Die Wiener Krippenstudie und die Bindungstheorie. Methodentriangulation mit Videodokumentation und Mütterfragebogen (MSAS)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Abbildungsverzeichnis

2 Abkürzungsverzeichnis

3 Einleitung
3.1 Bindungstheoretische Grundlagen - John Bowlby
3.2 Aufgabe der Pädagoginnen

4 Die Wiener Krippenstudie
4.1 Methodenvielfalt der Studie
4.2 Videodokumentation
4.3 Mütterfragebogen (MSAS)
4.4 Bewertung der angewandten Methoden
4.5 Stressoren im Kleinkindalter
4.6 Krippenreife

5 Ergebnisse der Studie- ein Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Abbildungsverzeichnis

Abbildung 2 und 3 wurden aus urheberrechtlichen Gründen von der Redaktion entfernt.

Abbildung 1: Bindungs - Explorationswippe

Abbildung 2: Stressverarbeitung

Abbildung 3: Ganztagsbetreuung - Cortisol Tagesprofil

2 Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Einleitung

Die gedankliche Herangehensweise dieser Hausarbeit möchte eine kindbezogene sein. Dabei bezieht sie sich maßgeblich auf die biologischen und psychologischen Zusammenhänge früher Trennungerfahrung von Kindern unter drei Jahren. Die soziologische, rein wirtschaftliche Sicht ist nicht Thema dieser Arbeit, sie soll daher, in ihrer Unabhängigkeit zu wirtschaftlichen Zusammenhängen, das Kind in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken und sucht allein Antworten auf die Vor- und Nachteile außerfamiliärer frühkindlicher Betreuung.

Der Säugling, als psychophysiologische Neugeburt, bringt ein evolutionär vorgegebenes Grundgerüst an Handlungs- und Überlebensstrategien mit in das Leben, welches ihn dazu befähigt, deutlich anzuzeigen, was er zum Überleben benötigt und was seine Entwicklung maßgeblich hemmt. Diese entwicklungsfördernden- oder hemmenden Signale zu erkennen, angemessen zu deuten und zu reagieren, das ist die Aufgabe der Person (-en), die dem kleinen Kind am nächsten stehen.

Im Gegensatz zu anderen sozialwissenschaftlichen Themata befindet sich die Untersuchung des Einflusses auf die, vor allem sozial-emotionale Entwicklung des Kindes im Säuglings- und Kleinkindalter, noch nicht lange, unter Berücksichtigung der Verhältnismäßigkeit, im Fokus empirischer Erforschung. Es kristallisieren sich zwei gesellschaftliche Fronten heraus, die der Befürworter, meist staatlicherseits und die der Gegner der frühkindlichen Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Eines steht dabei außer Frage- je jünger das Kind, desto wichtiger ist eine verlässliche Bezugsperson, die es pflegt, ernährt, beschützt und berührt. Denn ein Kleinstkind hat noch kein Zeitgefühl und verbindet das allgemeine Unlustgefühl Hunger und dem Erscheinen eines bekannten Gesichts mit der Erfahrung der Bedürfnisbefriedigung und emotionalem Wohlbefinden. Daraus entsteht eine erste Bindung zu einem anderen Menschen, die für die Entwicklung jenes Urvertrauens wichtig ist, mit welchem ein Mensch später psychisch gesund durch die Welt kommen kann. Das neugeborene Kind ist nach Prof. Dr. paed. Eva Rass eine extrauterine Frühgeburt, die außerhalb des mütterlichen Körpers erst zur vollen Reife heranwachsen muss, sowohl physiologisch als auch psychisch- emotional. Unsere frühesten Vorfahren hatten eine Tragezeit von einundzwanzig Monaten und damit gaben sie ihren Kindern einen guten Entwicklungsvorsprung noch im pränatalen Zustand (Rass, 2016, 5:44).

3.1 Bindungstheoretische Grundlagen - John Bowlby

Dr. Edward John Mostyn Bowlby war ein britischer Kinderarzt, Kinderpsychiater, Psychoanalytiker und mit James Robertson sowie Dr. Mary Ainsworth Pionier der Bindungsforschung. Als Begründer der Bindungstheorie, welche hier nach ihm benannten ist und Bezug genommen wird, leitete er Anfang der 1950er-Jahre sein theoretisches Konzept aus der Psychoanalyse, der Systemtheorie und vor allem aus der Verhaltensforschung ab.

Er ging davon aus, dass jeder Mensch ein vorstrukturiertes Bindungsverhaltenssystem, sozusagen ein biologisch festgelegtes, emotionales Grundgerüst besitzt, welches sein Überleben und seine psychische Gesundheit garantieren. Dieses Bindungsverhaltenssystem wird in herausfordernden Stresssituationen aktiv, es äußert sich durch die beobachtbaren Verhaltensweisen des Kindes, also durch Weinen, klar erkennbare Angst und Verunsicherung, der Suche nach Nähe zur Bindungsperson, ihr nachfolgen und an diese anklammern; es ist ein Verhalten entsprechend der Suche nach Schutz und Sicherheit. Die dazu gehörenden Stressoren, die das genannte Bindungsverhaltenssystem aktivieren, sind Müdigkeit, Hunger, Schmerzen, eine unbekannte Umgebung, fremde Menschen, sowie die Trennung von der Bindungsperson und deren emotionale Unterstützung.

Der Bindungsaufbau zu wenigen Personen innerhalb des ersten Lebensjahres ist genetisch vorprogrammiert, dieses Verhalten stellt sicher, dass der Säugling versorgt und beschützt wird in dieser vulnerablen Phase seines Lebens. Das Bindungsverhalten des Kleinstkindes ist eine der ältesten Grundfesten der menschlichen Existenz, es legt den Grundstock für jeden weiteren intersubjektiven Beziehungsaufbau. Störungen und Hemmnisse auf diesem ersten Weg der Beziehungserfahrung haben tiefgreifende Irritationen zur Folge, die den Menschen ein Leben lang beeinflussen, seine Beziehungsbereitschaft hemmen und sein Sozialverhalten nachhaltig prägen. Es ist bis heute weitgehend unbekannt und nur wenige Studien belegen, wie die ersten Bindungserfahrungen das ganze weitere Leben in ihren Bann ziehen. Sowohl im negativen als auch im positiven Sinn.

Um es also nochmals zu betonen, Bindung ist ein permanentes, intuitives Band zu einer spezifischen Person, eine Bindung, die, erstmal aufgebaut, anfänglich nicht austauschbar oder übertragbar ist. Ab dem achtzehnten bis zum vierundzwanzigsten Lebensmonat eines Kindes beginnt das soziale Zusammenspiel mit Peers, es sind auch die Anfänge des Symbolspiels zu verzeichnen sowie die Entwicklung der Fähigkeit, sich selbst im Spiegel zu erkennen, welches die Voraussetzung für Identität und Empathie darstellt (vgl. Bischof-Köhler, 1989: 82).

Das Kind ist ab dem sechsunddreißigsten Lebensmonat in seiner Identität ansatzweise gefestigt, so dass die Bereitschaft in diesem Alter wächst, weitere Beziehungen zu anderen Bezugspersonen aufzubauen, wobei die gleichzeitige Abwesenheit der Hauptbindungsperson in zunehmendem Maße akzeptiert wird. Diese und ähnliche Überlegungen sind immer im Hinblick auf die individuellen Besonderheiten innerhalb der Entwicklungsbiografie eines jeden Kindes zu betrachten. Dabei ist zu bedenken, dass die Erkundung der Umwelt und das Erlernen neuer Kompetenzen für das Kind nur möglich sind, wenn das Bindungsverhalten beruhigt ist, daher verhält sich das Bindungsverhaltenssystem komplementär zum Explorationsverhaltenssystem. Es gilt als wissenschaftlich belegt, dass soziale und emotionale Erfahrungen die Grundlage jeder Kognition darstellen.

Mit dem Konzept vom „inneren Arbeitsmodell“ (Vorstellungsmodellen) trug Bowlby (1973) wesentlich zur Weiterentwicklung bindungstheoretischer Überlegungen bei.

Diese inneren Arbeitsmodelle, welche ab dem sechsten Lebensmonat nachweisbar sind, weisen eine enge Verbindung mit den kognitiven Fähigkeiten auf, dabei vor allem mit der Entwicklung der Objektpermanenz nach Piaget (vgl. Piaget, 1974: 15). So liegt die empirische Vermutung nahe, dass ein Kind ab dem Ende des ersten Lebensjahres in der Lage ist, Arbeitsmodelle mental aufzurufen und das erwartbare Verhalten der Bindungsperson gedanklich vorwegzunehmen.

Es besteht eine Balance zwischen dem »Bindungsverhaltenssystem« auf der einen Seite und dem »Explorationsverhaltenssystem« auf der anderen Seite. Fühlt sich das Kind emotional ausgeglichen, ist sein Explorationsverhalten aktiv und es beschäftigt sich intensiv mit der Erkundung der Umwelt. In einer Stresssituation oder bei dauerhaften emotionalen Belastungen verliert das Kind allerdings sein inneres Gleichgewicht, es hört auf zu spielen und zu explorieren und sucht Nähe und Kontakt zu seiner Bindungsperson. Sein Bindungsverhaltenssystem bleibt so lange aktiv, bis es sein inneres Gleichgewicht durch die Unterstützung der Bindungsperson oder, in seltenen Fällen, aus eigener Kraft wiederhergestellt hat. Symbolisch kann dieser Balanceakt mit einer Wippe verglichen werden. Wie auf einer Wippe kommt es zu einem ständigen Ausbalancieren zwischen den zwei Verhaltenssystemen der Bindung und der Erkundung (vgl. Bowlby 2020: 22 - 28).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bindungsverhaltenssystem­

Explorationsverhaltenssystem sind zueinander

komplementär (Quelle: eigene Darstellung)

Beim Bindungsaufbau kommt der Feinfühligkeit der Erwachsenen eine besondere

Bedeutung zu.

Feinfühligkeit bedeutet:

1. Die Signale des Kindes wahrnehmen.
2. Die Signale richtig interpretieren.
3. Entwicklungs- und situationsangemessen und
4. prompt zu reagieren.

(vgl. Ainsworth 1977: 98 - 104).

Erwachsene unterscheiden sich in der Ausprägung ihrer Feinfühligkeit. Ein hohes Maß an Feinfühligkeit vonseiten der Bezugsperson führt zu emotionaler Sicherheit des Kindes (vgl. Cierpka 2014: 59ff.).

Kleinkinder und Säuglinge bedürfen einer unmittelbaren Unterstützung und Begleitung durch vertraute Personen, um ihre Affektregulation und ihrer Impulskontrolle durch äußere Beruhigung, das heißt Berührung, steuern zu können. Sie suchen und wählen in der Krippe bzw. der Fremdbetreuung generell eine Hauptbezugsperson und weitere gut vertraute Bezugspersonen, die in herausfordernden Situationen emotional und zuverlässig mit Blickkontakt verfügbar sind und den Kindern helfen, ihr Befinden, ihre Bedürfnisse und Impulse zu regulieren. Voraussetzung dafür ist, dass die Bezugspersonen die situative Belastung des Säuglings oder Kleinkinds in angemessener Art und Weise einschätzen und reagieren können. Dies wiederrum setzt die oben bereits benannte Feinfühligkeit voraus. (vgl. Papousek et al. 2006: 61ff.)

3.2 Aufgabe der Pädagoginnen

Die Aufgabe von Pädagoginnen ist es, die Notwendigkeit von Hilfen zur Affektregulation und Vermeidungsverhalten von kleinen Kindern erkennen und adäquat beantworten zu können. Über einen sorgfältigen und eventuell auch wiederholten Eingewöhnungsprozess kann schrittweise eine ritualisierte Begleitung von Trennungserfahrungen dazu führen, dass das Kind diese zeitweilige Trennung zu akzeptieren lernt und daraus resultierend eine gewinnbringende Persönlichkeitsentwicklung in Gang gesetzt werden kann. Gute Betreuung zielt auf Kontinuität der kindlichen Erfahrungen ab. Ein konzeptuell vorgegebener Gruppen- bzw. Bezugspersonenwechsel innerhalb der ersten drei Jahre, also in den sensiblen Phasen des Identitäts-, Beziehungs- und Bindungsaufbaus, sollte vermieden werden (vgl. Brisch et al. 2008: 5).

...

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Wiener Krippenstudie und die Bindungstheorie. Methodentriangulation mit Videodokumentation und Mütterfragebogen (MSAS)
Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Abt. Hannover
Veranstaltung
Gesundheit und Soziales – Studiengang Frühpädagogik
Note
2,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
25
Katalognummer
V1151729
ISBN (eBook)
9783346542618
ISBN (Buch)
9783346542625
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wiener, krippenstudie, bindungstheorie, methodentriangulation, videodokumentation, mütterfragebogen, msas
Arbeit zitieren
Ina Müller (Autor:in), 2021, Die Wiener Krippenstudie und die Bindungstheorie. Methodentriangulation mit Videodokumentation und Mütterfragebogen (MSAS), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1151729

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Wiener Krippenstudie und die Bindungstheorie. Methodentriangulation mit Videodokumentation und Mütterfragebogen (MSAS)



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden