In diesem Essay werde ich die Entstehung des gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland näher beleuchten und mich dabei auf die hierzu relevanten Akteure fokussieren. Dabei leiten mich die Fragen, aus welchen inhaltlichen Gründen der gesetzliche Mindestlohn schließlich beschlossen wurde, also welche Argumente seitens der Gegner und Befürworter jeweils genannt wurden, wie sich jene Akteure kategorisieren lassen und welche Grundüberzeugungen (belief systems) sie jeweils teilen.
Das Thema dieses Essays lautet: Die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland und die relevanten Akteure – eine Anwendung des Advocacy-Coalition Frameworks (ACF). Meine Forschungsfrage heißt dabei: Wer waren die relevanten Akteure bei der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns und wie lauteten ihre belief systems?
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Entstehungsgeschichte des gesetzlichen Mindestlohns
3. Identifikation und Kategorisierung zentraler Akteure
3.1 Befürwortende Akteure
3.2 Ablehnende Akteure
4. Anwendung des Advocacy-Coalition Frameworks
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Entstehung des gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland unter Anwendung des Advocacy-Coalition Frameworks (ACF). Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wer die relevanten Akteure bei der Einführung des Mindestlohns waren und welche Überzeugungssysteme (belief systems) ihre jeweilige Positionierung bestimmten.
- Entstehungsgeschichte und politische Rahmenbedingungen des Mindestlohns
- Kategorisierung zentraler Befürworter und Gegner
- Analyse der Überzeugungssysteme (deep core, near policy core, secondary aspects)
- Anwendung des Advocacy-Coalition Frameworks auf den Mindestlohn-Prozess
Auszug aus dem Buch
Die Anwendung des Advocacy-Coalition Frameworks
Nun komme ich zum bereits zu Beginn erwähnten AC Framework. Der federführende Entwickler des Begriffs, Paul Armand Sabatier, verstehe das ACF nicht als Theorie, sondern als Analyserahmen (Bandelow 2015: 205 nach Sabatier 2007: 6). Nach Bandelow (2015: 205) benennen Analyserahmen Variablen und formulieren Aussagen zu deren Zusammenhänge, die auch konkrete Hypothesen beinhalten können. Das ACF gehöre inzwischen zu den meistgenutzten Perspektiven der Policy-Forschung (Bandelow 2015: 306). Jener Analyserahmen gehe davon aus, dass politische Entscheidungen in politischen Subsystemen („policy subsystems“) getroffen werden, worunter allgemein ein Netzwerk von spezialisierten Akteuren verstanden wird, die sich mit einem Policy-Problem befassen (Bandelow 2015: 307 nach Sabatier 1993: 24). Mitglieder von diesen Subsystemen seien nicht nur Politiker oder Lobbyisten, sondern auch Wissenschaftler, Journalisten und andere fachspezifische Experten (Bandelow 2015: 307). Somit könnten innerhalb eines Policy-Subsystems mehrere Koalitionen bestehen, welche weder funktional noch territorial zusammengehalten sein müssen.
Das zweite wichtige Stichwort des ACF beziehe sich auf die Erfassung von Zielen und Werten politischer Akteure über Überzeugungssysteme („belief systems“) (Bandelow 2015: 308). Diese trügen Wertvorstellungen und Grundideen, die innerhalb einer Koalition geteilt werden. Grundsätzlich ließen sich belief systems hierarchisch in drei Teile strukturieren: Zum einen in „deep normative core beliefs“, diese umfassten grundlegende normative und ontologische Überzeugungen, die häufig durch frühe Sozialisation geprägt sind (Bandelow 2015: 308). Der zweite Teil, die „near policy core beliefs“, beinhalte sämtliche Aspekte eines Policy-Subsystems, wie Policy-Positionen und Strategien, während im dritten Teil, bei den „secondary aspects“ sich auf den engen Bereich des Policy-Subystems bezogen werde, diese beinhalteten instrumentelle Entscheidungen (Bandelow 2015: 309). Es zeigt sich also, dass eine Koalition eines Policy Subsystems durch diese core beliefs geprägt und zusammengehalten wird. Die dritte zentrale Grundlage des ACF bestehe in der Annahme, dass sich die Akteure in den Subsystemen zu „advocacy coalitions“ (Advocacy-Koalitionen) zusammenschließen (Bandelow 2015: 310 & 311).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Dieses Kapitel erläutert die Forschungsfrage und das Ziel, die Entstehung des gesetzlichen Mindestlohns durch eine Analyse der beteiligten Akteure zu beleuchten.
2. Entstehungsgeschichte des gesetzlichen Mindestlohns: Hier wird der historische Kontext der Mindestlohneinführung, einschließlich des Gesetz zur Stärkung der Tarifautonomie und der Rolle der Mindestlohnkommission, dargestellt.
3. Identifikation und Kategorisierung zentraler Akteure: Dieses Kapitel identifiziert und gruppiert die politischen Parteien sowie Interessenverbände in Befürworter und Gegner des Mindestlohns vor dem Hintergrund der Meinungsbildung bis August 2014.
4. Anwendung des Advocacy-Coalition Frameworks: Abschließend wird das ACF auf den Prozess der Mindestlohneinführung angewendet, um die Koalitionen und deren Überzeugungssysteme strukturiert zu analysieren.
Schlüsselwörter
Gesetzlicher Mindestlohn, Advocacy-Coalition Framework, Tarifautonomie, Sozialpartnerschaft, Niedriglohnsektor, Politikfeldanalyse, Politische Akteure, Belief Systems, Mindestlohnkommission, Arbeitnehmerentsendegesetz, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Deutschland, Arbeitsmarktpolitik, Tarifbindung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Einführung des flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland und konzentriert sich dabei auf die Analyse der beteiligten Akteure und deren Argumentationsmuster.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entstehungsgeschichte des Mindestlohngesetzes, die Rolle der Tarifautonomie sowie die unterschiedlichen Interessen und Überzeugungen von politischen Parteien und Wirtschaftsverbänden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die relevanten Akteure bei der Einführung des Mindestlohns zu identifizieren und mittels des Advocacy-Coalition Frameworks (ACF) ihre jeweiligen belief systems zu kategorisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt das Advocacy-Coalition Framework (ACF) als theoretischen Analyserahmen, um die Akteure in spezifische Koalitionen einzuteilen und deren Überzeugungssysteme zu strukturieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der chronologischen Entwicklung, der Identifizierung der Akteure (Befürworter und Gegner) sowie der methodischen Anwendung des ACF auf das Policy-Subsystem "gesetzlicher Mindestlohn".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie gesetzlicher Mindestlohn, Advocacy-Coalition Framework, Tarifautonomie, Sozialpartnerschaft und die Analyse von politischen Entscheidungsprozessen.
Warum spielt das "Gesetz zur Stärkung der Tarifautonomie" eine wichtige Rolle für die Akteure?
Das Gesetz markiert den formalen Beschluss des Mindestlohns. Die Gegner sahen darin einen unzulässigen staatlichen Eingriff in die Tarifautonomie, während Befürworter es als notwendiges Instrument gegen den Niedriglohnsektor begrüßten.
Wie kategorisiert die Autorin die "belief systems" der Akteure?
Die Autorin unterteilt diese analog zum ACF in drei Ebenen: "deep normative core beliefs" (grundlegende Überzeugungen), "near policy core beliefs" (Positionen zum Mindestlohn) und "secondary aspects" (instrumentelle Entscheidungen).
- Arbeit zitieren
- Christian Ramspeck (Autor:in), 2021, Einführung des gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland und die relevanten Akteure, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1150913