Der Schreibsprachenwechsel vom Mittelniederdeutschen zum Neuhochdeutschen im 16. und 17. Jahrhundert war eine der bedeutendsten sprachlichen Veränderungen in Deutschland. Das Mittelniederdeutsche, welches über Jahrhunderte als etablierte ‚internationale’ Handelssprache fungierte, verschwand nun nahezu vollständig aus allen öffentlichen, kirchlichen und wirtschaftlichen Bereichen Norddeutschlands. Das Eindringen des Neuhochdeutschen hob somit die Zweigliederung der deutschen Sprache auf standardsprachlicher Ebene gänzlich auf und selbst im privaten Gebrauch wurde das Niederdeutsche oftmals als zweitklassige Sprache angesehen.
Die Ursachen dieses sprachlichen Wandels liegen vor allem in der engen Verknüpfung von schreibsprachlichen mit ökonomischen, politischen sowie kulturellen Entwicklungen. Die erheblichen Änderungen in der wirtschaftlichen und politischen Struktur Nordeuropas im 15. und 16. Jahrhundert führten zum Schwund der hansischen Macht und zu einer Neuorientierung der bürgerlichen Kultur Norddeutschlands. Des Weiteren hatten sich die Humanisten kulturell nach Oberdeutschland und Italien orientiert und auch die Fürsten waren auf Grund ihrer dynastischen Verbindungen kulturell mit dem süddeutschen Raum verbunden, so dass die hochdeutsche Kultur und damit auch die Sprache in jenen Kreisen schnell an Prestige gewann. Der Übergang vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen fand zunächst in den Kanzleien, später auch in Schulen und Universitäten sowie Kirchen statt.
Im Folgenden soll auf einige der ökonomischen, politischen und kulturellen Ursachen des Eindringens der frühneuhochdeutschen Sprache eingegangen werden. Zuvor soll aber auch das Mitteniederdeutsche und dessen zeitliche und räumliche Abgrenzung betrachtet werden. Abschließend wird sich der Frage gewidmet, in wiefern sich diese Thematik in den Deutschunterricht der Mittel- und Oberstufe eingliedern lässt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Mittelniederdeutsche
2.1. Definition
2.2. Die zeitliche Abgrenzung des Mittelniederdeutschen
2.3. Die räumliche Abgrenzung des Mittelniederdeutschen
3. Die Gründe für den Niedergang der mittelniederdeutschen Sprache
3.1. Der Niedergang der Hanse
3.2. Die Kanzleien
3.3. Die Bildungseinrichtungen
3.4. Die Kirche
3.5. Der Buchdruck
4. Die deutsche Sprachgeschichte im Schulunterricht
4.1. Reynke de Vos im fächerübergreifenden Unterricht
4.2. Das Narrenschiff im Deutschunterricht
5. Zusammenfassung
6. Literaturangaben
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ursachen des schrittweisen Verdrängungsprozesses des Mittelniederdeutschen durch das Neuhochdeutsche im 16. und 17. Jahrhundert. Ziel ist es, neben der theoretischen Aufarbeitung des Sprachwandels praktische didaktische Ansätze zur Integration mittelniederdeutscher Literatur in den Deutschunterricht der Mittel- und Oberstufe aufzuzeigen.
- Historische Analyse des Schreibsprachenwechsels im norddeutschen Raum.
- Einfluss ökonomischer Faktoren wie dem Niedergang der Hanse.
- Rolle von Institutionen wie Kanzleien, Schulen und Kirche bei der Etablierung des Hochdeutschen.
- Didaktische Konzepte zur Arbeit mit Werken wie "Reynke de Vos" und dem "Narrenschiff".
- Verknüpfung von Sprachgeschichte mit fächerübergreifenden Unterrichtsprojekten.
Auszug aus dem Buch
3.3. Die Bildungseinrichtungen
In den Schulen Norddeutschlands war das Niederdeutsche Unterrichtssprache in der Unterstufe der klerikalen und städtischen Lateinschulen und wurde darüber hinaus auch in den oberen Klassen zu Hilfe gezogen. An den privaten und städtischen Schreib- und Leseschulen war es die einzige Unterrichtssprache.
In den Schulen und Universitäten vollzog sich der Wechsel zum Hochdeutschen allerdings erst im 17. Jh., nachdem der Sprachwechsel in den Kanzleien bereits abgeschlossen war. Gabrielsson führt diese zeitliche Verzögerung darauf zurück, dass die Mehrzahl der unterrichtenden Lehrer das Hochdeutsche kaum hinreichend beherrschte um es schreiben, sprechen, geschweige denn in den Schulen unterrichten zu können.
Zudem verlief die Aufnahme der neuen Sprache nicht in allen Klassen und Fächern einer Schule gleichzeitig, sondern sehr schrittweise. Oftmals fand der Einzug des Hochdeutschen zunächst als Schriftsprache im Schreibunterricht statt während die Unterrichtssprache noch niederdeutsch war. Auch im Lateinunterricht wurde z.B. bis 1610 noch mit niederdeutsch/lateinischen Grammatiken gearbeitet. Als der Rostocker Rektor Nathan Chytraeus im Jahre 1609 eine hochdeutsche „Grammatica Latina“ herausbrachte, wurde diese anfangs nur in den Oberklassen eingeführt. Die anderen Klassen arbeiteten weiterhin mit den niederdeutsch/lateinischen Büchern. Gabrielsson bemerkt weiterhin, dass die sofortige Umstellung auf hochdeutsche Lehrbücher und das Hochdeutsche als Unterrichts- und Schriftsprache nur dann gelang, wenn der Wechsel zum Hochdeutschen, wie in Flensburg im Jahre 1638 durch ein Verbot von niederdeutschen Lehrbüchern vorgeschrieben wurde. Die Umstellung auf die hochdeutsche Sprache war Mitte des 17. Jh. weitestgehend abgeschlossen und seither lernten beinahe alle Schulanfänger die Hochsprache zu schreiben, zu lesen und mündlich zu gebrauchen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert den historischen Schreibsprachenwechsel vom Mittelniederdeutschen zum Neuhochdeutschen und umreißt die ökonomischen, politischen und kulturellen Hintergründe des Wandels.
2. Das Mittelniederdeutsche: Hier werden der zeitliche und räumliche Rahmen des Mittelniederdeutschen definiert sowie die Bezeichnungsgewohnheiten innerhalb dieses Sprachraums erläutert.
3. Die Gründe für den Niedergang der mittelniederdeutschen Sprache: Das Kapitel analysiert die komplexen Wandlungsprozesse des 16. und 17. Jahrhunderts, die zur Ablösung des Niederdeutschen in bedeutenden gesellschaftlichen Funktionsbereichen führten.
4. Die deutsche Sprachgeschichte im Schulunterricht: Dieses Kapitel erörtert didaktische Möglichkeiten, wie die historische Sprachwissenschaft anhand konkreter literarischer Werke in den Unterricht integriert werden kann.
5. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einem Resümee über die Bedeutung der mittelniederdeutschen Sprachgeschichte und die Möglichkeiten ihrer Vermittlung im heutigen Schulkontext.
6. Literaturangaben: Dieses Verzeichnis listet sämtliche verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Abbildungen auf, die der Untersuchung zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Mittelniederdeutsch, Neuhochdeutsch, Schreibsprachenwechsel, Hansestadt, Kanzleisprache, Sprachwandel, Niederdeutsch, Sprachunterricht, Reynke de Vos, Narrenschiff, Norddeutschland, Sprachgeschichte, Bildungsgeschichte, Reformation, Schulsprache.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem historischen Übergang vom Mittelniederdeutschen zum Neuhochdeutschen als Schriftsprache im norddeutschen Raum während des 16. und 17. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die sprachgeschichtliche Entwicklung, die sozioökonomischen Bedingungen des Niedergangs der niederdeutschen Schriftsprache sowie die didaktische Aufbereitung dieses Themas für den Deutschunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Ursachen für die Verdrängung des Mittelniederdeutschen zu identifizieren und konkrete Vorschläge zu machen, wie historische Sprachgeschichte schülerorientiert und spannend vermittelt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine deskriptive und analytische Arbeit, die auf einer Auswertung von sprachgeschichtlicher Fachliteratur sowie der Analyse historischer Kontexte und literarischer Quellentexte basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der Niedergang der Hanse, der Funktionswandel in Kanzleien, Schulen und der Kirche sowie die Rolle des Buchdrucks als treibende Kräfte des Sprachwechsels detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Mittelniederdeutsch, Schreibsprachenwechsel, Sprachgeschichte, Hanse, Sprachdidaktik und norddeutsche Sprachgeschichte beschreiben.
Warum spielte die Hanse eine so entscheidende Rolle für die Sprache?
Die Hanse fungierte als wirtschaftlicher Interessenverband, dessen weitläufige Handelsbeziehungen eine einheitliche überregionale Geschäfts- und Schriftsprache erforderten, die das Mittelniederdeutsche über lange Zeit zur Lingua franca machte.
Warum war der Schulunterricht für den Sprachwechsel so wichtig?
Nachdem das Hochdeutsche als Amtssprache etabliert war, fungierte die Schule als wichtigstes Instrument, um die neue Standardsprache fest in der nachfolgenden Generation zu verankern und durch Lehrmittel zu verbreiten.
Wie kann das "Narrenschiff" im Unterricht genutzt werden?
Das Werk eignet sich laut Autorin besonders gut, um anhand satirischer Kapitel über menschliche Laster sprachgeschichtliche Entwicklungen sowie die Ausdrucksformen von Karikatur und Übertreibung zu untersuchen.
- Quote paper
- Ulrike Miske (Author), 2006, Der Untergang des Mittelniederdeutschen und seine Ursachen , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115283