Die vorliegende Arbeit thematisiert das Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts-)Syndrom (AD(H)S) im Grundschulalter. Hierfür wird auf Pathogenese, Epidemiologie, Klinik, Klassifikationen, Diagnosen, Behandlungsmöglichkeiten sowie psychosoziale Belastungen eingegangen. Das Forschungsinteresse richtet den Blick auf die Bewältigung des Schulalltags direkt Betroffener. Dies wird mittels sechs Interviews mit Lehrkräften als auch ADHS-erkrankten jungen Männern überprüft. Konkret werden vorliegende Rahmenbedingungen und Unterstützungsmöglichkeiten untersucht, die sowohl für ADHS-betroffene Kinder als auch Lehrkräfte hilfreich sind, um den Schulerfolg, die soziale Integration sowie die physische und psychische Gesundheit dieser Kinder zu gewährleisten.
ADHS ist weltweit die häufigste auftretende kinder- und jugendpsychiatrische Störung mit einer Prävalenz von circa 5,3%. Meistens wird dieses Syndrom im Grundschulalter erkannt [Imhof 2010, S. 4]. Schulisch bedingte Überforderungen äußern sich in verstärkter Symptomatik und Defiziten der Verhaltensregulierung. Bei anhaltenden ungünstigen Umwelteinflüssen können sich diese manifestieren. Dies stellt alle Beteiligten im schulischen Umfeld vor große Herausforderungen in Bezug auf die aktuelle Situation, die Verantwortung in der Persönlichkeitsentwicklung als auch hinsichtlich eines persistenten und chronischen Verlaufs des Syndroms.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts-)Syndrom
2.1. Ein Kurzüberblick
2.2. Gesellschaft und ADHS im geschichtlichen Verlauf
2.3. Epidemiologie / Prävalenz
2.4. Ätiologie und Pathogenese
2.4.1. Entwicklungsgeschichte
2.4.2. Neuroanatomische, neurophysiologische und neurochemische Faktoren
2.4.3. Neuropsychologische Faktoren
2.4.4. Genetische und Umwelt Faktoren / Gen-Umwelt-Interaktion
2.5. Klinischer Verlauf
2.5.1. Kernsymptome
2.5.2. Verlauf und Risikofaktoren
2.5.3. Komorbide Störungen und Begleitsymptome
2.5.4. Ressourcen
2.6. Klassifikation, Terminologie und Diagnose
2.7. Therapieverfahren
2.7.1. Psychoedukation
2.7.2. Pharmakologische Therapie
2.7.2.1. Diskurs
2.7.2.2. Aktuelle Medikation
2.7.2.3. Wirkungen
2.7.2.4. Nebenwirkungen
2.7.3. Psychosoziale Therapien
2.7.3.1. Verhaltenstherapie
2.7.3.2. Behandlungsprogramme
2.7.4. Alternative Behandlungsansätze
3. ADHS im schulischen Kontext
3.1. Auffälligkeiten im schulischen Kontext
3.2. Grundprinzipien im Umgang mit ADHS
3.3. Konkrete Methoden und Gestaltung der Lernumgebung
3.4. Schulrechtliche Rahmenbedingungen
3.4.1. Nachteilsausgleich
3.4.2. Verbraucherrichtlinien
3.5. Unterstützung für Lehrkräfte
3.6. Überleitung
4. Qualitative Forschungsmethode
4.1. Das qualitative, leitfadengestützte Interview
4.1.1. Experteninterview
4.1.2. Das Leitfadeninterview als flexibles Gerüst
4.2. Konzeption des Interviewleitfadens: Forschungsdesign
4.2.1. Forschungsfrage und zentrale Prinzipien
4.2.2. Besonderheiten der Personengruppen
4.2.3. Interviewablauf
4.3. Qualitative Inhaltsanalyse
4.3.1. Qualitative Inhaltsanalyse als Auswertungsmethode
4.3.2. Konzeptionelles Vorgehen der Auswertung
4.3.3. Kategorienbildung
5. Ergebnisse
5.1. Zusammenfassung der einzelnen Probandeninterviews
5.1.1. Probandin 1 (Lehrkraft Frau S.)
5.1.2. Probandin 2 (Rektorin Frau H.)
5.1.3. Proband 3 (ADHS-Betroffener Peter)
5.1.4. Proband 4 (ADHS-Betroffener Carsten)
5.1.5. Probandin 5 (Rektorin Frau O.)
5.1.6. Probandin 6 (Lehrkraft Frau B.)
5.2. Ergebnisdarstellung mithilfe der inhaltlichen Strukturierung der transkribierten Texte
5.2.1. Lehrer-Schüler-Beziehung
5.2.2. Symptomatik und belastende Situationen
5.2.3. Wissen über ADHS
5.2.4. Behandlungsverfahren
5.2.5. Interdisziplinäre Zusammenarbeit / Vernetzung
5.2.6. (Schul-)politische Unterstützung
5.2.7. Maßnahmen
5.2.8. Soziale Einbindung
5.2.9. Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen auf ADHS-betroffene Schüler
5.2.10. Auswirkungen aktueller Situationen auf die Schulen
5.2.11. Weitere angesprochene Themen in den Interviews
6. Diskussion
6.1. Limitation
6.2. Inhaltliche Diskussion
7. Fazit und Ausblick
8. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die subjektiven Erfahrungen von Lehrkräften und ADHS-betroffenen jungen Erwachsenen im Hinblick auf Rahmenbedingungen und Unterstützungsmöglichkeiten im schulischen Alltag. Ziel ist es, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie Lehrkräfte kompetent auf symptombedingte Verhaltensweisen reagieren können und welche strukturellen Maßnahmen zur Förderung des Schulerfolgs und der sozialen Integration tatsächlich in der Praxis umgesetzt werden.
- Theoretische Grundlagen von ADHS (Pathogenese, Epidemiologie, Klinik, Behandlung)
- Schulische Herausforderungen für betroffene Kinder
- Qualitative Interviewstudie mit Lehrkräften und Betroffenen
- Analyse von Unterstützungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen in der Schule
- Kritische Diskussion der Umsetzung schulischer Förderkonzepte
Auszug aus dem Buch
2.4.1. Entwicklungsgeschichte
ADHS-typische Verhaltensweisen werden bereits seit Jahrhunderten wahrgenommen. Persönlichkeitsbeschreibungen aus Geschichtsbüchern über Alexander den Großen, Dschingis Kahn oder die Ode von Herondas aus der Antike zeichnen vor allem motorische Unruhe bei Jungen auf [Neuhaus 2016, S. 14; Rothenberger, Steinhausen 2020, S. 17]. Aber auch Protagonisten-Darstellungen aus Kinderliteratur wie „Pippi Langstrumpf“, „Michel von Lönneberga“ und allen voran der „Zappelphilipp“ und „Hans Guck-in-die-Luft“ lassen über dieses langbestehende Syndrom Rückschlüsse ziehen [Gawrilow 2012, S. 17; Heinemann, Hopf 2006, S. 9; Neuhaus 2016, S. 14].
Im Folgenden wird die geschichtliche Entwicklung vom einstigen „Zappelphilipp“ zum anerkannten Krankheitssyndrom dargestellt: 1775 nimmt Melchior A. Weikard erstmalig die Symptomkombination aus motorischer Unruhe, Verhaltensauffälligkeit und Konzentrationsstörung bei Kindern wahr [DGKJP et al. 2017, S. 11], die 1887 von Eminghausen als „moralisches Irresein“ bezeichnet und mit einer „cerebralen Neurasthenie“ begründet wird [Rothenberger, Steinhausen 2020, S. 18]. Vier Jahre später erkennt Paul F. Schulz eine Psychopathologie des hyperkinetischen Syndroms sowie bestehende Komorbiditäten [Heinemann, Hopf 2006, S. 9]. Erstmalig wird die Beobachtung der Kernsymptomatik von ADHS in der Öffentlichkeit von dem englischen Kinderarzt G.F. Still 1902 beschrieben [Rothenberger, Steinhausen 2020, S. 18]. Er beobachtet eine abnorme Unfähigkeit bei Kindern, die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten sowie extreme emotionale Reizbarkeit [Neuhaus 2016, S. 14].
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Zusammenfassung der Ausgangslage, der Relevanz des Themas sowie Definition der Forschungsfrage und Zielsetzung der Untersuchung.
2. Das Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts-)Syndrom: Theoretische Herleitung des Syndroms auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse, inklusive Pathogenese, Verlauf und Diagnostik.
3. ADHS im schulischen Kontext: Darstellung der typischen Auffälligkeiten im Unterricht sowie Erläuterung von Methoden, rechtlichen Rahmenbedingungen und Unterstützungsmöglichkeiten für Lehrkräfte.
4. Qualitative Forschungsmethode: Erläuterung des gewählten Forschungsdesigns, der Durchführung von leitfadengestützten Experteninterviews und der qualitativen Inhaltsanalyse als Auswertungsmethode.
5. Ergebnisse: Zusammenfassung der Probandeninterviews und detaillierte Darstellung der herausgearbeiteten Kategorien zur Bewältigung des Schulalltags.
6. Diskussion: Kritische Auseinandersetzung mit den gewonnenen Interviewergebnissen im Abgleich mit den theoretischen Theorien sowie Reflexion der methodischen Limitationen.
7. Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Formulierung von Handlungsempfehlungen für die Praxis und Bildungspolitik.
8. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und Fachliteratur.
Schlüsselwörter
ADHS, AD(H)S-Syndrom, Grundschule, Lehrkräfte, Leitfadeninterview, Qualitative Inhaltsanalyse, Schulerfolg, Nachteilsausgleich, Unterstützungsmöglichkeiten, Inklusion, Impulsivität, Konzentrationsstörung, Hyperaktivität, Sozialverhalten, Multimodale Therapie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Masterarbeit befasst sich mit dem ADHS-Syndrom bei Kindern im Grundschulalter und den damit verbundenen Herausforderungen bei der Bewältigung des schulischen Alltags.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Fundierung von ADHS, die Auswirkungen der Symptomatik auf das schulisches Umfeld sowie Strategien zur Unterstützung von betroffenen Schülern durch Lehrkräfte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszufinden, welche von Fachkräften empfohlenen Unterstützungsmaßnahmen in der schulischen Alltagsrealität tatsächlich Anwendung finden und wo Schwachstellen in der aktuellen Förderung liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt, der auf leitfadengestützten Experteninterviews mit Lehrkräften sowie ADHS-betroffenen jungen Männern basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Grundlagen zum Krankheitsbild die Konzeption der Forschungsmethode sowie die Ergebnisse der Interviewauswertung detailliert dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie ADHS, Grundschule, qualitative Sozialforschung, Nachteilsausgleich und schulische Unterstützung aus.
Inwieweit hat die Corona-Pandemie die schulische Situation von ADHS-Kindern beeinflusst?
Laut den befragten Lehrkräften hat die Pandemie zu einer Verschärfung von Verhaltensauffälligkeiten und Leistungsrückständen geführt, da strukturgebende Routinen verloren gingen und Kinder im Homeschooling mit der Selbstorganisation oft überfordert waren.
Wie bewerten die befragten Lehrkräfte die Zusammenarbeit mit medizinischen Fachpersonen?
Die Lehrkräfte bewerten den Austausch mit Ärzten und Diagnosezentren überwiegend negativ, da Informationen oft lückenhaft fließen, auf Augenhöhe fehlt und die bürokratischen Hürden (Schweigepflicht) eine effektive interdisziplinäre Zusammenarbeit erschweren.
- Arbeit zitieren
- Simone Gerber (Autor:in), 2021, Das ADHS-Syndrom im Grundschulalter und die Bewältigung des schulischen Alltags. Unterstützungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen betroffener Lehrer und Schüler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1153000