[...] Welche „Kräfte“ sind es aber, die zu einem Austausch zwischen Personen oder Staaten führen? Was veranlaßt die Beteiligten, bestimmte Gaben von dem Tausch auszuschließen, während andere wiederum in üppigster Weise als Gabe dargeboten werden? Wie können ethnologisch begründete Theorien in einen diplomatischen Prozeß mit interkulturellem Hintergrund eingeführt werden, ein Bereich, der mit seinen durchdachten Verträgen und Gebräuchen doch so weit über den Mikrokosmos eines polynesischen Eingeborenenstammes herauszuragen scheint? Ob Makro- oder Mikrokosmos, es wird sich zeigen, inwieweit sich die Gebräuche und Sozialstrukturen in der Diplomatie zwischen zwei Staaten widerspiegeln, welche Rolle die diplomatische Gabe im Rahmen interkultureller Beziehungen spielt. [...] Ziel dieser Arbeit wird deshalb sein, Kontinuitäten und Parallelen in einer sich ändernden Welt herauszuarbeiten und in Zusammenhang mit den auf mikronesische Stämme und Clans bezogene Theorien der Anthropologen Mauss und Godelier zu stellen, wobei der begrenzte Umfang der Seminararbeit eine dem Thema angemessene Auseinandersetzung weder erlauben kann noch als deren absolute Zielsetzung gilt, sondern es vielmehr gilt, einem dem Rahmen entsprechenden abwägenden Überblick über die genannten Themen zu verschaffen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Einführung in das Thema: Die Theorien von Marcel Mauss und Maurice Godelier
2.2 Eine kleine Diplomatiegeschichte: Ursachen und Voraussetzungen der diplomatischen Geschenkpraxis Frankreichs und Großbritanniens
2.2.1 Tribut oder Gabe: Das Verhältnis zwischen der konsularischen Vertretung Frankreichs und den Beys von Tunis
2.2.2 Ein diplomatischer Sonderweg: Annäherung Großbritanniens an China Ende des 18. Jahrhunderts
2.3 Synthese einer Analogie: Bezugnahme auf die Theorien von Mauss und Godelier
3. Schlußbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des Gabentauschs in der europäischen Diplomatie zwischen 1750 und 1850 und analysiert, inwiefern ethnologische Theorien von Marcel Mauss und Maurice Godelier auf zwischenstaatliche Beziehungen angewendet werden können, um diplomatische Prozesse und das Ringen um Macht und Anerkennung besser zu verstehen.
- Analyse der Bedeutung des Geschenks als Instrument diplomatischer Machtdarstellung
- Vergleich der diplomatischen Geschenkpraktiken gegenüber dem Maghreb und China
- Anwendung der Konzepte „Gabe“, „Tribut“ und „Potlatch“ auf interkulturelle Beziehungen
- Untersuchung der Rolle von Missverständnissen und kulturellen Differenzen im diplomatischen Austausch
- Reflexion über die Entwicklung von „totalen Leistungen“ in der Diplomatie
Auszug aus dem Buch
2.3 Synthese einer Analogie: Bezugnahme auf die Theorien von Mauss und Godelier
„Les présents en Orient ont toujours honoré autant celui qui donne que celui qui recoit, l´absence de cette formalité dans toutes les transactions politiques, commerciales et de simple société, a été et sera, non seulement l´absence de tout sentiment bienveillant, mais même un manque de politesse, de savoir-vivre et d´esprit de convenance et un motif de suspicion sur les intentions futures des parties contractantes pour tel objet que ce soit.“ Dieses stark subjektiv gefärbte Zitat von Lesseps vermag doch mit seiner vehementen Kritik an den Pläne des französischen Außenministeriums, Geschenkgaben an den Maghreb ganz abzuschaffen, auszudrücken, welche Folgen ein plötzliches Unterlassen nach sich ziehen könnte und mit welchen Konsequenzen zu rechnen wäre.
Natürlich ist an dem Zitat abzulesen, daß Emotionen und Gefühlswelt Lesseps sich stark von orientalischen Bräuchen und Riten haben beeindrucken lassen, so daß er in jeder Gabe zugleich auch eine ehrenvolle Absicht interpretiert. Dennoch vermag er, wie der weitere Verlauf seiner Depesche zeigt, klar zwischen östlicher und westlicher Welt zu unterscheiden, sieht er doch in den Gaben Frankreichs an den Bey von Tunis eine ganz andere, klar umrissene Intention: nicht der Wert der Geschenke, sondern deren Art der Fertigung in Landwirtschaft, Industrie und Handwerk seien es, die letztendlich die Superiorität der eigenen Nation vor dem Ausland betonen und ihr das nötige Ansehen verschaffen.
Hier sind wir bereits an einem wichtigen Punkt angelangt, der uns eine Parallele zu den Theorien von Mauss und Godelier aufzeigt: welche „Kräfte“ sind es nun, die Personen zu gegenseitigem Gabentausch veranlassen? Wieso werden bestimmte Gaben gegeben, andere aber von dem Tausch ausgeschlossen? Die zweite Frage läßt sich in unserem Kontext aus dem Zusammenhang heraus beantworten, schließlich plädierte Lesseps selbst dafür, durch eine bestimmte Auswahl an Gaben vor allem die Bedeutung der eigenen Nation in den Vordergrund zu stellen, wobei hier nicht der Geldwert, sondern in erster Linie die Auswahl der eigenen Produktion den „Nom Francais“ unterstreichen sollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik des diplomatischen Gabentauschs ein und erläutert die Relevanz der Theorien von Mauss und Godelier für das Verständnis internationaler Beziehungen.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die Geschenkpraxis gegenüber Tunis und China, ordnet diese mithilfe anthropologischer Konzepte ein und arbeitet die Funktion von Gaben als Machtdemonstration heraus.
2.1 Einführung in das Thema: Die Theorien von Marcel Mauss und Maurice Godelier: Dieses Kapitel stellt die grundlegenden Theorien von Mauss und Godelier über den Gabentausch und die Verpflichtung zum Erwidern vor und beleuchtet deren Relevanz für soziale Strukturen.
2.2 Eine kleine Diplomatiegeschichte: Ursachen und Voraussetzungen der diplomatischen Geschenkpraxis Frankreichs und Großbritanniens: Hier wird der historische Kontext der diplomatischen Beziehungen erläutert und die Veränderung in der Wahrnehmung von Geschenken als Mittel der Politik skizziert.
2.2.1 Tribut oder Gabe: Das Verhältnis zwischen der konsularischen Vertretung Frankreichs und den Beys von Tunis: Dieses Unterkapitel untersucht die diplomatischen Interaktionen mit dem Maghreb und beleuchtet die Konflikte um den Sinngehalt von Gaben.
2.2.2 Ein diplomatischer Sonderweg: Annäherung Großbritanniens an China Ende des 18. Jahrhunderts: Der Fokus liegt hier auf der britischen Gesandtschaft in China und den Schwierigkeiten, westliche Handelsinteressen mit den chinesischen Tributvorstellungen in Einklang zu bringen.
2.3 Synthese einer Analogie: Bezugnahme auf die Theorien von Mauss und Godelier: Dieses Kapitel führt die historischen Fallbeispiele und die theoretischen Konzepte zusammen, um die diplomatische Praxis als eine Form der „totalen Leistung“ zu deuten.
3. Schlußbetrachtung: Die Schlußbetrachtung reflektiert die Ergebnisse der Arbeit und betont die Bedeutung von gegenseitiger Anerkennung und sozialer Netzwerke im zeitgenössischen diplomatischen Austausch.
Schlüsselwörter
Diplomatie, Gabentausch, Marcel Mauss, Maurice Godelier, Tribut, Potlatch, Interkulturelle Kommunikation, Frankreich, Großbritannien, Maghreb, China, Macht, Prestige, Soziale Netzwerke, Außenpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Geschenke und der Gabentausch als Instrumente in der europäischen Diplomatie zwischen 1750 und 1850 eingesetzt wurden, um Machtansprüche geltend zu machen und internationale Beziehungen zu gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Maghreb sowie zwischen Großbritannien und China, jeweils unter Anwendung anthropologischer Theorien zum Gabentausch.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Kontinuitäten und Parallelen im diplomatischen Handeln herauszuarbeiten und zu untersuchen, wie ethnologische Theorien über den Gabentausch zum Verständnis zwischenstaatlicher Diplomatie beitragen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, indem sie Fallbeispiele aus der Diplomatiegeschichte mit den anthropologischen Theorien von Marcel Mauss und Maurice Godelier verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Gegebenheiten der diplomatischen Geschenkpraktiken, vergleicht den Umgang mit „Tribut“ und „Gabe“ in verschiedenen Kulturkreisen und reflektiert das Scheitern von einseitigen kulturellen Projektionen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gabentausch, Tribut, Potlatch, soziale Netzwerke, interkulturelle Kommunikation und Machtrepräsentation charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise von Lesseps von der des französischen Außenministeriums?
Lesseps argumentierte, dass Geschenke trotz der Kosten essenziell seien, um den Machtstatus Frankreichs gegenüber den tunesischen Beys zu demonstrieren, während das Außenministerium dazu neigte, Geschenke als ineffizient und korruptionsanfällig abzuschaffen.
Warum scheiterte die britische Gesandtschaft von Lord Macartney in China?
Das Scheitern ist auf fundamentale Missverständnisse zurückzuführen; die Briten versuchten, den Kaiser mit technologischen Geschenken zu beeindrucken, während dieser die Gaben lediglich als Tribut eines untergeordneten Staates interpretierte und kein Interesse an einer Änderung der bestehenden Handelsregeln hatte.
- Quote paper
- M.A. Mia Gerhardt (Author), 2000, Der Gabenaustausch in der europäischen Diplomatie im Rahmen der Theorien von Marcel Mauss und Maurice Godelier , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115202