Bertolt Brecht ein Stalinist?

Erklärungsversuch einer Beziehung in Bezug auf Brechts "Buch der Wendungen"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Me-ti. Buch der Wendungen

3. Stalin und Stalinismus
3.1 Josef Stalin- eine kurze Biografie
3.2 Stalinismus – Versuch einer Begriffsbestimmung

4. Brechts Einstellung zu den politischen Systemen
4.1 Stalinismus = Faschismus?
4.2 Faschismuskritik im Buch der Wendungen

5. War Brecht ein Stalinist?
5.1 Stalin im Buch der Wendungen

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Werk Brechts ist durchzogen von politischen Auseinandersetzungen.

Anfang der 30er Jahre entdeckt Brecht die fernöstliche Kunst und gab in dem Werk "Me-ti: Buch der Wendungen" seinen philosophischen, ästhetischen und politischen Äußerungen die Form chinesischer Weisheiten. Die kurzen Texte, die erst 1965 geschlossen veröffentlicht wurden, kritisieren die stalinistische Einengung des Marxismus und die politische Praxis der kommunistischen Bewegung.

In der Nachfolgenden Arbeit soll es ausführlich um die Person Stalin und Brechts Beziehung zu diesem gehen. In Brechts Werken erscheint Stalin, nach Meinung von Klaus-Detlef Müller, als „eine Un-Person“[1], meistens nur indirekt angesprochen. In „Me-ti. Buch der Wendungen” heißt Stalin Ni-en, ihm gebührt also ein NEIN. Dennoch wird in der Publizistik Brecht oft als Stalinist eingeschätzt, nicht zuletzt aufgrund von der Verleihung des Stalin-Friedenspreises im Jahre 1955, der Brecht in den Verdacht brachte Anhänger des diktatorischen Führers der Sowjetunion zu sein.

Ein weiterer Beweis dafür könnte ein Text sein, den Brecht für die Zeitschrift „Sinn und Form“, nach Stalins Tod geschrieben hat:

„Den Unterdrückten von fünf Erdteilen, denen, die sich schon befreit haben, und allen, die für den Weltfrieden kämpfen, muß der Herzschlag gestockt haben, als sie hörten, Stalin ist tot. Er war die Verkörperung ihrer Hoffnungen. Aber die geistigen und materiellen Waffen, die er herstellte, sind da, und da ist die Lehre, neue herzustellen.“[2]

Doch wenn Brecht ein Anhänger Stalins war, warum dann Ni-en im „Buch der Wendungen“?

In der nachfolgenden Arbeit soll geklärt werden ob Brecht ein Stalinist war. Um diese Frage jedoch zu beantworten, werde ich zunächst erläutern wer Stalin und

was der Stalinismus war. Da Brecht kein Faschist war werde ich auch die beiden Diktaturen Stalinismus und Faschismus vergleichen, was hilfreich bei der Erläuterung von Brechts Beziehung zu Stalin ist. Zum Schluss werde ich dann das Hauptthema der Arbeit in Bezug auf Brechts Werk „Me-ti. Buch der Wendungen“ ausarbeiten.

2. Me-ti. Buch der Wendungen

An dem Buch „Me-ti. Buch der Wendungen“ hatte Bertolt Brecht in mehreren Phasen gearbeitet. Die erste sehr aktive Phase fand wahrscheinlich zwischen Ende 1934 und Frühjahr 1935 statt, die zweite Phase dürfte um 1937 erfolgt haben und die dritte Phase im Zeitraum von Mitte 1939 bis Anfang 1940.[3]

Eine Anregung zum Brechts „Buch der Wendungen“ stellte die, in seinem Besitz und von Alfred Forkes übersetzte, Schrift des chinesischen Philosophen Mo Ti, oder auch Mo Di, Mê Ti, Mê-tse, Mo-tzu, mit dem Titel „Mê Ti des Sozialethikers und seiner Schüler philosophische Werke“.[4] Forkes Vorwort zu dieser Übersetzung hat möglicherweise Brecht die Richtung für sein Werk vorgegeben. So heißt es in dieser Vorbemerkung, dass die zentralen Elemente Mê Tis „die einigende Liebe oder Völkerverbrüderung, eine Ethik , die sich in der Solidarität der Menschheit gründet, den Krieg mit den schärfsten Waffen seiner Logik bekämpft und sich für den ewigen Frieden einsetzt“[5], seien.

Der Titel „Buch der Wendungen“ hat aber weniger mit der Übersetzung des chinesischen Textes zu tun, es bezieht sich auf ein anderes Werk, das „I-Ging“, aus der Übersetzung von Richard Wilhelm. Der deutsche Titel des „I-Ging“, das „Buch der Wandlungen“ bezeichnet das erste der fünf kanonischen Bücher des Konfuzianismus und stellt eine zweite wichtige Quelle für Brechts Werk dar.[6] Den

Begriff Wendungen definiert Brecht jedoch in seinem Werk anders, als die Verfasser des „I-Ging“. Mit dem „Buch der Wendungen“ wollte Brecht ein „Büchlein der Verhaltenslehre“ konzipieren und stellt damit den nähren Bezug zur philosophischen Lehre des Mo Di, denn für die chinesischen Philosophen stellt die Verhaltenslehre einen großen Teil der Staatslehre dar.[7] Auch wenn in der Forschung betont wird, dass Brechts Auseinandersetzung mit dem chinesischen Philosophen, nicht direkte Vorlage für das Werk ist, so stellt sich beim Textvergleich heraus, dass er sich durch indirektes Zitieren und Umschreiben, auf Mê Ti bezieht.[8]

So stellen Brechts Texte im „Buch der Wendungen“ zunächst den Versuch zur Auseinandersetzung mit der Lehre des chinesischen Philosophen dar und vor allem einen weiteren Versuch, die politische Lage in einer chinesischen Verkleidung[9] zu analysieren. Mehrere Texte kommentieren die politischen Ereignisse, wie die Moskauer Prozesse, die Epoche des faschistischen Deutschlands oder die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Politik.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit sollen einige dieser Texte, in Bezug auf Brechts Stellung zu Stalin, analysiert werden.

3. Stalin und Stalinismus

3.1 Josef Stalin – eine kurze Biografie

Josef Stalin, geboren am 21. Dezember 1879, war ein sowjetischer Politiker, nach dem die politische Epoche – Stalinismus – benannt wurde.

Als junger Mann wurde er Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) und beteiligte sich an revolutionären Aktivitäten. Infolge der

politischen Spaltung der SDAPR von 1903 wechselte Stalin auf die Seite der Bolschewiken unter Wladimir Iljitsch Uljanow, alias Lenin. Kurz darauf wurde er nach Sibirien verbannt. Ein Jahr später gelang Stalin die Flucht aus Sibirien, worauf er sich an Raubüberfällen beteiligte, um die nötigen Mittel für die Umsetzung seiner politischen Anschauungen zu organisieren. 1912 berief Lenin den revolutionären Aktivisten ins Zentralkomitee der Bolschewiken und übernahm führende Aufgaben in der Parteiorganisation. Im Jahr 1919 wurde Stalin bei der Neuordnung der Partei sowohl Mitglied des Polit- als auch des Organisationsbüros und konnte, insbesondere nach dem Tod Lenins (1924), seine Machtposition in Partei und Staat der sozialistischen Sowjetunion immer mehr ausbauen. Im Jahr 1928 stieg Stalin zum unbestrittenen Führer der KPdSU und der Sowjetunion auf und die Epoche des Stalinismus begann. Josef Stalin starb am 02. März 1953 in Moskau.[10]

3.2 Stalinismus - Versuch einer Begriffsbestimmung

Der Begriff Stalinismus gehört wohl immer noch zu den strittigsten Begriffen. Ob man unter Stalinismus die Verbrechen der 20er, 30er und 40er Jahren in der Sowjetunion versteht, eine, in dieser Zeit entstandene gesellschaftliche Struktur, den Personenkult um Stalin oder ein politisches Schimpfwort, sei jedem selbst überlassen. Man kann jedoch zwischen zwei Ebene des Stalinismus unterscheiden. Die erste Ebene bezieht sich auf die klassische Form des Stalinismus, das bedeutet auf die Verhältnisse in der Sowjetunion und vor allem auf die Herrschaftsperiode Stalins in den Jahren von 1928 bis 1953. Die zweite Ebene bezieht sich auf die internationale Umformung des Stalinismus in den kommunistischen Parteien und den sozialistische Staaten.

Ins Gespräch kam dieser Ausdruck zuerst in den 30er Jahren durch Leo Trotzki[11], einem engen Mitarbeiter Lenins, als Reaktion auf Stalins Verleumdungs- und Kriminalisierungskampagne gegen den so genannten Trotzkismus.

[...]


[1] Klaus-Detlef Müller: Brecht und Stalin. In: Von Poesie und Politik. Zur Geschichte einer dubiosen Beziehung, hgg. Jürgen Wertheim, Tübingen 1994, S. 106

[2] Ebd.

[3] Brecht Handbuch, S. 236

[4] Ebd. S. 238

[5] Ebd. S.239

[6] Ebd. S. 242

[7] Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in acht Bänden. Prosa I. Anmerkungen, Frankfurt am Main 1967, S. 5*

[8] Brecht Handbuch, S. 240

[9] Buch der Wendungen: Die vorkommenden Personen erhalten Pseudonyme, so erscheint Lenin innerhalb dieser literarischen Fiktion als Mi-en-leh, Stalin als Ni-en, Marx als Ka-meh, Brecht selbst als Kin, Kin-jeh oder Kein-leh, usw.

[10] Stalin Biographie: http://www.whoswho.de/templ/te_bio.php?PID=487&RID=1

[11] Trotzki verstand unter Stalinismus nicht nur den Personenkult um Stalin, sondern er wertete Stalin als personifizierte Bürokratie des Sowjetstaates und den Stalinismus als bonapartistiches Herrschaftssystem. Für Trotzki war damit der Stalinismus ein politisch-strukturelles Grundübel, das deren sozialistische Ansätze existenziell gefährdete. Vgl. Gerhard Lozek: Stalinismus – Ideologie, Gesellschaftskonzept oder was? In: Wolfgang Gehrcke (Hg.): Stalinismus. Analyse und Kritik, Bonn 1994, S.22

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Bertolt Brecht ein Stalinist?
Untertitel
Erklärungsversuch einer Beziehung in Bezug auf Brechts "Buch der Wendungen"
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft / NDL)
Veranstaltung
Brechts Buch der Wendungen
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V115253
ISBN (eBook)
9783640168132
ISBN (Buch)
9783640168248
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bertolt, Brecht, Stalinist, Brechts, Buch, Wendungen
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Anna Sliwa (Autor), 2007, Bertolt Brecht ein Stalinist?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115253

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Bertolt Brecht ein Stalinist?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden