Verrat oder Vollendung einer Vision? Stalins „Sozialismus in einem Lande“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

1. Einleitung

Mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ ging das sowjetische Experiment des Sozialismus zu Ende. In den Augen der Weltbevölkerung hatte sich der Sozialismus in der Sowjetunion als großer Irrtum erwiesen. Ein alternativer Entwurf zur westlichen Gesellschaft war gescheitert, ja selbst Geschichte geworden. Doch was war dieses Phänomen, dass 72 Jahre lang das Leben der Bürger im Vielvölkerreich der Sowjetunion bestimmte und Zeit seines Bestehens die Menschen polarisierte? Handelte es sich bei diesem „real existierenden Sozialismus“ um eine wirkliche Alternative in der Gesellschaftsentwicklung oder war es bloß „verlorene Zeit“[1], eine Sackgasse in der europäischen Geschichte ohne große Bedeutung?

In Anlehnung an Stefan Plaggenborg erscheint es mir wenig ratsam, die Sowjetunion als „grandios gescheitertes Experiment“[2] zu Grabe zu tragen und ad acta zu legen. Vielmehr sollte sie als ein wichtiger Bestandteil der europäischen Geschichte und eigenständiger Pfad der Moderne wahrgenommen werden. Die Geschichte der Sowjetunion als eine zwangsläufige Geschichte des „Scheiterns“ zu erklären führt meiner Ansicht nach zu einer stark vereinfachten Deutung des sozialistischen Experiments im sowjetischen Vielvölkerreich. Alternativen Handlungsmöglichkeiten der politischen Akteure wird dadurch ebenso eine Absage erteilt, wie der Annerkennung des Sozialismus als ideologische Basis mehrerer Generationen von „linken“ Aktivisten. So verlief die Entwicklung in der Sowjetunion seit 1917 keineswegs gradlinig, sondern sie durchlief mehrere Transformationsphasen, in denen sich die Gestalt des politischen Systems und der Gesellschaft teilweise grundlegend veränderte.

In der folgenden Arbeit steht die zweite Transformationsphase der sowjetischen Gesellschaft, der Aufbau des „Sozialismus in einem Lande“ von 1928-1934 im Mittelpunkt. Diese Abkehr vom Internationalismus stellt einen Wendepunkt in der Entwicklung des Sozialismus in der Sowjetunion dar. Der klassische Weg zum Kommunismus über die Weltrevolution wurde zugunsten eines nationalen Experiments aufgegeben. Zwangskollektivierung und forcierte Industrialisierung sollten die prägenden Merkmale eines Versuchs sein, den „Sozialismus von oben“ durchzusetzen. Eine Untersuchung der Ursachen und der Auswirkungen der Kollektivierungs- und Industrialisierungspolitik Stalins sollen Aufschluss darüber geben, wie das Phänomen des „Sozialismus in einem Lande“ näher zu bestimmen ist. Handelte es sich dabei um einen Verrat an den Gedanken der russischen Oktoberrevolution, der in einer Sackgasse endete oder, angesichts von Modernisierungstendenzen in Industrie und Gesellschaft, um einen „pulsierenden Abschnitt der Moderne“[3] ? Darüber hinaus sollen die bestimmenden Merkmale der Politik während des ersten Fünfjahrplans herausgearbeitet werden, die die von Leonid Luks unter dem Begriff des „Fiktionalismus“ subsummiert werden.[4]

Über den Stalinismus wurden bereits unzählige wissenschaftliche Werke verfasst, die in vielen Fällen in ihrer Aussage politisch motiviert sind.[5] Mir ging es nicht um eine normative Beurteilung des stalinistischen Systems, die negativen Auswüchse von Diktatur und Terror sind hinlänglich bekannt und wissenschaftlich belegt. Vielmehr wollte ich versuchen, das Wesen der Industrialisierungspolitik Stalins während der ersten Planphase zu ergründen. Die Stalin-Biographien von Isaac Deutscher und Heinz-Dietrich Löwe dienten dazu, die persönliche Komponente mit in die Überlegungen einzubeziehen. Bei der Darstellung der parteiinternen Debatte über die zukünftige Ausrichtung der Wirtschaftspolitik habe ich mich im Kern auf die ausführliche Studie von Alexander Erlich gestützt, der die Industrialisierungsdebatte der 20er Jahre in der Sowjetunion in allen Facetten schildert.[6] Für die Untersuchung der Auswirkungen der Kollektivierungs- und Industrialisierungspolitik Stalins habe ich mehrere wirtschaftshistorische Studien herangezogen. Zu nennen wären hier die stark wirtschaftswissenschaftlich ausgerichtete Arbeit von Patricia Flor zum 1. Fünfjahrplan[7], die Schriften von Robert Davies und Stephen Wheatcroft zur Problematik der Kollektivierung der Landwirtschaft[8] und das schon etwas ältere Werk von Hans Raupach zur „Geschichte der Sowjetwirtschaft“[9], dass in seiner Qualität noch nichts verloren hat.

2. Die Industrialisierungsdebatte – Trotzki, Bucharin, Stalin

Die richtige Politik des Proletariats, das seine Diktatur in einem kleinbäuerlichen Land ausübt, ist der Austausch von Getreide gegen Industrieerzeugnisse, die der Bauer braucht.[10]

Im Winter 1927/1928 geriet die NÖP, die bis dahin bescheidene Erfolge aufweisen konnte in die Krise.[11] Die Konsumgüterpreise stiegen, die Agrarpreise sanken, während die Bauern ihren Lieferverpflichtungen dem Staat gegenüber nicht vollständig nachkamen und bevorzugt den freien Markt belieferten. Auf der Suche nach einem neuen Kurs hatten sich innerhalb der Partei mehrere „Lager“ gebildet, die im Folgenden kurz skizziert werden sollen.

Das linke Lager um Trotzki

Lew Trotzki war einer der hochrangigen Aktivisten innerhalb der bolschewistischen Partei. Seine intellektuellen Fähigkeiten ermöglichten ihm eine fundierte Auseinandersetzung mit dem bestehenden Wirtschaftssystem. Die kritische Analyse der Stärken und Schwächen der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) Lenins, in der er die sog. „Scherenkrise“ als Kernproblem benannte, brachte ihm parteiintern hohes Ansehen. Er hatte bereits frühzeitig erkannt, dass die staatliche Preisregulierung zu einem massiven Wertverfall der Agrarprodukte bei gleichzeitigem Anstieg der Preise für Industrie- und Handwerksprodukte geführt hatte, was die Bauern davon abhielt, Überschüsse zu produzieren und damit die Städte zu versorgen.[12] Trotzki kritisierte die fortschreitende Bürokratisierung der Partei und forderte die Einrichtung von Zentralorganen, die eine „ planmäßige Leitung der Wirtschaft, vor allem unter dem Gesichtspunkt des Wiederaufbaus und der Weiterentwicklung der Industrie[13] gewährleisten sollten. Ein weiterer Kritikpunkt war die marktwirtschaftliche Prägung des agrarischen Sektors, der fast die Hälfte des Nationaleinkommens hervorbrachte[14]. Hier bestand die Gefahr, dass „die Bauern [...] den Kapitalismus vollständig restaurieren würden, wenn man ihren sozialen und ökonomischen Einfluß [sic!] nicht drastisch reduzierte.“[15]

Der wirtschaftstheoretische Kopf der linken Alternative, Eugen A. Preobraschenski, sah die systemimmanente Schwäche der NÖP in der fehlenden Investitionstätigkeit, die zu Inflation und Güterknappheit geführt hatte. Demnach ergab sich dieser Missstand aus der Situation heraus, dass die Bauern aufgrund ihrer niedrigen steuerlichen Belastung über reichlich Kapital verfügten, dem die rückständige Industrie keine ausreichende Menge an Gütern bereitstellen konnte. „Nicht die unzureichende, sondern die allzu starke Nachfrage also war die größte Gefahr.“[16] Die bestehenden Kapazitäten in der Industrie waren nicht in der Lage, diesen „Warenhunger“ zu mindern.

Aus diesen Ansätzen heraus entwickelte die „Linke“ ihren wirtschaftspolitischen Kurs mit folgenden Leitlinien: Für eine schnelle Industrialisierung musste die volle Konzentration auf den Aufbau der Industrie gerichtet werden. Diese sollte durch eine zentrale Institution (Trust) mit direktiver Planung gelenkt werden, während die totale Ausbeutung der Bauern bis ans Existenzminimum, das für die Modernisierung und den Ausbau der Industrie benötigte Investitionskapital bereitstellen sollte.[17]

Die Rechte um Bucharin

Gegenüber den eher radikalen Forderungen der linken Opposition, die jedoch tief der bolschewistischen Überzeugung entsprachen, vertrat Nikolai I. Bucharin einen grundsätzlich anderen Ansatz für die zukünftige Entwicklung der Sowjetwirtschaft. Sein Konzept setzte im Gegensatz zur linken Position auf eine gemäßigte Industrialisierung. Er hielt den Sozialismus in der Sowjetunion für stark genug, sich auch mit einem langsamen Wirtschaftswachstum zu behaupten.[18] Als ausgewiesener Wirtschaftsexperte, bewertete Bucharin eine zu starke Verstaatlichung der Wirtschaft als kontraproduktiv. Für ihn waren der Markt und der Handel, der sich während der NÖP langsam erholt hatte, die Schlüssel zu ökonomischem Wachstum und der Restaurierung der Schwerindustrie. Kapitalistische Elemente wie Wettbewerb und Privatunternehmen, waren für den Vertreter des rechten Flügels der Kommunistischen Partei durchaus mit dem Aufbau einer sozialistischen Wirtschaftsform vereinbar. Dagegen erteilte er dem klassischen Konzept der Planwirtschaft eine entschiedene Absage.[19]

[...]


[1] Zit. Nach: Plaggenborg, Stefan, Experiment Moderne: der sowjetische Weg, Frankfurt/Main, New York 2006, S. 9.

[2] Ebd.

[3] Zit. nach: Plaggenborg, Stefan, Experiment Moderne: der sowjetische Weg, Frankfurt/Main, New York 2006, S. 9.

[4] Vgl. Luks, Leonid, „Die Utopie an der Macht“. Zum bolschewistischen Terror unter Lenin und Stalin, in: Hist. Jahrbuch 119 (1999), S. 257.

[5] Einen guten Überblick über die Tendenzen in der Stalinismusforschung gibt: Hildermeier, Manfred, Revision der Revision? Herrschaft, Anpassung und Glaube im Stalinismus, in: Stalinismus vor dem zweiten Weltkrieg. Neue Wege der Forschung (=Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 43), München 1998, S. 17-33.

[6] Erlich, Alexander, Die Industrialisierungsdebatte in der Sowjetunion 1924-1928, Frankfurt/Main 1971.

[7] Flor, Patricia, Die Sowjetunion im Zeichen der Weltwirtschaftskrise. Außenhandel, Wirtschaftsbeziehungen und Industrialisierung 1928-1933, Berlin 1995.

[8] Davies, Robert/Tauger, Mark/Wheatcroft, Stephen, Stalin, Grain Stocks and the Famine of 1932-3, in: Read, The Stalin Years, 2003, S. 86-101; Davies, Robert/Wheatcroft, Stephen, The Years of Hunger: Soviet Agriculture, 1931-1933 (=The Industrialisation of Soviet Russia, Bd. 5), Basingstoke [u.a.] 2004.

[9] Raupach, Hans, Geschichte der Sowjetwirtschaft, Reinbeck 1964.

[10] Zit. nach: Lenin, Gesammelte Werke, Bd. 32, S. 355.

[11] Die NÖP hat den Wiederaufbau der sowjetischen Wirtschaft in der ersten Hälfte der 1920er Jahre nachweislich unterstützt. Die Güterproduktion lief wieder an, die Nahrungsmittelversorgung hatte sich stabilisiert und die Löhne befanden sich auf Vorkriegsniveau. Vgl. Raupach, Sowjetwirtschaft, S. 47ff.

[12] Vgl. Löwe, Heinz-Dietrich, Stalin. Der entfesselte Revolutionär, Bd.1 (=Persönlichkeit und Geschichte, Bd. 162), Göttingen/ Zürich 2002, S. 132 u. 151ff.; siehe auch: Rogowin, Wadim S., Stalins Kriegskommunismus, Essen 2006, S. 17ff.

[13] Zit. nach: Trotzki, Notiz an das Politbüro, Januar 1923, in: Wolkogonow, Dimitri, Trotzki. Das Janusgesicht der Revolution, Düsseldorf u.a. 1992, S. 273/274.

[14] Vgl. Anhang Tab. 1 (Altrichter, Helmut, Kleine Geschichte der Sowjetunion. 1917-1991, 2. durchges. u. erw. Aufl., München 2001, S. 221.

[15] Zit. nach: Erlich, Industrialisierungsdebatte, 1971, S. 42.

[16] Ebd. S. 46.

[17] Vgl. Raupach, Sowjetwirtschaft, 1964, S. 71; siehe auch: Hedtke, Ulrich, Stalin oder Kondratieff. Endspiel oder Innovation?, Berlin 1990, S. 61ff; und: Löwe, Stalin, Bd.1, 2002, S. 153.

[18] Vgl. Deutscher, Isaac, Stalin. Eine politische Biographie, Stuttgart 1962, S. 323.

[19] Vgl. Erlich, Industrialisierungsdebatte, 1960, S. 23ff; siehe auch: Raupach, Sowjetwirtschaft, 1964, S. 71; oder Löwe, Stalin, Bd. 1, 2002, S. 153/154.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Verrat oder Vollendung einer Vision? Stalins „Sozialismus in einem Lande“
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Lehrstuhl für Zeitgeschichte Osteuropas)
Veranstaltung
Die Russen als Verlierer des 20. Jahrhunderts oder was war der Sowjetsozialismus?
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V115216
ISBN (eBook)
9783640168118
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verrat, Vollendung, Vision, Stalins, Lande“, Russen, Verlierer, Jahrhunderts, Sowjetsozialismus
Arbeit zitieren
Andreas Geißler (Autor:in), 2008, Verrat oder Vollendung einer Vision? Stalins „Sozialismus in einem Lande“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115216

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