Die Stadtneugründungen Salzgitter und Wolfsburg im Dritten Reich im Spiegel städtebaulicher nationalsozialistischer Konzepte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II Städtebaukonzepte im Dritten Reich
1. Das technokratische Stadtplanungskonzept
2. Das völkisch-organische Stadtplanungskonzept
3. Zwischenfazit

III Die Stadtneugründungen Wolfsburg und Salzgitter im Dritten Reich
1. Salzgitter
1.1. Anlass und Standortwahl
1.2. Stadtplanung und Stadtbau
1.2.1. Trabantensiedlungen
1.2.2. Zentrale Stadt
2. Wolfsburg
2.1. Anlass und Standortwahl
2.2. Stadtplanung und Stadtbau

IV Fazit
Literaturverzeichnis Abbildungsverzeichnis

I. Einleitung

Das dieser Hausarbeit übergeordnete Leitthema „Die Stadt im Dritten Reich“ weist eine Vielzahl von Aspekten1 auf. Die vorliegende Arbeit untersucht die Planungen und den Bau von (Industrie-)Städten durch die Nationalsozialisten und damit einen ganz speziellen Teilbereich „der nationalsozialistischen Stadt“.

Im Gang der Untersuchung wird zunächst ein „ideales nationalsozialistisches Stadtkonzept“ herausgearbeitet. Anschließend wird untersucht, inwiefern dieses Modell bei der Planung neuer Städte berücksichtigt wurde. Dabei ist auch der Frage nachzugehen, ob überhaupt von „dem Modell“ gesprochen werden kann. Zu diesem Zweck werden die zwei bedeutendsten Industriestadtgründungen im Dritten Reich, nämlich die „Stadt der Hermann-Göring-Werke“, dem heutigen Salzgitter, und die „Stadt des KdF-Wagens“, dem heutigen Wolfsburg2, analysiert. Die Untersuchung vollzieht sich anhand zweier Kriterien:

Zum einen am Anlass des Stadtbaus und der Standortwahl, zum anderen an der Stadtplanung und dem letztendlichen Bau. Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Hausarbeit und da sich Stadt und Region in ihrer Komplexität nur annähernd und unvollständig, nicht jedoch endgültig definieren lassen, muss die Analyse hier letztendlich fragmentarisch bleiben. Wird jedoch im Abgleich des Bildes einer nationalsozialistischen

„Idealstadt“ mit den beiden Stadtgründungsbeispielen auf Abweichungen von vorherrschenden Modellvorstellungen gestoßen, ist zu erklären, wieso man von ihnen abwich. Es soll auch interessieren, inwieweit die Planungen verwirklicht wurden.

Der Suche nach der „Idealstadt“ liegt die Annahme zu Grunde, dass der Nationalsozialismus als autoritäre Staatsform ein Instrumentarium zur Lenkung bzw. Kontrolle der Menschen benötigte. Es ist vordergründig nicht abwegig, in der Raumplanung und somit auch in der Stadtplanung einen wesentlichen Bestandteil dieses Instrumentariums zu vermuten. Denn ein totalitärer Staat ist in der Lage, die Bevölkerung durch die bewusste Planung ihres Lebensraumes zu organisieren: „Wenn der physische Raum soziologisch gesehen, als die ‚Möglichkeit des Beisammenseins’ gedeutet wird, dann ist die Organisation des Raumes durch die Stadtplanung oder Raumordung eine Vorstrukturierung dieser Möglichkeit.“3 Trotz des völligen Bewusstseins über die verbrecherische Ideologie und die menschenverachtenden Überlegungen der Nationalsozialisten wird die Analyse offen, kritisch und sensibel differenzierend betrieben werden, denn der Raum- und Stadtplanung im Dritten Reich soll hier nicht vorab pauschal unterstellt werden, alle seine Vorstellungen, Ideen und Planungen seien ein nationalsozialistisches Übel, abartig und damit falsch. Ob dem tatsächlich so ist, soll dem Ergebnis der Analyse vorbehalten bleiben.

Bevor jedoch die Städtebaukonzepte im Dritten Reich näher beleuchtet werden, ist es wichtig, sich die Grundprinzipien der nationalsozialistischen Raumplanung noch einmal zu vergegenwärtigen. Diese ergeben sich einerseits aus einer auf der „Blut und Boden“- Ideologie beruhenden Großstadtkritik, Dezentralisierung, Industriefeindlichkeit und

Reagrarisierung, sowie aus dem Autarkiegedanken, kurz aus der Agrarromantik und Großstadtfeindlichkeit der Nationalsozialisten4, sowie in einer zweiten Ebene aus dem Rasseprinzip der Nationalsozialisten, sprich der Einteilung in eine arische Rasse und darunter stehenden „Untermenschen“. Andererseits waren die Zielsetzungen auch herrschafts- und machtpolitisch bedingt, das heißt die Raumplanung setzte auch das Prinzip der Volksgemeinschaft, einhergehend mit der Ausschließung, Ausgrenzung und

Verfolgung eben nicht rassisch und politisch zur Volksgemeinschaft Zugehöriger, um. Darüber hinaus ist die nationalsozialistische Raumplanung geprägt durch Hitlers Ziel der Erweiterung des Lebensraumes, vor allem vom Gedanken einer Großraumherrschaft in Richtung Ost.5

II. Städtebauko]nzepte im Dritten Reich

Die Nationalsozialisten strebten eine Neugestaltung des „deutschen Lebensraumes“ an, was eine staatlich institutionalisierte Raumordnung und Stadtplanung nötig machte. Eine sich auf den Wurzeln der nationalsozialistischen Weltanschauung herausbildende neue Wissenschaft vom Städtebau erbrachte die dazu notwendige wissenschaftliche Legitimation. Diese neue Wissenschaft sollte der Neuordnung der sozialen Gemeinschaft dienen.6 Erstaunlicherweise geht die Raumordnung der Bundesrepublik Deutschland auch heute noch zum großen Teil auf die „Vorarbeit“ im Dritten Reich zurück.

Zwei Hauptrichtungen lassen sich in der nationalsozialistischen Stadtplanung unterscheiden: Ein vor allem auf Gottfried Feder zurückgehendes Konzept der technokratischen Stadtplanung und ein völkisch-organisches Konzept, welches unter anderem auf den völkischen Rassentheorien von Alfred Rosenberg und Theodor Fritsch beruht.7 Darüber hinaus gewannen ab Mitte der 1930er Jahre die Planungen eines „monumentalen Achsenkreuzes“ und einer „Stadtkrone“ in Form eines Parteiforums unter anderem für Berlin und München an Bedeutung.8

1. Das technokratische Stadtplanungskonzept

Gottfried Feder (1883-1941)9 teilte die großstadtfeindliche Haltung der Nationalsozialisten. Er zählt die Nachteile der Großstadt auf: Erstens „Kinderarmut infolge […] ungesunder und zu enger Wohnungen in Mietskasernen […,] verteuerter Lebenshaltung […,] übersteigerter Vergnügungs- und Genusssucht […,] sittlicher und gesundheitlicher Gefährdung […,] Naturentfremdung und mangelnder Bodenverbundenheit“, zweitens fehlende Sesshaftigkeit der Bewohner und drittens eine hohe Zahl der Verkehrsopfer.10 Feder kommt zu dem Schluss: „Die so entartete Großstadt ist der Tod der Nation“11 bzw. „Die Großstadt […] [ist] der biologische Volkstod!“12. Auf der anderen Seite kritisierte Feder jedoch den Versuch der Nazis, das Wachsen der Großstädte durch die Ansiedlung von Stadtbewohnern in ländlichen Siedlungen und vorstädtischen Kleinsiedlungen aufzuhalten. Laut Feder seien diese neuen Siedlungen, die entlang der „Ausfallstraßen […] in die Umgebung hinausw[ü]chsen“ lediglich „Unterkunftsbeschaffungen für Industriearbeiter [… ohne] Eigenleben […]“, in denen man der strukturellen Zusammensetzung der Bevölkerung keine Beachtung schenkte.13

In seiner 1939 veröffentlichten Publikation „Die Neue Stadt“ setzt Feder Grundlagen für die Raumordnung und Landesplanung Deutschlands und erteilt Vorschläge für Stadtgründungen. Feder konzipiert nach von ihm in zahlreichen Städten vorgenommenen empirischen Erhebungen ein Modell einer „Neuen Stadt“ als Gegenmodell zum „seelenlosen Schachbrettsystem der amerikanischen Riesenstädte“ und der „planlosen Stadterweiterungen der liberalen Epoche“14. Seine Planungen sahen vor, das Reich mit einem Netz von 1.000 ländlichen Kleinstädten mit jeweils zirka 20.000 Einwohnern zu überziehen. Kleinstädte in dieser Größenordnung, in denen die Funktionen von „Wohnen“ und „Arbeiten“ aufgrund kurzer Wege effektiv und eng miteinander verknüpft werden könnten15, weisen „volkspolitisch gesehen […] die gesundesten Lebensbedingungen“16 auf. Auf diese Weise ließen sich sowohl die Nachteile des Dorfes (laut Feder die fehlenden zivilisatorischen, kulturellen und verwaltungsmäßigen Voraussetzungen, sowie das Fehlen eines umfassenden gewerblichen Lebens bzw.

Geschäftslebens) als auch die Nachteile der Großstadt vermeiden, deren Vorteile jedoch verbinden, nämlich der ausreichend große Arbeits- und Absatzmarkt, die umfassende Infrastruktur der Großstadt mit der Natur- und Bodenverbundenheit, sowie der Selbständigkeit des Dorfes.17 Diese idealtypisch konstruierte ländliche Kleinstadt sollte durch die Ansiedlung vielfältiger Handwerksbetriebe, mittelständischer Kleinindustrie und die Nutzung eines landwirtschaftlichen Gürtels zur Versorgung der Bewohner möglichst autark sei. Die so dezentralisierte Industrie wirkte einerseits der kritisierten „ungesunden“ Großstadtbildung in Ballungsräumen entgegen, andererseits sei dies aus wehrstrategischen Gründen sinnvoll. Feder spricht hier von „gesunde[n] und organisch lebendige[n] Siedlungen“18 bzw. der Stadt als „lebensvolle[m] Gesamtorganismus“19. Hier werden Parallelen zur von Feder gerühmten Struktur mittelalterlicher Städte20 und zum Gartenstadtmodell von Howard deutlich.

Wie sah Feders Modellstadt nun im Konkreten aus? Zusammengefasst war Feders idealtypische Stadt in der Gliederung konzentrisch aufgebaut, mit einem System radialer Straßen, sowie zwei dominierenden Achsen in Ost-West- bzw. Nord-Süd-Richtung. Die Stadt ist somit in ihrer Fläche in zirka 4 gleich große Sektoren aufgeteilt. In der Peripherie erstreckt sich ein landwirtschaftlicher Gürtel. Im Westen, in Verlängerung der westlichen Hauptachse, waren Sport- und Erholungsflächen und das örtliche HJ-Heim vorgesehen, im Osten aus Gründen der Hauptwindrichtung die Industrie. Entlang der beiden Hauptachsen war die Ansiedlung der Geschäfte und Verwaltungsgebäude in steigender Dichte und Höhe bis zum Stadtmittelpunkt geplant. Die durch den Schnittpunkt der Achsen bestimmte Stadtmitte war damit der Bereich der höchsten Flächennutzung. In der Stadtmitte war auch die Mehrzahl der öffentlichen Gebäude vorgesehen – dies waren die „Volkshalle“, die Häuser der Partei, sowie der zentrale Raum zum Aufmarsch der NSDAP. Die zentralen Bauten sollten zu ihrer Betonung, aber auch um Distanz zu schaffen, die Wohngebiete zur Auflockerung durchgrünt werden. Die Bebauung sollte sowohl in der Dichte, als auch in der Höhe von der Stadtmitte zum Stadtrand hin abnehmen. Die zentralen Bauten im Zentrum und an den Hauptachsen waren als 5-geschossig vorgesehen, die übrige Bebauung wurde in so genannten „Zellkernen“ hierarchisch gegliedert. Die Bebauung fiel von 3- geschossigen über 2-geschossigen Bauten bis hin zum 1-geschossigen Bau am Rande der Stadt ab.21 Mit seinem Planungskonzept wendet sich Feder bewusst gegen den „Schreck der Schrecken: [den durch] die Mietskserne [sic! Mietskaserne]“ hoch verdichteten Innenstädten des 19. Jahrhunderts.22

Die so hierarchisierte Stadtgliederung sollte eine soziale Segregation der Stadtbevölkerung mit sich bringen. Denn die Bewohner der 1- bis 2-geschossigen Bauten sollten durch die Bewirtschaftung zugeordneter, maximal 800m² großer Gärten Bodenverbundenheit entwickeln.23 Nur zirka 20 bis 30 Prozent der Stadtbewohner sollte in mehrgeschossigen Mietwohnhäusern wohnen, der Rest in Eigenheimen.24 Feder gliederte die Stadt in so genannte „Zellen“, jede Zelle bot Platz für rund 3500 Einwohner. Diese Zellen lagerten sich als Zellenverbände um den Stadtmittelpunkt und verfügten jeweils über ein eigenes Subzentrum, dass durch eine Schule und/oder Geschäfte gebildet werden konnte. Innerhalb der Zellen erfolgte die Gemeinschaftsbildung und eine soziale Mischung: Die kleinste Einheit in der Zelle war die Familie. Mehrere Familien bildeten Hausgemeinschaften. Mehrere Hausgemeinschaften wurden zu einem Unterkern zusammengefasst, was dem Stadtviertel entsprach. Mehrere Unterkerne wiederum bildeten eine Ortgruppe, die mit der Zelle identisch war. Die Ortsgruppe wird durch den Ortsgruppenleiter der NSDAP geführt.25 Durch eine so streng hierarchisierte Stadtgliederung, einhergehend mit der Umsetzung des „Führerprinzips“ und des Prinzips der „Einheit von politischer und räumlicher Gestaltung“, das heißt der strikten Orientierung an der Parteiorganisation, vereinfachte sich die Gleichschaltung und die totale Kontrolle der Bevölkerung.

[...]


1 Wie anlässlich des im Hauptseminar „Einführung in die Stadt- und Regionalsoziologie“ gehaltenen Referates „Die Stadt im Dritten Reich“ herausgearbeitet und diskutiert, sind dies im Groben folgende Untersuchungsgegenstände: 1.) Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen „Blut und Boden“-Ideologie wäre die nationalsozialistische Siedlungs- und Raumplanung unter dem Aspekt künftiger Weltherrschaft zu untersuchen, insbesondere die „Besiedlung“ osteuropäischer Länder. 2.) Darüber hinaus müsste an die „Negativplanungen“ für die Opfer gedacht werden, die auf Vertreibung, auf Zerstörung von Siedlungen bzw. auf die Anlage von Barackenlagern, Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager abzielte. 3.) Ein anderer Untersuchungsgegenstand wäre die nationalsozialistische Sanierungsplanung alter Städte und die damit einhergehende Funktionalisierung der mittelalterlichen Stadt durch die Nationalsozialisten. 4.) Nicht zu vergessen wären die Entwürfe für die „Führerhauptsstädte“ (Berlin als „Reichshauptstadt“; München als „Hauptstadt der Bewegung“; Nürnberg als „Stadt der Reichsparteitage“; Hamburg als „Tor zur Welt“, sowie Hitlers Heimatort Linz als Konkurrenz zu Wien).

2 In der Folge sollen im Wesentlichen aus Gründen der Einfachheit und der Einheitlichkeit die auch heute noch gültigen Stadtnamen Salzgitter und Wolfsburg verwendet werden. Dennoch sollten sich die Umbenennungsdaten der Städte vergegenwärtigt werden: Bis zur Gründung der eigentlichen Stadt Watenstedt-Salzgitter am 1. April 1942 sprach man von einer „Großraumsiedlung“, „Stadt der Hermann- Göring-Werke“. Die Stadt Watenstedt-Salzgitter wurde wiederum 1951 in Salzgitter umbenannt. Auch die am 01. Juli 1938 gegründete Stadt „Stadt des KdF-Wagens“ wurde 1945 in Wolfsburg umbenannt.

3 Hamm, Bernd: Betriff: Nachbarschaft, Verständigung über Inhalt und Gebrauch eines vieldeutigen Begriffs. Düsseldorf, 1973. S. 104.

4 Vgl. die sehr ausführliche und systematische Darstellung Bergmanns zur Ideologiegeschichte der Großstadtfeindlichkeit und Agrarromantik unter den Nationalsozialisten – Bergmann, Klaus: Agrarromantik und Großstadtfeindlichkeit, Meisenheim am Glan, 1970, S. 277-360.

5 Matzerath, Horst: Siedlungs- und Raumplanung für das „Großdeutsche Reich“; in: Schmals, Klaus M. (Hg.): Vor 50 Jahren … auch die Raumplanung hat eine Geschichte! Dortmund 1997, S. 55.

6 Petsch, Joachim: Baukunst und Stadtplanung im Dritten Reich. Herleitung, Bestandsaufnahme, Entwicklung, Nachfolge. München, Wien 1976, S. 185. – Vgl. auch Feder, G.: Die neue Stadt, Berlin 1939.

7 Petsch (1976), S. 185.

8 Petsch (1976), S. 199.

9 Früherer Chefideologe der NSDAP, der die Position eines Staatssekretärs im Reichswirtschaftsministerium und 1934 die Funktion eines Reichskommissars für das deutsche Siedlungswesen inne hatte, im Dezember 1934 jedoch auf den Lehrstuhl für Raumordnung, Siedlungswesen und Städtebau an der Technischen Hochschule Berlin und auf die Position eines Leiters der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung abgeschoben wurde.

10 Feder, G.: Die neue Stadt. Versuch der Begründung einer neuen Stadtplanungskunst aus der sozialen Struktur der Bevölkerung, Berlin 1939. S. 24.

11 Feder (1939), S. 14.

12 Feder (1939), S. 24. – Feder begründet sein Urteil „Die Großstadt […] [ist] der biologische Volkstod“ unter anderem damit, indem er sich auf eine Statistik von Bergdörfer über die Bevölkerungsentwicklung im Dritten Reich beruft. Dieser Statistik zu Folge leben in Dörfern unter 2.000 Einwohnern durchschnittlich 6,4 Kinder je Haushalt, während in Großstädten über 100.000 Einwohner nur 0,2 Kinder je Haushalt existieren.

13 Feder (1939), S. 22.

14 Feder (1939), S. 11f.

15 Feder kritisiert: „Wenn heute in Berlin die durchschnittliche Entfernung der Wohnstätte von der Arbeitsstätte für den werktätigen Menschen 51 Minuten für den einmaligen Weg beträgt, wenn also jeder Mensch im Durchschnitt nahezu 2 Stunden am Tag verliert und gezwungen ist, sie auf den Berliner Verkehrsmitteln zuzubringen – 2 Stunden, die ihm am Leben und an der Arbeit fehlen – so offenbaren sich darin ungeheure Schädigungen persönlicher und sachlicher Art.“ (S. 12f.) Er fordert deshalb: „Kein Industriewerk darf mehr geschaffen werden, ohne daß nicht zugleich für ausreichende und zur Arbeitsstätte richtig liegende Wohnstätten für die Arbeiter und deren Familien gesorgt wird! Keine solche Siedlungen, ohne daß nicht auch die notwendigen Bauten für Verwaltung, Erziehung und Versorgung sowie die gewerblichen und wirtschaftlichen Einrichtungen zur Befriedigung der regelmäßig wiederkehrenden Bedürfnisse der Angesiedelten geschaffen werden!“ (S. 19f.) In Feders für 20.000 Einwohner geplanten, idealtypischen Stadt sollen „[…] sowohl die Wege von der Wohnstätte zur Arbeitsstätte als auch die Einkaufswege der Hausfrau und die Schulwege bequem in höchstens 10-15 Minuten zurückgelegt werden können.“ (S. 14). (Vgl. außerdem Feder (1939), S. 43-46.)

16 Feder (1939), S. 27.

17 Feder (1939), S. 25ff.

18 Feder (1939), S. 20.

19 Feder (1939), S. 249.

20 Vgl. Feder (1939), S. 4ff.

21 Vgl. Münk (1993), S. 265ff., sowie Petsch (1976), S. 185ff.

22 Feder (1939), S. 13.

23 Hier siegelt sich die übergeordnete „Blut und Boden“-Ideologie und der erwähnte Autarkiegedanken wieder.

24 Die damalige Mietpreispolitik spielt bei der sozialen Segregation der Bewohner offensichtlich eine genauso große Rolle wie in unseren heutigen Tagen. In Feders Modellstadt waren die zentrumsnahe Wohnungen aufgrund höherer Bodenpreise und der besseren Infrastrukturbindung am teuersten, eben nur die Gutverdienenden konnten sich diese leisten. Trotzdem waren in dem Modell auch so genannte zentrale „Volkswohnungen“ vorgesehen. Im Zentrum sollten zirka 20 bis 30 Prozent der Wohnungen als preisgünstige Mietwohnungen im Geschoßwohnungsbau für Einwohner mit niedrigem Einkommen entstehen. Dennoch würde die Masse der mittleren und niedrigen Einkommensgruppen in die äußeren, schlechter ausgestatteten und angebundenen Stadtquartieren gedrängt werden.

25 Petsch (1976), S. 186f. – Auch in der Stadt lässt sich also das Prinzips der „Einheit von politischer und räumlicher Gestaltung“, spricht der Gedanke, dass den Hoheitsbereichen der Partei klar ablesbare Einheiten im Siedlungsraum entsprechen sollten, wieder finden. Die Gliederung des Raumes von Gau, Kreis, Ortsgruppe, Zelle spiegelt sich auch in der Stadt wieder. [Auch Walter Chistaller’s hat in seinem „Konzept der zentralen Orte“ die Orte hierarchisch nach ihren Versorgungsangeboten klassifiziert und jedes Oberzentrum mit einem Ring von Mittelzentren umgeben, die ihrerseits wiederum von einem Ring von Unterzentren umgeben sind. Das Führerprinzip wurde damit in der Raumordnung umgesetzt. – Vgl. u. a. Christaller, Walter: Die Kultur- und Marktbereiche der zentralen Orte im deutschen Ostraum und die Gliederung der Verwaltung, in: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung; Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover (Hg.): Raumforschung und Raumordnung, 1940, H. 11/12, S. 498-504.]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Stadtneugründungen Salzgitter und Wolfsburg im Dritten Reich im Spiegel städtebaulicher nationalsozialistischer Konzepte
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Einführung in die Stadt- und Regionalsoziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
28
Katalognummer
V115148
ISBN (eBook)
9783640157792
ISBN (Buch)
9783640157853
Dateigröße
725 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadtneugründungen, Salzgitter, Wolfsburg, Dritten, Reich, Konzepte, Einführung, Regionalsoziologie, Stadt, Stadtsozilogie, Nationalsozialismus, Städtebaukonzepte, Stadt des KdF-Wagens, Stadt der Hermann-Göring-Werke, Feder, Chistaller, völkisch-organische, technokratische, Stadtplanungskonzept, Fritsch, idealtypisches Stadtmodell, Neue Stadt, Speer, Hitler, Organisation des Raumes, Münk, Rimpl, Recker
Arbeit zitieren
Marc Castillon (Autor), 2007, Die Stadtneugründungen Salzgitter und Wolfsburg im Dritten Reich im Spiegel städtebaulicher nationalsozialistischer Konzepte , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115148

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