Diese Bachelorarbeit handelt von Platons Sophistes Abschnitt 258 und dem Verhältnis von τὸ ὂν und τὸ μὴ ὂν unter Berücksichtigung des Parmenides Fragments. In Abschnitt 258 zeigt der Dialogführer, wie das Nichtseiende und das Seiende gleichermaßen gedacht werden können und wie diese, unter Berücksichtigung der fünf megista gene, miteinander in Verbindung stehen. Folgende Fragen stellen sich, um Abschnitt 258 möglichst genau verstehen zu können und die darauffolgende (mögliche) Verbundenheit zwischen Platon und Parmenides nachvollziehbar zu machen.
Wie kommt es, dass das Nichtseiende genauso am Sein teilhaben kann wie das Seiende selbst und welche Rolle spielen die Begriffe ταὐτόν (dasselbe) und ἔτερον (anderes)? Wie schlussfolgert Platon von der Anteilnahme am Sein der θατέρου ϕύσις (Natur des Anderen), auf den Sophisten selbst und welche Bedeutung hat die Negierung μὴ (nicht-) in diesem Zusammenhang? Inwiefern verstößt der Fremde gegen Parmenides Verbot und wie rechtfertigt er dies? Ist Parmenides Fragment wirklich so zu verstehen, wie Platon es im Sophistes auffasst? Können eventuell terminologische Widersprüche und Überschneidungen, der Grund für die häufige Interpretation sein, Platons und Parmenides Lehre wären nicht (zumindest teilweise) vereinbar?
Inhaltsverzeichnis
II. Einleitung: Dem Sophisten auf der Spur
III. Das Verbot des Parmenides
IV. Die Negation μὴ (me)
V. Die fünf μέγιστα γένη (megista gene)
VI. τῆς θατέρου μορίου ϕύσεως
VII. Interpretation: Parmenides Fragment
VIII. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Sein (τὸ ὂν) und Nichtsein (τὸ μὴ ὂν) in Platons Dialog Sophistes, insbesondere unter Berücksichtigung des parmenideischen Verbots. Ziel ist es, die dialektische Auflösung der Aporie des Nichtseienden durch die Lehre der fünf größten Ideen (μέγιστα γένη) nachzuvollziehen und deren Vereinbarkeit mit Parmenides zu prüfen.
- Ontologische Bestimmung des Nichtseienden als das "Andere" (ἕτερον)
- Anwendung der Dihairesis zur Definition der sophistischen Kunst
- Rolle der fünf größten Ideen (Sein, Verharren, Bewegung, Selbigsein, Anderes)
- Kritische Auseinandersetzung mit der parmenideischen Seinslehre
- Differenzierung zwischen absoluter Negation (Gegenteil) und relativer Verschiedenheit
Auszug aus dem Buch
IV. Die Verneinung μὴ (mȇ)
Als erste Schwierigkeit im behandelten Abschnitt, erweist sich die Interpretation oder vielmehr die Übersetzung der vorangehenden Negation nicht oder μὴ. Diese bringt eine gewisse Problematik mit sich, denn zu oft wird es schlicht und einfach als Indikator für eine gegenteilige Bedeutung gesehen und scheint das Thema stark einzugrenzen. So stoßen wir zu Beginn von Abschnitt 258 (a) auf genau dieses beschriebene Problem:
„[…] τὸ μὴ μέγα καὶ τὸ μέγα αὐτὸ εἶναι λεκτέον“ (PS S. 156)
„[…] das Nicht-Große und das Große gleich seiend nennen.“ (PS S. 157)
Das μὴ ist also kein Mittel, um das Gegenteil zu benennen, sondern es ist lediglich als ein „anders als“, „verschieden von ihm zu lesen. Die Idee hierbei ist die Unterscheidung von dem ἐναντίον (Entgegengesetzten) zum ἔτερον (Verschiedenen). Für diese Leseweise spricht auch, dass der Terminus „μὴ“ im altgriechischen als abwehrende Negation zur Verneinung von Gedankeninhalten gilt, während zur tatsächlichen Verneinung das Wort „οὐ“ („οὐκ“ „οὐχ“) verwendet wird. Das bedeutet, dass der Terminus μὴ, bezogen auf die folgende Idee, alles andere bezeichnet, nur nicht genau dieses eine Bestimmte. Das Große ist etwas bestimmtes, eine konkrete ontologische Idee, und das nicht-Große ist zwar nicht dasselbe, aber es ist nicht nichts, und auch nicht das Gegenteil. Es ist etwas anderes, aber eben nicht genau das Große. Das μὴ meint nur, dass es von ihm verschieden ist, in welchem Maß diese Verschiedenheit besteht, lässt sich allein daraus nicht schließen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dem Sophisten auf der Spur: Einführung in die Problematik des Sophisten als "Nichtseiender" und Darstellung der dialektischen Zielsetzung des Dialogs.
Das Verbot des Parmenides: Analyse des ontologischen Verbots, über das Nichtseiende zu sprechen oder es als seiend zu denken.
Die Negation μὴ (me): Untersuchung der linguistischen und ontologischen Bedeutung der Negation als Verschiedenheit statt als absolutes Gegenteil.
Die fünf μέγιστα γένη (megista gene): Erläuterung der fünf höchsten Ideen und deren wechselseitige Teilhabe, um das Nichtseiende ontologisch zu legitimieren.
τῆς θατέρου μορίου ϕύσεως: Spezifizierung der "Natur des Anderen" und wie sie als Teil der seienden Welt das Nichtseiende begründet.
Interpretation: Parmenides Fragment: Kritische Prüfung der Vereinbarkeit von Platons Argumentation im Sophistes mit der Lehre des Parmenides.
Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich der Überwindung des parmenideischen Verbots durch die neue Bestimmung des Nichtseienden als relatives "Anderes".
Schlüsselwörter
Platon, Sophistes, Parmenides, Sein, Nichtsein, μὴ ὂν, μέγιστα γένη, Dialektik, Dihairesis, ἕτερον, ἐναντίον, Philosophie, Ontologie, Ideenlehre, Sophistik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert im Kern, wie Platon im Dialog Sophistes das ontologische Problem des Nichtseins löst, um den Sophisten als reale, wenn auch "andere" Figur greifbar zu machen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit bewegt sich im Bereich der antiken Metaphysik, der Sprachphilosophie und der Interpretation vorsokratischer Lehren im Kontext der platonischen Spätphilosophie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist der Nachweis, dass Platon durch die Einführung der fünf größten Gattungen das parmenideische Verbot des Nichtseins nicht einfach bricht, sondern durch eine neue Bestimmung als "Andersheit" philosophisch integriert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die textual-exegetische Methode in Verbindung mit philosophiehistorischer Analyse, indem sie Primärtexte von Platon mit moderner Sekundärliteratur vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Dihairesis, der Analyse der fünf Ideen, der Unterscheidung zwischen gegensätzlicher und verschiedenheitlicher Negation sowie der differenzierten Interpretation der Fragmente des Parmenides.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Sein (ὂν), Nichtsein (μὴ ὂν), die fünf Ideen (megista gene), das Andere (ἕτερον) und das dialektische Verfahren der Dihairesis.
Wie unterscheidet Platon laut dieser Arbeit zwischen "Gegenteil" und "Anderssein"?
Platon nutzt das Wort μὴ nicht als absolutes "Nicht", sondern als Kennzeichnung für eine relative Verschiedenheit. Während ein absolutes Gegenteil (ἐναντίον) das Sein ausschließen würde, ermöglicht das "Andere" (ἕτερον) die Teilhabe am Sein.
Welche Bedeutung hat das parmenideische Verbot für den Sophisten?
Das Verbot fungiert als dialektische Hürde: Da der Sophist sich im Bereich des Täuschens und des Nichtwahren bewegt, schien er nach Parmenides als "Nichtseier" undenkbar. Platon überwindet dies, indem er das Nichtseiende als ontologisch gleichwertiges "Anderes" innerhalb der Ideenwelt redefiniert.
- Quote paper
- Marko Cvetkovic (Author), 2021, Platons Sophistes Abschnitt 258. Das Verhältnis von Sein und Nichtsein unter Berücksichtigung des Parmenides Fragments, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1152502