Groschenromane – wer kennt sie nicht. Trivialliteratur, die billig und in Massen produziert, dann schließlich an jedem Kiosk vertrieben wird. Doch kann man so Brechts „Dreigroschenroman“ definieren?
In seinem Roman zeigt Brecht die verbrecherischen Zustände, die bei Geschäftsleuten entstehen. Es geht um Konkurrenz, um den Aufstieg von zwei Gaunern, die über Leichen gehen und als Symbol für die kriminellen Tätigkeiten der Kapitalisten stehen.
Der Roman, entstanden aus dem Stoff der Dreigroschenoper, ist jedoch mit dieser nicht mehr zu vergleichen. Die Bettler stehen hier nicht mehr im Vordergrund sondern Macheath, Peachum und Coax, die auf kriminelle Weise versuchen sich einen Vorteil in der Geschäftswelt zu verschaffen, auch wenn sie andere in den finanziellen Ruin treiben. Eine Kritik am politischen System kann also keine Trivialliteratur sein.
Die Forschung hat den „Dreigroschenroman“ immer wieder als einen Kriminalroman betrachtet. Walter Benjamin beschreibt den Roman als einen ‚Grenzfall des Kriminalromans’, Müller spricht bei der Betrachtung des „Dreigroschenromans“ von einem ‚umgekehrten Kriminalroman’ und Fischetti betonte dass man diesen nur vom ‚Gehalt her zum Kriminalroman rechnen kann, während er der Form nach eher keine Detektivgeschichte sei’.
Doch betrachtet man nur oberflächlich den Inhalt dieses Romans, so fällt das Augenmerk zunächst auf die, schon oben genannten, kriminellen Machenschaften von Macheath, Peachum und Coax sowie vor allem auf den Mord an Coax, und auf den Selbstmord Mary Swayers, für den die Protagonisten Macheath und Peachum verantwortlich gemacht werden müssen, und nicht zuletzt auf das Todesurteil von Fewkoombey.
Mit der nachfolgenden Arbeit möchte ich aufzeigen ob man den „Dreigroschenroman“ nun tatsächlich als einen Kriminalroman betrachten kann, oder ob dieser doch zu einem anderen Genre gezählt werden sollte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeines zum Dreigroschenroman
2.1 Entstehung
2.2 Anregungen und Bezüge
3. Definition Kriminalroman
3.1 Eine allgemeine Definition
3.2 Brechts Kriminalromantheorie
4. Die einzelnen Verbrechen im Roman
5. Gattungsbestimmung
6. Schluss
7. Quellen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, ob Bertolt Brechts „Dreigroschenroman“ auf Basis gängiger literaturwissenschaftlicher Kriterien und Brechts eigener Thesen als Kriminalroman eingeordnet werden kann oder ob er einer anderen Gattung zuzuordnen ist.
- Analyse der Entstehungsgeschichte und zeitgeschichtlichen Hintergründe des Romans.
- Gegenüberstellung von Kriminalroman-Definitionen (allgemein vs. Brechts Theorie).
- Untersuchung der im Roman dargestellten Verbrechen auf ihre kriminalliterarische Relevanz.
- Gattungstypologische Einordnung des Werkes im Kontext von Moderne, Satire und Kapitalismuskritik.
Auszug aus dem Buch
3.2 Brechts Kriminalromantheorie
Brechts Äußerungen zur Theorie der Kriminalromangattung gibt es schon seit 1926, doch erst in seinem Essay „Über die Popularität des Kriminalromans“ von 1939 gibt Brecht seine eigene Definition des Kriminalromans wieder. Brecht sieht in dieser Gattung eine intellektuelle Romanform, die auch ohne Psychologisches auskommt. Gerade den psychologische Roman zählt Brecht zur Trivialliteratur. In seinem Essay schreibt er: „Man kann das Lesen psychologischer Romane nicht mit derselben Sicherheit eine intellektuelle Beschäftigung nennen, denn der psychologische Roman erschließt sich dem Leser durch im wesentlichen andere Optionen als durch logisches Denken. Der Kriminalroman handelt vom logischen Denken und verlangt vom Leser logisches Denken.“ Dieser These folgend weist der Kriminalroman ein „Schema“ auf, das jedoch durch viele Variationen immer wieder zu Neuem führt, obwohl „weder in die Kreierung neuer Charaktere, noch in die Aufstöberung neuer Motive für die Tat der gute Kriminalromanschreiber viel Talent oder Nachdenken investiert“. Deshalb ist Brecht der Meinung, dass jeder, der „Immer dasselbe!“ ausruft, den Kriminalroman nicht verstanden hat. Denn die Einmaligkeit ist in der Variation der festgesetzten Bausteine zu suchen.
Brecht sieht im englischen Kriminalroman das Muster für den idealen Kriminalroman. Er schreibt, dass der englische Kriminalroman vor allem fair ist. Das bedeutet dass dieser mit offen Karten spielt, der Leser wird nicht getäuscht und bekommt das gleiche Material wie der Detektiv vorgesetzt, so dass der Rezipient selbst das Rätsel lösen kann. Der Leser muss sich zunächst logisch die Motive für die Handlung des Verbrechers erschließen. Dabei geht Brecht davon aus, dass die ausschlaggebenden Punkte für das Verbrechen fast ausschließlich materielle Interessen sind, nach denen gesucht werden muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Fragestellung auf, ob Brechts „Dreigroschenroman“ trotz seiner kriminellen Handlungen als Kriminalroman klassifiziert werden kann.
2. Allgemeines zum Dreigroschenroman: Dieses Kapitel erläutert die Entstehungsgeschichte des Romans im Exil sowie die wirtschaftlichen und politischen Einflüsse, die Brecht in den Stoff einarbeitete.
3. Definition Kriminalroman: Hier erfolgt eine theoretische Herleitung der Gattung Kriminalroman, sowohl durch allgemeine Definitionen als auch durch Brechts spezifische Theorie der „intellektuellen Romanform“.
4. Die einzelnen Verbrechen im Roman: Die im Werk vorkommenden Straftaten werden analysiert und mit den Merkmalen eines Kriminalromans abgeglichen, wobei sich diese als kapitalistische Machenschaften entpuppen.
5. Gattungsbestimmung: Der Abschnitt versucht, den Roman jenseits des Krimi-Genres neu zu verorten, wobei Merkmale des Montageromans und der Satire hervorgehoben werden.
6. Schluss: Das Fazit kommt zu dem Ergebnis, dass es sich um keinen Kriminalroman handelt, sondern um eine komplexe Mischung aus verschiedenen Gattungen, die Brechts neuen Erzählweg definieren.
7. Quellen: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Dreigroschenroman, Kriminalroman, Gattungstheorie, Kapitalismuskritik, Macheath, Peachum, Montageroman, Detektivgeschichte, Wirtschaftskriminalität, Literaturwissenschaft, Genrebestimmung, Trivialliteratur, Edgar Allan Poe, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht, ob Bertolt Brechts „Dreigroschenroman“ aufgrund seiner inhaltlichen Thematik als Kriminalroman bezeichnet werden kann oder ob diese Einordnung literarisch zu kurz greift.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Gattungsbestimmung des Kriminalromans, Brechts eigene Theorie zur Kriminalliteratur sowie die Darstellung verbrecherischer Zustände im Kapitalismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es, den „Dreigroschenroman“ kritisch mit den Definitionen des Kriminalromans zu vergleichen, um festzustellen, ob Brecht bewusst mit diesem Genre gebrochen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine vergleichende Literaturanalyse, bei der sie den Romaninhalt gegen theoretische Definitionen (u.a. von Poe und Brecht) prüft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des Werks, definiert den Kriminalroman, untersucht die einzelnen Verbrechen im Roman und diskutiert die Einordnung in andere literarische Gattungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bertolt Brecht, Dreigroschenroman, Kriminalroman, Gattungsbestimmung, Kapitalismuskritik und Montageroman.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Macheath und Peachum?
Die Arbeit identifiziert diese Figuren nicht als klassische Kriminelle einer Detektivgeschichte, sondern als Symbole für die verbrecherischen Machenschaften des Kapitalismus.
Warum kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass es kein Kriminalroman ist?
Da zentrale Elemente wie ein isolierter Tatort, ein Rätsel, ein Detektiv und eine logische Entschlüsselung fehlen und stattdessen ein „Happy End“ und eine Satire auf den Kapitalismus dominieren, lehnt die Arbeit die Krimi-Einordnung ab.
- Citar trabajo
- Bachelor of Arts Anna Sliwa (Autor), 2006, Bertolt Brechts "Dreigroschenroman" ein Kriminalroman?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115252