Reisen als postmodernes Abenteuer


Hausarbeit, 2008
21 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Entzauberung, Rationalisierung und Wiederverzauberung

3. Begriff und Motive des Abenteuers

4. Die Soziologie des Abenteuers

5. Reisen als Erlebnis mit den Sinnen

6. Kommodifizierung des Abenteuers

7. Fazit - Reise als Zauber?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Mensch der postmodernen Gesellschaft funktioniert als überwiegend rationales Wesen, mehr wie ein Agent als ein Akteur, und sieht sich konform zu den kalvinistischen Tugenden wie Bescheidenheit und Fleiß mehr für die Verrichtung der Arbeit prädestiniert als für den Müßiggang, einem Leben nach dem Ideal der antiken Muße. Doch eine solch einseitige Lebensführung wird nicht als reine Erfüllung im diesseitigen Schicksal angesehen. Wie an oberster Stelle der Maslow-Pyramide stehend will das Grundbedürfnis nach Individualität und Selbstverwirklichung auch durch geistige und körperliche Herausforderungen, zum Beispiel in Form einer abenteuerlichen Reise, gestillt werden, und das, wie in unserer opportunistisch orientierten Gesellschaft üblich, noch vor dem Sinn für das Gemeinschaftswohl, die Nachhaltigkeit oder die Nächstenliebe.

Zeitweilig befreit von der sonstigen Enge und Strenge eines kollektiven Sicherheitsbedürfnisses und bürgerlichen Pflichtbewusstseins, bietet die Abenteuerreise als ein zur monotonen Alltagsroutine gegensätzliches, mit Spannungszuständen geladenes Ereignis und Erlebnis in der heutigen verbreitet entzauberten rationalisierten Welt neue Erfahrungshorizonte, um den Erlebnishunger an einem alltagsfremden noch unbekannten Ort zu stillen, einem traumhaften Paradies, in dem der Heldenstatus auf den sich selbst idolisierenden Hedonisten mit Bewährungswunsch auf dem Wege zum „ganzen Mann“ wartet.

Diskussionsgegenstand der These ist die Frage, ob und warum der postmoderne Mensch im begrenzten zeitlichen und örtlichen Raum verreist, um den in der rationalisierten Welt scheinbar verloren gegangenen Zauber andernorts wieder zu entdecken, und den Mangel an Erlebnissen physisch wie psychisch, zumindest zeitweilig, zu kompensieren. Hauptgegenstand dieser Ausarbeitung ist daher der primär soziologische, aber auch psychologische und physiologische Aspekt des Abenteuers, die eigentlichen Motive für eine Reise als ein zum Alltag gegensätzliches ganzheitliches Erlebnis mit den Sinnen. In Bezug auf die Begriffe der Entzauberung und Rationalisierung wird einleitend kurz erörtert, welche Bedeutung und Auswirkung der Entzauberungsprozess auf die Vorherrschaft des rationalen Bewusstseins hat, als Folge eines vom kapitalistischen Machtstreben unterminiert wordenen Sinns für den Zauber und die Magie.

2. Entzauberung, Rationalisierung und Wiederverzauberung

Den Begriff der „Entzauberung“ greift Weber von Schillers „Entgötterung des Kosmos“ auf.[1] In Bezug auf die Entzauberung bedeutet die Rationalisierung nach Weber, dass es keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte mehr gibt, sondern dass man alle Dinge durch das Berechnen beherrschen kann. Fortan muss man nicht mehr wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, zu „magischen“ Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten, sondern „technische“ Mittel und Berechnung leisten das.[2] Je mehr der Intellektualismus den Glauben an die Magie zurückdrängt und so die Vorgänge der Welt entzaubert werden, ihren magischen Sinngehalt verlieren, desto dringlicher erwächst die Forderung an die Welt und Lebensführung als Ganzes, dass sie bedeutungshaft und sinnvoll geordnet seien.[3]

Ausgangsbasis von Webers Analyse ist dabei das magische Weltbild. Dies stellt die Welt als einen Zaubergarten dar: „Sie ist voller Geister, Götter und Dämonen, die alle belebten und unbelebten Dinge beseelen und durch nichts motiviert, alles machen können“[4]. Die einzige Möglichkeit der Menschen sich diesen Wesen zu erwehren oder Einfluss auf sie auszuüben ist der „Zauber“, der Götterzwang. Jeder Eingriff in die Welt konnte irgendeinen Gott oder Dämon erzürnen und die schlimmsten Konsequenzen nach sich ziehen. Ein solches Weltbild ist monistisch und unterscheidet nicht zwischen Natürlichem und Übernatürlichem. Dazu einen Fortschritt stellen dualistische Weltbilder dar, die diese Trennung vollziehen. Deren Herausbildung wird eingeleitet durch die Ordnung und Hierarchisierung der zuvor unübersichtlichen Götterwelt im Pantheon. „Diese Hierarchisierung entfernt die Götter mehr und mehr von der Welt, bewirkt deren partielle Entzauberung“[5].

Der Bedeutungskern des Begriffs „Rationalisierung“ ist Vereinfachung, Effektivierung oder zweckmäßige Gestaltung und wird von Weber als der im abendländischen Kulturkreis entfaltete Prozess der „Entzauberung der Welt“ bezeichnet.[6] Nach Weber bedeutet Rationalisierung die Organisation des sozialen und wirtschaftlichen Lebens gemäß den Prinzipien der Effizienz und auf der Basis des technischen Wissens.[7] Weber zufolge ist der Rationalismus eine Lebensführung des Kapitalismus, die auf wirtschaftlichen Erfolg durch rationales Überlegen und Handeln abzielt, und dabei jegliche Verschwendungs- und Genusssucht ablehnt. Das bedeutete eine innerweltliche Askese, der alles Genießen und alle Verehrung des Kreatürlichen fern steht, und die dadurch die Herausbildung eines für den modernen westlichen Kapitalismus konstitutiven Handlungstypen möglich machte: „den Typ zweckrationalen Handelns“[8].

George Ritzer beschäftigt sich mit dem Thema „Wiederverzauberung“ des Entzauberten und knüpft damit unmittelbar an die Gedanken Webers an. Effiziente rationale Systeme haben keinen Platz für die Verzauberung durch das Magische, Mysteriöse, Fantastische und Traumhafte, und bezeichnen es schlichtweg als „ineffizient“.[9] Das Unvorhersehbare der magischen traumhaften Erfahrungen widerspricht dem Hauptkriterium der Rationalisierung, der Berechenbarkeit. Die sogenannten „Kathedralen des Konsums“ versuchen mit künstlich kreierten Spektakeln (Karneval in Rio), Extravaganzen (Las Vegas Show) und Simulationen (Disney World) die zuhause bleibenden Menschen mit einem beinahe heilig-religiösen Charakter in einem künstlichen Paradies „wiederzuverzaubern“, indem das Produkt innerhalb verzaubert geschmückter Orte wie den Shopping Malls „romantisiert“ wird.[10] In der Tourismuslandschaft denke man hier vor allem an die in heimischen Regionen errichteten Erlebnisparks. „Doch obwohl diese rationalen, maschinenhaften Strukturen des Konsums ihre verzaubernden Qualitäten haben können, „entzaubern“ sie im Grunde, da sie nicht besonders magisch sind“.[11]

3. Begriff und Motive des Abenteuers

Anders jedoch verhält es sich etwa mit der „Wiederverzauberung“ durch eine abenteuerliche Reise zu fremden Kulturen in verwilderten Landschaften. Das Segment „Abenteuertourismus“ entstand im Zusammenhang mit dem Streben des bürgerlichen Menschen nach Individualität und damit einer „Abgrenzung von der Masse“ (Bordieu), und hat sich im Zeitalter der Erlebnis- und Risikogesellschaft und der nach immer individualisierteren Tourismusformen verlangenden sozialen Milieus wie dem Selbstverwirklichungsmilieu (Schulze) mit den Hedonisten, Experimentalisten oder modernen Performern als ein fester Begriff in der Tourismuswirtschaft und -wissenschaft etabliert. Der triebhafte Drang nach einem zeitweiligen Ausbruch aus dem „eisernen Käfig“ (Weber) des Alltags mit Selbstermächtigungsversuchen, um die Kontrolle über den Körper und den Geist zurückzuerobern, schreit nach immer ungewöhnlicheren extremeren Formen wie „Tsunamiwellenreiten, Wüstenmarathon oder Skydiving“[12], um die unerfüllten Bedürfnisse des „unbewegten Bewegers“ (Aristoteles) nach einem „Flow-Erlebnis“ (Csikszentmihalyi) zu stillen. „Der homo ludens spielt mit zunehmender Verbissenheit eine immer größere Rolle“[13].

Definitionen des Begriffs „Abenteuer“ sind wie immer subjektiv, d.h. abhängig von der Disziplin. Abstammend von dem lateinischen Wort „advenire“ (ankommen) und „adventurus“ (geschehen) bedeutet das Abenteuer dem Inhalt nach ein schnell aufkommendes Verlangen nach einem ungewöhnlichen aufregenden, dann auch schnell statt findenden Ereignis, dessen Ausgang unsicher ist.[14] Swarbrooke filtert verschiedene Definitionen nach den wichtigsten Kriterien der Bedeutung von „Abenteuer“ heraus und verhilft damit zu einem „psychologischen“ Verständnis davon (Modell 1). Als besonderes Merkmal seines entwickelten Motivkonstrukts gilt die Unsicherheit, da der Ausgang des unmittelbaren neuartigen Ereignisses nicht vorhersehbar ist. Diese Unberechenbarkeit gleicht einer physischen oder psychischen Herausforderung, die eine gewisse Gefahr für den Akteur birgt und damit ein Risiko, Schaden davon zu tragen. „Adventure can be of the mind and spirit as much as a physical challenge, eg. spending time living in a different religious community or attending a self-development course can be just as much an adventure as trekking up Kilimanjaro”[15].

Der Anreiz ist hierbei eine Stimulierung der Muskeln und/oder Nerven. Biologisch betrachtet kommt es im Moment des aufregenden Ereignisses zu einem Endorphin- und Adrenalinausstoß durch sensorische Stimulation, welcher durch eine emotionale Gegensätzlichkeit wie bei einer Achterbahnfahrt Angst- und Glücksgefühle im Wechselspiel auslöst. Meistert der Akteur eine für ihn unberechenbare riskante Situation, so wird er mit Glücksgefühlen „intrinsisch belohnt“. Doch die wahren Abenteuer finden als Imagination in unseren Köpfen statt, gemäß dem Grad der Erwartungshaltung, zum Beispiel der Vorfreude auf das Erklimmen eines Berges, und ist nicht so sehr abhängig vom Gegenstand der speziellen Aktivität an sich. Bei dem Erlebnis eines abenteuerlichen Ereignisses findet eine „innere Erfahrung“ statt (Modell 2), deren Intensität vom Grad der persönlichen Wahrnehmungsfähigkeit abhängig ist.

Zwei weitere bedeutende Motive des Abenteurers sind nach Swarbrooke erstens die Entdeckung des Fremden, das „auf zu neuen Ufern“ (Hin Zu- oder Pull-Faktor), wohlgemerkt aber auf einer eher „inneren“ Reise, da die „äußere“ Welt bekanntlich schon entdeckt und „verkartet“ ist.[16] Zweites Motiv ist eine Realitätsflucht aus der Alltagsroutine (Weg Von- oder Push-Faktor). Hier besteht ein Bedürfnis nach einer Unterbrechung des Alltags, nach dem Entfliehen aus der „Enge der eigenen Lebenssituation“[17]. Das „Weg von“-Motiv drückt sich aus in Formulierungen wie „Aus dem Alltag herauskommen“, „Tapetenwechsel“, und „Abschalten/Ausspannen“[18].

[...]


[1] Vgl. Kippenberg (1999), S.46.

[2] Vgl. Weber (1992), S.87.

[3] Vgl. Weber (1972), S.290.

[4] Vgl. Kieser (1993), S.40

[5] Vgl. Weber (1992).

[6] Vgl. Schmidt (1995), S.797

[7] Vgl. Giddens (1999), S.622

[8] Vgl. Weber (1972), I: S.234.

[9] Vgl. Ritzer (2005), S.86.

[10] ebd., S.7/93.

[11] ebd., S.8.

[12] Vgl. Bette (2004), S.121.

[13] Vgl. Schulze (1992), S.14.

[14] Vgl. Swarbrooke (2003), S. 28.

[15] Vgl. Hopkins and Putnam (1993) in Swarbrooke (2003), S.15.

[16] Vgl. Swarbrooke (2003), S. 15.

[17] Vgl. Opaschowski (1989), S.102.

[18] Vgl. Mundt (2001), S. 120.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Reisen als postmodernes Abenteuer
Hochschule
Universität Lüneburg
Veranstaltung
Tourismus als kulturelle Praxis
Note
3,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V115098
ISBN (eBook)
9783640165810
ISBN (Buch)
9783640166183
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reisen, Abenteuer, Tourismus, Praxis
Arbeit zitieren
Stefan Ginter (Autor), 2008, Reisen als postmodernes Abenteuer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115098

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