Sexualisierung der Gesellschaft. Neue Anforderungen an die Pädagogik


Magisterarbeit, 2008
92 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

2 Einleitung und Hinführung zum Thema

3 Sexualisierung der Gesellschaft
3.1 Allgemeine Definition
3.2 Entwicklung einer sexualisierten Gesellschaft
3.3 Rolle der Verbreitung von Verhütungsmitteln
3.4 Die Rolle der sozialen Bewegungen
3.4.1 Die Studentenbewegung
3.4.2 Die Emanzipationsbewegung
3.5 Auswirkungen und Folgen
3.6 Zusammenfassung

4 Sexualisierung durch Medien
4.1 Allgemeine Rolle der Massenmedien
4.2 Gefahren durch mediale Verbreitung
4.3 Permanenter Einfluss des Fernsehens
4.4 Ausprägung von Geschlechterstereotype durch Medien
4.4.1 Männliche Geschlechterstereotype am Beispiel eines Filmes
4.4.2 Weibliche Geschlechterstereotype am Beispiel von Mädchenzeitschriften
4.5 Internet
4.6 Musik
4.7 Zusammenfassung

5 Allgemeine Folgen der Sexualisierung
5.1 Wandelnde Moral und fallende Schamgrenze
5.2 Sexualisierung der Geschlechter
5.2.1 Mädchen im Kontext der Medien
5.3 Pornosucht
5.4 Zusammenfassung

6 Neue Anforderungen an die Pädagogik
6.1 Sexualerziehung und Sexualpädagogik
6.1.1 Sexualerziehung in der Familie
6.1.2 Sexualerziehung in der Schule
6.1.3 Außerschulische Sexualerziehung
6.2 Erziehung zur Medienkompetenz
6.2.1 Erziehung zur Medienkompetenz in der Familie
6.2.2 Erziehung zur Medienkompetenz in der Schule
6.3 Bedeutung der Familie hinsichtlich der Sozialisation
6.4 Bedeutung der Schule
6.5 Zusammenfassung

7 Fazit und Ausblick

8 Literaturhinweise

9 Anhang
9.1 Anhangsverzeichnis
9.2 Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Zur Geschichte der Medien (chronologische Übersicht)

Abb. 2: Fernsehkonsum 8- bis 11-jähriger Kinder pro Tag in Deutschland nach sozialer Schicht

Abb. 3: Alter beim ersten Geschlechtsverkehr – Antworten der 17-Jährigen im Jahr 2005

Vorwort

Die Betreuung und die Freizeitgestaltung vieler Kinder – und das zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten – übernehmen in unserer Gesellschaft sehr oft die Medien: Ob Fernseher, Werbung, Computer, Internet, Musik, Zeitschriften – schließlich leben wir ja im „Medienzeitalter“. Doch so nimmt vor allem auch die unkontrollierte Mediennutzung zu. Ein hoher Prozentsatz der Kinder und Jugendlichen besitzt ein eigenes Handy, kann sich unkontrolliert (Gewaltoder Porno-)Videos aus dem Internet herunter laden – ob legal oder illegal spielt hierbei keine Rolle.

Letztendlich sind die Kinder den Medien ausgeliefert. Welche Eindrücke gewinnen die Kinder durch die Medien? Wer kann dies auffangen, wenn vielen Kindern AnsprechpartnerInnen1 fehlen oder den AnsprechpartnerInnen das Ausmaß und die Folgen des unkontrollierten Medieneinflusses nicht bewusst sind? Prinzipiell ist jede/r Teilhabende der Gesellschaft mit Eindrücken aus den Medien konfrontiert, doch vieles ist selbstverständlich und „normal“ geworden – empfindet man anders, gilt man als „verklemmt“ oder „prüde“ oder „konservativ“…

Auch die Art und Weise und die Methode, wie die Kinder durch die Medien aufgeklärt werden, lässt Zweifel entstehen und Fragen offen – seitens der Kinder selbst, weil die Medien ihre kindlichen Fragen nicht beantworten und Kinder oftmals gar nicht verstehen, was da eigentlich geschieht und seitens der PädagogInnen, die den Eindruck gewinnen, die Kinder und Jugendlichen wüssten bereits alles und man könne und bräuchte daher keine Aufklärung von Grund auf. In meiner ehrenamtlichen und nebenberuflichen Tätigkeit arbeite ich zusammen mit Kindern und Jugendlichen und stoße immer wieder auf von den Medien festgesetzte (sexualisierte) Normen und Rahmen innerhalb der Gesellschaft, kann mich manchmal nur „wundern“ – manchmal erschreckt es mich auch – und ich frage mich, wie sie zu dieser Auffassung kommen. Deshalb habe ich mich für das Thema „Sexualisierung der Gesellschaft – Neue Anforderungen an die Pädagogik“ entschieden.

An dieser Stelle geht mein Dank an Frau Prof. Dr. Angela Paul-Kohlhoff, deren Veranstaltungen während meiner Studienzeit meinen Blick für soziale Missstände und versteckte, manchmal nicht offensichtliche Problemfelder in unserer Gesellschaft schärften. Sie stand mir bei der Themenfindung und Literatursuche dieser Arbeit hilfreich zur Seite.

Meinen Kommilitoninnen Nicole Becker und Sarina Hemer möchte ich herzlich danken, dass sie diese Arbeit Korrektur gelesen haben und besonders meiner Freundin, Sybille Schenkelberg, die mir über die Korrektur des Manuskripts hinaus wertvolle thematische Anregungen gegeben hat.

Herzlich danken möchte ich vor allem meinen Eltern und meinem Bruder, die mich nicht nur in den Jahren meines Studiums auf vielfältige Weise unterstützt und mir zur Seite gestanden haben. In den Monaten dieser Arbeit haben sie stets die Augen mit offen gehalten und mich auf „sexualisierte Bereiche unserer Gesellschaft“ aufmerksam gemacht. Herzlichen Dank, dass ich in dieser Familie aufwachsen durfte!

2 Einleitung und Hinführung zum Thema

„[…] zu viele Heranwachsende bleiben sich selbst und dem Einfluss von Fernsehen und Internet überlassen. Und sind dadurch einer enormen Welle der Sexualisierung in den Medien ausgeliefert. Experten sehen darin die größte Gefahr für die junge Generation.“2

Warum sehen Experten in der „enormen Welle der Sexualisierung in den Medien“ die größte Gefahr für die junge Generation ? Dieser letzte Satz war ausschlaggebend dafür, dass die vorliegende Magisterarbeit über die Sexualisierung der Gesellschaft ein besonderes Augenmerk auf die Medien richtet und sich dadurch mit neuen Anforderungen an die Pädagogik beschäftigt.

Bereits der Titel des Christlichen Medienmagazins „pro“, Ausgabe 3/2007 „Die vernachlässigte Generation. Von der Sexualisierung unserer Gesellschaft“, woraus der zitierte Abschnitt entnommen wurde und das Projekt des christlichen Kinderund Jugendwerkes „Die ARCHE“ haben aufmerksam gemacht: Es werden Kinder beschrieben, die verwahrlosen, sexuell verwahrlosen oder gar misshandelt werden – sie haben keine AnsprechpartnerInnen in der Familie, denen sie sich anvertrauen und die sich ihrer annehmen. Durch instabile Verhältnisse zu Hause dürfen sie nicht mehr Kind sein – weil ihnen ein Gegenüber fehlt. Sie müssen selbst Verantwortung übernehmen. In der ARCHE treffen sie auf Erwachsene, die sich ihnen zuwenden und sich mit ihnen beschäftigen.

Hinzu kommt, dass die Kinder in einer „[…] modernen Leistungsund Mediengesellschaft […]“3 aufwachsen und die Medien einen großen Stellenwert im Leben der Kinder einnehmen und darüber hinaus großen Einfluss auf die Kinder haben. Viele Kinder sind den Medien fast schon ausgeliefert: Sie verbringen tagtäglich viele Stunden mit ihnen. Wenn es Eltern und anderen Bezugspersonen bereits schwer fällt, Kinder im Alltag zu betreuen und ihnen zu begegnen, wie erst soll es dann möglich sein, den Kindern zu helfen, die Eindrücke der Medien zu verarbeiten?

Neben Idealvorstellungen, fragwürdiger Konfliktlösung und Gewaltdarstellung ufert die Darstellung von Sexualität in den Medien völlig aus. Kindern fehlen klare Standpunkte – oder sie nehmen das für bare Münze, was sie in den Medien vermittelt bekommen. Wenn man darauf achtet, entsteht plötzlich der Eindruck, bei H&M gebe es nur Unterwäsche und Dessous. Kaum ein Werbespot beinhaltet keine sexistische, aufklärerische Darstellung der Geschlechter. Kaum ein Film handelt nicht von „Liebe“ oder gesellschaftlichen Rollenzuweisungen… Diese Aufzählung ließe sich noch weiterführen. Das Massenmedium Fernsehen bspw. sendet rund um die Uhr sexualisierte und sexistische Werbespots, Filme, Musikclips, Talkshows etc. Oder man hat mit nur einem Mausklick im Internet Zugriff auf für Kinder und Jugendliche unzulässige Seiten. Auf sie strömt alles unkontrolliert ein – doch wie sollen sie damit umgehen? Wie sollen sie es verarbeiten, wenn sie keine AnsprechpartnerInnen in der Familie oder ihrem familiären Umfeld haben?! Die Kinder bleiben sich selbst und ihren Eindrücken überlassen und können schwer mit der Sexualisierung in den Medien umgehen.

Die Familie ist eine sehr wichtige Instanz in der Entwicklung des Kindes, denn die Kindheit prägt. Die dort gesammelten Erfahrungen sind für den weiteren Lebensweg und die weitere Entwicklung des Kindes ausschlaggebend und wie sich das Kind mit der Gesellschaft auseinandersetzt. An das Leben gestellte Fragen (Fragen zu Ausbildung, Familiengründung etc.) werden auf Grundlage der Kindheitserfahrungen beantwortet.

Auch die Schule prägt das Kind und ist für die weitere Entwicklung des Kindes von hoher Bedeutung. Bereiche der Pädagogik und insbesondere der Berufspädagogik sind wichtig, weil Kinder und Jugendliche hier Unterstützung und Aufklärung erfahren. Es ist eine hohe und neue Anforderung an die Berufspädagogik, der, - im Vergleich zur außerschulischen Arbeit, die auf freiwilliger Teilnahme basiert - nahezu alle Kinder und Jugendliche der Gesellschaft in der Schule anvertraut werden. LehrerInnen fragen, was sie denn aufklären sollten – die Kinder wüssten schon alles. „Informationen über das Liebesleben sind den Jugendlichen über die Medien in aller Breite zugänglich. Auch wenn es sich teilweise um eine wenig einfühlsame Sexualaufklärung handelt, bleibt ein wesentlicher Unterschied zu früher bestehen: Die

Kenntnisse sind nicht tabu und werden nicht versteckt. Dadurch wird aus der Perspektive der Erwachsenen eine Vorstellung entwickelt, Jugendliche hätten heute einen viel leichteren und weniger beschwerlichen Zugang zu Liebe und Sexualität. Das kann zu einer erheblichen Täuschung über die Unsicherheiten und Ängste von Pubertierenden führen, für die das Sexuelle trotz aller Aufklärung ein emotionales Geheimnis ist, das jeder für sich auf seine Weise erobern und aufschließen muss. Man

kann das Sexuelle nicht kognitiv vorwegnehmen, es muss von jedem Jungen und jedem Mädchen selbst angeeignet werden.“4

Das Thema vorliegender Arbeit „Die Sexualisierung der Gesellschaft“ soll deshalb den Schwerpunkt der Sexualisierung in den Medien als wesentlichstem Einflussbereich fokussieren. Es wird deutlich, dass die Gefahr in der eigentlich unbeirrten Präsenz und permanenten Darstellung von Sexualität besteht. Die Medien übernehmen große Teile der Freizeitgestaltung, der Erziehung, eben auch der Sexualerzie- hung. Es gibt Kinder, 10-Jährige, die mit ihren Eltern zusammen pornographische Filme anschauen.5 Wo bleibt hier die Verantwortung, die die Eltern wahrzunehmen hätten ? Was geht alles mit der Sexualisierung der Gesellschaft einher und wo kann und muss die allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik ansetzen?

Zunächst soll in Kapitel 3 versucht werden, „Sexualisierung“ allgemein zu definieren, da hier weit mehr als „praktizierte Sexualität“ gemeint ist und sich die Sexualisierung auf viele Lebensbereiche ausdehnt. Anschließend soll die Entwicklung einer sexualisierten Gesellschaft aufgezeigt werden (3.2). In den darauf folgenden Kapiteln geht es um den Aspekt der Verbreitung von Verhütungsmitteln (3.3) und die Rolle der sozialen Bewegungen (Studentenbewegung und Emanzipationsbewegung) (3.4) als Gründe für die zunehmende Sexualisierung in den letzten Jahrzehnten. Im Anschluss daran soll in Kapitel 3.5 auf Auswirkungen und Folgen dieser Entwicklung eingegangen werden. Abschnitt 3.6 fasst das Kapitel zusammen.

Eine wichtige Rolle in der ständig wachsenden Präsenz der sexualisierten Gesellschaft spielen die Medien, auf denen ein besonderer Fokus in Kapitel 4 liegen soll.

Kapitel 4.1 richtet einen kritischen Blick auf die Rolle der Massenmedien, da diese von sehr vielen genutzt werden und sie durch Bilder, Eindrücke und Normen die Idole und Vorbilder vieler Kinder und Jugendlichen zeigen. Auch die Verbreitung von Schönheitsstandards oder die Idealisierung von Attraktivität werden durch die mediale Verbreitung begünstigt, weshalb Kapitel 4.2 auf die Gefahren medialer Verbreitung aufmerksam macht. Im Hinblick auf den Fernsehkonsum von Kindern und Jugendlichen beleuchtet Kapitel 4.3 den permanenten Einfluss des Fernsehens. Medien enthalten Ausprägungen von Geschlechterstereotype, weshalb Kapitel 4.4 Beispiele für männliche (4.4.1) und weibliche (4.4.2) Ausprägungen aufzeigt. Als wachsendes und von Kindern und Jugendlichen häufig genutztes Medium soll das Internet hinsichtlich Sexualisierung beleuchtet werden (4.5). In Bezug auf Jugendliche spielt die Musik eine große Rolle, welche am Beispiel der Musikstilrichtung Deutscher Hip Hop behandelt wird (4.6). Im Anschluss daran steht eine Zusammenfassung (4.7).

Die Sexualisierung der Gesellschaft zieht Folgen nach sich, die in Kapitel 5 behandelt werden. Aspekte der Jugendsexualität sollen bzgl. wandelnder Moral und fallender Schamgrenze betrachtet werden (5.1). Die Sexualisierung der Geschlechter (5.2), insbesondere die Auswirkungen für Mädchen im Kontext der Medien (5.2.1) stehen in einem kritischen Licht. Als eine weitere Folge der Sexualisierung der Gesellschaft ist die Pornosucht zu nennen, die durch zunehmend vereinfachte Mediennutzung begünstigt wird (5.3). Als letzten Punkt des Kapitels fasst Abschnitt 5.4 die Ergebnisse zusammen.

Die durch die zunehmende Präsenz der Sexualisierung in der Öffentlichkeit wachsenden Anforderungen an die allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik sollen in Kapitel 6 in die Bereiche der Sexualerziehung und Sexualpädagogik (6.1) und die Erziehung zur Medienkompetenz (6.2) unterteilt werden. Nach Baacke6 lassen sich die pädagogischen Handlungsräume in drei Bereiche gliedern, was auch in dieser Arbeit der Fall sein soll: Familie, Schule und außerschulische Handlungsräume. Bzgl. der Sexualerziehung und Sexualpädagogik sind dies die Sexualerziehung in der Familie (6.1.1), in der Schule (6.1.2) und die außerschulische Sexualerziehung (6.1.3). Die Erziehung zur Medienkompetenz wird nur in den Bereichen der Familie (6.2.1) und der Schule (6.2.2) diskutiert, da sich in der außerschulischen Erziehung vieles wiederholt. Die Bedeutung der Familie hinsichtlich der Sozialisation soll in Kapitel 6.3 besonders hervorgehoben werden und in einem entwicklungspsychologischen Abriss (nach Erikson) soll die Rolle der Eltern als wichtige Bezugspersonen und Vorbilder in der Entwicklung des Kindes beschrieben werden. Auch der Schule wird eine besondere Bedeutung beigemessen, da diese insbesondere für die Kinder wertvoll sein kann, denen Bezugspersonen und Vorbilder in der Familie fehlen (6.4). Kapitel 6.5 fasst die „Neuen Anforderungen an die Pädagogik“ zusammen.

Die Arbeit schließt mit Kapitel 7, welches ein Fazit und einen Ausblick über die wichtigsten Inhalte der Arbeit hinsichtlich der neuen Anforderungen an die Pädagogik zieht.

3 Sexualisierung der Gesellschaft

3.1 Allgemeine Definition

„Als Sexualisierung bezeichnet man dem Wortsinne nach

- die Fokussierung bzw. Hervorhebung der Sexualität innerhalb eines umfassenderen Kontextes
- die Betrachtung eines Objektes unter sexuellen Gesichtspunkten bzw. unter dem Aspekt der Sexualität, besonders wenn dieses Objekt diese Betrachtung von sich aus nicht evoziert.“7

Man wird in Alltag, Beruf, Schule, Politik, Fernsehen, Kino, Radio, Zeitungen, Anzeigen in Zeitungen, Handyclips, Musik, Videoclips, Werbung (z.B. auch in der Nahrungsmittelindustrie), Sport, Mode, Zeitschriften, Büchern, Filmen, Internet, Trägerund Telemedien8 mit Sexualität konfrontiert, auch wenn man es gar nicht beabsichtigt und auch wenn dargestellte Objekte dies von sich auch nicht hervorrufen. Hierbei ist die Sexualisierung als Strategie zu verstehen, Männlichkeit und Weiblichkeit

zu konstruieren. Die heterosexuelle Ordnung zeigt sich z.B. bei Beschriftungen von Toiletten. Neutralen Situationen werden Konnotationen zugeteilt, welche die Mäd- chen oder Jungen zu Zuschreibungen des anderen Geschlechts machen.9 Meist spiegelt die heterosexuelle Ordnung der Geschlechter auch deren hierarchische Anordnung. Frauen werden in Darstellungen oft über den Mann definiert; der Mann hingegen ist auch allein zu denken. Im Falle von Sex-Darstellungen oder gar Pornografie meint dies bspw., dass die Frau als passives, sich unterordnendes Objekt dargestellt wird, der Mann als Handelnder, als Aktiver. Menschen werden als Objekte sexualisierender Zuschreibungen markiert und heterosexuelle Matrix werden fest geschrieben.

Um diese Gedanken weiterzuführen, soll nun die „Sexualisierung der Gesellschaft“ beleuchtet werden. „Als Sexualisierung der Gesellschaft bezeichnet man die ständige (bzw. ständig wachsende) Präsenz von Sexualität in der Öffentlichkeit, in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und im Bewusstsein der Menschen. Verantwortlich dafür sind eine Vielzahl sozialer Faktoren, unter anderem:

- mediale Verbreitung (z.B. durch Fernsehen, Internet) von Schönheitsstandards; Idealisierung von Attraktivität und Lustgewinn begünstigen durch die Breitenwirkung und Akzeptanz in der Bevölkerung diese Entwicklung

- Einführung von Verhütungsmitteln (insbesondere der Pille und des Kondoms), die Geschlechtsverkehr unabhängig von seinen natürlichen Konsequenzen (Schwangerschaft, Übertragung von Krankheiten) ermöglichen und damit dem Ausleben der Lust Vorschub leisten
- soziale Bewegungen wie
- die Studentenbewegungen der 68er, die sich gegen überkommene Konventionen wehren und eine neue Freiheit und neue Werte propagieren (,Sex & Drugs & Rock'n Roll’)
- die Emanzipationsbewegung der Frau, die soziale Rechte einfordert, das herkömmliche Rollenverständnis revolutioniert und das (auch sexuelle) Selbstbewusstsein der Frau in Richtung Unabhängigkeit und Eigenständigkeit neu begründet.“10

Durch einen immer lockereren Umgang mit Sexualität in den letzten Jahrzehnten konnten Tabus gebrochen und freizügiger gelebt werden. Hierbei ist es schwierig zu sagen, welche Faktoren sich bedingten (z.B. Verhütungsmittel die Studentenbewegung oder umgekehrt). Fest steht aber, dass es die Medien sind, die solche Entwicklungen in den Fokus stellten. Diese Kennzeichen der sexualisierten Gesellschaft und daraus kristallisierende Folgen bedingen sich. Daher sollen zunächst die ständig wachsende Präsenz der Sexualität in der Öffentlichkeit, der gesellschaftlichen Wahrnehmung und im menschlichen Bewusstsein herausgearbeitet werden und die Kinder und Jugendlichen im Blick haben.

3.2 Entwicklung einer sexualisierten Gesellschaft

Ein kleiner Exkurs in die 1990er Jahre verdeutlicht die wachsende Präsenz der sexualisierten Gesellschaft und im menschlichen Bewusstsein. Die Jugend wird in Discos mit Transvestiten-Shows, Sado-Maso, Gummi-Kleidung oder Männer-Strip konfrontiert. Seit Beginn dieses Jahrzehntes gibt es zunehmend mehr Veranstaltungen, die 30 Jahre früher tabu gewesen wären: „München meldete ,Fake Orgasm Parties’ im Babalu Club. Dabei simulierten Freiwillige auf der Bühne möglichst naturnah Orgasmen und konnten sich so attraktive Preise erstöhnen. Die Reihe mußte abgesetzt werden, weil zu viele Spanner aufliefen, die anschließend auf der Toilette handgreiflich wurden. In Schweden wurden Luft-Sex-Partys veranstaltet, bei denen man möglichst lebensecht mit einem imaginären Partner kopulieren mußte. Aus Paris drang die Kunde von – allerdings nicht öffentlichen – Feten mit Masturbationsspielchen. In der New Yorker Disco ,Limelight’, einer ehemaligen Kirche, gibt es ein Loch in der Wand, in das man auf gut Glück seinen Penis stecken kann. Und überall wimmelte und wimmelt es von Sado-Maso (S/M) und Bizarr-Partys. Weibliche Gäste, die oben ohne oder mit mehr oder weniger transparenten Hemdchen auftauchen, sind sowieso schon an der Tagesordnung. Das frivole Spiel mit den Tabus hat Hochkonjunktur.“11

Bis zu Beginn der 90er hatten Homosexuelle längst ihre Coming-outs gefeiert, auf den Privatsendern liefen Soft-Pornos und man war auf weitere „Sex-Themen“ gespannt. Während man noch zu Beginn dieses Jahrzehntes auf die Sensationspres-

se angewiesen ist, um etwas über SadistInnen, MasochistInnen, FetischistInnen zu erfahren, leben wir mittlerweile in einer Welt der Reizüberflutung, in der die ReporterInnen nicht mehr heimlich in unseriösen Folterkellern auftauchen müssen, um ü- ber „Sado-Maso“ zu berichten. Mode -Kollektionen von Jean-Paul Gaultier oder Thierry Mugler helfen mit neuen Gummi-, Lackund Leder-Reizen nach, welche an Partys präsentiert werden. Hier gehe es nur ums Schauen, onaniert werde heimlich – viele wollen gucken, sich aber im Hintergrund aufhalten. „Im Zuge des Voyeurismus verlieren der partnerschaftliche Sex und die Prostitution stark an Bedeutung, dafür boomt

– auch bei Jugendlichen – die isolierte Handarbeit. [...] Selbstbefriedigung ist mittlerweile auf breiter Ebene selbstverständlich geworden. Nach einer Umfrage des Magazins ,Prinz’ bei 1352 deutschen Männern zwischen 18 und 23 onanieren nur etwa 5 Prozent der Befragten nie, dafür aber fast 30 Prozent täglich.“12 Telefonsex nimmt zu, Menschen strömen in die Videotheken zum Pornofilme-Verleih, über einen Decoder ist der erste Porno-Kanal Deutschlands von Teresa Orlowski zu empfangen, das

in allen Medien vorgestellte Phänomen „Cyber-Sex“ erregt Neugierde – gefühlsechte, am Körper angebrachte Sensoren, übertragen per Computer sexuelle Stimulationen, machen Lust auf neue (bisher unbekannte) SexualpartnerInnen.13 Doch auch Maschinen können die Begierden von Personen nicht ausfüllen: „Computer werden am Beginn des 21. Jahrhunderts Sexualpartner sein, was ihre Liebhaber und Liebhaberinnen aber – entgegen aller Befürchtungen – nicht daran hindern wird, auch andere zu haben: Frauen, Männer und vielleicht auch Menschen, deren Geschlecht heute noch nicht einmal einen Namen hat.“14

Die beiden Comic-Figuren „Beavis & Butterhead“ behelligen mit ca. 50 Vokabeln das Fernsehprogramm MTV – sie haben nur Zerstörung, Heavy Metal und Sexphantasien im Kopf. Es gibt Fanartikel und CDs. Auch „Eine schrecklich nette Familie“ auf RTL hat viele junge ZuschauerInnen und das, obwohl die Sendung nachts um halb eins ausgestrahlt wird. Hier geht’s um Egoismus, Sexismus, Materialismus und Zynismus: „Die Bundys verkörpern den Idealtypus einer zynischen amerikanischen Vorstadtfamilie: Vater Al ist ein impotenter Damenschuh-Verkäufer, der weiß, daß er vom Leben nichts mehr zu erwarten hat. Seine Frau Peggy weiß das ebenfalls, ist aber selbst allenfalls dazu in der Lage, das mühsam verdiente Geld für Kleider aus-

zugeben. Tochter Kelly, genannt ,Dumpfbacke’, kann zwar kaum lesen und schreiben, sieht aber mit 14 schon aus wie eine Sex-Bombe – die Jungs wissen’s zu schätzen. Und der kleine Sohn Bud läßt sich dafür bezahlen, daß er Kellys Abenteuer für sich behält.“15

3.3 Rolle der Verbreitung von Verhütungsmitteln

Durch die Einführung und Verbreitung von Verhütungsmitteln wurde der Sexualität in der Öffentlichkeit ein großer Stellenwert beigemessen. Die Einführung von Verhü- tungsmitteln, insbesondere der Anti-Baby-Pille (die erste Anti-Baby-Pille „Enovid“ kommt 1960 in den USA auf den Markt16) und des Kondoms ließen das „Risiko“ einer Schwangerschaft oder Geschlechtskrankheit kleiner werden und der seit den 1960ern propagierten sexuellen Lust konnte nachgegeben werden. „Etwa 80 Prozent

der Westeuropäer benutzen mittlerweile Verhütungsmittel. Insofern ist die geplante Sexualität bereits ein Massenphänomen, das nahezu alle Altersund Gesellschaftsschichten umfasst. Heute kennt jedes Kind die Wirkungsweise von Damenbinden aus der Fernsehwerbung. Der Nutzen von Kondomen wird auf bunten Plakatwänden zuhauf demonstriert ebenso wie der praktische Einsatz von Schwangerschaftstests.“17 Auf Grundlage dieses Wissens überrascht das Ergebnis einer Studie aus

England aus dem Jahr 1999, wonach 25% der befragten Teenager glaubten, die Pille schütze auch vor Aids und anderen Sexualkrankheiten.18 „Hier stellt sich die Frage, ob der vermeintliche Medieneinfluss vielleicht doch nicht so groß ist, wie man ihm häufig gerne unterstellt?“19

Die Tatsache, dass Medien einen großen Einfluss haben, steht außer Frage. Es stellt sich jedoch die Frage nach dem wie. Wie wird in den Medien „aufgeklärt“? Wenn es denn in Fernsehfilmen um Verhütung geht, dann überwiegend, um nicht schwanger zu werden und nicht, um einer Geschlechtskrankheit vorzubeugen! Als Ende der 80er das Thema AIDS „propagiert“ wurde, fürchtete sich die Gesellschaft, denn nach den Medien zu urteilen, könnten sich alle infizieren. Sigusch merkt an, dass es kaum korrekt veröffentlichte Daten zu Infizierungsraten gegeben hatte.20 Noch dazu gab es keine Anhaltspunkte darüber, wie sich die Menschen infiziert hatten – ob tatsächlich durch sexuelle Kontakte, oder durch unsteriles Besteck oder gar Blutkonserven etc. Auch zu sagen ist allerdings, dass noch keiner anderen Krankheit eine solche Vergesellschaftung beigemessen worden sei.21 Doch auf Folgendes sei hingewiesen: „In Deutschland lebten nach aktuellen Angaben des Robert-Koch-Institutes Ende 2006 ca. 56.000 Menschen mit HIV. Jedes Jahr kommen rund 2.600 neue Infektionen hinzu. Die HIV-Neudiagnosen steigen seit dem Jahr 2000 wieder an – besonders stark

von 2004 auf 2005. Etwa drei Viertel der HIV-Infizierten sind Männer, etwa ein Viertel Frauen. 90% der HIV-Infektionen werden sexuell übertragen. Gut zwei Drittel aller Infektionen in Deutschland heute sind auf ungeschützten Sex zwischen Männern zurück zu führen.“22

Zu den Teenagerschwangerschaften sei kurz gesagt, dass in den Jahren 2005 und 2006 acht von 1000 15- bis 17-jährigen Frauen schwanger wurden. Von diesen acht trugen drei bis vier Frauen das Kind aus und fünf entschieden sich für einen Schwangerschaftsabbruch.23 Insgesamt bedeutet dies, dass bei in Deutschland lebenden Minderjährigen von den registrierten Schwangerschaften 6592 Lebendgeborene und 7230 Schwangerschaftsabbrüche verzeichnet werden. Die „Quote“ der Schwangerschaftsabbrüche auf 1000 Frauen liegt bei 1097.24

Die „Aufklärung“ scheint also fragwürdig zu sein. Daher verwundert das Ergebnis der Studie von 1999 in England nicht. Während Moral und Sitte zunehmend entmoralisiert werden, immer freizügiger umgegangen wird, bleibt Sexualität andererseits ein Tabuthema, z.B. in Bezug auf AIDS oder Teenagerschwangerschaften.

3.4 Die Rolle der sozialen Bewegungen

Die 68er Studentenbewegung und die Emanzipationsbewegung der Frau haben dazu beigetragen, dass freie Liebe und sexuelle Freiheit propagiert wurden, entgegen der bisherigen Vorstellungen von „Zwangsehe“ und dauerhafter Monogamie. Wenn sich ihre Forderungen auch auf dem Boden von gesellschaftlichen Begebenheiten ansiedelten, so war die Studentenbewegung der Vorläufer der Frauenbewegung, welche die Forderungen in die Rechte der Frau dann in die politische Debatte einbrachte.

3.4.1 Die Studentenbewegung

Insbesondere die Liberalisierungsprozesse der späten 60er und frühen 70er Jahre können als „sexuelle Revolution“ bezeichnet werden.25 So wurde z.B. durch öffentlichkeitswirkende Demonstrationen eine „[…] radikale Befreiung von sexuellen Zwängen zur zentralen Bedingung für eine Demokratisierung der Gesellschaft […]“26, auch wenn die Frauenbewegung später kritisch anmerkt, dass die sexuelle Praxis der Zeit selten revolutionär und selten lustvoll war.27 Drei Aspekte der Studentenbewegung haben die antiautoritäre Revolte angestoßen und die Sexualität nachhaltig geprägt:28

- die Ideologie der Befreiung der Sexualität
- die Politisierung der Sexualität
- Lust als Imperativ der Sexualität

Die Ideologie der Befreiung der Sexualität

Die vorherrschende traditionelle Sexualmoral war, die Sexualität auf die Ehe zu beschränken und die Familie als „Kontrollzelle“ zu sehen. Die Studentenbewegung forderte eine Befreiung der Sexualität von dieser bisherigen Sexualmoral. Die Sexualität sollte von den Zwängen der Reproduktion, den äußeren Einschränkungen und Normierungen befreit werden. Durch die Entwicklung und Verbreitung der Verhütungsmittel konnten Lust und Fortpflanzung voneinander getrennt werden. Die herrschende Sexualmoral wurde über die universitären Grenzen hinaus weitgehend aufgelöst, Ehe und Liebe von Sexualität getrennt; letztendlich wurde die Sexualität enttabuisiert und neu definiert. Die Gesetze zu Homosexualität, Abtreibung und Pornografie wurden in vielen westlichen Ländern liberalisiert. Die Masturbation „[… ] gilt nicht mehr als gesundheitsschädliche und unmoralische Ersatzbefriedigung, sondern ist fast zu

einem Gebot im Rahmen einer natürlichen sexuellen Entwicklung geworden.“29 1976 kam es letztlich zur Abschaffung des Verbots der Pornografie, nachdem man in den 70er Jahren davon ausging, dass Pornografie harmlos sei und sie somit als ungefährliche Angelegenheit präsentiert wurde.30

Die Politisierung der Sexualität

Die sexuelle Revolution schuf letztendlich eine „Utopie der befreienden Sexualität“. So konnte Sexualität öffentlich (z.B. Rock and Roll) und politisch werden, da sie auch auf gesellschaftlichen Voraussetzungen aufbaute. Konservative Personen sahen in der Befreiung der Sexualität den „Untergang des Abendlandes“; Studierende sahen in ihr die „Geburt eines neuen Menschen“.31

Lust als Imperativ der Sexualität

Der Paradigmenwechsel von der Fortpflanzung zur „Lust“ ist von großer Bedeutung, denn diese betrifft ausschließlich die Individuen selbst. Die Sexualmoral ist abgelöst von der Verhandlungsmoral: Gleichwertige Geschlechtspartner sollen Sexuelles nun gewaltfrei klären, ihre Vorlieben kommunizieren, ihnen gerecht werden und gemeinsam entscheiden, was geschehen darf und soll: „Ob hetero-, homo-, oder bisexuell, ehelich oder außerehelich, genital, anal oder oral, zart oder ruppig, bieder oder raffiniert, sadistisch oder masochistisch – all das ist moralisch ohne Belang. Von Be-

lang ist, dass es ausgehandelt wird.“32 Durch die „neue Sexualmoral“ können früher diskriminierte sexuelle Vorlieben gesellschaftliche Anerkennung finden. „Perversionen verlieren ihren perversen Charakter, indem sie einvernehmlich vorgenommen und stolz geoutet werden. Als einzige sexuelle Besonderheit bleibt die Pädophilie ausgeschlossen, weil sie die Verhandlungsmoral verfehlt. Kinder können wegen des Machtungleichgewichts nicht in Freiheit zustimmen.“33

Den „Risiken“ der Sexualität müssen sich fortan beide Partner stellen. Der Aspekt des Orgasmus’ bekommt einen neuen Stellenwert: „Das Orgasmusparadigma markiert einen Bedeutungswandel des Sexuellen, in dem nicht mehr der heterosexuelle

Vaginalverkehr, sondern eben der Orgasmus als zentrale Bezugsgröße für gelungene Sexualität herangezogen wird.“34

Die Frauenbewegung nahm das „Lustparadigma“ auf und brachte diese in die politische Debatte um weibliche und männliche Wünsche und Vorlieben ein, denn nun hatten ja auch die Frauen ein Recht auf Lust und sexuelle Teilhabe.

3.4.2 Die Emanzipationsbewegung

Die Frauenbewegung baute auf den Protest der Studentenbewegung im Hinblick auf die „[…] Unterdrückung der weiblichen sexuellen und emotionalen Bedürfnisse im Patriarchat“35 auf. Das Geschlechterverhältnis wurde als Herrschaftsverhältnis von Frauen und Männern benannt, da „[…] gerade im Sexuellen das Geschlechterverhältnis als Herrschaftsverhältnis von Männern über Frauen reproduziert wird.“36 „Die meisten Details im sexuellen Bereich mündeten z.B. in der zusammenfassenden Aussage: ,Jungen nehmen Liebe in Kauf, um Sex zu kriegen und Mädchen nehmen Sex in Kauf, um Liebe zu bekommen.’“37

Sexuelles wurde erstmals in einen gesellschaftlichen und öffentlichen Kontext gerückt. Selbstbestimmung der Frauen und über den eigenen Körper (§ 218 StGB) wurden zur politischen Debatte, da weibliche Sexualität als eigenständige Sexualität

– entgegen der männlichen Sexualität – fokussiert werden sollte. Durch die Thematisierung der weiblichen Sexualität in den 80er Jahren konnte sie aufgewertet werden (Zärtlichkeit und Liebesorientierung als Paradigmen weiblicher Sexualität): Der emotionalen Ebene wurde eine größere Bedeutung beigemessen als der moralischen. Der „[…] breite Diskurs über die Gewaltpotenziale des Sexuellen in den 80er Jahren erreichte eine Sensibilisierung für Geschlechterkonflikte.“38 „Die feministische Theorie, die sich in den 80er Jahren entfaltete, analysiert männliche Sexualität zunehmend als Machtund Unterdrückungsinstrument: Vergewaltigung, Pornografie, sexuelle Belästigung, Sexismus in der Sprache, im Alltag und in den Medien sowie sexueller Missbrauch wurden zu zentralen Themen.“39 Die aggressive Seite der Sexuali- tät konnte also von der zärtlichen gelöst und in die öffentlichen Debatten eingebracht werden.

Ein neuer Diskurs konnte eintreten – ein von Frauenund Schwulenbewegung getragener Selbstbestimmungskurs, der „Equal-Rights-Diskurs“. Die Sexualität wurde in den Mittelpunkt einer Identitätskonstruktion gestellt, sodass ab den 90ern Sexualität und Geschlecht voneinander getrennt werden konnten.

Sigusch bezeichnet diese Neukonstruktion als „neosexuelle Revolution“. Begrifflich werden hier Phänomene wie die „[…] Medikalisierung der Sexualität durch einen wachsenden Markt an Potenzmitteln; die Normalisierung ehemaliger Perversionen; die Kommerzialisierung sexueller Erlebnismöglichkeiten von Partneragenturen und Flirtschulen über Sex-Shops und Telefonsexanbieter zu Rave-Partys und Cyber-Sex sowie die allgegenwärtige Präsenz der Sexualität in der Öffentlichkeit und in den

Medien“40 zusammengefasst. Die Sexualität gibt es nicht mehr, denn Neosexualitä- ten bestehen vor allem aus Geschlechterdifferenz, Selbstliebe, Thrills und Prothetisierung.41 „Gleichzeitig ist ,Geschlecht heute nicht mehr Geschlecht, sondern wird differenziert nach Körpergeschlecht, Geschlechtsrollenverhalten, Transgenderismus, Geschlechtsidentität usw.’“42 Sexualität wurde relativiert, denn beinahe alle Wünsche sind erfüllbar. So ist Sexualität zum Event geworden, das verhandelt, konsumiert und in einigen Fällen auch durch diverse andere Erlebnismöglichkeiten ausgetauscht wird.

3.5 Auswirkungen und Folgen

In weiten Bereichen der Gesellschaft, den Medien und der Werbung wird immer wieder der Verfall von Sitte, Anstand und Moral thematisiert und beklagt: „Nackte Haut in der Werbung sei allgegenwärtig, die Medien sexistisch, die Sprache obszön, die Mode ordinär.“43 Der Wertewandel wirkt sich auf die Gesellschaft aus und prägt sie – immer mehr Lebensbereiche werden von der Sexualität beeinflusst. Eigentlich bzgl. der Talk-Shows am Mittag und Nachmittag kein Wunder, denn solche Art von Fernsehen verderbe „[…] die Jugend, zerrütte die sexuellen Sitten, entweihe die Ero-

tik, unterhöhle das Schamgefühl und banalisiere die Liebe.“44 Auch die Sprache hinsichtlich sexueller Begriffe wird deutlicher und direkter: Jendrosch schreibt von einer Studie der US-Tageszeitung USA Today (vom 04.01.1999), welche bezüglich der Berichterstattung über die „Sex-Affären“ Bill Clintons zeige, dass Begriffe wie „Sperma“ oder „Oralsex“ – in den 70er Jahren noch vereinzelt aufgetreten – zunehmend häufiger in US-Tageszeitungen verwendet würden.45 Warum darf und wird das Liebesleben des US-Präsidenten in einem solchen Ausmaß öffentlich diskutiert? Sich- termann fokussiert die Tatsache, dass es noch vor 12 Jahren schwer gefallen sei, über Sexualität zu sprechen, da damals noch die Frage im Raum stand, ob man ü- berhaupt über Sexualität sprechen könne. Heute sei erschreckend, wie leicht es falle, über Sexualität zu sprechen „[…] vor allem in den Medien, vor allem im Fernsehen.“46

Eine weitere Auffälligkeit bezüglich ständiger Präsenz der Sexualität in der Öffentlichkeit ist, dass wir nicht nur im Medienzeitalter leben, sondern dass „Sexualität“ in der „Leistungsgesellschaft“ gemessen wird.47 Dies zeigen bspw. große Nachfragen nach der Potenzpille Viagra oder Schlankheitspillen. Hormonelle Haarwuchsmittel animieren zur gesellschaftlichen Teilhabe und wecken Hoffnung auf

körperliche Attraktivität, „Sex Appeal“ und Jugendlichkeit. Schminkaccessoires und Kosmetik lassen die Kassen klingeln. „Sexuelle Bedürfnisse“ der KundInnen werden auch von der Werbung registriert und in Marketingstrategien umgesetzt – so finden sie z.B. Einzug in die Nahrungsmittel-, Kosmetik-, Tabakund Pharmaindustrie oder in die Mode. Das menschliche Bedürfnis nach Sexualität, nach einem den Schönheitsstandards entsprechenden Körper, will gestillt werden und so wird es geschickt mit den Grundbedürfnissen verbunden: „Die Sexualität ist ein Fundamentalbedürfnis mit eben einer solchen Kraft, primitiv aber mächtig. Das erkannte in den 60er Jahren auch der Psychologe Maslow, der die Sexualität dem Hunger-, Durstund Schlafbedürfnis gleichstellte. Aber auch in neueren Studien führt bei der Frage nach den

wichtigsten Bedürfnissen kein Weg am Sex vorbei.“48

Sexualität und Sexualisierung nehmen in Gesellschaft und Wirtschaft einen gro- ßen Stellenwert ein. „In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der Begriff zu einem Schlagwort der gesellschaftlichen Entwicklung geworden.“49 Eine Phrase taucht hierbei immer wieder auf: „Sex sells“. Es ist in weiten Bereichen der Wirtschaft als Werbemotto zu vernehmen:50 Pornografie (Videos, Bilder, Dateien, Hefte), Erotographie (Magazine, Sex-Heftchen, erotische Literatur, erotische Filme, Kunst), Spielzeug (Massagegeräte, Puppen), Hilfsmittel (Erektionshilfen, Kondome), Mode/Schmuck (Dessous).

Populär sind inzwischen auch „Dildo-Partys“, an denen eine Beraterin Sexspielzeug vorstellt und die privat Zuhause durchgeführt werden. In einer Reportage heißt es, man könne uneingeschränkt einkaufen und mit den Dildos das Badezimmer dekorieren. Erkenne die Schwiegermutter, dass es sich um einen Dildo und keine Dekorationsartikel handele, so schweige sie, da sie sich sonst verraten würde, den Gegenstand einordnen zu können. „Sich selbst zu befriedigen ist in. Früher wurde vor den Folgen der ,Selbstschändung’ und ,Selbstbefleckung’ gewarnt, heute dagegen wird die Masturbation zur Entspannung bei Stress, Kopfund Menstruationsbeschwerden

angeraten oder gehört schlicht zum Genuss.“51 Laut einer Emnid-Untersuchung im

Auftrag des SPIEGEL im Jahr 1998 wissen 66% der jugendlichen Deutschen zwischen 12 und 19 Jahren, wozu ein Dildo dient. Bei den unter 15-Jährigen wissen 37% der Mädchen und 52% der Jungen, was ein Dildo ist.52 Sexualität gilt als Freizeitbeschäftigung und wird kommerzialisiert. Nicht nur medizinische Eingriffe wie z.B. Gliedversteifungen53 werden vorgenommen. „Immer mehr sexuelle Fragmente und Nöte werden in die Warenförmigkeit gepresst. Flirtschulen, Partnervermittlungen oder Hersteller von Sadomasochisten-Möbeln bieten ihre Dienste an.“54

Während Dienstleistungen von Prostituierten in Luxushotels ein offenes Geheimnis sind, sich die Hotelbranche auf den Verleih von Pornofilmen eingestellt hat (nach Jendrosch geben deutsche Hotelgäste pro Jahr ca. 60 Mio. DM für den Konsum von

Pornofilmen auf dem Hotelzimmer aus), sind die Dienste von Seitensprungagenturen angewachsen. Anreizend für hetero-, homooder bisexuelle Bedürfnisbefriedigung ist es, anonym bleiben zu können und sich z.B. über das Internet zu melden, da ein Seitensprung mit der Tugend „Treue“ konkurriert und nicht ins gesellschaftliche Bild passt. Die Gesellschaft ist schockiert, wenn etwas an die Öffentlichkeit dringt. Wenn Personen des öffentlichen Lebens hohe Telefonsexgebühren haben, sinkt das Pres- tige. Doch hatte Telefon sex bereits in den 90er Jahren einen immensen Erfolg. Nach Janke und Niehues wählten täglich etwa 70.000 Anrufer55 die Hotlines der in Inseraten angegebenen Nummern. Für – damals noch – ca. 3 DM pro Minute konnte man den „Service“ in Anspruch nehmen. Man konnte entweder mit anderen TeilnehmerInnen eine Konferenzschaltung haben oder den individuellen Service bekommen, wie z.B. das „Blaskonzert“ von „Sex Explosion“.56 Heutzutage kann das Telefon vom Bildtelefon oder der Webcam abgelöst werden. Abstrus eigentlich, denn der sexualisierte Gesellschaftswandel wird einerseits zwar im Verborgenen toleriert, aber im Persönlichen diskret vermieden. Andererseits wird er geahndet und löst demgegen- über in der Realität Entsetzen aus. In der Wirtschaft boomt er jedoch im entsprechenden Sektor. Konzernchefin Beate Uhse sagte 1999 im Interview: „,Vor 50 Jahren war Anonymität alles. Schaden kann sie auch heute nicht. Unseren Kunden garantieren wir sie selbstverständlich. So haben beim Versand die Briefe und Päckchen kei-

nen Absender. Dennoch hat sich das Verhältnis der Gesellschaft zur Firma sehr verändert. Wenn ich vor 15 Jahren im Flugzeug einen Geschäftsmann kennenlernte, fand der mein Geschäft zwar interessant, aber immer mit dem Zusatz: ,Ich habe natürlich noch nie bei Ihnen gekauft!’ Heute sagen die Menschen durchaus: ,Ach, Sie sind Beate Uhse. Dass ich Sie endlich mal kennenlernen darf. Ich kaufe auch bei Ihnen ein.’’ Auch wenn sich die sexuelle Toleranz insgesamt erhöht zu haben scheint, so liegt die Erfolgsformel für Uhses Vorstandskollegen Hofmann beim Inter-

netsex tatsächlich nach wie vor im Kundenbedürfnis nach ,Anonymität, leichter Zugänglichkeit und Folgelosigkeit’.“57

[...]


1 In dieser Magisterarbeit werden die Vorschläge der feministischen Linguistik für eine geschlechtergerechte Sprache umgesetzt. Entgegen der geltenden Orthographie wird die Binnen-I-Schreibung angewendet.

2 Nieswiodek-Martin o.J., 4

3 Haffner/Roos/Stehen/Klett/Resch o.J., 16

4 nach Schröder o.J., 293

5 Siggelkow/Büscher 2007, 176

6 vgl. Baacke 2003, 291-310

7 http://de.wikipedia.org/wiki/Sexualisierung, zuletzt abgerufen am 02.02.2008

8 Diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch zur Vollständigkeit.

9 vgl. Budde/Faulstich-Wieland o.J., 46

10 http://de.wikipedia.org/wiki/Sexualisierung, zuletzt abgerufen am 02.02.2008

11 Janke/Niehues 1995, 153-154

12 ebd., 156+157

13 vgl. ebd., 157

14 Schetsche o.J., 186-187, hier sind auch interessante Aspekte zum Thema Cybersex zu finden.

15 Janke/Niehues 1995, 176

16 vgl. Sigusch 2005, 41

17 Jendrosch 2000, 29

18 vgl. ebd., 29

19 ebd., 29

20 Sigusch 2005, 148ff.

21 vgl. ebd., 157

22 http://www.gib-aids-keine-chance.de/themen/fakten/verbreitung.php#a-71, zuletzt abgerufen am 28.03.2008

23 Block/Matthiesen o.J., 12

24 Laue o.J., 10

25 vgl. Baacke 1987, 172

26 vgl. Sielert 2005, 18-19

27 vgl. Matthiesen 2007, 61

28 vgl. ebd., 62-65

29 ebd., 62

30 vgl. Meves/Schirrmacher 2000, 101 und Ertel 1990, 11-14

31 vgl. Matthiesen 2007, 63

32 nach ebd., 64

33 Sielert 2005, 57

34 Matthiesen 2007, 65

35 ebd., 65-66

36 ebd., 66

37 Sielert 2005, 72

38 Matthiesen 2007, 66-67

39 ebd., 66

40 ebd., 68

41 ebd., 69

42 nach ebd., 68-69

43 Jendrosch 2000, 41

44 Sichtermann o.J., 257

45 vgl. Jendrosch 2000, 41-42

46 Sichtermann o.J., 252

47 vgl. Haffner/Roos/Stehen/Klett/Resch o.J., 16

48 Jendrosch 2000, 11

49 http://de.wikipedia.org/wiki/Sexualisierung, zuletzt abgerufen am 02.02.2008

50 vgl. Jendrosch 2000, 97

51 Roth 2007, 21

52 vgl. Roshani 1998, unter http://paedpsych.jku.at:4711/LEHRTEXTE/PUBERTAETVERSCHWINDEN/PubertaetVerschwinden.ht ml, zuletzt abgerufen am 30.01.2008

53 vgl. nach Matthiesen 2007, 69

54 Sigusch 2005, 17

55 Für die Autorin dieser Arbeit ist es nicht ersichtlich, ob es sich bei der Schätzung ausschließlich um Männer oder Männer und Frauen handelt.

56 vgl. Janke/Niehues 1995, 156f

57 nach Jendrosch 2000, 13-14

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Sexualisierung der Gesellschaft. Neue Anforderungen an die Pädagogik
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
92
Katalognummer
V115114
ISBN (eBook)
9783640174409
ISBN (Buch)
9783640174577
Dateigröße
2066 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualisierung, Gesellschaft, Neue, Anforderungen, Pädagogik
Arbeit zitieren
M.A. Jessica Schumacher (Autor), 2008, Sexualisierung der Gesellschaft. Neue Anforderungen an die Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115114

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