Gesellschaftsverträge nach Jean-Jacques Rousseau und John Stuart Mill. Vertragsgedanken und die Grundlagen der Gesellschaft


Hausarbeit, 2021

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Vertragsgedanke bei Rousseau
2.1 Freiheit und Gleichheit als grundlegende Wesenhaftigkeit des Zusammenschlusses
2.2 Die Bestimmungen des Vertrages und der Gemeinwille
2.3 Vom Wesen der Gesellschaft

3. Das Aufblühen und Untergehen einer Gesellschaft nach Rousseau, kommentiert und geprüft durch die Vorstellungen nach Mill
3.1 Die Grundlage einer Gesellschaft
3.2 Sonderinteressen und der Gemeinwille
3.3 Die Gefahr für die Gesellschaft

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Eingehen von dauerhaften Beziehungen und Eigentumsverhältnissen unter den Menschen löst sich der friedliebende Naturzustand auf und geht in ein kriegerisches, von Leidenschaften und Egoismus geprägtes Treiben über. Um den Kriegszustand zu überwinden müssen die Menschen in ein neues Verhältnis übergehen. Da die Rückkehr in den Naturzustand aufgrund der bereits bestehenden Kultivierung nicht mehr möglich ist, sind die Menschen angehalten ihre Kräfte zur Sicherung des Fortbestandes der Menschheit zu einen.1

Dieser Zusammenschluss zu einer geeinten Gesellschaft fordert auf zu beantworten, ob es einen allgemeingültigen Grundsatz für das menschliche Handeln und Zusammenleben geben kann, welcher als Voraussetzung für das Formulieren und Ausführen von rechtmäßigen Gesetzen dient und ob dieses Konzept einer Gesellschaft auch dauerhaft zu einer fortschrittlichen Entwicklung verhilft.

Da sich nach Rousseau der Mensch aufgrund der vorher beschriebenen Entwicklung nur durch ein Bündnis zu einer Gemeinschaft gemäß seines Wesens als Mensch verwirklichen kann, formuliert er das Folgende als Grundlage für eine gesellschaftliche Übereinkunft: ,,Finde eine Form des Zusammenschlusses, die mit ihrer ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Vermögen jedes Einzelnen Mitglieds verteidigt und schützt und durch die doch jeder, indem er sich mit allen vereinigt, nur sich selbst gehorcht und genauso frei bleibt wie zuvor.”2

Das aus diesem Grundgedanken heraus konstruierte Gesellschaftsmodell von Jean-Jacques Rousseau in seinem Werk ,,Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechtes“ gilt es in der folgenden Abhandlung zunächst zu erläutern und anschließend aus der Perspektive von John Stuart Mills Vorstellungen aus seinem Werk ,,Über die Freiheit“ bezüglich dessen Möglichkeit zu der fortschrittlichen Entwicklung einer Gesellschaft zu beurteilen.

2. Der Vertragsgedanke bei Rousseau

2.1. Freiheit und Gleichheit als grundlegende Wesenhaftigkeit des Zusammenschlusses

,,Da kein Mensch von Natur aus Herrschaft über seinesgleichen ausübt und da Stärke keinerlei Recht erzeugt, bleiben also die Vereinbarung als Grundlage jeder rechtmäßigen Herrschaft unter den Menschen.”3 Zunächst ist Rousseau davon überzeugt, dass der kriegerische Zustand, in welchem das ,,Recht des Stärkeren”4 gilt, keine vernunftgeleitete Grundlage für eine ordnungsgemäße Herrschaft sein kann. Das ,,Recht”, dass der Stärkere übere den Schwächeren herrscht, beruht weder auf einem Pflichtgefühl des Beherrschten gegenüber dem Herrschenden noch auf der Basis eines freien Willen oder einer Wahl, sondern auf einem Zwang aufgrund natürlicher Umstände. Weiter wird kontinuierlich eine starke Kraft von der nächst stärkeren Kraft abgelöst. So erweist sich die Machtausübung des Stärkeren als nicht rechtmäßig und somit als ungeeignet, um als Grundlage für eine Gesellschaft zu dienen.5 Der Zwiespalt der Menschen zwischen dem Naturzustand und dem Kriegszustand ist nicht fortschrittlich und ,,das Menschengeschlecht würde zugrunde gehen, wenn es die Art seines Daseins nicht [ändert]. Da die Menschen nun keine neuen Kräfte hervorbringen, sondern nur die vorhandenen vereinen und lenken können, haben sie kein anderes Mittel, sich zu erhalten, als durch Zusammenschluss eine Summe von Kräften zu bilden, stärker als jener Widerstand und diese aus einem einzigen Antrieb einzusetzen und gemeinsam wirken zu lassen.”6

Diese Vereinbarung soll jedem Menschen den gleichen Wert zusprechen, wodurch sich nicht nur alle auf dieselbe Weise gegenseitig einander verpflichten, sondern auch alle Anspruch auf dieselben Rechte haben.7 Aus dieser Gleichheit heraus resultiert eine neue Form der Freiheit, die bürgerliche Freiheit. Diese ist der natürlichen Freiheit aus dem Naturzustand in der Hinsicht unterlegen, das der Mensch durch den Eintritt in ein gesellschaftliches Leben seine triebhafte Natur zurückstellen muss.

Die bürgerliche Freiheit ermöglicht es jedoch dem Menschen, durch ein an der Gerechtigkeit orientiertes, vernunftgeleitetes und gesittetes Leben in der Gesellschaft, sein Wesen gemäß seiner Bestimmung zu vervollkommnen und ist in ihrem Ausmaß somit wirkungsvoller als die natürliche Freiheit.8 Walter Mesch erkennt in dem Vertragsgedanken von Rousseau ebenso die Freiheit und Gleichheit als Voraussetzungen für ein gelungenes gesellschaftliches Zusammenleben an. Das Gewicht der beiden Aspekte wird durch folgende Ursache erklärt: ,,Zu unterstellen ist primär eine weitgehende Gleichheit der Interessen. [...] Gewährleistet wird sie für Rousseau vor allem dadurch, daß alle Menschen über dieselbe natürliche Freiheit verfügen, und deshalb dasselbe Interesse daran haben müssen, diese Freiheit angesichts gesellschaftlicher Ungleichheit und Unfreiheit, wenn schon nicht im strikten Sinne wiederzuerlangen, so doch durch Transformation zu bürgerlicher Freiheit [...] zu bestätigen.”9 Aus den zwei grundlegenden Komponenten der Freiheit und der Gleichheit entwirft Rousseau den Gesellschaftsvertrag.10

2.2 Die Bestimmungen des Vertrages und der Gemeinwille

Inhalt des Gesellschaftsvertrages sind festgelegte Bestimmungen, welche den Zusammenschluss aller Kräfte und das Erlangen der bürgerlichen Freiheit ermöglichen. Die elementarste Bestimmung fordert ,,die völlige Entäußerung jedes Mitgliedes mit allen seinen Rechten an das Gemeinwesen als Ganzes.”11 Die absolute Hingabe jedes Einzelnen an ein gemeinsames Ganzes schafft die zuvor angesprochene Komponente der Gleichheit. Das gemeinsame Ganze, woraufhin alle Kraft zuläuft und von der sie ausgeht, ist der ,,Gemeinwille.”12 Dieser setzt sich aus den allgemeinen Interessen und Forderungen aller in einer Gemeinschaft lebenden Menschen zusammen. Im Gegensatz dazu steht der ,,Gesamtwille”13, welcher aus der Sammlung von Einzelinteressen besteht. So kann der Gemeinwille auch als das verstanden werdet, was als Gemeinsamkeit aus dem Gesamtwillen, beziehungsweise den Einzelinteressen herausgefiltert wird.

Damit ist die Übereinkunft zu einem Gemeinwille ,,eine rechtmäßige Übereinkunft, weil sie den Gesellschaftsvertrag zur Grundlage hat, eine billige Übereinkunft, weil sie allen gemeinsam ist, eine nützliche Übereinkunft, weil sie kein anderes Ziel haben kann als das allgemeine Wohl, eine dauerhafte Übereinkunft, weil sie die öffentliche Gewalt und die höchste Macht zum Bürger hat.”14

2.3 Vom Wesen der Gesellschaft

Rousseau vergleicht die nach seinen Vorstellungen bestehende Gesellschaft mit einem menschlichen Körper.15 Die Gesellschaft bildet durch die vereinende Kraft des Gemeinwillens aus den einzelnen Personen einen Körper, welcher durch die kollektive Zusammenarbeit aller Körperteile als Gesamtheit in vollkommener Harmonie bestehen kann. Diesen Körper nennt Rousseau ,,Staat”16, wenn dieser inaktiv existiert, und ,,Souverän”17, wenn dieser teilhabend an etwas ist. Den einzelnen Menschen bezeichnet Rousseau als ,,Bürger”18, wenn er an dem Souveränen teilhat, und als ,,Untertan”19, wenn dieser als Vertreter seiner Einzelinteressen auftritt.20 Aus dem Körper entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis der beiden Vertragspartner ,,Bürger” und ,,Souverän”. Jede Handlung oder Entwicklung, welche den Souverän betreffen, betreffen auch den einzelnen Bürger und umgekehrt.21

3. Das Aufblühen und Untergehen einer Gesellschaft nach Rousseau, kommentiert und geprüft durch die Vorstellungen nach Mill

Folglich gilt es zu klären, inwieweit diese Übereinkunft nach Rousseau einer Gemeinschaft zu einer fortschrittlichen Entwicklung und hin zu einer gut funktionierenden Gesellschaft verhelfen kann. Maßgebend für die Bewertung sind die Vorstellungen über eine gut funktionierende Gesellschaft von John Stuart Mill aus seinem Werk ,,Über die Freiheit”.

Nach Rousseau kann es eine rechtmäßige Ordnung für das Zusammenleben von Menschen, welche als Ziel das allgemeine Wohl hat, nur auf der Grundlage von etwas Gemeinsamen geben.22 Das Gemeinsame ist der Gemeinwille. Dieser erzeugt durch die Hingabe jedes Einzelnen an ein gemeinsames Ganzes und die Aufgabe der außergewöhnlichen Interessen eine Gleichheit vor dem Gesetz. Die rechtliche Gleichheit soll die natürliche Ungleichheit überwinden und kompensieren. Außergewöhnliches Talent, physische Gegebenheiten oder geistiges Vermögen spalten die Gesellschaft so sehr wie die Einzelinteressen und gelten daher für das allgemeine Wohl als nicht erstrebenswert.23

,,Wir stimmen darin überein, daß alles, was der Einzelne durch den Gesellschaftsvertrag von seiner Macht, seinen Gütern und seiner Freiheit veräußert, nur jeweils der Teil ist, dessen Gebrauch für die Gemeinschaft von Bedeutung ist, aber man muß weiter zugeben, daß allein der Souverän über diese Bedeutung entscheidet.”24 So entspringt und besteht die Gesellschaft aufgrund von Gleichheit und Einigkeit.

Dieser Grundhaltung steht die liberale Forderung Mills nach größtmöglicher Individualität, Meinungsverschiedenheiten und persönlicher Freiheit gegenüber. Demnach entsteht eine Gesellschaft aus der Summe aller Interessen und besteht nicht aufgrund eines allgemeingültigen Willens.25

3.1 Die Grundlage einer Gesellschaft

Um ein Volk vor Tyrannei und Willkürherrschaft zu schützen, gilt es auch bei John Stuart Mill nach einem Grundsatz zu fragen, welcher das Verhältnis von den Einzelpersonen zu der Gesellschaft regelt.26

Für Rousseau ist dieser Grundsatz ein Vertrag, welcher alle Vertragspartner dauerhaft an sich bindet. Einhergehend mit der Entäußerung von individuellen Interessen verliert der Mensch einen Teil seiner Freiheiten. Dieser Verlust wird zwar durch das Vereinen der Kräfte zu einer starken, im Einklang mit sich selbst bestehenden Gemeinschaft ausgeglichen, fordert jedoch gleichzeitig das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis von dem Einzelnen und der Gesamtheit dauerhaft zu erhalten.

[...]


1 Rousseau (1762), S. 10-17.

2 Ebd. S. 17.

3 Ebd. S.10.

4 Ebd. S. 9.

5 Vgl. ebd. S. 9-10.

6 Ebd. S. 16-17.

7 Vgl. ebd. S. 33-36.

8 Vgl. ebd. S.22.

9 Mesch (1999), S. 366.

10 Rousseau (1762), vgl. S. 56-58.

11 Vgl. ebd. S.17.

12 Ebd. S. 18.

13 Ebd. S. 31.

14 Ebd. S. 35.

15 Vgl. ebd. S. 18.

16 Ebd. S. 19.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Ebd. S.18-21.

21 Vgl. ebd. S. 20.

22 Vgl. ebd. S. 27.

23 Vgl. ebd. S. 20-21, 26.

24 Ebd. S. 33.

25 Mill (1859), vgl. S.179, 201.

26 Vgl. ebd. S.33.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftsverträge nach Jean-Jacques Rousseau und John Stuart Mill. Vertragsgedanken und die Grundlagen der Gesellschaft
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
14
Katalognummer
V1151916
ISBN (eBook)
9783346544346
ISBN (Buch)
9783346544353
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John Stuart Mill, Über die Freiheit, Jean Jacques Rousseau, Gesellschaftsvertrag, Gesellschaft, Tyrannei der Mehrheit, Meinungsfreiheit, Handlungsfreiheit, Zusammenleben, Individualität, Fortschritt
Arbeit zitieren
Anna Drößler (Autor:in), 2021, Gesellschaftsverträge nach Jean-Jacques Rousseau und John Stuart Mill. Vertragsgedanken und die Grundlagen der Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1151916

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gesellschaftsverträge nach Jean-Jacques Rousseau und John Stuart Mill. Vertragsgedanken und die Grundlagen der Gesellschaft



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden