Als ich mich auf das Thema der Sex Pictures einließ, wusste ich noch nicht, was mich erwarten würde. Ich hatte die Fotografien vor etlichen Jahren nur einmal kurz bei einer Bekannten gesehen, erinnerte mich aber prompt an sie, als es darum ging, Werke einer zeitgenössischen amerikanischen Künstlerin für meine Hausarbeit zu finden. Warum hatte ich mich an diese Fotos erinnert? War es tatsächlich diese „seltsame Anziehungskraft“ von der Ausstellungsleiter Felix Zdenek in seinem Aufsatz „Der latenten Schrecken der Bilder von Cindy Sherman“ spricht? „Diese intensive Mischung aus Gefühlen, die zwischen Faszination und Unbehagen, Lust und Schrecken angesiedelt sind?“ Die Sex Pictures hatten mich tatsächlich gleichzeitig angezogen und abgestoßen. Schon damals fragte ich mich, was der Sinn (oder Unsinn?) dieser Fotos sei.
Als ich mit der Recherche begann, war ich zunächst überwältigt. Dass sich so viele Menschen so intensiv mit dem Werk Cindy Shermans beschäftigt hatten, hätte ich nicht gedacht. Beim genaueren Hinsehen bemerkte ich jedoch schnell, dass sich die Deutungsliteratur zum größten Teil auf ihre Werkgruppe der „Untitled Film Stills“ beschränkt. Zu den Sex Pictures existiert erstaunlich wenig Material. Ich habe das als Herausforderung betrachtet und mich im Rahmen dieser Arbeit mit der „vergessenen“ Werkgruppe der Sex Pictures beschäftigt.
Ich habe zunächst versucht herauszufinden, wer Cindy Sherman überhaupt ist und was sie alles gemacht hat, bevor ich mich dann intensiv mit den Sex Pictures auseinandergesetzt habe. Da es so wenig Material zum Thema gibt, musste ich mich mit einer Bildanalyse langsam an meine eigene Interpretation des Werkes herantasten. Von der Künstlerin war diesbezüglich auch nicht viel zu erwarten: „Was ich will, weiß ich vorher meistens selbst nicht so genau. Das entwickelt sich erst während der Arbeit im Studio.“
Die Recherche für die „kritischen Positionen“ hat sich als ebenso schwierig erwiesen , denn seitdem Cindy Sherman „in den achtziger Jahren zur wohl wichtigsten Persönlichkeit der neueren Kunstszene“ erhoben wurde, scheint sie einen künstlerischen Status erreicht zu haben, in dem die Lobeshymnen die kritischen Stimmen bei weitem übertönen.
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 Biografie
3 Werk
4 Sex Pictures
4.1 Bildanalyse
4.2 Interpretation
4.3 Kritische Positionen
5 Fazit und Ausblick
Zielsetzung und Themen
Diese Hausarbeit setzt sich kritisch mit der Werkserie „Sex Pictures“ der US-amerikanischen Künstlerin Cindy Sherman auseinander, um den künstlerischen Gehalt und die Intention hinter der oft als skandalös wahrgenommenen Darstellung fragmentierter Körper zu ergründen.
- Biografische Hintergründe und künstlerische Entwicklung Cindy Shermans
- Chronologischer Überblick über das fotografische Werk der Künstlerin
- Detaillierte Analyse und Interpretation exemplarischer Bildwerke
- Kritische Einordnung der Sex Pictures im Kontext der zeitgenössischen Kunstszene
- Diskussion über Themen wie Objektivierung, Voyeurismus und gesellschaftliche Rollenbilder
Auszug aus dem Buch
4.2 Interpretation
Die Fotografin ist also mit im Bild. Aber wer blickt durch die Kamera, wenn nicht sie? Technisch beantwortet diese Frage der Selbstauslöser, aber sinnbildlich könnte der anonyme Betrachter ein Voyeur der Szenerie sein. Dafür würde auch der schmale Lichtstrahl auf dem „Körperarrangement“ sprechen. Der Voyeur, der durch ein Schlüsselloch oder hier durch einen Türspalt lugt, ist ja ein bekanntes Bild. Was sieht der Voyeur durch die Linse? Einen fragmentierten weiblichen Körper. „Der männliche Blick zerlegt den weiblichen Körper.“ Das weibliche Ganze wird zerstört und die neutralen, nicht erogenen Zonen (in diesem Fall die Arme und der Bauch)ausgeblendet. Der Betrachter degradiert die Frau zu einer leblosen Puppe und zwingt sie in die Rolle eines fragmentierten Sex-Objektes. Ein Sexobjekt mit überdimensionalen Brüsten und einer riesigen Vulva mitten im Zentrum (des Bildes). Ein Kopf würde da nur stören. Er verschwindet hinter einer schwarzen Maske. „Um ihren Blick, um ihr Bewusstsein gebracht, bleibt die Frau als Körper bzw. Stumpf zurück.“ Das auf dem drapierten Tuch zur Schau gestellte Sexobjekt ist der Dominanz des von oben herabblickenden Betrachters ausliefert (Vogelperspektive).
Die nichts verhüllende „Bildästhetik“(wenn in diesem Fall überhaupt von Ästhetik die Rede sein kann) ist an der Pornografie angelehnt. Riesenbrüste, aufreizend rote Riesenschamlippen – und wem das immer noch nicht scharf genug ist, der kann sich ja die Brille (vom linken unteren Bildrand) aufsetzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Vorwort: Die Autorin beschreibt ihre persönliche Motivation zur Auseinandersetzung mit den „Sex Pictures“ und erläutert die Schwierigkeiten bei der Recherche aufgrund fehlender spezifischer Literatur.
2 Biografie: Dieses Kapitel skizziert den Lebensweg und die künstlerische Entwicklung von Cindy Sherman von ihrer Kindheit bis zur Etablierung als international anerkannte Fotografin.
3 Werk: Es wird ein chronologischer Überblick über die verschiedenen Werkgruppen Shermans zwischen 1975 und 1995 gegeben, um die „Sex Pictures“ in den Gesamtkontext einzuordnen.
4 Sex Pictures: Das Hauptkapitel widmet sich der konkreten Analyse der Serie „Sex Pictures“ hinsichtlich ihrer Entstehung, formalen Gestaltung sowie ihrer kritischen Rezeption.
4.1 Bildanalyse: Hier erfolgt eine detaillierte formale und inhaltliche Untersuchung des Werkes „Untitled #264“ als repräsentatives Beispiel für die Serie.
4.2 Interpretation: Die Autorin untersucht die symbolische Ebene des Bildes, insbesondere die Rolle des Betrachters, Voyeurismus und die Fragmentierung des weiblichen Körpers.
4.3 Kritische Positionen: In diesem Teil wird hinterfragt, ob die „Sex Pictures“ tatsächlich innovativ sind oder lediglich bekannte kunsthistorische Motive und sexistische Stereotype reproduzieren.
5 Fazit und Ausblick: Zusammenfassend wird konstatiert, dass die Serie weniger durch inhaltliche Neuerungen als durch ihre mediale Aufmerksamkeit besticht, während Shermans spätere Hinwendung zum Film kritisch hinterfragt wird.
Schlüsselwörter
Cindy Sherman, Sex Pictures, inszenierte Fotografie, Bildanalyse, Fragmentierung, weiblicher Körper, Voyeurismus, Identität, Sexobjekt, Körperprothesen, zeitgenössische Kunst, Stereotype, Untitled Film Stills, Repräsentation, Feministische Kunstkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Serie „Sex Pictures“ der Künstlerin Cindy Sherman und versucht, deren künstlerische Bedeutung und gesellschaftliche Relevanz kritisch zu analysieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Themenfelder Inszenierung, Fragmentierung des Körpers, Objektivierung der Frau und das Zusammenspiel zwischen Betrachterrolle und künstlerischer Darstellung.
Welches Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Arbeit?
Ziel ist es, eine erste Annäherung an das wenig erforschte Werk „Sex Pictures“ zu wagen und eine kritische Auseinandersetzung abseits der üblichen Lobeshymnen anzuregen.
Welche methodische Herangehensweise wird gewählt?
Die Autorin nutzt eine Kombination aus biografischem Abriss, einer detaillierten formalen Bildanalyse am Beispiel von „Untitled #264“ und einer theoretischen Reflexion auf Basis kunstwissenschaftlicher Diskurse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung der Werkserien, die tiefgehende Analyse von „Untitled #264“ sowie die Diskussion über die gesellschaftliche Funktion der „Sex Pictures“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Inszenierung, Voyeurismus, Körperbilder, gesellschaftliche Konventionen und den „männlichen Blick“ auf den weiblichen Körper charakterisiert.
Warum wählt die Autorin ausgerechnet das Bild „Untitled #264“ für ihre Analyse?
Da eine Analyse der gesamten Serie den Umfang der Hausarbeit sprengen würde, dient dieses Bild als stellvertretendes, repräsentatives Exempel, um die ästhetischen und inhaltlichen Merkmale der Serie exemplarisch aufzuzeigen.
Wie bewertet die Autorin den Innovationsgehalt der „Sex Pictures“?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die Serie weniger durch originäre Mittel besticht, sondern vielmehr durch die geschickte Wahl des historischen Kontexts (Zensurdebatte in den USA) Aufmerksamkeit erlangte.
Welche Rolle spielen die von Sherman genutzten medizinischen Prothesen?
Die Prothesen dienen Sherman als klinische, „anti-erotische“ Objekte, denen sie durch die Kombination mit Accessoires erst eine sexuelle Konnotation aufzwingt, um Stereotype zu hinterfragen oder abzubilden.
- Quote paper
- Diplom-Kommunikationswirtin Julia Schroeter (Author), 2003, Cindy Sherman - Die Sex Pictures, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115382