Franz Brentano über das Verhältnis der deskriptiven Psychologie zur genetischen Psychologie


Hausarbeit, 2021

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die Grundbegriffe
2.1 Brentanos Verständnis von Psychologie
2.2 Die Unterscheidung psychischer und physischer Phänomene

3. Die zwei Disziplinen der Psychologie und ihr Verhältnis zueinander .
3.1 Genetische Psychologie
3.2 Deskriptive Psychologie
3.3 Das Verhältnis der deskriptiven Psychologie zur genetischen Psychologie

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Franz Brentano hat mit seinem im Jahre 1874 veröffentlichten Werk Psychologie vom Empirischen Standpunkt erheblich zu der Entwicklung der heutigen Psycholo­gie beigetragen. Durch die Einführung neuer Kernbegriffe wie dem Konzept der Intentionalität beeinflusste er die Werke anderer Philosophen und Psychologen wie zum Beispiel Edmund Husserl, Carl Stupf oder Sigmund Freud. Insbesondere Edmund Husserl übernahm Brentanos Überlegungen zu der Intentionalität oder der deskriptiven Psychologie und arbeitete diese genauer aus.

Brentanos Ziel war es, den Grundbaustein für eine neu strukturierte Wissenschaft - der Psychologie als philosophische Grunddisziplin - zu legen. Dies hat vorrangig damit zu tun, dass die Psychologie zu Brentanos Lebzeiten noch eine Disziplin der Philosophie war. Dabei griff er auf verschiedene Meinungen und Ideen anderer einflussreicher Philosophen wie Aristoteles zurück. Brentano war der Auffassung, dass die Psychologie die Grundlage von allen anderen philosophischen Disziplinen sein sollte. Sie sei am besten in der Lage, die Grundbegriffe anderer Disziplinen wie der Logik, Ethik oder Ästhetik von ihren Ursprüngen her zu klären Seine Forschungsarbeit über eine deskriptive Psychologie trug Brentano erst Jahre später im Jahre 1887/88 vor1. Dabei beschäftigte er sich als Nachtrag zu seinem ersten Werk hauptsächlich mit der Unterscheidung der deskriptiven Psychologie von der genetischen Psychologie und deren Verhältnis zueinander. Brentanos de­skriptive Psychologie zählte zu seinen wichtigsten Werken und nahm wohl den größten Einfluss auf die Philosophiegeschichte2. Trotz der vielen Kritiker Brenta­nos sind seine Überlegungen auch heute noch aktuell, da er mit der deskriptiven Psychologie die Grundlage für eine phänomenologische Psychologie schaffte.

Diese Arbeit soll zu Beginn Brentanos Verständnis der Psychologie als Grundlagen­wissenschaft und die Abgrenzung der psychischen von den physischen Phänome­nen vorgestellen. Dabei werden die Begriffe nicht tiefgehend dargestellt. Es soll lediglich ein grober Überblick über Brentanos Verständnis dieser Begriffe und zu den Zusammenhängen zu seiner ersten Arbeit, der Psychologie vom empirischen Standpunkt, liefern. Darauf aufbauend werden im zweiten Teil, welcher den Hauptteil dieser Arbeit darstellt, die deskriptive und die genetische Psychologie vorgestellt. Außerdem wird Brentanos Verständnis des Verhältnisses dieser zwei Disziplinen herausgearbeitet.

2. Einführung in die Grundbegriffe

2.1 Brentanos Verständnis von Psychologie

Brentano bezeichnet die Psychologie als die Wissenschaft vom Seelenleben des Menschen3. Damit übernimmt Brentano das aristotelische Verständnis der Psy­chologie. Die Seele ist für Brentano ein in sich existierender Träger von Vorstellun­gen und Eigenschaften, welche nur durch die innere Erfahrungen wahrnehmbar sind. Aus diesem Grund sei die Psychologie die Lehre der intellektuellen Betäti­gung und Erscheinung des Bewusstseins.4

Die Psychologie ist nach Brentano eine empirische Wissenschaft, welche sich mit psychischen Phänomenen beschäftige, die eine nicht anzweifelbare Evidenz besit­zen. Brentano verglich die Psychologie hauptsächlich mit den Naturwissenschaf­ten, die sich anders als die Psychologie mit physischen Phänomenen beschäftige, welchen nach Brentano eine nur relative Wahrheit zukommt. Deshalb habe die Psychologie nach Brentanos Verständnis gegenüber Naturwissenschaften wie der Mathematik, der Physik oder der Chemie einen großen Vorzug und eigne sich als Grundlagenwissenschaft.

Laut Brentano versucht die Psychologie „[...] die Elemente des menschlichen Be­wusstseins und ihre Verbindungsweisen [...] erschöpfend zu bestimmen und die Bedingungen anzugeben, mit welchen die einzelnen Erscheinungen ursächlich ver­knüpft sind“5. Schon in dieser Definition verdeutlicht Brentano eine Teilung der Psychologie in zwei grundlegende Gebiete. Der erste Teil seiner Definition bezieht sich auf die deskriptive Psychologie, während der zweite Teil sich auf die geneti­sche Psychologie bezieht.

Brentano war der Auffassung, dass die Psychologie die Grundlage von allen ande­ren philosophischen Disziplinen sein sollte und sogar noch weiter darüber hinaus gehen würde. Er glaubte, dass die Psychologie am besten in der Lage sei, die Grundbegriffe anderer Disziplinen von ihren Ursprüngen her zu klären und außer­dem darstellen könne, wie wir überhaupt zu diesen Begriffen kommen.

2.2 Die Unterscheidung psychischer und physischer Phänomene

Brentano vollzieht in seiner Psychologie vom empirischen Standpunkt eine grund­legende Einteilung. Er unterscheidet zwischen psychischen Phänomenen und phy­sischen Phänomenen. Den Begriff Phänomen benutzt er dabei als Synonym für den Begriff Erscheinung. Dabei seien die physischen Phänomene, welche den Natur­wissenschaften zuzuordnen seien, entgegengesetzt zu den psychischen Phänome­nen, welche von Brentano der Psychologie als Wissenschaft zuordnet wurden. Diese Unterscheidung spielt eine wichtige Rolle für das Verständnis der Unter­scheidung der genetischen Psychologie von der deskriptiven Psychologie, da Brentano bei dieser Abgrenzung oft auf die Begriffe der physischen und psychi­schen Phänomene zurückgreift. Außerdem kann man schon in seiner Psychologie vom empirischen Standpunkt, in welcher er sich hauptsächlich mit den psychi­schen und physischen Phänomenen beschäftigt, eine Trennung der Naturwissen­schaften von der Psychologie erkennen.

Psychische Phänomene werden nach Brentano durch die innere Wahrnehmung zugänglich. Er definiert sie als „[...] jede Vorstellung durch Empfinden oder Phan­tasie [...]'“’. Dabei meint Brentano jedoch nicht den Inhalt des Empfundenen oder Vorgestellten, sondern den Akt des Empfindens oder Vorstellens an sich. Beispiele dafür sind nach Brentano „[.] das Hören eines Tones, das Sehen eines [.] Gegen­standes, das Empfinden von Warm und Kalt, ebenso aber auch das Denken eines allgemeinen Begriffs [..] ferner jedes Urteil, jede Erinnerung, jede Erwartung6 [...]"7.Er unterscheidet folglich zwischen dem Vollzug des Vorstellens und dem was vorgestellt wird. Psychische Phänomene sind für Brentano durch die intentionale Inexistenz charakterisiert. Die intentionale Inexistenz ist ein zentraler Aspekt in Brentanos Psychologie. Er geht davon aus dass wir, während wir ein psychisches Phänomen haben, uns auch stets bewusst sind, eines zu haben. Nach Brentano ist es „[.] die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt [.] oder die immanente Gegenständlichkeit [.]“8. Dabei spielt es keine Rolle, worauf man be­zogen ist, sondern nur, dass man überhaupt auf etwas bezogen ist. Dem Sinn nach gehört zu einem psychischen Phänomen, dass darin ein Bezug auf etwas stattfin­det und dass es einen Gegenstand in sich enthält. Psychische Phänomene sind dementsprechend stets auf ein Objekt gerichtet. Als Beispiel für das Charakteristi­kum der intentionalen Inexistenz schreibt Brentano, dass in der Liebe etwas Ge­liebtes oder in der Vorstellung immer etwas Vorgestelltes enthalten sei9. Nach Brentano gibt es somit nichts Psychisches, das nicht auf etwas bezogen ist. Die Weise wie man jedoch auf etwas bezogen ist, kann unterschiedlich sein.

Psychische Phänomene werden laut Brentano folglich vom inneren Bewusstsein begleitet und seien deshalb immer wirklich existierend. Er dachte, dass wir von jedem psychischen Phänomen wissen, dass es eines ist, weil wir es einfach haben und dass uns im Haben dieses psychischen Phänomens durch die intentionale Inexistenz ein Bewusstsein desselben mitgegeben ist. Wir sind uns dementspre­chend, während wir ein psychisches Phänomen haben, desselben auch unmittel­bar innerlich gewahr.

Physische Phänomene sind im Gegensatz zu den psychischen Phänomenen ein Ge­biet der Naturwissenschaften, da sie anders als die psychischen Phänomene durch die äußere Wahrnehmung zugänglich werden. Brentano definiert psychische Phä­nomene als Empfindungen, die man hat. Nach Brentano sind physische Phäno­mene demnach „[.] eine Farbe, eine Figur, eine Landschaft, die ich sehe, ein Ak­kord, den ich höre; Wärme, Kälte, Geruch, die ich empfinde; sowie ähnliche Gebilde, welche mir in der Phantasie erscheinen.“10. Sie sind anders als die psychi­schen Phänomene nicht durch die intentionale Inexistenz gekennzeichnet und nicht durch die innere Wahrnehmung zugänglich. Folglich sind physische Phäno­mene für Brentano im Gegensatz zu den psychischen Phänomenen irrtumsanfällig.

3. Die zwei Disziplinen der Psychologie und ihr Verhältnis zueinander

Schon in Brentanos Arbeit über die psychischen und physischen Phänomene zeichnet sich eine Trennung zweier unterschiedlicher Psychologischer Disziplinen ab. Anhand dieses Verständnisses verdeutlichte er seine Argumentation hinsicht­lich dieser Disziplinen, indem Brentano mit Rückgriff auf die Begrifflichkeiten sein Verständnis von der genetischen und der deskriptiven Psychologie darstellte.

Weiterführen wird nun genauer auf Brentanos Auffassung und Trennung von der genetischen und deskriptiven Psychologie eingegangen, bevor diese beiden in Relation zueinander gebracht werden.

3.1 Genetische Psychologie

Die genetische Psychologie kann als das gesehen werden, was heute als naturwis­senschaftliche Psychologie bekannt ist, da sie gemäß Brentano auf der äußeren Wahrnehmung beruht. Brentano definiert die genetische Psychologie als Wissen­schaft, welche versucht „[...] die Bedingungen anzugeben, mit welchen die einzel­nen Erscheinungen ursächlich verknüpft sind“11. Ihr Ziel sei das Aufstellen von kau­salen Gesetzen, des Entstehens und Vergehens von psychischen Phänomenen. Laut Brentano beschäftige sich die genetische Psychologie hauptsächlich mit den physischen Phänomenen, da das Entstehen und Vergehen von psychischen Phä­nomenen im Wesentlichen physiologisch begründet sei und somit die kausalen Gesetze, die die genetische Psychologie aufstellt, naturwissenschaftlich bestimmt sein müssten. Aus diesem Grund geht Brentano davon aus, dass das Bewusstsein einheitlich ist und deshalb etwas Zusammengesetztes sei.

[...]


1 Vgl. Binder, Thomas: Franz Brentano und sein Philosophischer Nachlass, Berlin/Boston: De Gruy- ter, 2019, S. 127.

2 Vgl. ebd., S. 127.

3 Vgl. Brentano, Franz: Deskriptive Psychologie, Hamburg: Meiner Verlag, 1982, S. 156.

4 Vgl. Beitat, Katja: Die Grundlegung der Psychologie vom empirischen Standpunkt von Franz Brentano, Leipzig: GRIN Verlag, 2001, S. 5.

5 Brentano, Franz: Deskriptive Psychologie, Hamburg: Meiner Verlag, 1982, S. 1.

6 Brentano, Franz: Psychologie vom empirischen Standpunkt, erster Band, Leipzig: Duncker & Humbolt, 1874, S. 103.

7 Brentano, Franz: Psychologie vom empirischen Standpunkt, erster Band, Leipzig: Duncker & Humbolt, 1874, S. 111f.

8 Ebd, S. 124f.

9 Vgl. ebd, S. 125.

10 Brentano, Franz: Psychologie vom empirischen Standpunkt, erster Band, Leipzig: Duncker & Humbolt, 1874, S. 112.

11 Brentano, Franz: Deskriptive Psychologie, Hamburg: Meiner Verlag, 1982, S. 1.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Franz Brentano über das Verhältnis der deskriptiven Psychologie zur genetischen Psychologie
Autor
Jahr
2021
Seiten
13
Katalognummer
V1151148
ISBN (eBook)
9783346539632
ISBN (Buch)
9783346539649
Sprache
Deutsch
Schlagworte
franz, brentano, verhältnis, psychologie
Arbeit zitieren
Lorena Gothe (Autor:in), 2021, Franz Brentano über das Verhältnis der deskriptiven Psychologie zur genetischen Psychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1151148

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Franz Brentano über das Verhältnis der deskriptiven Psychologie zur genetischen Psychologie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden