Die Besonderheiten in und über Andrea Mantegnas Kupferstich „Christus in der Vorhölle“


Seminararbeit, 2007
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Über den Inhalt der Arbeit und Fragestellungen

2. Die Besonderheiten IN und ÜBER Mantegnas Kupferstich „Christus in der Vorhölle“
2.1 Eigenheiten im Bild.
2.1.1 Die Bildbeschreibung 2.1.2 Das Deutungsspektrum und die Einbettung der Szene im apokryphen Evangelium 2.2 Besonderheiten über den Stichs und in dessen Darstellung
2.2.1 Das Bildthema und die angebliche Anregung durch Jacopo Bellini
2.2.2 Bildvergleich mit Bellinis Werk sowie dem Albrecht Dürers, die selbiges Bildthema darstellen 2.3 Divergente Meinungen über Zu- und Abschreibungen des Stichs an Andrea Mantegna
2.4 Kann der Kupferstich für einen Zyklus gedacht gewesen sein? Eine Pro- und Contradarstellung

3. Fazit

1. Über den Inhalt der Arbeit und Fragestellungen zu

Mantegnas Kupferstich „Christus in der Vorhölle“.

Die vorliegende Arbeit betrachtet den Kupferstich „Christus in der Vorhölle“ von Andrea Mantegna (1431–1506)[1],Kupferstich in brauner Druckfarbe, 42,9 x 33,6 cm,[2] London, British Museum[3], Leihgabe an Berlin, Staatliche Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. 840-21[4]. In der Literatur ist der Kupferstich unter „Datierung unbekannt“[5] verzeichnet, aus einer anderen Quelle geht jedoch hervor, dass der Kupferstich im Zeitraum 1460/70 entstanden sein soll[6].

Das Bildthema kommt nicht in der Bibel vor, sondern findet im apokryphen Evangelium[7] Inhalt, was allerdings nicht die einzige Besonderheit des Stichs ist. Mantegna soll für den Kupferstich von einem Bild von Jacopo Bellini angeregt worden sein[8], jedoch war das Bild J. Bellinis in der Literatur nicht zu finden, aber ein Verweis auf ein, an J. Bellini angelehntes Bild von Giovanni Bellini[9]. Die Darstellungen der Figuren in beiden Werke weisen Ähnlichkeiten auf, allerdings auch beachtliche Unterschiede. Desweiteren gibt es drei weitere Werke Mantegnas mit religiösen Inhalt und zeitlicher Abfolge einer biblischen Szenerie, die dem Neuen Testament[10] entstammen. Es ergibt sich die Frage nach einem Bildzyklus. Interessant ist auch die Fragestellung, ob das Werk überhaupt Mantegna zuzuschreiben ist. Es gibt abweichende Standpunkte darüber[11], welche in dieser Arbeit Inhalt finden werden. Aufgrund dass „Die Argumente für eine Zuschreibung des Stichs an Mantegna überwiegen.“[12], wird in dieser Hausarbeit davon ausgegangen, dass besagter Kupferstich Mantegna zuzuschreiben ist. Über einen Entstehungsprozess des Kupferstiches „Christus in der Vorhölle“ sind keine näheren Informationen zu finden. Da in der Literatur kein eindeutiger Zeitpunkt der Entstehung des Kupferstichs hervorgeht, ist der biographische Kontext zum Werk schwer zu erschließen. In mehreren Texten über Leben und Werk Mantegnas ist nur spärlich Informations-gehalt über einzelne seine Kupferstiche vorhanden. Neben einer Bildbeschreibung und dem Deutungsspektrum soll es Inhalt dieser Arbeit sein diesen Fragestellungen nachzugehen.

2. Die Besonderheiten IN und ÜBER Andrea Mantegnas Kupferstich „Christus in der Vorhölle“.

2.1 Die Eigenheiten im Bild.

2.1.1 Die Bildbeschreibung.

Ein, das Bild zu großen Teil ausfüllendes Felstor mit nur spärlich Blick auf die übrige Landschaft, ragt frontal und mit wenig Distanz zum Betrachter ins Bild. Es ist umgeben von acht gut sichtbaren, unterlebensgroßen Figuren. Am linken Bildrand und links vom Felstor steht ein nackter, männlicher Mensch mit einem übermanns-großen Kreuz, welches er mit beiden Händen mit Leichtigkeit hält, da er es vor seinen Füßen auf den steinigen Boden aufgestellt hat. Er hat kurzes, etwas gelocktes Haar und einen kräftig gebauten, muskulösen Körper. Er blickt zu einem über ihm schwebenden, beflügelten Fabelwesen, welches in seinen Händen ein Horn hält, in welches er hineinbläst. Die Wangen dieses Wesens sind wegen der Bedienung des Blasinstrumentes aufgeplustert. Dessen Oberkörper ist menschlicher Natur, nur seine Ohren ragen auffällig spitz über seinen Kopf hinaus, der mit Haaren bedeckt ist. Der Unterkörper hat Ähnlichkeit mit einem eines Drachens, wie auch die Flügel, die das Wesen zum fliegen befähigen. Im Gegensatz zu denen eines Vogels sind sie nicht mit Federn bedeckt. Neben diesem Fabelwesen schwebt ein zweites, ebenfalls über den Köpfen der im Bild anwesenden Menschengestalten, am rechten Rand des Felstores. Es bläst auch in ein Horn. Sein drachenähnlicher Unterkörper ragt hinter seinem Oberkörper empor. Ein drittes Fabelwesen schwebt kopfüber neben dem Felstor am rechten Bildrand. Seine Hände bedienen kein Horn, sondern hängen herab, wie auch seine mittellangen Haare. Unter diesem Wesen stehen drei menschliche Figuren nebeneinander, nah neben dem geöffneten Felstor. Sie sind unbekleidet und ihre Mimik sieht verzogen aus. Die männliche Person am äußeren rechten Bildrand hält sich mit beiden Händen die Ohren zu. Dessen Oberkörper ist muskulös, wie auch seine Beine, nur seine Füße sehen knochig aus, wie auch die der ihm nebenstehenden Figuren. Zu seiner Rechten steht eine, dem Betrachter den Rücken und Teil seines Profils zugewandte, etwas nach vorn gebeugte männliche Person mit langem Haar. Sie scheint einer ihm gegenüberstehenden Frau etwas zuzuflüstern. Sie lehnt etwas gekrümmt am Felstor, ihr Ohr ihm zugeneigt. Sie blickt, etwas seitlich geneigt auf den Boden. Ihre Füße stehen überkreuz, ihre rechte Hand bedeckt ihre Scham. Zu ihrer Rechten und gleichermaßen im Bildzentrum steht die einzig bekleidete Figur des Bildgeschehens. Sie wendet dem Betrachter den Rücken zu und schaut deshalb in Richtung des Felsinneren. Unter seinen nackten Füßen befindet sich das aus den Angeln gerissene Felstor. Es besteht aus zwei Torflügeln, die überkreuz auf dem Boden und unter den Füßen besagter Person übereinander liegen, umgeben von losen Teilen wie Steinen, Nägeln und heraus gebrochenen Holzstücken. Die Person trägt einen bis zu den Knöcheln reichenden Umhang, der stark gefaltet ist. Er bedeckt auch die Arme. In der linken Hand umfasst er eine, an einem dünnen Stab befestigte, schmale Flagge. Über seinem Kopf ist eine helle Linie sichtbar. Im Finster des Felsinneren ist eine hell abgesetzte Schattierung erkennbar.

2.1.2 Das Deutungsspektrum und die Einbettung der dargestellten Szene im apokryphen Evangelium.

Der Kupferstich „Christus in der Vorhölle“ stellt eine Szene dar, die in der Bibel nicht vorkommt, sondern im Nikodemus-Evangelium Inhalt findet[13]. Das Nikodemus-Evangelium zählt zu den apokryphen Evangelien[14]. Lehnt man das Bildthema an das Bibelgeschehen an, so findet die Szene als Christus in die Unterwelt absteigt unmittelbar nach seinem Tode[15] und vor seiner Auferstehung[16] statt. Die Hölle stellt den Ort der Verdammten dar und wird im Gegensatz zum Himmel unter der Erde gesehen[17]. Das dargestellte Felstor stellt demnach ein Höllentor dar, welches die Hölle als Ort der Unterwelt zugänglich macht. Die aus den Angeln gerissenen Höllentore, die unter den Füßen der bekleideten Figur überkreuz übereinander liegen, sind somit dem im Nikodemus-Evangelium beschriebenen Einziehen des „Königs der Herrlichkeit“ und dessen Befehl „Öffnet, ihr Herrscher, eure Tore, geht auf, ewige Pforten! Einziehen wir der König der Herrlichkeit“[18] aus den Angeln gerissen worden und liegen heraus gebrochen auf dem Boden. Das Motiv der zersprungenen Höllentüren, die kreuzweise übereinander liegen, bleibt bei allen ostkirchlichen Darstellungen erhalten[19], auch für Mantegnas Kupferstich trifft dies zu. Die beflügelten Fabelwesen könnten aus der Hölle entstammende Höllendämonen sein, die aufgrund des Aufbrechens der Höllentore nach oben, an den Ort der Vorhölle, gedrungen sind. Mit ihrem Horn könnten sie laute, nicht ertragbare Klänge erzeugen, weshalb sich die männliche Person am äußeren rechten Bildrand die Ohren zuhält. Die im Bildzentrum befindliche, einzig bekleidete Person könnte Jesus darstellen, der wie in Kap. 24 des Nikodemus-Evangelium beschrieben, Adam sowie die Patriarchen, Propheten, Märtyrer und Heiligen vom Höllentor aus befreit[20]. Allerdings ist fraglich, warum Jesus in dieser Darstellung so üppig bekleidet ist und warum er in der linken Hand eine Flagge hält, die bei der Befreiung doch ein Hindernis sein müsste. Soll die links im Bild stehende Person, die das übermannsgroße Kreuz auf dem Boden aufstützt Jesus sein? Das Attribut des Kreuzes, was auf Jesus hinweisen könnte ist vorhanden, jedoch erscheint dessen Gestik äußerst passiv, wenn Jesus doch derjenige ist, der die Gerechten aus der Hölle befreit. Es könnte mit der Figur, die das übermannsgroße Kreuz trägt, auch Johannes der Täufer dargestellt sein, der die Reihe der Erlösten, die zum festen ikonographischen Programm gehören, erweitern kann[21]. Dessen Attribut ist ein Kreuzstab. Wohingegen es unwahrscheinlich scheint, dass der Kreuzstab mittels dem übermannsgroßen Kreuz dargestellt ist. Überdies hinaus gehört Johannes der Täufer zu den Erlösten[22], was außerdem dagegenspricht, denn die am linken Bildrand dargestellte Person steht aufrecht, selbstbewusst und schaut ohne Furcht dem Höllendämon entgegen, was im Gegenzug die Personen im rechten Bildteil nicht verkörpern. Es liegt nahe, dass die muskulöse Menschengestalt, die das Kreuz umfasst, eine andere Person darstellt. Sie könnte auch ein Schächer sein, „[…] der auf seinen Schultern ein Kreuz trug. Jesus hatte ihm versprochen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein“. Ihm blieb der Umweg über die Unterwelt erspart, und das Kreuz diente ihm als Ausweis gegenüber dem Engel, der das Paradies bewacht.“.[23] Nur trägt die dargestellte Figur das Kreuz nicht auf seiner Schulter, sondern hat es vor sich aufgestellt oder abgesetzt. Grund dafür könnte sein, dass es eine Wartezeit gibt, die ihn veranlasst sein Kreuz abzusetzen, beispielsweise um darauf zu warten bis Jesus alle Gerechten aus der Hölle befreit hat. Der Schächer müsste die Zeit, wo Jesus die Gerechten befreit gewartet haben müssen, da Jesus ihm sagte: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein“ (Lk 23,43)[24]. Wenn die am linken Bildrand stehende Person einer der beiden[25] Schächer ist, ist dann die im Bildzentrum befindliche Person Christus? Aus einer Quelle zur Ikonographie geht hervor, dass sich seit dem 11.Jahrhundert ein „neuer Typ“ Christi herausgebildet hat: „[…] Meist hält Christus dabei eine Kreuzfahne oder ein Kreuz in der Hand.“[26]

[...]


[1] Vgl. STÜTZER, Herbert Alexander: Die italienische Renaissance, Köln 1977, S. 42

[2] Vgl. DÜCKER, Alexander: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, Berlin 1994, S. 252

[3] Vgl. TIETZE-CONRAD, E.: Mantegna, Köln 1956

[4] Vgl. DÜCKER, Alexander: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, Berlin 1994, S. 252

[5] KNAPP, Fritz (Hrsg.): Andrea Mantegna, Berlin/Leipzig 1924, S.186

[6] Vgl. DÜCKER, Alexander: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, Berlin 1994, S. 252

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. EISLER, Colin T.: The Genius of Jacopo Bellini, New York 1989, S. 64

[10] Vgl. ZUFFI, Stefano (Hrsg.): Bildlexikon der Kunst. Erzählungen und Personen des Neuen Testaments, Berlin 2004, S.276ff.

[11] Vgl. DÜCKER, Alexander: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, Berlin 1994, S. 252

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. DÜCKER, Alexander: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, Berlin 1994, S. 252

[14] Vgl. KLAUCK, Hans-Josef: Apokryphe Evangelien. Eine Einführung, Stuttgart 2002, S. 118ff.

[15] Vgl. BADSTÜBNER, Ernst/ NEUMANN, Helga/ SACHS, Hannelore: Christliche Ikonographie in Stichworten, Leipzig 1988, S. 184

[16] Vgl. DÜCKER, Alexander: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, Berlin 1994, S. 252

[17] Vgl. BADSTÜBNER, Ernst/ NEUMANN, Helga/ SACHS, Hannelore: Christliche Ikonographie in Stichworten, Leipzig 1988, S. 183

[18] Vgl. KLAUCK, Hans-Josef: Apokryphe Evangelien. Eine Einführung, Stuttgart 2002, S. 118ff.

[19] Vgl. BADSTÜBNER, Ernst/ NEUMANN, Helga/ SACHS, Hannelore: Christliche Ikonographie in Stichworten, Leipzig 1988, S. 184

[20] Vgl. KLAUCK, Hans-Josef: Apokryphe Evangelien. Eine Einführung, Stuttgart 2002, S. 118ff

[21] Vgl. BADSTÜBNER, Ernst/ NEUMANN, Helga/ SACHS, Hannelore: Christliche Ikonographie in Stichworten, Leipzig 1988, S. 184

[22] Vgl. ebd.

[23] KLAUCK, Hans-Josef: Apokryphe Evangelien. Eine Einführung, Stuttgart 2002, S. 128

[24] Vgl. KLAUCK, Hans-Josef: Apokryphe Evangelien. Eine Einführung, Stuttgart 2002, S. 128

[25] Vgl. ebd.

[26] Vgl. BADSTÜBNER, Ernst/ NEUMANN, Helga/ SACHS, Hannelore: Christliche Ikonographie in Stichworten, Leipzig 1988, S. 184

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Besonderheiten in und über Andrea Mantegnas Kupferstich „Christus in der Vorhölle“
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Kunsthistorisches Seminar und Kustodie)
Veranstaltung
Kunst um 1500 in Florenz und Rom
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V115358
ISBN (eBook)
9783640169474
ISBN (Buch)
9783640183623
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kupferstich, Florenz, Mantegna, Chrsitus in der Vorhölle, Limbus
Arbeit zitieren
Tina Pfab (Autor), 2007, Die Besonderheiten in und über Andrea Mantegnas Kupferstich „Christus in der Vorhölle“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115358

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