Welchen Ursprung hat das Augenmotiv in der Literaturgeschichte und welche literarische Funktion übernimmt es in der Erzählung "Der Sandmann"? Inwiefern könnte das Motiv im "Sandmann" als Vorlage für "Blade Runner" gedient haben und welche Funktion leisten die Augen im Film?
Das Augenmotiv stellt in der Literaturwissenschaft eines der zentralen Motive dar. Aus diesem Grund setzt sich die vorliegende Hausarbeit in einem einleitenden Kapitel das Ziel, einen historischen Abriss dieses Motivs zu skizzieren. Vor allem Wandel und Kontinuität sollen hier deutlich, sowie Einblicke in die Struktur und Entwicklung des Augenmotivs geliefert werden. Ein anschließendes Kapitel soll das Augenmotiv in E.T.A Hoffmanns Nachtstück Der Sandmann näher beleuchten und zudem einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung liefern. Da es sich beim Augenmotiv um eines der beiden Struktur gebenden Motive der Erzählung handelt, erscheint diese exemplarische Darstellung nur logisch. Neben dem Augenmotiv ist das Motiv des Automats maßgeblich am Spannungsaufbau im Sandmann beteiligt. Beide Motive verfügen über eine ganz eigene Struktur und generieren so den gesamten Rätselcharakter der Erzählung. Aus der Kombination der beiden Motivkomplexe ergibt sich der naheliegende Vergleich mit dem Film Blade Runner. Ähnlich wie in der Erzählung von E.T.A Hoffman spielt das Augenmotiv im Film von Ridley Scott eine zentrale Rolle. Dass das Motiv des Automats sich im Film anschließt, ist logisch und selbsterklärend, da die sogenannten Replikanten, vom Menschen geschaffene Cyborgs, eine, wenn nicht die, zentrale Rolle einnehmen. Neben dem Motiv der Augen spielen noch viele weitere Symboliken und Fragestellungen eine Rolle im Blade Runner, so zum Beispiel christliche und philosophische Symbolik oder transhumanistische Fragen. Zwar wird sich diese Arbeit hauptsächlich auf das Augenmotiv konzentrieren, sie wird in diesem Zuge jedoch nicht umhinkommen, sich mit Fragen wie „Menschlicher als der Mensch?“ zu beschäftigen.
Inhaltsverzeichnis
1.) Einleitung
2) Das Augenmotiv in der Literaturwissenschaft
2.1 Das Augenmotiv: Antiker Ursprung und Funktion in der Goethezeit
2.2 Das Augenmotiv in der Erzählung Der Sandmann
3) Funktion und ästhetische Konzeption der Augen in Blade Runner verglichen mit dem Sandmann
4) Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das zentrale Motiv des Auges in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ sowie im Film „Blade Runner“ von Ridley Scott. Ziel ist es, den Ursprung und die literarische Funktion des Augenmotivs historisch herzuleiten und einen motivgeschichtlichen Vergleich anzustellen, um aufzuzeigen, wie das Motiv der optischen Wahrnehmung und der künstlichen Menschen zur Identitätsstiftung und zur Thematisierung des Unheimlichen in beiden Werken beiträgt.
- Historischer Abriss des Augenmotivs von der Antike bis zur Romantik.
- Analyse des Augenmotivs, der Augenangst und künstlicher Sehhilfen in „Der Sandmann“.
- Untersuchung der Bedeutung von Augen, Wahrnehmung und Identität bei den Replikanten in „Blade Runner“.
- Vergleichende Analyse des Automatenmotivs und der Verschmelzung von Mensch und Maschine.
- Reflexion über die philosophische Frage nach dem „Menschsein“ durch die Symbolik des Sehens.
Auszug aus dem Buch
3. Funktion und ästhetische Konzeption der Augen in Blade Runner verglichen mit dem Sandmann
Kaum ein anderes Symbol durchzieht Blade Runner in wiederkehrenden Kontexten und verschiedenen Bedeutungszusammenhängen wie das Auge. Der Film liefert zahlreiche Verweise auf dieses Motiv, auf visueller Ebene beispielsweise das riesige Auge zu Beginn des Films, das Verfahren des Voigt-Kampff-Tests, die glühenden Augen der Replikanten, Tyrells überdimensionale Brille und viele mehr. Inmitten der als dystopisch und teilweise ruiniert dargestellten Welt, ist es vermutlich die ästhetische Komponente, häufig transportiert über die Darstellung der Augen, die dem Zuschauer am stärksten in Erinnerung bleibt. Hinzu kommen nicht wenige bedeutungsschwere Zitate, die sich auch auf das Auge, jedoch meist auf das Sehen beziehen und so auch auf der verbalen Ebene das Motiv artikulieren. Folglich spielt auch hier das Augenmotiv eine zentrale Rolle und ebenso wie im Sandmann spielen die Augen unterschiedlicher Spezies, Menschen, Replikanten, aber auch Tiere, eine Rolle. Im Folgenden werden nun einige dieser Szenen vorgestellt, analysiert und nach Möglichen Parallelen zum Sandmann gesucht.
Den Auftakt in das Symbolfeuerwerk macht ein riesiges Auge, das kurz nach dem Vorspann den gesamten Bildschirm ausfüllt. Man kann in diesem Auge feurige Flammenkataklysmen und zahllose Lichter, die vermutlich zur Stadt gehören, erkennen. Diese sind auch nicht Teil des Auges, sondern werden in ihm gespiegelt. Jedoch erfährt man im Verlauf des Films nicht, zu wem dieses Auge gehört. Eine mögliche Interpretation wäre, dass es das Auge Roys ist, der zum ersten mal die Erde sieht. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sich das Auge als Machtapparat präsentiert, ganz nach dem orwell´schen Vorbild „big brother is watching you“.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Einleitung: Die Einleitung legt den Grundstein für die Untersuchung, indem sie das Augenmotiv als zentrales Element in „Der Sandmann“ und „Blade Runner“ identifiziert und die Forschungsfragen nach Ursprung und Funktion des Motivs definiert.
2) Das Augenmotiv in der Literaturwissenschaft: Dieses Kapitel erläutert den historischen Kontext des Augenmotivs, von seiner philosophischen Bedeutung in der Antike bis hin zu seiner literarischen Aufladung in der Goethezeit und der Romantik.
2.1 Das Augenmotiv: Antiker Ursprung und Funktion in der Goethezeit: Hier wird dargelegt, wie der Sehsinn historisch als bevorzugte Instanz der Erkenntnis etabliert wurde und welche philosophischen Konzepte (wie das Sonnengleichnis) dieses Verständnis prägten.
2.2 Das Augenmotiv in der Erzählung Der Sandmann: Dieses Kapitel analysiert spezifisch Hoffmanns Einsatz des Augenmotivs, die Augenangst Nathanaels sowie die Bedeutung optischer Instrumente und der Spiegelsymbolik.
3) Funktion und ästhetische Konzeption der Augen in Blade Runner verglichen mit dem Sandmann: Der Hauptteil vergleicht die visuelle Symbolik beider Werke und arbeitet Parallelen bei der Charakterisierung von Replikanten und Automaten durch den Blick heraus.
4) Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass „Blade Runner“ das antike und romantische Motiv des Auges als „Fenster zur Seele“ aufgreift und für existenzielle Fragen im Kontext transhumanistischer Themen erfolgreich neu interpretiert.
Schlüsselwörter
Augenmotiv, E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann, Blade Runner, Ridley Scott, Sehsinn, Automatenmotiv, Identität, Wahrnehmung, Replikanten, Romantik, Augenangst, Transhumanismus, Spiegel der Seele, Literaturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Augenmotiv als zentrales Symbol in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ und vergleicht dieses mit der Verwendung des Motivs im Film „Blade Runner“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen Literaturgeschichte, Motivforschung, Wahrnehmungsphilosophie, das Motiv des künstlichen Menschen und die Frage nach menschlicher Identität.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Ursprung des Augenmotivs in der Literaturgeschichte aufzuzeigen und die funktionale Ähnlichkeit der Augensymbolik bei der Darstellung von Identitätskrisen und „künstlichen Menschen“ in den beiden verglichenen Werken zu belegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche und filmanalytische Methode angewandt, die auf dem Studium von Forschungsliteratur sowie der direkten Text- und Bildanalyse basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung des Sehens, die spezifische Funktion des Augenmotivs im „Sandmann“ sowie die visuelle und inhaltliche Umsetzung des Motivs in „Blade Runner“ unter Berücksichtigung von Automatenmotiven.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören das Augenmotiv, Identität, Augenangst, Automaten, Wahrnehmung und Transhumanismus.
Welche Rolle spielt das Motiv der „Augenangst“ in den untersuchten Werken?
Die Augenangst ist sowohl im „Sandmann“ (Angst vor Verlust der Sehkraft) als auch in „Blade Runner“ (bei der Zerstörung von Replikantenaugen) ein zentrales Element, das Grauen erzeugt und die Frage nach der Verletzlichkeit des Subjekts aufwirft.
Inwieweit lässt sich das Motiv der „künstlichen Menschen“ vergleichen?
Die Arbeit zeigt, dass sowohl Nathanael (durch seine Projektion auf Olimpia) als auch die Gesellschaft in „Blade Runner“ (im Umgang mit Replikanten) mit der Schwierigkeit konfrontiert sind, zwischen lebendigen Wesen und künstlichen Konstrukten zu unterscheiden.
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- Fabian Leingang (Author), 2019, Das Auge als zentrales Motiv in der Erzählung "Der Sandmann" und im Film "Blade Runner", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1153538