Der Gabenaustausch in der europäischen Diplomatie im Rahmen der Theorien von Marcel Mauss und Maurice Godelier


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Einführung in das Thema: Die Theorien von Marcel Mauss und Maurice Godelier
2.2 Eine kleine Diplomatiegeschichte: Ursachen und Voraussetzungen der diplomatischen Geschenkpraxis Frankreichs und Großbritanniens
2.2.1 Tribut oder Gabe: Das Verhältnis zwischen der konsularischen Vertretung
Frankreichs und den Beys von Tunis
2.2.2 Ein diplomatischer Sonderweg: Annäherung Großbritanniens an China Ende des
18. Jahrhunderts
2.3 Synthese einer Analogie: Bezugnahme auf die Theorien von Mauss und Godelier

3. Schlußbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

Quellen:

Darstellungen:

1. Einleitung

„Nach dem berühmten Essai s ur le don von Marcel Mauss gehört die Gabe in jede Geschichte und Psychologie des Gütertauschs: um das Phänomen zu begreifen, muß man es in jeder Kultur in den Zusammenhang des allgemeinen Umlaufs der Güter stellen“.[1] Dieses Zitat von Jean Starobinski deutet bereits an, welch Umfang und Tiefe das Thema „Tribut und Gabe“ in sich birgt, daß es gerade aber auch dessen Vielfältigkeit und Bedeutungsschwere ist, die zu beweisen vermag, in welchen Dimensionen allein der Gebrauch der Gabe aufzufassen ist.

Der Aufsatz „Sur le don“ von Marcel Mauss[2] und in dessen Ergänzung die Abhandlung „Das Rätsel der Gabe. Geld, Geschenke, heilige Objekte“ von Maurice Godelier[3] werden im folgenden mit ihren Theorien über Gaben und Geschenke Ausgangspunkt zu einer weiteren Analyse des Gabentausches bieten, eines Gabentausches jedoch, der sich nicht auf einzelne Personen oder Clans beschränkt, sondern umfassender einen Austausch zwischen Staaten, ja sogar zwischen verschiedenen Kulturkreisen darstellt: die Rede ist hier vom diplomatischen Austausch, einem Austausch, der stellvertretend für eine ganze Nation eine Verflechtung aus politischen wie taktischen Überlegungen reflektiert und analog dazu Einblick in die innere Struktur der betreffenden Staaten bietet.

Welche „Kräfte“ sind es aber, die zu einem Austausch zwischen Personen oder Staaten führen? Was veranlaßt die Beteiligten, bestimmte Gaben von dem Tausch auszuschließen, während andere wiederum in üppigster Weise als Gabe dargeboten werden? Wie können ethnologisch begründete Theorien in einen diplomatischen Prozeß mit interkulturellem Hintergrund eingeführt werden, ein Bereich, der mit seinen durchdachten Verträgen und Gebräuchen doch so weit über den Mikrokosmos eines polynesischen Eingeborenenstammes herauszuragen scheint? Ob Makro- oder Mikrokosmos, es wird sich zeigen, inwieweit sich die Gebräuche und Sozialstrukturen in der Diplomatie zwischen zwei Staaten widerspiegeln, welche Rolle die diplomatische Gabe im Rahmen interkultureller Beziehungen spielt.

Das Geschenk als gegenseitige kulturelle Repräsentation von Staaten und Herrschaftsgebieten, als Mittel und Ausdruck des eigenen Superioritätsanspruches sowie seine Entwicklung hin zum Ausdruck freundschaftlicher Verbindungen werden im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen, wobei entsprechend des Seminarthemas „`Kampf der Kulturen´? Französische Diplomatie als interkulturelle Erfahrung (1750-1850)“ das diplomatische Verhältnis zwischen Frankreich und Tunis anhand einer Quelle des französischen Konsuls Lesseps in Tunis von 1829 und in Ergänzung dazu die diplomatische Einführung der britischen Botschaft vor dem Kaiser in China im Jahre 1792 als Beispiel einer europäischen Diplomatie im späten 18. beziehungsweise 19. Jahrhundert dienen.[4]

Die Analogie zwischen den beteiligten Nationen spiegelt sich vor allem in ihren eigenen Umbrüchen wider, Umbrüche im Innern, die jedoch ihren Ausgangspunkt in einer sich verändernden Welt genommen hatten. Hatte in Frankreich französische Revolution tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen geschaffen, die sich auch in der Präsentation nach außen spiegelten, so waren in China vor allem die Einschnitte der westlichen Welt in den folgenden Jahren prägend und maßgebend für die zukünftige chinesische Weltordnung.

Ziel dieser Arbeit wird deshalb sein, Kontinuitäten und Parallelen in einer sich ändernden Welt herauszuarbeiten und in Zusammenhang mit den auf mikronesische Stämme und Clans bezogene Theorien der Anthropologen Mauss und Godelier zu stellen, wobei der begrenzte Umfang der Seminararbeit eine dem Thema angemessene Auseinandersetzung weder erlauben kann noch als deren absolute Zielsetzung gilt, sondern es vielmehr gilt, einem dem Rahmen entsprechenden abwägenden Überblick über die genannten Themen zu verschaffen.

In seinem Essai hatte Mauss bereits angedeutet: „Ces documents et ces commentaires n´ont pas seulement un intérêt ethnographique local. Une comparaison peut étendre et approfondir ces données.“[5]

2. Hauptteil

2.1 Einführung in das Thema: Die Theorien von Marcel Mauss und Maurice Godelier

Der französische Soziologe und Anthropologe Marcel Mauss (1872 – 1950), Professor am Collège de France und Mitbegründer des Ethnologischen Instituts an der Universität Paris, hatte zwar niemals eigene Feldforschung betrieben, dennoch aber galt sein ganzes wissenschaftliches Interesse den Arbeiten diverser französischer Soziologen und Ethnologen.[6] Sein Hauptziel war es, die enge Verbindung zwischen Anthropologie und Psychologie aufzudecken, was er durch seine vielen Arbeiten auch umsetzen konnte.[7]

Dennoch blieben seine Arbeiten, wenngleich einflußreich und kategorienstiftend, nicht ohne Kritik, so bei Claude Lévi-Strauss[8] und ebenfalls bei Maurice Godelier, der in seinem Werk „Das Rätsel der Gabe“ eingehend auf das Werk und den Erkenntnisstand Mauss´ eingeht, gleichzeitig aber auch dessen Schwächen aufzeigt. Um Kritik üben zu können, ist es jedoch zuerst einmal notwendig, sich über die Fragestellungen und deren Grundlagen klarzuwerden.

All die Materialien der Feldforscher Boas und Malinowski, die so großen Eindruck bei Mauss hinterlassen hatten, beschäftigen sich in erster Linie mit dem Thema der Gabe und führten diesen zu einer Art „Doppelfrage“ mit dem Ziel, das Rätsel der Gabe aufzulösen.[9] Sein erstes Anliegen war es den Grundsatz aufzudecken, der in archaischen Gesellschaften zur obligatorischen Rückgabe des empfangenen Geschenks führt. Desweiteren stellt er sich in seinem Hauptwerk „Essai sur le don“ die Frage, was es wohl für eine Kraft in der gegebenen Sache sei, die den Beschenkten zur Erwiderung treibt. Daraus leitet Mauss ab, daß es sich insgesamt um eine Verkettung von drei Verpflichtungen handelt, die das Schenken beziehungsweise das Geben impliziert: einmal das Geben, auf das der Empfang einer Gabe folgt, woraus sich in der Folge des Kreislaufes ein erneutes Erwidern ableitet.[10] In seinem theoretischen Gedankenspiel war es nun die Verpflichtung des Erwiderns, die Maus besonders beschäftigte, ohne im weiteren auf die beiden anderen näher zurückzukommen, die sich für ihn aus einem Selbstverständnis heraus zu erklären schienen: „Le plus important, parmi ces mécanismes spirituels, est évidemment celui qui oblige à rendre le présent recu.“[11] Für ihn ist war es also der „spirituelle Mechanismus“ beziehungsweise der „Geist in der Sache“[12], der zur Rückgabe des empfangenen Geschenkes drängt. Dieses willkürliche Hinzufügen einer „religiösen Dimension“ anstelle ein rationales Erklärungsmuster aufzuschlüsseln, war es auch, was Mauss´ Arbeit letztendlich in das Kreuzfeuer der Kritik stellte. Er selbst nannte diese religiöse Dimension gemäß der Maorisprache das hau und erklärte das Phänomen folgendermaßen: „[...] toutes propriétés rigoureusement dites personnelles ont un hau, un pouvoir sprituel. Vous m´en donnez un, je le donne à un tiers; celu-ci m´en rend un autre, parce qu´il est poussée par le hau de mon cadeau; et moi je suis obligé de vous donner cette chose, parce qu´il faut que je vous rende ce qui est en réalité le produit du hau de votre taonga (die vorherbestimmte Sache).[13]

Der Kernpunkt von Mauss´ Theorien lag aber nicht in diesen spirituellen Antriebskräften, deren Umdeutung und Interpretation, sondern kategoriestiftend und maßgebend für künftige Generationen ethnologischer Forschung war vor allen Dingen seine Analyse der gegensätzlichen Leistungen in Bezug auf den Gabentausch. Diese Leistung beziehungsweise la prestation[14] im französischen Original, wird unterschieden zwischen Verträgen über eine totale Leistung und solchen, bei denen nur eine partielle Leistung vorliegt.[15] Sind bei der partiellen Leistung, wie der Name besagt, nur einzelne Personen und Gaben einbezogen, erklärt Mauss die totale Leistung folgendermaßen: „[...] ce ne sont pas des individus, ce sont des collectivités qui s´obligent mutuellement, échangent et contractent; [...] ces prestations et contre-prestations s´engagent sous une forme plutôt volontaire, par des présents, des cadeaux, bien qu´elles soient auf fond rigoureusement obligatoires, à peine de guerre privée ou publique. Nous avons proposé d´appeler tout ceci le système des prestations totales.“[16]

Desweiteren unterscheidet er zwei Kategorien von totalen Leistungen, die er als agonistischen beziehungsweise nicht-agonistischen Form bezeichnet. Gerade die agonistische Form war es, die das Interesse des Ethnologen weckte: „Mais ce qui est remarquable dans ces tribus, c´est le principe de la rivalité et de l´antagonisme qui domine toutes ces pratiques.“[17] In dieser Kategorie geht er nun noch einen Schritt weiter, indem er einen Gabentausch beschreibt, welchem er den Namen Potlatch[18] gibt und folgendermaßen einordnet: „Nous proposons de réserver le nom de potlatch à ce genre d´institution que l´on pourrait, avec moins de danger et plus de précision, [...] appeler: prestations totales de type agonistique.[19] Bei diesem Typus des Gabentausch spielt das Element der Rivalität, der Zerstörung, im Gegensatz zu den nicht-agonistischen Formen, eine wichtige Rolle, und hat vor allem eine Aufgabe: „Elle est essentiellement usuraire et somptuaire et l´on assiste avant tout á une lutte des nobles pour assurer entre eux une hiérarchie dont ultérieurement profite leur clan.“[20] Den Zwang, ein erhaltenes Geschenk zu erwidern, erklärt Mauss mit dem bereits erwähnten hau, der „spirituellen Kraft“, wobei er seine drei Obligationen auch auf den Potlatch bezieht und diesen in der Definition sogar essentiellen Charakter zuspricht: „Il reste pour comprendre complètement l´institution de la prestation totale et du potlatch, à chercher l´explication des eux autres moments qui sont complementaires de celui-là; car la prestation totale n´emporte pas seulement l´obligation de rendre les cadeux recus; mais elle en suppose deux autres aussi importantes, obligation d´en faire, d´une part, obligation d´en recevoir, de l´autre.“[21]

An dem Punkt der Spiritualität ist es sinnvoll, die weiterführenden Theorien von Maurice Godelier einzubringen. Der Ethnologe beziehungsweise Kulturanthropologe Godelier, selbst Feldforscher und directeur d´études an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, ist Leiter des Forschungs- und Dokumentationszentrums für Ozeanien. „Seit dieser ersten Lektüre der Abhandlung Die Gabe bin ich Anthropologe geworden“, schreibt Godelier in seinem Werk „Das Rätsel der Gabe“ und hebt damit die Wichtigkeit seines, wenn auch selbst von ihm nicht unumstrittenen Vorbildes, hervor.[22]

[...]


[1] Jean Starobinski, Gute Gaben, schlimme Gaben. Die Ambivalenz sozialer Gesten, Paris 1994, S. 10. Im weiteren Verlauf seiner Arbeit deutet Starobinski jedoch an, daß allein die ökonomische Perspektive nicht ausreicht, um das Phänomen der Gabe zu begreifen, sondern vor allem auch durch die Gabe implizierte Gefühlszustände wie Glaubenshaltungen eine wichtige Ergänzung bieten.

[2] Marcel Mauss, Essai sur le don. Forme et raison de l´échange dans les sociétés archaiques. In: Marcel Mauss, Sociologie et anthropologie, Paris 1950, S. 143 – 171.

[3] Maurice Godelier, Das Rätsel der Gabe. Geld, Geschenke, heilige Objekte, München 1999.

[4] Vgl. dazu Christian Windler, Tribut und Gabe. Mediterrane Diplomatie als interkulturelle Kommunikation, in: Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte 51/I (2000), S. 24 – 56, S. 34. Eine doppelte Beziehung zwischen Geschenkpraktiken und einer sich verändernden Wertegesellschaft besteht nicht in einer einfachen Reflektion dessen im Umgang mit äußeren Umständen, sondern gerade diese sind es auch, wie sich anhand der Geschenke zeigen läßt, die eine Gesellschaft und das ausgehandelte Gleichgewicht einerseits herstellen, andererseits zu ändern vermögen.

[5] Mauss, Essai sur le don, S. 170.

[6] Von diesen Feldforschern, auf deren Ressourcen Mauss sich stützen konnte, seien u.a. erwähnt: Bronislaw Malinowski, Baloma – die Geister der Toten auf den Trobriand Inseln, in: B.M., Magie, Wissenschaft und Religion und andere Schriften, Frankfurt am Main 1973, S. 131 – 241 und Franz Boas, The Social Organization and the Secret Societies of the Kwakiutl Indians, New York 1970 bzw. derselbe und George Hunt, Ethnology of the Kwakiutl, Washington 1921.

[7] Zu seinen wichtigsten Werken, gehören, neben dem bereits erwähnten „Essai sur le don“, die Schrift: Les Origines de la notion de monnaie, in: Comptes rendus des séances. Supplément à l´Anthropolgie 2 (1914), No. I, S. 14 –20 und eines seiner ersten Werke, das in Zusammenarbeit mit Henri Hubert entstanden ist: Essai sur la nature et la fonction du sacrifice, Paris 1899.

[8] Vgl. dazu Claude Lévi-Strauss, Introduction, in: Marcel Mauss, Sociologie et anthropologie, Paris 1950, S. 7 – 41.

[9] Godelier, Das Rätsel der Gabe, S. 15.

[10] Mauss, Essai sur le don, S. 161.

[11] Ebenda, S. 153.

[12] Godelier, Das Rätsel der Gabe, S. 16.

[13] Mauss, Essai sur le don, S. 159.

[14] Ebenda, S. 149.

[15] Marcel Mauss, Manuel d´ethnographie, Paris 1947, S. 185.

[16] Mauss, Essai sur le don, S. 151.

[17] Ebenda, S. 152.

[18] Der Name Potlatch ist, wie Mauss selbst darlegt, der Umgangssprache der Indianer, die entlang der amerikanischen Westküste „von Vancouver bis Alaska“ leben, entnommen und bedeutet soviel wie „ernähren“, „konsumieren“. Vgl. dazu ebenda, S. 151f.

[19] Ebenda, S. 153.

[20] Ebenda, S. 152f.

[21] Ebenda, S. 161.

[22] Godelier, Das Rätsel der Gabe, S. 16.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Gabenaustausch in der europäischen Diplomatie im Rahmen der Theorien von Marcel Mauss und Maurice Godelier
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Geschichte)
Veranstaltung
„Kampf der Kulturen“? Französische Diplomatie als interkulturelle Erfahrung (1750-1850)
Note
1,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
25
Katalognummer
V115202
ISBN (eBook)
9783640168057
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gabenaustausch, Diplomatie, Rahmen, Theorien, Marcel, Mauss, Maurice, Godelier, Kulturen“, Französische, Erfahrung
Arbeit zitieren
M.A. Mia Gerhardt (Autor), 2000, Der Gabenaustausch in der europäischen Diplomatie im Rahmen der Theorien von Marcel Mauss und Maurice Godelier , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115202

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