Werthers Selbstmord in "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang von Goethe. Indizien für die Schuld


Akademische Arbeit, 2018

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Werther und Lotte
2.1 Werthers ,Liebe‘ zu Lotte
2.2 Lottes Schuld

3. Alberts Schuld

4. Werthers Position in der Gesellschaft

5. Werther und die Literatur

6. Werthers Krankheit zum Tode

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Mensch so thörigt seyn kann, sich zu er­schiessen; der blosse Gedanke erregt mir Widerwillen“.1 So äußert sich Albert gegenüber Werther zu Beginn der Diskussion über die moralische Verwerflichkeit des Selbstmordes. Erst durch Werther werden die Motive und Ursachen untersucht und er legt dar, dass vor allem die „innern Verhältnisse einer Handlung“ (W 94) zu betrachten seien und eine Er­forschung der Ursachen und Motive vollzogen werden muss, um die Hintergründe und den Vollzug einer solchen Tat besser verstehen zu können,2 bevor dieser verurteilt wird.

In dieser Arbeit soll den Ursachen und Motiven für Werthers späteren Selbstmord eingegangen werden. Im Vordergrund wird jedoch die Frage stehen, inwiefern sich im Briefroman Indizien für die Schuld an Werthers Selbstmord finden lassen und ob die hier herausgearbeiteten Handlungen oder Äußerungen Werther wirklich zum Selbstmord ver­leitet haben. Hierbei muss beachtet werden, dass man sich „keiner dieser veranschlagten Ursachen definitiv sicher sein [kann], da sie rational Wissen über eine Tat herzustellen suchen, die ganz offensichtlich keine rationalen Gründe hat“.3 Des Weiteren muss be­dacht werden, dass es sich hier lediglich um die Ausarbeitung von Indizien handelt und die im Fazit gelieferte Schuldzuweisung nur auf dieser Basis getroffen wurde.

Zunächst soll Werthers und Lottes Beziehung genauer auf die Schuldfrage hin untersucht werden. Zu diesem Zweck wird auch die zweite Fassung des Romans hinzu­gezogen, da sich darin Textstellen befinden, welche in der ersten Fassung nicht abge­druckt wurden. Ferner wird die Figur Alberts und dessen Verhalten gegenüber Werther näher beleuchtet. Es erfolgt die Untersuchung der Beziehung Werthers zur Literatur und seines Platzes in der Gesellschaft, wo sich bereits Anlagen finden, welche für Werthers späteres Scheitern verantwortlich sind. Abschließend soll auf Werthers Gefühlswelt und seine im Selbstmordgespräch erwähnte „Krankheit zum Tode“ (W 98) eingegangen wer­den.

Schlussendlich werden in einem Fazit die Ergebnisse der Untersuchung zusammengetragen und die eingangs gestellte Frage, ob eine eindeutige Schuldzuweisung an Werthers Selbstmord möglich ist, soll geklärt werden.

2. Werther und Lotte

„Im Mittelpunkt der Lektüreinteressen stand stets die Frage, warum Werther ster­ben will. Weil er unglücklich liebt, weil Lotte seinem Drängen nicht nachgibt“.4 In Bezug auf dieses Zitat wird deutlich, dass die Beziehung zwischen Werther und Lotte als eine der zentralen Ursachen gesehen wird, weshalb Werther später den Suizid begeht. Auf­grund seines ständigen Umgangs mit ihr und seinen Gefühlen für sie, die er ausdrücklich in seinen Briefen an Wilhelm schildert, wirft sich die Frage auf, inwiefern Lotte Schuld an Werthers Selbstmord trägt. Hätte sie ihn vielleicht an der Tat hindern können, hätte sie seinem Drängen nachgegeben? Hat Lotte vielleicht sogar in gewisser Weise seinem Drän­gen nachgegeben? Oder ist Werther bereits vorher verloren? Zunächst ist hier interessant, wie Werther sich vor der Bekanntschaft zu Lotte verhält und wie sich seine Gefühle zu ihr entwickeln. Wichtig für die Frage, ob Lotte eine Schuld zuzuschreiben ist, ist ebenfalls die Kanarienvogel-Szene, die nur in der zweiten Fassung abgedruckt ist und die verschie­den zu interpretieren sein kann.

2.1 Werthers ,Liebe‘ zu Lotte

Lottes Schuld kann danach beurteilt werden, ob sie die Möglichkeit gehabt hätte, Werthers Gefühle für sie zu beeinflussen. Doch es ist fraglich, inwiefern es sich bei Werthers Gefühlen für Lotte tatsächlich um Liebe handelt und ob noch weitere Gefühle die Beziehung der beiden beeinflussen.

Bevor Werther auf Lotte trifft, schildert er in einem seiner ersten Briefe an den Freund Wilhelm eine zurückliegende Beziehung, welche aufgrund des frühzeitigen Todes der Jugendliebe gescheitert ist (vgl. W 20). Dort schreibt er: „Aber ich hab sie gehabt, ich habe das Herz gefühlt, die große Seele, in deren Gegenwart ich mir schien mehr zu seyn als ich war, weil ich alles war was ich seyn konnte“ (W 20). Bereits hier wird deutlich, dass Werthers letzte gescheiterte Beziehung darauf basierte, dass er sich in der Gegenwart der Geliebten mehr wert fühlte als ohne sie. Genau dieses Motiv tritt dann aber auch in Bezug auf Lotte auf, so schildert er in seinem Brief vom 13. Juli 1771 in der zweiten Fassung: „Und wie werth ich mir selbst werde, wie ich [...] mich selbst anbethe, seitdem sie mich liebt“ (W 77). Seit dem Tod seiner Jugendfreundin ist Lotte also die erste Person, bei der Werther sich selbst sicher sein kann und ganz zu spüren scheint.5

Dass Werther seine ganze Existenz von Lotte abhängig macht, drückt er zum ei­nen deutlich in seinem Brief vom 27. Oktober 1772 aus, welcher nur in der zweiten Fas­sung abgedruckt ist: „Ich habe so viel und die Empfindung an ihr verschlingt alles, ich habe so viel und ohne sie wird mir alles zu nichts“(W 177). Andererseits wird dies an einer weiteren Stelle implizit deutlich. So erwähnt Werther als eines der häufigsten Merk­male Lottes ihre schwarzen Augen (vgl. W 44, 72, 170). Er stürzt in eine tiefe Verzweif­lung, als Lotte ihn bei einem Spaziergang nicht angesehen hat (vgl. W 72). Sein dringen­des Bemühen, doch noch einen Blick von Lotte zu erhaschen, zeigt, wie sehr er seine Existenz in Abhängigkeit von Lotte gesetzt hat und das Verlangen nach ihrem Blick erhält schon fast existenzialistische Züge.

Werther scheint also „nur seine Liebe, also sich, [zu lieben] und Lotte ist lediglich ein Anlass narzisstischer Eigenliebe oder Selbstverliebtheit“.6 Werther ist sich dessen si­cher, dass Lotte ihn liebt (vgl. W 76) und damit „bewirkt der Glaube, von Lotte geliebt zu werden, bei Werther eine neuerliche Selbstvergötterung“.7 Solange Werther also keine Gründe hat, an den Gefühlen Lottes zu zweifeln, geht es ihm gut und er schwebt in der Ekstase seiner Gefühle. Werther ist ein Meister darin, die Wirklichkeit so auszulegen, dass seine Erwartungen hinsichtlich Lotte gleich einer selbsterfüllten Prophezeiung auch eintreten,8 sei dies nur in Form einer versehentlichen Berührung (vgl. W 78) oder Lottes Verwendung des Attributs „lieber“ in Verbindung mit seinem Namen (vgl. W 182). Auch bei seiner ersten Begegnung mit Lotte sieht Werther nur das, was er sehen will: Ihm of­fenbart sich die - für ihn - perfekte Frau: Er beschreibt in seinem Brief an Wilhelm lediglich ihren mütterlichen Umgang mit den Geschwistern und auch ihre Kleidung, nicht jedoch ihre Haar- oder Augenfarbe. Lotte trägt ein „simples weisses Kleid mit blaßrothen Schleifen an Arm und Brust“ (W 40). Ihr Auftreten als unschuldige und zugleich zurück­genommen erotische Mutterfigur haben für ihn oberste Priorität und verklären gleichzei­tig die Wirklichkeit. Lotte ist keine Mutter, Werther projiziert dieses Bild lediglich auf sie. Gleich den Kindern ist Werther also von Anfang an auf Lotte fixiert (vgl. W 40).

Werthers Beziehung zu Lotte steht von Beginn an in vielerlei Hinsicht im „Zei­chen des Verbots“.9 Bereits von Anfang an wird ihm deutlich gemacht, dass Lotte verge­ben ist - zum einen auf dem Weg zum Ball, bevor er Lotte kennenlernt (vgl. W 38) und später auch als er mit Lotte tanzt von dieser persönlich (vgl. W 48). Dennoch „begehrt [Werther] das Verbotene, nämlich Lottes Körper“.10 Dies steht in starkem Kontrast dazu, dass Lotte in Werthers Augen schon seit der ersten Begegnung die Mutterfigur schlecht­hin verkörpert (vgl. W 38).11 Werther ist in Bezug auf Lotte hin- und hergerissen zwi­schen verlockender Erotik und sakralisierter Mutterfigur. Auf der einen Seite schreibt Werther: „Sie ist mir heilig. Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart“ (W 78) und „stili­siert Lotte [so] zur Heiligen, in deren Gegenwart alle sinnlichen Leidenschaften geläutert und zu einer keuschen Liebe sublimiert werden“.12 Auf der anderen Seite versinkt er je­doch in seinen Phantasien und sieht Lotte sogar im Schlaf vor sich (vgl. W 108), „wo sie [...] den Mittelpunkt erotischer Liebesträume bildet“.13 Sämtliche Versuche, sich von Lotte fernzuhalten, scheitern und enden schließlich doch damit, dass sich Werther ihr doch wieder nähert (vgl. W 82).

Werther befindet sich hier also deutlich in einem Spannungsfeld. Die Tatsache, dass Lotte mit Albert verlobt und später sogar verheiratet ist, verbietet ihm eine körperli­che Nähe genauso wie seine Projektion des Mutterbildes auf sie. Er vergleicht sich selbst schon vor seiner Bekanntschaft zu Lotte mit einem „kranken Kind“ (W 16) und sehnt sich deutlich nach mütterlicher Zuneigung. Offensichtlich hat er in Lotte die Person gefunden, die sein Verlangen zunächst zu stillen scheint, doch „gleichzeitig ist damit der große Nachteil verbunden, dass die Geliebte [.] unerreichbar, dass sie das Objekt einer imagi­nären Vereinigung bleiben muss, da andernfalls die Sanktionen des Inzestverbotes greifen würden“.14

[...]


1 Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werthers. Paralleldruck der Fassungen von 1774 und 1787. In: Wiethölter, Waltraud (Hg.): Die Leiden des jungen Werthers. Die Wahlverwandtschaften. Kleine Prosa. Epen. Frankfurt am Main, 2006, S. 94. Zitate aus dieser Ausgabe werden im laufenden Text durch Nennung der Sigle W und der Seitenzahl belegt.

2 Vgl. ebd.

3 Neumeyer, Harald: Anomalien, Autonomien und das Unbewusste. Selbstmord in Wissenschaft und Lite­ratur von 1700 bis 1800. Göttingen, 2009, S. 155.

4 Plumpe, Gerhard: Kein Mitleid mit Werther. In: Berg, Henk de: Systemtheorie und Hermeneutik. Tübin­gen, 1997, S. 216.

5 Vgl. Flaschka, Horst: Goethes Werther. Werkkontextuelle Deskription und Analyse. München, 1987, S. 228.

6 Plumpe, Gerhard: Kein Mitleid mit Werther, S. 227.

7 Meyer-Kalkus, Reinhart: Werthers Krankheit zum Tode. Pathologie und Familie in der Empfindsamkeit. In: Kittler, Friedrich A. (Hg.): Urszenen. Literaturwissenschaft als Diskursanalyse und Diskurskritik. Frankfurt, 1977, S. 99.

8 Vgl. Schmiedt, Helmut: Woran scheitert Werther? In: Schmiedt, Helmut (Hg.): „Wie froh bin ich, dass ich weg bin!“. Goethes Roman ,Die Leiden des jungen Werthers‘ in literaturpsychologischer Sicht. Würz­burg, 1989, S. 152.

9 Meyer-Kalkus, Reinhart: Werthers Krankheit zum Tode, S. 98.

10 Plumpe, Gerhard: Kein Mitleid mit Werther, S. 215.

11 Vgl. auch Meyer-Kalkus, S. 87.

12 Valk, Thorsten: Melancholie im Werk Goethes. Genese - Symptomatik - Therapie. Tübingen, 2002, S. 70

13 Ebd., S: 76.

14 Wiethölter, Waltraud: Zur Deutung. In: Wiethölter, Waltraud (Hg.): Die Leiden des jungen Werthers. Die Wahlverwandtschaften. Kleine Prosa. Epen. Frankfurt am Main, 2006, S. 955.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Werthers Selbstmord in "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang von Goethe. Indizien für die Schuld
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V1151971
ISBN (eBook)
9783346544155
ISBN (Buch)
9783346544162
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Werther, Johann Wolfgang von Goethe, Johann Wolfgang Goethe, Johann Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Lotte, Schuld, Unschuld, Selbstmord
Arbeit zitieren
Lena Stabel (Autor:in), 2018, Werthers Selbstmord in "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang von Goethe. Indizien für die Schuld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1151971

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Werthers Selbstmord in "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang von Goethe. Indizien für die Schuld



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden