Die sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie nach Henner Hess und Sebastian Scheerer


Hausarbeit, 2021

11 Seiten, Note: 2,0


Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodologie

3. Grundlagen und Grundbegriffe
3.1. Determinationsversuch: Kriminalität
3.2. Fachtermini: Mikro- und Makro-Ebene

4. Die sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie nach Scheerer und Hess
4.1. Erste Makro-Ebene: Kriminalität als Definition
4.2. Mikro-Ebene: Kriminalität als Handlung
4.3. Zweite Makro-Ebene: Kriminalität als Institution

5. Kritik und Fazit

6. Bibliografie

1. Einleitung

Keine Gesellschaft ist frei von sogenannten Regelverstößen oder sozialen Abweichungen – so das Postulat der Bundeszentrale für politische Bildung. Weiter heißt es, dass dabei die schwerwiegendsten als Kriminalität definiert werden können. Dabei könne ebendiese nicht etwa als naturgegebenes Phänomen wahrgenommen werden, sondern hänge vielmehr mit gesellschaftlich gesetzten Normen zusammen. Aus diesem Grund unterliegt die Anwendung und Deutung letzterer einem historischen Wandel (vgl. bpb 2016). Darüber wie oder wieso Kriminalität entsteht, weswegen sie räumlich und geschichtlich different ist oder was die gesamtgesellschaftlichen Folgen von kriminellem Handeln sein können, wird hingegen keine Information gegeben. Möglicherweise ist dies der Kürze des Eintrags zuzuschreiben, andererseits wäre es auch denkbar, dass die Begründung dafür in der Tatsache ruht, dass manche dieser Fragen nur schwerlich zu beantworten sind. Denn abgesehen davon, dass Kriminalität alltäglich und dazu noch in jeder Gesellschaftsform vertreten ist, sind die Vorstellungsinhalte lebensweltlich äußerst heterogen und selbst in Fachkreisen teilweise als diffus deklariert (vgl. Lamnek in Schäfers/Zapf 2013, S. 392).

Genau genommen, ist Kriminalität eine derart komplexe und facettenreiche Thematik, dass sich ihr eine eigene Wissenschaft verschrieben hat: die Kriminalsoziologie. Nicht wenige WissenschaftlerInnen haben sich darum bemüht, diverse Theorien zu konzipieren, um zumindest partielle Erklärungen für bestimmte Aspekte der Kriminalität aufdecken zu können. Jedoch mangelte es bis in die späten 1990er Jahre an einer vollständigen Konzeption, welche die bisher gewonnenen Erkenntnisse zur Entstehung von Kriminalität in einen überzeugenden Zusammenhang brachte. Im Jahr 1997 kam es zum akademischen Durchbruch auf diesem Gebiet, als die beiden Soziologen Henner Hess und Sebastian Scheerer ein integratives Modell veröffentlichten, welches diverse Erklärungsversuche der Kriminalität nicht nur ordnen, sondern überdies auch harmonisieren sollte. Die Autoren wollten dem Anspruch gerecht werden, eine allgemeine Theorie aufzustellen, welche jede Erscheinungsform von Kriminalität erfasst. Darüber hinaus verfolgten sie das Bestreben sowohl kollektiv kriminelle Vorkommnisse als auch Kriminalität im Einzelfall darlegen zu können. Aufgrund dessen betitelten Hess und Scheerer ihre Theorie der Kriminalität auch als Mikro-Makro-Modell (vgl. Bock 2017, S. 78).

Die allgemeine sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie Hess‘ und Scheerers hat das Bestreben eine wahre und universell anwendbare Konzeption zu sein, die sowohl die Mikro- als auch die Makroebene der Kriminalität einschließt und darlegen möchte, wie diese miteinander korrelieren und sich wechselseitig beeinflussen. Im Verlauf des vorliegenden Werkes soll nun besagtes Modell präsentiert und überdies prägnant auf seine Applikabilität überprüft werden.

2. Methodologie

Das grundlegende Ziel der präsenten Arbeit liegt darin, die sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie von Henner Hess und Sebastian Scheerer vorzustellen. Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, muss zunächst eine wissenschaftlich fundierte Basis geschaffen werden. Dazu sollen zuerst die Grundbegriffe und Grundlagen der relevanten Themenbereiche individuell aufgeführt und präzise dargestellt werden. Dies wird als unerlässlich erachtet, um einen Konsens zwischen Verfasserin und Lesenden über die wissenschaftlich fundierten Ausgangspunkte herzustellen und potenzielle Missverständnisse zu prävenieren. Zu diesen als fundamental erachteten Begrifflichkeiten zählen die Fachtermini der Kriminalität, der Mikro- und der Makroebene.

Im Anschluss soll der Fokus des vorliegenden Werkes erläutert werden. Besondere Beachtung findet hierbei der Aufbau der sozialkonstruktivistischen Kriminalitätstheorie. In verschiedenen Unterkapiteln wird daher auf die einzelnen Ebenen des Makro-Mikro-Makro-Modells eingegangen. Hierbei wird zunächst die historische Herausbildung der Kategorie Kriminalität nachgezeichnet. Darauffolgend wird präzisiert, wie individuelles Handeln die Entstehung beziehungsweise den Fortlauf einer kriminellen Karriere der AkteurInnen beeinflussen kann. Zuletzt wird auf die Thematik der Kriminalstatistiken und Kriminalitätsraten eingegangen, was mit der Frage schließt, welchen Einfluss ebendiese auf kollektive Diskurse haben können.

Bevor dieser Rundumschlag zu einem stimmigen Ende gebracht werden kann, soll die Kritik thematisiert werden, welche im Zusammenhang mit der allgemeinen sozialkonstruktivistischen Kriminalitätstheorie geäußert wird. Zuletzt soll ein knappes Resümee konkludieren, für welche Anwendungsbereiche die Theorie Hess‘ und Scheerers genau konzipiert ist.

3. Grundlagen und Grundbegriffe

Kriminalität ist ein unverkennbar komplexer und soziopolitisch elementarer Begriff, was es nahezu unmöglich macht, ihn terminologisch in seiner Ganzheit abzudecken. Dennoch erfordert ihre dauerhafte Präsenz in der Gesellschaft und die damit einhergehende stete Relevanz eine tiefergreifendere Auseinandersetzung mit Aspekten wie Ursache, Wirkung, Häufigkeit und vielen weiteren korrelierenden Thematiken.

Eine erste Annäherung an dieses thematische Feld kann über die Begriffsdetermination erfolgen, welcher sich das anschließende Kapitel widmet. Wie eingangs bereits erwähnt, bemühen sich Kriminalitätstheorien darum, abweichendes - und somit als kriminell deklariertes - Handeln zu erklären, so auch die Konzeption von Henner Hess und Sebastian Scheerer.

3.1. Determinationsversuch: Kriminalität

Kriminalität ist äußerst vielseitig - dementsprechend gibt es unzählige Versuche den Begriff terminologisch zu erfassen und einzugrenzen. Allgemein haben alle Ansätze gemeinsam, dass Handlungen gemeint sind, welche in der Gesellschaft vorherrschenden Normen widersprechen oder von ebendiesen abweichen (vgl. Lamnek in Schäfers/Zapf 2013, S. 392).

Während die meisten Definitionen sich dabei auf mehr oder weniger ausgeprägte Normen beziehen, lautet die gesellschaftskritisch-moderne kriminalsoziologische Stellungnahme, dass abweichende Handlungen nicht kriminell per se sind, sondern erst durch Zuschreibungen kriminalisiert werden. Dieses Phänomen wird labeling approach genannt und findet Eingang in vielen theoretischen Überlegungen (vgl. ebd., S. 393).1 Es wird an dieser Stelle davon ausgegangen, dass alle Lesenden bereits umfangreiche Kenntnisse in Bezug auf das Feld der Kriminalität besitzen. Daher soll lediglich eine ausgewählte Definition als wissenschaftliche Basis dargeboten werden.

Ein spezifischer Annäherungsversuch, welcher den labeling -theoretischen Ansatz weitestgehend vernachlässigt, stammt von Siegfried Lamnek. Dieser behauptet Kriminalität sei schlicht „die Gesamtzahl aller Handlungen, die gegen kodifizierte Strafrechtsnormen ( Verbrechen im weiteren Sinne) verstoßen, sich innerhalb eines bestimmten Zeitraumes und innerhalb eines geographisch abgegrenzten Raumes ereignen und erfasst werden“ (vgl. ebd., Hervorhebung im Original). Aus diesem Zitat lässt sich die Annahme ableiten, dass es sich bei Kriminalität eher um eine Sammelkategorie handelt, welche durch ihre Abstraktheit Gefahr läuft, unzulässig zu verallgemeinern und der Komplexität und Differenziertheit ihrer Vorkommnisse nicht ausreichend gerecht zu werden (vgl. ebd.).

3.2. Fachtermini: Mikro- und Makro-Ebene

Bei der Konzeption zur Erklärung der Entstehung von Kriminalität von Scheerer und Hess handelt es sich um einen Entwurf, welcher sich auf drei Ebenen aufbaut: Der Makro-Mikro-Makro-Ebene. Diese Ebenen greifen dabei ineinander und bringen permanent neue Abläufe hervor (vgl. Hess/Scheerer 1997, S. 86f.).

Die Mikroebene beinhaltet den beiden Soziologen zufolge jegliche kriminelle Handlung oder Interaktion mit Kontrollinstanzen (vgl. Hermann 2013, S. 28). Darüber hinaus gehen sie davon aus, „dass Kriminalität eine intentionale, originär sinnhafte Handlung darstellt“ (Bock 2017, S. 79).

Die Makroebene hingegen umfasst „die Mechanismen der Normgenese, die Organisation von Kontrollinstanzen und die Darstellung formell definierter Kriminalität durch Kriminalstatistiken“ (Hermann 2013, S. 28). Es handelt sich hierbei also um kollektive Phänomene. Die Autoren interessieren sich hierbei besonders für die Frage, „wie die Summe der einzelnen kriminellen Handlungen und die Wechselwirkungen zwischen Tätern und Kontrollinstanzen kollektive Phänomene wie zum Beispiel kriminalstatische Befunde, Subkulturen, usw. erzeugen“ (Bock 2017, S. 79).

4. Die sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie nach Scheerer und Hess

Die sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie von Sebastian Scheerer und Henner Hess ist – wie der Name bereits erahnen lässt – eine sozialkonstruktivistische und allgemeine Kriminalitätstheorie. Demnach bezieht sich besagte Konzeption weder auf spezifische TäterInnengruppen noch auf einen gewissen Typus von Delikten. Diese Theorie integriert bereits vorhandene Teiltheorien und orientiert sich am soziologischen Makro-Mikro-Makro-Modell. Sie ist grundsätzlich in drei interaktive Schritte untergliedert und verfolgt das Ziel, einen theoretischen Rahmen liefern zu können, um den gesamten Bereich der Sinnprovinz der Kriminalität zu erfassen (vgl. Wickert 2021).

Abb. 1: Modell zur Erklärung der Konstruktion von Kriminalität nach Hess und Scheerer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Hess/Scheerer 1997, S. 95

Der Theorie nach stehen Mikro- und Makroebene in Wechselbeziehungen zueinander. Die Makroebene beschreibt den Normenkatalog und die soziale Ordnung der Gesellschaft und beeinflusst die Situationsdefinition der handelnden Individuen. Somit wirkt sie auf der Mikroebene (vgl. Hermann 2013, S. 28). Die kontrollierenden und kriminellen Einzelhandlungen auf der Mikroebene generieren wiederum neue Makrophänomene, „die ihrerseits als so konstruiertes Phänomen der ‚Kriminalität‘ gesamtgesellschaftliche Funktionen der Konsensherstellung […] und der Herrschaftsstabilisierung erfüllen“ (Wickert 2021). Während die Makroebene also den Rahmen menschlichen Handelns darstellt, schließt die Mikroebene alle Handlungen ein, die als abweichend und daher kriminell definiert werden. Um ein solches Handeln erklären zu können, stützen Hess und Scheerer sich überwiegen auf das interaktionistische Karriere-Modell von Hess selbst und bringen dadurch eine Vielzahl an kriminologischen Hypothesen systematisch zusammen (vgl. ebd.). Der Konzeption nach ist ein Verbrechen also das Resultat aus „makrosoziologischen Vorbedingungen, mikrosoziologischen Theorien inklusive individueller Entscheidungssituationen sowie Zuschreibungen seitens der Gesellschaft und des Staates zur Herrschaftssicherung und Konsensherstellung, welche ihrerseits die neuen makrosoziologischen Bedingungen für neue mikrodimensionalen Entscheidungen darstellen“ (Hermann 2013, S. 29).

Daraus lässt sich schließen, dass kriminelle Handlungen sowie die Interaktion mit Kontrollinstanzen zu entsprechenden Organisationsformen der Kontrollorgane führt. Überdies beeinflusst die selektive Darstellung formell registrierter Kriminalität, beispielsweise in öffentlichen Medien oder publizierten Statistiken, die gesellschaftlichen Vorstellungen von Kriminalität, woraus eine Stabilisierung der sozialen Ordnung resultiert (vgl. ebd.). Daran lässt sich belegen, dass die Makroebene auf die Mikroebene wirkt und diese wiederum die Makroebene beeinflusst. Sprich, alle Ebenen agieren in einem interaktiven Gesamtzusammenhang wechselseitig. In den folgenden Unterkapiteln sollen nun die drei Schritte des Modells detaillierter skizziert werden.

4.1. Erste Makro-Ebene: Kriminalität als Definition

Zunächst soll die allgemeine Kriminalitätstheorie aufzeigen wann, wie und weshalb die Kriminalität als eigene Kategorie in Erscheinung trat (vgl. Hess/Scheerer Oberwittler/Karstedt 2003, S. 72). Den beiden Soziologen nach entstand Kriminalität ursprünglich aus dem Widerspruch zwischen Herrschenden und Beherrschten. Darüber hinaus ist die sozialen Ordnung von entscheidender Wichtigkeit, womit das historisch variable Menschenwerk gemeint ist, dessen Produkt die Struktur menschlichen Handelns ist und ausschließlich durch selbiges aufrechterhalten werden kann (vgl. ebd., S. 71).

Hess und Scherer zufolge, ist die besagte soziale Ordnung durch zwei Aspekte elementar bedroht:

1. durch die biologische Freiheit, also die Willensfreiheit des Menschen, die es ihm ermöglicht sich über die soziale Ordnung hinwegzusetzen, und
2. durch den zuvor genannten Widerspruch zwischen Beherrschten und Herrschenden.

Letzteres hat sich erst im Laufe der Evolution herauskristallisierte, während ersteres ein zeitungebundenes Phänomen ist (vgl. ebd., S. 72). Mit der Aneignung von Kontrolle gewisser Individuen über bestimmte Wirtschaftsmittel, entstand eine Form der Herrschaft ausgewählter Gesellschaftsmitglieder über andere. Daraus resultierten neue gesellschaftliche Gegebenheiten aus denen sich Recht, Verbrechen und Sanktionierung herausentwickelten. Daraus lässt sich ableiten, dass aus Handlungen gegen die herrschenden Personen, Risiken für die soziale Ordnung werden, wodurch die Entstehung gefährdeter Interessensgegensätze der sozialen Ordnung selbst zuzuschreiben ist. Gewisse gefährdete Interessen steigen folglich zu Rechtsgütern auf und Handlungen, die ebendiese oder die soziale Ordnung als solche bedrohen könnten, werden als Kriminalität definiert und mit Sanktionierungen begegnet. Demnach können jene mit der meisten Macht in einer Gesellschaft Gesetze und Sanktionen für geltend erklären und somit kontrollieren was genau Kriminalität ist (vgl. ebd., S. 73f.).

4.2. Mikro-Ebene: Kriminalität als Handlung

Hess und Scheerer thematisieren in ihrer Theorie illegale Märkte und Kriminalitätsraten als Konsequenzen der ersten Makroebene, welche sich in der zweiten Makroebene zeigen. Diese Vorkommnisse werden durch individuelles Handeln einzelner AkteurInnen und sozialer Kontrollinstanzen, welche auf der Mikroebene miteinander interagieren, überhaupt erst ermöglicht und befeuert (vgl. ebd. S. 75).

Grundlegend werden Handlungen als sich entwickelnde Prozesse beschrieben, welche sich ununterbrochen wandeln und dadurch ständig neue Perspektiven in Bezug auf Ausgangsbedingungen und Verhaltensweisen kreieren (vgl. ebd., S. 76). Ebenso spielt die Motivation der einzelnen AkteurInnen, eine Straftat zu begehen, eine entscheidende Rolle. Scheerer und Hess beschreiben zwar, dass sich günstige Situationen zur Begehung einer kriminellen Tat vergleichsweise häufig ergeben, jedoch situative Begleitumständen, soziale Kontakte oder die innere Kontrolle in Form von Moralvorstellungen die meisten Personen an einer tatsächlichen Umsetzung hindert (vgl. ebd., S. 77). Weiter heißt es, der Mensch sei zwar durch seine Biografie geprägt, allerdings zu keiner Zeit durch diese determiniert. Selbst wenn also Bereitschaft, Gelegenheit, Motivation und Fähigkeit dafür sprechen Kriminalität als Handlung auszuüben, kann sich das Individuum bewusst dagegen entscheiden (vgl. ebd., S. 78). Warum Personen dennoch kriminell werden können, erklären die beiden Soziologen in ihrer Theorie damit, dass sie den Nutzen ihrer Tat abwägen oder unbewusst kriminell werden, indem sie mehrere marginale Entscheidungen treffen, die nach und nach zu kriminellem Handeln führen (vgl. ebd., S. 78f.).

Ein weiterer Aspekt, der in der Mikroebene Beachtung findet ist die Erfahrung, die die handelnde Person im Zusammenhang mit einer kriminellen Tat macht. Wenn er oder sie positive Folgen oder befriedigende Gefühle im Zusammenhang mit Kriminalität erlebt hat, so steigt die Wahrscheinlichkeit erneut kriminell zu werden (vgl. ebd., S. 80). Besonders hervorgehoben wird der Umstand, dass die Kategorisierung der begangenen Handlung als kriminell und damit verbundene Veränderung der Sicht von Außenstehenden auf die Person das Selbstbild massiv beeinflusst. Da dadurch das Bedürfnis zunimmt, vermehrt der neuen Identitätszuschreibung einer oder eines Kriminellen zu entsprechen (vgl. ebd., S. 81).

4.3. Zweite Makro-Ebene: Kriminalität als Institution

Wie bereits zuvor aufgeführt, befasst sich die zweite Makroebene mit der Fragestellung, wie aus vielen Einzelereignissen neue Makro-Phänomene wie Szenen, Banden oder illegale Märkte entstehen können (vgl. ebd., S. 82).

Soziale Tatsachen in Form von Kriminalitätsraten oder Kriminalstatistiken entwickeln sich aus zahlreichen sozialen Interaktionen, die auf der Handlungsebene stattfinden. Durch ihre Vielzahl erlangen sie schließlich eine eigene Relevanz auf der Makroebene. Dabei wird zwischen verschiedenen, für die Öffentlichkeit relevanten Kriminalitätsraten differenziert. Jene, welche in sogenannten Dunkelfelduntersuchungen erhoben werden sowie jene, die in offiziellen Kriminalitätsstatistiken repräsentiert werden. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass letztere nur selektive Ausschnitte der kriminellen Wirklichkeit aufzeigen, während Dunkelfelduntersuchungen eher der tatsächlichen Kriminalität entsprechen (vgl. ebd., S. 84).

Überdies ergibt sich das in der Gesellschaft vorherrschende Wissen über Kriminalität überwiegend aus den Massenmedien, wobei diese Darstellung der Kriminalität fälschlicherweise vom Großteil der Bevölkerung als wahrhaftig existierende Kriminalität betrachtet wird. Zu bedenken ist jedoch, dass das Ergebnis journalistischer Arbeit selektiv und nicht selten wirtschaftlich motiviert ist. Zudem werden spezifische Behauptungen und Klischees über delinquentes Betragen oft zu Verallgemeinerungen mehrerer einzelner Fälle zusammengefasst. Dies wiederum wird dann unter einem demagogisch einsetzbaren Begriff, wie beispielsweise „der Kriminalität“, öffentlich wirksam gemacht (vgl. ebd., S. 85).

Überdies berücksichtigen Scheerer und Hess in ihrer Theorie sogenannte Kontrolldiskurse. Dazu zählen Diskussionen zwischen PolitikerInnen, Behörden oder sonstigen Kontrollinstanzen, welche zum Ziel haben, jegliche Gefährdungen für die soziale Ordnung zu prävenieren. Wenn mehr Kontrolle durchgesetzt werden soll, stellt Kriminalität zumeist eine besondere Bedrohung dar und wird zum Diskurs an die Medien überreicht. Jedoch kann Kriminalität auch zum Anstoß für den Abbau von Kontrolle und gesellschaftlichen Wandel sein, beispielsweise durch vielfachen Verstoßes gegen gewisse Aspekte der sozialen Ordnung kann es zur Abschaffung ebendieser führen. Somit kann Kriminalität auch ein Ausdruck von Gesellschaftskritik sein (vgl. ebd., S. 88f).

Insgesamt sind die Wirkungen von Kriminalitätsdiskursen als ambivalent und komplex zu beschreiben. Allgemein halten Hess und Scheerer schlussendlich fest, dass eine Normenabweichung und damit verbundene Sanktionierung die „Grenzen des sozial tolerierbaren Verhaltens“ (ebd. S. 89) immer wieder ins Gedächtnis rufen und letztendlich dadurch die gesellschaftlichen Normen stärken. Eine gemeinsame Reaktion auf kriminelles betragen fördere überdies die Solidarität der Konformen und das Kollektivgefühl. Überdies würde die Bereitschaft normenkonform zu leben ebenfalls erhöht werden. Alles in allem tragen Abweichungen und Sanktionen also zur Wahrung von Gleichgewicht und Kohäsion in einer Gesellschaft bei (vgl. ebd.).

5. Kritik und Fazit

Der wohl elementarste Kritikpunkt, der bereits Eingang in die Kernüberlegungen von Hess und Scheerer im Jahr 1997 fand, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer allgemeinen Kriminalitätstheorie. Einerseits ist es mehr oder weniger offenkundig, weswegen Überlegungen und Theorien über Kriminalität und alle damit korrelierenden Thematiken für eine Gesellschaft relevant sein könnten. Sei es der bessere Schutz potenzieller Opfer vor Gewalttaten oder eine Besserung der TäterInnen – beides könnte effektiver gestaltet werden. Dies könnte erfolgen, wenn beispielsweise „die verborgene Rationalität scheinbar irrationaler Gewalttaten“ (Hess/Scheerer 1997, S. 84) rekonstruiert würde oder die geringe Kriminalitätsbelastung mancher Orte auf durch Kriminalität höher belastete Regionen übertragen werden könnte (vgl. ebd.). Andererseits neigt die Kriminologie mehr als andere Bereiche der Wissenschaft dazu, in ihrer allgemeinen Theorienforschung nicht weiter fortzuschreiten. Dies findet seine Begründung unter anderem darin, dass eine zu universell formulierte Theorie möglicherweise dem Missbrauch durch die Politik zum Opfer fallen könnte. Demnach könnten je nach politischen Ansichten und Überzeugungen, PolitikerInnen ebendiese Theorien nach eigenem Bedarf auslegen und interpretieren.

Ein weiterer Einwand eher wissenschaftstheoretischer Natur besteht aus der Skepsis in Bezug auf den Erkenntnisgegenstand Kriminalität. Wie bereits im Verlauf der Arbeit aufgeführt, ist Kriminalität relativ und von unterschiedlichen Bedingungen abhängig, wie etwa den in der fraglichen Gesellschaft vorherrschenden Moralvorstellungen oder politischer Orientierung, und kann demnach kaum universell geltend gemacht werden (vgl. ebd., S. 84f.).

Am häufigsten steht in den Kritiken jedoch die Debatte im Zentrum, ob eine allgemeine Kriminalitätstheorie überhaupt möglich ist. Dagegen sprechen allem voran die „enorme Disparatheit der unter diesem Begriff zusammengepferchten Phänomene, die Nichtexistenz einer einzigen gemeinsamen Ursache ‚des Verbrechens‘ und die Nichtexistenz der Kriminalität selbst“ (ebd., S. 85).

Auch wenn einige dieser Kritikpunkte als durchaus berechtigt anzusehen sind, kann letztendlich dennoch konkludiert werden, dass das Modell erfolgreich einen „Erklärungsrahmen für die ganze Sinnprovinz der Kriminalität [darbietet, G.M.]“ (Hess/Scheerer in Oberwittler/Karstedt 2003, S. 71). Darüber hinaus kann es zur Ordnung und Erklärung spezifischer Bereiche dienen, da es den Raum bietet alle Phänomene zu erklären, die innerhalb besagter Sinnprovinz anzusiedeln sind. Eine elaborierte Kriminalitätstheorie ermöglicht die Untersuchung von Interdependenzen und Eigendynamiken von Kriminalität und der Umwelt (vgl. Wickert 2021). Es bleibt hervorzuheben, dass sie sowohl zur Generierung neuer Fragestellungen als auch zur Neuentwicklung einzelner Theorien verwendet werden kann. Abschließend kann sie daher als gelungener Versuch bezeichnet werden, Kriminalität in ihrer Totalität konzeptuell darzulegen.

6. Bibliografie

Bock, Michael (2017): Kriminologie. Für Studium und Praxis. München: Verlag Franz Vahlen GmbH.

Hess, Henner/Scheerer, Sebastian (1997): Was ist Kriminalität? Skizze einer konstruktivistischen Kriminalitätstheorie. In: Kriminologisches Journal, 29. Jg., H. 2. Weinheim: Beltz Juventa Verlag. S. 83 – 155.

Hess, Henner/Scheerer, Sebastian (2003): Theorie der Kriminalität. In: Oberwittler, Dietrich/Karstedt, Susanne (Hrsg.): Soziologie der Kriminalität. Düsseldorf: Westdeutscher Verlag.

Herrmann, Dieter (2013): Werte und Kriminalität. Konzeption einer allgemeinen Kriminalitätstheorie. Wiesbaden: Springer VS.

Lamnek, Siegfried (2013): Kriminalität. In: Schäfers, Bernhard/Zapf, Wolfgang (Hrsg.) (2013): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. Opladen: Leske + Budrich. S. 392 – 402.

Wessel, Jan (2001): Organisierte Kriminalität und soziale Kontrolle. Auswirkungen in der BRD. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Webliografie

Bundeszentrale für politische Bildung (2016): Kriminalität. Abrufbar unter: https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/deutschland-in-daten/221927/kriminalitaet; letzter Aufruf: 07.08.2021

Wickert, Christian (2021): Sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie (Hess & Scheerer). Abrufbar unter: https://soztheo.de/kriminalitaetstheorien/herrschafts-und-gesellschaftskritik/sozialkonstruktivistische-kriminalitaetstheorie-hess-scheerer/; letzter Aufruf: 05.08.2021

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Hess, Henner/Scheerer, Sebastian (1997): Was ist Kriminalität? Skizze einer konstruktivistischen Kriminalitätstheorie. In: Kriminologisches Journal, 29. Jg., H. 2. Weinheim: Beltz Juventa Verlag. S. 83 – 155.

[...]


1 Auf nähere Ausführungen diesbezüglich wird verzichtet, um den vorgegebenen Rahmen der Arbeit nicht zu sprängen. Jedoch wurde dieser Ansatz als zu maßgeblich betrachtet, um ungenannt gelassen zu werden.

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Die sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie nach Henner Hess und Sebastian Scheerer
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
11
Katalognummer
V1151923
ISBN (eBook)
9783346541284
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie der Kriminalität, Kriminalität, sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie, Henner Hess, Sebastian Scheerer
Arbeit zitieren
Gloria Meßner (Autor:in), 2021, Die sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie nach Henner Hess und Sebastian Scheerer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1151923

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie nach Henner Hess und Sebastian Scheerer



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden