Human Enhancement. Ist der Rekurs auf einen normativen Begriff des Menschen in der Enhancement-Debatte erforderlich?


Hausarbeit, 2020

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Relevanz anthropologischer Annahmen für die Ethik

3. Der normative Begriff des Menschen in der Enhancement-Debatte

4. Die Funktionen normativer anthropologischer Argumente
4.1. Der Schutz der gemeinsamen Bezugnahme auf die Welt
4.2. Die entschleunigende Funktion normativer anthropologischer Argumente

5. Was bedeutet Verbesserung für uns?

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Menschen unterliegen einem ständigen Wandel, der scheinbar unaufhaltsam voranschrei­tet. Menschen wollen sich verbessern und streben nach Perfektion. Menschen überschrei­ten Grenzen, denn inzwischen sind sie mit Hilfe von Technik in der Lage Dinge zu er­möglichen, die ihnen vor nicht allzu langer Zeit unmöglich erschienen. Doch Human En­hancement geht noch einen Schritt weiter, denn es geht nicht mehr bloß um das Streben nach dem technischem Fortschritt, sondern um die Veränderung bzw. Verbesserung des Menschen selbst. Durch Enhancement-Eingriffe soll es möglich werden, die „biologi­schen Grundlagen der menschlichen Lebensform“ (Heilinger 2013: S.271) zu verändern, um eine „Steigerung menschlicher Fähigkeiten“ (Müller 2015, S.88) zu erzielen. Diese biotechnologische „Verbesserung“ des Menschen wird im Rahmen der Enhancement- Debatte ausgiebig diskutiert, denn der moralische Status dieser Enhancement-Eingriffe ist umstritten.

In meiner Hausarbeit setze ich mich mit der Fragestellung auseinander, ob für die Klärung des moralischen Status von Enhancement-Eingriffen der Rekurs auf einen normativen Begriff des Menschen notwendig ist. Zur Beantwortung dieser Frage beziehe ich ver­schiedene Texte über einen normativen Begriff des Menschen in der Enhancement-De- batte ein. Allerdings lege ich meinen Fokus dabei auf einen Text von Jan-Christoph Hei- linger, da er anthropologischen Argumenten eine „elementare Rolle“ (Heilinger 2013, S.272) in der Enhancement-Debatte zuschreibt. In meiner Arbeit stütze Heilingers Posi­tion, da ich dafür argumentiere, dass der Rekurs auf einen normativen Begriff des Men­schen in der Enhancement-Debatte erforderlich ist. Zu Anfang möchte ich kurz Heilingers Annahme, dass anthropologische Annahmen für ethische Diskussionen relevant sind, un­termauern, indem ich die Position von Olliver Müller aufgreife und aufzeige, dass die Anthropologie keine rein deskriptive Disziplin ist. Anschließend gehe ich darauf ein, wel­che Rolle der normative Begriff des Menschen in der Enhancement-Debatte spielt und prüfe, inwiefern in der Debatte wirklich ein Rekurs auf einen normativen Begriff des Menschen vorgenommen wird. Im weiteren Verlauf spreche ich zwei wichtige Funktio­nen normativer anthropologischer Argumente in der Enhancement-Debatte an; der Schutz einer gemeinsamen Bezugnahme auf die Welt und die Entschleunigung des Wan­dels. Um die Wichtigkeit der Funktion der Entschleunigung zu unterstreichen, beziehe ich auch einen soziologischen Ansatz von Matthias Fuchs mit ein. Zum Abschluss werde ich darauf eingehen, welche Fragen mit der Möglichkeit des Enhancement eigentlich wirklich aufgeworfen werden.

2. Relevanz anthropologischer Annahmen für die Ethik

Der Nachweis eines engen Zusammenhangs von Anthropologie und Ethik stellt eine wichtige Grundvoraussetzung dafür dar, dass anthropologische Annahmen für die Dis­kussion ethischer Fragen relevant sind. In diesem Abschnitt meines Texts werde ich des­halb kurz den Zusammenhang von Anthropologie und Ethik etwas genauer untersuchen. Während die Anthropologie sich der Frage widmet „was Menschen ausmacht“ (Heilinger 2013, S.271), beschäftigt sich die Ethik mit dem Handeln von Menschen und versucht eine moralische Wertung an Handlungen vorzunehmen. Innerhalb des Bereichs der Ethik wird diskutiert, „was Menschen tun sollen“ (ebd.), bzw. was also die moralisch richtige Handlung in einem bestimmten Zusammenhang auszeichnet. Heilinger geht in seinem Aufsatz „Normative anthropologische Argumente und Human Enhancement“ von der Annahme aus, dass „die anthropologische Verständigung darüber, was den Menschen ausmacht, für eine Diskussion der Frage, was Menschen tun sollen, von Bedeutung ist“ (ebd.). In Verbindung mit der Human Enhancement Debatte, schließt Heilinger aus eben dieser Annahme, dass Anthropologie nicht mehr bloß in den „Anwendungsbereich ethi­scher Überlegungen“ (ebd.) fällt, sondern auch „die Grundlagen der zur Anwendung kommenden Moraltheorie“ (ebd.) betrifft. Aus diesem Grunde geht Heilinger auch davon aus, dass eine Debatte, die das Eingreifen in die „biologischen Grundlagen der menschli­chen Lebensform“ (ebd.) diskutiert, eine „neue Verhältnisbestimmung“ (Heilinger 2013, S.272) von Anthropologie und Ethik geradezu „verlangt“ (ebd.).

Da Heilinger auf seine Annahme jedoch nicht näher eingeht, möchte ich an dieser Stelle seine Annahme, kurz durch weitere Argumente und Überlegungen stützen und ergänzen. Aus Platzgründen kann ich jedoch leider nicht dem vollen Umfang der Diskussion der Verhältnisbestimmung von Anthropologie und Ethik gerecht werden. Dennoch möchte ich diese wichtige Diskussion nicht außenvor lassen, da sie grundlegend die Thematik betrifft, ob anthropologische Argumente in ethischen Debatten berücksichtigt werden sollten.

Einige Stimmen plädieren dafür, dass Anthropologie und Ethik komplett unabhängig voneinander betrachtet werden sollten, wie auch Kant, welcher zu seiner Zeit predigte, dass die Ethik freigehalten werden müsse von allem Empirischen, was der Anthropologie entstammt (vgl. Kant 1986, S.389). Sollten anthropologische Argumente also keinesfalls in ethische Diskussionen miteinbezogen werden?

Ich denke, die Antwort auf diese Frage lautet: Nein. Oliver Müller weist in seinem Auf­satz „Normative Selbstverhältnisse und pragmatische Anthropologie“ beispielsweise darauf hin, dass Kant selbst „demonstriert“ (Müller 2015, S. 82) hat, auf welche Weise sich eine pragmatische Anthropologie mit der Ethik überschneidet, da das menschliche Leben selbst von unzähligen „Standards, Regeln, Normen und Werten“ (ebd.) bestimmt wird. Die „normative Orientierung“ (ebd.) ist laut Müller für den Menschen „typisch“ (ebd.), d.h. sie ist ein Teil des Menschen und somit auch ein Teil der Anthropologie. Özmen nennt in ihrem Aufsatz ein grundlegendes methodologisches Problem einer auch nur teilweise als normativ verstandenen Anthropologie: der Sein-Sollens-Fehlschluss (vgl. Özmen 2013, S.257). Auch Müller schreibt, dass oftmals der Sein-Sollens-Fehl- schluss intensiv dafür genutzt wird, anthropologische Argumente in ethischen Debatten zu entkräften (vgl. Müller 2015, S. 83), da der Fehlschluss die Problematik umfasst „aus deskriptiven Befunden normative Aussagen abzuleiten“ (ebd.). In diesem Zusammen­hang weist Müller darauf hin, dass der Fehlschluss, wenn es um das Verhältnis von Anth­ropologie und Ethik gehe, oftmals „falsch verwendet“ (ebd.) werde. Laut Müller sei es zu stark vereinfacht, davon auszugehen, die Anthropologie sei eine rein deskriptive Diszip­lin und die Ethik eine normative, da der Mensch selbst „immer schon in Normgefüge verstrickt“ (ebd.) ist.

Ich denke, Müllers Sichtweise spricht dafür, dass auch anthropologische Argumente in ethischen Debatten berücksichtigt werden sollten, da Ethik und Anthropologie genauso miteinander verwoben sind, wie der Mensch mit dem Normativen. Es würden wichtige Eigenschaften des Menschen vernachlässigt werden, wenn die Anthropologie sich nicht mit Normativem befassen dürfte, da der Mensch sich selbst verstehen will und so von allein normative Selbstverhältnisse entwickelt (vgl. Müller 2015, S. 86/87) Dies ist ein Aspekt, der Anthropologie und Ethik miteinander kompatibel macht. Gerade die Human Enhancement Debatte ist eine ethische Debatte, die sich aktiv mit dem Menschen und seinen Fähigkeiten beschäftigt, schließlich wird eine ‘Verbesserung[4] der menschlichen Lebensform diskutiert. Nicht ohne Grund wird durch die Human-Enhancement-Debatte die normative Verbindlichkeit der menschlichen Natur zur Diskussion gestellt. Im Ver­lauf meines Texts werde ich unter anderem auch vor Augen führen, warum gerade für die Enhancement-Debatte anthropologische Annahmen von Bedeutung sind.

3. Der normative Begriff des Menschen in der Enhancement-Debatte

Die Enhancement-Debatte versucht dem moralischen Status von Enhancement-Eingrif- fen auf den Grund zu gehen. Anthropologische Argumente greifen auf einen normativen Begriff des Menschen zurück (vgl. Heilinger 2013, S.272). In der Regel beziehen sich normative anthropologische Argumente darauf, bestimmte menschliche Eigenschaften vor Enhancements zu schutzen, da sie als,, (ebd.) und erhaltenswert wahrgenommen werden.

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Details

Titel
Human Enhancement. Ist der Rekurs auf einen normativen Begriff des Menschen in der Enhancement-Debatte erforderlich?
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät für Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Anthropologie und Ethik
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V1151391
ISBN (eBook)
9783346545220
ISBN (Buch)
9783346545237
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Human Enhancement, Verbesserung, normativer Begriff des Menschen, Mensch, Anthropologie, Philosophie, Ethik, normativ, Entfremdung, Wandel, Entschleunigung, Entwicklung des Menschen, Automatismen, Normalität, natürliche Ordnung, Zukunft, künstliche Verbesserung des Menschen
Arbeit zitieren
Mia Voß (Autor:in), 2020, Human Enhancement. Ist der Rekurs auf einen normativen Begriff des Menschen in der Enhancement-Debatte erforderlich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1151391

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