Methoden der qualitativen Sozialforschung. Motivation von Studierenden in der Online-Lehre


Hausarbeit, 2020

41 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Methodologie und Methode
3.1 Qualitative Sozialforschung und das interpretative Paradigma
3.2 Leitfadeninterviews
3.3 Grounded Theory

4. Forschungspraxis
4.1 Themenfindung
4.2 Leitfadenerstellung und Datenerhebung
4.3 Analyse - offenes Kodieren/Kategorienbildung

5. Analyseergebnisse

6. Fazit

7. Literaturverzeichni s

8. Anhang
8.1 Leitfaden
8.2 Transkriptionssystem nach Langer
8.3 anonymisierte Transkripte
8.3.1 Transkript Sarah
8.3.2 Transkript Lena
8.4 Code- und Kategorienlisten
8.4.1 Code- undKategorienlisteFall Sarah
8.4.2 Code- und Kategorienliste Fall Lena

1. Einleitung

Die Corona-Pandemie hat Anfang des Jahres 2020 auch Deutschland mit ersten infizierten Fällen erreicht. Aufgrund steigender Infektionszahlen wurde ab Mitte März das Kontaktverbot eingeführt, (vgl. Robert-Koch-Institut 2020) Um wirtschaftliche Folgen zu verhindern, veranlasste der deutsche Staat zahlreiche Unterstützungszahlungen an Unternehmen sowie Arbeitnehmerinnen.

Zu diesem Zeitpunkt sind in Deutschland 2.879336 Studierende an deutschen Hochschulen einge­schrieben. (vgl. statista 2020) Staatliche Unterstützung für Studierende folgte stark verspätet. Die Bildungsministerin Anja Karlicek veranlasste Gesetzesänderungen in Bezug auf das Bafög und zinslose Darlehen durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ab März. Die existenzsicherende „Überbrückungshilfe“ konnten Studierende erst ab Mitte Juni beantragen, wenn sie eine coronabe- dingte Notlage nachweisen konnten (Höchstbetrag: 500 Euro). Da viele Studierende in Deutschland einen großen Teil ihres Lebensunterhalts mit 450-Euro-Jobs verdienen, die mit einem geringeren Kündigungsschutz einhergehen, verloren viele ihre Arbeitsstelle, (vgl. Bundesamt für Bildung und Forschung 2020)

Diese Situation wurde zum Ausgangspunkt unseres Forschungsprojekts. Es widmet sich der Frage wie Studierende in Deutschland ihre Lage während der Corona-Pandemie wahrgenommen haben. Um die individuellen Sichtweisen und den Umgang mit der Corona-Pandemie zu erfassen, wurden Methoden der qualitativen Sozialforschung verwendet. Es wurden zwei Leitfadeninterviews mit Studierenden aus verschiedenen Städten durchgeführt und ausgewertet.

Diese Hausarbeit führt zunächst in die Grundlagen der qualitativen Sozialforschung und der Aus­wertung anhand der Grounded Theory ein. Anschließend werden detailliert der Forschungsprozess und die Analyseergebnisse beschrieben sowie das weitere Vorgehen erläutert.

2. Forschungsstand

Da die Corona-Pandemie erstmalig in diesem Jahr auftrat, gibt es noch keine Theorien, die die Situation von Studierenden behandeln. Es gibt aber mehrere aktuelle Studien, die sich auf darauf beziehen.

Beispielsweise führten Prof. Dr. Angela Gosch (Hochschule München) und Prof. Dr. habil. Gabriele Helga Franke (Hochschule Magdeburg-Stendal) eine quantitative Studie zur ,, zur aktuellen Lebens­und Studiensituation, zur Belastung und Gesundheit sowie zu Ressourcen von Studierenden“ durch, (vgl. Gosch, Franke 2020, S.4 ff) Dafür befragten sie Studierende an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München. Wesentliche Ergebnisse der Studie waren: Die Studierenden verspürten starken Stress bezogen auf ihre Nebentätigkeit und finanzielle Situation.

Außerdem nannten sie einige, negative Auswirkungen durch die Online-Lehre wie z.B. einen erhöhten Arbeitsaufwand und Belastung durch ständige Erreichbarkeit. Daneben nannten auch einige Studierende Vorteile der Online-Lehre wie z.B. eigenständiges Lernen. (Vgl. Gosch, Franke 2020, S.4 ff)

Weitere Studien der Hochschule Fulda und Uni Köln nehmen den Umgang mit Medien von Studie­renden in den Blick, (vgl. Dadaczynski, Kevin 2020; Hofhues, Kathrin 2020)

3. Methodologie und Methode

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Methodologie und den Methoden in der qualitativen Sozialforschung. Unter Methodologie ist die „ Theorie bzw. Lehre von den wissenschaftlichen Methoden“ zu verstehen, (vgl. Halbmeyer 2010) Das bedeutet Methodologie beschäftigt sich mit dem Sinn, Ziel und der spezifischen Anwendbarkeit von wissenschaftlichen Methoden. Methoden sind konkrete Verfahren, die eingesetzt werden um Daten im wissenschaftlichen Kontext zu erheben und zu analysieren, (vgl. Halbmeyer 2010)

3.1 Qualitative Sozialforschung und das interpretative Paradigma

Die qualitative Sozialforschung ist ein Teilbereich der empirischen Sozialforschung. Diese beschäf­tigt sich mit sozialer Realität und möchte sie untersuchen, analysieren und abbilden. Grundlegend für die qualitative Sozialforschung ist, dass soziale Phänomene detailliert und strukturiert erfasst werden sollen. Im Fokus steht das Ergründen des Subjekts: Die individuellen Sinnkonstruktionen sollen nachvollzogen und analysiert werden. Dadurch entsteht ein intensiver Einblick in die Denk­weisen und die Lebenswelt des Subjekts. Dies soll mit einem induktiven Vorgehen erreicht werden. Die Methoden der Datenerhebung sind ebenfalls an die Subjektorientierung angepasst und weniger universal, um Offenheit zu ermöglichen. Das empirische Datenmaterial dient als Anhaltspunkt für die Theoriegenerierung, (vgl. Misoch 2019, S.2)

Die Subjektorientierung in der qualitativen Sozialforschung basiert auf der Annahme, dass sich im einzelnen Subjekt „Gesellschaftliches“ manifestiert. Die Beschäftigung mit dem Subjekt, kann dem­nach Erkenntnisse über gesellschaftliche Zusammenhänge liefern, (vgl. ebd. 2019, S. 3)

Diese Annahme wird in der qualitativen Sozialforschung „interpretatives Paradigma“ genannt. Das interpretative Paradigma ist die methodologische Grundlage der qualitativen Sozialforschung und wird im Folgenden näher erläutert:

„Dem interpretativen Paradigma werden jene Methoden zugerechnet, die von der Prämisse ausgehen, dass soziale Ordnung auf interpretativen Leistungen der Subjekte beruht und dass diese das Ergebnis von sozialen Aushandlungsprozessen sind.“ (vgl. Misoch 2019, S. 12)

Im Zentrum steht demnach die Interpretationsleistung des Subjekts. Diese beeinflusst die Interaktion mit anderen Menschen, während die Interpretationsleistung wiederrum durch die Inter­aktion beeinflusst wird. In diesem Prozess wird die gesellschaftliche Ordnung ausgehandelt und eta­bliert.

Das Konzept vom interpretativen Paradigma hat verschiedene Vertreter. Ihre Ansätze haben ver­schiedene Foki und bilden die Prinzipien der qualitativen Sozialforschung ab. Allen gemein ist, dass sie die Interpretationsleistung des Subjekts thematisieren. Unterschiedlich sind die verschiedenen Foki auf Phänomen, Sinnkonstruktion, soziale Interaktion und die Herstellung von sozialer Ord­nung. (vgl. ebd. 2019, S.6ff)

Ein Ansatz ist die verstehende Soziologie von Max Weber. Weber hat zwei verschiedene Methoden entwickelt, um die Wirklichkeit des Subjekts zu erfassen und auch externe Faktoren einzubeziehen. Die Methoden heißen „deutendes Verstehen“ und „erklärendes Verstehen“, (vgl. Misoch 2019, S.10)

Auf das Verhältnis zwischen Subjekt und anderen Subjekten bezieht sich der symbolische Interaktionismus von Begründer Herbert Blümer. Er stellt fest, dass die Bedeutung von Dingen in Interaktion erschaffen wird und sich in der Interaktionje nach Interpretationsprozess des Subjekts ändern kann. Außerdem sind diese Prozesse nach Blümer am Besten im „natürlichen Lebensraum“ des Subjekts festzustellen, (vgl. ebd. 2019, S.9)

Eine weitere Ebene behandelt die Ethnomethodologie nach Harold Gafmkel. Neben der Konstruktion von Realität wird hier untersucht wie soziale Ordnungen hergestellt werden. Grundlegend ist die Annahme, dass Sinn erst in der Situation und durch Handlung konstruiert wird. Demnach sollen Situationen direkt im Feld untersucht und abgeleitet werden, wie die Wirklichkeit hergestellt wird. (vgl. ebd. 2019, S.ll)

Wesentlich ist demnach für die qualitative Sozialforschung, dass die Herstellung von sozialer Ord­nung konkret beobachtet werden muss und gleichzeitig die Kontextbedingungen dieser Beobachtung deutlich gemacht werden müssen, (vgl. ebd. 2019, S.ll)

Alle Ansätze enthalten Anhaltspunkte für bestimmte Methoden in der qualitativen Sozialforschung, deren gemeinsames Ziel das Erklären von „Wirklichkeitskonstruktion“ ist.

3.2 Leitfadeninterviews

Eine Methode der Erhebung in der qualitativen Sozialforschung ist das Leitfadeninterview.

Der Leitfaden dient als Anhaltspunkt und zur inhaltlichen Strukturierung eines qualitativen Inter­views. (vgl. Misoch 2019, S. 64)

Der Leitfaden erfüllt verschiedene Aufgaben: Das übergeordnete Thema wird eingegrenzt und die Themen aufgelistet, die angesprochen werden sollen. Dadurch wird die Vergleichbarkeit der Daten gefördertund die Gesprächsführung geordnet, (vgl. Misoch 2019, S. 65 ff.)

Die Fragen im Leitfaden sollen dem Prinzip der Offenheit entsprechen. Diese Art von Fragen haben das Ziel bei der interviewten Person einen möglichst natürlichen Erzählfluss zu erzeugen und eine Bandbreite an Antworten zu ermöglichen. Dadurch soll erreicht werden, dass die individuelle Sinn­konstruktion der interviewten Person nachvollzogen werden kann. (vgl. ebd. 2019, S. 68)

Der Leitfaden wird anhand der verschiedenen Interviewphasen aufgebaut. Die Phasen sind der Rei­henfolge nach: Informationsphase, Aufwärm- und Einstiegsphase (Warm-up), Hauptphase, Aus­klang- und Abschlussphase, (vgl. ebd. 2019, S. 68)

Die Informationsphase hat das Ziel die zu interviewende Person über das Forschungsvorhaben und den Ablauf des Interviews aufzuklären. Dabei wird auch eine Einwilligungserklärung, die inhaltliche und datenschutzrechtliche Aspekte erläutert, ausgehändigt und unterschrieben. Die Ein­willigungserklärung ist Grundlage des Interviews und muss immer vorab unterschrieben werden.

Die Aufwärm- und Einstiegsphase hat das Ziel eine förderliche Gesprächsatmosphäre zu schaffen und der interviewten Person das Erzählen zu erleichtern. Hier wird zu Beginn eine offene Frage ge­stellt, die viel Spielraum zum Beantworten lässt. In der Hauptphase werden die wichtigen Themen aus dem Leitfaden behandelt. Die Fragen können dabei dem Leitfaden entspringen oder aus dem Erzählten der interviewten Person generiert werden.In der Ausklang- und Abschlussphase wird das gesamte Interview nochmal beleuchtet und der interviewten Person Raum gegeben mögliche andere Themen zu äußern, (vgl. ebd. 2019, S. 68)

Helfferich hat ein Verfahren entwickelt, dass die Leitfadenerstellung durch verschiedene Schritte anleitet. Dabei soll sichergestellt werden, dass der Leitfaden dem Prinzip der Offenheit gerecht wird und gleichzeitig die Strukturierung gewahrt werden. Der Nutzen des Verfahrens liegt nach Helfferich darin, dass die Forschenden ihr Vorwissen hervorbringen und konkretisieren können, (vgl. ebd. 2011, S. 183)

Die Buchstaben „SPSS“ stehen für die verschiedenen Schritte: Sammeln, Prüfen, Sortieren und Subsumieren. Im ersten Schritt, dem „Sammeln“, sollen vollkommen unbefangen Fragen an das Forschungsthema gestellt werden. Helfferich betont, dass in diesem Schritt noch keine Präzisierung der Fragen erfolgen sollen. Im Zentrum steht das Interesse der/des Forschers*in. (vgl. ebd. 2011, S. 183)

Im nächsten Schritt, dem „Prüfen“, werden die Fragen anhand bestimmter Kontrollfragen auf offene Formulierung geprüft. Anschließend werden sie gegebenenfalls verändert oder ausgeschlossen. Au­ßerdem soll hier das Vorwissen der forschenden Person kritisch hinterfragt werden, um Fragestellungen zu ermöglichen, die frei von Vorannahmen sind. (vgl. ebd. 2011, S. 184)

Im nächsten Schritt, „Sortieren“, werden die Fragen nach Thema zu einem „Bündel“ zusammengefasst. Dabei können auch Fragen für sich stehen. Helfferich empfiehlt 1 bis 4 Bündel an Fragen.

Der letzte Schritt wird „Subsumieren“ genannt. Dabei wird den Bündeln an Fragen eine erzählgenerierende Frage zugeordnet. Diese Fragen soll so offen gestellt sein, dass sie ermöglichen alle Themen des Bündels zu berücksichtigen, (vgl. ebd. 2011, S. 186)

Der Leitfaden in Helfferichs Beispiel enthält an erster Stelle die erzählgenerierenden Fragen. Dann folgen die Stichworte zu den Fragenbündel. In der dritten Spalte, Fragen die im Zusammenhang mit bestimmten Erzählungen stehen und in der letzten Spalte Aufrechtserhaltungs- und Steuerungsfragen, (vgl. ebd. 2011, S. 187)

3.3 Grounded Theory

Die Grounded Theory ist gleichzeitig Methodologie und Methode. Die Methodologie knüpft an den Zielen der qualitativen Sozialforschung an und möchte möglichst offen sein für die erhobenen Daten. Methodisch ist die Grounded Theory Method ein Analyseverfahren mit dem Daten in der qualitativen Sozialforschung ausgewertet werden.

Böhm stellt folgende Merkmale der Grounded Theory heraus:

„Grounded Theory lässt sich als gegenstandsbegründete oder - verankerte Theorie übersetzen. Sie erlaubt auf der Basis empirischer Forschung in einem bestimmten Gegenstandsbereich, eine dafür geltende Theorie zu formulieren, die aus vernetzten Konzepten besteht und geeignet ist, eine Beschreibung und Erklärung der untersuchten sozialen Phänomene zu liefern.“ (vgl. 2000, S. 476)

Andreas Böhm gibt einen Überblick über die verschiedenen Schritte nach der Grounded Theory und bezieht sich dabei auf, die Ausführungen von Glaser, Strauss und Strauss & Corbin, (vgl. ebd. 2000, S. 476) Die Grounded Theory Methodologie wurde von Barney G. Glaser und Anselm L. Strauss 1967 begründet, (vgl. Truschkat etal. 2011,S. 354)

Der Analyseprozess der Grounded Theory besteht aus mehreren Schritten, die aufeinanderfolgen, sich aber auch wiederholen oder in anderer Reihenfolge bearbeitet werden können. Die Abfolge der Schritte ist abhängig vom Forschungsprozess, (vgl. Böhm 2000, S. 476)

Zu Beginn des Forschungsprozess erfolgt eine umfängliche Erhebung von verschiedenen Daten. Welche und wie viele Daten erhoben werden ist abhängig vom „Theoretical Sampling“. Das Ziel ist möglichst viele Aspekte der Fragestellung einzubeziehen. Nach der ersten Analyse dieser Daten wird entschieden welche Aspekte noch nicht abgedeckt wurden und eine weitere Erhebung durchgeführt, (vgl. ebd. 2000, S.477)

Der erste Schritt in der Datenanalyse ist das „offene Codieren“. Dabei sollen durch die Analyse einzelner Textabschnitte Codes entstehen, die sich nah am Text orientieren. Code ist ein Ausdruck der Grounded Theory der als „benanntes Konzept“ verstanden werden kann. Die entstandenen Konzepte werden im Laufe des Analyseprozess weiter verfeinert, präzisiert und zusammengefasst, in dieser Form werden sie dann „Kategorien“ genannt, (vgl. ebd. 2000, S.478)

Beim Axialen Codieren sollen die Konzepte in Beziehung zum Phänomen gestellt werden. Dafür können einzelne Konzept oder schon gebildte Kategorien sowie ein gesamter codierter Text ver­wendet werden. Diese Beziehungen müssen dann durch wiederholte Datenerhebung bestätigt wer- den.(vgl. ebd. 2000, S. 480)

Böhm empfiehlt für die Analyse von sozialem Handeln das Codierparadigma nach Strauss. Im Zentrum des Paradigma steht das Phänomen, dieses befindet sich als Kategorie in der Mitte der Achse. Das Phänomen ist „ein Ereignis oder ein Sachverhalt“ (vgl. ebd. 2000, S. 480). Auf der Achse befinden sich ebenfalls die „ursächlichen Bedingungen“. Hierunter fallen Aspekte die das Phänomen auslösen bzw. eine bestimmte Situation hervorrufen. Die Einordnung sollte sich an der subjektiven Sicht der interviewten Person orientieren, (vgl. ebd. 2000, S. 480)

Die Ursachen lösen bestimmte Rahmenbedingungen aus. Darunter fallen die Kontextbedingungen wie Zeit, Ort und Dauer und die intervenierenden Bedingungen denen das soziale, politische und kulturelle Umfeld und die individuelle Biographie [...]“ zugeordnet wird. (vgl. ebd. 2000, S.480)

Eine weitere Kategorie im Codierparadigma sind die „Handlungsstrategien“. Handlungen haben immer einen subjektiven Sinn und verfolgen eine Intention, daher werden sie hier als „Strategie“ bezeichnet, (vgl. ebd. 2000, S. 480)

Die Handlungen haben im Endergebnis immer Konsequenzen. Sie werden im Schema unter der gleichnamigen Kategorie erfasst, (vgl. ebd. 2000, S. 480)

Im Prozess des selektiven Codierens werden nun die hergestellten Beziehungen durch das Codier­paradigma sowie alle anderen vorhandenen Daten (z.B. Memos, Codenotizen) betrachtet. Anhand dieser wird das „zentrale Phänomen“ ermittelt und als „Kemkategorie“ festgestellt. Anschließend werden die zentralen Kategorien, die in Beziehung zum Phänomen stehen ermittelt und durch er­neute Datenerhebung bestätigt, (vgl. ebd. 2000, S.481)

Am Ende dieses Prozesses steht die entstandene Theorie, dessen Übertragbarkeit von den gebildten Kategorien abhängt. Sind allgemeinere Kategorien vorhanden, wird die Übertragbarkeit wahr­scheinlicher. Um die Theorie zu bestätigen ist es notwendig sie immer wieder an der Realität zu überprüfen. Böhm gibt dazu zu Bedenken, dass es schwierig ist eine Theorie über soziale Zu­sammenhänge zu überprüfen. Da die Bedingungen, die beim Forschen vorgefunden worden, nicht vollständig wieder hergestellt werden können, (vgl. ebd. 2000, S. 483)

4. Forschungspraxis

Nachdem im vorangegangenen Kapitel die Grundlagen der qualitativen Sozialforschung und der Grounded Theory behandelt wurden, sollen hier die theoretischen Ausführungen mit dem praktischen Forschungsprozess verbunden werden. Die folgenden Abschnitte beschreiben detailliert den Ablauf unserer bisherigen Schritte im Forschungsprojekt zur „Situation von Studierenden während der Corona-Pandemie“.

4.1 Themenfindung

Am Beginn des Forschungsprozess stehen nach Helfferich verschiedene, elementare Entscheidungen: Auswahl des Forschungsthemas, Zielgruppe und Stichprobe, einer Interviewform sowie eines Auswertungsverfahrens, (vgl. Helfferich 2011, S. 168)

Viele dieser Entscheidungen waren bei unserem Forschungsbeginn bereits durch die thematische Ausrichtung des Seminars vorgegeben. Die Datenerhebung sollte durch Leitfadeninterviews erfolgen. Durch die Corona-Pandemie bedingt, sollten die Interviews über Skype geführt werden. Die Datenauswertung erfolgte anhand der Grounded Theory. Bei der Auswahl des Forschungs­themas sammelten wir verschiedene Ideen innerhalb der Forschungsgruppe. Schnell kristallisierte sich heraus, dass die Situation von Studierenden mit Behinderungen während der Coronapandemie unser Fokus sein sollte. Nach weiterer Überlegung und Planung stellte sich allerdings heraus, dass die Interviewführung über Skype mit dieser Zielgruppe sehr herausfordernd sein könnte. Daher ent­schieden wir uns in einem weiterem Schritt dafür, dass alle Studierenden zu unserer Zielgruppe zählen werden. Dieses Vorgehen war der zeitlichen Rahmung sowie auch unserem Status als Studienanfängerinnen geschuldet.

Nachdem Forschungsthema und Zielgruppe ausgearbeitet waren, fehlte noch die Auswahl einer ge­eigneten Stichprobe. Helfferich erklärt hierzu ein Modell mit mehreren Schritten für die Stichprobenauswahl, das bei einem Umfang von 6 bis 30 Interviews verwendet werden kann. Dabei wird im ersten Schritt das inhaltliche Interesse fociert. Es wird präzisiert welche genauen Themen abgefragt werden sollen und welche Zielpersonen dafür befragt werden könnten. Im zweiten Schritt wird versucht die Verallgemeinerbarkeit zu erhöhen, indem ähnliche sowie auch abweichende Fälle bewusst in die Stichprobe aufgenommen werden.

Der letzte Schritt ist eine Überprüfung am Ende der Datenerhebung. Dabei werden noch fehlende Konstellationen gesucht. Helfferich gibt als Beispiel, wenn nur Frauen interviewt wurden, auch Fälle von Männern mit aufzunehmen. (Helfferich 2011, S. 173)

Wie oben beschrieben haben wir uns im ersten Schritt entschieden unsere Stichprobe auf alle Studierenden auszulegen. Die Anzahl der durchzuführenden Interviews war an der zeitlichen Rah­mung des Seminars gebunden. Es war nur zwei Personen in unserer Forschungsgruppe möglichje- weils ein Interview zu führen. Daher kann die Prämisse der Verallgemeinerbarkeit von Helfferich in diesem Kontext nicht unbedingt umgesetzt werden. Jedoch haben wir bei der Auswahl der Interviewpartnerinnen darauf geachtet, dass Ähnlichkeiten sowie auch Unterschiede vorhanden sind. Die Interviewpartnerinnen sind beide Studierende an Fachhochschulen, studieren aber ver- schiendene Studiengänge und an verschiedenen Orten.

Der dritte Schritt in Helfferichs Modell steht in unserem Forschungsprozess noch aus, da wir noch nicht am Ende der Datenerhebung angelangt sind.

Auf das Vorgehen zu Beginn des Forschungsprozesses geht auch die Grounded Theory Methodologie ein. Die verschiedenen Vertreter Strauss & Corbin und Glaser vertreten dabei ver­schiedene Ansätze. Der entscheidene Unterschied liegt darin ob und welche Literatur genutzt wird. Glaser plädiert dafür, zu Beginn keine oder nur „abstrakte“ Literatur zu verwenden, um die Offen­heit im Forschungsprozess zu fördern. Während Strauss & Corbin die Verwendung von „abstrakter“ sowie auch konkreter, auf den Forschungsgegenstand bezogener Literatur empfehlen, um das For­schungsthema einzugrenzen und in der Analyse aufmerksamer für bestimmte Phänomene zu sein, (vgl. Truschkat et al. 2011, S. 357 ff.)

Es zeigt sich hier, dass unser Vorgehen sich eher an Glasers Ansatz orientiert hat. Wir verfügten vorab nicht über große Kenntnis der „grand theories“ und auch nicht über das Forschungsfeld. Damit konnte die Offenheit gestärkt werden da keine Hypothesen anhand von Theorien gebildet wurden, (vgl. ebd. , S. 357 ff.)

4.2 Leitfadenerstellung und Datenerhebung

Nachdem nun Forschungsthema und Stichprobe feststanden, widmeten wir uns der Erstellung des Leitfadens. Dabei verwendeten wir das „SPSS“-Schema von Helfferich. Die ersten beiden Schritte haben dabei sehr viel Zeit eingenommen. Nachdem wir alle Fragen an das Forschungsthema gesammelt hatten, überprüften wir diese anhand der Prüffragen. Wir entschieden Fragen zum Alter und zum Wohnort vorab zu stellen und nicht in den Leitfaden mitaufzunehmen.

Besonders erkenntnisreich war der Prozess des Prüfens, da uns unsere Vorannahmen bewusster wurden. So stellten wir unter Anderem fest, dass wir davon ausgingen durch die Coronapandemie entstehen für die Studierenden große Herausforderungen und Probleme. Viele Fragen waren so ge­stellt, dass sie von Problemlagen ausgingen und keine offene Beantwortung zuliessen. Daher formu­lierten wir viele Fragen um und strichen einige komplett.

Im Anschluss sortierten wir die Fragen zu 5 Bündeln. Das erste Bündel enthielt Fragen zum Studium der/des Studierenden. Das nächste Bündel behandelte den Alltag der Person vor der Corona-Pandemie, während das dritte Bündel den Universitätsalltag während der Corona-Pandemie und ein Weiteres das veränderte Privatleben thematisierte. Das fünfte Bündel fokussierte dann Wünsche der befragten Person an das nächste Semester.

Im letzten Schritt, dem „Subsumieren“, ordneten wir den Bündeln übergeordnete Fragen zu. Sodass fünf weitläufige, offene Fragen entstanden, die die Grundlage unseres Leitfadens bildeten.

Den Leitfaden erstellten wir in tabellarischer Form und fügten die fünf Fragen sowie Stichpunkte und ausformulierte Fragen für verschiedene Themen, die angesprochen werden sollen, ein. In einer weiteren Spalte fügten wir Aufrechtserhaltungs- und Steuerungsfragen ein, die helfen sollen den Er­zählfluss aufrecht zu erhalten. (Leitfaden: siehe Anhang)

Da wir unsere Interviews im Mai 2020 führten, gab es aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, nur die Möglichkeit Skype-Interviews zu führen.

Die zu befragenden Personen wollten wir über das „Schneeballsystem“ gewinnen, (vgl. Helfferich 2011, S. 176) Dafür fragten wir, uns bekannte, Studierende aus verschiedenen Orten in Deutsch­land, ob sie andere Studierende kennen, die zu einem Interview bereit wären. Dieses Vorgehen bot sich besonders im Hinblick auf unsere Zeitplanung an und wir fanden schnell zwei interessierte Studentinnen.

Wir erstellten eine Einverständniserklärung, die auf die besonderen technischen Erfordernisse des Skype-Interviews eingingen. Im Telefongespräch mit den Interessenten erklärten wir dann das Thema unseres Interviews und wie das Interview ablaufen würde. Das Telefongespräch wählten wir bewusst, um einen ersten Kontakt herzustellen und die Interviewsituation durch ein vorheriges Ken­nenlernen zu erleichtern.

Da wir selbst Studierende sind, haben wir den Zugang zum Feld als eher einfach erlebt. Wir haben uns selbst sehr nah an den befragten Personen erlebt, sodass dies sicherlich die Zusage für ein Interview gefördert hat. (vgl. Truschkat et al. 2011, S. 361)

Vor den Skype-Interviews führten wir untereinander Probeinterviews durch, um uns mit den technischen Programmen vertraut zu machen und ein Gefühl für die Interviewdurchführung zu be­kommen.

Bei der Durchführung der Interviews haben ich mich an den in 3.2 erläuterten Phasen des Inter­views orientiert und zu Beginn durch ein einführendes Gespräch eine angenehme Atmosphäre her­gestellt. Besonders war, wie bereits oben erwähnt, die eigene Position als Studierende und gleich­zeitig Interviewende. Ich habe diesen Status im Laufe des Interviews allerdings als sehr förderlich wahrgenommen und denke, dass dies zur angenehmen Atmosphäre beigetragen hat. Als herausfordernd empfand ich, dass spontane Entwickeln von offenen Fragen. Dies ist mir nicht immer gelungen.

Während meines Skype-Interviews ist kurzzeitig die Internetverbindung abgebrochen, allerdings war es anschließend möglich das Interview weiterzuführen. Ich konzentrierte mich darauf wieder einen guten Einstieg ins Gespräch zu finden. Nachdem die Interviewfortführung gelang, fand ich mit den Zukunftsfragen einen Abschluss und konnte das Interview beenden.

Ich habe es als besonders herausfordernd erlebt eigene spontane Gedanken und Sichtweisen zurück­zuhalten. Diese Situation kam meiner Meinung nach besonders durch meine Nähe zur Situation der Interviewpartner auf. Es ist mir allerdings gelungen diesen Impulsen nicht nachzugeben und in meiner „neutralen“ Position als Interviewerin zu bleiben.

4.3 Analyse - offenes Kodieren/Kategorienbildung

Nachdem beide Interviews durchgeführt wurden, transkribierten wir die beiden Interviews mit dem Programm F4. Dabei verwendeten wir das, in den Anlagen zu findende, Schema nach Langer.

Nach dem ersten Sichten der Transkripte entschieden wir uns mehrere Textstellen zu codieren, die sich auf die Motivation für das Studium während des Online-Semesters bezogen. Hierzu hatten sich beide Studierende ausführlich geäußert. Die Wahrnehmung unterschied sich in einigen Punkten und bot somit eine gute Grundlage für den Vergleich.

Das erste Interview wurde mit Sarah durchgeführt. Sie ist Anfang 20 und Studentin an einer Fach­hochschule in Köln. Sie war im vorherigen Semester im Ausland zum Studieren und absolvierte zu­sätzlich ein Praktikum. Zum Zeitpunkt des Interviews steht sie kurz vor dem Beginn ihrer Bachelor­Arbeit und besucht noch fehlende Lehrveranstaltungen. Sie gibt an, ihren Studiengang sehr interessant zu finden, da er interdisziplinär ist und viele Veranstaltungen ihr Interesse wecken. Neben dem Studium geht sie einer Aushilfstätigkeit mit geringem Stundenumfang nach.

Die Umstellung auf Online-Lehre nimmt Sarah positiv wahr. Sie erläutert, dass ihre Hochschule die Umstellung sehr schnell vollzogen hat. Anfangs hat sie ein erhöhtes Arbeitspensum wahrgenommen, kann mit diesem aber nun gut umgehen. Sie schätzt es „einen ruhigen Ort“ zum Lernen zu haben. Dem hohen Arbeitspensum begegnet sie mit Strukturierung in Form von Listen.

Sarah erzählt, dass ihr der Kontakt zu Kommilitonen fehle und dies sehr stark auf sie wirkt. Sie hat zu engen Freunden aus der Uni Kontakt, ansonsten entsteht Kontakt zu anderen Kommilitonen nur über das Programm „Zoom“. Sie beschreibt Rücksichtsnahme und starke Zusammenarbeit unter den Studierenden ihres Studiengangs. Sarah hat keine Einschränkungen bei der Wahl ihrer Lehrveranstaltungen erlebt und erklärt, dass sich die Prüfungsformen durch die Online-Lehre verändert haben. Sie empfindet diese Veränderungen als bereichernd und sieht hierin einen Impuls für die Dozierenden über eine andere Gestaltung von Lehrveranstaltungen, fernab althergebrachter Methoden, nachzudenken.

Sarah gibt an eher hoch motiviert zu sein. Sie führt dies auf ihre Abwesenheit von der Fachhochschule im letzten Semester und den baldigen Abschluss ihres Studiums zurück.

Sie fühlt sich von den Dozierenden der Lehrveranstaltungen unterstützt und erklärt, dass der Kontakt über Online-Formate gut funktioniere. Privat hat sie die Zeit der starken Kontaktbeschränkungen als sehr einschneidend erlebt. Sie hat es als sehr angenehm empfunden in einer Wohngemeinschaft zu wohnen und zu den Mitbewohnern intensiven Kontakt zu haben. Ihre anfängliche Sorge vor dem Alleinsein hat sich schnell gelegt und sie hat diese Zeit auch als „entschleunigend“ erlebt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Methoden der qualitativen Sozialforschung. Motivation von Studierenden in der Online-Lehre
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Jahr
2020
Seiten
41
Katalognummer
V1152990
ISBN (eBook)
9783346544650
ISBN (Buch)
9783346544667
Sprache
Deutsch
Schlagworte
methoden, sozialforschung, motivation, studierenden, online-lehre
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Methoden der qualitativen Sozialforschung. Motivation von Studierenden in der Online-Lehre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1152990

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Methoden der qualitativen Sozialforschung. Motivation von Studierenden in der Online-Lehre



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden