Geschlechtsunterschiede in finanziell riskanten Entscheidungssituationen


Diplomarbeit, 2006

212 Seiten, Note: 2


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Theoretischer Teil

1. Risiko
1.1 Risikobereitschaft und Risikoverhalten
1.1.1 Risikobereitschaft und Risikoeinstellung
1.1.2 Risikowahrnehmung (risk perception)
1.1.3 Entscheidungen unter Risiko
1.2 Risikoforschung in Psychologie und Wirtschaftswissenschaften
1.2.1 Risikobereitschaft und Risikoverhalten aus Perspektiven der Ökonomie
und Psychologie
1.2.2 Entscheiden und Urteilen
1.2.3 Risikoaversion
1.2.4 Risikotoleranz
1.3 Finanzielle Risikobereitschaft
1.3.1 Determinanten der finanziellen Risikobereitschaft
1.3.2 Messung der finanziellen Risikobereitschaft

2. Geschlecht
2.1 Der Begriff „Gender“ in Abgrenzung zu Geschlecht
2.1.1 Begriffliche Trennung zwischen biologischem und psychologischem Geschlecht
2.1.2 Begriffliche Unterscheidungen
2.1.3 Genderforschung in der Psychologie
2.1.4 Die soziale und kulturelle Konstruktion von Geschlecht
2.2 Biologische Geschlechtsunterschiede
2.2.1 Die Entwicklung des Biologischen Geschlechts
2.3 Geschlechtsunterschiede und evolutionäre Grundlagen
2.3.1 Das unterschiedlich eingesetzte elterliche Investment und die sexuelle Selektion
2.3.2 Soziale Dominanz
2.3.3 Aggressives und antisoziales Verhalten
2.3.4 Partnerwahl
2.3.5 Schönheit und Attraktivität
2.4 Erklärungsmodelle psychologischer Geschlechtsunterschiede
2.4.1 Überblick verschiedener Modelle der Geschlechtsentwicklung
2.4.2 Integrative Modelle zur Erklärung von Geschlechtsunterschieden
2.4.3 Der Einfluss von Sozialisation
2.4.4 Der Erwerb von Geschlechterrollen
2.5 Selbstkategorisierung und Kontextabhängigkeit
2.5.1 Das Selbstbild
2.5.2 Die Selbstwahrnehmungstheorie von Bem
2.5.3 Kategorisierung und der Einfluss von Stereotypen
2.5.4 Geschlechtskategorisierung
2.6 Das Geschlechtsrollenselbstkonzept
2.6.1 Das Messinventar zum Geschlechtsrollenselbstkonzept nach Bem
(Version 1974)
2.7 Interaktion und Aktivierung geschlechtsbezogener Selbstkonstrukte
2.7.1 Kontextabhängigkeit
2.7.2 Der Einfluss von sozialer Interaktion auf das Verhalten
2.7.3 Der Einfluss von Situationen

3. Risikobereitschaft und Geschlechtsunterschiede
3.1 Geschlechtsunterschiede in Risikoverhalten und Risikowahrnehmung
3.1.1 Geschlechtsunterschiede in der Risikowahrnehmung
3.2 Finanzielle Risikobereitschaft und Geschlechtsunterschiede
3.2.1 Ursachen der Geschlechtsunterschiede im finanziellen Risikoverhalten
3.2.2 Die Rolle von Geschlechtsstereotypen auf Geschlechtsunterschieden
bei finanziellen Risiken
3.2.3 Einfluss von Maskulinität
3.2.4 Der Einfluss von Sozialisation
3.2.5 Status und Machtverhältnisse

4. Überleitung zur Fragestellung

III. Empirischer Teil

5. Fragestellungen und Hypothesen

6. Methode
6.1 Stichprobe
6.2 Material
6.3 Durchführung

7. Ergebnisse
7.1 Datenüberblick
7.1.1 Reliabilität der Skalen
7.1.2 Geschlechtskategorie und Geschlechtsrollenidentität
7.1.3 Messung der Risikobereitschaft

8. Statistische Hypothesenprüfung
8.1 Manipulation Check
8.2 Geschlechtsunterschiede bezüglich der Risikobereitschaft
8.3 Geschlechtsunterschiede bezüglich der Risikobereitschaft unter Einfluss von Maskulinität und Femininität

9. Interpretation und Diskussion der Ergebnisse

10. Diskussion und Kritik

IV. Zusammenfassung

V. Literaturverzeichnis

VI. Abbildungsverzeichnis

VII. Tabellenverzeichnis

VIII. ANHANG

I. Einleitung

In vielen empirischen Untersuchungen wurde bei Frauen eine größere Risikoscheu in finanziellen Entscheidungssituationen festgestellt, als bei Männern. Die Ursachen für diese Risikoaversion liegen zu einem Teil in unterschiedlichen biologischen Voraussetzungen zwischen Männern und Frauen, die unterschiedliche Strategien in der Reproduktion evolutionär hervorgebracht haben, andererseits aber auch in sozialen Bedingungen, welche einer Veränderung unterliegen. Bei dieser Untersuchung wurde versucht, Vorhersagen zur Stabilität der Unterschiede im Risikoverhalten von Männern und Frauen zu machen. Es wurde untersucht, ob aufgrund der Interaktion von Individuen in einer Laborsituation in gleichgeschlechtlichen Gruppen im Vergleich zu der Interaktion in gemischt- geschlechtlichen Gruppen Effekte zu beobachten sind. Auf diesem Wege sollte Klärung hinsichtlich der Stabilität maskuliner und femininer Verhaltensweisen innerhalb erzielt werden, da es aufgrund theoretischer Annahmen und empirischer Ergebnisse Hinweise gibt, dass Interaktion das Risikoverhalten von Individuen beeinflusst.

Im ersten Teil der Arbeit werden die theoretischen Grundlagen dargestellt. Zu Beginn des darauf folgenden empirischen Teils, folgt eine Darstellung der wissenschaftlichen Fragestellung und den daraus abgeleiteten Hypothesen der durchgeführten Studie. Daran anschließend folgen eine deskriptive Darstellung der Stichprobe und eine Beschreibung der verwendeten Fragebögen sowie der Untersuchungssituation. Darauf schließen die Darstellung der Auswertung der Daten und die Interpretation der Ergebnisse an.

Mögliche praktische Implikationen der Erkenntnisse dieser Arbeit liegen vor allem im Bereich der investment- spezifischen Beratung von und für Frauen. In der abschließenden Diskussion und Kritik der Arbeit sollen Anregungen für die weitere Forschung im Bereich des Risikoverhaltens von Männern und Frauen gegeben werden.

Der folgende Teil der Diplomarbeit widmet sich mit seiner Thematik den theoretischen Grundlagen dieser Untersuchung. Diese sind in drei große Teile gegliedert: Ergebnisse und Erkenntnisse aus der Risikoforschung, einem integrativen Blick auf die Ursachen und die Entwicklung von Geschlechtsunterschieden sowie einem Überblick über die Auswirkungen von Geschlechtsunterschieden auf das Risikoverhalten.

II. Theoretischer Teil

1. Risiko

„Das größte Risiko auf Erden laufen die Menschen,

die nie das kleinste Risiko eingehen wollen“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Bertrand Russell (1872-1970), britischer Philosoph und Mathematiker, 1950 Nobelpreis für Literatur

„Risiko“ ist sowohl ein alltagssprachlicher Begriff, als auch ein wissenschaftliches Konzept, das in verschiedenen Forschungsrichtungen wie Psychologie, Soziologie, Ökonomie oder Mathematik verwendet wird. Risiko ist in der Psychologie „die Bezeichnung für die (objektiven) Verlustchancen, die sich aus der unvollständigen Vorhersagbarkeit künftiger Ereignisse bzw. Ereignisalternativen ergeben“ (Fröhlich, 1998, S.353). Dies ist aber nur eine von einer Vielzahl von Risikodefinitionen. Vor allem in der wirtschaftspsychologischen Forschung ist die Einbeziehung des Verständnisses von Risiko in den Wirtschaftswissenschaften unerlässlich. Im Hinblick auf die für die folgenden Überlegungen ebenso relevanten Annahmen der Entscheidungstheorie, muss die Definition von Risiko um den Aspekt der Ungewissheit über verschiedene positive Konsequenzen ausgeweitet werden. Diese Definition geht über die Risiko- Definition, die Schaden oder Verlust thematisieren, hinaus. Ungewissheit schließt überdies mehr die subjektiven Anteile von Risiko ein und berücksichtigt auf diese Weise auch „den auf kognitiven Einschätzungen basierenden Zustand des Individuums in dieser Situation“ (Fröhlich, 1998, S.353).

Persönlichkeitsfaktoren und Merkmale der Situation beeinflußen Risikowahrnehmung und – verhalten. Im Folgenden werden in Hinblick auf die mögliche Existenz stabiler Persönlichkeitseigenschaften die Risikoverhalten bestimmen, als auch in Bezug auf die situativen Einflüsse auf die Risikobereitschaft individuelle Einflussgrößen und Situationsmerkmale beschrieben.

Dem vorangestellt folgt eine Übersicht über aktuelle Forschungstendenzen in der Untersuchung des menschlichen Risikoverhaltens, die aufgrund zunehmender interdisziplinärer Studien im Bereich der Wirtschaftswissenschaften und der Psychologie Erkenntnisgewinn auf beiden Seiten bedeuten.

1.1 Risikobereitschaft und Risikoverhalten - (Florian Meisel)

Als Risikoverhalten bezeichnet man das Verhalten in Risikosituationen, und es bedeutet somit nicht riskantes Verhalten (Dorsch, 1994). Risikosituationen können dadurch gekennzeichnet werden, dass:

in einer bestimmten Ausgangslage verschiedene Handlungsalternativen mit entsprechenden Handlungszielen gewählt werden können und dass das Nichterreichen des gewählten Handlungsziels zu einem Zustand führt, der subjektiv unerwünschter ist als die Ausgangslage.

Byrnes et al, 1999 schließen in diese Definition sehr unterschiedliche Verhaltensweisen ein. (Rauchen, betrunken mit dem Auto fahren, etc.) Risikoverhalten als besonderer Fall von Entscheidungsverhalten in Ungewissheitsituationen wurde zunächst überwiegend von Ökonomen und Mathematikern im Rahmen der Spiel- und Entscheidungstheorie untersucht. Dabei ging es vor allem um die „optionale“ Entscheidung, die nach dem Grundsatz des mathematischen Nutzens ermittelt wurde (Bernoulli 1738).

Im Weiteren zeichnen sich folgende Schwerpunkte in der Entwicklung der psychologischen Forschung des Risikoverhaltens ab (Dorsch, 1994):

1) Untersuchungen des Risikoverhaltens in Situationen mit Verlustmöglichkeiten, deren Wahrscheinlichkeiten dem Entscheidenden nicht oder nur teilweise bekannt sind und bei denen die Handlungsausgänge sowohl von außerindividuellen Verhaltens-bedingungen als auch vom individuellen Verhalten abhängen.
2) Bevorzugte Verwendung stochastischer Entscheidungsmodelle, bei denen Sachverhalte wie Inkonsistenz (unterschiedliche Entscheidungen bei gleichem Entscheidenden, gleichen Handlungsalternativen und gleichen Entscheidungsbedingungen) und Intransitivität der Alternativbevor-zugung (A wird B, B wird C, C wird A vorgezogen) mehr berücksichtigt werden als in deterministischen Entscheidungsmodellen, wo die Alternativenwahl durch den größten subjektiv erwarteten Nutzen bestimmt wird.
3) Eine stärkere Einbeziehung der feldtheoretischen Interpretations-möglichkeiten, aus denen sich eine Wechselbeziehung zwischen subjektivem Nutzen und subjektiver Wahrscheinlichkeit ergibt (Lewin 1994, Irwin 1953, Van der Meyer 1963)
4) Beschreibung deskriptiver Zielsetzung, das heißt eine Beschreibung des Verhaltens in Risikosituationen und damit die Betonung persönlichkeits- bzw. differentiellpsychologischer und sozialpsychologischer Gesichts-punkte (Kogan & Wallach 1964)
5) Untersuchungen zwischen der Beziehung des Risikoverhaltens und der Leistungsmotivation, wobei von Wechselwirkungen zwischen Erfolgs- und Misserfolgsmotivation, subjektiver Erfolgswahrscheinlichkeit und Aufgabenreiz ausgegangen wird (Atkinson 1957).
6) Betonung des zeitlichen Verlaufs des Risikoverhaltens als Konflikt-verhalten bei gegensätzlichen Leistungs- und Sicherheitstendenzen, die bis zum Entscheidungszeitpunkt beide maximiert und erst dann gewählt werden (Klebelsberg, 1969).

Der aktuelle Stand der Forschung weist auf eine überwiegend situative und weniger auf individuelle Bedingtheit unterschiedlichen Risikoverhaltens hin (Dorsch, 1994).

1.1.1 Risikobereitschaft und Risikoeinstellung

Risikobereitschaft stellt im Unterschied zum eben erwähnten Risikoverhalten einen relativ globalen Verhaltensstil dar, nach dem die Individuen unterschieden werden können.

Bei der Risikobereitschaft handelt es sich somit um eine situationsspezifische Form des Risikoverhaltens.

Die Risikoeinstellung entspricht somit einer grundsätzlichen Einstellung gegenüber Risikosituationen im Allgemeinen, wie sie zum Beispiel in der Beantwortung von Risikofragebögen und dergleichen zum Ausdruck kommen wird (Klebelsberg, 1969, Seite 67.)

Ganz allgemein ausgedrückt können beide Begriffe- sowohl Risikobereitschaft als auch Risikoeinstellung- als Neigung eines Individuums, sich Risiken auszusetzen, verstanden werden (Swaton, 1985).Beschäftigt man sich jedoch etwas länger mit der Literatur über Einstellungen, besonders im englischen Sprachraum, erkennt man bald, dass Einstellungen (attitudes) von Bereitschaft oder Absicht (intention) deutlich zu trennen sind. Während „Einstellungen“ eine grundsätzliche Haltung (das heißt Ablehnung oder Zustimmung) des Individuums erfassen, bezieht sich „Bereitschaft“ auf die Verhaltensabsicht eines Individuums einer spezifischen Situation gegenüber. Bis dato ist es in der Risikoforschung im deutschsprachigen Raum noch zu keiner eindeutigen definitorischen Trennung dieser beiden Begriffe gekommen. Im Folgenden werden daher die Begriffe „Risikoeinstellung“ und „Risikobereitschaft“ synonym verwendet.

Anzumerken ist auch noch, dass es in der englischsprachigen Literatur für die Bezeichnung „Risikobereitschaft“ beziehungsweise „Risikoverhalten“ nur die Bezeichnung „risk taking“ gibt.

1.1.2 Risikowahrnehmung (risk perception)

Auch der Begriff Risikowahrnehmung und der englische Begriff risk perception sind nicht bedeutungsgleich. Die Perzeption ist in der Psychologie die sinnliche Erfassung eines Objektes, ohne es bewusst zu erfassen (Dorsch, 2000). Wahrnehmung ist hingegen Vorgang und Ergebnis der Reizverarbeitung. Das Risiko ist daher kein direkt perzipierbarer Reiz, von daher ist die Risikowahrnehmung mehr als ein Zuschreibungsprozess zu verstehen. In einer Gesellschaft, die Entscheidungen durch ihr Verhalten teilweise in Gefahren verwandelt, muss man davon ausgehen, dass die vorher erwähnte Wahrnehmung von Risiken maßgeblich durch das Schema des Entscheiders beziehungsweise des Betroffenen gesteuert wird. Risiken werden dadurch nicht nach objektiven Kriterien bewertetet, sondern von jeder Person in ihrer eigenen individuellen Weise wahrgenommen und beurteilt (Japp, 2000).

Die Bewertung zukünftiger Entscheidungsfolgen hängt also ganz davon ab, ob sie auf Risiken des Entscheiders oder auf Gefahren des Betroffenen zurückgeführt werden. Prinzipiell kann man also nun davon ausgehen, dass Entscheider ihre Kontrollkapazitäten überschätzen und Risiken dadurch eher unterschätzen (Brunsson 1985, March/Shapira 1987). Demgegenüber stehen diejenigen, die sich als Betroffene fühlen, welche ihre Kontrollkapazitäten unterschätzen und dadurch eher zu Überschätzung von Risiken tendieren.

Swaton (1985) versteht ähnlich wie Japp unter der Risikowahrnehmung die subjektive Annahme von negativen Konsequenzen und die Einschätzung ihrer Eintrittswahrschein-lichkeit durch Individuen, Gruppen oder Institutionen. Nach Jungermann und Slovic, 1993 ist die individuelle Risikowahrnehmung sowohl eine Funktion der kognitiven als auch motivationalen Ausstattung des Menschen, als auch das Ergebnis von Bedingungen des sozialen, politischen und kulturellen Umfelds.

1.1.3 Entscheidungen unter Risiko

Wenn Entscheidungsträger vollständige Information über die wählbaren Alternativen und Sicherheit über diese und deren Konsequenzen besitzen, werden Entscheidungen unter Sicherheit getroffen. Wenn völlige Klarheit über alle Entscheidungsmöglichkeiten und Ergebnisse besteht, die Personen aber sensibel sind, was die Unterschiede zwischen den Entscheidungsmöglichkeiten anlangt und deshalb alle Alternativen nach subjektiven Präferenzen reihen können, dann werden ebenfalls Entscheidungen unter Sicherheit gefällt. Meistens besteht bezüglich der Konsequenzen von Entscheidungsalternativen jedoch Unsicherheit. Diese Entscheidungen werden riskant genannt, es herrscht Unsicherheit über die Ergebnisse. Risikoentscheidungen sind also Entscheidungen über Alternativen mit Konsequenzen, welche mit einer definierten Wahrscheinlichkeit eintreten können (Kirchler, 1999).

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass alle Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden, da die Konsequenzen immer erst nach der Entscheidung eintreten und daher nie absolut sicher sein können. Dennoch unterscheidet man praktische und theoretische Situationen, in denen die Konsequenzen als sicher angenommen werden, von Situationen, in denen sie als unsicher gelten und in denen diese Unsicherheit für die Entscheidung eine Rolle spielt (Jungermann, 1998). Gemeinsam ist den unten angeführten Theorien eine konsequentialistische Grundannahme: Entscheidungen werden im Hinblick auf ihre Folgen getroffen.

Im ersten Teil dieses Kapitels wird die historisch älteste Theorie, die Theorie der Maximierung des subjektiv erwarteten Nutzens, die so genannte „SEU-Theorie“ dargestellt.

Diese Theorie gibt zwei Möglichkeiten an, um die Annahme zu überprüfen, dass eine Person immer diejenige Option wählt, die den höchsten subjektiven Nutzen hat.

Im zweiten Abschnitt des Kapitels wird die wichtigste Weiterentwicklung der SEU-Theorie, die so genannte „Prospekttheorie“ näher beschrieben.

Diese Theorie zeichnet sich dadurch aus, dass (a) zwischen einer „Problem-repräsentationsphase“ und einer Bewertungsphase der Optionen unterschieden wird und (b) spezifische Annahmen zur Wertfunktion und zur Rolle der (Un-)Sicherheit getroffen werden. Danach wird noch kurz auf Entscheidungsmodelle eingegangen, in denen die Wahl der Optionen alleine mit dem Nutzen der Konsequenz erklärt werden kann.

SEU-Theorie – Subjectively Expected Utility-Modell

Das SEU- Modell wurde von Edwards (1954) vorgeschlagen und behandelt die Faktoren Unsicherheit und Nutzen – als subjektive Größen und nicht, wie Vorgänger der ökonomischen Entscheidungsforschung, als „objektive“ Werte und Wahrscheinlichkeiten. Der SEU-Wert einer Option ist die Summe der Nutzwerte der einzelnen möglichen Konsequenzen, gewichtet mit den Wahrscheinlichkeiten ihres Eintretens. Nach diesem Modell wählt eine Person immer diejenige Option, die den höchsten subjektiven Nutzen hat.

Man hat zwei Möglichkeiten, um die Annahme, dass sich eine Person zwischen zwei Angeboten entsprechend dem SEU- Modell entscheidet - also seinen subjektiv erwarteten Nutzen maximieren will - zu überprüfen: (a) Fokus Nutzen und Unsicherheit, (b) Fokus Wahl.

Bei ersterer Möglichkeit erfragt man einerseits von der Person die Nutzwerte der möglichen Konsequenzen, anderseits die subjektive Wahrscheinlichkeit der Ereignisse. Dann kann man den SEU-Wert für die Optionen bestimmen, vorhersagen, welche Option die Person wählen wird und prüfen, was die Person tatsächlich tut.

Bei der zweiten Möglichkeit bittet man die Person, eine Wahl zwischen den Optionen zu treffen, deren Konsequenzen mit den Wahrscheinlichkeiten vorgegeben sind. Dann prüft man, ob bzw. wie sich diese Wahl aus hypothetischer Nutzen- bzw. subjektiver Wahrscheinlichkeitsfunktion so rekonstruieren lässt, dass die beobachtete Wahl sich als Entscheidung für die Option mit dem höchsten subjektiv erwarteten Nutzen darstellt; und zwar unabhängig davon, ob es solche Nutzwerte bei dem Entscheidungsträger gibt oder ob der Entscheidungsträger sich irgendwelcher Bewertung bewusst ist (Jungermann, 1989).

Allerdings setzt das SEU-Modell bestimmte Axiome – also Grundannahmen - über präferentielles Verhalten voraus, um beobachtete Auswahlen als Ausdruck des Prinzips zu interpretieren und zu rekonstruieren, dass Menschen diejenige Option wählen, welche den höchsten subjektiv erwarteten Nutzen hat.

1. Vergleichbarkeit: Ein Entscheidungsträger kann die Optionen miteinander vergleichen, d.h. von zwei Lotterien X und Y präferiert er entweder die Lotterie X gegenüber der Lotterie Y oder umgekehrt.
2. Transitivität: Wenn eine Person die Lotterie X gegenüber der Lotterie Y und die Lotterie Y gegenüber der Lotterie Z präferiert, dann präferiert er auch die Lotterie X gegenüber der Lotterie Z.
3. Unabhängigkeit: Wenn zwei Lotterien X und Y identische und gleich wahrscheinliche Konsequenzen enthalten, dann spielen diese Konsequenzen für die Wahl keine Rolle.
4. Kontinuität: Einem Entscheidungsträger wird die Wahl zwischen zwei Lotterien geboten. Bei Lotterie X erhält er von drei möglichen Konsequenzen die für ihn beste Konsequenz mit einer Wahrscheinlichkeit von p und die schlechteste Konsequenz mit einer Wahrscheinlichkeit 1-p. Bei Lotterie Y bekommt er die mittlere Konsequenz ganz sicher. In dieser Situation lässt sich immer ein Wert für die Wahrscheinlichkeit p finden, bei welchem der Entscheidungsträger indifferent ist (Jungermann, 1998).

Wenn eine der vier Grundannahmen nicht erfüllt ist, weiß man sofort, dass sich die Person nicht nach dem SEU-Modell verhalten wird.

Weitere wichtige Annahmen, welche das SEU- Modell impliziert und die in der Realität nicht immer beobachtet wurden, betreffen die Invarianz und die Risikoeinstellung. Mit Invarianz ist gemeint, dass ergebnisirrelevante Faktoren auf die Entscheidung keinen Einfluss ausüben dürften. Insbesondere müsste für die Entscheidung die Art der Beschreibung der Operationen unbedeutend sein. Allerdings hat sich gezeigt, dass diese Implikation empirisch oft verletzt wird. Die Risikoeinstellung entspricht der Einstellung des Entscheidungsträgers zum Risiko. Hier unterscheidet man zwischen risikoaversem (risikovermeidendem), risiko-neutralem und risikofreudigem Verhalten. Die Risikoeinstellung schlägt sich in der Form (konkav, linear, konvex) der Nutzenfunktion nieder. In mehreren Untersuchungen wurde jedoch gezeigt, dass das Risiko einer unsicheren Operation ein unabhängiges Merkmal ist, das nicht durch einen globalen Gesamtnutzen im Sinne des SEU-Modells erfasst werden kann.

Prospekttheorie (Prospect Theory )

Die Prospekttheorie (Kahneman & Tversky, 1979, 1984) ist eine deskriptive Theorie zum Entscheidungsverhalten unter Unsicherheit, welche ihren Ausgangspunkt in der Subjectively Expected Utility Theory (SEU; Edwards, 1954) und dem Modell des Homo Oeconomicus hat (Schmook, Bendrien, Frey & Wänke, 2002). Kahneman und Tversky zeigten, wie das Entscheidungsverhalten von Individuen systematisch von der SEU-Theorie abweicht und entwickelten daraus das Model der Prospekttheorie.

Zur Untersuchung von Entscheidungen unter Risiko gaben Kahneman und Tversky (1979) ihren Versuchspersonen die Wahl zwischen verschiedenen unsicheren Optionen. Jede dieser Auswahlmöglichkeiten stellte einen Prospect dar. Prospects setzen sich aus einem Ergebnis und der dazugehörigen Eintrittswahrscheinlichkeit zusammen und können in der Form (x, p) angeschrieben werden. D.h., dass das Ergebnis x eine Eintritts-wahrscheinlichkeit von p hat.

Ausgabeneffekt (Sunk Costs Effect)

Ökonomische Theorien besagen, dass nur zukünftige Kosten Entscheidungen beeinflussen. Vergangene Kosten hingegen sollten irrelevant sein. Doch Thaler (1980) sowie Arkes und Blumer (1985) gehen davon aus, dass sich auch vergangene Investitionen, wie etwa Geld, Aufwand oder Zeit, auf die zukünftige Entscheidung auswirken.

Arkes und Blumer (1985) illustrieren diesen Effekt unter anderem mit der Vorlage folgenden Szenarios an ihren Versuchspersonen:

Sie sind Präsident einer Luftfahrtgesellschaft und haben 10 Mio. Euro für ein Forschungsprojekt vorgesehen, in welchem ein Flugzeug entwickelt werden sollte, das mit den üblichen Radaranlagen nicht entdeckt werden kann. Als das Projekt zu 90% abgeschlossen und finanziert ist, bringt eine andere Firma ein Flugzeug auf den Markt, das auch mit keinem Radar entdeckt werden kann! Zusätzlich ist dieses Flugzeug schneller und billiger als das von ihnen finanzierte Flugzeug. Nun stellt sich die Frage: Sollten sie noch die restlichen 10% der Forschungsmittel ausgeben, um das Flugzeug fertig zustellen?

Obwohl das fertige Flugzeug schlechter als ein bereits auf dem Markt verfügbares Flugzeug sein wird, entschieden sich 85% der befragten Versuchspersonen für eine Beendigung des Projekts. Bei einer anderen Gruppe wurde eine etwas abweichende Version des Problems vorgelegt, in der es keine Investitionen gab, sondern die Frage war, ob sie als Präsidenten die letzte Million der Forschungsmittel des Unternehmens zur Entwicklung eines solchen Flugzeuges heranziehen würden. Hier entschieden sich nur 17% dafür.

Die unterschiedlichen Entscheidungen können dadurch erklärt werden, dass in der ersten Gruppe die bereits getätigten Investitionen ausschlaggebend waren, während in der zweiten Gruppe, da von früheren Investitionen nicht die Rede war, die Entscheidung ausschließlich an den Folgen orientiert war.

Die Entscheidungen der ersten Gruppe können mit dem Ausgabeneffekt (sunk costs effect) erklärt werden. Hat jemand bereits Investitionen (Geld oder Mühe) getätigt, handelt er bzw. sie nicht danach, was unter dem Gesichtspunkt der möglichen Folgen als richtig erscheint. Es wird weiter gemacht, und es kommt zu einer escalation of commitment: Denn je mehr investiert wird, umso eiserner wird etwas verfolgt (Jungermann, 1998). Betrachtet man nun die Konsequenzen, erscheint dies unverständlich: Werden die Folgen der möglichen Alternativen bedacht und die beste Alternative gewählt, dann müsste alles was früher investiert wurde, irrelevant sein. Aber anscheinend ist es das doch nicht. Bekannt ist dieser Effekt auch aus alltäglichen Situationen: man lässt bei schlechtem Wetter und bei langem sowie unangenehmen Anfahrtsweg eher eine Freikarte verfallen, als eine Karte, für die viel Geld bezahlt wurde (Thaler, 1980).

Die Befunde von Arkes und Blumer können allerdings auch konsequentialistisch interpretieren werden. Die aus rein finanzieller Sicht vielleicht richtige Entscheidung, die Entwicklung des Flugzeuges nicht fortzusetzen, wird von einigen Menschen als Verschwendung des bereits investierten Geldes angesehen. Da man aber nicht als jemand dastehen will, der Geld verschwendet beziehungsweise als einer, der (früher) falsche Entscheidungen getroffen hat, zeigt sich des Öfteren das Verhalten, auf die eingeschlagene Handlungsrichtung zu beharren. Die Orientierung der Entscheidung auch an bereits erfolgten Ausgaben kann man also nur dann als nicht- konsequentialistisch oder gar irrational betrachten, wenn man als Kriterium für die Entscheidung allein die monetären Konsequenzen heranzieht. Berücksichtigt man auch andere Aspekte (z.B. Selbstdarstellung), kann es sich durchaus um das Ergebnis einer vernünftigen Abwägung handeln.

Eine andere Interpretationsmöglichkeit schlug Thaler (1980) vor. Er versuchte, das Verhalten mit Hilfe der Prospekttheorie von Kahneman und Tversky (1979, 1984) zu erklären: Wenn jemand bereits 9 Mio. Euro in etwas investiert hat, dann stellt die restliche Ausgabe von 1 Mio. Euro einen vergleichsweise geringen zusätzlichen Verlust dar, weil die Wertefunktion für Verluste in diesem Bereich schon ziemlich flach ist. Der mögliche Nutzen (schlechter verkaufbares, aber fertiges Flugzeug) wiegt schwerer, als der kleine zusätzliche Verlust. Wenn allerdings die Investition von 9 Mio. Euro vorher nicht getätigt worden wäre, dann wäre der subjektive Wert einer Ausgabe von 1 Mio. Euro größer, als wenn man die Million zusätzlich ausgibt. Das ergibt sich dadurch, dass die Wertfunktion im Verlustbereich steiler ist, als im Gewinnbereich

Abbildung 1: Hypothetische Wertfunktion, mit welcher der Effekt der Sunk Costs dargestellt wird

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bezogen auf die Risikobereitschaft bedeutet dies, dass wenn Personen vor der Entscheidung stehen, ein Glücksspiel einzugehen oder es lieber bleiben zu lassen (nichts zu setzen), sie sich risikofreudig verhalten müssten, wenn dieser Effekt auftritt. Ein möglicher Gewinn würde zu einer Zunahme, während ein weiterer Verlust vergleichsweise zu einer geringen zusätzlichen Verminderung, des subjektiven Wertes führt.

Reverse Sunk Cost Effect

“Sometimes we have too much invested to gamble”

(Zeelenberg & van Dijik, 1997)

Der eben beschriebene Sunk Costs -Effekt nicht immer zu risikofreudigerem Verhalten führen. Zeelenberg und van Dijk (1997) konnten zeigen, dass sich die Risikoneigung in Abhängigkeit von der Art der Kosten ändert.

So argumentierten sie und belegten mit ihren Untersuchungsergebnissen, dass sich nur finanzielle Aufwendungen („Financial Sunk Costs“) in risikofreudigerem Verhalten niederschlagen. Investitionen in Form von Zeit oder Arbeitsaufwand führen hingegen zu risikoaversem Verhalten. Diese Faktoren tragen den Namen „Behavioral Sunk Costs“, um sie von den vorher erwähnten „Financial Sunk Costs“ abzugrenzen.

Um den Einfluss dieser Behavioral Sunk Costs - nämlich Zeit - und Arbeitsaufwand - noch genauer darzustellen, wurden weitere Untersuchungen dieser Thematik gewidmet.

So untersuchten Zeelenberg und van Dijk (1997) anhand einer Behavioral Sunk Cost Present- VG (dh. Arbeit und Zeit wurden investiert) und einer Behavioral Sunk Cost Absent - (weder Zeit noch Arbeit wurden investiert) Versuchsgruppe, inwiefern die Versuchspersonen Risikoentscheidungen treffen.

In der Studie wurde es den Probanden überlassen

- sichere Entscheidungen zu treffen mit dem Versprechen auf einen sicheren Gewinn oder
- risikovolle Entscheidungen zu treffen mit dem Versprechen auf einen noch größeren Gewinn beziehungsweise dem Resultat gar nichts zu gewinnen!

Die Hypothese war, dass die Gruppe der Behavioral Sunk Cost Present risikoscheuer sein würde als die Gruppe Behavioral Sunk Cost Absent , da erstere schon Arbeit und Zeit investiert hat.

Die Ergebnisse zeigten, dass bereits geleisteter Zeit- oder Arbeitsaufwand („Behavioral Sunk Costs“) zu einem risikoaversen Verhalten führen.

Diesen Effekt benannten Zeelenberg und van Dijk (1997) „Reverse“ Sunk Cost Effect.

Die vorher schon erwähnte Prospekttheorie liefert auch für diese Beobachtung eine Erklärung:

Schon Kahneman und Tversky (1979) wiesen darauf hin, dass Gewinne und Verluste nicht immer vom Status quo bewertet werden:

Zeelenberg und van Dijk (1997) nehmen nun an, dass man durch Behavioral Sunk Costs ein Aspiration- Level entwickelt und dieses in weiterer Folge zum neuen Referenzpunkt der Wertfunktion der Prospekt Theorie wird.

Für einen geleisteten Aufwand wird eine bestimmte Entschädigung erwartet.

Abbildung 2: Hypothetische Wertfunktionen, die den Effekt des Reverse Sunk Cost darstellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Obige Wertfunktion ist anhand eines einfachen Beispieles schön illustriert:

Wenn ein Jugendlicher beispielsweise für seine Großeltern den Rasen gemäht hat, dann erwartet er für die geleistete Arbeit eine „Entlohnung“ von 20 Euro. Dieser erwartete Gewinn von 20 Euro wird zum neuen Referenzpunkt. Wenn die Großeltern ihm jetzt als Belohnung eine Lotterie anbieten, wobei er entweder 20 Euro sicher, oder nach Münzwurf entweder 40 Euro oder gar nichts bekommen kann, wird er sich für die sichere Variante entscheiden, weil sie sein Aspiration- Level befriedigt.

Die Lotterie wird trotz gleichen Erwartungswerts unattraktiv, weil, durch Verschiebung der Wertfunktion durch das Aspiration-Level, die Alternative „kein Lohn“ im Verlustbereich liegt. Der Graph der Wertfunktion ist ja im Verlustbereich steiler als im Gewinnbereich, weshalb der Verlust (aus der Perspektive des neuen „Aspiration- Levels“) von 20 Euro schmerzhafter empfunden würde, als ein Gewinn von zusätzlichen 20 Euro Freude bereiten würde (Zeelenberg & van Dijik, 1997).

Die Versuchspersonen wählten außerdem meistens die sichere Alternative, da sie nicht über das Ergebnis informiert waren d.h. über das Feedback des Ergebnisses), nämlich was passieren würde, wenn sie die unsichere Alternative wählen würden.

1.2 Risikoforschung in Psychologie und Wirtschaftswissenschaften – (Irina Nalis)

1.2.1 Risikobereitschaft und Risikoverhalten aus Perspektiven der Ökonomie und Psychologie

Annahmen und Modelle

Handlungen und Entscheidungen sind stets von Risiko begleitet und werden von persönlichen, kulturellen, situativen und allgemeinen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten beeinflusst. „Die Psychologie fragt vor allem nach den Motiven des Verhaltens; die Ökonomie versucht zu verstehen, wie sich das Verhalten unter wechslenden Bedingungen verändert“ (Kirchler, 1999, S. 16).

Nachdem sich Psychologie und Wirtschaftwissenschaften bereits seit Jahrzehnten mit den Prozessen und Auswirkungen von menschlicher Risikobereitschaft und Risikoverhalten beschäftigten, ist seit einigen Jahren der Trend zu einem wechselseitigen Austausch dieser Disziplinen verstärkt zu bemerken. Nicht zuletzt die Auszeichnung eines Nicht- Ökonomen mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, 2002, nämlich dem Psychologen Daniel Kahneman, ist ein Beweis für das wachsende Interesse von Seiten der Wirtschaft für psychologische Erkenntnisse und auch Forschungsmethoden.

In der Psychologie wird Risiko als „Bezeichung für die (objektiven) Verlustchancen, die sich aus der unvollständigen Vorhersehbarkeit künftiger Ereignisse bzw. Ereignisalternativen ergeben“ (Dorsch, 1999, S.353).Risiko in der Wirtschaft bezeichnet Unsicherheit im Sinne der Abweichungen, die sowohl positiv als auch negativ gegenüber der jeweiligen Bezugsgröße sein können.

Unter der Metapher des „Homo Oeconomicus“ konzentriert sich die Volkswirtschaftslehre darauf, Handlungen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse im Kontext knapper Ressourcen zu studieren. Auf der Basis ökonomischer Annahmen, wurde ein komplexes System von Aussagen entwickelt, das menschliches Verhalten, unter sich ändernden Bedingungen vorherzusagen versucht. Kirchler (1999) fasst zusammen, dass entsprechend den Grundannahmen der neoklassischen Theorie jene Alternative, welche wirtschaftende Individuen aus einem Set von Alternativen auswählen, die am meisten bevorzugte Alternative ist. Eine der grundlegenden Annahmen der wirtschaftswissenschaftlichen Modelle zu Risikobereitschaft und Entscheidungsverhalten ist die Mutmaßung, dass Individuen danach streben ihren Nutzen zu maximieren. Daraus folgernd wird davon ausgegangen, dass wirtschaftende Personen nach Vergleichsprozessen der verfügbaren Alternativen eine konsistente und stabile Präferenzordnung bilden können. In der Ökonomie wird also angenommen, dass Menschen rational handeln. Die Grundannahmen zur Beschreibung menschlichen Entscheidungsverhaltens sind Nutzenmaximierung und Rationalität.

Da die Auswahl einer Alternative aber auch immer den Verlust der anderen Alternative bedeutet und damit auch den Entgang des Nutzens der nicht gewählten Alternativen, entstehen Opportunitätskosten. Es gibt empirische Befunde die darauf hindeuten, dass Individuen unterschiedliche Verhaltensstrategien im Umgang mit diesen Opportunitätskosten entwickeln. Menschen die Entscheidungen treffen, haben beispielsweise die Möglichkeit die Opportunitätskosten leichter zu ertragen, indem sie kognitive Dissonanz aktiv verringern. Kognitive Dissonanz ist „ein Konflitkzustand, den eine Person erlebt, nachdem sie eine Entscheidung getroffen hat“ (Zimbardo & Gerrig, 2004, S. 780). Laut Zimbardo & Gerrig (2004) besitzt kognitive Dissonanz „motivierende Kraft“, Menschen sind motiviert, „diese Spannung zu reduzieren“ (Zimbardo & Gerrig, 2004, S.780). Dies kann nach dem Erwerb eines Gutes, und dem damit in Verbindung stehenden Verzichts eines Anderen, in einer Nachkaufphase durch aktive kognitive Abwertung der entgangenen Alternative geschehen. Erklärungen, die sich rein auf Rationalität und Nutzenmaximierung beschränken, wären für die Erklärung des Zustandekommens von beobachtbaren inter- und intraindividuell variierenden Unterschiede allerdings nicht ausreichend. Kahneman führt in diesem Zusammenhang folgende Kritik an:

„The standard theory of choices provides a set of conditions for rationality that may be necessary, but are sufficient: they allow many foolish decisions to be called rational”

(Kahnemann, 1994 zitiert nach Kirchler, 1999, S.19).

Entgegen der Annahmen, dass die Betrachtung des Menschen als rationalen Egoisten und die Gesetzmäßigkeiten von Angebot und Nachfrage auf kompetitiven Märkten für psychologische Subtilitäten keinen Spielraum übrig lassen, ist im Verlauf der letzten 20 Jahre die Evidenz für anomale empirische Regelmäßigkeiten ziemlich angewachsen (Fehr in Kirchler, 1999, S.6). Die Erklärung dieser Phänomene sprengt die herkömmlichen Betrachtungsweisen der Wirtschaftswissenschaften. Die Annahme, dass die Ziele von Individuen stabil und wohl definiert sind, wird durch das, gut dokumentierte und mittlerweile mehrfach wissenschaftlich ausgezeichnete, Präferenzumkehrphänomen (s.Kap.1.1) in Frage gestellt (Kahneman und Tversky, 1990 in Kirchler, 1999). Die empirischen Beweise deuten darauf hin, dass die beobachteten Abweichungen vom Rationalmodell keineswegs zufälliger Natur sind, sondern systematisch. Dies führte zur Erkenntnis, dass diese Verhaltensweisen durch psychologische Argumente plausibel erklärt werden können, was zu einem verstärkten Interesse an der aufstrebenden wirtschaftspsychologischen Forschung von Seiten der Wirtschaftswissenschafter führte.

Auch von Seiten der wirtschaftswissenschaftlichen Theoretiker stießen die Annahmen der Rationaltheorie oder des homo oeconomicus bereits früh auf vehemente Kritik, da wie Kirchler (1999) schreibt, die Brüchigkeit ökonomischer Theorien unübersehbar war. Bereits im 19. Jahrhundert kritisierte Thorstein Veblen (1899), dass kulturelle Eigenheiten und gesellschaftlicher Wandel in der Ökonomie keine Berücksichtigung finden. Das Modell von van Raaij (1981) bezieht verschiedene Bedingungen mit ein. Es erlaubt eine Reihe von Fragestellungen auf der Basis der Beziehungen zwischen den einzelnen Variablen zu formulieren. Abbildung 1 stellt das Zusammenspiel der einzelnen Variablen nach van Raaji (1981) dar.

Abbildung 3: Modell ökonomisch-psychologischer Fragestellungen (van Raaij, 1981, S.9 in Kirchler, 1999, S.16)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses Modell ökonomisch- psychologischer Fragestellungen erlaubt, eine Reihe von Fragestellungen auf der Basis der Beziehungen zwischen den einzelnen Variablen zu formulieren. Kirchler (1999) stellt die von van Raaij (1981) definierten Variablen wie folgt dar.

1) allgemeine Wirtschaftsbedinungungen und wirtschaftlicher Kontext: das Wirtschaftssystem im Staat, die Konjunkturlage, die Wirtschaftspolitik der Regierung, Krieg und Friede sowie ökologische Bedingungen. Der wirtschaftliche Kontext bezieht sich auf die Marktlage, die persönliche Finanzlage, die Art der Beschäftigung und Einkommensquellen. Die Beziehungen zwischen allgemeiner Wirtschaftslage sowie Möglichkeiten der Haushalte und Firmen stellen einen Untersuchungsbereich dar.
2) wirtschaftlicher Kontext, wahrgenommener Wirtschaftskontext und personelle Eigenheiten: Die subjektive Interpretation der wirtschaftlichen Bedingungen von Individuen in privaten Haushalten und Unternehmen aufgrund von Eigenheiten, Werten, Zielen, Erwartungen und Befürchtungen beeinflussen sich wechselseitig mit dem wirtschaftlichen Kontext. Darunter fallen u.A. Aspekte des Wirtschaftsklimas, erwartete Preisentwicklungen, subjektiv wahrgenommene Einkommensverteilung und beurteilte Gerechtigkeit.
3) Wirtschaftlicher Kontext, wahrgenommener Wirtschaftskontext und Verhalten: das Verhalten von Konsumenten und Unternehmern hängt überwiegend von der wahrgenommenen Wirtschaftslage ab
4) Verhalten und Situation (Umgebungsereignisse): Verhaltensabsichten können zu Handlungen führen; situative Einflüsse können Handlungen, trotz des Wunsches sie auszuführen, verhindern. Beispielsweise könnten Konsumenten Konsumwünsche aufgrund von Arbeitslosigkeit aufschieben.
5) Ökonomisches Verhalten, subjektives Wohlbefinden und wahrgenommener Wirtschaftskontext: Ökonomisches Verhalten findet seinen Niederschlag im subjektiven Wohlbefinden. Die Zufriedenheit mit Gütern kann zu einer Veränderung der wahrgenommenen Wirtschaftslage führen.
6) Subjektives Wohlbefinden und gesamtgesellschaftliche Stimmung: für die ökonomische Psychologie stellen sich Fragen, die den Zusammenhang zwischen dem Befinden in wirtschaftlichen Belangen und der Zufriedenheit im allgemeinen betreffen, sowie Fragen nach dem Zusammenhang zwischen individuellem Befinden und der Konsumenten- und Produzentenstimmung.
7) Subjektives Wohlbefinden, Verhalten und wirtschaftlicher Kontext: das subjektive Wohlbefinden der Konsumenten determiniert wirtschaftliche Entwicklungen. Die Stimmung der Konsumenten und deren Verhalten bestimmen die Wirtschaftslage, da Konsum- und Sparneigungen, sowie Investitionstendenzen und Rücklagen der Unternehmer, direkt die wirtschaftliche Fluktuation beeinflussen.

Das Einbeziehen mehrerer gesellschaftlicher, ökonomischer, persönlicher und politischer Faktoren wie im Modell von van Raaij (1981) ist aber noch kein endgueltiges Herausführen aus den ökonomischen Grundannahmen über das menschliche Verhalten, die auf Nutzenmaximierung und Rationalität beruhen. So wird beispielsweise aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht Menschen unterstellt, sie würden sich so verhalten, dass ein, meist egoistischer, Nutzen maximiert wird. Die Annahme lautet, dass Menschen in Entscheidungssituationen nach dem höchsten subjektiven Nutzen trachten, während die Kosten zu minimieren versucht werden. Diese Grundannahme mag sich teilweise bestätigten, kann aber in ihrer postulierten Allgemeingültigkeit sicherlich nicht auf alle menschlichen Entscheidungsprozesse umgelegt werden.

Kirchler (1999) nimmt an, dass einer der Gründe dafür das Menschen nicht immer nach dem Nutzenmaximierungsprinzip handeln darin liegt, dass Entscheidungen dann getroffen werden müssen, wenn eine Diskrepanz zwischen einem Ist- und Wunschzustand bemerkt wird, und verschiedene Transformationswege vom Ist- zum Wunschzustand überführen können. Der Umgang mit der empfundenen Diskrepanz unterliegt wiederum Unterschieden innerhalb der Person, der Umgebung oder der Situation bzw. einem Wechselspiel dieser Faktoren. Beispielsweise haben die ökonomischen Kosten- Nutzen Überlegungen, laut Kirchler (1999,) auch die Vorstellungen über menschliche Interaktionsprozesse geprägt. Allerdings zeigte sich auch hier, dass Rationalität und Nutzenmaximierung im Alltag eher die Ausnahme als die Regel sind. Wie Kirchler (1999) beschreibt, treten die Annahmen der Nutzenmaximierung bei der menschlichen Interaktion zwar auf. Allerdings nur bei Austauschbeziehungen mit niedriger Beziehungsqualität. In anderen Beziehungen, vor allem in funktionierenden Liebesbeziehungen, scheinen andere Überlegungen, als rationale Kosten- Nutzen Rechnungen, den Austausch von Annehmlichkeiten oder Gütern zu bestimmen.

Experimentelle Ökonomie

Die Ökonomie hat ein recht einfaches Konzept entwickelt hat, welches das menschliche Verhalten nicht nur zu prognostizieren, sondern auch zu beschreiben vorgibt. Der Vorteil der mathematischen Formelsprache kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen auch im wirtschaftlichen Kontext „schlechte“ Entscheidungsträger sind. So gesehen stehen die Urteile oft im Widerspruch mit der statistischen Wahrscheinlichkeits-theorie, welcher wiederum ein besonderer Stellenwert bei den empirischen Experimenten in der psychologischen Forschungspraxis beigemessen wird.

Die Diskrepanz zwischen ökonomischen Theorien und beobachtbaren Verhalten wurden zunehmend unübersehbar, sodass der experimentellen Ökonomie ein immer höherer Stellenwert auch innerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung zugesprochen wird. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass der Großteil der Ökonomen derzeit nicht experimentell arbeitet. Kirchler (1999) beschreibt, dass in der wirtschaftswissen-schaftlichen Forschung zumeist derart vorgegangen wird, dass zuerst ein konkretes Problem formuliert wird. Darauf folgt mathematische Berechnung und daran anschließend wird anhand von Daten aus der Realität, die Theorie überprüft. Nach Hey (1991, in Kirchler, 1999) besteht ein Abgrund zwischen ökonomischer Theorie und den aus der Realität stammenden Daten.

Smith der gemeinsam mit dem Psychologen Kahnemann 2002 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurde, gilt als einer der Gründerväter, der experimentellen Wirtschaftsforschung (experimental economics). Viele der von ihm entwickelten Modelle sind zwischenzeitlich weltweit als Standard für Laborexperimente anerkannt. Da das Experiment allgemein als exakteste Methode wissenschaftlicher Forschung anerkannt wird, weil zur Hypothesenprüfung Versuchsbedingungen willkürlich manipuliert und alle bedeutsamen Variablen kontrolliert werden können und somit der Einfluss auf andere Variablen festzustellen ist, können dadurch Kausaleffekte beschrieben werden (Friedrichs, 1982 in Kirchler, 1999). Deshalb gewinnt die experimentelle Forschung in der Wirtschaftswissenschaft zunehmend an Bedeutung.

Im praktischen Umfeld von Investment- und Finanzierungsinstituten gewinnen die Überlegungen menschliches Verhalten anders, als mittels klassisch ökonomischer Maxime zu erklären, zunehmend an Bedeutung. Der aktuell aufstrebende Ansatz der Behavioural Finance berücksichtigt die Tatsache, dass Märkte nicht in jedem Fall rational handeln, weil sie wesentlich von menschlichem (Fehl)verhalten geprägt und gesteuert werden. Neben der Beobachtung realer Märkte und dem Einsatz von bildgebenden Verfahren (FMRI- funktionelle Magnetressonanztherapie) zur Aufzeichnung von aktivierten Arealen im Gehirn während Entscheidungsprozessen, wird in diesem Feld auch häufig das Experiment für den Erkenntnisgewinn eingesetzt.

1.2.2 Entscheiden und Urteilen

Beispiele aus der Psychologie für Abweichungen vom Rationalmodell

Individuen und Firmen sind ständig damit konfrontiert Entscheidungen zu treffen. In manchen Situationen ist die Wahl einfach, weil die Präferenzen klar und die Konsequenzen der wenigen verfügbaren Alternativen eindeutig sind. Manche Entscheidungen sind unspektakulär, entweder weil die Ergebnisse nicht weiter relevant sind, oder weil eine Alternative mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum gewünschten Ziel führt (vgl. Kirchler 1999). Die ökonomischen Entscheidungstheorien orientieren sich bei der Beschreibung und Erklärung von Entscheidungsporzessenn am Modell des schon vorher erwähnten „Homo Oeconomicus“ und gehen davon aus, dass Personen vernünftig die Vor- und Nachteile der Entscheidungsalternativen abwägen und bei der Entscheidungsfindung danach trachten, den Nutzen zu maximieren. Die späteren psychologischen Theorien gehen von einem differenzierteren Handlungsmodell des Menschen aus und unterstellen diesem, dass er mitunter auch unvernünftig und objektiv nicht nutzenmaximierend entscheidet. Die Beschreibung von Hintergründe und Definitionen zu Prozessen des Entscheidens und Urteilens aus psychologischer Sicht, stellt einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der „systematischen Anomalien“ (u.A. Sunk Cost Effect, Endowment Effekt s.a. Kap.1.1.) im menschlichen Verhalten dar. Herbert Simon, einer der Gründerväter der Kognitionspsychologie, nimmt an, dass Denkprozesse von begrenzter Rationalität geleitet sind, da das „menschliche Denkvermögen im Vergleich zur Komplexität der Umwelt, in der menschliche Wesen leben, sehr bescheiden ist“ (Simon 1979, in Kirchler 1999).

Entscheiden wird von Zimbardo und Gerrig (2004) als der Prozess der Wahl zwischen Alternativen, der Auswahl oder der Ablehnung vorhandener Möglichkeiten beschrieben. Entscheidungen sind meist von Unsicherheit begleitet. „Weil man die Zukunft nur erraten kann und über die Vergangenheit niemals das vollständige Wissen besitzt, kann man sich selten völlig darüber sicher sein, dass man ein richtiges Urteil oder eine richtige Entscheidung getroffen hat“ (Zimbardo & Gerrig, 2004, S. 384). Baybrooke und Lindblom (1963; Lindblom, 1959, 1979) beschreiben Entscheidungen als einen schrittweisen, inkrementellen Prozess oder als „muddling through“. Sie gehen davon aus, dass je komplexer die Aufgabe ist, desto geringer die Wahrscheinlichkeit ist, dass rationale Entscheidungsstrategien angewandt werden.

Sowohl im Studium individueller Entscheidungen, das seinen Ursprung in der statistischen Entscheidungstheorie hat, als auch bei der Untersuchung von Entscheidungen in Gruppen und Organisationen, mit Wurzeln in der ökonomischen Theorie der Firma und der Spieltheorie, weichen die Beobachtungen des Verhaltens von den Postulaten der Theorie des Homo Oeconomicus unübersehbar ab (March und Shapira, 1992 in Kirchler 1999). Zum besseren Überblick werden im Folgenden einige Entscheidungsmodelle vorgestellt.

Entscheidungsmodelle

Wie bereits dargestellt, wurde in der Ökonomie und später auch in der Psychologie und anderen Sozial- und Formalwissenschaften, vor allem der Umgang mit Unsicherheit in Wahl- und Entscheidungssituationen thematisiert. Die Entscheidungstheorie, wie sie auf Basis der Rational- und Nutzenmaximierungsannahmen entwickelt wurde, stützt sich auf das Modell der Subjective- Expected- Utility, das in Kapitel 1.1. genauer vorgestellt wurde. Zusammenfassend ist zu sagen, dass das „Subjective- Expected- Utility Model“ ein weiteres, von rational handelnden Menschen ausgehendes, Maximierungsmodell darstellt. Das heißt, es handelt sich um ein normatives Entscheidungsmodell. Normative Entscheidungsmodelle haben nur eingeschränkte Aussagekraft, da aber anhand von Idealmodellen das systematische Abweichen erkannt werden kann, haben sie eine wesentliche Bedeutung sowohl in der Psychologie, als auch in den Wirtschaftswissenschaften.

Nach Kühberger (1994, S.5) ist die Entscheidungssituation nach „folgenden allgemeinen Charakteristika gekennzeichnet:

1) es gibt einen bestimmten identifizierbaren Entscheider
2) alle Alternativen sind im Voraus festgelegt und der Entscheider ist vollständig darüber informiert
3) alle möglichen Konsequenzen können vorweggenommen und bewertet oder in eine Rangordnung gebracht werden.
4) Die Bewertung der Konsequenzen geschieht anhand von beständigen Zielen
5) Allen möglichen Ereignissen können Wahrscheinlichkeiten zugeordnet werden
6) Die Relevanz von Informationen kann beurteilt und relevante Information kann gesucht und gesammelt werden“

(Kühberger in Kirchler, 1999, S.23).

Selten laufen alle diese Schritte in dieser sorgsamen Weise ab und ermöglichen so dem Individuum den erwünschten maximalen Nutzen zu erreichen.

Ein weiterer Aspekt, warum Entscheidungsverhalten mit rationalen Kosten- und Nutzen Modellen nicht ausreichend erklärt werden kann, ist das Phänomen der Entscheidungsaversion. Sie beschreibt die Neigung, Entscheidungen zu vermeiden; je schwieriger die Entscheidung, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit der Entscheidungsaversion (vgl. Kirchler, 1999).

Zimbardo und Gerrig (2004) führen an, dass obwohl es einige individuelle Unterschiede gibt, die allgemeine Tendenz, schwierige Entscheidungen zu vermeiden, bei den meisten Menschen ziemlich stark ist. Was individuell als schwierige Entscheidung erlebt wird hängt ebenso von persönlichen wie von Merkmalen der Situation ab. Gründe für die allgemeine Tendenz schwierige Entscheidungen zu vermeiden, haben Beattie et al. 1994 (zitiert nach Zimbardo & Gerrig, 2004, S. 393 ff.) zusammengefasst:

- Menschen treffen nicht gerne Entscheidungen, die dazu führen, dass nachher manche mehr und manche weniger von einem begehrten Gut besitzen
- Menschen können das Bedauern absehen, dass sie empfinden, falls sich die Alternative für die sie sich entscheiden, als schlechter herausstellten sollte als die Alternative die sie nicht gewählt haben (post desicional regret)
- Menschen sind nicht gerne für Entscheidungen verantwortlich, die zu schlechten Resultaten führen
- Menschen treffen nicht gerne Entscheidungen für Andere

Dennoch wird versucht über normative Entscheidungsmodelle oder so genannte Optimierungsmodelle, den Entscheidungsprozess klar und rational darzustellen. In normativen Modellen oder Optimierungsmodellen werden Entscheidungsprozesse in folgende Phasen geteilt:

1) Wahrnehmung einer kritischen Situation, die einer Entscheidung bedarf
2) Identifikation der Entscheidungskriterien
3) Gewichtung der Entscheidungskriterien
4) Entdeckung von Entscheidungsalternativen
5) Bewertung der Alternativen
6) Wahl der optimalen Alternative

(vgl. Zimbardo & Gerrig, 2004)

Anschließend an diese kurze Vorstellung von Beispielen von normativen Entscheidungsmodellen, folgt nun eine Beschreibung verschiedener psychologischer Mechanismen die zur Erklärung der Abweichungen von diesen Modellen im täglichen Handeln von Menschen erklären.

Entscheidungsheuristiken

Gründe für das Abweichen vom Rationalmodell in Entscheidungssituation, liegen unter Anderem darin, dass in realen Entscheidungssituationen oft nicht alle Alternativen überblickbar sind oder weil Individuen aufgrund der Informationsvielfalt und des Zeitdrucks überfordert sind. In solchen Situationen werden Entscheidungsheuristiken angewendet. Tversky und Kahnemann (1972) zeigten vielfach, dass die Urteile von Menschen auf Heuristiken beruhen und nicht auf formalen Analysemethoden. Heuristiken sind informelle Daumenregeln, die schnelle Lösungen liefern und die Komplexität der Urteilsfindung reduzieren. Sie unterscheiden drei Arten von Heuristiken, die Verfügbarkeits-, die Repräsentativitäts- und die Ankerheuristik. Die Verfügbarkeitsheuristik geht davon aus, dass Menschen ihre Urteile auf Informationen gründen, die ihnen aus dem Gedächtnis am leichtesten zur Verfügung steht. Die Repräsentativitätsheuristik geht davon aus, dass Menschen ihre Urteile dadurch treffen, indem sie herausfinden, ob ein Sachverhalt repräsentativ für die bereits erworbenen Erfahrungen ist und sie demnach in ähnlicher Weise wie in vergleichbaren früheren Situationen entscheiden können. Die Ankerheuristik nimmt an, dass Menschen ihre Schätzurteile von einem anfänglichen Ausgangswert aus anpassen. Laut Kahnemann (1991 in Kirchler, 1999) kann man Urteilsprozesse aufgrund der Analyse von Urteilsfehlern analysieren. Die Forschung zum menschlichen Urteilen zeigt, dass sich Menschen häufiger auf Heuristiken, statt auf formale Analysen verlassen.

Risikoentscheidungen in Gruppen

Bei sozialpsychologischen Untersuchungen wurde gezeigt, dass Risikobereitschaft von den meisten Menschen als positiv bewertet wird (Herkner 2001). Zur Messung der Risikobereitschaft eines Individuums wird aus den Antworten einer Versuchsperson bei einer Reihe von Entscheidungsproblemen - wie oft sie die sichere oder die riskante Alternative wählt bzw. unter welchen Bedingungen (bei welchen Erfolgswahr-scheinlichkeiten) sie die riskante Alternative wählt- ihre Risikobereitschaft eingeschätzt. Ein besonderes Phänomen, da es von der Risikobereitschaft von Einzelpersonen zu unterscheiden ist, ist die Risikobereitschaft von Gruppen. Das „ Risky Shift Phänomen “ ist ein typisches Beispiel für systematische Verzerrungen der klassischen Kosten- Nutzen Annahmen in rationalen normativen Entscheidungsmodellen. Dieses Phänomen beschreibt die Tatsache, dass, Gruppenentscheidungen riskanter sind, als Einzelentscheidungen. Dies wurde auch im Vergleich zwischen Nationalitäten (Kogan & Doise, 1969; Lamm & Kogan, 1970; Rim 1963), Altersgruppen (Kogan & Carlson, 1969) und bei verschiedenen Berufen (Marquis, 1962; Rim, 1965; Stoner, 1961) festgestellt. Ursachen dafür werden darin gesehen, dass risikofreudige Personen möglicherweise einflussreicher sind (vgl. Herkner, 2001).

Die Psychologie der Entscheidungsfindung hat durch die Beschreibung von Urteilsverzerrungen, wie beispielsweise Heuristiken, gezeigt, dass die Art der Formulierung einer Frage starke Konsequenzen für die Entscheidung haben kann, die am Ende getroffen wird (Slovic, 1995 in Kirchler 1999). Deshalb sind Bezugspunkte (Kahnemann, 1992) bei der Entscheidungsfindung so wichtig. Was als Gewinn oder Verlust erscheint, wird zum Teil durch die Erwartungen bestimmt, auf die sich eine Person bezieht. Dies wurde im Rahmen der Vorstellung der Prospect Theory (s. Kap. 1.1) von Kahnemann und Tversky (1979) bereits näher beschrieben.

Einstellungen und Verhalten zu Entscheidungen

Allgemein wird Entscheidungsverhalten in der psychologischen Forschung, und auch der wirtschaftspsychologischen Forschung, häufig über Fragebogenerhebungen gemessen. Aufgrund der bereits erwähnten stärkeren Einbeziehung psychologischer Erkenntnisse und Methoden in die wirtschaftswissenschaftliche Untersuchung des Verhalten von Individuen, scheint es notwendig auf eine weitere menschliche Besonderheit hinzuweisen. Der Einfluss von Einstellungen auf das Entscheidungsverhalten ist von Bedeutung, da Einstellungen und Verhalten nicht immer übereinstimmen. Die psychologische Forschung liefert einige Anhaltspunkte welche Situations- und Personenmerkmale einstellungskongruentes Verhalten fördern bzw. unterdrücken.

Einstellungen haben einen wesentlichen Anteil an individuellen Unterschieden im Entscheidungsverhalten. Laut Zimbardo und Gerrig (2004) sind Einstellungen die gelernte, relativ stabile Tendenz auf Menschen, Konzepte und Ereignisse wertend zu reagieren.

Ein Merkmal von Entscheidungen, welches Verhalten vorhersagt, ist die Verfügbarkeit, also die Stärke der Assoziation zwischen einem Einstellungsobjekt und der Bewertung dieses Objektes durch eine Person (Fazio, 1995 zitiert nach Zimbardo & Gerrig, 2004, S.774) Zimbardo & Gerrig nehmen an, dass abhängig von der Verfügbarkeit oder Spezifität von Einstellungen, eine stärkere Beziehung zwischen Einstellungen und Verhaltensweisen besteht.

Andere psychologischen Forschungsrichtungen haben sich mit der Suche nach Erklärungen, warum Menschen, teilweise sogar in einfachen Entscheidungssituationen, nicht immer den Nutzen maximieren können, beschäftigt.

Beispielsweise wird in der klassischen Lerntheorie angenommen, dass die Folgen des eigenen Verhaltens die Auftrittswahrscheinlichkeit des Verhaltens bestimmen. Die operante Konditionierungstheorie beschreibt im fundamentalen Effektgesetz, dass die Wahrscheinlichkeit jenes Verhaltens steigt, das die höchste Verstärkung erfährt (in Herkner 2001). Diese Lernprozesse setzen bereits im Säuglingsalter ein. Erfahrungen zu Verstärkung oder Bestrafung aus diesem Lebensabschnitt haben Einfluss auf die Erwartungshaltungen von Menschen.

Im „ Implicit Favourite Model “ (Soelenberg 1976 in Kirchler 1999) wird angenommen, dass sich Entscheidungsträger spontan für eine aus den insgesamt verfügbaren Lösungsalternativen entscheiden. Diese Alternative wird implizit zum Favoriten und mit den anderen Alternativen verglichen. In den Vergleichsprozessen wird hauptsächlich versucht, Vorurteile die die implizite, erste Wahl rechtfertigen, zu bestätigen.

1.2.3 Risikoaversion

Bereits im 18. Jahrhundert stellte Daniel Bernoulli fest, dass Menschen risikoscheu sind und einen sicheren Gewinn einem möglichen, statistisch gesehen, gleich großen Gewinn vorziehen. Ein sicherer Gewinn wird sogar dann einem Unsicheren vorgezogen, wenn rein rechnerisch betrachtet, die Alternative des wahrscheinlichen Gewinns vorteilhafter ist als der sichere Gewinn. Laut Kirchler (1999) ist Risikoaversion anhand der Risikonutzentheorie mit dem rationalen Entscheidungsmodell vereinbar. Wenn zwei Alternativen rein rechnerisch betrachtet gleich wertvoll sind, wird die sicherere Alternative bevorzugt. Da Risiko Kosten verursacht, muss eine riskante Alternative auch rechnerisch etwas mehr bringen, um gewählt zu werden. Genau genommen reicht diese Begründung nicht aus um zu erklären, warum das Entscheidungsverhalten von Individuen systematisch ins Schwanken gerät. Es ist allerdings häufig gezeigt worden, dass Sicherheit vor Risiko und Risiko vor Ambiguität bevorzugt wird (vgl. Kirchler, 1999).

1.2.4 Risikotoleranz

Risikotoleranz ist ebenso wie der Begriff des Risikos nicht eindeutig definierbar, da seine Bedeutung und Auslegung über Zeiten, Forschungsrichtungen und Weltanschauungen variiert. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass sich um ein Persönlichkeitsmerkmal handelt. Holzheu & Wiedemann (1993, zitiert nach Chaulk et al., 2003) beschreiben, dass Risikotoleranz als subjektives Konstrukt konzeptualisiert ist, welches ein Ergebnis von Wahrnehmungs- und Beurteilungsprozessen ist.

Der Großteil der Forschung über finanzielle Risikotoleranz ist von der ökonomischen Theorie geprägt, in der Risiko über das Konzept der Risikoaversion oder niedriger Toleranz Risiko zu akzeptieren, erklärt wird. Davon ausgehend, wird Risikoaversion als das Verhältnis von riskanten Anlagen (Assets) zu Vermögen beschrieben (Nahha & Chen, 1997; Hinz et al., 1997; Wang & Hanna, 1997). Menschen mit hoher Risikotoleranz sind im Besitz von im Verhältnis proportional höherer Anlagen, als Menschen mit vergleichsweise niedrigerer Risikotoleranz. Zudem kann angenommen werden, dass Menschen mit höherer Risikotoleranz die Unsicherheiten von Kursabfällen und -steigungen (dips and peaks) tolerieren (Grable & Lytton, 1998; Leimberg et al., 1989), als Menschen mit niedriger finanzieller Risikotoleranz.

Zur Erklärung der inter- und intraindividuellen Unterschiede in der Risikotoleranz, bieten beispielsweise Xiao und Anderson (1997) ein Investment- und Risiko - Modell an, das auf Maslows (1954) Bedürfnispyramide aufbaut. Laut diesem Modell geben Menschen Grund- und Sicherheitsbedürfnissen die höchste Priorität und nehmen deshalb bei niedrigen Ressourcen keine Risiken in Kauf. Mit dem Anstieg der Ressourcen und dem Erfüllen der Grundbedürfnisse, werden sekundäre Bedürfnisse nach Wachstum salient und die Ressourcen werden riskanteren Investitionen mit größerem Wachstumspotential zugewandt. Dieses Modell weist eine relativ hohe Sensitivität für Umgebungs- und Situationsfaktoren, die die menschliche Entscheidungsfindung beeinflussen auf, da es es auf der Vorhersage auf Grundlage des Wohlstands des Individuums, des einzelnen Menschen basiert. Auf diese Weise repräsentiert es laut Chaulk, Johnson & Bulcroft (2003) somit ein Standardmodell für Entscheidungsverhalten.

Die Theorie des „Family Developments“ von White (1991) beschreibt Unterschiede in Verhaltenserwartungen (behavioural expectations) und Möglichkeiten des Entscheidungsverhaltens von Männern und Frauen in der Familie aufgrund von unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen für Ehemänner und –frauen. Diese Theorie berücksichtigt darüber hinaus auch Einflüsse von sich individuell verändernden persönlichen Bedürfnissen und veränderlichen Rollenanforderungen aufgrund von Veränderungen in der Familie (z.B.: Geburt eines weiteren Kindes, erwachsene Kinder,...). Chaulk et al. (2003) untersuchten anhand der Rahmenmodelle der „ Family Developement Theory “ (White, 1991) und der „Prospect Theory“ (Kahneman & Tversky, 1979; sieh Kap. 1.1.) wie Familienstruktur und die Interaktion dieser Familenstruktur mit Geschlecht, Alter, Einkommen die Neigung finanzielle Risiken einzugehen, beeinflussen. Chaulk et al. (2003) sehen die Verbindung dieser beiden Theorien im Konzept der Rollenerwartungen und deren Einfluss für positive oder negative „identity outcomes“ (Persönlichkeits-einschätzungen), welche wiederum die Salienz von potentiellen Verlusten versus Gewinnen bei jeder riskanten Situation beeinflusst.

Ihre Ergebnisse zeigen, dass Variablen wie Familienstand, ein Kind zu haben, oder das Alter des ältesten Kindes unterschiedliche Einflüsse auf die Risikotoleranz von Männern und Frauen haben . Beispielsweise zeigten sich Wechselwirkungen zwischen dem Familienstand und dem Alter in der Art, dass jüngere verheiratete Untersuchungs-teilnehmer weniger dazu bereit waren Risiken einzugehen, um ihr jährliches Einkommen zu erhöhen, als unverheiratete Teilnehmer. Andererseits zeigten sich ältere verheiratete Teilnehmer risikotoleranter, als ältere Singles die an der Untersuchung teilnahmen. Allgemein wird auch angenommen, dass die Anwesenheit von Kindern im Haushalt die Risikobereitschaft senkt, in der Untersuchung von Chaulk et al. (2003) zeigte sich aber bei Teilnehmern mit hohem Einkommen ein genau gegenteiliger Effekt. Diese Gruppe zeigte sich besonders risikotolerant. In den anderen Gruppen zeigte sich aber der erwartete Einfluss von Kindern auf die Risikobereitschaft, wobei hervorzuheben, dass besonders jüngere Kinder die Risikotoleranz zu senken scheinen.

Abschließend ist zu den unterschiedlichen Herangehensweisen zum Thema Risiko in den psychologischen und wirtschaftswissenschaftlichen Traditionen zu betonen, dass es für beide Forschungsrichtungen bereichernd war und ist, Theorien und Methoden wechselseitig auszutauschen. Die oben vorgestellten Beispiele aus der wirtschaftspsychologischen Forschung und teilweise aus der Verhaltensökonomie zeigen, dass durch Integration verschiedender Ansätze der größte Erkenntnisgewinn sowohl für die Grundlagenforschung, als auch für angewandte Fragestellungen zu ziehen ist.

1.3 Finanzielle Risikobereitschaft – (Florian Meisel)

Vom Weinen zum Lachen ist ein angenehmer

Schritt, wobei man allen Verdruss vergisst; aber von der Freude zum Leid, da ist die Veränderung sehr empfindlich.

(Florindo in „Der Diener zweier Herren“ von Carlo Goldoni, zitiert aus Kirchler, 1999)

Finanzielle Risikobereitschaft - definiert als der maximale Betrag, den man bereit ist bei einer finanziellen Entscheidung mit Unsicherheit zu riskieren- spielt in vielen Lebensbereichen und Situationen, sei es im ökonomischen oder im sozialen Bereich eine wichtige Rolle (Grable, 1999). Da finanzielle Risikobereitschaft als Konstrukt sehr komplex und vielseitig ist, ist es von Bedeutung die zugrunde liegenden Faktoren dieser Art der Risikobereitschaft zu kennen und diese zu berücksichtigen, da sowohl Personlichkeitsfaktoren des Entscheiders, als auch ehemalige Erfahrungen, Information eine wichtige Rolle bei einer riskanten Entscheidung spielen.

1.3.1 Determinanten der finanziellen Risikobereitschaft

Um die täglichen, finanziell- riskanten Entscheidungen zu verstehen, ist es von größter Notwendigkeit die demographischen, sozioökonomischen zu betrachten und ihre Einflüsse auf die finanziellen Entscheidungen zu verstehen. So zeigte sich, dass Faktoren wie Alter, Geschlecht, Familienstand, Beruf und Einkommen als auch Bildung einer Person in ihren täglichen finanziellen Risikoentscheidungen einen großen Einfluss haben können (Grable, 2000).

- Die Annahme unserer Gesellschaft, dass Männer größere Risiken aufnehmen sollten als Frauen und dieses auch wirklich tun, wurde in zahlreich durchgeführten Studien bestätigt. (Slovic, 1966)
- Ebenso konnten die Annahmen, dass mit steigendem Alter die finanzielle Risikobereitschaft sinkt, bestätigt werden (Bakshi & Chen, 1994).
- Eine Steigerung der finanziellen Risikobereitschaft wurde sowohl bei einem „Single- da Sein“ gefunden, als auch bei einer fixen, längerfristigen Beschäftigung (Baker & Haslem, 1974; Grey & Gordon, 1978).
- Bei höherem Bildungsstand und höheren Einkommensschichten steigt ebenfalls die finanzielle Risikobereitschaft (Baker & Haslem, 1974).

Im Weiteren kann man davon ausgehen, dass die Entscheidung sich finanziell riskant zu verhalten, sowohl von Persönlichkeitsfaktoren als auch finanziellen Faktoren abhängt (Carducci & Wong, 1998). Bei den finanziellen Faktoren müssen Einflussfaktoren wie der Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit als auch der „return of investment“ Betrag berücksichtigt werden. Bei den persönlichen Faktoren sind zum Beispiel langfristige finanzielle Ziele aufzuzählen. Ein Persönlichkeitsfaktor, der mit finanziellem Risiko oft verbunden wird, ist der von Zuckermann (1994) verwendete Begriff des „sensation seeking“ (Sensationssuche). Zuckermann entwickelte ein eigenes Instrument, die „sensation seeking scale“, welche Personen einstufen sollte, inwiefern sie in den verschiedensten Lebensbereichen finanzielle Risiken auf sich nehmen. Eine hohe Risikobereitschaft ist hier mit einer starken Tendenz neue, aufregende, intensive Erlebnisse zu erfahren, verbunden.

Ebenso ist der „locus of control“ eine weitere wichtige psychologische Variable, die bei der finanziellen Risikobereitschaft berücksichtigt werden muss (Carducci & Wong, 1998). Die Ergebnisse zu diesen Studien zeigten, dass Personen mit einer geringeren subjektiv wahrgenommenen Kontrollierbarkeit bei Risikoentscheidungen unüberlegter und weniger strategisch vorgehen.

Die Ergebnisse weiterer Untersuchungen bezüglich der Beziehung zwischen Persönlichkeitsfaktoren und der finanziellen Faktoren auf die Risikobereitschaft (Carducci & Wong, 1998) mit Einbeziehung der Geschlechtsunterschiede als Ursache von generellen Traits oder Kontextfaktoren (Powell & Ansic, 1997) zeigte, dass die finanzielle Risikobereitschaft viel mehr als generelles „Trait“ statt als „state“ (Zustand) zu betrachten ist. „Traits“ bedeutet in diesem Kontext eine Prädisposition, die über verschiedene Zeitpunkte und Situationen relativ stabil ist (Powell & Ansic, 1997).

Im Weiteren kann davon ausgegangen werden, dass –ganz grob gesprochen- das Erreichen von finanziellem Erfolg- also der positive Ausgang einer Aktion unter finanzieller Risikobereitschaft- zumindest eine Kombination von Persönlichkeitsmerkmalen und Charakteristiken als auch sozioökonomischen Hintergrunds ist (Grable, 2000). Auch muss hier erwähnt werden, dass die finanzielle Risikobereitschaft als Konstrukt sehr schwer zu messen ist, da die Ergebnisse der eben erwähnten, zahlreich durchgeführten Studien darauf hindeuten, dass diese aus mehreren, verschiedenen Faktoren besteht. Dies sollte auch bei der zukünftigen Interpretation berücksichtigt werden.

1.3.2 Messung der finanziellen Risikobereitschaft

In der Psychologie wird oftmals zwischen subjektiven und objektiven Tests zur Messung von Persönlichkeitsmerkmalen unterschieden. Ein subjektiver Test liegt dann vor, wenn der Proband Auskunft über seine eigene „Merkmalsausprägung“ geben soll und er sich selbst bewusst ist, wie seine Antworten ausgelegt werden. Bei den objektiven Tests wird „unmittelbar das Verhalten eines Individuums in einer standardisierten Situation erfasst, ohne dass dieses in der Regel sich selbst beurteilen muss. Die Verfahren sollen für den Probanden keiner mit der Messintention übereinstimmende Augenscheinvalidität haben (Schmidt, 1975, Seite 19, zitiert nach Krahnen, Rieck & Theissen, 1997).

Damit ein psychologischer Test ein Mittel zur Einschätzung von Persönlichkeitsmerkmalen sein kann, muss er bestimmte Gütekritierien enthalten. Die in der Psychologie üblicherweise genannten Anforderungen sind Objektivität, Reliabilität und Validität.

Die Objektivität eines Tests gibt an, inwieweit die Testergebnisse unabhängig vom Untersucher sind. Die Reliabilität gibt die Zuverlässigkeit an, mit der ein Test ein Persönlichkeitsmerkmal misst, unabhängig davon, ob es sich bei dem gemessenen Merkmal um jenes handelt, welches der Test zu messen beabsichtigt. Die Validität ist der Grad, mit dem der Test das beabsichtigte Merkmal misst (Lienert, Raatz, 1994).

Einen Anhaltspunkt für die Risikoeinstellung kann die explizite Aufforderung zur Selbsteinschätzung geben, die mit Hilfe von Ratingskalen erhoben werden kann. Dabei bieten sich sowohl direkte Fragen („Wie groß ist Ihre Risikobereitschaft bei finanziellen Entscheidungssituationen?“) als auch indirekte Fragen („Vermeiden/mögen Sie es um Geld zu spielen?“). Diese Fragen können als Wahr Falsch Fragen konstruiert werden oder auch Antwortmöglichkeiten auf Ratingskalen vorgeben. Die indirekte Fragestellung stellt einen Übergang zu den objektiven Tests dar und erfolgt mittels Wahldilemma- Fragen. Diese fragen nicht- wie die Selbsteinschätzung- direkt nach den Merkmalsausprägungen, sondern geben Alternativsituationen vor, zwischen denen sich der Proband zu entscheiden hat (Kogan & Wallach, 1964). Die Art der Auswertung ist allerdings bei den Wahldilemma Fragen für den Probanden sehr leicht zu durchschauen.

Ein praktischer Vorteil aller Arten der Selbsteinschätzung liegt darin, dass sie einfach angewandt werden können, wogegen experimentelle Anordnungen in der Durchführung meist recht aufwendig sind. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass auch Entscheidungssituationen vorgegeben werden können, die experimentell nicht nachgebildet werden könnten, weil zum Beispiel die Situation an sich zu komplex wäre. Ein Nachteil der Selbsteinschätzung ist, dass möglicherweise erhebliche Anreize bestehen, unwahre Antworten zu geben, um zum Beispiel einen bestimmten Eindruck zu hinterlassen. Auch problematisch ist die Tatsache, dass die Probanden sich möglicherweise überhaupt nicht selbst einschätzen können.

Auch die wirtschaftswissenschaftliche Forschung versucht seit langer Zeit individuelle Risikoeinstellungen zu messen. Hier wird zur Messung fast ausnahmslos die experimentelle Methode, bei der es ein sehr wichtiges Merkmal ist, dass nicht nur hypothetische Situationen vorgegeben werden, sondern dass der Proband reale Entscheidungen zu treffen hat, die für ihn monetäre Konsequenzen haben.

Die älteste Methode, die individuelle Risikoeinstellung aus ökonomischer Sicht zu messen, besteht darin, die subjektiven Sicherheitsäquivalente zu verschiedenen Lotterien zu ermitteln. („Sicherheitsäquivalentmethode“) .Eine weitere Methode ist die Wahrscheinlichkeitsäquivalenzmethode, bei der die sichere Auszahlung gegeben ist, der obere und der untere Auszahlungswert der Lotterie vorgegeben ist und die Wahrscheinlichkeit p ermittelt wird.

Im Sinne der ökonomischen Theorie kann man bei der Messung der Risikoeinstellung zwischen den Stimuli unterscheiden, das heißt zwischen den zu bewertenden Entscheidungssituationen und den Mechanismen, die eine wahrheitsgemäße Antwort der Probanden sicherstellen (Krahnen, Rieck & Theissen, 1997).

In der Experimentellen Wirtschaftsforschung gilt es als Standard, „Befragungen“ nicht hypothetisch vorzunehmen, sondern die von den Probanden gewählten Alternativen auch tatsächlich auszahlungsrelevant werden zu lassen. Sinn dieses Vorgehens ist es, eventuell vorhandene Motivationen der Probanden in den Hintergrund treten zu lassen, die nicht der zu untersuchenden Entscheidungssituation entsprechen („induced value theory, Smitth 1976, zitiert auch Kranen, Rieck & Theissen, 1997). Im Bezug auf die vorher erwähnte Lotterie, bedeutet dies, dass das Geld im Laufe des Experiments tatsächlich ausgespielt wird und anschließend ausgezahlt wird so dass die Angaben der Versuchsperson für sie relevante monetäre Konsequenzen haben.

Allerdings bestehen auch Probleme bei der experimentellen Risikoeinstellungsmessung. So entsteht möglicherweise unter Laborbedingungen nicht die Atmosphäre, die bei den Probanden ein wirkliches Gefühl des Risikos auslöst (Jackson, Hourany, Vidmar, 1992, Seite 484, zitiert aus Krahnen, Rieck & Theissen, 1997). Im Zusammenhang mit den Lotterien bedeutet dieses Argument, dass alle möglichen Lotterienausgänge als möglicherweise zu gering empfunden werden, als dass sie ein Verhalten auslösen könnten, das bei großen Beträgen (in der Nähe des Gesamtvermögens des Probanden) zu beobachten wäre.

Zusammenfassend kann man aufgrund der vorher erwähnten Untersuchungen davon ausgehen, dass wenn man eine bloße Beobachtung und Beschreibung des Verhaltens bei finanziellen Entscheidungen vorhat, die erwähnten Verfahren des Wahldilemmas und der Lotterien ausreichend sind. Bei experimentellen Interventionsschritten, die eine Änderung des Risikoverhaltens in bestimmten Situationen anstrebten, darf nicht übersehen werden, dass eine stabile Persönlichkeitsgröße, die als Risikoeinstellung interpretiert werden kann, überhaupt nicht existiert. Außerdem liefern Experimente andere Ergebnisse als Befragungen und erheben offenbar weitere Aspekte der Risikoeinstellung. Auch liegt die Vermutung nahe, dass Selbsteinschätzungen einer systematischen Wahrnehmungs-verzerrung unterliegen.

Auch muss hier erwähnt werden, dass eine nützliche Einschätzung der individuellen finanziellen Risikobereitschaft meist nur in einer Kombination von verschiedenen, unterschiedlichen Messverfahren und gleichzeitiger Erhebung von mehreren Aspekten der Risikobereitschaft einen Sinn macht. Wünschenswert wäre es daher, Messmethoden zu entwickeln und zu verwenden, die sowohl Elemente der Selbsteinschätzung, als auch Elemente der Beobachtung des realen Verhaltens vereinigen.

Im Folgenden haben wir uns dieses Argument – auch durch die zahlreich durchgeführten Studien zu dieser Thematik- zu Nutzen gemacht und für die gegenwärtige Untersuchung eine vielseitige Testbatterie übernommen (Hanowski, 2005; Meier Pesti & Penz, 2003; Wäneryd, 1996, Yip, 2000).

2. Geschlecht

„Ein Mann ist ein Mann und eine Frau ist eine Frau“

(Pinel, 2001)

Das Geschlecht ist ein biologisches Faktum. Ob jemand ein Junge oder ein Mädchen, ein Mann oder eine Frau ist, lässt sich meistens sehr genau aus den äußeren Geschlechtsorganen schließen. Dadurch halten die meisten von uns das „Geschlecht“ für das erste und dadurch auch einfachste aller Unterscheidungsmerkmale zwischen Menschen. Diese Annahme zeigt sich auch in unserem Sprachgebrauch wieder: Die Worte „Sexus“ und „Sexualität“ leiten sich vom lateinischen Wort „secare“ ab, das schneiden, trennen, teilen bedeutet. Diese Begriffe beziehen sich ursprünglich auf eine Teilung der Menschheit in zwei verschieden Gruppen, eine Männliche und eine Weibliche. Jeder Mensch gehört zu einer von diesen beiden Gruppen, also zu einem der beiden Geschlechter. Jeder ist entweder männlichen oder weiblichen Geschlechts.

Dies alles scheint auf den ersten Blick ganz einfach zu sein. Die wissenschaftliche Forschung hat jedoch in letzter Zeit gezeigt, dass die üblichen einfachen Dimensionen von Männlichkeit und Weiblichkeit völlig unzureichend sind und dass, zumindest in bestimmten Fällen, die Angelegenheit sehr kompliziert sein kann.

Was heißt es wirklich ein Mann oder eine Frau zu sein, warum handeln, fühlen und denken Männer und Frauen so unterschiedlich? Alleine angesichts der vielen unterschiedlichen Entscheidungen die davon beeinflusst werden, ob es sich bei dem Entscheidungsträger um einen Mann oder eine Frau handelt, zeigen von der Bedeutung von Geschlecht auf das Leben von Individuen.

Im folgenden Kapitel werden die wichtigsten und grundlegenden Begriffe zur Geschlechtsthematik erläutert. Es wird der Versuch unternommen unterschiedliche, teils wiedersprüchliche, Annahmen zur Entwicklung und Aufrechterhaltung von Geschlechtsunterschieden zu einer umfassenden Perspektive auf diese Thematik zu integrieren.

2.1 Der Begriff „Gender“ in Abgrenzung zu Geschlecht – (Irina Nalis)

2.1.1 Begriffliche Trennung zwischen biologischem und psychologischem Geschlecht

Geschlecht wird weithin als ein wichtiger empirischer Faktor anerkannt, der zum Verständnis vieler Aspekte von Verhalten herangezogen wird (Stewart& Mc Dermott, 2003). Häufig wird Geschlecht als Kategorie verwendet, um Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu untersuchen, wobei hierbei davon ausgegangen wird, dass die untersuchten Unterschiede essentielle Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen darstellen. In Zusammenhang mit einigen biologischen Phänomenen, wie z.B. Ejakulation oder Schwangerschaft, trifft diese Annahme sicherlich zu. Andere Unterschiede müssen weder essentiell noch überdauernd sein.

Der deutsche Begriff „Geschlecht“ erlaubt keine Differenzierung im Sinne der englischen Unterscheidung in „sex“ und „gender“. Das englische „sex“ wird mittlerweile in der Wissenschaft fast ausschließlich zur Beschreibung des biologischen Geschlechtes herangezogen, wo hingegen „gender“ das soziale Geschlecht beschreibt. In weiterer Folge wird im Folgenden der jeweils beschriebene Aspekt von Geschlecht explizit erwähnt. Teilweise wird allerdings auch allgemein von Geschlechtsunterschieden die Rede sein, da eine eindeutig Trennung, nach heutigem Stand der Forschung nicht immer möglich, manchmal auch gar nicht wünschenswert ist. Da in der heutigen Forschungspraxis der Sozialwissenschaften allerdings auch die so genannte Gender- Forschung einen fixen Platz im akademischen Diskurs einnimmt, wird, sofern eine Unterscheidung im Sinne der -meist englischsprachigen Autoren- möglich ist, auch der englische Begriff Gender verwendet. Besonders relevant ist die Unterscheidung der auf diese Weise beschriebenen unterschiedlichen Aspekte von Geschlechtlichkeit. Eine Beschreibung der Unterschiede zwischen Männern und Frauen hat andere Implikationen, wenn sie sich auf biologische Erklärungen stützt, vor allem hinsichtlich der Stabilität der Merkmale, als wenn soziale Erklärungsmodelle, wie z.B.: die Social Role Theory von Eagly, 2001 (s. Kapitel 2.2), herangezogen werden.

Stewart und McDermott heben hervor, dass in der Mainstream- Psychologie Gender keine einheitliche Bedeutung hat. Manchmal sind damit Geschlechtsunterschiede gemeint, manchmal die Variabilität innerhalb eines Geschlechts und manchmal geschlechtsspezifische (gendered) soziale Rollen und Institutionen.

2.1.2 Begriffliche Unterscheidungen

Um größtmögliche Klarheit über die im weiteren Verlauf der Arbeit verwendeten Begriffe zu schaffen, folgt eine kurze Zusammenstellung von Definitionen. In weiteren Unterkapiteln finden sich ausführlichere Darstellungen der jeweiligen Theorien und Forschungsergebnisse.

Biologisches Geschlecht

„biologische Merkmale, anhand derer sich Männer von Frauen unterscheiden. Zu diesen Merkmalen gehören unterschiedliche Funktionen bei der Fortpflanzung und anatomische Unterschiede. Diese Unterschiede sind universal, biologisch begründet und werden durch soziale Einflüsse nicht verändert. Im Laufe der Zeit haben sie auch zur Entwicklung einiger traditioneller sozialer Rollen beigetragen“ (vgl. Zimbardo & Gerrig, 2004, S.489).

Soziales Geschlecht

„ein psychologisches Phänomen, das sich auf die gelernten geschlechtsbezogenen Verhaltensweisen und Einstellungen von Männern und Frauen bezieht. Im Gegensatz zum biologischen Geschlecht ist das soziale Geschlecht ein psychologisches Phänomen. Hiermit werden erlernte geschlechtsbezogene Verhaltensweisen und Einstellungen angesprochen. Kulturen unterscheiden sich darin, wie sehr das soziale Geschlecht mit alltäglichen Aktivitäten verbunden ist und wie viel Toleranz gegenüber geschlechtsuntypischen Verhaltensweisen besteht“ (vgl. Zimbardo & Gerrig, 2004, S.490).

Geschlechtsidentität

„Das Bewusstsein des eigenen Mannseins oder Frauseins; dazu gehört normalerweise auch das Bewusstsein und die Akzeptanz des biologischen Geschlechts. Das Bewusstsein für die eigene Geschlechtsidentität entwickeln Kinder schon sehr früh: zehn bis vierzehn Monate alte Kinder zeigen bereits Präferenzen für Videoaufnahmen, welche die abstrakten Bewegungen eines gleichgeschlechtlichen Kindes zeigen“ (Kujawski & Bower, 1993 in Zimbardo & Gerrig, 2004, S.490).

Geschlechterrollen

„Mengen von Verhaltensweisen und Einstellungen, die in einer Gesellschaft mit dem männlichen oder weiblichen Geschlecht verknüpft und vom Individuum öffentlich zum Ausdruck gebracht werden. Die Geschlechterrollen sind die Basis der Definitionen von Maskulinität und Femininität“ (Zimbardo & Gerrig, 2004, S.490).

Aufbauend auf diesen allgemeinen, psychologischen Definitionen werden im Weiteren die angenommenen Einflussgrößen von biologischen und sozialen Faktoren aus unterschiedlichen Forschungsansätzen dargestellt. Die Begriffe Geschlechtsidentität einerseits und Geschlechterrollen andererseits werden, da sie auch im Rahmen der empirischen Untersuchung gemessen wurden, näher anhand von Forschungsergebnissen früher Studien dargestellt und in Hinblick auf gesellschaftliche Implikationen diskutiert.

2.1.3 Genderforschung in der Psychologie

Stewart und McDermott (2004) haben in ihrer Abhandlung einen Überblick zum aktuellen Forschungsstand zu „Gender in Psychology“ geliefert. Laut ihrer Analyse wird Geschlecht als definierendes System von Machtverhältnissen verstanden, das in andere Machtverhältnisse eingebettet ist. Die psychologische Forschung zu Genderfragen, die sich hauptsächlich mit der Analyse von Geschlechtsunterschieden, der Variabilität innerhalb der Geschlechter und Geschlechterrollen beschäftigte, beginnt nun ein neues Verständnis von Gender zu entwickeln.

Gender wird weithin als wichtiger empirischer Faktor (oder Variable) im Verständnis von vielen Aspekten des menschlichen Verhaltens angesehen. Bis dato wurde in der Psychologie Gender oft ohne besonderes Bewusstsein über die soziale oder konzeptuelle Signifikanz empirisch verwendet. Häufig wurde der Einfluss von Geschlecht nur untersucht, um Unterschiede zwischen Männern und Frauen oder Buben und Mädchen herauszufinden.

Einige Psychologen nehmen an, dass Geschlecht auch in sozialen Strukturen die die Machtverhältnisse innerhalb einer Kultur definieren, Niederschlag findet (Fiske & Stevens, 1993; Goodwin & Fiske 2001; Stewart 1998). Mit diesem Blickwinkel übereinstimmend beschreibt „Gender“, laut Stewart und McDermott (2004), ein Set von Machtverhältnissen in denen Männlichkeit Autorität, Status, Kompetenz, soziale Macht und Einfluss signalisiert wohingegen Weiblichkeit einen Mangel an Autorität, niedrigen Status, Inkompetenz sowie wenig Macht und Einfluss signalisiert.

Die Anerkennung der Wichtigkeit von Machtstrukturen, vor allem auch innerhalb sozialer Verhältnisse, kann potentielle Wege der Veränderung bedeuten. Die Verschiebungen von finanziellen Ressourcen und Macht, um die Balance zwischen den Geschlechtern herzustellen, kann auch eine Veränderung von Konfliktverhalten mit sich bringen (White et al., 2001 in Stewart & McDermott, 2004).

Stewart und McDermott fassen in ihrem Überblick zusammen, dass Psychologen „Gender“ als ein machtvolles konzeptuelles Instrument auf zumindest drei Arten einsetzen:

a) im Auseinanderhalten/Trennen von Individuen in männlich und weiblich und somit der Untersuchung inwiefern sie sich in Verhalten, Leistung und Charakteristika die mit individuellen Unterschieden einhergehen unterscheiden (unabhängig davon, ob die hypothetischen kausalen Mechanismen biologisch sind, auf Sozialisation basieren oder von der sozialen Platzierung abhängen)
b) im Verständnis wie Gender mit individuellen Unterschieden zwischen Männern und Frauen im Verhältnis stehen könnte und
c) im Verständnis wie Gender soziale Institutionen strukturiert, in denen Männer und Frauen handeln.

Diese drei Blickwinkel wurden häufig getrennt voneinander betrachtet und auch teilweise als voneinander isoliert angesehen. Eine wichtige aktuelle Neuerung ist, die zunehmende Neigung anzuerkennen, dass diese drei Annäherungen eigentlich miteinander kompatibel sind und auch integriert angewendet werden können (Stewart & McDermott, 2004, S.522).

2.1.4 Die soziale und kulturelle Konstruktion von Geschlecht

„In menschlichen Gesellschaften, bezieht sich Geschlecht immer auf mehr als auf biologische Eigenschaften und Verhaltensweisen, die mit Sexualität und Reproduktion verbunden sind“ (Ridgeway & Bourg in Eagly et al., 2004, S.217). Die in der Gesellschaft weit verbreiteten Gender Stereotype sind der „genetische Code des Gender- Systems“, weil solche Stereotype die kulturellen Regeln oder Schemen zur Definition dessen was von Männern oder Frauen gesellschaftlich erwartet wird beinhalten. Dadurch beeinflussen sie auch die Organisation der gesellschaftlichen Verhältnisse, die auf der Basis des konsensualen Verständnisses über Geschlechter besteht.

Bei der Betrachtung der sozialen Anteile der Konstruktion von Geschlecht, ist es relevant auch die Konstruktion von Geschlechtsrollen (gender roles) zu beschreiben, da Geschlechtsrollen ein Produkt von geschlechtstypisierten sozialen Rollen sind. Beweise dafür, dass Gender Rollen existieren, kommen hauptsächlich aus der Forschung zu Gender- Stereotypen, die durchgängig gefunden hat, dass Menschen unterschiedliche Annahmen über die typischen Charakteristika von Frauen und Männern haben (z.B.: Diekman & Eagly, 2000; Newport, 2001).

Laut Pratto und Walker (2004) zeigen sich kulturelle Ideologien die Gender betreffen nicht nur beispielhaft im Gesetz, in sozialen Rollen, in der beruflichen Segregation, in der Religion und im interpersonellen Verhalten, sondern auch im öffentlichen Diskurs. Es wird angenommen, dass die Medien an der Vermittlung einer Verzerrung beteiligt sind, indem sie häufig auf geschlechtstereotype Darstellungen von Männern und Frauen zurückgreifen. Die Darstellung in den Medien verstärkt nicht nur den Eindruck, dass Männer wichtig sind und bestimmende Positionen verdienen, sondern vermischen Maskulinität auch mit den Eigenschaften mächtig, weiß, aus der Oberklasse kommend und Heterosexualität. Frauen erscheinen im Fernsehen hingehen am häufigsten als Sexobjekte. Die Massenmedien verstärken, laut Pratto und Walker (2004), alle geschlechtsbezogenen Machtgrundlagen.

In den letzten Jahren wurden große Veränderungen bezüglich der Rollen, die Frauen ausüben beobachtet (Bandura, 1997; Riley, Kahn & Foner, 1994 in Eagly et al., 2004). Eine niedrige Geburtenrate und eine höhere Lebenserwartung haben das Bedürfnis für bedeutungsvolle Beschäftigungen, die Befriedigung im Leben von Frauen auch nach dem Kinder das Haus verlassen haben, erhöht (Astin, 1984 in Eagly et al., 2004). Es gibt die klare Tendenz, dass sich Frauen stärker weiterbilden, als früher, was eine größere Auswahl an Möglichkeiten bedeutet. Frauen treten in großen Zahlen in die Arbeitswelt ein und das nicht mehr nur ausschließlich aus ökonomischen Gründen, sondern aufgrund persönlicher Befriedigung und ihrer Identität.

Andere Annahmen stützen sich in der Erklärung von Geschlechtsunterschieden auf Annahmen, dass Geschlechtsrollen ihre Wurzeln in der Arbeitsteilung und Geschlechtshierarchie haben. Dies impliziert die Ansicht, dass wenn sich die Gegebenheiten der sozialen Struktur verändern, sich auch die Erwartungen über Männer und Frauen schnell verändern werden. Ein Beispiel dafür ist die schnell steigende Beschäftigungsrate von Frauen in den USA und anderen Ländern. Diese Veränderungen in den Beschäftigungsstrukturen zeichnen sich auch in Geburtenraten und steigender Vereinbarkeit von beruflichen und familiären Rollen. Zusätzlich sinkt die Häufigkeit von Jobs, für die die Größe und Stärke von Männern notwendig sind. Darüber hinaus hat das steigende Bildungsniveau von Frauen, sie zu Berufen mit höherem Status und Einkommen qualifiziert. Trotz der nach wie vor geringen Verantwortung, die Männer allgemein in der Kindererziehung oder Hausarbeit übernehmen (Bianchi et al., 2000 in Eagly et al., 2004) haben Veränderungen in der Arbeitsteilung zum Absinken der Akzeptanz traditioneller Geschlechterrollen geführt und zu einer Neudefinition von den für Männer und Frauen als angemessenen betrachteten Verhaltensmustern geführt.

Eagly et al. (2004) nehmen insgesamt eine Angleichung der Geschlechter an, sowohl auf wissenschaftlicher Ebene, als auch in der Wahrnehmung der Menschen. Menschen glauben, dass sich Frauen und Männer immer ähnlicher werden. Diekman und Eagly (2000) führen an, dass diese soziale Wahrnehmung, die zum Glauben führt, dass sich Männer und Frauen in Persönlichkeit, kognitiven und körperlichen Charakteristika annähern, darauf fußt, dass Frauen zunehmend Eigenschaften aufweisen, die typischerweise mit Männern in Verbindung gebracht wurden.

Hofstede (1998) liefert einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der kulturellen Konstruktion. Wobei Hofstede die Termini Maskulinität und Femininität als zweidimensionale Beschreibungsdimensionen von Gesellschaften verwendet. Also zur Beschreibung der in einer Gesellschaft vorherrschenden und sie strukturierenden Ideale. Aufbauend auf die für Männer oder für Frauen als adäquat beschriebenen Verhaltensweisen, können Gesellschaften als eher maskuline oder feminine Gesellschaften beschrieben werden. Hofstede (1998) beschreibt unter Anderem den Effekt auf die Sozialisation von Buben und Mädchen die in femininen Gesellschaften zur Betonung von beispielsweise Bescheidenheit und in maskulinen Gesellschaften zur Betonung von Durchsetzungsfähigkeit in der Erziehung von Kindern führen kann (Hofstede 1998).

In älteren Studien von Hofstede und anderen (z.B. Harris, 1981) wurde abgesehen von den genannten Ergebnissen gezeigt, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Prozentsatz von Frauen in Beschäftigungsverhältnissen und dem Grad von Femininität einer Gesellschaft gibt.

Diese begrifflichen Klärungen mussten unternommen werden mussten, um die Bedeutung der verwendeten Ausdrücke das Geschlecht betreffend nachvollziehbar zu machen. Im Folgenden wird die Trennung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht anhand der Vorstellung dieser unterschiedlichen Erklärungsmodelle illustriert.

2.2 Biologische Geschlechtsunterschiede – (Florian Meisel)

Grundsätzlich wird das Geschlecht anhand von folgenden Geschlechtsvariablen bestimmt: Dem genetischen Geschlecht- bestimmt durch die XX oder XY Chromosomenanordnung, durch das gondale Geschlecht- der Mann hat Hoden (männliche Gonaden), die Frau Eierstöcke (weibliche Gonaden). Weiters wird unterschieden: das hormonelle Geschlecht- bestimmt durch die Vorherrschaft von Androgenen oder Östrogenen, Geschlecht im Sinne der Fortpflanzung -bestimmt durch die inneren Organe - das männliche Geschlecht besitzt Samenleiter, Samenbläschen, eine Prostata usf., während das weibliche Geschlecht Eileiter, einen Uterus, eine Vagina usf. aufweist. Es folgt das körperliche Geschlecht -bestimmt durch die äußeren Genitalien, das zugeschriebene Geschlecht, festgestellt von Eltern und Ärzten, und schließlich das psychologische Geschlecht oder die Geschlechtsrolle, bestimmt durch die anerzogene Identifikation mit der männlichen beziehungsweise weiblichen Geschlechtsrolle (Zimbardo, 1995).

Wissenschaftler haben nun festgestellt, dass diese sieben Variablen unter Umständen voneinander unabhängig sind. Beispielsweise kann ein neugeborenes Kind weibliche innere Geschlechtsorgane haben, während die äußeren Geschlechtsorgane „unvollständig männlich“ erscheinen. Dieses irreführende äußere Erscheinungsbild kann dazu führen, dass man das Kind für einen Jungen hält und auch so erzieht. – Glücklicherweise können die meisten Menschen nach allen sieben Kriterien klar als männlich oder weiblich eingeordnet werden (Haeberle, 1993).

2.2.1 Die Entwicklung des Biologischen Geschlechts

Geschlechtsunterschiede können grundsätzlich auf verschiedenen Ebenen betrachtet werden: auf der genetischen, der hormonellen, auf der Verhaltensebene und der Ebene der kognitiven Repräsentationen. Die Beziehungen zwischen diesen Ebenen werden im Verlauf der Zeit Schritt für Schritt aufgebaut (Integratives Modell ist bei Asendorpf, 1999 zu finden).

Die einzelnen biologischen Geschlechtsunterschiede ergeben sich nun aufgrund der geschlechtsspezifisch unterschiedlichen genetischen Ausstattung - das biologische Geschlecht bezieht sich somit auf biologische Merkmale, die den Mann von der Frau unterscheiden.

Inwiefern Menschen nun nach biologischen Gesichtspunkten männlich oder weiblich sind, lässt sich aufgrund der vorher genannten körperlichen Kriterien für Männlichkeit und Weiblichkeit ablesen (Haeberle, 1993). Im Folgenden ist es daher sinnvoll die Geschlechtsunterschiede zuerst primär aus entwicklungspsycholgischer Perspektive zu betrachten (Asendorpf, 1999).

[...]

Ende der Leseprobe aus 212 Seiten

Details

Titel
Geschlechtsunterschiede in finanziell riskanten Entscheidungssituationen
Hochschule
Universität Wien  (Wirtschaftspsychologie)
Veranstaltung
Diplomarbeit
Note
2
Autoren
Jahr
2006
Seiten
212
Katalognummer
V115330
ISBN (eBook)
9783640231393
ISBN (Buch)
9783640231416
Dateigröße
1244 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlechtsunterschiede, Entscheidungssituationen, Diplomarbeit
Arbeit zitieren
Mag.Bakk Florian Meisel (Autor)Irina Nalis (Autor), 2006, Geschlechtsunterschiede in finanziell riskanten Entscheidungssituationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115330

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