsandt wurden, wobei das Stimmgewicht eines Urwählers nach einer der drei Steuerklassen bewertet wurde. Um das hierdurch entstandene Ungleichgewicht etwas abzumildern, wurde 1909 das Pluralwahlrecht für die Zweite Kammer eingeführt. Einkommen, Besitz, Alter und Bildung bestimmten nun das Gewicht der abgegebenen Stimme, wodurch die Mandatsvergabe in der Zweiten Kammer des Landtages noch keinesfalls den abgegebenen Stimmen entsprach, jedoch nicht mehr derart extrem wie noch 1896 an die ökonomischen Verhältnisse des Wählers gekoppelt war. [Vgl. Matzerath, Josef: Aspekte sächsischer Landtagsgeschichte. Präsidenten und Abgeordnete 1833 bis 1952, sächsischer Landtag 2001, S. 29, S. 81-88. Vgl. Lässig, Simone: Wahlrechtskämpfe im Kaiserreich. Lernprozesse, Reformimpulse, Modernisierungsfaktoren: das Beispiel Sachsen, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte, 65. Band, hg. von Karlheinz Blaschke, Weimar 1995, S. 137-168.]

[65] Vgl. Nonn: Sozialer Konflikt und politische Reform in Sachsen, S. 211f.

[66] Vgl. Mertens: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges, S. 373. Demgegenüber stehen andere Schätzungen, wie z. B. die von Horst Dörrer, nach der in Berlin bereits am 28. Januar 1918, dem ersten Tag des großen Munitionsarbeiterstreiks, circa 400.000 Arbeiter an den Protesten teilnahmen. [Vgl. Dörrer: Die Dresdner Arbeiter im Kampf gegen den ersten Weltkrieg, S. 28.]

[67] Vgl. Rudolph: Die sächsische Sozialdemokratie, S. 150f.

[68] Kluge, Ulrich: Die deutsche Revolution 1918/19. Staat, Politik und Gesellschaft zwischen Weltkrieg und Kapp-Putsch, Frankfurt a.M. 1985, 49f.

[69] Vgl. ebd., S. 50.

[70] Ungefähr 1.100 Munitionsarbeiter in Döhlen und Deuben traten am 30. Januar 1918 in den Streik. [Vgl. Dörrer: Dresdner Arbeiter im Kampf gegen den 1. Weltkrieg, S. 28.]

[71] Mertens: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges, S. 373.

[72] Vgl. Dörrer: Die Dresdner Arbeiter im Kampf gegen den 1. Weltkrieg, S. 28.

[73] Vgl. Rudolph: Die sächsische Sozialdemokratie, S. 151.

[74] Mertens: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges, S. 375.

[75] Vgl. ebd., S. 375.

[76] Gustav Noske veröffentliche statt des zugesagten Aufrufs einen Artikel in der ‚Chemnitzer Volksstimme’, der genau das Gegenteil beinhaltete. Er appellierte an die Chemnitzer Arbeiterschaft, angesichts der schwierigen Situation im Reich von einem Streik abzusehen. Auch in den nächsten Tagen setzte sich Noske weiterhin erfolgreich für eine Verschiebung des Ausstandes ein. Als letztlich die Gewerkschaften noch ihre Zustimmung versagten und das stellvertretende Generalkommando alle Versammlungen der USPD verbot, war die Protestbewegung im Bezirk Chemnitz im Keim erstickt worden. [Vgl. Rudolph: Die sächsische Sozialdemokratie, S. 151f.]

[77] Vgl. Mertens: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges, S. 373-376.

[78] Vgl. Rudolph: Die sächsische Sozialdemokratie, S. 151.

[79] Vgl. Mertens: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges, S. 375f.

[80] Vgl. Rudolph: Die sächsische Sozialdemokratie, S. 151.

[81] Vgl. ebd., S.151.

[82] Die Unwissenheit um die Hintergründe des Ausstandes war keinesfalls ein Einzelfall. So beteiligten sich beispielsweise in Pirna viele Arbeiter nur an den Arbeitsniederlegungen aus Furcht vor den Anfeindungen und der Häme ihrer Kollegen, ohne aber den rechten Grund des Streiks zu kennen. [Vgl. Mertens: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges, S. 373f.]

[83] Vgl. Rudolph: Die sächsische Sozialdemokratie, S. 153.

[84] Vgl. Mertens: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges, S. 377f.

[85] Diese Politik der (M)SPD hatte allerdings Auswirkungen auf deren Mitgliederzahlen. Ein Drittel (62.209) der Mitglieder, die der Partei noch vor dem Krieg angehörten, waren bis zum Juni 1918 zu den Unabhängigen übergelaufen, 92.000 waren entweder im Feld oder vermisst, so dass sich die Partei auf nunmehr etwa 23.000 Personen beschränkte, wodurch unweigerlich das einstige Gewicht bei der Arbeiterschaft abnahm. [Vgl. Rudolph: Sächsische Sozialdemokratie, S. 158.]

[86] Vgl. ebd., S. 153.

[87] Vgl. Mertens: Zivil-militärische Zusammenarbeit während des Ersten Weltkrieges, S. 378f.

[88] Vgl. Nonn: Sozialer Konflikt und Reformbewegung in Sachsen, S. 212.

[89] Vgl. Rudolph: Die sächsische Sozialdemokratie, S. 158.

[90] Vgl. Dörrer: An der Schwelle einer neuen Epoche, S. 6. Vgl. Dörrer/Marschner/Kriegenherdt: Die Novemberrevolution und die Gründung der KPD, S. 12.

[91] Vgl. DVZ vom 16. September 1918.

[92] Vgl. Schmidt: Dresden im Ersten Weltkrieg, S. 71.

[93] Vgl. Nonn: Sozialer Konflikt und Reformbewegung in Sachsen, S. 209f.

[94] Als sich Ende September 1918 die militärische Lage des Deutschen Reiches mit den Friedensbestrebungen Österreichs, der Niederlage der Türkei in Syrien und dem Abfall Bulgariens weiter drastisch verschlechterte, die Reichswehr de facto besiegt war und der Pessimismus innerhalb der Truppe den Staatssekretär des Auswärtigen Amtes (AA), Konteradmiral Paul v. Hintze, veranlasste, Verhandlungen mit der OHL, zu diesem Zeitpunkt das eigentliche deutschen Machtzentrum, aufzunehmen, konnte sich General Ludendorff nicht länger den Forderungen der Offiziere widersetzten. Er stellte sich vielmehr als Initiator der Friedensinitiative dar und forcierte das Drängen auf einen baldigen Waffenstillstand und eine ‚Revolution von oben’. [Vgl. Kluge, Ulrich: Soldatenräte und Revolution. Studien zur Militärpolitik in Deutschland 1918/19, Göttingen 1975, S. 26.]

[95] Vgl. Rudolph: Die sächsische Sozialdemokratie, S. 158.

[96] Nonn: Sozialer Konflikt und Reformbewegung in Sachsen, S. 214.

[97] Der sächsische Landesvorstand der FVP verlangte nach den Neuerungen auf Reichsebene auch eine Neugestaltung der Verfassung im Königreich. Diese Forderung beinhaltete die Einführung des allgemeinen und gleichen Verhältniswahlrechts, die Neudefinition der Ersten Kammer und die Bildung einer parlamentarisch gestützten Regierung. [Vgl. Rudolph: Die sächsische Sozialdemokratie, S. 159.]

[98] Vgl. Fabian, Walter: Klassenkampf um Sachsen, S. 19f.

[99] Das Ministerium fand sich zumeist mehrmals pro Woche zu einer Sitzung zusammen. [Vgl. ebd., S. 19.]

[100] Vgl. DA vom 10. Oktober 1918.

[101] Zit. n.: Dörrer: Die Dresdner Arbeiter im Kampf gegen den ersten Weltkrieg, S. 38.

[102] Vgl. Rudolph: Die sächsische Sozialdemokratie, S. 160.

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Die Novemberrevolution in Dresden 1918/19
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophische Fakultät - Institut für Geschichte)
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
107
Katalognummer
V115074
ISBN (eBook)
9783640159048
ISBN (Buch)
9783640159956
Dateigröße
887 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novemberrevolution, Dresden
Arbeit zitieren
M. A. Ben Bütner (Autor), 2006, Die Novemberrevolution in Dresden 1918/19, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115074

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