Kritische Auseinandersetzungen mit Weißsein. Weiße Mythen der Verleugnung


Hausarbeit, 2012

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Grundlegendes

2. Weißsein als soziale Machtposition

3. Rassistische Mythen der Verleugnung aus der weißen Perspektive
3.1. Ursachen rassistischer Mythen
3.2. Die Strategie des rassistischen Mythos
3.3. Folgen der Weißseins-Verleugnung

4. Ausblick

Quellenverzeichnis

1. Grundlegendes

Begriffe wie Rasse, weiß oder schwarz kursieren nach wie vor in Deutschland und gehören fest zum „Gewebe des öffentlichen Diskurses“ (Dietze 2006, S. 219). Doch nur in den seltensten Fällen äußert sich Rassismus öffentlich, er schwelt eher als eine „unsichtbare“ Hegemonie gegenüber dem „Anderen“, die mit aller Macht verschleiert werden will. (vgl. Wollradt 2005, S. 11 und Dietze 2006, S. 2129ff.).

Die Aktualität des Begriffs und dessen emotionale Aufladung zeigt sich in der Allgegenwärtigkeit des Rassismus-Diskurses: jeder weiß, was mit dem Begriff gemeint ist, auch wenn man nicht über ihn spricht. Wird man im persönlichen Falle hierzu angesprochen, reagiert man umso offensiver, um sich von diesem abzugrenzen: „Wir sind doch alle gleich!“ (Arndt 2005, S. 340). Damit weisen die meisten Menschen Hierarchisierungsaufladungen von Hautfarben zurück und betonen, keine Unterschiede zwischen schwarz und weiß zu machen. Dass die Verschleierung der hegemonialen Position so intensiv betrieben wird, liegt an einem über Jahrhunderte tradierten Rassismus. Dieser ist ein, mit den weißen Gesellschaften tief verwurzelter Komplex und beinhaltet eine Denkstruktur, das in Farben und Rassen denkt und eine weiße Norm als Ausgangspunkt nimmt.

Vor dem Hintergrund einer >(Nicht-)Positionierung im Weißsein< verdeutlicht Susan Arndt (2005) in ihrer Schrift „Mythen des weißen Subjekts: Verleugnung und Hierarchisierung von Rassismus“ die These, dass Weißsein den meisten Menschen „in der Regel als Selbstkonzept nicht bewusst vorhanden [ist]“ (Arndt 2005, S. 346). Hieraus zentriert sich der Hauptansatzpunkt der Kritischen Weißseinsforschung: Indem weiße Menschen sich offensiv in einer Gleichberechtigung mit schwarzen Menschen verorten und ihr Weißsein verleugnen, bleibt ihre gesellschaftliche Machtstellung letztlich unberührt. Antirassismus hinterfragt nicht die weiße Positur, er lässt sie unangetastet (vgl. ebd., S. 348).

In der vorliegenden Hausarbeit soll zuerst der Begriff des >Weißseins< und dessen historische Verankerung in der Kolonialzeit verdeutlicht werden. Die intensive Indoktrination und Auslebung von vermeintlich wissenschaftlichen Theorien über Rassen und ihre Differenzen wirkt sich bis heute als eine unsichtbare, aber bedeutende soziale, weiße Machtposition aus, welche unbewusst Vorteile und Privilegien garantiert. Eine kritische Reflexion der unsichtbaren Machtverhältnisse endet jedoch meist in einer Verweigerungshaltung, den Mythos der Gleichheit zwischen weiß und schwarz aufzugeben: Die rassistischen Mythen der Verleugnung sollen den Hauptteil dieser Referatsverschriftlichung bilden. Nach einer kurzen Vorstellung der Strategie, „die Machtposition des weißen Subjekts [zu] verleugnen“ (Arndt 2005, S. 340), soll vor allem auf dessen Folgen aufmerksam gemacht werden: Die Verweigerung, die eigene Position des Weißseins kritisch zu reflektieren, wird oft mit Liberalität und Wohlwollen verwechselt, was den Komplex der hierarchiegebundenen, sozialen Positionen des Weiß- und Schwarzseins noch komplizierter macht und letztlich den weißen Status verfestigt (vgl. Morrison 1992, S. 9).

Die Begriffe weiß und schwarz werden in dieser Ausarbeitung kursiv gesetzt, um ihre Bedeutung als komplexe gegensätzliche Kategorisierungen von den regulär gebräuchlichen Farbkennzeichnungen abzugrenzen. Mit dem Begriff des Schwarzseins wird eine Position bezeichnet, die alle sichtbar nicht-weißen Personen einbezieht, weshalb Menschen der >People of Color< nicht separat erwähnt werden. Entsprechend den Ausführungen Arndt´s wird der Begriff der Rasse kursiv geschrieben, wenn es sich um die Analysekategorie handelt. Im anderen Falle handelt es sich um den biologischen Begriff.

2. Weißsein als soziale Machtposition

Deutschland scheint aus der gesellschaftlichen Sicht heraus im kolonialen Diskurs nur eine Randstellung einzunehmen, weshalb die mächtige Wirkung des deutschen Kolonialismus auf weiße Denkweisen nicht anerkannt wird. Diese Verdrängung fundiert vor allem auf den Tatsachen, dass Deutschland bis heute nicht vollständig entkolonialisiert wurde und der Nationalsozialismus derart rassistische Züge annahm, dass dieser die deutsche Kolonialherrschaft in den Hintergrund drängte (vgl. Dietrich 2007, S. 8f./25). Umso wichtiger ist die Aufklärung, dass die Ursprünge der weißen Machtposition sich im Kolonialismus verankern lassen und somit weiter zurückverfolgen lassen als bis in das 20. Jahrhundert.

Um die Ausbeutung afrikanischer Gebiete und die Sklaverei Einheimischer durch Europäer zu legitimieren, erfand man den „unzivilisierten, primitiven Afrikaner, der die Quintessenz des Bösen verkörpert“ (Arndt 2005, S. 341). Als vermeintlich wissenschaftliche Fundierungen hierfür wurden Theorien über augenscheinlich objektive Rassemerkmale erfunden, nach welchen das Weiße als normierten Mittelpunkt dem Anderen, Schwarzen, mit entgegengesetzten, negativen Zuschreibungen, gegenübersteht (vgl. ebd., S. 342). Diese Rassekonstruktionen formierten naturgegebene, sichtbare Kriterien der Unterschiedlichkeit zu einer symbolischen Differenz, welche verschiedene Machtebenen und Lebensqualitäten legitimierte. Über Jahrhunderte manifestierte sich diese Denkstruktur tief in Denk- und Verhaltensmustern und zeigt sich bis heute trotz eindeutiger biologischer Gegenbelege omipräsent (vgl. Arndt 2005, S. 342f. und Arndt 2006, S. 12). Die Dringlichkeit, darauf hinzuweisen, dass es biologisch definierte Rassen mit spezifischen Merkmalen beim Menschen nicht gibt, zeigt sich an der Ausführung Guillmanin´s (1995): „Race does not exist. But it does kill people.“ (Arndt 2005, S. 342; zit. nach Guillmanin 1995).

Arndt betont vor diesem Hintergrund die Notwendigkeit einer „dekonstruierenden Bewegung, die wegführt von Rasse als biologistischem Konstrukt und hin zu Rasse als sozialer Position und kritischer Analyse- und Wissenskategorie“ (Arndt 2005, S. 342). Der methodologische Begriff des >racial turn<, basierend auf Ausführungen von Shankar Raman in der Schrift „The racial turn“(1995), negiert den biologischen Begriff der Rasse und nimmt die Kategorisierung Rasse als Ausgangspunkt von Interpretationen, Handlungsmuster und Rassionalisierungen. Diese Wendung des Rassebegriffs beinhaltet eine Fokuserweiterung auf die entrassialisierte Normkategorie Weißsein und auf die rassialisierte Differenzkategorie des Schwarzseins (vgl. Arndt 2006, S. 13 und Arndt 2005, S. 342).

Im Diskurs der Auseinandersetzungen mit Weißsein geht es also nicht um Natur, um objektive Merkmale wie Hautfarben, „sondern um hergestellte, interpretierte und praktizierte Sichtbarkeit“ (Arndt 2006, S. 14). Weißsein ist in seiner Symbolik ein historisch geprägter, unsichtbarer und meist unbewusster politischer Standpunkt, aus welchem man sich und andere interpretiert, wobei der Standpunkt selbst eine Norm vorgibt und Privilegien garantiert (vgl. Wachendorfer 2006, S. 57). Die Position des Weißseins lässt sich jedoch in Verbindung mit anderen Merkmalen wie Geschlecht, Bildung oder Religion noch verstärken bzw. relativieren (vgl. Arndt 2006, S. 14). Weißsein zeigt sich damit als eine dynamische Struktur, die es aber letztlich nicht erlaubt, bestimmte Weiße als nicht-weiß zu kategorisieren: „Weiß ist, wer als weiß gilt“ (Amesberger/Halbmayr 2008, S. VII).

Parallel hierzu entwickelte sich das Schwarzsein eine kulturell hergestellte Position mit spezifischen Interpretations- und Handlungsmustern gegenüber Weißen, welche sich aus Rassismuserfahrungen heraus entwickelten. Die weiße Hegemonie, welche in ihren Ursprüngen eine instabile Struktur hatte, erforderte in ihren rassistischen Diskursen parallel zur eigenen Dominanzpostition den >Anderen< als Unterdrückte. Um dies zu erreichen, setzte das weiße Regiment auf die „die Kreation eines inneren Anderen“ (Amesberger/Halbmayr 2008, S. 106): Unter der Beobachtung der weißen Vorherrschaft galt es für die Unterdrückten, sich selbst so zu kontrollieren, dass Bestrafungen vermieden werden. Irgendwann war das Maß der Selbstdisziplinierung so groß, dass es der weißen „Macht damit möglich [ist] zu regulieren, ohne zu intervenieren.“ (ebd., S. 106). Von Beginn an versorgte man sich mit „>speziellen< Wissen über Weißsein“ (Arndt 2005, S. 344), um das Leben unter einer rassialisierenden Herrschaft bewältigen und überstehen zu können. Mit diesem Gegendiskurs wurden die Hierarchien zwischen schwarz und weiß endgültig gesetzt und gestärkt: Weiße bewegen sich in einer gesetzten, normativen Dominanzkultur mit maßgebender Gewalt über Schwarze (vgl. ebd., S. 344 ).

Die ersten schwarzen kritischen Auseinandersetzungen mit der Machtherstellung des Weißen finden sich bereits in Schriften aus dem 17. Jahrhundert. Erst in den 1990er näherten sich auch weiße, vorrangig akademische Kreise dem Gebiet der Kritischen Weißseinsforschung (vgl. Arndt 2005, S. 345f.). Grundlage ist die strukturelle Unsichtbarkeit, welche das Weiße in sich birgt: Während „>Nicht-Weiße< farblich markiert sind“ (Wollrad 2005, S. 30) und Zuordnungen wie Black People, People of Color oder Arab American erhielten bzw. sich selbst gaben, steht das Weiße als unmarkierte, unproblematisierte Kategorie und als normatives Zentrum, von welchem >Anderes< abweicht. Weißsein wird nicht benannt, farbliche Abweichungen hingegen sind immer sichtbar: „Die Präsenz [von Weißsein] artikuliert sich über seine Abwesenheit.“ (ebd., S. 31). Dies zeigt sich in der alltäglichen Dethematisierung von Weißsein bei der Beschreibung der eigenen Lebensform: kategorische Strukturen wie Geschlecht, Beruf oder Religion werden in Selbstdarstellungen angesprochen, sie wirken für die Person bedeutend in das eigene Leben ein. Weißsein als Wahrnehmung von sich und Anderen wird jedoch in einer Beschreibung nicht berücksichtigt und bei direkter Nachfrage als >unbedeutend< für das eigene Leben benannt, „es spiele doch überhaupt keine Rolle!“ (Wachendorfer 2006, S. 58). Schwarze jedoch thematisieren ihr eigenes Schwarzsein und die Gegenposition des Weißseins sehr wohl, es ist für sie ein bedeutungsvoll aufgeladenes Konstrukt, mit Aussagen über soziale Positionen und dem damit verbundenen Status. Schwarzsein beinhaltet für sie einen Angriff aus der normativen Perspektive aufgrund ihres >Andersseins< mittels rassialisierender Zuschreibungen (vgl. ebd., S. 58).

Diese herrschende Normativität von Weißsein sichtbar zu machen, zu decodieren und zur Diskussion zu stellen ist ein Ziel der Kritischen Weißseinsforschung. Im Folgenden soll deshalb vor allem das größte Hindernis für eine Reflexion beleuchtet werden, nämlich dass das Weißsein den Weißen „in der Regel als Selbstkonzept nicht bewusst vorhanden“ (Arndt 2005, S. 346) ist.

3. Rassistische Mythen der Verleugnung aus der weißen Perspektive

Die kritische Weißseinsforschung befasst sich im Schwerpunkt mit der fehlenden Reflexionsfähigkeit über das eigene Selbstkonzept.des Weißseins und dem damit verbundenen Anteil an der Existenz des Schwarzseins (vgl. Arndt 2005, S. 346). Befragt man Personen, wie oben bereits erwähnt, zu ihrer Position als Weiße(r), werden „diese ethnisiierenden, „rassifizierenden“ Zuschreibungen als gefährlich abgelehnt“ (Arndt 2006, S. 58). Weiße meiden Thematisierungen dieser Art, weil sie meinen, damit nichts zu tun zu haben. Sie versuchen sich im Gegenzug in einer >Entrassialisierung<, welche aber paradoxerweise auf Kosten von Schwarzen eine >Rassialisierung< vornimmt und die hegemoniale Position re-produziert: „Ich sehe keine Rassen, ich habe nichts gegen Schwarze“ (vgl. ebd., S. 58f.).

3.1. Ursachen rassistischer Mythen

Während die eigene weiße Position also einerseits abgelehnt und ohne Auseinandersetzung entthematisiert wird, erscheint das Schwarzsein aus der weißen Perspektive heraus jedoch durchaus bedeutungsvoll und erwähnenswert: „Oh, Sie sind Afrodeutsche?!“ Allerdings wird kein Rückbezug auf das eigene Weißsein und dessen Bedeutung in der Geschichte genommen: Weißsein unterliegt einer „soziohistorischen Amnesie, bei der die Ungerechtigkeit in der Beziehung zwischen Weißen und Schwarzen zum Schweigen gebracht wird“ (Wachendorfer 2006, S. 58). Nach dieser „Bedeutungsentleerung“ kehrt Weißsein als „allgemeines referentielles Prinzip“ (ebd., S. 58) wieder, nach welcher weiß unsichtbar und entrassifiziert ist und andere Strukturmerkmale wie Geschlecht oder Alter benannt werden. Schwarz jedoch wird als abweichende, ethnisierte Varianz thematisiert, wobei andere Strukturmerkmale in den Hintergrund rücken (vgl. ebd., S. 58f.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Kritische Auseinandersetzungen mit Weißsein. Weiße Mythen der Verleugnung
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V1152728
ISBN (eBook)
9783346543332
ISBN (Buch)
9783346543349
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kritische, auseinandersetzungen, weißsein, weiße, mythen, verleugnung
Arbeit zitieren
M.A. Alexandra Elze (Autor:in), 2012, Kritische Auseinandersetzungen mit Weißsein. Weiße Mythen der Verleugnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1152728

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