Die Schattengestalten der Postmoderne: Das Genie und das Böse

Eine Motivanalyse zu den Romanen 'Das Parfum' von P. Süskind und 'Flughunde' von M. Beyer


Seminararbeit, 2007

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt:

Einleitung

1. Das Genie
1.1. Entstehung und historischer Abriss des Genie-Begriffs
1.2. Das Wesen des Genies und seine Charakterzüge
1.3. Eine äußerst exquisite Nase: das Geruchsgenie Jean-Baptiste Grenouille
1.4. Ein verkanntes Genie? Hermann Karnaus Erforschung der menschlichen Stimme

2. Das Böse
2.1. Alltagsgebrauch und Wort-Etymologie
2.2. Das Gesicht des Bösen
2.3. Das Böse aus Sicht verschiedener Disziplinen
2.4. Ein Bösewicht ohne gleichen: Der „Todesengel“ Jean Baptiste Grenouille
2.5. Vom Bösen ergriffen: Der „Stimmstehler“ Hermann Karnau

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung:

Schon in der Antike, bei Seneca, bildete sich die Auffassung heraus, dass es keinen großen Geist ohne eine gewisse Beimischung von Wahnsinn gebe.[1] Er beschreibt einen Gegensatz: auf der einen Seite strahlt der 'große Geist' nach außen; er wird symbolisiert durch das Licht. Aus einem 'großen Geist' gehen große Taten hervor, solche, die unvergessen bleiben und andere Menschen dazu bewegen, deren 'Vollbringer' als Genie zu vergöttern. Auf der anderen Seite steht der Wahnsinn, eine dunkle, geheimnisvolle Schattenseite; Antrieb oder sogar Quelle des 'großen Geistes'. Er ist eine Facette einer weitaus größeren und gefährlicheren Macht - der Macht des Bösen.

Menschen, die beide Seiten in sich tragen, werden in dieser Arbeit als 'Schattengestalten' bezeichnet. Die Literaturgeschichte kennt eine Vielzahl solcher 'Schattengestalten'. Nennenswerte Beispiele sind dabei Das Phantom der Oper[2], Adrian Leverkühn[3] und Doktor Jekyll & Mr. Hyde[4]. Auch die zeitgenössische Prosa hat sie keinesfalls vergessen: mit Jean-Baptiste Grenouille, dem Protagonisten aus Süskinds Roman Das Parfum[5] und Hermann Karnau, der Hauptfigur von Beyers Roman Flughunde[6], betreten zwei weitere 'Schattengestalten' die literarische Bühne.

Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, ob auch in Grenouille und in Karnau jeweils eine geniale als auch eine böse Seite angelegt ist. Dabei untergliedert sich die Arbeit in zwei große Teilbereiche:

Im ersten Teil wird das Phänomen des Genies untersucht. In einem theoretischen Teil wird zunächst die Entstehungsgeschichte des 'Genie-Begriffs' kurz umrissen und darüber hinaus werden Kernpunkte des Motivs herausgearbeitet. Der theoretische Teil erhebt, in diesem wie auch im zweiten Teil, keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Motive. Es handelt sich dabei vielmehr um den Versuch, einen 'Motiv-Katalog' zu entwerfen, anhand dessen eine gezielte Roman-Analyse stattfinden kann. Abgeschlossen wird der erste Teil mit der Analyse der beiden Primärtexte.

Im zweiten Teil wird das Böse -zunächst auch in einem theoretischen Teil- untersucht. Dabei wird der alltägliche Wortgebrauch im ersten Schritt dargestellt. Im zweiten Schritt wird der Versuch unternommen, dem Bösen ein Gesicht zu verleihen, um im finalen Schritt das Böse aus Sicht verschiedener Disziplinen zu analysieren. Abgerundet wird der zweite Teilbereich mit der Untersuchung der Primärtexte.

Ziel der Arbeit ist es nachzuweisen, inwieweit die Motive auf die Protagonisten zutreffen.

1). Das Genie:

1.1. Entstehung und historischer Abriss des Genie-Begriffs:

Im 21. Jahrhundert erlebt der Begriff Genie und das dazugehörige Adjektiv genial einen Expansionsschub. Nun kann der Titel Genie nahezu jedem verliehen werden, der entweder eine Höchstleistung oder darüber hinaus etwas Einmaliges vollbracht hat. Ursprünglich jedoch hatte der Begriff Genie, der ein ausgesprochen europäischer, beispielsweise in Asien und Afrika gänzlich unbekannter Begriff ist, eine engere Bedeutung. Sie widerspiegelt das religiöse und mystische Erleben der Antike. So wird der Begriff zum einen vom lat. g enius „Schutzgeist“ bzw. von der reduplizierenden Form gignere „erzeugen“ abgeleitet, zum anderen vom lat. ingenium „angeborene Eigenart“. Beide Formen beschreiben jeweils einen besonderen Geist im Menschen und widersprechen sich daher nicht.[7]

In der Antike wurzelt der Glaube, dass der Mensch von Geburt an einen genius (Schutzgeist) hat, der Sinnbild für das ideale Ich und sein Schicksal ist, der innerhalb eines Menschen wirkt und für hohe Leistungen verantwortlich ist.[8] Seit Homer wird der einmalige Status des Dichters betont, dessen Dichtung einerseits als ein heteronomes, von einem Gott diktiertes Reden begriffen wird und dem andererseits von Geburt an eine besondere Begabung zuteil wird. In der Spätantike und im Mittelalter scheint der antike genius ausgestorben zu sein. Erst in der Renaissance wird der genius im wahrsten Sinne des Wortes wieder geboren und bezeichnet von da an die personifizierte Schöpferkraft des Menschen, wobei Schöpfung im Sinne von Nachahmung der Natur zu verstehen ist. Im Zeitalter des Barock, um 1650, entwickelt sich der Begriffe im heutigen Sinne und bezeichnet die „unbegreifliche, mystische Schöpferkraft des Menschen.“[9] Erst um 1700 wird in Italien der herausragende Mensch als genio bezeichnet.[10] Der geschichtliche Überblick endet mit dem 18. Jahrhundert, in dem die Geniebewegung ihren Höhepunkt erreicht. Die Dichter des Sturm und Drang sehen sich selbst als „Originalgenies“, die der statischen natura naturata (geschaffene Natur) die dynamische natura naturans (schaffende Natur) vorziehen[11] und damit der Innovation, der Kreativität und der Originalität den Weg bereiten.

Als Ergebnis des geschichtlichen Überblicks bleibt festzuhalten, dass der Genie-Begriff eine lange Tradition verfolgt, die religiöse Komponente des zu Vergötternden, jedoch zu keinem Zeitpunkt verliert.

1.2. Das Wesen des Genies und seine Eigenschaften:

Man wird nicht als Genie geboren und Genies fallen erst recht nicht einfach so vom Himmel. Jeder Mensch besitzt irgendein Talent, etwas, das er besonders gut kann. Manche sind sogar hochbegabt, aber Hochbegabung allein macht auch noch kein Genie. Ebenso gibt es Schriftsteller, Erfinder und Künstler, die große Werke vollbracht haben, die aber dennoch nicht den Titel Genie für sich beanspruchen dürfen. Musiker und Schauspieler werden von unzähligen Massen verehrt, doch wer ruhmreich ist, ist nicht gleich genial. Was ist es, das ein Genie ausmacht?

Wer eine gültige Antwort auf diese Frage sucht, wird mit einer Unzahl an Theorien konfrontiert. Das Problematische dabei ist, dass sich die Theorien in vielen Punkten nicht nur widersprechen, sondern gar einander ausschließen. Wilhelm Lange-Eichbaum ist der Auffassung, dass jeder Theoretiker sein eigenes Genie-Ideal zeichne, den eigenen Vorstellungen und Wünschen ganz entsprechend. Wer nicht in ein bestimmtes Schema passt, darf den Titel Genie nicht beanspruchen.[12] Tatsache ist auch, dass das Genie definitiv keinem bestimmten Menschentypus zugeordnet werden kann. Weder im Akt der Schöpfung noch in der Größe der Begabung, weder im Gemütscharakter noch in der Geistesart ist zu finden, was das Genie ausmacht. Lange-Eichbaum resümiert deshalb, dass das „Genie unter keinen Umständen ein ganz bestimmter anthropologischer, in den organischen Anlage bedingter, körperlich-seelischer Menschentypus“[13] sei. Daraus ist zu schließen, dass die Frage, wodurch sich ein Genie auszeichnet, nicht durch sein Wesen zu beantworten ist. Offenbar muss es noch andere Kriterien geben.

Lange-Eichbaum verfolgt einen Weg, den bis Mitte des 20. Jahrhunderts kein Genie-Forscher bzw. Theoretiker gefolgt ist. Er analysiert die Problematik aus soziologischer Sicht und fokussiert damit die Umwelt und die Mitmenschen des Genies. Grundannahme ist dabei, dass der Begriff Genie immer eine Wertung beinhaltet, die ein Mensch subjektiv trifft und ihn deshalb mit dem Genie verbindet Der Wertende spiegelt sich auf irgendeine Weise im Genie-Objekt wider, sei es positiv oder negativ. Das Genie-Objekt bietet dem Wertenden verschiedene Wertfacetten an, die dieser als Genussgröße empfindet.[14] Daraus resultiert die gesuchte Definition, dass „Genie ein Wertbringer [ist], der von vielen als heilig verehrt wird.“[15] Festzuhalten ist allerdings, dass nicht allein die Leistung des Genies die Genussgröße definiert, sondern diese ein Zusammenspiel aus Werk, Person und Ruhm ist, die den esprit von etwas Numinosem, etwas 'Fast-Göttlichem', trägt.[16] Das Numinose fächert sich in sechs Dimensionen auf.

Die erste Nuance ist die des Überlegenen. Das Genie imponiert dem Menschen, weil es dessen eigene Kraft und die eigenen Fähigkeiten bei weitem überragt und damit das Gefühl, etwas Übermenschliches zu sein, auslöst. Das Überlegene gehört zur Kategorie der Quantität. Zweitens besitzt das Genie etwas Zwingendes, etwas, das den Menschen mitreißt, ihn in seinen Bann zieht; ebenso ein starker und zäher Wille, eine glühende Leidenschaft für eine Sache. Das Zwingende bildet die Kategorie der Intensität. Das Lockende, das unter die dritte Kategorie der positiven Gefühlsqualität fällt, ist stark mit dem Bereich der Ästhetik verbunden. Es ist das, was außerordentlich imponiert und das Begehren im Betrachter entfacht, sich mit dem Lockenden zu vereinigen. In der Kategorie der Überzahl zeigt sich die vierte Dimension, das Herrschende. Es beschreibt eine wertende Übermacht, die etwas als unantastbar erklärt und somit den Gegenstand normiert. Das Herrschende könnte somit auch das Gültige heißen. Die fünfte Komponente ist das Unheimliche, das, was eine unbekannte Gefahr darstellt und Schaudern erregt. Es zu kategorisieren fällt jedoch schwer. Der letzte Mosaikstein ist das Besondere. Es ist das, was uns als fremdartig, ungreifbar erscheint und was man sich selbst nicht aneignen kann. Man könnte es auch als das Wunderartige bezeichnen. Es ist die Kategorie des Abnormen.[17]

Abschließend lässt sich festhalten, dass das Genie erst durch Außenstehende zu einem solchen erhoben wird. Wie gezeigt, definiert sich Genie nicht allein durch höchste Begabung und dementsprechende Leistung, sondern durch verschiedene Wertfacetten, die den Eindruck des 'Fast-Göttlichen' erzeugen und das Genie verehrungswürdig machen.

[...]


[1] Seneca: De tranquillitate aninmi. 17,10.

Der Original-Wortlaut lautet: „nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae fuit.“

[2] Gaston Leroux: Das Phantom der Oper. 5. Auflage. München: Carl Hanser Verlag 1990.

[3] Thomas Mann: Doktor Faustus. 35. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005.

[4] Robert Louis Stevenson: Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Frankfurt am Main: Insel 1987.

[5] Patrick Süskind: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Zürich: Diogenes Verlag 1985.

[6] Marcel Beyer: Flughunde. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995.

[7] Vgl. Wilhelm Lange -Eichbaum: Das Genie Problem. München/ Basel: Ernst Reinhardt 1951. S.10f.
Vgl. Wilhelm Lange-Eichbaum, Kurth,W.: Genie Irrsinn und Ruhm. München/ Basel: Ernst Reinhardt 1967. S. 26-31.

[8] Vgl. Lange-Eichbaum, W.: Das Genie Problem. S.10f.

Vgl. Lange-Eichbaum, W. Kurth, W.: Genie Irrsinn und Ruhm. S.26-31.

[9] Lange-Eichbaum, W.: Das Genie Problem. S.29.

[10] Vgl. Lange-Eichbaum, W.: Das Genie Problem. S.10f.

Vgl. Lange-Eichbaum, W. Kurth, W.: Genie Irrsinn und Ruhm. S.26-31.

[11] Vgl. Jochen Schmidt: Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik 1750-1945. Band I. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1985. S. 13.

[12] Vgl. Lange-Eichbaum, W.: Das Genie Problem. S.2.

[13] Ebd., S.8.

[14] Vgl. Ebd., S.14f.

[15] Ebd., S.16.

[16] Vgl. Ebd., S.18.

[17] Vgl. Ebd., S.18-20. Siehe auch Lange-Eichbaum,W. Kurth, W.: Genie Irrsinn und Ruhm. S.117-125.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Schattengestalten der Postmoderne: Das Genie und das Böse
Untertitel
Eine Motivanalyse zu den Romanen 'Das Parfum' von P. Süskind und 'Flughunde' von M. Beyer
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Sinnliche Gewissheiten – Postmoderne Texte von Menasse, Süskind, Beyer, Ransmayr, Nadolny
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V115234
ISBN (eBook)
9783640166350
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schattengestalten, Postmoderne, Genie, Böse, Sinnliche, Gewissheiten, Texte, Menasse, Süskind, Beyer, Ransmayr, Nadolny
Arbeit zitieren
Sebastian Zilles (Autor), 2007, Die Schattengestalten der Postmoderne: Das Genie und das Böse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115234

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