Die Hausarbeit setzt sich mit der Fragestellung auseinander, ob für die Klärung des moralischen Status von Enhancement-Eingriffen der Rekurs auf einen normativen Begriff des Menschen notwendig ist. Zur Beantwortung dieser Frage werden verschiedene Texte über einen normativen Begriff des Menschen in der Enhancement-Debatte einbezogen.
Menschen unterliegen einem ständigen Wandel, der scheinbar unaufhaltsam voranschreitet. Menschen wollen sich verbessern und streben nach Perfektion. Menschen überschreiten Grenzen, denn inzwischen sind sie mit Hilfe von Technik in der Lage Dinge zu ermöglichen, die ihnen vor nicht allzu langer Zeit unmöglich erschienen. Doch Human Enhancement geht noch einen Schritt weiter, denn es geht nicht mehr bloß um das Streben nach dem technischem Fortschritt, sondern um die Veränderung bzw. Verbesserung des Menschen selbst. Durch Enhancement-Eingriffe soll es möglich werden, die "biologischen Grundlagen der menschlichen Lebensform" zu verändern, um eine "Steigerung menschlicher Fähigkeiten" zu erzielen. Diese biotechnologische "Verbesserung" des Menschen wird im Rahmen der Enhancement- Debatte ausgiebig diskutiert, denn der moralische Status dieser Enhancement-Eingriffe ist umstritten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Relevanz anthropologischer Annahmen für die Ethik
3. Der normative Begriff des Menschen in der Enhancement-Debatte
4. Die Funktionen normativer anthropologischer Argumente
4.1. Der Schutz der gemeinsamen Bezugnahme auf die Welt
4.2. Die entschleunigende Funktion normativer anthropologischer Argumente
5. Was bedeutet Verbesserung für uns?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Forschungsfrage, ob für die ethische Bewertung von Human-Enhancement-Eingriffen zwingend ein normativer Begriff des Menschen vorausgesetzt werden muss. Dabei wird argumentiert, dass anthropologische Annahmen eine unverzichtbare Rolle in der Debatte spielen, um menschliche Lebensformen und soziale Bezugnahmen zu schützen.
- Notwendigkeit normativer anthropologischer Argumente in der Ethik
- Unterscheidung und Interaktion von essentialistischen, liberalen und transhumanistischen Positionen
- Schutz der gemeinsamen sozialen Bezugnahme auf die Welt
- Entschleunigung technologischer Entwicklungen als moralische Schutzfunktion
- Verbindung von Selbstverständnis, Selbstperfektionierung und moralischem Perfektionismus
Auszug aus dem Buch
4. Die Funktionen normativer anthropologischer Argumente
In der Enhancement-Debatte ist der normative Begriff des Menschen in vielerlei Hinsicht Bestandteil der Argumentation. Dennoch sind normative anthropologische Argumente „tendenziell konservativ“ (Heilinger 2013, S. 283) zu verorten, da von einem normativen Begriff des Menschen oftmals, in einem Zusammenhang der Erhaltung der menschlichen Natur und dem Festhalten an essenziellen menschlichen Eigenschaften, Gebrauch gemacht wird. Doch, wie bereits erwähnt, gibt es einige Probleme mit normativen anthropologischen Argumenten, unter anderem auch, weil Uneinigkeit darüber besteht, was diese essenziellen Eigenschaften des Menschen darstellen. Auch Heilinger schreibt normative anthropologische Argumente würden als schwach gelten, weil die „Standardkritik“ (Heilinger 2013, S.273) den „direkten Weg“ (ebd.) des Begriffs zu rechtfertigen versperre. Jedoch vertieft Heilinger nicht, worin diese „Standardkritik“ (ebd.) genau besteht, sondern schreibt nur, dass die Kritik nicht bedeute, „dass mit dem Begriff des Menschseins keine begründeten normativen Ansprüche einhergehen können“ (ebd.).
Doch die Frage ist: Wie könnte man schon eine normative Auszeichnung bestimmter menschlicher Eigenschaften rechtfertigen? Ich denke, die Notwendigkeit eines Rekurses, auf einen normativen Begriff des Menschen in der Enhancement-Debatte, lässt erst dann sinnvoll begründen, wenn die Möglichkeit existiert Einigkeit zu erzeugen, worin die als normativ bestimmten Eigenschaften bestehen. Heilinger versucht die normative Auszeichnung auf einem „indirekten“ (Heilinger 2013, S. 273) Weg zu rechtfertigen. Er spricht an dieser Stelle von einem „quasi-demokratischen Deliberationsprozess“ (ebd.), welcher dazu dienen soll, „eine[n] Konsens über die besonders bedeutsamen Elemente des Menschseins“ (ebd.) zu erreichen. Dieser „Deliberationsprozess“ (ebd.) soll „auf Grundlage der bestmöglichen Information“ (ebd.) beruhen und kein Mensch darf von der Teilnahme ausgeschlossen werden bzw. für die, die nicht teilnehmen können, müssen Stellvertreter gefunden werden (vgl. Heilinger 2013, S.274).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Enhancement-Debatte ein und formuliert das Ziel, die Notwendigkeit eines normativen Begriffs des Menschen bei der ethischen Bewertung technischer Eingriffe zu untersuchen.
2. Relevanz anthropologischer Annahmen für die Ethik: Dieses Kapitel erläutert den engen methodischen Zusammenhang zwischen Anthropologie und Ethik und widerlegt die Annahme, dass eine rein deskriptive Anthropologie für ethische Urteile ausreicht.
3. Der normative Begriff des Menschen in der Enhancement-Debatte: Es werden die verschiedenen Strömungen wie Essentialismus, Liberalismus und Transhumanismus gegenübergestellt und deren implizite oder explizite Rückgriffe auf anthropologische Normen analysiert.
4. Die Funktionen normativer anthropologischer Argumente: Das Kapitel untersucht zwei Hauptfunktionen: den Schutz der gemeinsamen sozialen Weltwahrnehmung und die Entschleunigung rasanter technologischer Veränderungen zum Schutz des menschlichen Selbstverständnisses.
5. Was bedeutet Verbesserung für uns?: Abschließend wird diskutiert, wie der moralische Perfektionismus und das menschliche Bedürfnis nach Selbstvergewisserung eine ethische Auseinandersetzung erfordern, die über rein formale Gerechtigkeitsprinzipien hinausgeht.
Schlüsselwörter
Human Enhancement, Anthropologie, Ethik, normative Argumente, moralischer Status, Selbstverständnis, Deliberationsprozess, technischer Fortschritt, Essentialismus, Transhumanismus, soziale Bezugnahme, Entschleunigung, Normalisierung, Selbstperfektionierung, menschliche Natur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der moralischen Bewertung von Human-Enhancement-Eingriffen und der Frage, ob hierfür ein normativer Begriff des Menschen zwingend erforderlich ist.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen das Verhältnis von Anthropologie und Ethik, die Kritik am Sein-Sollens-Fehlschluss sowie die Rolle normativer Argumente in verschiedenen enhancement-kritischen und -befürwortenden Positionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu begründen, warum eine rein technische oder rein prinzipienorientierte Ethik unzureichend ist und der Rekurs auf ein normatives Selbstverständnis des Menschen für eine reflektierte Entscheidung unerlässlich bleibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Hausarbeit, die auf einer Literaturanalyse zentraler Texte der Enhancement-Debatte basiert, insbesondere unter Rückgriff auf Jan-Christoph Heilinger und Oliver Müller.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil analysiert die Funktionen anthropologischer Argumente, konkret den Schutz der gemeinsamen Weltbezugnahme und die notwendige Entschleunigung technologischer Veränderungsprozesse.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Argumentation?
Begriffe wie „normative Selbstverhältnisse“, „Deliberationsprozess“, „Entschleunigung“ und die Unterscheidung zwischen verschiedenen philosophischen Strömungen stehen im Zentrum.
Wie unterscheidet sich die transhumanistische von der essentialistischen Position?
Während essentialistische Vertreter versuchen, den derzeitigen Status der menschlichen Natur als erhaltenswerten Wert zu schützen, streben Transhumanisten eine stetige Selbstüberwindung und technologische Weiterentwicklung an.
Welche Rolle spielt der „quasi-demokratische Deliberationsprozess“?
Er dient als methodisches Werkzeug, um in einer Gesellschaft Konsens darüber zu finden, welche menschlichen Eigenschaften als „bedeutsam“ und damit als schützenswert definiert werden sollten.
Warum wird eine „Entschleunigung“ der Enhancement-Debatte gefordert?
Sie soll verhindern, dass der Mensch durch unumkehrbare technologische Veränderungen überrumpelt wird, um die nötige Zeit für eine ethische Einordnung zu gewinnen.
Inwiefern beeinflussen Automatismen unser Verständnis von Normalität?
Unter Bezugnahme auf Matthias Fuchs wird aufgezeigt, dass durch gesellschaftliche Automatismen ein „Schein der natürlichen Ordnung“ entsteht, der den Blick auf das eigentlich Gewordene verstellt.
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- Mia Voß (Author), 2020, Human Enhancement. Ist der Rekurs auf einen normativen Begriff des Menschen in der Enhancement-Debatte erforderlich?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1151391