´GemeinSinn` - Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle durch gemeinwesenorientiertes Arbeiten und deren Bedeutung für professionelles Handeln


Masterarbeit, 2007
114 Seiten, Note: 1,7

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Gemeinsinn und Gemeinwohl
1.1 Die historische Entwicklung der Begriffe Gemeinsinn und Gemeinwohl
1.2 Die ethische Dimension des Gemeinsinns
1.3 Die politische Dimension von Gemeinsinn

2 Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle
2.1 Der Begriff der Teilhabe
2.2 Die Geschichte des Teilhabebegriffs
2.3 Eine uneingeschränkte Teilhabe woran?
Die Begrifflichkeiten Gesellschaft und Gemeinschaft
2.4 Eine uneingeschränkte Teilhabe aus sozialpolitischer Sicht
2.5 Eine uneingeschränkte Teilhabe aus heilpädagogischer Sicht
2.6 Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle
2.7 Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle vs. Gemeinsinn
Eine Zusammenführung

3 Gemeinwesenorientiertes Arbeiten
3.1 Eine mögliche Ausgangslage für ein Interesse am Gemeinwesen
3.2 Das Gemeinwesen
3.2.1 Die alten Strukturen im Gemeinwesen
3.2.2 Die Funktionen des Gemeinwesens
3.2.3 Den Wandel aktiv gestalten
3.3 Das Arbeitsprinzip ´Gemeinwesenarbeit`
3.3.1 Die Ursprünge der Gemeinwesenarbeit
3.3.2 Die Rezeption der Gemeinwesenarbeit in der BRD
3.3.3 Die Formen der Gemeinwesenarbeit
3.3.3.1 Die Wohlfahrtsstaatliche Gemeinwesenarbeit...
3.3.3.2 Die Integrative Gemeinwesenarbeit
3.3.3.3 Die aggressive Gemeinwesenarbeit
3.3.3.4 Gemeinwesenarbeitsstrategien nach Saul D. Alinsky
3.3.3.5 Die katalytisch- aktivierende Gemeinwesenarbeit..
3.3.3.6 Die integrative, lebensweltliche Gemeinwesenarbeit als Netzwerk
3.3.4 Die Merkmale der Gemeinwesenarbeit
3.3..5 Gemeinwesenorientierte Arbeit = Gemeinwesenarbeit?
3.4 Das Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung`
3.5 Schwierigkeiten in der Umsetzung und Lösungsansätze

4 Das professionelle Handeln gemeinwesenorientierter Arbeit
4.1 Das Konzept Kwartiermaken
4.2 Das ´Anderssein anders denken`
4.3 Die Gastfreundschaft als Raum für das Anderssein
4.4 Professionelles Handeln
4.5 Der Studiengang ´Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education` und seine Handlungsfähigkeiten in Bezug auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten
4.5.1 Der Studiengang ´Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education`
4.5.2 Handlungsfähigkeiten des Absolventen des Studiengangs ´Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education` in Bezug auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten

5 Zusammenfassung

6 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abstract

Vorwort

Ich danke allen Menschen, die mich während der Zeit der Erarbeitung dieser Masterthesis unterstützt und ertragen haben.

Ihre offenen Ohren und kritischen Äußerungen haben diese Arbeit wesentlich geprägt.

Darmstadt, im Sommer 2007 Elisabeth Lawonn

Einleitung

Im Rahmen des Studiengangs ´Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education` stellt diese Arbeit die Masterthesis dar.

Das Thema lautet:

´GemeinSinn`- Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle durch gemeinwesenorientiertes Arbeiten und deren Bedeutung für professionelles Handeln

Gegenwärtig kann besonders in großen Städten ein vermehrtes Interesse an gemeinwesenorientiertem Arbeiten festgestellt werden. In Stadtteilen werden Stadtteilbüros eingerichtet, es gibt Stadtteilfeste und zunehmend Projekte, die von den dort lebenden BürgerInnen eigenständig geplant und durchgeführt werden. Von seiten des Staates gibt es spezifische Förderprogramme zum Ziele der Selbstbestimmung und Aktivierung der BürgerInnen, ihre Lebenslagen zu verbessern. Was aber hält unsere heutige demokratische Gesellschaft zusammen, die sich durch Vielfalt auszeichnet und als individualisiert und egoistisch angesehen wird?

„ Entwurf einer egoistischen Welt1,

Zur Krise des Helfens in der individualisierten Gesellschaft2,

Die Individualisierte Gesellschaft3

Gibt es noch einen Zusammenhalt, ein gemeinsames Interesse bzw. ein Interesse an etwas Gemeinsamen? Fällt die moderne Gesellschaft nicht durch diese Vielfalt auseinander, sodass nur noch isolierte Individuen oder kleinere Gruppen existieren, die miteinander nichts mehr verbindet?

Die Fragen weisen darauf hin, dass eine gesellschaftliche Verunsicherung in Bezug auf den sozialen Zusammenhalt zu spüren ist.

Allerdings gibt es auch andere Meinungen, die besonders von einem Abschied des so genannten Egokults sprechen und eine neue Offenheit und politische Konjunktur des Gemeinsinns bemerken.4

Diese Widersprüchlichkeiten verdeutlichen, dass Phänomene wie u. a. Gemeinsinn mit der Gesellschaft verbunden sind und wieder als wertvolle Güter geachtet werden müssen. Ohne Zweifel könne gesagt werden, dass eine demokratische Gesellschaft für ihr Funktionieren Menschen braucht, die gemeinschaftsfähig sind, sich vertrauen und sich für das Wohl der Gemeinschaft einsetzen.5

Das Interesse an dem Thema dieser Arbeit entstand durch eine persönliche Fragestellung, ob gemeinwesenorientiertes Arbeiten gegenwärtig und zukünftig eine Möglichkeit darstellen kann eine Teilhabe für alle Menschen am gesellschaftlichen bzw. gemeinschaftlichen Leben zu erreichen. Des Weiteren bestand das Interesse darin, die im Studium erworbenen Handlungskompetenzen in Beziehung zum gemeinwesenorientierten Arbeiten zu setzen und dadurch die Frage beantworten zu können, ob dies ein mögliches Arbeitsfeld sein kann.

Diese Entwicklung bzw. dieses Interesse am Gemeinwesen ist allerdings keine moderne Errungenschaft, sondern besitzt eine lange historische Entwicklung. Vor diesem Hintergrund erachte ich es als notwendig, die im Thema verwendeten Begrifflichkeiten in ihrem historischen Kontext zum Gegenstand zu machen, von dem aus anschließend eine weiterführende Betrachtung in Hinblick auf die Bedeutung des professionellen, am Gemeinwesen orientierten Handelns vorgenommen werden kann.

Die Arbeit stellt somit eine theoriegestützte Verdeutlichung der Verbindung zwischen den Begrifflichkeiten Gemeinsinn, uneingeschränkte Teilhabe für Alle und gemeinwesenorientiertem Handeln dar. Im Weiteren versucht sie eine Positionierung professionellen Handelns innerhalb dieser Verbindung zu finden.

Die Arbeit ist in vier eigenständige Kapitel unterteilt, die in einem engen Zusammenhang stehen, wobei sie durch einen Erarbeitungsweg vom Allgemeinen hin zum Besonderen gekennzeichnet ist.

Im ersten Kapitel beschäftigt sich die Arbeit mit dem Gemeinsinnsbegriff und mit dem nicht davon lösbaren Begriff Gemeinwohl. Einer historische Herleitung und Verdeutlichung ihrer vielfältigen Auslegungen folgt deren Einordnung in einer ethischen und politischen Dimension.

Hierbei werden die ´Theorie der Gerechtigkeit` von Rawls sowie Kants ´Kritik der Urteilskraft` als theoretische Basis verwendet. Das Ziel ist ein Verständnis vom Gemeinsinnsbegriff als Grundlage für die weitere Arbeit zu erlangen. Die Hervorhebung ´GemeinSinn` im Titel spielt hierbei keine wesentliche Rolle, sondern soll lediglich den Sinn am Gemeinsamen verdeutlichen. Beachtet werden sollte, dass dieses Kapitel als Einführung in die gesamte Thematik dienen soll und demnach keine gewichtige Analyse darstellen kann.

Das zweite Kapitel betrachtet, was unter einer uneingeschränkten Teilhabe für Alle zu verstehen ist. Hierbei bietet eine anfängliche historische Betrachtung die Plattform für die Erkundung, worin die Teilhabe stattfinden soll. Wesentlicher Aspekt ist dabei der Gesellschafts- und Gemeinschaftsbegriff und deren Unterscheidung. Es folgt eine weitere Einordnung des Teilhabebegriffes im sozialpolitischen Raum und da besonders in Bezug auf Menschen, die als behindert bezeichnet werden. Diese so genannte ´Verbesonderung` wird als sinnvoll erachtet, um davon ausgehend noch einmal explizit aufzuzeigen, wer mit ´Alle` gemeint ist. Am Ende des Kapitels werden die Begrifflichkeiten Gemeinsinn bzw. Gemeinwohl und uneingeschränkte Teilhabe für Alle zusammengeführt.

Das dritte Kapitel beginnt mit der Charakterisierung einer Ausgangslage, die ein Interesse an gemeinwesenorientierter Arbeit wecken kann. Dabei geht es um die Entstehung marginalisierter Stadtteile und der darin vorkommenden Armutsthematik. Dieser Heranführung folgt eine Bestimmung des Begriffs Gemeinwesen und seinen Inhalten wie eine Betrachtung seiner historischen Entwicklung.

Davon ausgehend wird das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit als professionell ausgerichtetes gemeinwesenorientiertes Arbeiten betrachtet. Schwerpunkt hierbei bilden die verschiedenen Formen der Gemeinwesenarbeit in Bezug auf eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle.

Abschließend beschäftigt sich das Kapitel mit der Frage, ob gemeinwesenorientiertes Arbeiten nicht nur eine andere Bezeichnung für Gemeinwesenarbeit darstelle. Als Hintergrund gemeinwesenorientierten Arbeitens und für den Versuch einer Beantwortung der Frage wird auf das psychologische Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung` von Klaus Holzkamp zurückgegriffen.

Die Bedeutung vom professionellen Handeln innerhalb gemeinwesenorientierter Arbeit wird im vierten Kapitel zum Gegenstand gemacht. Hierbei wird die Basis die von Doortje Kal verfasste Dissertation ´Gastfreundschaft` mit dem darin betrachteten Konzept ´Kwartiermaken` darstellen. Das Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung` wird nochmals aufgegriffen, um damit Aspekte zu veranschaulichen, die für den professionell Handelnden bei seiner Arbeit von Bedeutung sind.

Es wird erklärt werden, was unter der ´Anerkennung vom Anderssein des Anderen` und der Notwendigkeit von Gegenseitigkeit zu verstehen ist. In einem Exkurs wird das philosophische Symbol der Umarmung dargestellt. Es veranschaulicht auf verständliche Weise, welche Kernkompetenzen der professionell Handelnde besitzen muss, um tatsächlich eine am Gemeinwesen orientierte Arbeit leisten zu können. Der letzte Teil dieses Kapitels gibt einen Überblick über die handlungsbezogenen Kompetenzen der Studierenden des Studiengangs ´Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education`, in Bezug auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten und beantwortet somit die zweite Hauptfrage dieser Arbeit.

Es folgt eine Zusammenfassung, die die wesentlichen Ergebnisse dieser Arbeit zusammenführt und auf die vorangestellten Fragen unter Beteiligung einer persönlichen Positionierung eingeht.

Der abschließende Ausblick stellt das bearbeitete Thema nochmals in einen komplexeren Zusammenhang u. a. in Bezug auf das staatliche Einwirken hin zu mehr Solidarität sowie einer veränderten Betrachtungsweise des Arbeitsbegriffs.

Vorab möchte beachtet werden, dass diese Arbeit einen Anspruch auf Vollständigkeit in Bezug auf den komplexen Zusammenhang zwischen Gemeinsinn, Teilhabe, gemeinwesenorientierten Arbeiten und deren Bedeutung für professionelles Handeln versucht und einen möglichen Zugang zu dieser Komplexität darstellt, der wiederum ausbaufähig ist und zur weiteren Beschäftigung anregen möge.

Außerdem möge zur Kenntnis genommen werden, dass vor dem Hintergrund des Studiums, in der diese Masterthesis geschrieben wird, zwar Menschen, die als behindert bezeichnet werden, eine besondere Rolle spielen, aber sie hier keiner außergewöhnlichen Betrachtung unterliegen werden. In Bezug auf eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle wird zwar eine heilpädagogische Sicht erfolgen, nicht aber in Bezug auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten. Bewusst wird sich gegen eine besondere Beschäftigung mit gemeinwesenorientierter Arbeit und Menschen, die als behindert bezeichnet werden entschieden. Nicht die Unwichtigkeit dieser Zusammenführung, sondern die ohnehin schon komplexe Betrachtungsnotwendigkeit ebendieser gemeinwesenorientierten Arbeit veranlasst einen allgemeineren Blick.

Es wird sichtbar, dass gemeinwesenorientiertes Arbeiten keinen Menschen unberücksichtigt lässt und somit Menschen, die als behindert bezeichnet werden, in keiner Weise ausschließt.°

In Bezug auf stilistische Mittel möge beachtet werden, dass Zitate und Vergleiche mit Fußnoten gekennzeichnet sind. Außerdem werden in den Fußnoten definierte Begriffe sowie weiterführende Literatur mit so genannten Kullern angemerkt. Diese Unterscheidung dient einer verbesserten Leseart.

In Hinblick auf ein angenehmes Lesen wird in der Arbeit die maskuline Subjektform in Bezug auf die professionell handelnde Person verwendet. Daneben gibt es Zusammenführungen der männlichen und weiblichen Form wie zum Beispiel in dem Begriff ´BürgerIn`.

° Empfehlenswerte Literatur für eine weitere Beschäftigung mit der Thematik ´Menschen, die als behindert bezeichnet werden und gemeinwesenorientierte Arbeit`: Knust-Potter, E. (1998); sowie: Maas, T.; Bayer, W.; Götz, D.; Heimler, J.; Kraft, W.; Nernheim, K.; Schulz, B.; Schulze Steinmann, L. (2007) und Wansing, G. (2004).

1 Gemeinsinn und Gemeinwohl

Der Begriff Gemeinsinn kann, wie im weiteren Verlauf dieses Kapitels deutlich wird, nicht unabhängig von dem Begriff Gemeinwohl erklärt werden, sodass sie gemeinsam zum Gegenstand gemacht werden.

Die Begriffe Gemeinwohl und Gemeinsinn haben in den letzten Jahren überraschend neues Interesse geweckt.6 Sie sind zu konstanten politischen Leitbegriffen mit großer Attraktivität u. a. für politische Akteure geworden, wenn es zum Beispiel um Bürgerengagement, Föderalisierung, Dezentralisierung und Kommunalisierung geht. Es scheint, als ob ihnen eine krisenresistente und universelle Verwendbarkeit sowie inhaltlich verfügbare Vielfalt der Begriffe innewohne.7 Auch in kulturkritischen Diskussionen genießen sie eine konstante Popularität.

Der Gemeinsinn, der sensus communis, beschwöre gewissermaßen ein Integrationspotential herauf und habe nahezu ohne Begründung und Analyse Prädikate der Moral auf seiner Seite. Auch erhebe sich kaum ein Widerspruch, wenn, bedingt durch eine immer radikaler werdende Individualisierung der Gesellschaft, von einem Appell an die Verantwortung für das Gemeinwesen gesprochen werde.8

Gerade wegen ihrer wechselseitigen Bedeutungen und ihrer richtungweisenden Funktionen konnten die zwei Begriffe den Übergang zur modernen Gesellschaft° überstehen, gelten heute aber auch noch als politisch umstritten.

Dessen ungeachtet stellt sich die Frage, ob ihnen heutzutage noch eine Funktion bzw. eine Bedeutung zukommt, da angenommen wird, die Menschen moderner Gesellschaften verfolgen eher Eigeninteressen, als gemeinwohlorientierte Interessen. Die Beantwortung dieser Frage wird zum Gegenstand gemacht. Dabei wird eine historische Betrachtung der beiden Begriffe die Beschäftigung mit der inhaltlichen Vielfalt einleiten. Außerdem werden sowohl die ethische Dimension besonders in Bezug auf Rawls ´Theorie der Gerechtigkeit` und Kants ´Kritik der Vernunft` als auch die politische Dimension des Gemeinsinns dargestellt.

1.1 Die historische Entwicklung der Begriffe Gemeinsinn und Gemeinwohl

Die griechische Staatslehre gilt als wichtige Wurzel der europäischen Gemeinsinn- und Gemeinwohlkonzeption.

Bei Platon (427 v. Chr. - 347 v. Chr.) weiß der Philosophen-König was gerecht ist und der Allgemeinheit dienen kann. Dieser Betrachtungsweise wird allerdings vorgeworfen, das Wohl des Gemeinwesens sei von der Fähigkeit des Herrschers zur Erkenntnis von seiner Motivation und von seiner Liebe zur Gerechtigkeit abhängig.9 Bei Aristoteles (384 v. Chr. - 322 v. Chr.) weiß ein guter Monarch (Alleinherrscher), was der Allgemeinheit dient. Deshalb kommt es hierbei hauptsächlich auf den Handlungshorizont des Herrschers an, den Nutzen der Untertanen zu verfolgen. In der aristotelisch-stoischen Tradition ist der sensus communis das Erkenntnisvermögen so genannter primärer Einsichten, die dem Menschen mit einem gleichsam natürlichen, obzwar impliziten und vorreflexiven Wahrheitsbezug ausstatten.10

Diese Tradition beinhaltet eine sozial-ethische Komponente, die dem Menschen gestattet, sowohl ein soziales Verhalten als auch ein Wissen, was dem gemeinen Nutzen dienlich ist, zu besitzen.

Sowohl Platon als auch Aristoteles unterscheiden einen Eigennutz von einem Gemeinnutz. Wobei der gemeine Nutzen letztlich am Wohl der Untertanen bzw. im heutigen Sprachgebrauch der BürgerInnen festgemacht wird. Das Wohl des Ganzen wurde mit dem Wohl der Mitglieder gleichgesetzt.

Dem ähnelte später die Aufgabe des Fürsten, der für die Sicherung des Friedens und des Rechts verantwortlich war. In der folgenden Zeit wurde das Gemeinwohl zum ´staatsbegründeten Ziel` und zur Norm.

Eine Problematisierung, woraus das gemeine Wohl bestehe und ob es in Konflikt mit den individuellen Interessen der einzelnen Gesellschaftsmitglieder geraten könne, gab es jedoch kaum. Auch wurde einer Klärung der Begriffe Gemeinsinn und Gemeinwohl wenig Beachtung geschenkt.11

Eine liberale Kritik am absolutistischen Staat veranlasste zunächst eine Unterscheidung zwischen individueller Wohlfahrt, im Sinne vom individuellen Wohlergehen in Form bürgerlicher Freiheiten sowie Notwendigkeiten der Gewährleistung einer inneren Ordnung und einer äußeren Unabhängigkeit.12

Diese Konzentration auf die beiden Staatsfunktionen der inneren Ordnung und der äußeren Sicherheit bewirkte eher den Ausschluss der Frage nach den Inhalten einer individuellen Wohlfahrt aus dem politischen Diskurs, solange nur jedem Individuum das Recht auf Verfolgung des eigenen Glücks erhalten blieb. Der Wohlfahrtsbegriff wurde dadurch auf das private Glück reduziert, was zu einer Gleichsetzung mit der Summe individueller Bedürfnisbefriedigung führte.13

Relativ undefiniert blieb auch im Mittelalter das auf ein größeres Ganzes bezogene Gemeinwohl, welches sich auf Ebenen selbständiger Kommunen bzw. Städte mit dem verbreiteten Konzept des ´gemeinen Nutzens` beschäftigte. Es gab indirekte Gemeinwohlvorstellungen, so z. B.: Ordnungsstiftung, Mehrung des Wohlstands und Autonomie des Gemeinwesens.

Der französisch- schweizerische Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge und Komponist Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) sah in dem Gemeinsinn einen gesunden Menschenverstand, der sich durch innere Wahrnehmungen (Ideen) verschärfen kann. Diese wiederum werden durch die menschliche Vernunft unterschieden und verglichen. Das Gemeinwohl ist für ihn ein Allgemeinwohl, welches sich finden lasse, wenn jeder Mensch unabhängig von anderen nach dem so genannten allgemeinen Willen, der volont é g é n é rale (Gemeinwille), suche.14

Die alt-europäische Tradition dagegen ging davon aus, dass die Strukturen basalen Wissens in theoretischer, ethischer und praktischer Hinsicht ein sozusagen natürliches und deshalb ein human-geteiltes Fundament besitzen. Was dabei wieder fehlte waren, die Bezüge zu zeitlichen, räumlichen und sachlichen Inhalten.

In den vormodernen Gesellschaften wiederum, welche noch in der Lage waren, die Einheit der Gesellschaft für die Gesellschaft durch zentralistische Machtbefugnisse mittels und an der Spitze der politischen Hierarchie in sich selbst zu repräsentieren, wurde das Gemeinwohl als Diktat des politischen Machthabers gesehen. Der Gemeinsinn entsprang einzig dem Interesse der politischen Elite.15 Es ging hierbei um die Sicherstellung von Voraussetzungen für die Selbsterhaltung dieser Elite.

Matthias Bohlender fragt an dieser Stelle, warum es zum Niedergang des Gemeinwohlund Gemeinsinnsbegriffs seit der Mitte des 18. Jahrhunderts und der damit einhergehenden Hervorhebung des persönlichen Vorteils zur Förderung einer wohlgeordneten Gesellschaft kam.

Allerdings könne dies, so Bohlender, weniger ein Niedergang, sondern eher eine Metamorphose (Verwandlung) des Gemeinwohltopos bedeuten.16

Die Sorge um das Wohl der Bevölkerung, die einstmals dem Regierenden (Fürsten, König) und seinem Apparat oblag, verwandelte bzw. spaltete sich auf. Zum einen sollen nun der kapitalistische Güter- und Arbeitsmarkt und zum anderen das bürgerliche Recht in Form von Verträgen und Gesetzen die Wohlfahrt der Bevölkerung substituieren.

Durch die gegenwärtige Sozialpolitik aber auch staatlich gesteuerte Abwehr möglicher Gefahren, die das Gemeinwohl bedrohen, sichert und stützt der moderne Verwaltungsstaat in vielfältiger Weise das Bestehen dieser Aufgabenteilung. So spricht Hellmann von einer sinnvollen Modernisierung der Begriffe: Ein in seinen Worten verdeutlichtem face lifting ohne Gesichtverlust.17

Das Interesse an den Begriffen Gemeinsinn und Gemeinwohl gibt es im besonderen Maße wieder seit zwei Jahrzehnten, bedingt durch den Umbau des Sozialstaates (Abgabe der Position des Hüters, Durchsetzers und Interpreten von Gemeinwohl) und durch die Voraussetzungen für eine Demokratie.18

Diese Wiederaktivierung von Gemeinsinn und Gemeinwohl passierte auf drei Ebenen.

Zunächst begann es Anfang der 1980er Jahre zwischen den Liberalisten und den Kommunitaristen vornehmlich in Amerika, wo eine Selbstverständnisdebatte über soziomoralische Aspekte von Demokratie auftauchte.

Die Frage nach den individuellen Voraussetzungen demokratischer Akteure, z. B. deren Sozialisation, demokratische Kompetenzen, Werte und Tugenden sollte dadurch definiert

werden. Wichtig war hierbei der Begriff ´BürgerIn`, da er einen aktiven Aspekt beinhalte und nicht rein als Konsument verstanden werden sollte.19

Außerdem gab es eine Debatte um die Ziele der Demokratie anhand von Konzepten einer ´guten Ordnung` und eines ´guten Lebens`.

Mitte der 1980er Jahre kam diese Bewegung nach Europa und wurde durch den Fall der Mauer zwischen West- und Ostdeutschland verstärkt.

Es eröffnete sich ein neuer Blick auf die Herausforderungen des Gemeinwohls und somit eine Verbindung mit dem Gemeinsinn der BürgerInnen.

Dies wurde u. a. durch die historischen Arbeiten von John Pococh und Quentin Skinner über Bürgerhumanismus, Republikanismus oder auch Tugenddiskurs in der frühen Neuzeit hervorgebracht. In diesen Arbeiten wurde die Gemeinwohlsemantik als eigenständige und historisch-diskursive Alternative zu den politischen Sprachen des Rechts, des Staates, der Ökonomie und des Eigeninteresses betrachtet.20 Dieses neue Ansehen, hervorgerufen durch die Problematik des politischen Denkens und Handelns seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, bekam und bekommt, so Matthias Bohlender

„ ihre Attraktivität unter anderem dadurch, dass Begriffe wie „ Gemeinwohl “ , „ö ffentliches Wohl “ eng verknüpft mit der Thematisierung des Bürgers einer Gemeinschaft, der nicht passives und gehorsames Subjekt von Gesetzen, Regeln und Interessen, sondern freier und aktiver Teilnehmer an denöffentlichen Belangen seines Gemeinwesen ist. “ 21

Gemeinwohl wird hierbei als Ziel einer für alle aktiven BürgerInnen befriedigenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung formuliert.

Hingegen soll der Gemeinsinn eine spezifisch politische Tugend dieser BürgerInnen darstellen.

Gemeinsinn und Gemeinwohl werden somit als reflexive Vokabeln definiert, die zur Ausübung von Freiheit, politischer Partizipation und zivilem wie auch militärischem Engagement führen.

Dieses Verständnis von Gemeinsinn und Gemeinwohl gilt es im Weiteren zu betrachten, sodass nun die sozio-moralische und die gesellschaftspolitische Dimension der Begriffe zum Gegenstand gemacht werden.

1.2 Die ethische Dimension des Gemeinsinns

John Rawls (1921-2002) ´Theorie der Gerechtigkeit` geht von der Existenz eines Gerechtigkeitssinns aus, ohne den der Prozess wohlerwogenen Urteils kein anthropologisches Fundament besäße.

Nach Wils sei der Gerechtigkeitssinn dem Gemeinsinn gleichzusetzen, weil Rawls diesen in die Tradition des common sense, also des gemeinsamen Sinns stelle.22 Der Gerechtigkeitssinn sei allerdings nicht nur anthropologisch zu verstehen, sondern hänge auch mit der Existenz eines Überlegungs- und Gleichgewichtsinteresses zusammen. Dieses geschähe nicht nur durch die Tätigkeit des Vergleichens bzw. Angleichens der vorhandenen eigenen Überzeugungen mit jenen, die als Grundsatz oder in Form von Prinzipien im Verfahren konstruiert werden, sondern auch durch ein Vergleichen und Angleichen der verschiedenen Standpunkte der am Verfahren Beteiligten.23

Daher gibt es nach Rawls eine politische Gerechtigkeit, die die Grund- und Freiheitsrechte sowie das Prinzip der Volkssouveränität gewährleistet. Die soziale Gerechtigkei t garantiert die soziale Sicherheit und die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum.

Die wirtschaftliche Gerechtigkeit ist gegen eine bewusste Brachlegung und einen ineffizienten Einsatz von Ressourcen zur Verhinderung des erreichbaren Wohlstandsniveaus einer Gesellschaft bzw. Teilen von Gesellschaften.24 Eine ideale Betrachtung der Gerechtigkeit läge in dem magischen Dreieck der drei skizzierten Gerechtigkeiten, da sie die Ganzheitlichkeit einer gesellschaftlichen Betrachtung garantiere.

Im Zuge der Moderne gab es eine theoretische Entwicklung hin zur liberalen Durchsetzung von Gerechtigkeit bzw. Gleichheit, d. h. zur Durchsetzung von politischen bzw. rechtlichen Mitteln, welche Standards der Gleichheit einführten.

Der Gemeinsinn wird als eine zentrale Voraussetzung der Gerechtigkeit gesehen und könne zunächst als motivational bezeichnet werden.25

Dafür sei eine häufig affektive Einstellung wechselseitiger Verbundenheit und Verpflichtung notwendig. Es handle sich also nicht allein um eine Bereitschaft, sondern hänge vielmehr von einem gemeinsam geteilten Verständnis ab.

Dies wird als hermeneutische° Vorraussetzungsbeziehung zwischen Gemeinsinn und Gerechtigkeit bezeichnet.

Hierzu führt Rawls eine Logik der Veränderung des Gleichheitsverständnisses an. In ihr spricht er von folgenden Aspekten:

1. Der Materialismus der Gleichheit ist der Schritt von der Freiheit zum Wert der Freiheit. Der Wert muss gleich sein, will heißen die Nutzungsmöglichkeiten bzw. Chancen, die diese rechtlich garantierten Freiheiten den Einzelnen tatsächlich bieten.
2. Der Prozeduralismus bezeichnet den Schritt, durch den die Gleichheit von sozialen Arrangements auf faire Bedingungen oder Verfahren ihrer Hervorbringung zurückgeführt werden. Die Bestimmung der Gleichheit erfolgt in Beratungsprozessen, die bestimmten Verfahrensregeln fairer Beteiligung und Berücksichtigung unterliegen.
3. Das Reflexivwerden der Gleichheit in Form einer Politik der Anerkennung. Diese befasst sich vorwiegend hermeneutisch mit ungefragten und unbemerkten Voraussetzungen für Gleichheit bzw. Gerechtigkeit.26

Auch Emmanuel Kant (1724-1804) hat sich mit der Frage nach dem Ort der Gleichheit bzw. Gerechtigkeit in seinem Werk ´Kritik der Urteilskraft` auseinandergesetzt. Demgemäß erfolgt für ihn das Urteil der Gleichheit bzw. Gerechtigkeit von einem allgemeinen Standpunkt aus, von dem aus der Mensch von allem Sinnlichen und Empirischen abstrahiert. Die ´Kultur der Vernunft`, auf der die Einstellung der Gleichheit bzw. Gerechtigkeit beruhe, müsse nach Kant nicht nur eine Kultur, sondern im Besonderen auch eine Politik und Ethik des Verstehens sein.

Dieses Verstehen geschähe durch eine Operation der Reflexion.27 Reflexion werde hierbei als Vergleichen gedeutet, was zur Bildung des Gemeinsinns führe. Der Gemeinsinn müsse reflexiv erfasst werden, da er sonst rein konventionell bliebe. Da konventionelle Verständnisse aber Gleichheitsordnungen begründen können, die wiederum ausschließende Prozesse in Gang setzen, sei eine dauernde Überprüfung und Korrigierung des Gemeinsamen am Individuellen notwendig.

Reflexion ist so auch das Aushalten der Spannung, einer ´ Dialektik` zwischen dem Gemeinsamen und dem Individuellen.28

Demzufolge beinhaltet der Gemeinsinn die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Teilhabe an Prozessen der permanenten Überprüfung und Neubestimmung dessen, was uns gemeinsam ist.

Der sensus communis hat demgemäß eine motivationale wie auch kognitive Seite.

Es wird davon ausgegangen, dass die Gegenstandserfassung durch die Sinne passiere und die verschiedenen Informationen vereinheitliche und synthetisiere.29 Beim sensus communis werde also ein Element des Vergleichens lokalisiert, was bedeute, dass er offenbar ein Vermögen des Aspekt-Vergleiches, eine kognitive Fähigkeit eines Standpunktwechsels besäße.

Vor diesem Hintergrund kann eine sozialorientierte Perspektivenübernahme ermöglicht werden.

Auch bei Kant findet sich dieser Dialog der Standpunkte wieder. Er stellte in der ´Kritik der Urteilskraft` drei Maximen dafür auf:

1. Selbstdenken
2. An der Stelle jedes Anderen denken.
3. Jederzeit mit sich einstimmig denken.30

Dies bedeute, dass auch hier soziale Komponenten enthalten seien.

Das Einnehmen der Perspektive des Anderen verbessere nicht nur die Objektivitätschance unseres Wissens, sondern konfrontiere uns mit dem Gemeinmenschlichen.

Dabei formuliert Menke mit Worten Kants, dass

„ man unter dem sensus communis aber die Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes,

d. h. eines Beurteilungsvermögens verstehen [muss, E. L.] welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes andern in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt, um gleichsam an die gesamte Menschenvernunft sein Urteil zu halten. “ 31

Der Gemeinsinn stelle bei Kant einen gemeinsamen und gemeinsam geteilten Sinn dar, der ein Interesse für ein Gemeinwohl fördere.

Gemeinsinn könne demzufolge die Fähigkeit zu einem Urteilen und Auffassen sein, in dem wir mit allen anderen Menschen übereinstimmen. Eine Reflexion sei allerdings deshalb notwendig, da Täuschungen somit vermieden werden können und ein allgemeines Wohl angestrebt werden könne.

Gemeinwohl sei somit das normative Ideal dieses vorhergehenden Gemeinsinns. Es beinhalte gemeinsame Ziele, Kooperationseffekte und Handlungen, welche auf den Erhalt der jeweiligen Gemeinschaft und der Reproduktion ihrer Voraussetzungen gerichtet sei.

Bei der Aktivierung müssen die verschiedenen spannungsvollen Relationen beachtet werden. So bemerken zum Beispiel Herfried Münkler und Harald Bluhm, dass die Größe der Bezugsgruppe bzw. die Struktur eine wichtige Rolle einnehme, da bei einer Zunahme der GruppenmitgliederInnen die Identifikation, Erkennbarkeit und Bewertbarkeit prekärer würden.32

1.3 Die politische Dimension von Gemeinsinn

Der Gemeinsinn in Bezug auf die Politik kann funktional als Vertrauen der BürgerInnen in das politische System gesehen werden. Dabei werden zwei Bedeutungen unterschieden. Zum einen gibt es eine passive, bloß erlebende Beobachtung des Systems und zum anderen eine aktive, in der Gestalt von kollektivem und individuellem Handeln zurechenbare Teilhabe von BürgerInnen am System.33

Dieses dem politischen System entgegengebrachte Vertrauen muss insoweit bestärkt werden, sich nicht nur passiv auf das System einzulassen, sondern sich im besonderen Maße auch aktiv daran zu beteiligen.

Ein Vertrauen in das System stelle, so Kai-Uwe Hellmann, allerdings auch eine riskante Vorstellung dar, die mit einer Erwartungserfüllung rechne und sich bei einer wiederkehrenden Enttäuschung nachhaltig irritiert zeigen könne.34

Dieser Risikobereitschaft zu begegnen, gilt es, positive Belohnungen zu schaffen, wie auch das System darauf angewiesen ist, dass ihm genügend Vertrauen entgegengebracht wird.

Im politischen Bereich gibt es liberale und demokratische Grundrechte, die aber wenn sie nicht in angemessener Form mit sozialen Grundrechten verknüpft sind, für die Konstitution einer demokratischen Sittlichkeit nicht ausreichen. Möglicherweise stellen die sozialen Grundrechte eine symbolische Kompensationsstrategie für die ausgebliebene Wohlfahrtssicherung dar, die die heutige Phase des sozialstaatlichen Abbaus kennzeichne.35

Ein Wohlfahrtsstaat° setze die Atomisierungstendenzen der Marktwirtschaft bzw. der modernen Gesellschaft durch die ´Förderung der sittlichen Ausbleichung der Lebenswelt, die Austrocknung der traditionellen Solidaritätsvorräte und durch das Vordringen der ökonomischen, nutzenmaximierenden, moralischen und unterdisziplinären Rationalität` fort.36

Der Wohlfahrtsstaat wird nach Pier Paolo Portinaro somit zum ´Kollaborateur des Individualismus`, was nicht nur zum Verlust der staatlichen Steuerungsfähigkeit, sondern auch zum Zerfall von Motivation und sozialer, uneigennütziger Bindung führe. Zur so genannten ´Krise des Sozialstaats` zähle Portinaro also auch den Umkehrprozess, die Demotivation dazu.37

Jenseits des Rechtszwangs und des Erwerbsinteresses wird so nach den Quellen für ein zivilgesellschaftliches Engagement, für soziale Kohäsion, für ein ´soziales Kapital` und die Selbständigkeit einer Bürgergesellschaft gesucht.

Deutlich wird, dass ein erfolgreiches Regierungshandeln auf ´entgegenkommende` sozialethische Dispositionen einer Bürgergesellschaft angewiesen ist.

Der Staat muss sich um die Pflege und Ermutigung dieses zivilgesellschaftlichen Potentials an politikrelevanten moralischen Ressourcen kümmern.

Dem liegt ein kommunitaristisches Verständnis mit politischen Konzepten wie der devolution (Dezentralisation) und der activation (Aktivierung) zugrunde, sodass BürgerInnen, Familien, Netzwerke, Nachbarschaften und Vereinigungen, aber auch kommunale Gebietskörperschaften das Betätigungsfeld einer sozusagen ´mikropolitischen` Praxis darstellen.38 Diese sei gekennzeichnet durch Normen wie Eigenverantwortung, Selbsthilfe, einer neuen Subsidiarität, Gemeinsinn und Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwesen, politischer Beteiligung bzw. Bürgerbeteiligung im Allgemeinen. Dadurch werde versucht die Autonomie der Zivilgesellschaft zu betonen und wiederum die Autonomie des politischen Systems zu behaupten.39

Die Subsidiarität, d. h. die Rückgabe der Verantwortung an die Menschen, die diese Verantwortung tragen können und wollen, die diesen Normen innewohnt, sei somit kein ´Geschenk` des Staates, sondern gesellschaftlich politische Notwendigkeit. Dolf Sternberger behauptet daher:

„ Das Gemeinwohl kommt nicht von selbst, sondern man muss es wollen. “ 40

Nur eine moralische Gesinnung könne das allgemeine Beste fördern. Die Vorraussetzung dafür sei ein gemeinsinniges und ein tugendhaftes Verhalten.

So befindet sich das Gemeinwohl an der Basis und in der Alltagspraxis von BürgerInnen und könne dann seinen Platz finden, wenn eine Politik mit der Verbindung von Gemeinschaftszugehörigkeit und einer Verpflichtung auf liberale Werte existiere. Angesichts der oft erfolglosen rechtsförmigen Bekämpfung von Korruption und politischer Devianz vermöge so eine Gemeinwohlorientierung ein Korrektiv von unten darzustellen, da sie das Bedürfnis nach sittlichen Dispositionen artikuliere.41

Vor dem Hintergrund des Gemeinsinns bedeuten diese sittlichen Dispositionen im vorpolitischen Sinne: Tugend, emotionale Voraussetzung, Gewebe wechselseitiger Verpflichtungen, innere moralische Vergemeinschaftung° der BürgerInnen, Dialogbereitschaft, Kooperationswille und Solidaritätserfahrung. Explizit politisch konnotierte Kompetenzen im Sinne einer politischen Akzeptanz und Partizipation umfasst der Gemeinsinn Bedeutungen wie Vertrauensfundament, Gemeinwille, wachsende Bürgerschaft, Bereitschaft zum Einsatz für das politische Ganze.42 Es ist erkannt worden, dass der Gemeinsinn- wie auch Gemeinwohlbegriff einer vielfältigen Bedeutung unterliegen. Dies stellt kein Phänomen der Gegenwart dar, sondern kam bereits zur Zeit der Antike vor.

Der Gemeinsinn beinhaltet eine solidarische, sich im vorpolitischen Raum einstellende Verbundenheit von Menschen untereinander, welche als eine unumgängliche Voraussetzung und motivationale Bereitschaft zum Sich-Einmischen und zur Teilhabe an der Verhandlung und Gestaltung der für die jeweilige Gemeinschaft relevanten Angelegenheiten verstanden wird. Sie äußert sich in konkreten Aktionen und Selbstverpflichtungen, eine aktive Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen. Daraus folgt die zweite Bedeutung, die dem Begriff Gemeinsinn innewohnt, das gemeinsame Handeln, welches die Kooperation mit Anderen umfasst oder mit den Worten Max Webers ausgedrückt, eine ´subjektive Verpflichtung zu einem Handeln° im gemeinsamen Interesse darstelle, sofern es das gemeine Wohl erfordere.43

In seiner verstehenden Soziologie definiert er das soziale Handeln, als ein dem subjektiv zugrunde liegenden Sinn des Handelnden nach auf das Verhalten anderer bezogenes Handeln. Durch diese sinnhafte Bezogenheit wird der Verlauf des Handelns durch die anderen mitbestimmt und bleibt doch das Handeln aus einem subjektiv gemeinten Sinn.44

Des Weiteren sei zu bemerken, dass das Interesse am Gemeinwohl nur entstehen kann, wenn die BürgerInnen ein Vertrauen in das politische System haben. Erst dann ist eine aktive Beteiligung und politische Partizipation möglich. Eine Politik der Anerkennung wie auch eine Politik und Ethik des Verstehens sind hierfür notwendige Vorraussetzungen.

2 Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle

Dieses Kapitel setzt sich mit dem Ziel einer uneingeschränkten Teilhabe für Alle auseinander. Vor dem Hintergrund einer Erläuterung und der Geschichte des Begriffes Teilhabe soll im zweiten Teil das vermeintlich ungenaue Ziel, woran eine uneingeschränkte Teilhabe stattfinden soll, thematisiert werden. Eine Darstellung der Begriffe Gesellschaft und Gemeinschaft sind hierbei von Bedeutung und Ausgangspunkt einer Betrachtung der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. Gemeinschaft am Ende dieses Kapitels.

Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle ist von ihren gesetzlichen Grundlagen eines Staates abhängig. Demzufolge wird aufgezeigt, wo dieses Ziel im sozialpolitischen Raum von Deutschland zu finden ist. Weiterführend wird vor dem Hintergrund des Studiums der ´Integrativen Heilpädagogik / Inclusive Education` rechtstheoretisch erklärt werden, was eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle, also auch für Menschen, die als behindert bezeichnet werden, bedeutet.

Die Frage, wer mit ´Alle` gemeint ist, kann von der Bedeutung des Wortes her als eindeutig erklärt werden. Dennoch wird dieses ´Alle` zum Gegenstand gemacht, da besonders der Aspekt, dass jeder Mensch die Möglichkeit einer uneingeschränkten Teilhabe haben soll, so wesentlich für eine gelingende gemeinwesorientierte Arbeit ist. Im letzten Teil wird die Frage aufgegriffen, warum überhaupt solch eine Teilhabe als Ziel angestrebt wird, und welchen Bezug diese wiederum zu einem Gemeinsinn hat.

2.1 Der Begriff der Teilhabe

Teilhabe ist die deutsche Übersetzung des international gebräuchlichen Begriffs der Partizipation. Etymologisch zurückzuführen ist das lateinische participatio und das englische sowie französische participation auf die lateinischen Wörter pars (Teil) und cipere (nehmen).

Vor diesem Hintergrund kann der Begriff Teilhabe auch mit Teilnahme, sowie Partizipation übersetzt werden. Allerdings hat allein der Begriff Teilhabe eine doppelte Bedeutung. Zum einen kann jemand an etwas teilnehmen, zum anderen hat er von etwas einen Teil. Partizipation kann als eine universelle Kategorie aufgefasst werden, Teilhabe ist hingegen eine Kategorie des Verhältnisses, der Zuteilung und der Zugehörigkeit und somit eine erkenntnistheoretische Kategorie und kann als rechtlicher, politischer und sozialer Begriff für die Verbindung des einzelnen Menschen zur Herrschaft, zum Staat und zur Verteilung ideeller und materieller Güter verwendet werden.45

2.2 Die Geschichte des Teilhabebegriffs

Für Platon stellte die Teilhabe (metexis) das Verhältnis der Dinge zu ihren Ideen und der Ideen zueinander dar. Aristoteles hingegen verwendete ihn politisch wie auch logisch. Zum einen war der Bürger der Teilhaber an der Rechtssprechung und Herrschaft, und zum anderen sah Platon das Individuum allein als Teilhaber an der Art, so am Menschsein.

Thomas von Aquin ging von der participation als Teilhabe in der Form einer eigenen Erkenntniskraft der Vernunft aus. Diesen Ansatz unterstrich Emmanuel Kant mit seiner Einordnung der individuellen Vernunft in die Fähigkeit der Menschheit zum Vernunftgebrauch, aus dem schließlich auch die Erkenntnis der sozialen Einbindung von Selbstbestimmung, wie auch der Gedanke der Gleichheit folgte.

In der politischen und philosophischen Diskussion des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff der Teilhabe zunächst kaum noch benutzt. Es gab andere Begriffe, so wie Brüderlichkeit oder auch Menschheit, welche im ähnlichen Sinne verwendet wurden. Erst Hegel beschäftigte sich eingehender mit dem Begriff und sah in der Möglichkeit der Teilnahme das besondere Vermögen der einzelnen Menschen, Teil an dem allgemeinen Vermögen zu haben und setzte außerdem diese Teilnahme besonders in das Verhältnis zur gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Ausgehend von einer durch die Natur gesetzten Ungleichheit der Menschen in Bezug auf u. a. Geschicklichkeit und Bildung sah er in der Forderung nach Gleichheit eine ´abstrakte Forderung des leeren Verstandes `.46 Damit meinte er, es gäbe reale Unterschiede, allein unterschiedliche Stände, sodass sich die Gleichheit nur durch einen rechtlichen Schutz verwirklichen ließe. Angesichts dieser sozialen Ungleichheit, verstanden als konstitutives Moment der bürgerlichen Gesellschaft, müsse es, so Hegel, zur Aufgabe des Staates gehören, das erforderliche Maß an Gleichheit zu besorgen. Dies beschreibe das Grundproblem der modernen Gesellschaft und Rechtsordnung: Es existiere eine abstrakte Gleichheit der Freiheiten allerdings bei einer ungleichen Teilhabe am Vermögen.47

Hegel war außerdem der erste, der eine begriffliche Unterscheidung zwischen Staat, Bürgerlicher Gesellschaft und Familie einführte und damit den Grundstein einer Theorie funktionaler Differenzierung moderner Gesellschaften damit legte.

Diese Theorie wurde insbesondere durch Talcott Parsons und Niklas Luhmann zu einer der bedeutendsten Paradigmen moderner Gesellschaftstheorien. Ihre Ansätze, besonders Luhmanns ´Allgemeine Systemtheorie` und das Konzept der ´Autopoiesis`, sowie seine ´Theorie sozialer Systeme` zu beschreiben ist in dem Umfang dieser Arbeit nicht möglich.48

Dieser knappen Ausführung über den historischen Hintergrund des Begriffs, der bereits in der griechischen Staatslehre verwendet wurde, folgt nun die Überlegung, woran es gilt uneingeschränkt teilhaben zu dürfen.

2.3 Eine uneingeschränkte Teilhabe woran?

Die Begrifflichkeiten Gesellschaft und Gemeinschaft

Nachdem im Vorfeld geklärt wurde, was Teilhabe bedeutet, soll nun geklärt werden, woran die uneingeschränkte Teilhabe stattfinden soll.

Hierbei spielt die Bedeutung der Begriffe Gesellschaft und Gemeinschaft eine zentrale Rolle. Die Gesellschaft, welche im weit gefassten Sinne eine zeitlich andauernde räumliche Gemeinschaft von Lebewesen und im engeren Sinne ein strukturiertes und organisiertes System menschlichen Zusammenlebens und -wirkens darstellt, ist der Gemeinschaft übergeordnet.

Unter Gemeinschaft versteht man daher die zu einer Einheit zusammengefassten Individuen einer Gesellschaft, sofern sie untereinander emotionale Bindekräfte, wie auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ein ´Wir-Gefühl` aufweisen.

Sie bildet sich dort, wo gemeinsame Lebensinhalte (Arbeit, Wohnen, Freizeit) aber auch Schicksale (Gefahr, Not) die tieferen Schichten der Persönlichkeit erfassen und einen Zusammenhang zwischen den betroffenen Menschen herstellen.

Diese Erläuterungen mögen scheinbar ausreichen, doch besitzen sie eine lange Tradition der Deutung und Definition, die in dieser Arbeit nicht unbeachtet bleiben soll. Aufgrund ihrer Vielfalt kann diese Betrachtung allerdings nur ansatzweise erfolgen.

Der Gesellschaftsbegriff ist ein grundlegender, aber schwer fassbarer soziologischer Grundbegriff. In der Alltagssprache wird er verwendet, wenn politische, ökonomische, rechtliche, kulturelle, mediale oder religiöse Zusammenhänge bezeichnet werden sollen.

Vorrangig wird ihr Zusammenhang zur Teilhabe erläutert. Hierbei geht es um Abhängigkeiten der Menschen von gesellschaftlichen Zusammenhängen und ihrer dementsprechenden Beeinflussung des Denkens, Fühlens und Handelns durch die vorherrschenden gesellschaftlichen Bedingungen.

Der Gesellschaftsbegriff kann so in einem ersten Schritt als eine Grundvoraussetzung menschlicher Entwicklung und für die Entfaltung einer Kultur gesehen werden. Der Mensch ist Mitglied mehrerer verschiedener Gruppen innerhalb der Gesellschaft. Daher kann er u. a. Teil einer Familie sein, eines Freundeskreise, einer Partei oder einer Nachbarschaft sein. Dieses Gruppen können einander einschließen aber auch kreuzen. Darüber hinaus werden in soziologischen Gesellschaftstheorien verschiedene Merkmale bestimmter Gesellschaftstypen, wie Stammesgesellschaften oder staatlich organisierte Gesellschaften bestimmt, die in Hinblick auf eine Teilhabe Unterschiede aufweisen.

Im 19. Jahrhundert unterschied der deutsche Soziologe Ferdinand Tönnies (1855-1936) zwischen zwei ´Normaltypen kollektiver Gruppierungen` in seinem Werk ´Gemeinschaft und Gesellschaft` von 1887: So stellen beide Begriffe für ihn zwar Formen sozialer Bejahung dar, doch gibt es Unterschiede des Willens, dessen es bedarf. Gemeinschaft ist bei Tönnies als reales und organisches Leben zu verstehen, hingegen die Gesellschaft die ideelle und mechanische Bildung darstellt.49 Gesellschaft ist seiner Meinung nach in erster Linie ein abstrakter Begriff, ein gedankliches Konstrukt. Die bei Tönnies beschriebene Gemeinschaft ist ein Ideal, das er in der Vergangenheit ausmacht. Sie wird hier als die natürliche Ordnung des Zusammenlebens dargestellt, begründet durch Übereinstimmung aller Willen, ausgebildet durch Sitte und Religion, auf Konvention gegründet, durch politische Gesetzgebung gesichert und durch öffentliche Meinung geklärt.50

Emile Durkheim (1858-1917, frz. Soziologe und Pädagoge) differenzierte diese Betrachtung von Tönnies nochmals, und unterschied zwischen einer ursprünglicheren mechanischen Solidarität auf der Ebene der Gemeinschaft und der neu entstehenden organischen Solidarität auf gesellschaftlicher Ebene. Während die mechanische Solidarität (Familie, Nachbarschaft) allein durch moralische und sittliche Normen gewährleistet wurde, stellte die organische Solidarität eine neue Verbundenheit zwischen den Menschen innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung dar.51

Der italienische Volkswirt und Soziologe Vilfredo Marquis Pareto (1848-1923) hingegen verstand unter einer Gesellschaft ein hierarchisch soziales System. Er bezeichnete es als mechanistisches Gleichgewichtssystem, dessen soziales Geschehen auf einem stetigen Gegensatz zwischen Gesellschaftsschichten und der nicht zusammenbringenden Interessen beruhe und von der Herrschaft einer Elite zusammengehalten wurde. Eine Teilhabe hängt somit von der jeweiligen Schichtzugehörigkeit ab.

Die strukturell-funktionale Theorie, so von Talcott Parsons (1902-1979, amerikan. Soziologe), sah die Gesellschaft als ein durch Interaktionen verbundenes System von Handlungseinheiten, welches durch funktionale Elemente und Handlungen in einem Gleichgewicht gehalten werde. Darüber hinaus versuchte Parsons durch den Begriff einer ´gesellschaftlichen Gemeinschaft` (societal community) eine präzisere Zuordnung zu schaffen und postulierte ihn für moderne, notwendig großräumige staatsförmige Gesellschaften, die ein durch kulturelle Werte legitimiertes Normensystems besitzen, welches wiederum eine kohärente und kollektive Organisation hervorbringen könne.52

Nach Richard und Hephizah Hauser stellt die Gesellschaft eine Mischung der drei Teile Gemeinschaft, Staat und Kultur dar, wobei sie nicht einfach

„ das Brett ist, auf dem das Spiel Gemeinschaft, Staat und Kultur gespielt wird.53

Jedes der drei Teile habe seine eigenen Rechte, wie auch die Gesellschaft eine Kraft nach eigenem Recht darstelle. Wesentlich für diese Betrachtung der Gesellschaft ist, dass nur diese dreifache Einheit oder auch Mischung Spannungen hervorbringe, die für eine ausgeglichene Entwicklung einer ´Gesamtgesellschaft` notwendig sei. Unter Gemeinschaft wird die Gesamtsumme der aktiven und freiwilligen Gruppenbildungen einer Gesellschaft verstanden, welche die Quelle aller direkten Macht darstelle.

„ In einer Demokratie fließt sie aufwärts, von der Bevölkerung durch ihre gewählten Vertreter zu der Machtelite des Parlaments. “ 54

Wie hier kurz skizziert wurde, gibt es viele verschiedene teilweise aber auch sehr ähnelnde Ansichten und Theorien, was eine Gesellschaft und was eine Gemeinschaft ausmacht. Festzuhalten sei die Ordnung der Gemeinschaft unter die Gesellschaft. Sie versteht man als die Einheit zusammengefasster Individuen einer Gesellschaft, sofern sie untereinander emotionale Bindekräfte, wie auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ein Wir-Gefühl aufweisen.

Die Notwendigkeit der Unterscheidung einer uneingeschränkten Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und der am Leben in der Gemeinschaft wird nun durch einen sozialpolitischen wie auch heilpädagogischen Blick ersichtlich werden.

2.4 Eine uneingeschränkte Teilhabe aus sozialpolitischer Sicht

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Sozialstaat. Dieser Begriff wird vor allem in politischen und juristischen Diskussionen verwendet. Unter soziologischen bzw. auch sozial- und politikwissenschaftlichen Betrachtungsweisen wird auch der Begriff ´Wohlfahrtsstaat` verwendet.

Einen Sozialstaat kennzeichnet hierzulande der Bezug zu dem Sozialstaatsprinzip des deutschen Grundgesetzes. (Artikel 20 und Artikel 28 GG). Es besagt, dass die Sozialstaatlichkeit ein Charakteristikum des Staates neben anderen darstelle.55 Sozialstaatliche Aufgaben seien demzufolge die Herstellung und Gewährleistung erträglicher Lebensbedingungen, sozialer Sicherheit, sozialer Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit. Das Recht auf Teilhabe wurde vielfach mit diesen sozialstaatlichen Aufgaben bzw. Grundsätzen verknüpft. Für eine Teilhabefunktion der Grundrechte des Grundgesetzes spricht zunächst die Schutzpflicht des Staates für die Menschenwürde, diese nicht nur zu achten, sondern auch zu schützen.56

Die Bundesrepublik Deutschland hat die Internationale Menschenrechtscharta°, u. a. bestehend aus der ´Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte`(AEMR) anerkannt, in der die Würde jedes Menschen unantastbar und zu schützen sei. Jeder Mensch habe einen Anspruch auf Lebenserhaltung, der ihm wie auch seiner Familie Gesundheit und Wohlbefinden durch Nahrung, Wohnung, Kleidung und ärztliche Betreuung und eventuell notwendiger Leistungen der sozialen Fürsorge gewährleiste.57

Dieser sozialen Sicherheit bzw. sozialen Unterstützung haben sich die Mitgliedsstaaten, so auch Deutschland, in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union und in der Europäischen Sozialcharta verpflichtet.58

Neben diesen universellen Verpflichtungen gibt es vor dem Hintergrund des Grundgesetzes zwölf Sozialgesetzbücher, welche das in Deutschland geltende Sozialrecht zusammenführen sollen.59 Derzeit besteht es aus zwölf Teilen bzw. Büchern:

-SGB I: Allgemeiner Teil, sozialrechtliche Grundpositionen,
-SGB II: Grundsicherung für Arbeitssuchende,
-SGB III: Arbeitsförderung,
-SGB IV: Gemeinsame Vorschriften für die Sozialversicherung,
-SGB V: Gesetzliche Krankenversicherung,
-SGB VI: Gesetzliche Rentenversicherung,
-SGB VII: Gesetzliche Unfallversicherung,
-SGB VIII: Kinder- und Jugendhilfe,
-SGB IX: Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen,
-SGB X: Sozialverwaltungsverfahren und Sozialdatenschutz,
-SGB XI: Soziale Pflegeversicherung,
- SGB XII: Sozialhilfe.

Mithilfe dieser ausdifferenzierten Bücher wird versucht den sozialstaatlichen Aufgaben und den allgemeinen sozialen Prinzipien gerecht zu werden.

Unter den allgemeinen sozialen Prinzipien sind zu verstehen: das Subsidiaritäts- und das Solidaritätsprinzip, aber auch das Äquivalenz- oder das Bedarfsprinzip. Das Subsidiaritätsprinzip, welches aus der katholischen Soziallehre stammt, kennzeichnet die ´Vorrangigkeit der kleineren Einheit`. Es steht für die Gewährung sozialer Leistungen, die allerdings einer Rangfolge unterliegen. Der Staat ist hierbei die letzte Instanz vor untergeordneten, wie der Familie, Verwandten, Freunden usw., wenn diese keine Hilfe mehr leisten können.

„ Erst wenn die individuellen Hilfsquellen erschöpft sind, hat derübergeordnete Verband das sittliche Recht, aber auch die Pflicht, Unterstützung zu leisten. “ 60

Für den katholischen Sozialwissenschaftler Oswald von Nell-Breuning soll allerdings die Gesellschaft nicht erst nach der Erschöpfung der Kräfte des Einzelnen wirken, sondern sollen der Staat, aber auch die Familie vielmehr Vorleistungen erbringen. So könne der Einzelne erst eigene Leistungen erbringen, wenn er durch Erziehung, Bildung,

Ausbildung und Bereitstellung sozialer Infrastruktur dazu in der Lage sei. Weiterhin sei kritisch zu bemerken, dass unter den Bedingungen sich wandelnder privater Haushaltsstrukturen, wie z. B. den Ein- und Zwei-Personen-Haushalten und nichtehelichen Lebensgemeinschaften, subsidiäre Hilfen begrenzter zum Tragen kommen können. Das Solidaritätsprinzip sei auf das Einstehen füreinander angelegt und erhielte daher zunehmende politische Bedeutung.

Als Verdeutlichung sei die gesetzliche Krankenversicherung erwähnt, in der das Solidaritätsprinzip dominiert. Hierbei entrichtet jeder Versicherter bis zur Beitragsbemessungsgrenze einen konstanten Prozentsatz seines Bruttoeinkommens als Versicherungsbeitrag und erhält generell den gleichen Anspruch auf medizinische Leistungen wie alle anderen gesetzlich Versicherten.61

Solidarität könne, so Welti, dann als Rechtsgrund angesehen werden, auch für das schwächere Mitglied zu haften, womit die Teilhabe am Ganzen als Rechtsfolge formuliert werden könne.62

Das Äquivalenzprinzip verlangt eine Entsprechung von empfangenen Leistungen und Beitragszahlungen, hingegen das Bedarfsprinzip immer stärker hinterfragt wird.63 In der gesetzlichen Krankenversicherung werden die Leistungen nach dem Bedarfsprinzip gewährt. Dies bedeutet, dass jedem Versicherten unabhängig von Vorerkrankungen, Alter oder Beruf eine umfassende Versorgung, entsprechend dem medizinischen Wissensstand, zusteht, solange das Wirtschaftlichkeitsgebot beachtet werde.

Vor dem Hintergrund der vier sozialen Prinzipien sei auch zu bedenken, dass mit der Betonung der solidarischen Selbsthilfe, den Menschen suggeriert werden könne, dass die Selbsthilfe immer positiv, aber die staatliche Hilfe bzw. Sozialpolitik negativ und bevormundend sei.

Zusammenfassend dargestellt, versucht der deutsche Sozialstaat bzw. Wohlfahrtsstaat die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft für Alle zu gewährleisten. Dies bedeutet, dass die wohlfahrtsstaatliche Politik Teilhabechancen in allen relevanten gesellschaftlichen und im Besonderen in allen gemeinschaftlichen Bereichen gewährleisten muss. Dies passiert über die Verankerung dieses Anspruches in Gesetzen, beginnend im Grundgesetz bis zu den zwölf Sozialgesetzbüchern, die explizit die Leistungen für die verschiedensten Bedürfnisse beinhalten.

2.5 Eine uneingeschränkte Teilhabe aus heilpädagogischer Sicht

Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre findet ein so genannter Paradigmenwechsel in der deutschen Behindertenhilfe statt, welcher, so Monika Seifert, eine grundlegende Veränderung der Angebotsstrukturen für Menschen, die als behindert bezeichnet werden, mit sich bringen werde.64 Gemeint ist damit ein veränderter Blick auf die Behindertenthematik, welcher die Menschen nicht mehr als Objeket wohlwollender Fürsorge betrachtet, sondern als eigenständige Akteure im Kontext ihrer Alltagsgestaltung und Lebensplanung. Sie sind somit ´Experten in eigener Sache` und BürgerInnen unserer Gesellschaft mit dem Recht auf Teilhabe.

Eine uneingeschränkte Teilhabe bedeutet, wenn von einer Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben die Rede ist und die der Freiwilligkeit unterliegt, demzufolge mehr als eine gute medizinische Betreuung und angemessene Arbeit. Es bedeutet ebenso Zugang zu Behörden und Rehabilitationsträgern, Erleichterung bei der Kommunikation oder Hilfe beim Besuch von Theatervorstellungen, Kino oder Gaststätten, wie auch Teilhabe im Bereich sozialer Kontakte von unmittelbarer Freundschaft oder Nachbarschaft bis hin zum Zusammenschluss in mehr oder weniger zweckorientierten Vereinen und Verbänden.65

Der Inhalt dieses Paradigmenwechsels wird vor dem Hintergrund des Sozialrechts im neunten Sozialgesetzbuch als Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft bezeichnet und soll, wie bereits vermerkt, in allen Bereichen des Lebens gestärkt werden. Die Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft (SGB IX §55) sind nach SGB IX §4 (1) Abs. 4 diejenigen, welche eine ganzheitliche Förderung der persönlichen Entwicklung und Ermöglichung bzw. Erleichterung der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft, sowie eine möglichst selbständige und selbstbestimmte Lebensführung beinhalten können. Im §55 (1) Abs. 7 geht es im Besonderen um Hilfen zur Teilhabe am gemeinschaftlichen und kulturellen Leben, welche im § 58 unterteilt sind in:

1. Hilfen zur Förderung der Begegnung und des Umgangs mit nichtbehinderten Menschen.
2. Hilfen zum Besuch von Veranstaltungen oder Einrichtungen, die der Geselligkeit, der Unterhaltung oder kulturellen Zwecken dienen.
3. die Bereitstellung von Hilfsmitteln, die der Unterrichtung über das Zeitgeschehen oder über kulturelle Ereignisse dienen, wenn wegen der Art oder Schwere der Behinderung anders einen Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft nicht oder nur unzureichend möglich ist.

Mit dem SGB IX sind wesentliche Aussagen des mehrdimensionalen Teilhabekonzepts ICF° aufgenommen, welches Behinderung als eine erschwerte Teilhabe an Lebensbereichen im unmittelbaren Umfeld und in der Gesellschaft bzw. als das Einbezogensein in eine Lebenssituation definiert. Zentraler Ansatzpunkt der Leistungen des SGB IX ist somit die Ermöglichung der uneingeschränkten Teilhabe unabhängig von Art und Ausmaß des Unterstützungsbedarfs.66

Voraussetzungen für diesen im deutschen Rahmen stattfindenden Paradigmenwechsel waren eine Reihe von internationalen und europäischen Übereinkommen. Wesentlich hierbei sind die ´ Rahmenbestimmungen für die Chancengleichheit für Behinderte ` von 1993, in denen für eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen, die als behindert bezeichnet werden, in allen Lebensbereichen appelliert wird und deren Rechte sicher zu stellen sind.67 Ebenso wichtig ist die Mitteilung der Kommission vom 30. Juli 1996 zur ´Chancengleichheit für behinderte Menschen`, in der das Ziel die Integration der Behindertenfragen in die Gemeinschaftspolitik darstellt. Bereits an den beiden Titeln ´Chancengleichheit für Behinderte` und ´Chancengleichheit für behinderte Menschen` wird die veränderte Betrachtungsweise weg von der Subjektivierung der Behinderung durch ´Behinderte` hin zu der Bezeichnung ´behinderter Mensch` deutlich, bei der die Behinderung ´nur noch` ein Merkmal darstellt. Auch wird in der letzteren Mitteilung zum ersten Mal von einer uneingeschränkten Teilhabe an allen Lebensaspekten gesprochen.68

Im Jahre 2002 wurde die ´Deklaration von Madrid ` durch den Europäischen Behindertenkongress verkündet, welche das Thema ´Behinderung` als Menschenrechtsthema nochmals hervorhebt und dadurch verstärkt, dass Menschen, die als behindert bezeichnet werden, die ´volle Palette` der Menschenrechte in Anspruch nehmen können, wie jeder andere Mensch.69

° Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit , ICF, Einführung, 4.2.1, Aktivitäten und Partizipation, Kapitel 1-9, Aus: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icf/index.html) (06.07.2007). Die ICF benennt neun Bereiche der Teilhabe: Lernen und Wissensanwendung, Allgemeine Aufgaben und Anforderungen, Kommunikation, Mobilität, Selbstversorgung, Häusliches Leben, Interpersonelle Interaktionen und Beziehungen, Bedeutende Lebensbereiche und Gemeinschafts-, soziales und staatsbürgerliches Leben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass für Menschen, die als behindert bezeichnet werden, eigenständige Teilhaberechte, wie die des neunten Sozialgesetzbuches wichtig sind, da sie mögliche Freiheitsrechte nicht wie Menschen, die als nicht behindert bezeichnet werden, ohne Unterstützung wahrnehmen und entfalten können.70 Das Recht auf Teilhabe geht also aus dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit und allen betroffenen Grundrechten im Sozialstaat hervor und darf somit nicht mehr als wohlwollende Fürsorge verstanden werden. Verstärkt wird dieser Paradigmenwechsel durch internationale und europäische Übereinkommen. Im Folgenden soll nun noch einmal genauer auf die Äußerung ´Alle` eingegangen werden.

2.6 Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle

Wenn von einer uneingeschränkten Teilhabe für Alle gesprochen wird, so bedeutet ´Alle` nichts anderes, als seine Umkehrung: Keiner oder auch Niemand.

Jeder soll das Ziel einer uneingeschränkten Teilhabe erreichen können.

Diesem Ziel geht die im deutschen Grundgesetz verankerte Achtung der Menschenwürde bzw. der Bekennung zu unverletzlichen und veräußerlichen Menschenrechten voraus, welche laut Artikel 1 Satz 2

„ die Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt “ darstellt.

Zur Einhaltung dieses Anspruches werden in dem Artikel 3 Satz 1 bis 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz (1), die Gleichberechtigung von Männern und Frauen (2) und die Antidiskriminierung keines Menschen festgeschrieben:

„ Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt werden. “

Seit 2001 wurde der Satz dahingehend erweitert, dass eine explizite Erwähnung eines Benachteiligungsverbots für Menschen aufgrund einer Behinderung erfolgt. Auch stellt die ICF kein gesondertes Teilhabekonzept für Menschen dar, die als behindert bezeichnet werden. Es kann für jeden Menschen verwendet werden, auch und besonders, weil mit der Übernahme der participation in die ICF als eine grundlegende Kategorie zur

Bestimmung von Behinderung, die Möglichkeit einer vollen Teilhabe Aller das gesellschaftliche Idealbild darstellt.71

In einem demokratischen Staat gibt es eine BürgerInnenrolle, die als basale Form der Mitgliedschaft auf der Verfassungsebene definiert wird und grundsätzlich allgemein zugänglich ist.72

Vor diesem rechtlichen Hintergrund wird deutlich, was der Begriff ´Alle` beinhaltet. Insbesondere sei nochmals erwähnt, dass Menschen, die als behindert bezeichnet werden, die gleichen Rechte, wie alle anderen Menschen besitzen, sie allerdings besondere Gesetze benötigen, das Ziel einer uneingeschränkten Teilhabe für Alle zu erreichen. Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle bedeutet aus heilpädagogischer Sicht das Nichtausgeschlossensein von Jemandem, unabhängig wie er ist.

Sie steht für eine Teilhabe Aller am Leben in der Gesellschaft bzw. in der Gemeinschaft im Allgemeinen und am Gemeinwesen im Besonderen, auf welches im Kapitel 3.2 (S.35) noch eingegangen wird.

2.7 Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle vs. Gemeinsinn

Eine Zusammenführung

Vor dem Hintergrund der politischen Bestrebungen, eine Teilhabe für Alle zu ermöglichen, steht der Aufbau einer Gesellschaft, in der die Menschen sich als soziale Wesen entwickeln und entfalten können. Dies soll eine Gesellschaft sein, die ihnen das Gefühl gibt, dazuzugehören und ihnen Möglichkeiten verleit, selbst aktiv teilzunehmen und für ihre Entwicklungen eigenverantwortlich zu sein.73

Der Mensch, als soziales Wesen verstanden, bemühte sich schon von den ältesten Zeiten an, die ihn umgebende Wirklichkeit zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Er besitzt soziale Interessen und hat soziale Bedürfnisse, die ihn verschiedene Formen des Zusammenlebens aufbauen lassen. Somit befindet er sich in unterschiedlichen sozialen Gruppen bzw. in Gemeinschaften wie der Familie, der Nachbarschaft, in Vereinen usw. Als Mitglied ebendieser verschiedenen Gruppen erlange der einzelne Mensch Sicherheit, da er sich durch Menschen, die er kennt, als Mensch angenommen fühle.74

Da er ohne diese Gruppen nicht an sich existieren kann, strebt er ebendiese Teilhabe an.

Die positive Zielsetzung dieser Gesellschaftsform kann leicht als bewusst gewählte Korrektur verstanden werden, da die gegenwärtigen gesellschaftlichen Erfahrungen der Vereinsamung der Menschen durch die Industrialisierung und einem Gefühl der Entfremdung durch die geforderte Mobilität und Flexibilität der modernen Lebens- und Arbeitsformen eine Teilhabe eher verhindert.

Die erlangte Einsicht, dass die Beschaffenheit einer Gesellschaft von besonderer Bedeutung für das Streben nach einer Wohlfahrt ist, eröffnet schließlich den starken Zusammenhang zwischen der Entwicklung und Entfaltung der Menschen und der Gesellschaft, in der sie leben. Es geht somit um die Wechselwirkung zwischen dem Menschen, der einen Einfluss durch die Gesellschaft erfährt und das Verändern der Gesellschaft durch den Menschen.

In einer Demokratie erfahren die Menschen, dass sie in Hinblick auf ein gemeinsames Wohl mitentscheiden und teilhaben können. Aber nur aus einem gegenseitigen Interesse und Vertrauen heraus, wie durch gemeinsame Ziele und der Annerkennung verschiedener Fähigkeiten der Menschen, kann wirkliche Beteiligung und Teilhabe der Individuen am gesellschaftlichen Leben entstehen. Dafür müssen bestimmte Faktoren vorhanden sein, zu denen besonders der Gemeinsinn zählt. Hellmann formuliert dies in Bezug auf eine demokratische Gesellschaft wie folgt:

„ Die wichtigste Wirkung aber ist diese: Gemeinsames Engagement schafft Zusammenhalt, und Zusammenhalt begründet demokratische Identität und Vitalität. “ 75

Diese Förderung gemeinsamen Engagements, welches eine Teilhabe für Alle bewirken kann, ist für eine demokratische Gesellschaft notwendig. Denn eine Gesellschaft ist umso gesünder, je mehr Mitglieder tiefergehende Beziehungen zu anderen Menschen eingehen.

Im nun folgenden Kapitel geht es um gemeinwesenorientiertes Arbeiten, welches eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle zum Ziel hat und nur dann als gelungen bezeichnet werden kann, wenn darin ein gemeinsamer Sinn erfahrbar und sich das Handeln jedes Einzelnen an einem gemeinsamen Wohl orientiert.

3 Gemeinwesenorientiertes Arbeiten

In diesem Kapitel wird, vor dem Hintergrund des Ziels einer uneingeschränkten Teilhabe für Alle, das gemeinwesenorientierte Arbeiten zum Gegenstand gemacht. Die Fragen, warum eine Gemeinwesenorientierung in Bezug auf die Verbesserung von Lebenssituationen verschiedener Menschen sinnvoll erscheint, und welche Rolle sie hierbei für eine uneingeschränkte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft bzw. Gemeinschaft spielt, werden beantwortet.

Dies geschieht durch die anfängliche Charakterisierung einer Ausgangslage, welche das Bedürfnis nach einer gemeinwesenorientierten Arbeit offen legt. Hierbei wird kurz auf die Entstehung marginalisierter Stadtteile eingegangen und ein Einblick in die damit zusammenhängende Thematik der Armut gegeben. Nach dieser Heranführung wird die Bestimmung des Begriffs Gemeinwesen, die Sicht auf alte Strukturen im Gemeinwesen und die zunehmende Erschwerung, an einem Gemeinwesen teilhaben zu können, versucht zu erklären. Danach folgt eine Benennung der Funktionen des Gemeinwesens, um die Gemeinwesenarbeit (GWA) als professionell ausgerichtetes gemeinwesenorientiertes Arbeiten zu bestimmen.

Die verschiedenen Formen der GWA werden darin auszugsweise erläutert, aus denen dann allgemeine Merkmale abgeleitet werden, die explizit auf den Anspruch auf eine Teilhabe am gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Leben verweisen. Abschließend werden grundlegende Schwierigkeiten in der Umsetzung und mögliche Lösungsansätze aufgezeigt. Ebenso stellt sich hier die Frage, worin sich gemeinwesenorientiertes Arbeiten von der Gemeinwesenarbeit unterscheidet, oder ob sie in ihrem Ursprung nicht das Gleiche bedeuten. Der Begrifflichkeit des gemeinwesenorientierten Arbeitens wird hierbei besondere Bedeutung geschenkt, indem das psychologische Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung` dafür als theoretische Grundlage dient und Ansätze für eine weitere Beschäftigung mit den Vorraussetzungen für professionelles Handeln liefert.

3.1 Eine mögliche Ausgangslage für ein Interesse am Gemeinwesen

Die Entstehung städtischer Strukturen ist kein planvoller Prozess, sondern das naturwüchsige Resultat ökonomischer Entwicklungen. Städte sind Standorte fortschrittlicher Produktionsbedingungen und bilden neben Konzentrationsräumen wichtiger Rohstoffe auch den entscheidenden Ansatzpunkt einer kapitalistischen Produktionsweise°, die mit fortschreitender Produktionskraftentfaltung auch die äußeren Bedingungen der Produktion verändern.76

Der Prozess der Entstehung und des Aufbaus städtischer Agglomerationen schafft so genannte Folgeprobleme, die von dieser kapitalistischen Produktionsweise selbst kaum reguliert werden und ihre Reproduktionsleistungen langfristig bedrohen können. Die Folge sind soziale Probleme, die ein politisches Einschreiten notwendig machen. Allgemeine strukturpolitische Maßnahmen, vor allem das Instrument der Infrastrukturpolitik, sind notwendig, da die Reproduktion der materiellen Vorbedingungen einer kapitalistischen Produktion, z. B. der Ausbau des Verkehrswesens, die Energieversorgung, die Raumordnung, aber auch die ´Reproduktion der Arbeitskraft` als lebende Vorbedingung, dementsprechend die Bildung und Ausbildung, das Gesundheitswesen, die Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten, notwendige Grundlagen des Kapitalprozesses darstellen.

Da allerdings diese Maßnahmen von dem Funktionieren des Kapitalprozesses abhängig sind, liegt es nahe, dass Infrastrukturinvestitionen eher in städtischen Agglomerationsräumen zu finden sind.

Das schafft wiederum Problemfelder, Belastungen und Krisen in städtischen Ballungszentren, da nicht unmittelbar der Kapitalproduktion dienende Bereiche vernachlässigt werden.77

Empirisch wurde nachgewiesen, dass die Verbesserung der wirtschaftsnahen Infrastruktur einer Erhöhung des ´Lohn- und Freizeitwertes` systematisch vorgezogen wird und sich die strukturelle Lücke zwischen der Lebensqualität der Menschen und des Wirtschaftswachstums vergrößert.78

Mit dieser Lücke entstehen allerdings auch so genannte Legitimationsprobleme der politischen Verwaltung, da sich die Frage auftut, wo sich das Interesse der Politik

° Begriffe wie dieser und folgende (Reproduktion der Arbeitskräfte, Kapitalprozess) werden in Alheit (1987) nicht explizit erklärt. Anzunehmen ist, dass sie in Verbindung zu den gesellschaftswirtschaftlichen Grundbegriffen nach Karl Marx (1818-1883) stehen. Hierzu: Jantzen, W. (1992) S. 22ff.

positioniert: Auf der Seite der Wirtschaftseffizienz oder auch auf der Seite der Bevölkerung?

Die relative Abnahme der Lebensqualität, so die verantwortungslose Verknappung der Ressourcen ´Wohnraum` und ´Umwelt` führt innerhalb der städtischen Bevölkerung zu eigenständigen Politisierungsprozessen, zum Beispiel zu Hausbesetzungen oder Mieterinitiativen bzw. auch zu Vandalismus und Gleichgültigkeit.

Orte dieser Prozesse sind vorrangig Stadtteile, in denen moderne Wohnsilos für die arbeitende Bevölkerung erbaut worden sind, die durch ihre rationale Bauweise mit dem Sinn, Unterbringungsmöglichkeiten für möglichst viele Menschen zu schaffen, die naturwüchsigen Nachbarschaftsverhältnisse der vorindustriellen Zeit zerstören und zu ebendiesen Politisierungsprozessen führen.79

In solchen Prozessen sozialer Allokation und Rückzüge auf scheinprivate Lebensformen entstehen großräumige Segregationen, da einkommensstarke BürgerInnen die Stadt meiden und vermehrt im suburbanen Grüngürtel leben. Die BürgerInnen mit einem durchschnittlichen Einkommen beziehen moderne Wohnsilos, wohingegen sozial schlechter gestellte Menschen in teilweise unwürdigen Altbauten leben müssen. Immer stärker werden die sozialen und ökonomischen Polarisierungen innerhalb der Städte zwischen prosperierenden und marginalisierten Stadtteilen.80 Zudem kommt es bei den benachteiligten Stadtteilen zur Herausbildung von Problemkumulationen, etwa wie zu Personen und Haushalten mit mehrfachen Armutsrisiken, welche wiederum durch die speziell marginalisierten Bedingungen im Stadtteil zusätzlich gefährdet werden.

Es entstehen selbst für die mittlere Einkommensgruppe zunehmende Armutsrisiken, die zur Entstehung einer ´städtischen Unterklasse` führen können, und in der im Gefolge des Zerfalls traditioneller sozialer Netze und Milieus und einer scheinbar weiteren Entsolidarisierung der Gesellschaft bestimmte Bevölkerungsgruppen dauerhaft ausgegrenzt werden.81

Die gespaltene Gesellschaft ist in Deutschland zur Realität geworden und kann in konkreten Stadtteilen gefunden werden.

Die Globalisierung des Reichtums und die Verlagerung der sozialen Risiken in die Kommunen führen bei einem gleichzeitigen Rückgang finanzieller Ressourcen zu einer neuen Armutsdynamik.82

Ein folgender Exkurs über die Bedeutung der Armut möge dazu verhelfen, ein besseres Verständnis der Komplexität dieses Begriffes zu erlangen und zu verdeutlichen, was Armut in Bezug auf eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle darstellt.

Es gilt zu beachten, dass Armut nicht ausschließlich auf ein persönliches Fehlverhalten oder ein individuelles Verschulden zurückzuführen ist, sondern auch politisch und gesellschaftlich begründet und auch nicht nur als extreme Benachteiligung bei der Einkommensverteilung definiert werden kann.

Ein Ansatz, welcher versucht, weitere Kriterien zur Definition von Armut geltend zu machen, ist der in den 1970er Jahren entwickelte ´Lebenslagenansatz`. Diese soziologische Zugangsweise umfasst sowohl die materiellen als auch die immateriellen Dimensionen, wie Ernährung, Gesundheit, Umwelt, Lebensort, Erholung, soziale, kulturelle und politische Partizipation.83

Armut umfasst demzufolge eine soziale Lage, bei der mehrere Risikofaktoren gemeinsam auftreten können, die dann insgesamt dazu führen, dass die betroffenen Menschen unter benachteiligten Wohn- und Lebensbedingungen existieren müssen und somit ihre Teilhabemöglichkeiten am gesellschaftlichen wie auch am gemeinschaftlichen Leben einschränkt.

Diese soziale Lage darf nicht isoliert betrachtet werden, sondern steht immer in Relation zu anderen gesellschaftlichen Umständen. Das bedeutet, dass Armut durch politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Regulationen bedingt und dadurch auf mehrere Faktoren zurückzuführen ist.84

Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle bedeutet somit die Überwindung der Armut bezogen auf die gesamte Lebenslage des Menschen. Nicht nur die Teilhabe an wirtschaftlichen Prozessen, sondern auch die Teilhabe an allen anderen, den Menschen beeinflussenden Dimensionen müssen zum Gegenstand gemacht werden, wenn es um eine ganzheitliche Beschäftigung mit der Armutsdynamik gehen soll.

Diese Beschreibung der Ausgangssituation konnte die Entstehung und Festigung marginalisierter Stadtteile aufzeigen. Dass hierbei ein wirtschaftliches Interesse der Politik die Lebensbedingungen beeinflusst, und wie sich in diesem Zusammenhang die Armutsdynamik äußert, wurde nicht unbeachtet gelassen, da nur die Anerkennung der komplexen Bedingungen, unter denen die Menschen leben und arbeiten entscheidend für ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und Gemeinschaft ist.

Im nächsten Teil wird der Begriff Gemeinwesen ausgehend von seiner historischen Herkunft und Entwicklung bis zu seinem gegenwärtigen Verständnis bestimmt. Dies erscheint als notwendig, da der Begriff bis heute vieldeutig verwendet wird und dadurch seine Anwendung, wie auch die des gemeinwesenorientierten Arbeitens prägt.

3.2 Das Gemeinwesen

Der Begriff Gemeinwesen wurde von dem englischen Wort community abgeleitet und wird in verschiedenem Sinne und für verschiedene Zwecke gebraucht. Community steht für ein Zusammengehörigkeitsgefühl, für eine gemeinsame Identität und gemeinsame Wertevorstellung und für eine gemeinsame Anerkennung von Rechten und Pflichten für alle Menschen, die diesem Gemeinwesen angehören.

Gemeinwesen wurde früher als Bezeichnung für eine städtische oder dörfliche Ansiedlung verwendet, deren Entstehen beschrieben wird.

Heutzutage wird der Begriff mehrdeutig verwendet°, wobei er in Bezug auf Deutschland im Wesentlichen in der ´Sozialen Arbeit`, so in der Debatte um Gemeinwesenarbeit, in der Kommunalpolitik und in Diskussionen um soziale Stadtteilentwicklung auftaucht.85 Der Begründer der integrativen Gemeinwesenarbeit (1971) Murray G. Ross sah sogar in einer Fabrik oder Genossenschaft ein Gemeinwesen, weil die Menschen, die dort arbeiten, in einem funktionalen Zusammenhang untereinander stehen.86

Zu bemerken sei an dieser Stelle, dass es im deutschen Gebrauch drei verschiedene Arten von Gemeinwesen gibt.

Das territoriale Gemeinwesen (1) ist durch gemeinsames Wohnen in einem geographisch begrenzten Raum, wie z. B. eine städtische oder dörfliche Ansiedlung, gekennzeichnet.

° Exemplarisch für eine Beschäftigung mit dieser Mehrdeutigkeit können die ´Trierer Thesen zur gemeinwesenorientierten Sozialen Arbeit` im 1997 veröffentlichten Buch: ´Hoffnung Gemeinwesen` genannt werden. (Ries, H. A.; Elsen, S.; Steinmetz, N.; Homfeldt, H.G. (Hg.) (1997) S. 13ff.)

In einem funktionalen Gemeinwesen (2) ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit durch gemeinsame Interessen oder durch eine geistige Verbundenheit gekennzeichnet, welche auf Wertvorstellungen, Überzeugungen oder eine gemeinsame Abstammung beruhen. Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit kann latent oder offen zutage treten, weil zum Beispiel die Mitglieder regelmäßig und intensiv zusammenwirken.87 Die dritte Art des Gemeinwesens ist durch einen kategorialen Aspekt (3) bestimmt, der das Gemeinwesen in verschiedene Gruppen, wie Kinder, Jugendliche u. a. einteilt. Kritisch am Gemeinwesenbegriff allerdings bemerkten bereits 1980 J. J. Boulet, Krauss,

E. J. und D. Oelschlägel in ihrem 1980 veröffentlichtem Buch ´Gemeinwesenarbeit, Eine Grundlegung`, dass der Begriff als eine so genannte Hülle gesellschaftlicher Normvorstellungen verwendet werde. Dies kritisieren sie u. a. an der funktionalen Verwendung, da mit ihr in der Regel ein Gemeinschaftsgefüge rekonstruiert werden solle und somit ein falsches Bewusstsein von der gesellschaftlichen Realität vermittelt werde.88 Der Begriff werde ideologisch verwendet und bestimme schon von Anfang an eine von außen gesetzte Zielvorstellung, nämlich die Herstellung einer so genannten Gemeinschaft.89 Allein die Ausweisung eines Gemeinwesens ist kritisch zu betrachten, da sie in der Regel nicht durch die im territorialen Sinne dort lebenden Menschen, sondern von außen passiere, und auch nur dann, wenn es gilt, dort Veränderungen vorzunehmen. Dies wiederum bedeute, dass ein Gemeinwesen nach dieser Definition als defizitär in seinem Ist- Zustand gesehen werde.90

Dieser Einblick in kritische Äußerungen zur Begriffsbestimmung möge verdeutlichen, in welcher schwierigen Komplexität er sich befindet. Mit der nun folgenden Beschreibung der alten Strukturen im Gemeinwesen wird erkennbar, was Gemeinwesen im Sinne einer uneingeschränkten Teilhabe für Alle darstellt.

3.2.1 Die alten Strukturen im Gemeinwesen

Die Gemeinwesen der vorindustriellen Gesellschaften in Städten und Dörfern, hatten eine so genannte doppelte Struktur.

Zum einen waren sie geprägt von einer Struktur von Gleichrangigen und Gleichaltrigen und zum anderen von einer Struktur von Ungleichen.

Die Gruppe der Gleichrangigen und Gleichartigen (peer) bestand zum Beispiel aus Kindern, jungen Leuten oder aus Zunftkameraden, die bewusst voneinander getrennt, existierten. Sie stellten den Ausgleich für die Gruppe der Ungleichen (community)dar.91

Die Gruppe der Ungleichen wiederum gab dem einzelnen Menschen Schutz und Sicherheit und wirkte ebenso als soziale Kontrolle bezüglich der Verletzung gesellschaftlicher Normen.

Sie bestand seit der Zeit der Antike bis zur Industrialisierung aus der Großfamilie. Drei Generationen lebten zusammen oder in unmittelbarer Nachbarschaft. Hinzu zählte man auch das Dienstpersonal.

Diese Generationen verbanden sich zu einer patriarchalisch geordneten lebenslangen Gemeinschaft (auch als Schutzgemeinschaft bezeichnet.), die zwar als Ganzes betrachtet, dennoch eine Gruppe von Ungleichen waren, da alle Mitglieder nur aufgrund eines gemeinsamen Ursprungs Teil einer Familie waren.

Um die Großfamilie herum gab es die Nachbarschaft, die aus Menschen bestand, mit denen man aufwuchs. Sie war dienlich für eine erweiterte Kommunikation, für die Bereitstellung von Hilfe im alltäglichen Leben und bei größeren Aufgaben oder zum Erfahrungsaustausch. Außerdem diente sie zur Erhaltung und Pflege sowie Nutzung von gemeinsamem Besitz, wie zum Beispiel dem Dorfbrunnen oder der Dorfwege. Es bestand wie in der Großfamilie eine Sozialkontrolle, da man sich untereinander kannte und im Kontakt miteinander teils freiwillig, teils zwingend stand.92

Einen weiter gefassten Bogen um die Nachbarschaft zog die Ebene des Viertels bzw. des Dorfes.

Das Dorf ermöglichte erweiterte Beziehungen zwischen den Menschen, bot Schutz gegen Außenstehende und auch menschliche Wärme, so durch gemeinsame Feste und Bräuche. Solch eine Gemeinschaft bestand aus einer oder mehreren Großfamilien mit vertrauten Verhaltensweisen.

Die nächste Ebene war die Stadt, die zu Zeiten der Leibeigenschaft (besonders im Mittelalter) freie Reichsstädte waren und somit zu vorstellbaren Orten der Freiheit wurden.

Die vorindustrielle Gesellschaft war sehr statisch, und es gab einen klaren, hierarchischen Aufbau und kaum Aufstiegsmöglichkeiten, da die gesellschaftliche Stellung seit der Geburt festgelegt wurde.

Veränderungen passierten somit nur langsam. Dies bewirkte, dass fast nur Kaufleute und Soldaten fort gingen bzw. fort gehen konnten und das Leben außerhalb des Dorfes oder der Stadt kennen lernten.

Die festgelegten Werte und Normen galten für lange Zeit als unwidersprochen, denn es galt, was schon immer galt.

Zwar gab es Brüche damit, doch wurden keine grundsätzlichen Werte in Frage gestellt.

Allein dadurch, dass das Wertesystem einen religiös - mythischen Hintergrund hatte, gab es ein Verbot der Hinterfragung dieser Normen und Werte, und so wurden davon bestimmte kirchliche und weltliche Herrschaftsnormen einfach abgeleitet.93

Im Verlauf der Industrialisierung brachen immer mehr Strukturen der alten Gesellschaft zusammen. Die Großfamilien wurden von Kleinfamilien abgelöst, da mit der Trennung der erwerbstätigen Menschen von den Produktionsmitteln auch eine Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz stattfand.

Die Frauen standen für Küche und Kinder, während die Männer für den Unterhalt der Familie außerhalb des Hauses zuständig waren.

Mit der Konzentration der Industrie in den Städten ging eine steigende Mobilität der Bevölkerung einher, da sie der Arbeit nachreisen mussten.94

Die Wohnverhältnisse der Arbeiter waren katastrophal, weil versucht wurde, so schnell wie möglich Wohnorte zu schaffen, die in der Nähe der Industriestandorte gebaut wurden. Wohnsilos, von denen im Kapitel 3.1 (S. 33) bereits die Rede war, entstanden, die trotz ihrer Einfachheit entweder zu viel kosteten oder zu klein waren. Und da der Verdienst gering ausfiel, wurde der Wohnraum teilweise noch untervermietet. Eine schlechte Ernährung sowie Kinder- und Frauenarbeit von bis zu 14 Stunden am Tag gingen mit dieser Entwicklung einher.

Aus den neuen Formen der Arbeit, in denen nicht handwerkliche Gemeinschaftsproduktionen, sondern ans Fließband passende Arbeitsleistungen wichtig waren, entfiel ein zentraler gemeinschaftlicher Faktor- die gemeinsame Tätigkeit. Somit kam es zu einer Wandlung von Gemeinschaftsleben hin zu einem Massenelend (Pauperismus).95 Gekennzeichnet war dies unter anderem durch Verwahrlosungserscheinungen der Kinder und Jugendlichen, da die Eltern voll erwerbstätig sein mussten. Die Familie konnte die Erziehung und Bildung der jungen Menschen nicht mehr gewährleisten, wie auch nicht mehr für die kranken und alten Familienmitglieder sorgen.

Die Diskrepanz zwischen den neuen, durch extreme Arbeitsbedingungen entstandenen Risiken und einem unzureichenden Sicherungssystem schuf außerdem ein soziales Konfliktpotential, welches eine politische und gesellschaftliche Lösung verlangte. Die so genannte ´Soziale Frage` gewann immer mehr an Bedeutsamkeit und stellte eine große Gefahr für die bestehende Ordnung dar.96

Darauf wurde mit unterschiedlichen Bewältigungsstrategien seitens der Gewerkschaften, der Parteien, der Unternehmer und der Kirchen reagiert, da sie verschiedene Interessen und Idealvorstellungen von der Gesellschaft hatten. Letztendlich wurde im Jahre 1881 von Kaiser Wilhelm I. die so genannte ´Kaiserliche Botschaft` als Antwort auf die Folgeerscheinungen der Industrialisierung, die Verelendung und die Verstädterung und der damit einhergehenden Furcht der Führungsschicht des Kaiserreichs verkündet.

Diese Gründungsurkunde des deutschen Sozialstaats° erkannte den Anspruch der Bevölkerung auf eine materielle Absicherung an und diente somit dem Aufbau der Sozialversicherung, in der sich der Staat vielmehr als bisher verpflichtete, die Existenz seiner Untertanen zu sichern. Zu dieser Zeit war Fürst Otto von Bismarck Reichskanzler und damit Regierungschef. Durch ihn entstand in Deutschland die Sozialversicherung, wohl weniger aus einer sozialen Intention heraus, als vielmehr aus Überlegung das Reich und die Gesellschaft damit stabilisieren zu können.

Mit Hilfe der Polizei sah die Sozialfürsorge°° (Sozialhilfe, Kinder- und Jugendhilfe) vermehrt ihre Aufgabe darin, die verloren gegangene Sozialkontrolle, welche vorher durch die communities und peers erfolgte, zu ersetzen.97

Der Mensch war früher in dieser doppelten Struktur eingebunden, und erhielt in ihr Halt, Sicherheit und Anerkennung. Da diese natürlichen Hilfsquellen verloren gegangen waren, trat der Staat mit zahlreichen helfenden Institutionen ein und wurde daher als Sozialstaat, bzw. fast gleichbedeutend als Wohlfahrtsstaat bezeichnet. Eine starke Kritik hierbei sei, dass er in immer mehr Bereiche des Lebens eindrang, zuviel plante, zuviel selbst aufbaute und somit weite Kreise der Bevölkerung apathisierte, allerdings solch eine apathisierte Bevölkerung nicht zu einer lebendigen Demokratie passe.98

So stellte die Bundesrepublik Deutschland 1998/99 das Konzept des aktivierenden Sozialstaats mit dem Ziel einer neuen sozialen Gerechtigkeit vor. Dieser Aktivierungsansatz betont die Pflichten des Einzelnen und gleichfalls die Werte Unternehmergeist, Leistung, Eigenverantwortung und Gemeinsinn. Das Leitbild, welches diesem Konzept zugrunde liegt, ist das der aktiven BürgerInnen, die darin befähigt werden sollen, soziale Aufgaben in Eigenverantwortung zu erfüllen und somit zu ´Koproduzenten` öffentlicher Leistungen werden.

Kritisch ist die Tendenz zu bemerken, dass die durch das Leitbild des aktivierenden Sozialstaats geprägte Perspektive zu einem politisch und materiell folgenlosen ´Politikersatz` werden könne, da sich die (sozial-) staatliche Politik auf staatliches Management reduziere und somit die Sozialpolitik schrittweise den arbeitsmarktpolitischen Zielsetzungen unterordne.

Das würde bedeuten, dass

„ das sozialstaatliche Integrationsprinzip der ´ Teilhabe` an der gesellschaftlichen Wohlstandsentwicklung ( … ) durch ´ Teilnahme` an der Erwerbsarbeit uminterpretiert [werde, E.L.] , so dass nur noch Arbeits-Teilnahme Teilhabe an staatlichen Sozialleistungen (Transfers) rechtfertige. “ 99

Die Frage nach dem richtigen Maße an Eigenverantwortung und Abgabe von ehemals staatlichen Aufgaben an die Menschen ist hierbei entscheidend. Ebenso spielt auch das Verständnis für die Vielfalt der Menschen eine Rolle, da nicht davon ausgegangen werden darf, dass alle Menschen gleichermaßen gelernt haben, eigenverantwortlich und bewusst mit sich selbst und anderen Menschen wie auch mit Gütern umzugehen. Die erste Frage muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben, da sie für die grundsätzlichen Ziele dieser Arbeit nur am Rande relevant ist. Der zweite Aspekt hingegen wird bei der inhaltlichen Beschäftigung mit der gemeinwesenorientierten Arbeit nochmals aufgegriffen.

Um nun besser erkennbar zu machen, was der Gemeinwesenbegriff beinhaltet, und um im Anschluss daran zu erklären, welche Auswirkungen dies auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten hat, wird nun auf die verschiedenen Funktionen eines Gemeinwesens eingegangen.

3.2.2 Die Funktionen des Gemeinwesens

Wie bereits im Kapitel 3.2 (S. 35f) erwähnt, gibt es drei verschiedene Funktionen von Gemeinwesen: die territoriale, die funktionale und die kategoriale.

Des Weiteren kann ein Gemeinwesen nach Prof. Dr. phil. Winfried Noack als ein soziales System mit sechs Funktionen verstanden werden.100

Die erste Funktion beinhaltet die Produktion, Distribution und Konsumtion. Eine Teilhabe von Individuen bedeutet hierbei eine Teilhabe an der Produktion, der Verteilung und dem Verbrauch von Gütern und Dienstleistungen, welche zum täglichen Leben gehören und lokal zugänglich sind.

Wichtig für BürgerInnen ist, ob und wie solche Einrichtungen der Industrie- und Geschäftswelt, wie Berufe und religiöse, erziehungs- und verwaltungsmäßige Dienstleistungen innerhalb des Gemeinwesens zur Verfügung stehen. Die zweite Funktion ist der Erhalt von Wissen, von sozialen Werten und Verhaltensmustern durch Erziehung in der Familie, in der Schule und im Stadtteil. Die Art der Sozialisation ist auch entscheidend, ob ein Gemeinwesen autoritär, sozial- integrierend oder verwildernd ist und die BewohnerInnen damit beeinflusst. Die dritte Funktion hängt mit der Reproduktion der Arbeitskraft zusammen. Es geht hierbei um die Bereitschaft, Kinder zu zeugen, zu ernähren und ihnen alle Möglichkeiten einer für sie gesunden Entwicklung zu gewährleisten. Die Art des Gemeinwesens beeinflusst dabei diese Bereitschaft ungemein.

Die vierte Funktion ist die der sozialen Kontrolle. Sie stellt einen Prozess dar, durch den eine soziale Gruppe das Verhalten der Mitglieder zur Konformität mit den Normen bringt. Die soziale Kontrolle wird durch Regierungs- und Verwaltungsministerien und Polizei, aber auch durch andere soziale Bereiche, wie durch die Familie, durch die Schule, Kirche und soziale Verbände gewährleistet.

Die fünfte Funktion beinhaltet die soziale Partizipation, die Teilhabemöglichkeiten für jeden Menschen des Gemeinwesens schafft.

Dies ist in religiösen Organisationen und freien Vereinigungen möglich, wie Vereinen, aber auch in der Familie, unter Freunden und in anderen nichtformalen Kreisen. Die sechste Funktion ist die der gegenseitigen Unterstützung, die zunächst durch die Primärgruppen, wie der Familie, der Nachbarschaft, der Freunde gewährleistet wird. Wenn diese damit überfordert sind, gibt es öffentliche Wohlfahrtseinrichtungen, private Wohlfahrts- und Gesundheitseinrichtungen und Versicherungsgesellschaften, die zum Beispiel in Deutschland durch die Sozialgesetzgebung, die Kranken-, Alters-, Arbeitslosen- und Beeinträchtigungsunterstützungen, sowie durch weitere Leistungen des Sozialstaats unterstützt werden.101

Für die Beschreibung eines solchen Gemeinwesens sind nach Noack vier Faktoren wichtig:

1. Topographische Funktionen beschäftigen sich mit der Ausdehnung, der Einwohnerzahl, dem Standort und mit vorhandenen Serviceeinrichtungen.
2. Das Selbstverständnis der Bevölkerung, so z.B.: die Beurteilung des Milieus, die Wertvorstellungen, die vorherrschenden Lebensstile und die Kultur und
3. die Gruppen im Sozialraum und ihr Zusammenspiel in Bezug auf Autorität, Machtverteilung und Kommunikation stellen zwei soziologische Faktoren dar.
4. Der vierte Faktor ist das Zusammenspiel lokaler Ressourcen und fragt nach der Art der vorhandenen Hilfseinrichtungen und Formen gegenseitiger Hilfe.102

Wie bereits zu Beginn des Kapitels vermerkt, wird der Begriff Gemeinwesen gegenwärtig immer mehr in Einrichtungskonzepten, in der Kommunalpolitik, in Stadtteilentwicklungsprogrammen und auch in stadtsoziologischen Analysen verwendet, obwohl er noch immer keine klar umrissene Definition besitzt.

In Bezug allerdings zur Auseinandersetzung mit den Begriffen Gesellschaft und Gemeinschaft könne er am wahrscheinlichsten zwischen genau diesen beiden positioniert werden.

Die Gesellschaft, wie bereits im zweiten Kapitel definiert, stellt im weiteren Sinne eine zeitlich andauernde räumliche Gemeinschaft von Lebewesen und im engeren Sinne ein strukturiertes und organisiertes System menschlichen Zusammenlebens und -wirkens dar. Sie ist der Gemeinschaft übergeordnet, sodass sich Gemeinschaften in einem Gemeinwesen befinden können.

Eine gelungene Definition gibt Birkhölzer (1999), in der ein Gemeinwesen verstanden werden kann als

„ die historisch gewachsene Struktur eines Gebietes mit kultureller Eigenart und Identität seiner Bewohner. ( … ) Zusammenfassend verstehen wir den Begriff Gemeinwesen nicht als eine statische Gr öß e, sondern als einen außerordentlich dynamischen Prozess, in welchem sich die Bewohner eines Gebietes ( ´ local community`) oder die Angehörigen einer bestimmten Gruppe ( ´ community of interests`) zu ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt in Beziehung setzen. “ 103

Es geht demzufolge um wechselseitige Beziehungen zwischen unterschiedlichen Menschen mit verschiedenartigen Intentionen zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels. Deutlich wurde somit, dass sich das Gemeinwesen historisch verändert hat und eine Reihe verschiedener Auslegungsmöglichkeiten dadurch entstehen konnten. Dennoch besitzt das Gemeinwesen bestimmte Funktionen, die alle mit dem zwischenmenschlichen Bereich zu tun haben und sich im Laufe der Entwicklung nicht wesentlich veränderten.

Diese vorangestellte Betrachtung des Begriffes Gemeinwesen war notwendig, um im folgenden Teil auf das gemeinwesenorientierte Arbeiten einzugehen. Es wird geklärt, warum eine Orientierung auf das Gemeinwesen wichtig ist, und was demzufolge einem Wandel unterzogen werden soll.

Zur Verdeutlichung wird der Arbeitsansatz der Gemeinwesenarbeit in Deutschland genauer betrachtet, da anhand der Entwicklung der Gemeinwesenarbeit in Deutschland zu sehen ist, welche Bedeutung eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle jeweils hatte und gegenwärtig hat.

3.2.3 Den Wandel aktiv gestalten

Die zum gegenwärtigen Zeitpunkt als Globalisierung bezeichneten ökonomischen Entgrenzungen und der technologiebedingte Arbeitsplatzabbau untergraben das Modell der sozialen Marktwirtschaft, da die körperliche Arbeitskraft für die Aufrechterhaltung des Weltwirtschaftssystems nicht mehr relevant sei.104

Es wird ein aktiver Wandel gefordert, der unter anderem komplexe Antworten darauf geben soll, wie ökonomische, soziale, politische und ökologische Zielsetzungen verknüpft und so synergetisch mehrere Dimensionen integriert werden können. Schlüsselwörter hierfür sind: lokal, vernetzt, eigenständig, synergetisch, demokratisch und spezifisch.

Die Zivilgesellschaft gewinnt wieder an Bedeutung, weil der Staat und der Markt ihre jeweiligen sozialen, ökonomischen und politischen Aufgaben nicht mehr wahrnehmen oder leisten können.

Bausteine einer gesellschaftlichen Problemlösung und nachhaltigen Entwicklung sind demzufolge die humanen Potentiale wie Wissen, Können und Handlungsbereitschaft, aber auch verschiedene Formen menschlichen Zusammenlebens und gemeinschaftlichen Handelns.

Diese humanen Potentiale und die sozialen Kapitale finden sich im Gemeinwesen wieder, in dem Menschen aus den verschiedensten Milieus und Altergruppen neue Lebensstile erproben und insbesondere immaterielle Prioritäten setzen, sodass eine ökologische und soziale Verantwortung, ein politisches und bürgerschaftliches Engagement, eine Konsumkritik und Spiritualität, um nur einige Interessen zu nennen, immer mehr an Bedeutung für den Menschen gewinnen.105

Gemeinwesen stellt somit einen Kristallisationspunkt nahezu aller Lebensfunktionen dar. Dabei ist die wichtigste Aufgabe zur Gestaltung des Wandels die Bemächtigung der Menschen vor Ort, eigene und gemeinsame Belange selbst zu organisieren.

Verständlich wurde somit, dass die Arbeit im Gemeinwesen das Ziel eines aktiven Wandels in Bezug auf Verbesserung der Lebensverhältnisse der BürgerInnen beinhalten kann.

Was dies in Bezug zur professionell ausgerichteten gemeinwesenorientierten Arbeit bedeutet, wird nun anhand des Arbeitsprinzips der Gemeinwesenarbeit verdeutlicht.

3.3 Das Arbeitsprinzip ´Gemeinwesenarbeit`

Dem Wortlaut zufolge handelt es sich um ein Prinzip, welches sich mit der Arbeit am oder auch im Gemeinwesen beschäftigt. Diese Erklärung erscheint ausreichend, doch ist dieser Begriff, wie auch Gemeinwesen, oder die anderen vorab erklärten Begriffe Teilhabe, Gemeinschaft und Gesellschaft in verschiedenartigem Gebrauch. Diese Vielfalt verschleiert teilweise die historisch und später auch theoretisch fundierten Inhalte der Gemeinwesenarbeit (GWA). Demzufolge gilt es, die Betrachtung dieses Arbeitsprinzips bei seinem Ursprung zu beginnen, um anschließend seine gegenwärtige Positionierung in Bezug auf eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle näher bestimmen zu können.

3.3.1 Die Ursprünge der Gemeinwesenarbeit

Der Ursprung der Gemeinwesenarbeit ist vor allem in den amerikanischen und englischen settlement s (Siedlungen) um 1870 zu finden.

Sie entstand durch junge, humanistisch engagierte Menschen gehobener bürgerlicher Schichten, die das Zusammenleben der Menschen in so genannten Slums° zu verbessern versuchten. Sie nannten diese milieuorientierte Arbeit social work, in der das soziale Beziehungsgeflecht unter den BürgerInnen verbessert und das Gemeinwesen dabei mitgestaltet werden sollte. Allerdings stellte diese Arbeit eine eindeutige Hilfe von ´Oben` nach ´Unten` dar.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich in den amerikanischen Großstädten aus den settlements die Community Organization, einer Anzahl an Verfahren, um in den durch die Industrialisierung entstandenen Stadtteilen, die sozialen Beziehungen zwischen den BürgerInnen und ihre Teilhabe am Gemeinwesen zu fördern.106 Daraus entstanden Methoden von social work, durch die soziale Dienstleistungen koordiniert und ausgebaut und somit wohlfahrtsstaatlich geprägt wurden. Daneben entwickelte sich in den 40ern das volunteering, einer Art bürgerlicher Aktivitäten auf Stadtteilebene mit dem Ziel, die Lebensverhältnisse im Stadtteil zu verbessern. Methoden waren hierbei die Gemeinwesenplanung und die Gemeinwesenorganisation, die sich mit dem volunteering zur C ommunity Organization als dritte Methode der Sozialarbeit in Deutschland verband.

° ursprgl. vulgär englische Bezeichnung für großstädtische Elendsquartiere, zuerst 1821 in Großbritannien und heute allgemein für Notstandsgebiete verwendet.

Der Stand der GWA der 60er Jahre wird als Ausgangspunkt für die Rezeption der sozialen Gemeinwesenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland gesehen.107

3.3.2 Die Rezeption der Gemeinwesenarbeit in der BRD

Ansätze der GWA wurden schon früh verwendet, sodass sich bereits seit der Aufklärung, ca. 1750, bürgerliche Patrioten und Philanthropen mit moralischen, kulturellen, örtlichen, hygienischen, wie auch wirtschaftlichen Zuständen im Gemeinwesen beschäftigten und sie zu verbessern versuchten. Es wurden dabei die Wechselwirkungen zwischen den Wohn- und Arbeitsmilieus einerseits und den pädagogischen, sittlichen und gesundheitlichen Zuständen andererseits betrachtet.

Dies erfolgte, da man feststellte, dass Armut, Krankheit und Arbeitslosigkeit in bestimmten sozialen Milieus und Quartieren vorrangig anzutreffen waren, und man die Ursache dafür ergründen wollte.

Wichtig für die Entwicklung der GWA in der BRD war u. a. auch die diakonische Arbeit von dem evangelischen Theologen Johann Hinrich Wichern (1808-1881) in Hamburg. Daneben gab es in dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts patriotische und gemeinnützige Zusammenschlüsse, deren Augenmerk allerdings mehr auf konkrete Lebenslagen in den Industriestädten gerichtet war als auf eine Veränderung der Gesellschaft.

Möglicherweise wurde diese Entfernung vom Eigentlichen, vom Menschen, noch beeinflusst durch die Zeit des Biedermeiers, die nach dem Zusammenbruch der Revolution von 1848 herrschte, und die durch eine starke Individuumszentrierung, durch die Hervorhebung des Schöngeistigen und durch ein unpolitisches Bürgertum gekennzeichnet war.108

Hingegen forderten die frühsozialistischen Bewegungen eine Neugestaltung der gesamten Lebensmilieus der ´unteren` Volksschichten.

Obwohl die ´Soziale Arbeit` demzufolge mit einem praktischen Interesse am Gemeinwesen begann, verschwand dieser Aspekt wieder, und erst seit den 70ern ist die GWA in Deutschland als dritte Methode der ´Sozialen Arbeit` anerkannt worden. Die GWA kann zum jetzigen Zeitpunkt als eine Reformbewegung innerhalb der gesellschaftlichen Bedingungen, die besonders für benachteiligte Gruppen lebensverbessernde Maßnahmen anstrebt, gesehen werden.

Ebenso ist sie eine Entwicklung hin zu einer die Gesellschaft verändernden Bewegung, die unzufrieden damit ist, gesellschaftliche Missstände nur abzuschwächen. Aus diesem Anspruch heraus folgt, dass sowohl ökonomische, materielle, politische als auch kulturelle und psychosoziale Lebensbedingungen gemeinsam betrachtet werden müssen und somit eine Integration der sozialpädagogischen Methoden der Einzelfallhilfe wie sozialen Gruppenarbeit und der GWA erfordert.109

Die Anfänge einer wissenschaftlichen GWA sind in den Veröffentlichungen von Hertha (1950) und Herbert Lattke (1955) zu finden. Dennoch wird sie erst seit 1966 in einer Reihe von Artikeln beachtet, die die GWA als eine präventive Wohlfahrtsplanung definiert, in der die Betroffenen aktiv beteiligt sein sollen, und sie als integrative Kraft im Gemeinwesen charakterisiert wird.

Die eigentliche erste Phase der Rezeption der GWA in Deutschland fand in den Jahren der Wirtschaftsrezession 1967/68 statt.

Es entstand eine aggressive, konfliktorientierte GWA mit disruptiven Taktiken, die den Kontakt zu den gesellschaftlichen Institutionen beenden wollte, ohne sie zu zerstören. Demonstrationen, Besetzungen, Streiks, Ungehorsam und gewaltloser aber auch gewaltsamer Widerspruch waren ihre Mittel.

Die zweite Phase der Rezeption war im Zuge der Studentenbewegung und ihres Protestes in den 70ern. Die ´Soziale Arbeit` sollte dabei eine Gesellschaftsveränderung und einen Umsturz herbeiführen.110

Das aggressive Konzept bekämpfte die systemangepasste GWA und wandte sich gegen die Behörden und Institutionen.

Dieser Ansatz wird heute nicht mehr verfolgt, da er langfristig ein Missverständnis der Sozialarbeit darstellt, derer eine Zusammenarbeit mit den Behörden notwendig erschien.

Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass die GWA in verschiedener Weise ausgelegt wurde. Sowohl an ihrem Herkunftsort, wie auch nach der Rezeption der GWA in der Bundesrepublik wurde sie vorrangig verwendet, um gesellschaftliche Missstände aufzudecken und Veränderungen herbeizuführen. Es gibt weitere Formen der GWA, die nun erläutert werden sollen. Dabei wird nochmals verdeutlicht, dass die GWA einer starken Vielfalt unterliegt, die zum Teil ihre theoretische Fundierung und auch die Anerkennung ihrer Professionalität erschwert.

3.3.3 Die Formen der Gemeinwesenarbeit

Die verschiedenen Formen der GWA werden in diesem Teil erläutert, doch kann kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden, da vielmehr ein Überblick über die Vielfalt wesentlich ist. Ziel dieser Erläuterung ist eine Zusammenstellung wesentlicher Merkmale, die einer uneingeschränkten Teilhabe für Alle förderlich sein können und gemeinwesenorientiertes Arbeiten ausmachen sollten.

3.3.3.1 Die Wohlfahrtsstaatliche Gemeinwesenarbeit

Diese Form beinhaltet nicht primär die Selbstorganisation der Betroffenen, um durch sie die Verhältnisse im Wohnbereich zu verändern, sondern zielt vielmehr eine Verbesserung des Dienstleistungsangebotes der im Wohnviertel tätigen Institutionen und Behörden an. Eine lebensweltliche Arbeit, die den Menschen in allen Lebensbereichen aufsucht, geschieht darum kaum.111

Es wird kein Aufbau eines Netzwerks angestrebt. Die BürgerInnen dürfen zwar mitentscheiden, die GWA leistet auch soziale Hilfe, aber alle wichtigen Entscheidungen werden durch die Institutionen getroffen.112

Sie besteht vorwiegend aus der Einzelfallhilfe und dem Aufbau von Gruppen. Die Lebensbedingungen werden als unbeeinflussbares ´äußeres` Geschick verstanden. Es wird missachtet, dass sie im Besonderen der Analyse bedürfen und davon ausgehend Veränderungen stattfinden können.

Die professionelle Hilfe erfolgt durch Eliten, die die Betroffenen zu passiven BürgerInnen machen.113

Eine stimmige Erklärung, was die wohlfahrtsstaatliche GWA bewirken will, formulierten Wolfgang Hinte und Fritz Karas (1989)° wie folgt:

„ Eine solche Art der GWA entpuppt sich als verlängerte Form fürsorglicher Einzelhilfe; lediglich der Adressat sozial-arbeiterischer Bemühungen hat sich verändert: nun werden sie nicht mehr nur einzeln betreut, sondern man stürzt sich gleich auf das ganze Gemeinwesen. “ 114

Diese Form hat nichts mit dem Ziel zu tun, die BürgerInnen zur Selbstbestimmung und freiwilligen aktiven Teilhabe zu führen, sondern sie verstärkt die Abhängigkeit der BürgerInnen von den Institutionen und Behörden innerhalb ihres Stadtteils. Von einer gemeinwesenorientierten Arbeit kann in diesem Zusammenhang nicht die Rede sein, da sie durch ihren Glauben an die Unbeeinflussbarkeit der Lebensbedingungen und durch ihre von Eliten durchgeführte professionelle Hilfe passive BürgerInnen formt, die sich demzufolge nicht für ihren gemeinsamen Lebensort einsetzen können, weil sie keine dafür notwendigen Möglichkeiten bekommen.

3.3.3.2 Die Integrative Gemeinwesenarbeit

Nach der Vorstellung einer integrativen Gemeinwesenarbeit von Murray G. Ross (1971), allerdings vor dem Hintergrund nordamerikanischer Verhältnisse, sollten alle Gruppen eines Gemeinwesens kooperativ ihre Probleme erkennen und aufgrund eines gemeinsamen Wertekanons versuchen, die bestehenden Missstände zu beseitigen. Wichtig hierbei ist die Zusammenwirkung von Untergruppen und Subkulturen auf der Basis gemeinsamer Werte.

Das Ergebnis ist dadurch dreifach gekennzeichnet:

- Alle BürgerInnen und Gruppen identifizieren sich mehr als bisher mit dem Gemeinwesen.
- Es entwickelt sich ein stärkeres Interesse und eine intensivere Teilhabe an den Problemen des Gemeinwesens.
- Durch gemeinsame Wertevorstellungen ist es möglich, integrativ Probleme zu lösen.115

Ross will dadurch ein hermeneutisches Klima im Gemeinwesen erlangen und setzt dabei allgemein anerkannte gesellschaftliche Richtlinien voraus.

Damit bleibt Ross jedoch in einem gesellschaftlich-politischen Rahmen, der nicht erlaubt, grundlegende Veränderungen herbeizuführen. Es existiert eine Trennung von politischem Handeln und sozialer Arbeit, da sich die Menschen innerhalb der bestehenden Machtverhältnisse organisieren sollen, um sich ein Gemeinwesen zu schaffen, in dem sie sich wohlfühlen und in dem sie die gesellschaftlichen Bedingungen akzeptieren können. Ross begründet diese politisch passive Teilhabe damit, dass er von relativ zufrieden stellenden gesellschaftlichen Verhältnissen in Bezug auf die Verteilung von Macht und Herrschaft ausgeht, und nur die Menschen es nicht gelernt haben, ihre verfassungsmäßige Freiheit kreativ auszufüllen.116

3.3.3.3 Die aggressive Gemeinwesenarbeit

Vor dem Hintergrund einer Kritik an der wohlfahrtsstaatlichen und integrativen Gemeinwesenarbeit skizzierte 1971 der Berliner Professor C. W. Müller ein aggressives Gemeinwesenarbeitskonzept, welches bereits im Kapitel 3.3.2 (S.47) erwähnt wurde. Die GWA soll dabei auf eine Veränderung der Kräfteverhältnisse und der Machtstrukturen innerhalb eines Wohngebietes abzielen, in dem sich marginalisierte Menschen zu einer Revolution zusammenschließen.

Das Ziel stellt hierbei eine gerechte Verteilung von Herrschaft und Macht dar und soll damit zu einer grundlegenden Gesellschaftsveränderung führen.117

Vor allem soll sich die Arbeiterklasse organisieren und eine ´Revolution von Unten` anführen, da sie unter den sozialen Bedingungen der Unterprivilegierung am meisten leidet und so, nach dem Verständnis von Ross, am leichtesten zu organisieren sei.118 Die Aktionsformen sollten disruptiv sein, also dazu dienen, dass die Aktionen die Arbeit der Behörden und Institutionen unterbrechen, aber sie nicht zerstört oder radikal verletzt wird. Unter anderem waren Mieterstreiks, Demonstrationen und Steuerverweigerungen die Folge davon.

Richtig an dieser Form der GWA ist die Erkenntnis, dass das Gemeinwesen kein hermeneutisches Ganzes darstellt, sondern, dass unterschiedliche Interessenlagen existieren können und die Wichtigkeit darin besteht zu ergründen, wie sie zustande kommen und wie sie sich im Alltag der BürgerInnen äußern.119

Diese Form hat einen direkten Anspruch auf eine aktive Teilhabe der BürgerInnen mit dem Ziel der Verbesserung ihrer eigenen Lebenssituationen. Allerdings stellt die Verweigerung einer Zusammenarbeit mit den Institutionen und Behörden eine Dissonanz dar, die auf lange Sicht nicht vertretbar war.

3.3.3.4 Gemeinwesenarbeitstrategien nach Saul D. Alinsky

Saul D. Alinsky (1909-1972) wird von Wolfgang Hinte und Fritz Karas als einer der bedeutendsten GWA-Praktiker in den USA gesehen, der ebenso die spätere Theorie und Praxis der GWA in Europa beeinflusste. Obwohl er kein Begründer eines bestimmten Theorieansatzes war und ihm auch ein fundierter gesellschaftstheoretischer Hintergrund fehlte, liegt seine Leistung in der Entwicklung gut durchdachter Strategien für den Aufbau und den danach folgenden Kampf von Bürgerorganisationen.120 Hierbei wird ersichtlich, vor welchem Hintergrund Alinskys Überlegungen stattfanden. Er geht von einem festen Glauben aus, dass ein Volk, welches die Macht hat, auch die richtigen Entscheidungen treffen wird. Dem Machtanspruch einer kleinen Gruppe allerdings, der Elite, kann das Volk nur seinen einzigen potentiellen Machtfaktor, den seiner großen Zahl entgegenstellen, indem es innerhalb einer stabilen, gut durchstrukturierten Organisation auf der Basis eines ungefähren Konsens Strategien und Programme zum Ziele der Verbesserung seiner Lebenssituationen entwickelt.121

Alinsky sieht eine Bürgerorganisation als Konfliktgruppe, deren einziger Grund für ihr Entstehen der Kampf gegen jegliches soziale Unrecht darstellt. Der Konflikt muss allerdings bewusst herbeigeführt werden, wenn tatsächliche Veränderungen von Verhältnissen passieren sollen. Er hat für das Verhalten in solchen Konflikten Regeln aufgestellt, zu denen u. a. folgende gehören:

- Die eigentliche Aktion findet in der Reaktion des Gegners statt.
- Eine gute Taktik ist die, die den Teilnehmenden Spaß macht.
- Eine Drohung hat in vielen Fällen eine größere abschreckende Wirkung als die Tat selbst.
- Macht ist auch das, was der Gegner glaubt, dass man es hat.
- Es bedarf einer Zielscheibe, einer Forcierung auf bestimmte Personen, da ein Angriff auf Konzerne, Verwaltungen sich meistens in ihren bürokratisch organisierten Vorgängen entleert.122

Alinsky gibt selbst zu, dass diese Regeln nicht besonders fein seien, doch gelte für ihn:, dass der Zweck die Mittel heilige.123 Denn wenn Menschen ungerecht behandelt werden, so kann ein weites Spektrum legitim sein, um diese Situation zu verändern.

Eine zentrale Rolle spielt bei Alinsky der professionell Handelnde. Dieser sollte möglichst vom Gemeinwesen berufen werden, um dadurch einen legitimen Grund für sein Auftauchen zu haben. Er muss sich deutlich auf der Seite der Benachteiligten positionieren und keine neutrale Vermittlerposition einnehmen. Der Praxisberater° muss dort beginnen zu wirken, wo die Leute stehen, am Erfahrungshorizont ansetzen und ihren individuellen Hintergrund respektieren. Er hat mit den Führern des Gemeinwesens zu kooperieren, da diese als Repräsentanten des Volkes gelten.124

Außerdem gilt es die Gebräuche des Gemeinwesens aufmerksam zu beobachten und in die Strategien und Programme einzubauen. Letztendlich müssen aber alle entscheidenden Schritte von den Menschen selbst getan werden. Sie müssen erfahren können, dass sie in der Lage sind, ihre Probleme selbst zu erkennen und zu lösen. Dies bedeutet, Vertrauen in ihre eigenen Ziele zu fassen.

Unbeachtet darf nicht bleiben, dass sich die Situationen, in denen Alinsky wirkte, nicht einfach auf ein anderes Land, wie Deutschland, übertragen lassen können. Die Betroffenheit in den USA zu dieser Zeit wurde wesentlich existentieller erfahren, sodass eine Mobilisierung der Bevölkerung leichter fiel. Grund dafür ist sicherlich u. a. in den unterschiedlichen Sozialsystemen zu finden.

Wichtig erscheint allerdings der Ansatz des Praxisberaters mit seiner ausschließlichen Existenz im Gemeinwesen, wenn die BürgerInnen ihn herbeiwünschen. Dieser Ansatz wird noch einmal im Kapitel 4 (S. 66) zum Gegenstand gemacht werden. Allerdings soll bereits vorweg genommen werden, dass die Arbeit keine Antwort darauf finden wird, ob der einzige mögliche Weg ist, dass der Praxisberater ausschließlich von der Bevölkerung gerufen wird. Vielmehr soll diese offene Antwort zum persönlichen Nachdenken anregen.

° Alinsky spricht von Praxisberater (1973, S. 86ff). Hinte und Karas sehen in diesem Begriff eine gleiche Bedeutung, wie Gemeinwesenarbeiter (1989, S. 20)

3.3.3.5 Die katalytisch- aktivierende Gemeinwesenarbeit

Die katalytisch- aktivierende GWA wurde 1978 von Wolfgang Hinte und Fritz Karas entwickelt und geht von der Vorstellung einer herrschaftsfreien Gesellschaft aus, in der es keine patriarchalischen Hierarchien und keine Unterdrückung mehr gibt, sondern alle TeilnehmerInnen des Gemeinwesens (Gruppen, Subgruppen, Subkulturen, Individuen) sich selbst oder solidarisch einander helfen, wobei sie ein kreatives und soziales Leben entwickeln.

Der Begriff ´katalytisch` bezieht sich hierbei auf den professionellen Menschen, der bei seiner Arbeit eine katalytische Funktion einnimmt. Dies bedeutet, dass er zwischen den einzelnen Gruppen vermittelt und mit ihnen ein Netzwerk gegenseitiger Unterstützung schafft. Katalyse kann hierbei als ein aus der Chemie übernommener Begriff verstanden werden, der beinhaltet, dass ein Fremdkörper als Katalysator in eine chemische Substanz gebracht wird und Veränderungen sowie beschleunigte Reaktionen bewirkt ohne sich selbst dabei zu verändern.125

Diese Form der GWA ist durch sechs Aufgaben gekennzeichnet:

1. Die GWA entwickelt methodisch durchdachte Wege der Problemlösung,
2. dehnt ihre Arbeit auf einen Stadtteil bzw. auf eine Stadt aus
3. und hat somit die Aufgabe, Konflikte, Interessengegensätze und gefährliche Entwicklungen im Gemeinwesen aufzudecken.
4. Sie organisiert sich solidarisch mit den betroffenen Menschen und organisiert gemeinsame Auswege.
5. Wichtig ist hierbei, dass Veränderungen der Individuen durch soziales Lernen nur so weit gehen, damit sie sich in die Harmonie des Gemeinwesens integrieren.
6. Letztendlich versucht die GWA, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern.126 Ein zentraler Inhalt ist zum einen die Gruppenarbeit, in denen Individuen geholfen wird, zum anderen aber auch die Arbeit mit unterschiedlichen Gruppen, die sich dann zur Gruppenselbsthilfe bzw. zu Initiativgruppen zusammenschließen.

Wichtig ist außerdem, dass Anlaufstellen (BürgerInnenläden, Stadtteilbüros) existieren, an die sich die Menschen bei Hilfe und Rat wenden können.

Hierbei kann auch der Aufbau eines Netzes von ehrenamtlichen und nebenamtlichen MitarbeiterInnen angestrebt werden.127

Dieser auch als anti-paternalistisch bezeichnete Ansatz setzt sich verstärkt für politische Teilhabemöglichkeiten der BürgerInnen ein. In diesem Verständnis beginnt jegliche Teilhabe mit Schritten in kleinen Bereichen, da somit eine mögliche positive Lernerfahrung durch selbstbestimmtes Handeln im unmittelbaren Alltagsleben leichter erfolgt und dies eine Vorraussetzung für die Bereitschaft zu weiterer Teilhabe auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen schafft.

„ Erst wenn die Menschen mehr Vertrauen zu sich und ihren Fähigkeiten bekommen, wächst ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung, und sie tun erste Schritte, politische Partizipationsbedürfnisse anzumelden und dafür zu kämpfen. “ 128

Dieser Ansatz will den kleinstmöglichen Nenner Aller finden, damit möglichst viele Gruppierungen teilnehmen und thematisiert deshalb u. a. die Grundwerte, so die Menschenrechte, die einen radikalen Anspruch auf Demokratie beinhalten. Die aktivierende GWA setzt

„ bei den Individuen, aber auch bei den Verhältnissen an, da eine Auflösung autoritärer Charakterstrukturen bei Menschen einhergehen muss mit der Veränderung der Bedingungen, die diese Menschen produzieren. Umverteilung von Macht darf also nur von den Betroffenen selbst erkämpft werden, nicht von anderen Leuten für sie: Der Ansatz der Arbeit liegt also konsequent bei den Betroffenen. “ 129

Diese Form der GWA soll bei den BürgerInnen beginnen und ihre Interessen in den Mittelpunkt stellen. Sie sollen sich aktiv an Veränderungen beteiligen und sich, wie bereits erwähnt, durch positive kleine Schritte vermehrt für ihr Gemeinwesen interessieren und einsetzen. Das Gemeinwesen wird als zentraler Handlungsort angesehen, in dem letztendlich eine Veränderung allgemeiner gesellschaftlicher Verhältnisse angestrebt wird. Dies bedeutet unter anderem, dass diese GWA sich nicht nur auf ein Gemeinwesen bezieht, sondern ihre Arbeit in einem komplexeren Raum sieht. Es kann vor diesem Hintergrund von einer tatsächlichen Orientierung am Gemeinwesen gesprochen werden.

3.3.3.6 Die integrative, lebensweltliche Gemeinwesenarbeit als Netzwerk

Dr. Winfried Noack geht von einer Bildung möglichst vieler und pluralistisch geformten Gruppen aus, um so verschiedene und mehrfache Zugänge zum Gemeinwesen zu finden. Dadurch soll ein Netzwerk verschiedenster Gruppen unterschiedlichster Größe entstehen, welches in Verbindung mit Institutionen und Behörden steht.

Hierbei gibt es verschiedene so genannte Niveaus:

- Die GWA setzt bei der Einzelfallhilfe an, auf die
- das zweite Niveau folgt, welches aus so genannten Primärgruppen, wie zum Beispiel der Familie, der Kollegen und der Nachbarn besteht und durch seine Einbindung in einen lebensweltlichen Alltag erreicht wird.
- Das nächste Niveau ist das Gemeinwesen und
- das letzte ist die Gesellschaft, da sie das Gemeinwesen u. a. durch Institutionen, Behörden, Gesetze und Regelungen beeinflusst.130

Der Mittelpunkt dieser Form ist die lebensweltliche Arbeit, in welcher der Mensch in einem Netzwerk verschiedener Beziehungen und Interaktionen lebt. Die Lebenswelt ist gleichbedeutend mit der Alltagswelt, sodass lebensweltliche Arbeit gleichzeitig auch alltagsweltliche Soziale Arbeit bedeutet.

Es wird deutlich geworden sein, dass die Gemeinwesenarbeit verschiedenartig interpretiert wurde und man nicht von einer einheitlichen Definition ausgehen kann. Sie wurde teilweise von elitären Interessen angeleitet, als Mittel einer Revolution von unten oder als Möglichkeit zum Aufbau eines gemeinwesenorientierten Netzwerkes angesehen, sodass nicht mehr von dem einem Ziel der GWA gesprochen werden kann, sondern vielmehr die Frage danach beantwortet werden muss, wer was mit welchem Interesse im Gemeinwesen macht.131

Demzufolge kann es nur verallgemeinernde Merkmale einer GWA geben, die nun zum Gegenstand gemacht werden.

3.3.4 Die Merkmale der Gemeinwesenarbeit

Deutlich wurde, dass die Gemeinwesenarbeit als professionelles Handlungsfeld sozialer Berufe angesehen wird und

„ auf die Verbesserung der soziokulturellen Umgebung als problematisch definierter, territorial oder funktional abgegrenzter Bevölkerungsgruppen (Gemeinwesen) gerichtet ist. “ 132

Die GWA besitzt demzufolge ein territoriales Merkmal, welches einen geographisch abgegrenzten Sozialraum, ein Gemeinwesen, beschreibt. Dieses gilt es über Adressatenorientierung, Lebensweltnähe und Zielgruppenarbeit zu erschließen.133 Das funktionale Merkmal beinhaltet die Bereiche wie Familie und Wohnen, Arbeit, Verkehr, Bildung, Freizeit und religiöses Leben.

Daher orientiert sich die GWA an der Lebenswelt der BewohnerInnen. Neben dem territorialen und dem funktionalen Merkmal gibt es außerdem das kategoriale Merkmal. Dieses richtet sich auf bestimmte Bevölkerungsgruppen mit benachteiligten Menschen (so z.B.: junge und alte Menschen, Menschen mit Behinderungen) mit dem Ziel, die Entfaltungsräume ihres Lebens und ihres Alltags zu erweitern und ihre Lebenslagen zu verbessern.134

Diese drei Merkmale können niemals unabhängig voneinander betrachtet werden, da sie eine integrative Einheit bilden.

Die GWA arbeitet vor diesem Hintergrund nicht nur mit Methoden der Sozialpädagogik, wie u. a. der Einzelfallhilfe, der Gruppenarbeit, der Therapie und der Beratung, sondern auch mit politischen Arbeitsweisen (u. a. mit Demonstrationen, BürgerInnenversammlungen) und mit der empirischen Sozialforschung.

Diese Vielfalt an Arbeitsmethoden und Herangehensweisen verdeutlicht die Komplexität dieses Arbeitsprinzips, in dem soziale Konflikte und kommunale Missstände die Ausgangspunkte darstellen, sodass es mitunter auch als präventiver Ansatz verstanden wird. Die GWA ist außerdem Bildungsarbeit, durch die sie politisch aktives Lernen und Handeln ermöglicht und Einsichten in die strukturelle Bedingtheit von Konflikten vermittelt.

Sie strebt somit eine enge Zusammenarbeit mit den Behörden und Institutionen, der so genannten ´lokalen Fachbasis` an, um ein Gemeinwesen durchdringendes Netzwerk aufzubauen.135

In einem gewissen Maße kann sie auch als Befreiungsarbeit gesehen werden, da sie Grundbedürfnisse bewusst macht und dabei hilft die Entfremdung des Menschen von seinen eigentlichen Handlungskompetenzen zu überwinden, indem sie die Selbstbestimmung handelnder Subjekte ermöglicht.136

Dies setzt voraus, dass sie Probleme erkennt, die nicht nur das Individuum oder eine Gruppe betreffen, sondern weitergehende Verursachungszusammenhänge haben.137

Diese verallgemeinernden Merkmale einer Gemeinwesenarbeit finden sich teilweise in dem Programm der ´Sozialen Stadtteilentwicklung`° wieder, welches folgende Zielsetzung beinhaltet:

„ Mit diesem Programm sollen alle Kräfte gebündelt werden, um die Bürgerinnen und Bürger in benachteiligten Quartieren in die Lage zu versetzen, ihr direktes Wohnumfeld stärker selbst zu gestalten.

Der Prozess der aktiven Beteiligung am Stadtteilleben soll durch so genannte Quartiersmanager in Bewegung gesetzt werden, die die Bewohnerinnen und Bewohner bei der Artikulation ihrer Interessen unterstützen. “ 138

Mit Hilfe des Programms sollen somit die Selbsthilfemöglichkeiten in diesen Quartieren für die BewohnerInnen greifbar gemacht werden.

Die ehemalige Forderung nach ´so viel Partizipation und aktiver Teilnahme wie möglich` fehlt in der Neuerung.139 Vielmehr wird das eigenverantwortliche Handeln auf lokaler Ebene in den Vordergrund gestellt.

Die Leitziele, welche eine Relevanz für eine Teilhabe für Alle besitzen, sind folgende:

- Förderung und Stärkung der lokalen Handlungs- und Selbsthilfemöglichkeiten,
- Förderung und Stabilisierung der Mitwirkungsbereitschaft durch Mitbestimmungsmöglichkeiten,
- Öffentliches Engagement soll helfen, in möglichst großem Umfang, privates wirtschaftliches Engagement im Stadtviertel anzuregen.
- Die Quartierspolitik soll im hohen Maße auf Prävention angelegt sein.
- Die Selbsthilfepotenziale in den Stadtteilen sind möglichst frühzeitig zu wecken und zu unterstützen.140

Vor dem Hintergrund der Zielsetzung des Programms der ´Sozialen Stadtteilentwicklung` wird ersichtlich, dass die Gemeinwesenarbeit eine weit gefasste gesellschaftliche Aufgabenstellung hat, die gegenwärtig mit Hinblick auf die staatliche Rücknahme sozialer Absicherung wieder an Bedeutung gewinnen kann.

Auf den vorhergehenden Seiten wurde versucht, die Hauptstränge der Theorieentwicklung der GWA in der Bundesrepublik Deutschland aufzuzeigen. Es kann von keiner einheitlichen Aufeinanderfolge der verschiedenen Ansätze gesprochen werden. Vielmehr stellen sie Einzelbeiträge dar, die nicht alle nur im Bereich der ´Sozialen Arbeit` zu finden sind. Zusammengefasst bezeichnet Gemeinwesenarbeit in der heutigen Theoriediskussion und Praxis ein Arbeitsprinzip im Sinne einer Gemeinwesenorientierung und ein Feld ´Sozialer Arbeit`. Die Theorie wendet sich allerdings immer mehr in Richtung einer gemeinwesenorientierten ´Sozialen Arbeit` im speziellen Arbeitsfeld Gemeinwesen zu.

Vor diesem Hintergrund stellt sich nun die Frage, ob nicht die Bezeichnung ´gemeinwesenorientiertes Arbeiten` eher dafür dienlich sein kann, die Wichtigkeit und Notwendigkeit einer Beschäftigung mit dem Gemeinwesen darzustellen. Von einer allgemeinen Betrachtung möglicher Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Gemeinwesenarbeit und gemeinwesenorientiertem Arbeiten aus, wird das Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung` zum Gegenstand gemacht. Dieses bezieht sich explizit auf die Lebenslagen der Menschen und kann somit als theoretischer Hintergrund verwendet werden, mit dem gemeinwesenorientiertes Arbeiten begründet werden kann. Abschließend wird auf Schwierigkeiten der Umsetzung gemeinwesenorientierten Arbeitens eingegangen und darauf aufbauend nach möglichen Lösungen gesucht. Hierbei ist zu bemerken, dass es sich lediglich um Kernschwierigkeiten handelt, von denen

insbesondere die Ausrichtung professionellen Handelns aufgrund seiner Bedeutung für diese Arbeit zum Gegenstand gemacht wird.

3.3..5 Gemeinwesenorientierte Arbeit = Gemeinwesenarbeit?

Neben möglichen inhaltlichen Unterschieden kann in den Wortlauten kein unmittelbarer Unterschied festgestellt werden. Gemeinwesenorientiertes Arbeiten ist dem Wortlaut zufolge eine Orientierung der Arbeit an dem Gemeinwesen. Auch akzentuiert diese Bezeichnung vielmehr die Arbeit im Gemeinwesen als eine grundsätzliche Orientierung. Es könne somit die Frage gestellt werden, ob sie nicht die gleiche Bedeutung haben? Ist es nicht vielmehr das allgemeine Problem einer fachlich fundierten begrifflichen Festlegung, die sich, wie an den einzelnen Kapiteln über den Gemeinsinn, wie auch über die uneingeschränkte Teilhabe Aller durch diese Arbeit zieht?

Gemeinwesenarbeit scheint sich konkreter mit dem Gemeinwesen und seinen Inhalten, Strukturen und Bedingungen zu beschäftigen, während sich die gemeinwesenorientierte Arbeit eher nur daran orientiert, dass sie hauptsächlich, ohne ihren Blick nach links und rechts zu wenden, eingreift.

Wenn die GWA nun als Arbeitsprinzip verstanden wird, dann stellt sie eine generelle Orientierung und Haltung mit eigenen qualitativ aufgestellten Kriterien und mit den Grundpfeilern der Vielfalt der Methoden und einem interdisziplinären Herangehen sowie mit philosophischen Elementen über den Mensch-Welt-Bezug, Grundbegriffen verschiedener Wissenschaftsdisziplinen, Analysen der gesellschaftlichen Verhältnisse, Fragen der Ethik und des Berufsverständnisses dar.141

Wäre die Bezeichnung einer gemeinwesenorientierten Arbeit anstatt Gemeinwesenarbeit nicht angebrachter? Es sollte eine Auffassung anerkannt werden, in der jede professionelle Tätigkeit sich am Gemeinwesen orientiert. Wenn diese Auffassung in dem professionellen Denken und anschließenden Handeln immer präsent bleibt, stellt sie eine optimale Ausgangslage für die Umsetzung und Erreichung der jeweiligen Ziele dar. Gemeinwesenorientierung könnte somit als allgemeiner Grundsatz verstanden werden, der das professionelle Handeln in unterschiedlichen Arbeitsfeldern leiten soll und zunächst positiv festgestellt werden kann, dass er das Blickfeld des professionellen Handelns interdisziplinär erweitert.

Außerdem kommt der Begrifflichkeit gemeinwesenorientierter Arbeit zugute, dass sie die Ganzheitlichkeit der Lebensverhältnisse von Menschen in den Mittelpunkt stellt und alle am Prozess beteiligten Menschen umfasst.142

Hierbei wird im folgenden Schritt von der anzustrebenden Handlungsfähigkeit der beteiligten Menschen gesprochen. Dieser in der kritischen Psychologie zentraler Begriff stellt eine entscheidende Leitkategorie auch für ein theoretisches Fundament und für eine praktische Umsetzung einer gemeinwesenorientierten Arbeit dar.

Diese Handlungsfähigkeit, welche im Folgenden erklärt wird, spielt in dem von Klaus Holzkamp 1995 erarbeiteten Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung` eine wichtige Rolle, welches nun als theoretische Basis einer am Gemeinwesen orientierten Arbeit dienen möge.

3.4 Das Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung`

Das Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung` ist ein Erklärungsmodell, welches in diesem Fall auf die Lebensführung von Menschen gerichtet ist und ein theoretisch ausgewiesenes Erkenntnismodell darstellt.

Es ist ein psychologisches Konzept, welches danach fragt, warum Menschen bestimmte Dinge tun und mit ihnen gemeinsam Antworten darauf sucht. Dies setzt voraus, dass die Menschen vor Ort als Fachleute des Alltags gesehen werden, die mit den Fachleuten der Wissenschaft zusammenarbeiten.143

Das Konzept wird als subjektwissenschaftliche Grundlage verstanden, da der Mensch als Subjekt im Mittelpunkt steht, der alle Prozesse mitgestaltet und nicht bloßer Datenträger ist.

Denn wenn die Prozesse als ihr Lebensalltag gesehen werden, ist es notwendig, deren Gedanken und Gefühle kennen zu lernen, um anschließend deren Handlungsfähigkeit zu erweitern.

Den Ausgangspunkt bildet also die individuelle Subjektivität, hingegen ein weiteres Konzept, das der ´Lebensweise` den äußeren Bereich, den der strukturell stabilen, sich wiederholenden gesellschaftlichen Zusammenhänge und sozial bedeutsamen, materiellen und geistigen Lebenstätigkeiten kennzeichnet und die daraus abzuleitenden individuellen Lebenssituationen erklärt.

In Bezug auf die Lebensweise wird auch die Kultur zum Gegenstand gemacht. Nach Kaspar Maase, müsse die Lebensweise und die Kultur als eine Einheit verstanden werden, da die Kultur ebenso das ´Wie` der individuellen und gesellschaftlichen Lebensführung darstelle und spezifischen menschlichen Gestaltungsmöglichkeiten unterläge.144

Die Brücke zwischen den Konzepten ´Alltägliche Lebensführung` und ´Lebensweise` bildet die so genannte gesellschaftliche ´Vermitteltheit individueller Existenz`.145 Diese stellt das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft dar und sieht die gesellschaftlichen Strukturen als Grundlage für eine individuelle Entwicklung. Die Kritische Psychologie meint dazu, dass das Wesen des Menschen immer gesellschaftlicher Natur ist, da er in gesellschaftliche Gegebenheiten hineingeboren wird und sie zur Sicherung seiner Existenz notwendig sind.

Der Mensch ist darauf angewiesen, und eignet sich ihre, soweit er die Möglichkeit dazu hat, Normen, Werte und Verhältnisse an. Somit steht er in einem aktiven Prozess mit der gesellschaftlichen Natur. Auch verinnerlicht der Mensch nicht automatisch die gesellschaftlichen Verhältnisse, Bedeutungen oder Kompetenzen, sondern bearbeitet und verarbeitet sie nochmals individuell. Gesellschaftliche Verhältnisse werden somit auch vom Menschen gemacht.

Infolgedessen lässt diese gesellschaftliche ´Vermitteltheit individueller Existenz` eine Annäherung von außen und innen zu. Dreh- und Angelpunkt des Ganzen ist die subjektive Handlungsfähigkeit, will heißen deren angestrebte Erweiterung als Ziel gemeinwesenorientierter Arbeit.

Wenn wir nun von dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen ´Vermitteltheit individueller Existenz` ausgehen und jeden Menschen als Experte in seinen Lebenslagen sehen, bedeutet das nicht sofort, dass er dies immer sein kann.

Er bedarf einer sozial vermittelten Unterstützung, um dann als Experte tätig sein zu können und der Absicherung sozialer Beziehungen, um handelnd aktiv zu werden bzw. seine Lebensbedingungen zu verbessern. Diese als personale Handlungsfähigkeit bezeichnete Kategorie ist somit gleichzeitig auf einen einzelnen Menschen gerichtet, wie auch sozial vermittelt, also auch eine kooperative Kategorie.146

Sie kennzeichnet die Möglichkeit des Menschen, Kontrolle über die für ihn wesentlichen Lebensbedingungen materieller, sozialer und geistiger Art zu erlangen.

Anzustreben sei hierbei eine Handlungsfähigkeit, die mit Prozessen der Mitwirkung, Mitbestimmung und Selbstbestimmung, also mit unterschiedlichen Ausprägungen der Teilhabe zu tun hat. Im Sinne von Mitschaffen, Mittragen und Mithaben kann die Teilhabe als gesellschaftliche Vermitteltheit verstanden werden.147

Die Erweiterung der Handlungsfähigkeit stellt somit ein Ziel des Konzeptes der ´Alltäglichen Lebensführung` dar und kann, da sie dialogisch passiert, auch kennzeichnend für jede Beziehung gesehen werden, in denen Menschen zusammenkommen, um ihre Lebensführung zu reflektieren und gegebenenfalls zu verbessern.

Das Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung` setzt bewusst im Alltag an, da die Gefahr einer doppelten Realität gesehen wird, was bedeutet, dass je besonderer die Sondersituation gemacht wird, umso größer eine Gefahr darin besteht, den normalen Alltag so zu lassen, wie er ist.148 Verständlich wird diese doppelte Realität an der so eindeutigen Trennung von Arbeit und Urlaub, Woche und Wochenende. Der Urlaub wird umso intensiver genutzt bzw. ausgenutzt, da geglaubt wird, es könne nichts an dem schwergewichtigen Gegenstück des Arbeitsalltags verbessert werden. Doch wie ist der Mensch über seine alltägliche Lebensführung verfügbar bzw. wie kann er sie verändern?

Klaus Holzkamp greift hierbei auf den von Karl Marx geprägten Begriff der ´Selbstverständigung` zurück. Dieser verdeutlicht die Verständigung mit mir selbst, also mir Unbewusstes bewusst zu machen, und somit die Möglichkeit zu haben, mir erklären zu können, was mich an meiner Lebensführung stört.

Auch können andere Menschen, wenn ich eine allgemein bekannte Sprache verwende, mit einbezogen werden. Selbstverständigung beinhaltet so auch die Möglichkeit und auch das Interesse an der Verständigung mit Anderen.

Demzufolge ist die Selbstverständigung eine soziale Selbstverständigung im Sinne eines gleichberechtigten Dialogs, der wesentlich für die Erkennung und Umgestaltung des Alltags sein kann, wenn nicht nur ein Einlassen auf die Handlungsebene erfolgt, sondern auch nach dem ´Warum`, nach den Handlungsgründen, gefragt wird.149

Somit bezieht dieser Prozess gemeinsame Handlungsorientierungen mit ein und ist darauf gerichtet, durch die Nutzung individueller Entwicklungsmöglichkeiten die jeweiligen Handlungsfähigkeiten zu erweitern. Er zielt demzufolge auf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ab, was zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen führen kann.150

Die soziale Selbstverständigung ist allerdings nicht planbar, sondern hängt im Wesentlichen von den Beiträgen der TeilnehmerInnen ab.

Zuallererst bedarf es einer gemeinsamen Problematik, einem Bedürfnis, welches zunächst unverbindlich aus dem Alltag herausgegriffen wird, aber jeden Menschen `reizt`. Es muss eine konkrete Szene an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit mit bestimmten Personen oder Sachen (z. B.: Spielplatz, Hauswand oder die eine Straße) sein. Dem folgt die Ursachenergründung und Planung möglicher weiterer Schritte zum Ziele der Verbesserung. Wichtig hierbei ist, dass Reden allein nicht ausreicht, sondern das gemeinsame Tun Allem folgen muss.151

In Bezug auf die Ursachenergründung ist noch hinzuzufügen, dass je stärker sich die TeilnehmerInnen mit einzelnen Szenen beschäftigen, sie umso besser in der Lage sind, den Bezug, so die wechselseitige Beeinflussung, zu anderen Menschen zu erkennen und somit gesamtheitliche Lebenszusammenhänge erfassen können.

Durch diese Möglichkeit können neue Handlungsräume erschlossen werden, die allerdings beinhalten müssen, dass diese in den individuellen Lebensführungen stabil und langfristig verankert werden können. Erst dann können Prozesse einer Verbesserung der Lebensqualität eintreten und somit auch der im engen Verhältnis dazu stehenden Prozesse einer Verbesserung und Erweiterung oder Stabilisierung sozialer Beziehungen dienlich sein.152

Das Gemeinwesen bildet den Rahmen, in dem die Herausbildung und aktive Gestaltung solcher Prozesse möglich ist, da es selbst den Grundsätzen der Subjektsicht, der Erweiterung der Handlungsfähigkeit und der gesellschaftlichen Vermitteltheit subjektiver Existenz zugrunde liegt.153 Außerdem wird es als soziales Gefüge verstanden, welches

von seinen Mitgliedern aktiv hergestellt, aufrechterhalten und verändert werden kann und den gemeinsamen Handlungsraum darstellt.154

Beendend sei nun nochmals erwähnt, dass das kurz erwähnte Konzept der Lebensweise, welches auf der Grundlage einer marxistisch orientierten Soziologie basiert, vor dem Subjekt stehen bleibt. Doch bedarf eine Orientierung am Gemeinwesen mehr als der Betrachtung des äußeren Bereichs.

Somit bietet das Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung`, basierend auf der marxistischen Position der Kritischen Psychologie als Subjektwissenschaft, die Möglichkeit, über die Erkenntnisgewinnung der Handlungsgründe hinaus den Menschen als aktives Subjekt, demnach als Gestalter seines eigenen Lebens zu erkennen.

„ Diese Haltung entspricht dem Anliegen gemeinwesenorientierter Arbeit: Gegenstand sind die Menschen im Gemeinwesen in der Gesamtheit ihrer Lebensverhältnisse. Ziel ist, mit ihnen einen Beitrag zur Erweiterung ihrer und der eigenen (der professionell Handelnden, E.L.) Handlungsfähigkeit durch selbstbestimmte Gestaltung der Lebensumstände und Lebensführung zu leisten. Die Teilhabe (Partizipation) dieser Menschen am Prozess der Lebensgestaltung ist unabdingbar. “ 155

Wenn dies nicht geschieht, kann auch nicht von einer uneingeschränkten Teilhabe für Alle gesprochen werden, geschweige denn von einem Gemeinwesen wie auch von einer gemeinwesenorientierten Arbeit.

3.5 Schwierigkeiten in der Umsetzung und Lösungsansätze

Die vorangestellte Betrachtung sollte verdeutlichen, wie gemeinwesenorientiertes Arbeiten eine Möglichkeit darstellen kann, das Ziel einer uneingeschränkten Teilhabe für Alle zu erreichen. Der Tatsache, dass hierbei die Herkunft des vielfältig definierten Gemeinwesenbegriffs und der Ursprung des Arbeitsprinzips der Gemeinwesenarbeit nicht unbeachtet bleiben dürfen, wurde Rechnung getragen. Nur wenn der historische Kontext mit einbezogen wird, ist eine Entwicklung in Hinblick auf das Ziel möglich. Alles andere wäre nur eine weitere undifferenzierte Definition der Begrifflichkeiten, die sowohl im theoretischen als auch im praktischen Bereich verwendet werden.

Nach dieser anfänglichen umfassenden Betrachtung erfolgte die Unterscheidung der Gemeinwesenarbeit vom gemeinwesenorientierten Arbeiten. Gemeinwesenorientiertes Arbeiten wurde als möglicherweise optimaler verwendbare Begrifflichkeit erkannt, da die darin implizite Orientierung am Gemeinwesen somit als ein allgemeiner Grundsatz verstanden werden kann, der das professionelle Handeln in unterschiedlichen Arbeitsfeldern leiten soll.

Da es sowohl die Lebenslage der einzelnen Menschen als auch die Rahmenbedingungen, die auf diese Menschen einwirken, in den Mittelpunkt stellt, kann das Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung` mit ebendiesen Ansätzen als wissenschaftstheoretische Basis verwendet werden. Gemeinwesenorientiertes Arbeiten muss daher zusätzlich zu den individuellen Hilfeleistungen aktiv auf die sich negativ auswirkenden strukturellen Schwierigkeiten des Gemeinwesens Einfluss nehmen, um tatsächliche Verbesserungen der individuellen Lebenslagen der Menschen zu erreichen.156

Dieses Ziel allerdings, so formulieren Marion Mohrlok, Michaela und Rainer Neubauer und Walter Schönfelder, erscheine fast utopisch. Es würde eine Überforderung der allein schon ohne den Anspruch auf Gemeinwesenorientierung arbeitenden Einrichtungen bedeuten, da sie ohnehin zeitlich überlastet seien und massive personelle Unterbesetzung haben.157

Demzufolge müsse eine völlige Umstrukturierung der sozialen Einrichtungen und Dienste erfolgen, um die Kapazitäten für die GWA freisetzen zu können. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass bisher noch keine eindeutige Feststellung gelang, mit welchen Techniken und Interventionsformen die gemeinwesenorientierte Arbeit in der Praxis umgesetzt werden könne.

Es müsse somit eine Entwicklung und Vermittlung fachlicher Inhalte stattfinden. Diese zweite Forderung ist besonders an die Ausbildungsstätten und an die Praxis selbst gerichtet.

Wenn daran nicht gearbeitet werde, liefe das so genannte gemeinwesenorientierte Arbeiten weiterhin nebenher, auch, weil die Tendenz zur Spezialisierung auf einzelne professionelle Arbeitstechniken fortbestehe und den gemeinwesenorientierten Blick stark einschränke.158

Auf die zweite Forderung nach der Entwicklung und Vermittlung fachlicher Inhalte gemeinwesenorientiertem Handeln wird im folgenden Kapitel eingegangen.

4 Das professionelle Handeln gemeinwesenorientierter Arbeit

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit erforderlichen Handlungsfähigkeiten des professionell Handelnden im gemeinwesenorientierten Arbeiten. Aufgrund der Komplexität der begrifflichen Betrachtungen von Professionalität und Handeln, werden diese nur einführend erläutert. Professionelles Handeln wird vor dem Hintergrund dieser Arbeit in einem theoretisch präzisen Sinn verwendet, der das Vorgehen einer hermeneutisch aufgeklärten Professionalität beschreibt. Demzufolge soll das Verständnis von Professionalisierung nicht als bloße Optimierung von Handlungsstrategien bzw. Arbeitsabläufen oder Organisationsstrukturen im Interesse einer rein technischen Effizienz aufgefasst werden.159

Differenziertere Darstellungen finden sich z. B. in der professionssoziologischen Forschung bzw. in pädagogischen Professionalisierungstheorien, die sich u. a. mit der Frage beschäftigen, was als Profession verstanden werden kann bzw. in welcher Art und Weise die Profession in der Sozialpädagogik Einzug hält.

Dieses Kapitel setzt sich im Wesentlichen mit Handlungskompetenzen des professionell Handelnden im Gemeinwesen auseinander.

Die Basis dafür bildet das von Doortje Kal in ihrer Dissertation ´Gastfreundschaft` (2006) beschriebene niederländische Konzept des ´Kwartiermaken`. Der bereits bekannte Ansatz der ´Alltäglichen Lebensführung` als Ausgangspunkt des Handelns und die sich damit verbindende Subjektwerdung, wie auch das Phänomen des Burnouts und die gesellschaftliche Verantwortung werden hierbei zum Gegenstand gemacht und verdeutlichen eine ´Anerkennung des Andersseins des Anderen` als grundlegendstes Moment.

Veranschaulicht wird dies an dem philosophischen Symbol der Umarmung, welches weiterführend dazu dienen wird, mögliche Kompetenzen der Studierenden des Studiengangs der Integrativen Heilpädagogik / Inclusive Education in Darmstadt in Bezug auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten zu erkennen.

4.1 Das Konzept Kwartiermaken

Dieses in den 90er Jahren in den Niederlanden entwickelte Konzept beinhaltet im Allgemeinen die Förderung eines gesellschaftlichen Klimas, in welchem Möglichkeiten für ´Psychiatrie erfahrene Menschen` und viele andere, die mit Mechanismen der Ausgrenzung zu kämpfen haben°, entstehen.

Kwartiermaken versteht Doortje Kal als das Arbeiten an Gastfreundschaft, welches wortwörtlich bedeutet, einen Aufenthaltsort für eine Gruppe Neuankömmlinge vorzubereiten.160 In ihrer Dissertation versucht Doortje Kal auf theoretischer wie auch praktischer Ebene eine Ethik zu entwickeln, die zu Respekt und bürgerschaftlichen wie auch professionellem Engagement für das Anderssein des Anderen anregen soll und demnach alle BürgerInnen der Gesellschaft, ebenso die Behörden, die Gemeinden, das entsprechende Land und den Staat berührt.

Es ergänzt somit die notwendige ´Wiederbelebung des Zusammenspiels`, will heißen die Kooperation zwischen der Familie, der Nachbarschaft, der Kommune und dem Staat, der Gesellschaft und der Wirtschaft.161

Der Kwartiermaker, ist im Sinne Kals ein Katalysator, ein Motivierender, ein Inspirierender, ein Vermittler und Makler bzw. ein Netzwerkentwickler, Kampagnenführer und Wegbereiter, der alles ankurbelt.162 Es sollen stimulierende Umgebungen entstehen, die Möglichkeiten bieten, von den BürgerInnen selbst beeinflusst zu werden. Diese sollen zu sozialen Kontakten, zu sozialer Hilfe und zum Gebrauch von eigenen Fähigkeiten einladen. Stimulierend sind solche Umgebungen, die außerdem übersichtlich sind und in denen sich die BürgerInnen physisch sicher und sozial anerkannt fühlen können.

Kwartiermaken soll zusammenfassend an einer unterstützenden Infrastruktur arbeiten, in der die soziale Teilhabe der BürgerInnen gefördert, Verbundenheit dazu vergrößert und Ausgrenzungsmechanismen kritisiert werden.

Verallgemeinernd formuliert soll somit Raum geschaffen werden, in dem das Anderssein anerkannt werden kann.163 Es soll ein Raum sein, in dem sich Möglichkeiten auftun, als BürgerIn zu existieren.

° Doortje Kal spricht von Psychiatrie-Erfahrenen und anderen und meint hiermit ältere oder gefangene Menschen, wie auch Menschen mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen, mit chronischen Krankheiten oder auch mit einem Migrationshintergrund: Vgl. Kal, D. (2006) S. 28.

Wie dies geschehen kann, wodurch demzufolge dieser Raum gekennzeichnet wird und wie der professionell Handelnde im Sinne einer gemeinwesenorientierten Arbeit darin präsent sein muss, wird im Folgenden zum Gegenstand gemacht.

4.2 Das ´Anderssein anders denken`

Der Ausgangspunkt für professionelles Handeln liege nach Doortje Kal in der alltäglichen Lebensführung. In diesem Konzept, welches bereits im Kapitel 3.4 (S. 60) zum Gegenstand gemacht wurde, geht es um eine konsequente Beschäftigung mit der konkreten Lebenssituation der BürgerInnen°.

Dies bedeute für den professionell Handelnden ein Abwenden von seiner so genannten Systemwelt, in der kategorisierend differenzierte Lösungen für bestimmte Schwierigkeiten fixiert sind.

Er müsse erkennen, dass jedes Problem, mit dem die BürgerInnen zu ihm kommen, wichtig für sie sind, auch wenn dies für den professionell Handelnden nicht sofort deutlich werde. Damit einhergehend solle das Handeln der BürgerInnen als kompetent geachtet werden, unabhängig davon, wie es sich im weiteren Verlauf äußert. Dabei sei es von Nöten ein großes Interesse für die Geschichten der BürgerInnen zu haben, denn nur dadurch werde ein Einblick in die alltägliche Lebensführung möglich. Allerdings gelte es hierbei die Innenperspektive, so die Handlungszusammenhänge der BürgerInnen zu verstehen und nicht sie zu übernehmen.

Der professionell Handelnde müsse der Wahrung der Würde in jedem Moment gerecht werden, da er ansonsten Gefahr laufen würde, selbst Mechanismen der Ausgrenzung und der Erniedrigung fortzuführen und damit die Probleme der BürgerInnen zu verstärken.164 Diesen ersten Überlegungen zu den Handlungskompetenzen des professionell Handelnden liegt eine hermeneutische Haltung zugrunde.

Diese betont den dynamischen Charakter menschlicher Begegnungen und eröffnet die Möglichkeit, den Blickwinkel des Anderen innerhalb dieser Begegnungen als eine Perspektive zu sehen, die nicht von vornherein falsch oder richtig ist, sondern erst einmal für sich steht.165

° Doortje Kal spricht in ihrem Buch fortwährend von Klient, da sie das Verhältnis von einem professionell Handelnden und einem Psychiatrie-Erfahrenen in den Vordergrund stellt, allerdings, wie bereits bemerkt, jeden Menschen damit meint, der sich Ausgrenzungsmechanismen gegenüberstehen sieht.

Dies bedeutet die eigene Subjektivität, die eigenen Erfahrungen mit ins Spiel zu bringen, um vor diesem reflexiven Hintergrund zu einer Objektivität gelangen zu können. Dadurch werden teilweise unbewusste Beeinflussungen der eigenen Perspektive erkannt, die eine Toleranz gegenüber dem anderen Menschen verhindern. Durch diese Selbstobjektivierung wird der zuhörende Mensch so verletzlich wie der erzählende. Diese Verletzlichkeit ermöglicht dem erzählenden Menschen, im Sinne gemeinwesenorientierter Arbeit als Ganzes gesehen zu werden und die Position eines Subjekts mit eigenen Zielen einzunehmen.166

Die Hermeneutik, als Instrumentarium verstanden, richtet ihr Interesse auf

„ den engen Zusammenhang zwischen dem Selbstbild des Profis und der Art und Weise, wie er den Anderen wahrnimmt, danach auf die Wirkung dieser Wahrnehmung und darauf, wie sich der Andere selbst wahrnimmt. “ 167

Dabei ist entscheidend, dass der professionell Handelnde bereits jemand ist, der sich selbst achtet. Wenn nicht, kann womöglich versucht werden, den anderen Menschen einem gleich zu machen. Die Aufgabe besteht aber darin, die Bedeutung des anderen Menschen zu erfahren, ohne dadurch das Anderssein des anderen zu verlieren. Dies würde nämlich eine Enteignung bedeuten und die Ausgrenzungsmechanismen verschlimmern.

Diese von Doortje Kal genannte ´Subjektwerdung`, die sowohl den professionell Handelnden wie auch sein Gegenüber betrifft, basiert auf der ´Anerkennung des Anderssein`. Indem jeder Kontakt der BürgerInnen zu professionell Handelnden durch die Stärkung ihrer Selbstwertgefühle gekennzeichnet ist, wächst das Selbstvertrauen, indem sie ihre eigenen Möglichkeiten im Sinne des Empowerments ° erfahren und sich als dazugehörig fühlen.168

Um dies im Sinne einer Handlungskompetenz zu erreichen, muss, wie bereits erwähnt, die ´Anerkennung des Andersseins` im Vordergrund stehen. Es soll nun versucht werden, mithilfe einer knappen Betrachtung des Begriffs der ´Gastfreundschaft`, dem Titel des Buchs von Doortje Kal, sich dieser ´Anerkennung des Andersseins` anders zu nähern. Es folgt ein konkretes Beispiel, wie dieses Bestehen des Andersseins durch das Konzept des ´Multilogs` ermöglicht werden kann.

4.3 Die Gastfreundschaft als Raum für das Anderssein

Das lateinische Wort hostis bedeutet sowohl Gast als auch Feind, sodass nach Kal, das Wort Fremder oder Fremdling gut dazwischen platziert werden könne. Ein fremder Mensch kann möglicherweise nicht die gleiche Sprache sprechen, beherrscht vielleicht andere Umgangsweisen, und so stellt sich die Frage, ob er sich dies aneignen müsse, bevor er willkommen geheißen werden könne.169 Und wenn ja, ist er dann noch ein Fremder? Ist es nicht auch gerecht, wenn er sich nicht ganz zu erkennen geben möchte?

Gastfreundschaft ist in Doortje Kals Sinne ein Willkommenheißen, welches keine Fragen stellt.

Wenn darin ein Raum für das Anderssein gesehen werden soll, so beinhaltet er auch Einschränkungen, denn unbestimmt bleibt, was die Gastfreundschaft einem selber geben kann. Auch kann sie ausarten, in dem sich der gastfreundliche Mensch nicht mehr wohl in seiner Rolle fühlt.

Es kann also ein Spannungsfeld entstehen, über das ein ständiger Austausch notwendig ist. Vor diesem Hintergrund können so genannte ´Multilog-Gespräche` organisiert werden. Der niederländische Psychologe Heinz Mölders entwickelte dieses Konzept des ´Multilogs`, in dem versucht wird auf

„ nicht-medikalisierende und nicht-psychologisierende Weiseüber psychiatrische Erfahrungen zu sprechen: mit verschiedenen Betroffenen wie Patienten, Angehörigen und Fremden, Profis und anderen, die in ihrer Arbeit, im Privatleben oder in ihrer Umgebung mit Menschen zu tun haben, die Psychiatrie- Erfahrungen haben. ° 170

Das leitende Prinzip ist ein gleichberechtigter Dialog, der das Fördern einer guten Verständigung auch über scheinbar unverständliche Themen zum Ziel hat. Durch das Erfahren anderer Perspektiven können mehr Klarheit und Toleranz gegenüber dem Anderssein des Anderen gewonnen werden.

Innerhalb des ´Multilogs` kommt dem Einfluss gesellschaftlicher Prozesse und der Umgebung auf das tägliche Leben großes Interesse zu.

Aus diesem Grund besteht das ´Multilog-Gespräch` auch aus verschiedenen Menschen, die dennoch alle erst einmal vorab irgendetwas Unbestimmtes miteinander zu tun haben. ´Multilog` scheint demnach ein geeignetes Mittel für die Praxis zu sein, da es real Existierendes in Bezug auf den Alltag zu reflektieren vermag.171 Denn durch den gleichberechtigten Dialog und Erfahrungsaustausch kommt man den eigenen Erfahrungen und den darauf aufbauenden Bedürfnissen näher und kann somit den Alltag im Folgenden zum Positiven hin verändern.

Diese Wiederherstellung der eigenen Identität ist gleichermaßen eine Wiederherstellung von Gegenseitigkeit.172 Nicht im negativen Sinne, sondern als Möglichkeit sich selbst und den Anderen als Anderen zu erkennen, gewinnt diese Wiederherstellung von Gegenseitigkeit einen großen Einfluss auf professionelles Handeln.

Ich als professionell Handelnder erkenne mein Gegenüber als Anderen an, den ich nicht mir gleichmachen möchte, sondern ihm und somit auch uns einen Raum gebe, den er nach seiner Art und Weise füllen kann und somit die Möglichkeit mit sich bringt, ein ´Wir` gemeinsam zu entwickeln.

Dieses ´Wir` entsteht freiwillig.

Anschaulich macht Doortje Kal dies in Anlehnung an die Versöhnungsethik des Theologen Miroslav Volf mit dem phänomenologischen Symbol der ´Umarmung`. Dabei zeigt er vier Elemente des Raums, des so genannten ´Dazwischens` auf.173 Das erste Element ist das Öffnen der Arme im Sinne einer Einladung, den anderen Menschen zuzulassen. Der professionell Handelnde gibt hierbei den Anstoß und wartet (2. Element) auf den anderen, um somit zu zeigen, dass die Umarmung bzw. im Sinne gemeinwesenorientierten Arbeitens eine Verbesserung bestimmter Lebenslagen, ohne eine Gegenseitigkeit nicht erreicht werden kann.

Das dritte Element stellt das Schließen der Arme dar. Zwei Paar Arme umschließen sich freiwillig und beschäftigen sich im selben Moment mit einer gleichen Tätigkeit. Am Ende (als viertes Element) wird der Andere wieder losgelassen.

Dieses vierte Element steht hier für die Anerkennung des Anderen und somit für eine Begegnung (Element der Umarmung) ohne dabei den Unterschied oder die Gegenseitigkeit aufzugeben. Durch diese Anerkennung, so Kal, werde einem differenzierten ´Wir` Platz gemacht und ein Zusammenleben bzw. Zusammenarbeiten ermöglicht.174

Die ´Anerkennung des Andersseins` durch eine hermeneutische Haltung und die Fähigkeit des professionell Handelnden den Raum der Gegenseitigkeit zuzulassen, ist für Doortje Kal wesentlich für eine Gastfreundschaft. Nur so kann ein gesellschaftliches Klima entstehen, in dem alle Menschen die Möglichkeit haben teilzuhaben. Des Weiteren werden wesentliche Handlungsfähigkeiten des professionell Handelnden im Gemeinwesen zum Gegenstand gemacht. Diese werden anschließend in Bezug auf die Ausbildungsinhalte des Studiengangs ´Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education` betrachtet. Dadurch soll eine Antwort auf die zweite Frage dieser Arbeit gefunden werden.

4.4 Professionelles Handeln

Fritz Karas und Wolfgang Hinte bezeichnen in ihrer katalytisch- aktivierenden Gemeinwesenarbeit, deren Inhalte gemeinwesenorientierter Arbeit nahe kommen, den so genannten Gemeinwesenarbeiter als Einflussführer°, der ein Katalysator und zugleich Beobachter, Trainer, Informator, Kritiker, Provokateur und Vermittler ist. Auch kann er in einzelnen Fällen als Sündenbock dastehen.175

Je nach Zeitpunkt und der vorzufindenden Situation stellt er u. a. Verbindungen zwischen verschiedenen BürgerInnen oder gesellschaftlichen Instanzen her, ermöglicht deren Kommunikation, fördert das Erkennen von Schwierigkeiten innerhalb des Gemeinwesens und motiviert die BürgerInnen zum Handeln.176

Wesentlich bei allen Funktionen ist, so Karas und Hinte, seine Positionierung auf der Seite der BürgerInnen.

Auch Kal mit dem Konzept Kwartiermaken und Alinsky mit seinen Gemeinwesenarbeitsstrategien gehen von dieser Positionierung der professionell

Handelnden aus. Ebenso erkennen sie die Unmöglichkeit an, dass der professionell Handelnde kein Gleicher für die BürgerInnen sein kann, da sein Hintergrund, vor dem er handelt nicht dem der BürgerInnen gleicht. Kal geht hierbei von der ´Anerkennung des Andersseins` und des damit möglichen Bestehens einer Gegenseitigkeit aus.177

Alinsky geht einen Schritt weiter und behauptet, dass letztendlich nur Menschen aus der Bevölkerung eigenständig eine Verbesserung ihrer eigenen Lebenslagen veranlassen können. Der Praxisberater könne, laut Alinsky, als Katalysator fungieren und wichtig in den Anfangsstadien der Organisation sein, doch müsse er Stärke haben, den betroffenen Menschen die Möglichkeit zu geben, selbst Erfolg zu haben.178

Es gilt die Schwierigkeiten, die von den BürgerInnen artikuliert werden, ernst zu nehmen. Hinte und Karas erachten es als notwendig, über diese Artikulation der Schwierigkeiten hinweg die Teilhabe der BürgerInnen über Schritte im kleinen Bereich zu beginnen.

„ Die positive Lernerfahrung mit selbstbestimmtem Handeln im unmittelbaren Alltagsbereich ist die Vorraussetzung für die Bereitschaft zu weitergehendem Engagement auch in gr öß eren Bereichen. “ 179

Alinsky spricht hierbei vom Konkreten, von der Greifbarkeit mit den ´Händen der Erfahrung`° und von einer ´persönlichen Identifikation`°. Es nütze nichts von moralischen Grundsätzen und vom guten Leben zu reden, wenn es nicht konkret z. B.: um den einen Müllplatz um die Ecke geht.180

Innerhalb dieser konkreten Situationen, mit denen sich die einzelnen BürgerInnen identifizieren können, lernen sie sich, so Alinsky, als menschliche Wesen kennen und nicht mehr als unüberschaubare oder nur statistische Größe.

Zentrales Anliegen des professionell Handelnden sollte somit die Förderung von persönlichen Beziehungen und die Schaffung der dafür notwendigen Bedingungen sein. Diesem Anliegen liegt die Anerkennung des komplexen Zusammenhangs, in dem die BürgerInnen leben, zugrunde, die von Alinsky, wie auch Hinte und Karas und Kal gefordert wird. Hinte und Karas kritisieren hierbei die Spezialisierung der Tätigkeiten im sozialen Bereich, wodurch soziale Zusammenhänge missachtet werden, in denen Individuen und Gruppen stehen.181

Alinsky fordert die Anerkennung der Komplexität, damit der Praxisberater

„ nie einzelne nur als einzelne oder Gruppen nur als Gruppen sieht, sondern als Bestandteile einer gesamten sozialen Situation. Er weiß, dass sich einzelne und Gruppen ihrer sozialen Situation anpassen müssen, weil sie mit ihr zu leben haben. Er weiß, dass Meinungen, Reaktionen und Verhalten von Personen und Gruppen zu einem großen Teil dadurch bestimmt werden, was ihre unmittelbare Umgebung denkt. Jene Organisatoren, die dieses Verhältnis zwischen einzelnen Gruppen und ihrer Umgebung nicht durch und durch verstehen, werden nie den ersten Tag einer Organisationskampagneüberleben. Was sie tun werden und was sie getan haben, ist ihre eigene kleine soziale Situation zu schaffen, an die sie sich anpassen können - aber nicht die Bevölkerung. “ 182

Alinsky spricht hierbei eine weitere entscheidende Fähigkeit des professionell Handelnden an. Um das Schaffen dieser eigenen kleinen sozialen Situation zu entgehen, muss er einen echten Respekt vor der Würde des Menschen haben und sich nicht überlegen fühlen. Denn so würde er die Ausgrenzungsmechanismen, wie auch Kal dies vertritt, unter denen die BürgerInnen leiden, weiterführen bzw. verstärken.183 Vor diesem Hintergrund muss der professionell Handelnde bereits ´jemand sein`, der sich selbst und seine eigenen Erwartungen gut genug reflektieren kann, um nicht sich selbst und seinen Erfolg als Ziel anzustreben. Hierzu formuliert die Calouste Gulbenkian Foundation, dass der professionell Handelnde

„ seine eigenen schichtgebundenden Wertvorstellungen in den Bereichen der Erziehung, familiären Beziehungen und der Interaktionen im Gemeinwesen klar erkennen (muss, E.L.) , um nicht der Gefahr zu erliegen, sie für richtiger und natürlicher zu halten als die anderer Menschen. “ 184

Er trage die Verantwortung für die BürgerInnen und müsse herbeigeführte Veränderungen immer im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen beachten. Somit trägt der professionell Handelnde eine gesellschaftliche und demzufolge politische Verantwortung, da individuelle Lebenslagen mit gesellschaftlich geprägten Elementen (z. B. Einrichtungen, in denen die BürgerInnen arbeiten oder lernen) verknüpft sind. Mögliche Schwierigkeiten auf der individuellen Ebene werden zu öffentlichen, zu sozialen und somit zu Politik, die politisches Handeln erforderlich macht, sodass die Lebenslagen in einem sozialen Raum, in einem Gemeinwesen verändert und gestaltet werden.185

Kal spricht dabei die daraus folgende Möglichkeit an, dass zum Beispiel PolitikerInnen und Führungskräfte die Lebenswelt der BürgerInnen kennen lernen und ihr Handeln daran orientieren können. Hierbei spiele der professionell Handelnde eine Vermittlungsrolle, da er neben den BürgerInnen, über ihre Lebenswelten im Gemeinwesen bescheid wisse.186

Er muss sich darüber bewusst werden Widersprüchen ausgesetzt zu sein. Zum einen ist er aktiv tätig, um die BürgerInnen darin zu unterstützen ihre Bedürfnisse eigenständig zu artikulieren und zum anderen wartet er darauf.

Auf der einen Seite besitzt er fachlich fundiertes Wissen, welches er auf der anderen Seite aber nicht im Sinne eines ´Besserwissers` anwendet.

Er handelt konkret und vergisst gleichzeitig nicht den komplexen Zusammenhang und die Einordnung der individuellen das Gemeinwesen betreffenden Bedürfnisse in den gesellschaftlichen Kontext. Diese Spannungen können den professionell Handelnden scheitern lassen.

Kal nimmt sich dieser Problematik in ihrem Buch an und umschreibt es als Burnout, als ´Ausgebranntsein` oder ´Ausgelaugtsein`.

Sie fragt, was den professionell Handelnden so empfindlich mache und warum das Arbeiten mit Menschen so schwierig sei. Über die Betrachtung verschiedener Erklärungsweisen gelangt sie zu einem Lösungsversuch, in dem nicht die der Arbeit innewohnenden Aspekte oder der Umgang mit manchmal schwierigen Menschen, sondern eher die Arbeitsbelastung an sich und eine fehlende soziale Unterstützung die Quellen des Burnouts darstellen.187

Kal beschäftigt sich hierbei u. a. mit den Faktoren der Organisation°, bzw. mit der organisatorischen Einbindung des professionell Handelnden.

Eine fehlende Anleitung, ein hoher Arbeitsdruck oder Zeitmangel, der den Arbeitsprozess begleitende reflektierende Gespräche unmöglich macht, sind darunter zu zählen. Es müsse daher in einem ersten Schritt zur Annerkennung der Subjektivität des professionell Handelnden seitens der Organisation kommen.

Dem folge eine zwar fachlich fundierte aber gleichfalls auch dialogische Begleitung hermeneutischer Qualität.188

Hilfreich für das Aushalten der Spannungen ist für Alinsky die Existenz von einer Gruppe von Freunden des professionell Handelnden. Er habe somit ein persönliches soziales Umfeld, welches ihn emotional tragen könne.189

Zusammenfassend können wesentliche Aspekte genannt werden, die die Handlungsfähigkeiten des professionell Handelnden ausmachen.

Er muss sich seiner selbst und seiner eigenen Wertvorstellungen bewusst sein und akzeptieren, dass die ´Anerkennung des Andersseins` immer mit Widersprüchen zusammenhängen wird. Ausgehend von der ´Alltäglichen Lebensführung` der BürgerInnen nimmt er verschiedene Funktionen ein, die sich teilweise auf einzelne BürgerInnen oder Gruppen konzentrieren und sich bis hin zu einem Wirken in den größeren Bereichen des Gesellschaftlichen und somit auch Politischen ausbreiten.

4.5 Der Studiengang ´Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education` und seine Handlungsfähigkeiten in Bezug auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten

Nach einer kurzen Einführung in die Inhalte und das Ziel des Studiengangs werden wesentliche Kompetenzen angeführt, die für eine Umsetzung einer uneingeschränkten Teilhabe für Alle und mithilfe von gemeinwesenorientierten Arbeiten notwendig sind. Vor dem Hintergrund einer Kompetenzsammlung, die im 9. und 10. Semester von Frau Prof. Anne- Dore Stein und einer Gruppe Studierender erarbeitet wurde, werden diese unterstrichen sichtbar gemacht. Das Ziel dieser Herangehensweise ist, die Beantwortung der Frage, ob und inwieweit der Absolvent des Studiengangs Integrative Heilpädagogik/Inclusive Education die notwendigen Handlungsfähigkeiten für eine am Gemeinwesen orientierte Arbeit besitzt.

4.5.1 Der Studiengang ´Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education`

Der internationale Studiengang, den es seit 2002/03 an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt gibt, wurde gemeinsam mit der ungarischen Bárczi Gusztáv Hochschule, der Eötvös-Loránd-Universität Budapest, der Diakonie-Fachhochschule Finnland und der Universität Kuopio entwickelt.

Der Anspruch des Studiengang ist, dass

„ vor dem Hintergrund eines ganzheitlichen Menschenbildes bei Studierenden ein ethisches Grundverständnis zu entwickeln und entstehen lassen zu können, nach dem kein Mensch aufgrund irgendwelcher Eigenschaften, die den gesellschaftlichen Leistungs- und Normvorstellungen nicht entsprechen aus der sozialen Gemeinschaft ausgeschlossen wird. “ 190

Das Recht auf Teilhabe gilt für alle Menschen. Festzustellen ist dennoch, dass Menschen mit Beeinträchtigungen häufiger auf eine Unterstützung angewiesen sind, um dieses Recht zu erhalten. Sie werden an einer Teilhabe am gesellschaftlichen bzw. gemeinschaftlichen Leben gehindert. Vor diesem Hintergrund geht es zwar im Besonderen um Menschen, die als behindert bezeichnet werden, aber letztendlich um jeden Menschen, der durch soziale und gesellschaftliche Ausgrenzungsmechanismen in seiner individuellen Lebensführung gehindert wird.

Zur Verwirklichung dieses Anspruches eines (heil-) pädagogischen Paradigmenwechsels geht es hierbei auch um ein sozialpolitisches Einmischen. Es soll ein Instrumentarium entwickelt werden, mit dem die Studierenden das Entstehen von Aussonderungsstrukturen erkennen und ihnen entgegenwirken können bzw. an einer Inklusion als (Wieder-)Herstellung von nichtaussondernden Lern- und Lebensbedingungen im Sinne der Sicherstellung von Menschenrechten mitwirken.191

4.5.2 Handlungsfähigkeiten des Absolventen des Studiengangs ´Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education` in Bezug auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten

Die Ausbildung besteht aus fachlichen Inhalten (heil- /behinderten)-pädagogischer Tätigkeiten, die allerdings vom Standpunkt der Inklusion° ausgehen. Hierbei ist der Studierende in der Lage einen individuellen Unterstützungsbedarf mithilfe einer verstehenden Diagnostik zu erheben und pädagogisch-didaktische Strukturierungen von Erziehungs- und Bildungsprozessen vornehmen zu können. Diese fachliche Qualifizierung wird subjektorientiert entwickelt, aber bezieht vollständig alle Individuen in ihre jeweiligen Gruppen mit ein. Dadurch kann sich ihre Individualität, ihre Identität und Annerkennung in der sie umgebenden Gemeinschaft entwickeln: Einblicke in Entwicklungs- und Sozialpsychologie sowie Psychopathologie

Planung und Durchführung von Erziehungs- und Bildungsprozessen in Hinblick auf die Teilhabe Aller

Kenntnis und Bewertung grundlegender Strukturen und Prinzipien der Sozialpolitik und der Behindertenpolitik

Orientierung über rechtsförmige Verfahren zur Überprüfung und Bewilligung von Leistungen

Entwicklung, Durchführung und Auswertung pädagogisch-didaktischer Projekte

Es erfolgt somit eine Orientierung an der Schaffung von Gemeinwesenstrukturen, die eine uneingeschränkte Einbeziehung aller Mitglieder eines Gemeinwesens ermöglichen. Das Ziel ist demzufolge die Entwicklung von Handlungsfähigkeiten zur (Wieder-) Herstellung eines Gemeinwesens, in dem die Verantwortung wieder in den Händen der Mitglieder bzw. BürgerInnen liegt.193

- Erarbeitung eines Verständnisses von Selbstbestimmung
- Analyse der Lebens- und Arbeitsbedingungen im Hinblick auf Selbstbestimmung und Anbindung ins Gemeinwesen
- Initiieren und Strukturieren kooperativer Beziehungen aller beteiligten Akteure
- Aktivierung von vorhandenen Ressourcen im Feld (personell, institutionell, finanziell)
- Konzeptionsentwicklung zur Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen am Leben in der Gemeinschaft und der Anwendung dieser im öffentlichen Raum

Der Absolvent ist in der Lage, entsprechende Sozialplanungskonzepte mithilfe einer Ermittlung bestehender Freizeit-, Beratungs- und Serviceangebote im Stadtteil zu erarbeiten.

Hierbei sind folgende Kompetenzen notwendig:

Die Fähigkeit der ganzheitlichen Betrachtung und des Denkens in komplexen Zusammenhängen ermöglicht durch eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Perspektiven von kultureller Identität, Differenzen und Benachteiligung, eine Sensibilisierung für kulturelle Verschiedenheit und deren Wertschätzung. Dienlich hierfür ist das Erlernen von Techniken der Selbst- und Fremdevaluation

Darüber hinaus müssen Kenntnisse von regionaler, nationaler und internationaler Sozialpolitik, auch des EU-Rechts vorhanden sein, um mögliche finanzielle und auch materielle Ressourcen einfordern zu können.

Dies beinhaltet einen Transfer komplexer gesellschaftspolitischer Themen in integrative Konzepte, wie Community Care °, Community Living,°°Gemeinwesenarbeit sowie deren kritische Reflexion.

Der Absolvent ist in der Lage in interdisziplinären Teams arbeiten zu können, um dadurch alle vorhandenen Ressourcen (soziale, institutionelle, finanzielle) zu nutzen. Darauf folgt eine gemeinsame Erschließung und Anwendung der wissenschaftlichen Methoden, sowie deren gemeinsame Umsetzung im Gemeinwesen.

Hierbei muss er in der Lage sein Strategien der Öffentlichkeitsarbeit zu analysieren und zu entwickeln.

Ebenso ist die Fähigkeit einer Umwandlung und Präsentation von komplexen Inhalten in leichter Sprache notwendig, damit alle Beteiligten diesen Inhalt im Sinne einer Teilhabe Aller nachvollziehen können.

Er kann in regionalen Beratungsbüros (Kenntnisse über verschiedene Formen der Beratung) tätig sein und darüber hinaus Anstöße von Projekten im Gemeinwesen geben, die eine Einbeziehung von Menschen mit Beeinträchtigungen ermöglichen.

° Community Care ist als ein fürsorgendes Gemeinwesen oder als Fürsorge in dem Gemeinwesen zu verstehen und wurde im Zusammenhang mit den Auflösungsprozessen von Großeinrichtungen entwickelt. Dieser Handlungsansatz unterstellt, dass Menschen mit Behinderungen Kontrolle über ihr eigenes Leben ausüben und die für ihre Unterstützung notwendigen Dienste bezüglich deren Qualität und Flexibilität beeinflussen können. Vgl. http://www.rauheshaus.de/fach-forum/veroeffentlichungen/behindertenhilfe/community- care/, (06.07.2007).

°° Community Living kann als eine nicht primär theoriegeleitete Bewegung gesehen werden, wenn auch der Integrationsgedanke, eine Erwachsenenorientierung und das Normalisierungsprinzip hinzugezählt werden können. Es wird eine hauptsächliche Orientierung auf die Einbindung von Menschen mit Beeinträchtigungen in das Gemeinwesen gefordert. Weiterführende Literatur: Knust-Potter, E. (1998), sowie Stein, A. (2006).

Das Studium zielt darauf ab, ein verändertes Verständnis von Ausbildung und Studium anzunehmen, welches vielmehr als eine Vorbereitung auf die zu erwartenden allgemeinen Widersprüchen zwischen der Forderung nach Integration° und Inklusion und den Strukturen einer aussondernden Gesellschaft verstanden wird.

Dies bedeutet, dass innerhalb des Studiums mehrdimensionale theoretische Analysemöglichkeiten und -fähigkeiten erlernt werden, um so mit den besonderen Widersprüchen zwischen entwickelten Konzepten, eigenen Handlungsmöglichkeiten und dem Alltag der Menschen umzugehen und handlungsfähig zu bleiben.194

- Fähigkeit zur kritischen und fachlichen Auseinandersetzung von Menschenbildern in der Gesellschaft
- Fähigkeit zur Reflexion von Spannungsverhältnissen zwischen eigener Orientierung, professionellen Konzepten und Ansprüchen der Adressaten professionellen Handelns
- Fähigkeit, das eigene professionelle Handeln im institutionellen Kontext zu reflektieren und in Hinblick auf Interdisziplinarität zu analysieren

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Absolvent, sofern er sich für eine am Gemeinwesen orientierte Arbeit interessiert, sich selbst als Wegbereiter, Brückenbauer ins Gemeinwesen, als Mediator oder Moderator mit der Funktion eines Katalysators im Sinne der katalytisch- aktivierenden Gemeinwesenarbeit versteht.195 Neben fachlichen Qualifikationen, die gleichzeitig auf das einzelne Subjekt gerichtet sind, orientiert er sich außerdem an gesellschaftlichen Zusammenhängen und Bedingungen. Somit setzt er sich bewusst und reflektierend mit verschiedenen wiederkehrenden Spannungsverhältnissen auseinander und sieht in diesen, wie auch in seiner Verantwortungsfähigkeit angesichts noch unbestimmter Aufgaben, ein Potential zur Verbesserung der Teilhabemöglichkeiten aller am Gemeinwesen beteiligten Menschen.

Anhand dieser Beschäftigung mit den Handlungsfähigkeiten der Absolventen des Studiengangs Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education und vor dem Hintergrund der bereits angeführten Kompetenzen professionellen Handelns in Bezug auf

° °°°Integration ist hierbei als Methode, Weg und Ziel zu verstehen, um die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an allen naturgegebenen und von Menschen geschaffenen Gütern und Institutionen zu garantieren. (Vgl. Manifest, siehe Anhang)

gemeinwesenorientiertes Arbeitens kann ebendieses Arbeitsfeld ein mögliches für Absolventen darstellen. Sie selbst sind in der Lage, den komplexen Zusammenhang in dem sich ein Gemeinwesen befindet, zu reflektieren, um entsprechende Handlungsschritte immer vom einzelnen Individuum ausgehend in Bezug zum Gemeinwesen durchzuführen

5 Zusammenfassung

Vor dem Hintergrund der zu Anfang gestellten Frage, ob gemeinwesenorientiertes Arbeiten eine Möglichkeit für eine uneingeschränkte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen bzw. gemeinschaftlichen Leben darstellt und der Frage, welche Kompetenzen der professionell Handelnde besitzen müsse, um an einem Gemeinwesen orientiert arbeiten zu können, bzw. ob der Absolvent des Studiengangs ´Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education` ebendiese Kompetenzen aufweist, versuchte die Arbeit einen umfangreichen Einblick in diese komplexe Thematik zu geben.

Zu Anfang wurden der Gemeinsinn- und Gemeinwohlbegriff erläutert, um davon ausgehend erklären zu können, warum deren vielfältige Bedeutungen nicht erst ein Phänomen der modernen Gesellschaft ist. Letztendlich lässt sich feststellen, dass der Gemeinsinn bzw. der Gerechtigkeitssinn im Sinne Rawls, eine Verbundenheit von Menschen untereinander ausdrückt, die eine notwendige Voraussetzung für ein Interesse am Gemeinwohl darstellt.

Dieses Gemeinwohl kann zum gemeinsamen Handeln führen. In der modernen Gesellschaft werden die zwei Begriffe auch in einem politischen Kontext verwendet, wobei bemerkt werden muss, dass das Interesse eines Bürgers am Gemeinwohl nur vorhanden sein kann, wenn er dem politischen System vertraut.

Hierfür sind eine Ethik des Verstehens (Kant) und eine Politik der Anerkennung notwendige Vorraussetzungen.

Wenn dies angestrebt wird, ist eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle in einer demokratischen Gesellschaft und im engeren Sinne in einer Gemeinschaft möglich. Eine uneingeschränkte Teilhabe beinhaltet somit die Verbindung des einzelnen Menschen zum Staat, in dem er lebt und weist auf das Ziel einer gleichberechtigten Verteilung materieller, finanzieller und sozialer Güter hin.

Mit ´Alle` sind in dem Rahmen dieser Arbeit alle Menschen gemeint, die in Deutschland leben. Um dies für jeden Menschen sichern zu können, hat die sozialstaatliche Politik Deutschlands diese Teilhabechancen ausgehend von der Anerkennung der Menschenwürde und der ´Internationalen Menschenrechtscharta` in zwölf Sozialgesetzbüchern verankert. Insbesondere das Sozialgesetzbuch IX (SGB IX) beschäftigt sich mit den Teilhabechancen für Menschen mit Behinderungen im gemeinschaftlichen Leben.

Der Gemeinschaftsbegriff ist dem Gesellschaftsbegriff unterzuordnen, da er eine Gruppe von Menschen charakterisiert, die durch ein Zusammengehörigkeitsgefühl emotionaler

Herkunft ein gemeinsames Interesse haben. Die Gesellschaft hingegen kann als eine Mischung der drei Teile Gemeinschaft, Kultur und Staat angesehen werden.

Da der Mensch soziale Interessen und Bedürfnisse besitzt, befindet er sich in unterschiedlichen Gruppen bzw. Gemeinschaften wie Familie, Nachbarschaft und Vereinen. Durch diese Zugehörigkeit erhält der einzelne Mensch Sicherheit, die er verwenden kann, um wiederum aktiv an der Gemeinschaft teilhaben zu können. Der Gemeinsinn stellt in diesem Zusammenhang eine Vorraussetzung für eine Teilhabe dar. Somit entsteht eine Wechselwirkung zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft, deren Inhalte sich letztendlich auf die Gesellschaft auswirken werden. Darum sei zu bemerken, dass je mehr Mitglieder einer Gesellschaft untereinander tiefergehende Beziehungen eingehen, sie umso ´gesünder` sein wird.

Eine am Gemeinwesen orientierte Arbeit hat dies zum Ziel, da sie ausgehend vom einzelnen Menschen ihn in seinem sozialen Umfeld sieht und sich mit ebendiesen Wechselwirkungen beschäftigt. Vor dem historischen Hintergrund der Industrialisierung und dem Zerfall der alten Gemeinschaftsstrukturen sowie der damit einhergehenden Ballung von arbeitenden Menschen nahe des Produktionsortes, entstanden immer mehr Stadtteile, die einzig der Unterbringung der ArbeiterInnen dienten.

Missachtet wurde, dass die Erfüllung sozialer Bedürfnisse mit der Qualität der Leistungserbringung einhergeht. Die damit angesprochene Armutsdynamik umfasst also nicht nur die materiellen Dimensionen, sondern auch die immateriellen, wie Gesundheit, Ernährung, Umwelt, Erholung, den Lebensort sowie eine soziale, kulturelle und politische Partizipation. Ende des 19. Jahrhunderts führte Fürst Otto von Bismarck in Deutschland die Sozialversicherung ein, um dem immer größer werdenden sozialen Konfliktpotential entgegenzuwirken. Gegenwärtig ist Deutschland sozialstaatlich ausgerichtet und versteht sich als aktivierender Wohlfahrtsstaat, dessen Ziel die Eigenverantwortung und aktive Teilhabe der BürgerInnen am Leben in der Gesellschaft ist.

Da im Zuge der Industrialisierung und Technisierung die menschliche Arbeitskraft eines Einzelnen nicht mehr eine so große Bedeutung bekommt, wird ein aktiver Wandel gefordert. Dieser sieht durch eine verstärkte Beschäftigung mit der Zivilgesellschaft die Möglichkeit darin, die vom Staat und Markt nicht mehr erfüllbaren sozialen, ökonomischen und politischen Aufgaben zu lösen.

Eine mögliche Lösung wurde in dem aus der ´Sozialen Arbeit` stammenden Arbeitsprinzip ´Gemeinwesenarbeit` gesehen. Sein Ursprung ist in den amerikanischen Siedlungen des 19. Jahrhunderts in Nordamerika zu finden. Unterschiedliche Konzepte der Gemeinwesenarbeit wurden in Deutschland entwickelt, die teilweise keine wirkliche aktive Teilhabe der BürgerInnen anstrebten (wohlfahrtsstaatliche GWA), teilweise aber auch genau davon ausgingen (katalytisch- aktivierende GWA). Diese Vielfalt bewirkte ein unsicheres Fundament und einen undifferenzierten Gebrauch der Begrifflichkeiten. Einzelne Merkmale zumindest können die Gemeinwesenarbeit kennzeichnen. Hervorzuheben sei hierbei die Orientierung an der Lebenswelt und der alltäglichen Lebensführung der BürgerInnen. Das Konzept der ´Alltäglichen Lebensführung` von Klaus Holzkamp (1995) kann als theoretische Basis verwendet werden.

Es stellt den Menschen in den Mittelpunkt, um mit ihm gemeinsam seine Bedürfnisse zu formulieren und darauf aufbauend seine Handlungsfähigkeit zu erweitern. Deutlich wurde, dass die Begrifflichkeit ´gemeinwesenorientiertes Arbeiten` zweckmäßiger als die der ´Gemeinwesenarbeit` ist, da sie auf die Ganzheitlichkeit der Lebensverhältnisse von Menschen eingeht und ihre alltäglichen Lebensführungen in den Mittelpunkt stellt. Die Gemeinwesenorientierung als allgemeiner Grundsatz verstanden, ermöglicht ein professionelles Handeln in unterschiedlichen Arbeitsfeldern mit der Besonderheit der Interdisziplinarität.

Somit entzieht sich die Orientierung am Gemeinwesen aus der alleinigen Verankerung in der ´Sozialen Arbeit`, da alle Professionen, die im Gemeinwesen (u. a. in Stadtteilen und Gemeinden) tätig sind, ihren Blick weiten.

In Bezug auf die gegenwärtig vorzufindende professionelle Beschäftigung mit dem Gemeinwesen muss eine grundlegende Umstrukturierung der sozialen Einrichtungen erfolgen. Gemeinwesenorientierung darf nicht mehr aufgrund von zeitlicher Überlastung oder massiver personeller Unterbesetzung ´nebenher` stattfinden.

Ebenso muss eine Entwicklung und Vermittlung fachlicher am Gemeinwesen orientierter Inhalte stattfinden.

Dies hat eine Veränderung der professionellen Handlungsfähigkeiten zur Folge. Doortje Kal geht in ihrer Dissertation ´Gastfreundschaft` auf das niederländische Konzept ´Kwartiermaken` ein und versucht eine Ethik theoretischer wie auch praktischer Relevanz zu entwickeln, in der die ´Anerkennung des Andersseins` die Basis für das professionelle Handeln darstellt. Ausgangspunkt spielt hierbei im Besonderen die ´Alltägliche Lebensführung` der BürgerInnen.

Der professionell Handelnde muss daher immer gleichberechtigte Dialoge mit den beteiligten Menschen anstreben. Dies gelingt nur, wenn er sich seiner Selbst bewusst ist und sich mit seinen Ansprüchen, Vorurteilen und seinem Handeln fortwährend reflektierend auseinandersetzt.

Diese Subjektwerdung des professionell Handelnden wie auch der BürgerInnen durch die grundlegende Annerkennung ihrer alltäglichen Lebensführung kann durch so genannte ´Multilog-Gespräche` erfolgen. Sie verhelfen zu einer Erweiterung des eigenen Erfahrungsbereiches, da sie Einblick in andere Lebenslagen und Sichtweisen geben. Außerdem kann dadurch die Wiederherstellung von Gegenseitigkeit mit dem Ziel der ´Anerkennung des Andersseins` gelingen und daraus resultierend die Möglichkeit einer ´Wir-` Definition entstehen.

In dem von Doortje Kal verwendeten Symbol der ´Umarmung` werden treffend die vier wesentlichen Elemente professionellen Handelns sichtbar. Einer Einladung des Anderen durch das Öffnen der Arme und das Warten auf ihn folgt die Umarmung. Sie kann so nur gleichberechtigt sein. Ein ´Wir` entsteht, und gemeinsames Handeln ist möglich. Durch das Loslassen wird die Gegenseitigkeit der beteiligten Menschen nicht aufgegeben, sondern ermöglicht vielmehr ein Zusammenleben bzw. Zusammenarbeiten. Der professionell Handelnde nimmt je nach Zeitpunkt und vorgefundener Situation verschiedene Funktionen ein. Er kann also Beobachter, Trainer, Kritiker, Provokateur, Vermittler, Sündenbock oder, nach Alinsky, Katalysator sein. Die Teilhabe der BürgerInnen muss von kleinen, überschaubaren und greifbaren Aktionen ausgehen, die eine Förderung von persönlichen Beziehungen und die Schaffung der dafür notwendigen Bedingungen anstrebt.

Somit trägt der professionell Handelnde die Verantwortung für die BürgerInnen und versteht die herbeigeführten Veränderungen immer im Kontext der gesellschaftlichen Veränderungen, die wiederum nicht losgelöst von einer politischen Beschäftigung sind. Zwei wesentliche Handlungsfähigkeiten des professionell Handelnden stellen das Bewusstwerden von und ein kompetenter Umgang mit Widersprüchen dar. Zum einen ist er aktiv tätig, und zum anderen wartet er auf eine Bedürfnisäußerung der BürgerInnen. Er besitzt ein fachlich fundiertes Wissen, ist aber kein ´Besserwisser`.

Er handelt konkret, vergisst aber nicht den komplexen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Diese u. a. genannten Widersprüche können ihn scheitern lassen. Ein, so Doortje Kal, Burnout (Ausgebranntsein) kann sich einstellen, dessen Quellen vornehmlich die Arbeitsbelastung sowie eine fehlende soziale Unterstützung sind. Daher muss die Subjektivität des professionell Handelnden seitens der Arbeitgeber anerkannt werden und eine fachlich fundierte wie auch dialogische Begleitung hermeneutischer Qualität vorhanden sein.

Der Studiengang ´Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education` an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt geht von einem Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Leben für Alle aus. Insbesondere Menschen mit Beeinträchtigungen sind auf eine Unterstützung angewiesen, dieses Recht zu erhalten.

Aus diesem Grund soll innerhalb des Studiums ein Instrumentarium entwickelt werden mit dem die Studierenden das Entstehen von Aussonderungsstrukturen erfassen und ihnen entgegenwirken bzw. an einer Herstellung von nichtaussondernden Lern- und Lebensbedingungen im Sinne der Sicherung von Menschenrechten mitwirken können. Neben fachlichen, subjektorientierten Qualifikationen richtet der Studierende seinen Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge und Bedingungen zum Ziele einer Entwicklung von Handlungsfähigkeiten, die eine (Wieder-) Herstellung eines Gemeinwesens anstrebt. Die Verantwortung läge dann wieder bei den BürgerInnen. Im Studium geht es um eine Vorbereitung auf die zu erwartbaren Widersprüche zwischen der Forderung nach Integration und Inklusion und den strukturellen Gegebenheiten einer aussondernden Gesellschaft. Mithilfe mehrdimensionaler theoretischer Analysemöglichkeiten und -fähigkeiten setzt der Studierende sich mit diesen Widersprüchen auseinander und sieht in ihnen, wie auch in der notwendigen Verantwortungsfähigkeit angesichts noch unbestimmter Aufgaben, ein Potential zur Verbesserung der Teilhabemöglichkeiten aller am Gemeinwesen beteiligten Menschen. Mit diesen Handlungsfähigkeiten ist der Absolvent des Studiengangs in der Lage eine am Gemeinwesen orientierte Arbeit zu leisten.

6 Ausblick

Wenn von einer Zeit großer Veränderungen in Bezug auf Globalisierung, Individualisierung, Modernisierung und Technisierung gesprochen wird, so wird diese zumeist als unabänderliche Entwicklung und auch als Ende des Sozialstaats empfunden. Oft wird allerdings vergessen, dass es sich auch um bewusste politische Entscheidungen handelt, und somit diese auch als sozial bezeichneten Phänomene, anders als natürliche veränderbar sind.

Ein kultureller Wandel hin zu mehr Solidarität ist demgemäß möglich und Vorraussetzung, gesellschaftliche Schwierigkeiten, wie der Schaffung von Arbeitsplätzen oder der Verbesserung von Gesundheit und Bildung lösen zu können. Es kann an dieser Stelle behauptet werden, dass der Erfolg einer Regierung von deren Fähigkeit abhängt einen kulturellen Wandel in der Gesellschaft hin zu mehr Solidarität voranzutreiben.

Außerdem muss mit der Schwierigkeit umgegangen werden, dass sich der Widerstand der Öffentlichkeit mehrt, höhere Steuern und Beiträge zu zahlen, hingegen nach wie vor ein anhaltender Anspruch der BürgerInnen besteht, eine hohes Niveau an Wohlfahrt und Infrastruktur von staatlicher Seite zu erhalten. Ursprung dieser Schwierigkeit ist das zu Teilen noch verwendete traditionelle Modell, worin der Staat gesellschaftliche Missstände versuchte zu bekämpfen, die BürgerInnen aber so bleiben wie sie sind und waren.

Die Veränderungen wurden somit nicht durch eine Mobilisierung der gesellschaftlichen Kräfte ergänzt und begleitet, auch kam es zu keiner demokratischen und sozialen Aufwertung der Lebenswelten der Menschen bzw. zu Anforderungen an die BürgerInnen. Wurde der Mensch also in dieser Veränderung vom Staat alleingelassen? Wurde er nicht auch bewusst in einen passiven Zustand versetzt?

Was fehlt und mittlerweile vermehrt eingefordert wird, ist eine Politik, die von unten aus der Gesellschaft kommt. Zum einen wird sie staatlich verlangt, zum anderen erscheinen, subjektiv bewertet, z. B.: die Streiks, im Sinne einer gesellschaftlichen Kraft, von ArbeitnehmerInnen zuzunehmen.

Ein Staat, der eine Politik von unten anstrebt muss sich auf die Aktivierung der gesellschaftlichen Kräfte konzentrieren und darüber hinaus versuchen, das Verhalten der Menschen zu ändern.

Einen interessanten Ansatz stellt hierbei das C ultural-changing government ° von Professor Perri 6 dar. Darin wird die Notwendigkeit gesehen, kulturelle Veränderungen durch die Regierungen in geeigneter Weise anzuleiten. Dies erfordert das Schaffen neuer Normen und Arten der Subsidiarität sowie neue Formen und Methoden, wie Menschen in das Leben anderer eingreifen können.

Anfangs kann dieser Ansatz als zu stark beeinflussend, wohl auch als gefährlich angesehen werden. Gibt er nicht der Regierung die Möglichkeit, die BürgerInnen zu kontrollieren?

Doch versteht man seine Sinnhaftigkeit erst, wenn das Ziel der Befähigung der BürgerInnen hin zu mehr Solidarität beachtet wird.

Cultural-changing government geht über den Empowerment - Ansatz hinaus, der die Mitgestaltung der BürgerInnen an ihren Lebenswelten ernst nimmt. Er verpflichtet vielmehr die Regierung, z. B. sinnvolle Beschäftigungen für junge Menschen zu schaffen. Im Gegenzug fordert er aber, dass die Menschen nach ihren Kräften etwas zurückgeben.

Hierbei können zwei praktische Vorhaben von Hartmut von Hentig als wichtige Beispiele fungieren. Hentig geht von einem neuen Blick aus, der sich auf das Lernen mit und ohne Schule bezieht und demzufolge den Bildungsbegriff weiter fasst und ihn nicht allein auf das Schulsystem begrenzt. Wichtig ist ihm, dass junge Menschen so früh wie möglich verstehen können, was eine Gemeinschaft für Vorzüge hat, und wie eine Gemeinschaft zur Entwicklung der eigenen Person beitragen kann. In seinem Buch ´Bewährung` (2006) schlägt er detailliert zwei praktische Vorhaben vor:

- die ´Entschulung` der Mittelstufe der allgemeinbildenden Schule (Altersjahrgänge 13, 14 und 15) sowie
- ein einjähriger Dienst an der Gemeinschaft für alle BürgerInnen zwischen der Beendigung der schulischen Ausbildung und dem Berufseintritt.

Aufgrund der von ihm behandelten Komplexität dieser zwei Vorhaben muss an dieser Stelle auf eine genauere Ausführung dieser verzichtet werden. In Kürze lässt sich daher nur zusammenfassend bemerken, dass durch diese zwei Vorhaben ein frühes und ermutigendes Sammeln von Erfahrungen und die Erkenntnis, was ein Gemeinwesen ausmacht und was eine Gemeinschaft dem einzelnen Menschen bringt, angestrebt werden soll.

° siehe: http://www.demos.co.uk/files/holisticgovernment.pdf, (19.07.2007).

Die ´Entschulung` der Mittelschule ähnelt dem Projektunterricht, in dem die SchülerInnen eigene Herangehensweisen zur Erreichung eines bestimmten Lernziels verwenden. Wesentlich ist, dass sie keinem bereits vorgefertigten Schulplan ´abarbeiten`, sondern sich auf vielfältige Weise das Lernziel aneignen.

Der Dienst an der Gemeinschaft kann in fünf verschiedenen Gebieten geleistet werden: im Umweltschutz, in der Unterstützung für bedürftige, kranke, alte Menschen und Kinder, in der Stadt- und Landschaftspflege, in der Politik und in internationalen Einsätzen.

Hentig geht davon aus, dass, wenn die Gesellschaft es will, beide Vorhaben in unseren gegenwärtigen Verhältnissen realisiert werden können und sollen. Somit werde ein konkreter Vertrag mit der Gemeinschaft gemacht, der frühzeitig dem einzelnen Menschen die Sinnhaftigkeit einer Gemeinschaft aufzeigt, ihn erfahren lässt, was es bedeutet, nützlich zu sein, und ihm dadurch das Vertrauen in die Politik im Sinne mitgestalterischer Möglichkeiten aller BürgerInnen zurückgibt.196

Neben diesem als Pfeiler bezeichneten Ansatzes des Cultural- changing government bedarf es eines weiteren Pfeilers, der eine öffentliche Besinnung auf die Fragen anstrebt, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, welche Werte sie verwirklichen möchte und welche Wege zum Erreichen dieser Werte gegangen werden sollen.

Die Aktion Mensch stellt ebendiese Fragen schon seit März 2006 mit ihrem Projekt ´dieGesellschafter` an die Bevölkerung. Diese Initiative bietet allen BürgerInnen vielfältige Möglichkeiten der Diskussion, der Vernetzung und des Engagements. Seitdem haben fast eine Million Menschen das Projekt im Internet besucht und ihre Diskussionsbeiträge im Gästebuch niedergeschrieben. Bundesweite Plakataktionen, sowie Anzeigen in der überregionalen Presse und Spots in Fernsehen und Kino begleiten das Gesellschafter-Projekt und machen auf die Website aufmerksam.

Über 90 Organisationen, Verbände und Medieneinrichtungen unterstützen das Gesellschafter-Projekt und sind an Kooperationen beteiligt. Das Projekt soll keine Gebrauchsanweisung für richtige oder falsche Politik darstellen, ermöglicht aber einen bedeutungsvollen Einblick in das Reservoir utopischen Denkens in unserer Gesellschaft und verdeutlicht die Bereitwilligkeit der Menschen, sich für eine bessere Welt einzusetzen.197

Ein weiterer wichtiger Aspekt für eine Politik von unten stellt die Notwendigkeit der Stärkung des sozialen Kapitals dar. Neben ökonomischem und kulturellem Kapital braucht eine demokratische Wohlfahrtsgesellschaft auch soziale Lebenszusammenhänge und Lebenswelten, in denen die BürgerInnen Chancen haben, als Subjekte anerkannt zu werden und durch ihr eigenes Handeln ihre Identitäten entwerfen, entwickeln und verändern zu können. Dies muss zur Folge haben, dass nicht nur die Erwerbsarbeit, sondern insbesondere auch soziale Gemeinschaftsinitiativen wichtige Werte darstellen. Der Begriff ´Arbeit` bedarf, so soll behauptet werden, einer neuen Betrachtungsweise.

In diesem Zusammenhang stellt eine Orientierung am Gemeinwesen eine Möglichkeit dar, Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, die nicht vordergründig als Erwerbsarbeit angesehen werden, aber ihren Wert durch die Anerkennung als am Gemeinsinn orientierte Arbeit erhalten, z. B. durch Hentigs praktische Vorhaben. Die Gemeinwesenökonomie beschäftigt sich mit dieser Problematik und sieht in der Lebenswelt der BürgerInnen, wenn diese aus dem Arbeitsprozess herausfallen, eine zusätzliche Ressource zur Existenzsicherung wie auch hinsichtlich ihrer Teilhabemöglichkeiten am gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Leben. Ebenso wächst der Bedarf an zu leistender Arbeit in infrastrukturellen Bereichen wie Renovierung von Wohnungen oder der Gestaltung von Außenanlagen oder der sozialen Dienstleistungen wie Krankenpflege oder Kinderbetreuung.

Die Gemeinwesenökonomie verbindet den örtlichen Bedarf und die Ressourcen innerhalb des Gemeinwesens. Zielsetzung ist somit der Wiederaufbau einer lokalen Produktion und Distribution als Grundlage für Einkommen vor Ort. Dieser Wiederaufbau kann sich durch einen neuen gemeinnützigen Wirtschaftssektor entwickeln, in dem gemeinnützige Unternehmen, Sozialbetriebe, Arbeitsförderbetriebe sich untereinander vernetzen. Um diese Entwicklung voranzutreiben können mit den Worten Dieter Oelschlägels, so genannte Beteiligungsbeauftragte198 eingesetzt werden. Seine Aufgabe wäre Handlungsfelder und Ressourcen für eine Bürgerbeteiligung in seinem Stadtteil zu ermitteln und Schwierigkeiten im Sinne von Vorurteilen und Bedenken gegenüber Bürgerbeteiligung anzusprechen und zu klären.

Der Beteiligungsbeauftragte muss sich bei seiner Arbeit bewusst werden, dass es ihm um eine Vernetzung und Aktivierung der BürgerInnen und diesem gemeinnützigen Wirtschaftssektors geht und nicht um eine Vernetzung dieser mit ihm selbst.

Und somit geht es im Wesentlichen um eine Veränderung der Einstellungen und Haltungen gegenüber den BürgerInnen und ihrem Engagement.

Der Beteiligungsbeauftragte hat zwischen den bürgerschaftlichen Gruppen, den Behörden und der Politik zu vermitteln und sie fachlich zu beraten. Dem geht voraus, was auch schon Doortje Kal mit der ´Anerkennung des Andersseins und der Gegenseitigkeit` meint. Es geht um eine bestimmte Grundeinstellung, die dem Menschen grundsätzlich etwas zutraut und dabei unterstützt wie auch bestärkt.

Die großen Veränderungen u. a. in der Erwerbsarbeit (Teilzeitarbeit, Frührente, u. a.) sind also auch eine Chance für eine ´reichere` Gesellschaft, nicht nur im ökonomischen, sondern auch im sozialen Sinne, und zwar nicht nur für einige, sondern möglichst für alle BürgerInnen.

Und wenn der Staat den Auftrag und auch die Verpflichtung hat, für einen sozialen Ausgleich durch ein gewisses Maß an Umverteilung zu sorgen, so könnte das Leitbild möglicherweise die Idee einer aktiven Bürgergesellschaft sein, aus der sich dann wiederum Normen und Anforderungen für eine gute Ordnung des Staates, der Wirtschaft und der zivilen Gesellschaft begründen lassen können.

Der Umfang dieser Arbeit grenzt automatisch andere Themen aus, die zwar ebenso wichtig, aber deren Betrachtung in diesem Rahmen unmöglich war. Hervorzuheben sind hierbei eine differenziertere Beschäftigung mit der Rolle der BürgerInnen im Gemeinwesen wie auch die der Institutionen, von denen aus der professionell Handelnde ´ins Feld geschickt` wird.

In diesem Zusammenhang stellt sich noch immer die Frage, ob nicht die einzige Möglichkeit eines funktionierenden Gemeinwesens darin besteht, wenn die BürgerInnen eigenständig nach einem professionelle Handelnden ´rufen`. Denn die Gefahr besteht nach wie vor, dass derjenige, der für die Arbeit im Gemeinwesen angestellt wurde, sich vermehrt in eine Position bringt, in der die BürgerInnen von ihm abhängig sind und demzufolge nicht mehr selbstbestimmt handeln können.

Dem entgegenzuwirken bedarf es einer gewissenhaften Ausbildung, und anzunehmen ist, dass der Studiengang ´Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education` dafür die erforderlichen Inhalte vermittelt. Allein durch den gegebenen Widerspruch der Bezeichnung des Studiengangs, da er zum einen ´Integration` wie auch die allgemein noch angenommene Verbesonderung der ´Heilpädagogik` beinhaltet, setzten sich die

Studierenden fortwährend mit widersprüchlichen Gegebenheiten und nicht zuletzt mit ebendieser Bezeichnung auseinander.

Fraglich ist also, wie der Absolvent im Arbeitsfeld angenommen wird, da er doch eine traditionelle Berufsbezeichnung ´Heilpädagoge´ besitzt. Diese als möglicher Widerspruch aufgefasste Situation kann allerdings auch so genannte ´Arbeitsnischen` aufspüren, die nicht offensichtlich auf dem Arbeitsmarkt zu finden sind.

Die im Jahr 2004 begonnene Erarbeitung eines Curriculums eines European Bachelors of Inclusion Studies von zwölf Hochschulen aus acht europäischen Ländern zeigt, dass bereits weiter im Sinne eines international angelegten Studiengangs nachgedacht wird. Dieser soll den Studierenden das Aneignen eines Instrumentariums ermöglichen, mit dem sie neue wissenschaftliche Erkenntnisse und europäische sozialpolitische Ziele in Bezug zur Inklusion und gleichberechtigter Teilhabe aller Menschen verstehen und die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten professionell in pädagogischen und sozialen Berufen einsetzen können.199

Ebenso verdeutlicht die Anfang Juli 2007 stattgefundene Tagung mit dem Thema:

´ Entwicklung für alle? Entwicklungspolitik inklusiv gestalten - Menschen mit Behinderungen einbeziehen`, dass sich auf internationaler Ebene in den vergangenen Jahren der auf den Menschenrechten basierende Ansatz auch im Umgang mit Menschen, die als behindert bezeichnet werden, durchgesetzt hat, und sie im Sinne von Teilhabe und Empowerment als Akteure in eigener Sache begriffen werden.

Diese Veränderung findet sich ebenso im BMZ-Politikpapier ´Behinderung und Entwicklung`°, wie auch in der neuen UN-Konvention über die Rechte von Menschen, die als behindert bezeichnet werden°°, wieder. Besonders der Artikel 32 über internationale Zusammenarbeit fordert die künftige inklusive Gestaltung der Entwicklungszusammenarbeit, damit ebendiese Menschen in allen Projekten berücksichtigt werden. Auch in Verbindung mit der Armutsbekämpfung im Rahmen der MDGs (Millennium Development Goals) ist verstanden worden, dass alle gesetzten Ziele ohne die Einbeziehung von Menschen, die als behindert bezeichnet werden, nicht erreicht werden können. Das Ziel der Tagung war das Vorstellen erster Ansätze für eine inklusive Entwicklungszusammenarbeit und das Nachgehen der Frage, wie deutsche Nichtregierungsorganisationen diese praktisch anwenden und weiterentwickeln können. In Bezug auf den angestrebten inklusiven Charakter aller Entscheidungen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit möge an dieser Stelle auf das Bestreben einer Repolitisierung der Integrationsbewegung im deutschsprachigen Raum eingegangen werden.

Aufgrund der Tatsache, dass es verschiedenen fachlichen VertreterInnen der Integration aus den Bereichen der Heil-, Sonder- und Behindertenpädagogik in den letzten 30 Jahren nur in ungenügendem Maße gelungen ist, integrationspolitische Belange bzw. Forderungen in der öffentlichen Wahrnehmung sowie der politischen Landschaft zu etablieren, gibt es seit Anfang des Jahres 2007 Bestrebungen zur Gründung einer Organisation, die die Integration beeinträchtigter und benachteiligter Menschen jeglicher Art auf politischer und gesellschaftlicher Ebene öffentlich diskutiert und aktiv einzufordern versucht.

Eine Gruppe Studierender des Studiengangs ´Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education` fertigte dafür ein Gründungsdokument, ein so genanntes Manifest, an, welches als gemeinsam verstandene Basis dienen wird.

Im Frühjahr 2008 soll ein Gründungskongress stattfinden, der die Idee der Repolitisierung auf eine breitere Basis stellen soll. Dazu sollen Personen und Organisationen aus den verschiedenen Bereichen Wissenschaft, Bildung und Praxis sowie Verwaltung und Politik und den verschiedenen Lebensbereichen Elementarerziehung, Schule, Arbeit, Wohnen, Freizeit und Weiterbildung eingeladen werden.

Die Inhalte der Tagung ´ Entwicklung für alle? Entwicklungspolitik inklusiv gestalten - Menschen mit Behinderungen einbeziehen` sowie die integationspolitischen Bestrebungen verdeutlichen die veränderte Sichtweise auf Menschen, die als behindert bezeichnet werden. Dieser eingeschlagene Weg kann, solange er immer reflektierend in Bezug auf Inklusion gegangen wird, nicht verkehrt sein.

Und dass Widersprüche durchaus notwendig für Veränderungen sind, konnte nach dieser Arbeit vermutlich verstanden worden sein.

Vor dem Hintergrund der leider nur teilweise ausgeführten verschiedenen Ausblicke lässt sich feststellen, dass das Interesse an einer Orientierung am Gemeinwesen keineswegs abnimmt bzw. verschwindend klein ist. Es gibt ein Interesse am Gemeinwohl, und es gibt sozialpolitische Verankerungen, die ebendieses Interesse unterstützen. Was noch fehlt, hier wortspielerisch formuliert, ist ein gemeinsames Bestreben, eine Be-(Gemein) - sinnung unserer Gesellschaft als Ziel anzuerkennen und demnach zu handeln.

Mit Worten des englischen Humanisten Thomas Morus (1478-1535) möchte diese Arbeit ihr Ende finden. Seine politisch- philosophische Beschreibung des Landes ´Utopia` gibt Hinweise aktuellstem Bezugs, dessen Basis eine am Gemeinwesen orientierte Bürgergemeinschaft darstellt und somit keinesfalls veraltet sein kann. Utopie steht hierbei für ein Hoffnungsprinzip jeder Wirklichkeit.

„ Die Gemeinschaft der Menschennatur sei ein Ersatz für Bündnisse, und die Menschen würden wirksamer

und fester durch gegenseitiges Wohlwollen als durch Verträge, besser durch Gesinnung

als durch Worte miteinander verbunden. “ 200

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Anhang

- Manifest

Anlass:

Dieses Manifest ist Ausdruck davon, dass die Repolitisierung der Integrationsbewegung im deutschsprachigen Raum in Bezug auf Theorie und Praxis unumgänglich ist. Obwohl die Integrationsbewegung in Deutschland auf eine 30-jährige Geschichte zurückblicken kann, welche neben praktischen Erfahrungswerten auch die Entwicklung theoretischer Konzepte beinhaltet, ist es den verschiedenen fachlichen Vertretern der Integration aus den Bereichen der Heil-, Sonder- und Behindertenpädagogik nur in unzureichendem Maße gelungen, integrationspolitische Belange bzw. Forderungen in der öffentlichen Wahrnehmung sowie der politischen Landschaft zu etablieren.

Dieses Manifest soll daher als Gründungsdokument einer Organisation dienen, welche die Integration beeinträchtigter und benachteiligter Menschen jeglicher Art auf politischer und gesellschaftlicher Ebene öffentlich diskutiert und aktiv einfordert. Ausgehend von der Anerkennung der natürlichen Verschiedenheit eines jeden Menschen wird Integration verstanden als Methode, Weg und Ziel, um die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an allen naturgegebenen und von Menschen geschaffenen Gütern und Institutionen zu garantieren. Jeder Mensch soll das Recht und die Wahl (- möglichkeit) haben, seine eigene Form der Teilhabe zu definieren und die dafür notwendige Unterstützung zu erhalten.

Die Umsetzung erfolgt durch interdisziplinäre Kommunikation, Partizipation und Kooperation aller beteiligten Akteure auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Politik und Gesellschaft haben hierfür geeignete Bedingungen zu schaffen und die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass die Möglichkeit zur gleichberechtigten Teilhabe garantiert ist. Auf diese Weise kann davon ausgegangen werden, dass be- und aussondernde Bedingungen kontinuierlich abgebaut werden und soziale Ausgrenzung verhindert wird.

Wir müssen jedoch feststellen, dass die tatsächliche Entwicklung in der Bundesrepublik gegenläufig zur oben genannten Auffassung sowie der europäischen und internationalen Antidiskriminierungs- und Integrationspolitik ist.

Diese Feststellung teilen behinderungserfahrene Menschen, Eltern, Studierende, Lehrende, Unterrichtende, Forschende, administrativ und politisch Tätige in Bezug auf die Bereiche Kindergarten und Schule bis hin zu Arbeit und Leben im Erwachsenenalter. Um diesen rückläufigen Tendenzen etwas entgegenzusetzen, soll eine Organisation gegründet werden, die mit den gebündelten Kompetenzen ihrer Mitglieder die Repolitisierung der Integration auf den vielfältigsten Ebenen von Gesellschaft und Politik anstrebt und aktiv betreibt.

Aktuelle gesellschaftliche Entwicklung:

Ausgrenzung von Kindern, von Menschen mit Migrationshintergrund, von alten, behinderten, und von Armut betroffenen Menschen findet tagtäglich unter Berufung auf ein output-orientiertes Leistungsverständnis bis hin zu einem neuen `Biologismus` in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens statt. In diesem Zusammenhang ist die Zunahme von Sondereinrichtungen wie Sonderschulen, Heimen und Werkstätten zu sehen.

Recht als eine zentrale Kategorie für die Umsetzung von Integration/ Inklusion bzw. rechtliche Vorgaben und Programme finden sich auf europäischer und bundesweiter Ebene. Trotz vieler rechtlicher Verankerungen, wie dem SGB IX, dem Bundesgleichstellungsgesetz (BGG) und der Salamanca- Erklärung der UNESCO) kann aber von einer Umsetzung von Integration auf politischer Ebene nicht gesprochen werden.

Das Anliegen der Integration wird nicht als Teil einer Allgemeinen Pädagogik gedacht, sondern dem bereits spezialisierten Wesen der Sonderpädagogik zugeordnet. Dies hat unter anderem zur Folge, dass Kinder bereits im (Vor-) Schulbereich aus ihrem sozialen Umfeld gerissen werden. Kommunale Einrichtungen geben damit die Verantwortung für die Erziehung und Bildung an (zentralisierte) Spezialeinrichtungen ab, so dass der Aufbau sozialer Kontakte im Wohnviertel dadurch erschwert bzw. unmöglich gemacht wird.

Handlungsbedarf/ -ansätze

Es muss prinzipiell deutlich gemacht werden, dass Integration d.h. eine integrative Beschulung bzw. eine integrative Gesellschaft eine demokratische Verpflichtung und logische Konsequenz der Umsetzung von Menschen-, Grund-, sowie Sozialrechten darstellt.

Den gesellschaftlichen Ausgrenzungstendenzen gilt es sowohl auf der politischen als auch auf der praktischen Ebene entgegenzuwirken. Wesentliche Aufgabenbereiche sind von daher:

- Politische Arbeit: v.a. Gewinnen von Bündnis- und Kooperationspartnern
- Aufklärungs- sowie Öffentlichkeitsarbeit
- Gemeinwesenarbeit: Netzwerkarbeit, subjektorientierte Unterstützungssysteme, Beratung/ Peer-Arbeit
- Erziehung und Bildung: d.h. Einrichtung einer inklusiven Lehr-, Lern- und Weiterbildungskultur
- Verstärkung internationaler Kontakte

Politische Arbeit: Zentrales Anliegen der zu gründenden Organisation ist es, Politikvertreter als (Kooperations-)Partner wahrzunehmen, um zu einem grundlegenden Verständnis und einer politischen sowie einer daraus resultierenden rechtlichen Absicherung von Integration auf den verschiedensten Ebenen zu gelangen. Für die Realisierung von Integration bedarf es daher einer kontinuierlichen Politikberatung auf den verschiedensten Ebenen und der Bildung von interdisziplinären Netzwerken. Im Sinne des Mainstreaming-Gedankens müssen sich politische Entscheidungsträger und Verwaltung für die Belange der Integration verantwortlich fühlen und deren Umsetzung innerhalb ihres Aufgabenbereiches wahrnehmen.

Aufklärungs- sowie Öffentlichkeitsarbeit: Zur Sensibilisierung gegenüber gesellschaftlichen Ausschlussphänomenen dienen kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen. Hinzu kommen Aufklärung und Informationen über historische, philosophische, gesellschaftspolitische und bildungstheoretische Hintergründe. Hierbei werden Ausgrenzungsintentionen und -mechanismen transparent gemacht und die gesamtgesellschaftliche Verantwortung diskutiert. Ziel ist es Integration als gesellschaftliche Aufgabe zu erkennen, die alle Beziehungsebenen und Lebensbereiche umfasst. Dazu gehören geeignete Strategien, Fachwissen so aufzubereiten, dass in der Öffentlichkeit eine veränderte Wahrnehmung von Behinderung und sozialen Ausgrenzungsmechanismen eintritt.

Bisher durchgeführte gegensteuernde Maßnahmen verkommen derzeit häufig in der öffentlichen Wahrnehmung zu Modellprojekten. Im Gegenzug erhalten neu aufkommende, separierende Konzepte eine höhere Medienpräsens und Akzeptanz in der Öffentlichkeit (vgl. Konfrontationspädagogik).

Gemeinwesenarbeit Für die Ebene des Stadtteils, der Gemeinde bedeutet dies, den hier fokussierten Menschenkreis gleichberechtigt als vollwertige MitbürgerInnen anzuerkennen. In bestehenden Gremien gilt es, das hier geschilderte Problem zu thematisieren und im Sinne der Agenda 22 („Die Stadt und die Behinderten“, Erklärung von Barcelona 1995) anzugehen. Die Professionellen müssen sich neben subjektorientierter Unterstützung aus den institutionellen Einrichtungsstrukturen lösen und die Veränderung von Strukturen im Gemeinwesen als ihren Arbeitsbereich begreifen. Dabei ist es wichtig diesen Prozess mit Hilfe qualitätssichernder Instrumente zu evaluieren.

Erziehung und Bildung Die wissenschaftliche Theoriebildung muss in diesem Sinne Fachkräften Analysewerkzeuge in die Hand geben, die sie befähigen, Integration im Verhältnis zu gesellschaftlichen Aussonderungsprozessen zu denken, zu verstehen und zu handeln. In der Folge ist das Allgemeinbildungskonzept im Sinne Klafkis zu vertreten, welches seine institutionelle Ausprägung in der ‚Schule für Alle’ findet und das Potenzial heterogener Gruppen anerkennt. Es gilt ferner zu verdeutlichen, dass das Konzept einer ‚Schule für Alle’ nicht auf die Integration von Kindern mit Behinderungen zu beschränken ist, sondern ausnahmslos alle Kinder aus allen gesellschaftlichen Randgruppen und Schichten einschließt (s. u.a. Salamanca-Erklärung).

Weitere Aufgabe der wissenschaftlichen Theoriebildung ist es, qualitätssichernde Standards (weiter-) zu entwickeln und für die weitreichende Publizierung einzutreten. In diesem Zusammenhang ist auch die Erstellung von Konzepten zur Fort- und Weiterbildung des bereits tätigen Personals zu sehen. Innerhalb dieser Standards und Konzepte ist es notwendig alle Aspekte des Lebens (Bildung, Arbeit, Leben, Wohnen, Freizeit) zu berücksichtigen. Ausgrenzungsintentionen und -mechanismen müssen auf fachlich fundierte Weise benannt, analysiert und bewertet und nach außen hin deutlich gemacht werden.

Internationale Kontakte: Ferner sollten verstärkt Kontakte auf der europäischen Ebene geknüpft und gemeinsame Projekte° vorangetrieben werden, um bereits vorhandene Erfahrungswerte auszutauschen und diese für den deutschsprachigen Raum nutzbar zu machen.

° Beispiel: EUMIE - Entwicklung eines Studienprogramms zur Etablierung postgradualer Masterstudiengänge an europäischen Universitäten.

107

Abstract

Key words:

- common cause
- common good
- unrestricted participation of all people
- community based work
- study ´Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education`

At present there is more interest in ´Community based work`.

Community offices open their doors and there is an increase of projects. Citizens organise these projects by themselves. The government offers specific programs for encouraging activties to improve their living conditions.

But what about the general opinion that our society is egoistical and very individualistic? Is there still something like a common cause? Or is it rather that our modern society is falling into isolated people or groups? Could this be the cause of people not taking responsibility?

But there are also other voices speaking of a new openness and a political direction towards the common good. So these contradictions shows the connection between common goods, society and their historical development. That is why this paper contains a historical explanation of the terms: common good, community sense, unrestricted participation of all and community based work. With this background it tries to answer two main questions:

Can ´community based work` be the right approach to unrestricted participation of all? And which kinds of professional skills are necessary to realize this? This paper wants to combine these necessar professional skills with the contents of the study ´Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education` finding the opportunity to do community orientated work in our society.

This paper has four main chapters, which are connected and follow the analysis rules of first showing a general view on the theme and then in a specific view.

The first chapter deals with the historical development of community sense and public welfare and their political and ethical dimensions. Therefore the description of Rawl`s ´theory of justice` and Kant`s ´criticism of the power of judgement` will be the theoretical base for explaining the present German society. The purpose of this chapter is to explore and develop the concept of community which is necessary for an interest in public welfare, which only comes up, if the citizens can trust in the government. Only then does common good affect common action.

The second chapter describes what unrestricted participation of all people means. A historical utilized in order to show what participation is supposed be. The differences between society and community will be explained. A Community is made up of individuals with a sense of community and a common cause. Society can be called a mixture of three parts: community, culture and government. In the following will be explore the importance of social politicy and its meaning of it for the participation of people with so called disabilities. An unrestricted participation connects the individual citizen with the state, in which he lives. It aims as an equal allocation of materialistic, financial and social goods.

A human being is a social human being, he or she belongs to a group or a community, i.e. family, neighbourhood or an organisation, in which he or she fells safe and parrt of the ‘world’. That helps him or her to be active and to feel wanted. The community sense is therefore a prerequisite for participation.

The third chapter starts with characterising a situation, which brings up an interest in community based work It describes the origin of isolated cities, where poverty is concerned. Hence poverty dynamics include not only materialistic dimensions, but also immaterial ones, such as health, nutrition, environment, recreation, the place of living and a social, cultural and political participation. This overview helps to understand the following examination of the term ´community` and its historical development. This first view helps to understand the following explanation of the historical forming of a community.

The chapter continues by explaining the working principle of the German ´Community work` (Gemeinwesenarbeit) in its varied forms and by trying to find out how an unrestricted participation of all people can be involved.

In the end the questions arises, if ´community based work` is not only another term for ´community work`. The chapter will give an answer to that by using the psychological concept of ´ Alltägliche Lebensführung ` (´Everyday life`) by Klaus Holzkamp. This concept proceeds from the individual and his or her influences on the society.

By using the term ´community based work`, the professional ‘behaviour’ and concrete actions have to change.

Therefore the base of the present social institutions shall be changed by the professional acting in the society. Also there has to be a development and a passing on of professional skills in community basics.

By explaining some examples of change in the fourth chapter, the book ´Gastfreundschaft` of Doortje Kal is therefore the base. She tries to build up ethics of accepting different behaviours and the necessity of being mutual. An example is a so called ´Multilog`- conversation, which aims an equal dialog between the participants. Also an excursus of philosophical symbol of an ‘embrace’ clarifies which abilities professions have to have, for working ‘real` community based.

Two main competences of the professional worker are the consciouness of and the acting with contradictions. The last part of this chapter gives a general idea of the abilities of students of the study ´Integrative Heilpädagogik/Inclusive Education` in connection with ´community based work` and responding to the second question of this paper. During the studies shall be reached an instrument for analysing selecting structures in the society and finding ways to thwart them. Therefore not selecting learning and living circumstances in the meaning of people`s rights will be developed.

[...]


1 http://www.zeit.de/2004/43/Essay_Erbacher, (06.07.2007).

2 http://socio.ch/health/t_geser1.html, (06.07.2007).

3 http://www.competence- site.de/wissensmanagement.nsf/85ba6c60fa84ab0bc1256a8c003146c9/059d2f359c6db6b4c1256e27004c18e0! OpenDocument, (06.07.2007).

4 Vgl. Bertelsmann Stiftung, Bertelsmann Forschungsgruppe, Politik (Hg.) (2002) S. 7.

5 Vgl. Bertelsmann Stiftung, Bertelsmann Forschungsgruppe, Politik (Hg.) (2002), S. 9.

6 Vgl. Hellmann, K.-U. (2002):Gemeinwohl und Systemvertrauen, Vorschläge zur Modernisierung alteuropäischer Begriffe; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 77.

7 Vgl. Münkler, H.; Bluhm, H. (2001): Einleitung: Gemeinwohl und Gemeinsinn als politisch-soziale Leitbegriffe; In: Münkler/Bluhm (Hg.) (2001) (I) S.10.

8 Vgl. Wils, J.-P. (2002):Zur Produktion von Gemeinsinn, Ihre diffizilen Bedingungen und ihre problematischen Wirkungen; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (IV) S. 115.

° Der Begriff Gesellschaft wie auch Gemeinschaft werden im nächsten Kapitel zum Gegenstand gemacht. (Kapitel 2.3; S. 20)

9 Vgl. Mayntz, R. (2002): Wohlfahrtsökonomische und systemtheoretische Ansätze zur Bestimmung von Gemeinwohl; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 111.

10 Vgl. Wils, J.-P. (2002): Zur Produktion von Gemeinsinn, Ihre diffizilen Bedingungen und ihre problematischen Wirkungen; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (IV) S. 115.

11 Vgl. Mayntz, R. (2002): Wohlfahrtsökonomische und systemtheoretische Ansätze zur Bestimmung von Gemeinwohl; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 121.

12 Vgl. Mayntz, R. (2002): Wohlfahrtsökonomische und systemtheoretische Ansätze zur Bestimmung von Gemeinwohl; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 112.

13 Vgl. ebd. S. 112.

14 Vgl. Amini, B. (k. Angabe): Die Zukunft der Logotherapie, http://www.krisenpaedagogik.uni- kiel.de/Zukunft.doc, (21.07.2007).

15 Vgl. Hellmann, K.-U. (2002): Gemeinwohl und Systemvertrauen, Vorschläge zur Modernisierung alteuropäischer Begriffe; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 80.

16 Vgl. Bohlender, M. (2001): Metamorphosen des Gemeinwohls, Von der Herrschaft guter polizey zur Regierung durch Freiheit und Sicherheit; In: Münkler/Bluhm (Hg.) (2001) (I) S. 248.

17 Vgl. Hellmann, K.-U. (2002): Gemeinwohl und Systemvertrauen, Vorschläge zur Modernisierung alteuropäischer Begriffe; In: Münkler/Fischer(Hg.) (2002) (II) S. 81.

18 Vgl. Münkler, H.; Bluhm, H. (2001): Einleitung: Gemeinwohl und Gemeinsinn als politisch-soziale Leitbegriffe; In: Münkler/Bluhm (Hg.) (2001) (I) S. 9.

19 Vgl. Münkler, H.; Bluhm, H. (2001): Einleitung: Gemeinwohl und Gemeinsinn als politisch-soziale Leitbegriffe; In: Münkler/Bluhm (Hg.) (2001) (I) S. 10.

20 Vgl. Bohlender, M. (2001): Metamorphosen des Gemeinwohls, Von der Herrschaft guter polizey zur Regierung durch Freiheit und Sicherheit; In: Münkler/Bluhm (Hg.) (2001) (I) S. 247.

21 Ebd. S. 247.

22 Vgl. Wils, J.-P. (2002): Zur Produktion von Gemeinsinn, Ihre diffizilen Bedingungen und ihre problematischen Wirkungen; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (IV) S. 121.

23 Vgl. ebd. S. 122.

24 Vgl. Offe, C. (2002): Wessen Wohl ist das Gemeinwohl; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 71f.

25 Vgl. Menke, C. (2002): Gleichheit, Reflexion, Gemeinsinn; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (VI) S. 72. ° Das (griechische) Wort Hermeneutik (hermeneúein = aussagen, auslegen, übersetzen) bedeutet - grob umschrieben - zunächst: Kunst der Auslegung und Deutung, Technik des Verstehens und Verstehen-Könnens. Aus: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/ERZIEHUNGSWISSENSCHAFTGEIST/Hermeneutik.shtml, (17.07.2007).

26 Vgl. ebd. S. 73f.

27 Vgl. Menke, C. (2002): Gleichheit, Reflexion, Gemeinsinn; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (VI) S. 82.

28 Vgl. ebd. S. 83.

29 Vgl. Wils, J.-P. (2002): Zur Produktion von Gemeinsinn, Ihre diffizilen Bedingungen und ihre problematischen Wirkungen; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (IV) S. 115.

30 Vgl. ebd. S. 115f.

31 Menke, C. (2002): Gleichheit, Reflexion, Gemeinsinn; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (IV) S. 81.

32 Vgl. Münkler, H.; Bluhm, H. (2002): Einleitung: Gemeinwohl und Gemeinsinn als politisch-soziale Leitbegriffe; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (IV) S. 9.

33 Vgl. Hellmann, K.-U. (2002): Gemeinwohl und Systemvertrauen, Vorschläge zur Modernisierung alteuropäischer Begriffe; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 83.

34 Vgl. ebd. S. 106.

35 Vgl. Portinaro, P. P. (2002): Über die Rehabilitierung des Gemeinwohldiskurses, Pro und Contra; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (IV) S. 312.

° Wohlfahrtssaat ist eine Kurzbezeichnung für einen Staat, der eine Anzahl unterschiedlicher Programme, Maßnahmen und Politiken benutzt, die einer sozialen, kulturellen und materiellen Wohlfahrt der Bevölkerung dienen. Die gegenwärtige Kritik sieht in dem Begriff eine individuelle Bevormundung, eine Einschränkung der Eigeninitiative und Verantwortung. (Vgl. Schubert, K.; Klein, M. (2006) S. 332).

36 Vgl. ebd. S. 312.

37 Vgl. ebd. S. 312.

38 Vgl. Offe, C. (2002): Wessen Wohl ist das Gemeinwohl; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (IV) S. 59.

39 Vgl. Hellmann, K.-U. (2002): Gemeinwohl und Systemvertrauen, Vorschläge zur Modernisierung alteuropäischer Begriffe; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 81.

40 Münkler, H.; Bluhm, H. (2002): Einleitung: Gemeinwohl und Gemeinsinn als politisch-soziale Leitbegriffe; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (IV), S. 9.

41 Vgl. Offe, C. (2002); Wessen Wohl ist das Gemeinwohl; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II), S. 59. ° Der Begriff ´Vergemeinschaftung` wird u. a. von Max Weber verwendet. (Vgl. Weber, M. (1952).)

42 Vgl. Hellmann, K.-U. (2002): Gemeinwohl und Systemvertrauen, Vorschläge zur Modernisierung alteuropäischer Begriffe; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II), S. 79.

° In Bezug auf ein gemeinsames Handeln spricht Baltzer vom ´Gemeinschaftshandeln`. Er glaubt, dass es keine Unabhängigkeit von dem individuellen Handeln gebe, welches das Gemeinschaftshandeln konstituiere. Das Gemeinschaftshandeln gebe Anlass zum individuellen Handeln, was wiederum fördernd für das Gemeinschaftshandeln sei. Eine genauere Betrachtung des Gemeinschaftshandelns kann an dieser Stelle nicht vorgenommen werden. Weiterführende Literatur: Wils, J.-P. (2002): Zur Produktion von Gemeinsinn, Ihre diffizilen Bedingungen und problematischen Wirkungen; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (IV) S. 126.

43 Vgl. Kaufmann, F.-X. (2002): Sozialpolitik zwischen Gemeinwohl und Solidarität; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 38.

44 Vgl. http://edoc.ub.uni-muenchen.de/archive/00006028/01/Zwingenberger_Meike.pdf, (23.07.2007)

45 Vgl. Welti, F. (2005) S. 535.

46 Vgl. ebd. S. 536.

47 Vgl. Kaufmann, F.-X. (2002): Sozialpolitik zwischen Gemeinwohl und Solidarität; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 536.

48 Weiterführende Literatur u. a. Kneer, G.; Nassehi, A. (2000), sowie: Wansing, G. (2004).

49 Vgl. Tönnies, F. (1963) S. 242ff.

50 Vgl. ebd. S. 251).

51 Vgl. Welti, F. (2005) S. 207.

52 Vgl. Kaufmann, F.-X. (2002): Sozialpolitik zwischen Gemeinwohl und Solidarität; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 38.

53 Hauser, R. und H. (1971), S. 80.

54 Ebd. S. 72f

55 Vgl. Pilz, F. (2004) S. 15.

56 Vgl. Welti, F. (2005) S. 542. ° Die Internationale Menschenrechtscharta besteht aus der ´Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR), dem Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, dem Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte, der Konvention über die Rechte des Kindes und die Konvention über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau.

57 AEMR, Art. 25 Nr. 11, http://www.amnesty.giessen.de/aemr.html, (07.07.2007).

58 Vgl. Welti, F. (2005) S. 297.

59 Vgl. Schubert, K.; Klein, M. (2006) S. 277.

60 Ebd. S. 90.

61 Vgl. Pilz, F. (2004) S. 100.

62 Vgl. Welti, F. (2005) S. 538.

63 Vgl. ebd. S. 90f.

64 Seifert, M. (2006): Inklusion ist mehr als Wohnen in der Gemeinde, In: Rödler, P. (Hg.) (2006) S. 99.

65 Vgl. Welti, F. (2005) S. 727.

66 Vgl. Seifert, M. (2006): Inklusion ist mehr als Wohnen in der Gemeinde, In: Rödler, P. (Hg.) (2006) S. 100.

67 Vgl. http://home.t-online.de/home/johanns.gutenberg/chance.html, (16.01.03).

68 Vgl. UN-Resolution vom 20. Februar 1993, Rahmenbestimmungen für die Chancengleichheit für behinderte Menschen, Aus: http://www.behindertenbeauftragter.de/index.php5?nid=221, (06.07.2007).

69 Vgl. Deklaration von Madrid, Vorwort 1, Aus: http://infomed.mds- ev.de/sindbad.nsf/de083cd4fce51312c12571e700442bef/7c32d85942fcf49f80256c06007fea07?OpenDocu ment, (06.07.2007).

70 Vgl. Welti, F. (2005) S. 551.

71 Vgl. Welti, F. (2005) S. 540.

72 Vgl. Kaufmann, F.-X. (2002): Sozialpolitik zwischen Gemeinwohl und Solidarität; In Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 38.

73 Vgl. Boer, J.; Utermann, K. (1970) S. 2.

74 Vgl. The Calouste Gulbenkian Foundation (1972) S. 101.

75 Hellmann, K.-U. (2002): Gemeinwohl und Systemvertrauen, Vorschläge zur Modernisierung alteuropäischer Begriffe; In: Münkler/Fischer (Hg.) (2002) (II) S. 81; zit. nach Hamm- Brücher, H. (1999) S. 60.

76 Vgl. Alheit, P. (1987): Leben in der Stadt, Überlegungen zur politischen Soziologie des urbanen Alltags; In: Peters, F. (Hg.) (1987) S. 40.

77 Vgl. ebd. S. 42.

78 Vgl. ebd., S. 43.

79 Vgl. Alheit, P. (1987): Leben in der Stadt, Überlegungen zur politischen Soziologie des urbanen Alltags; In: Peters, F. (Hg.) (1987) S. 48; In Anlehnung an Tessin, W. (1978) S. 511.

80 Vgl. Staubach, R., (1997): Strategien zur integrierenden Erneuerung benachteiligter Stadtteile, In: Ries, H. A.; Elsen, S.; Steinmetz, N.; Homfeldt, H. G. (Hg.) (1997) S. 240.

81 Vgl. ebd. S.241.

82 Vgl. Ries, H. A.; Elsen, S.; Steinmetz, N.; Homfeldt, H. G. (Hg.) (1997) S.14.

83 Vgl. Wendland, A. (2002) S. 26f.

84 Vgl. ebd. S. 28.

85 Vgl. Ludewig, B. (2002): Gemeinwesen und Stadtteil; In: Bader, K.; Ludewig, B.; Rauthe, S., Wozniok, O., Jeannèe, P.; Zinggl, W (Hg.) (2002) S. 63.

86 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1978) S. 11.

87 Vgl. The Calouste Gulbenkian Foundation (1972) S. 15.

88 Vgl. Boulet, J.J.; Krauss, E.J.; Oelschlägel, D. (1980) S. 152f.

89 Vgl. Ludewig, B. (2002): Gemeinwesen und Stadtteil; In: Bader, K.; Ludewig, B.; Rauthe, S., Wozniok, O., Jeannèe, P.; Zinggl, W (Hg.) (2002) S. 66.

90 Vgl. ebd. S. 64f.

91 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1978) S. 11.

92 Vgl. ebd. S. 11f.

93 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1978) S. 17.

94 Vgl. ebd. S. 18.

95 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1978) S. 18f.

96 Vgl. Pilz, F. (2004) S. 22. ° Der Begriff ´Sozialstaat` wurde als erstes von dem preußischen Staatsreformer Lorenz von Stein (1815- 1890) geprägt. °° Die Sozialfürsorge ist die dritte Säule des sozialen Sicherungssystems in Deutschland neben der Gesetzlichen Krankenversicherung und der Sozialen Versorgung (Vgl. Schubert, K.; Klein, M. (2006): Politiklexikon, S. 274.

97 Vgl. Pilz, F. (2004) S. 19.

98 Vgl. Pilz, F. (2002) S. 25.

99 Ebd. S. 75.

100 Vgl. Noack, W. (1989) S. 11ff, In Anlehnung an Warren, R.L. (1970), sowie Friese, P. (1989): Milieuarbeit, Begriffe und Methoden, In Ebbe, K.; Friese, P. (Hg.) (1989) S. 51.

101 Vgl. Noack, W. (1989) S. 21f.

102 Vgl. ebd. S. 13.

103 Vgl. Wendland, A. (2002) S. 50. zit. nach Birkhölzer, K. (1999) S. 12.

104 Vgl. Elsen, S. (2000) S. 94.

105 Vgl. ebd. S. 96.

106 Vgl. Noack, W. (1999) S. 8.

107 Vgl. Noack, W. (1999) S. 8.

108 Vgl. ebd. S. 8f.

109 Vgl. Noack, W. (1999) S. 10.

110 Vgl. ebd. S. 10.

111 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1989) S. 13.

112 Vgl. Noack, W. (1999) S. 18.

113 Vgl. ebd. S. 18. ° Vertreter der katalytisch- aktivierenden GWA, siehe Kapitel 3.3.3.5 (S. 52).

114 Karas, F.; Hinte, W. (1989) S. 15.

115 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1989) S. 16.

116 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1989) S. 34f.

117 Vgl. Noack, W. (1999) S.19.

118 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1989) S. 18.

119 Vgl. ebd. S. 19.

120 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1989) S. 20.

121 Vgl. ebd. S. 20.

122 Vgl. ebd. S. 21.

123 Vgl. Alinsky, S. D. (1984) S. 45ff.

124 Vgl. Hinte, W.; Karas, F. (1989) S. 20.; Expliziter in: Alinsky, S. D. (1973) S. 75ff. bzw. Alinsky, S. D. (1984) S. 67.

125 Vgl. Hinte, W.; Karas, F. (1989) S. 23.

126 Vgl. Noack, W. (1999) S. 20.

127 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1989) S. 24.

128 Karas, F.; Hinte, W. (1989) S. 25.

129 Ebd. S. 26.

130 Vgl. Noack, W. (1999) S. 21.

131 Vgl. Oelschlägel, D. (1983): Zur Entwicklung der Gemeinwesenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland, In: Peters, F. (Hg.) (1983) S. 173.

132 Ebd. S. 173f; zit. nach Schwendtke, A. (Hg.) (1977).

133 Vgl. ebd. S. 174.

134 Vgl. Noack, W. (1999) S. 11.

135 Vgl. Oelschlägel, D. (1983): Zur Entwicklung der Gemeinwesenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland, In: Peters, F. (Hg.) (1983) S. 175.

136 Vgl. Boulet, J.J.; Krauss, E.J.; Oelschlägel, D. (1980) S. 156.

137 Vgl. Oelschlägel, D. (1983): Zur Entwicklung der Gemeinwesenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland, In: Peters, F. (Hg.) (1983) S. 174.

°Das Programm der Sozialen Stadtteilentwicklung setzt sich zusammen aus dem Sanierungsprogramm mit seinen förmlichen Sanierungsverfahren nach dem Baugesetzbuch und aus dem neuen hamburgischen Stadtteilentwicklungsprogramm (STEP) in dem die bisherigen Programme zur Revitalisierung und Armutsbekämpfung zusammengefasst wurden. (Vgl. Wendland, A. (2002) S. 43. In Anlehnung an: Mathe in FHH/STEB 1998, S. 7; keine Quellenangabe zu FHH/STEB möglich)

138 Wendland, A. (2002) S. 41; Zit. nach FHH/STEB, 1999d, S. 3.

139 Vgl. ebd.; In Anlehnung an FHH/STEB, 1996a, S. 3.

140 Vgl. Wendland, A. (2002) S. 41; In Anlehnung an FHH/STEB, 1999a, S. 6.

141 Vgl. Bader, K. (2002): Alltägliche Lebensführung und Handlungsfähigkeit; In: Bader, K.; Ludewig, B.; Rauthe, S., Wozniok, O., Jeannèe, P.; Zinggl, W (Hg.) (2002) S. 13.

142 Vgl. Bader, K. (2002): Alltägliche Lebensführung und Handlungsfähigkeit; In: Bader, K.; Ludewig, B.; Rauthe, S., Wozniok, O., Jeannèe, P.; Zinggl, W (Hg.) (2002) S. 14.

143 Vgl. ebd. S. 16.

144 Vgl. Bader, K. (2002): Alltägliche Lebensführung und Handlungsfähigkeit; In: Bader, K.; Ludewig, B.; Rauthe, S., Wozniok, O., Jeannèe, P.; Zinggl, W (Hg.) (2002) S. 19.

145 Vgl. ebd. S. 16.

146 Vgl. ebd. S. 18.

147 Vgl. Bader, K. (2002): Alltägliche Lebensführung und Handlungsfähigkeit; In: Bader, K.; Ludewig, B.; Rauthe, S., Wozniok, O., Jeannèe, P.; Zinggl, W (Hg.) (2002) S. 26.

148 Vgl. ebd. S. 52.

149 Vgl. ebd. S. 42.

150 Vgl. Ludewig, B. (2002): Gemeinwesen und Stadtteil; In: Bader, K.; Ludewig, B.; Rauthe, S., Wozniok, O., Jeannèe, P.; Zinggl, W (Hg.) (2002) S. 61.

151 Vgl. Bader, K. (2002): Alltägliche Lebensführung und Handlungsfähigkeit; In: Bader, K.; Ludewig, B.; Rauthe, S., Wozniok, O., Jeannèe, P.; Zinggl, W. (Hg.) (2002) S. 46.

152 Vgl. ebd. S. 54.

153 Vgl. Ludewig, B. (2002): Gemeinwesen und Stadtteil; In: Bader, K.; Ludewig, B.; Rauthe, S., Wozniok, O., Jeannèe, P.; Zinggl, W (Hg.) (2002) S. 62.

154 Vgl. Ludewig, B. (2002): Gemeinwesen und Stadtteil; In: Bader, K.; Ludewig, B.; Rauthe, S., Wozniok, O., Jeannèe, P.; Zinggl, W (Hg.) (2002) S. 62.

155. Bader, K. (2002): Alltägliche Lebensführung und Handlungsfähigkeit; In: Bader, K.; Ludewig, B.; Rauthe, S., Wozniok, O., Jeannèe, P.; Zinggl, W. (Hg.) (2002) S. 56.

156 Vgl. Mohrlok, M.; Neubauer, M.; Neubauer, R.; Schönfelder, W. (Hg.) (1993) S. 95.

157 Vgl. ebd. S. 95.

158 Vgl. S. 96.

159 Vgl. Dewe, B.; Ferchoff, W.; Scherr, A.; Stüwe, G. (1995) S. 9f.

160 Vgl. Kal, D. (2006) S. 13.

161 Vgl. ebd. S. 8.

162 Vgl. ebd. S. 15.

163 Vgl. ebd. S. 27.

164 Vgl. Kal, D. (2006) S. 129.

165 Vgl. ebd. S. 98.

166 Vgl. Kal, D. (2006) S. 97.

167 Ebd. S. 136. ° Allgemein verdeutlicht der Begriff Empowerment einerseits die Überwindung gesetzlicher und sozialer Ungleichheiten und Diskriminierungen, andererseits steht er für einen Prozess, in dem betroffene Menschen sich ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst werden, eigene Kräfte entwickeln und ihre Angelegenheiten dadurch eigenständig lösen. (Vgl. Integration :Österreich; Firlinger, B. (Hg.) (2003) S. 38.

168 Vgl. ebd. S. 133.

169 Vgl. Kal, D. (2006) S. 62. ° Beachtet werden sollte nochmals, dass es sich hier zwar um Psychiatrie-Erfahrene im Besonderen handelt, Doortje Kal jedoch gleichfalls von anderen Menschen spricht, die in irgendeiner Art und Weise eine marginalisierte Stellung innerhalb der Gesellschaft einnehmen. Daraus folgt, dass auch das Konzept des ´Multilogs` ein mögliches Instrument für am Gemeinwesen sich orientierende professionell Handelnde darstellt.

170 Ebd. S. 106.

171 Vgl. Kal, D. (2006) S. 108.

172 Vgl. ebd. S. 115.

173 Vgl. ebd. S. 125.

174 Vgl. Kal, D. (2006) S. 126. ° Dieser Begriff wurde von Hephizah und Richard Hauser (1971) entnommen. Hauser unterscheiden zwischen dem Einflussführer, dem Machtführer, der einer Gruppe von Gleichen angehört und sie ihn ohne Einschränkungen anerkennen und dem Establishmentführer, der wiederum einer Gruppe vorgesetzt wird und über sie herrscht, ob sie dies möchte oder nicht. (Vgl. Hauser, H. und R. (1971) S. 42ff.)

175 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1978) S. 92.

176 Vgl. The Calouste Gulbenkian Foundation (1972) S. 84.

177 Vgl. Kal, D. (2006) S. 115.

178 Vgl. Alinsky, S. D. (1973) S. 84; und Karas, F.; Hinte, W. (1978) S. 93.

179 Karas, F.; Hinte, W. (1978) S. 58. ° siehe Alinsky, S. (1984) S. 121 und S. 94f.

180 Vgl. Alinsky, S. (1984) S. 121.

181 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1978) S. 68f.

182 Alinsky, S. D. (1984) S. 83f.

183 Vgl. Kal, D. (2006) S. 129.

184 The Calouste Gulbenkian Foundation (1972) S. 109.

185 Vgl. Ludewig, B. (2002): Gemeinwesen und Stadtteil; In: Bader, K.; Ludewig, B.; Rauthe, S., Wozniok, O., Jeannèe, P.; Zinggl, W (Hg.) (2002) S. 75.

186 Vgl. Kal, D. (2006) S. 146.

187 Vgl. ebd. S. 143. ° Die Beschäftigung mit den verschiedenen Organisationen und Einrichtungen, die einen professionell Handelnden in Bezug auf gemeinwesenorientiertes Arbeiten anstellen ist von Bedeutung, findet in dieser Arbeit allerdings nicht statt. Weiterführende Literatur: Hauser, H. und R. (1971).

188 Vgl. Kal, D. (2006) S. 144.

189 Vgl. Karas, F.; Hinte, W. (1978) S. 95.

190 Stein, A.-D. (2006): Inkludierende Lebens- und Lernbedingungen herstellen, S. 4-11. In: Gemeinsam leben, 1/2006.

191 Vgl. ebd. S. 4.

193 Vgl. Inclusive Education an der EFH Darmstadt (2007) In: Maas, T.; Bayer, W.; Götz, D.; Heimler, J.; Kraft, W.; Nernheim, K.; Schulz, B.; Steinmann, L. S. (Hg.) (2007) S. 101.

194 Vgl. Inclusive Education an der EFH Darmstadt (2007) In: Maas, T.; Bayer, W.; Götz, D.; Heimler, J.; Kraft, W.; Nernheim, K.; Schulz, B.; Steinmann, L. S. (Hg.) (2007) S. 101.

195 Vgl. Stein, A.-D. (2006): Inkludierende Lebens- und Lernbedingungen herstellen, S. 4-11. In: Gemeinsam leben, 1/2006.

196 Vgl. Hentig, H. von (2006) S. 10ff.

197 dieGesellschafter im Internet: http://diegesellschafter.de/projekt/index.php, (19.07.2007)

198 Oelschlägel, D. (2001): GWA als Arbeitsprinzip sozialer Kommunalpolitik, In: Hinte, W.; Lüttringhaus, M.; Oelschlägel, D. (2001), S. 191.

199 Vgl. Störmer, N. (2006): European Bachelor of Inclusion Studies, S. 12-17, In: Gemeinsam leben, 1/2006; Weitere Informationen: http://www.sgw.hs-magdeburg.de/eurobachelor/, (19.07.2007). ° Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ); http://www.make- development-inclusive.org/docsen/PolitikpapierBehinderung.pdf, (19.07.2007). °° http://www.lebenshilfe.de/content/stories/index.cfm/key.3063/secid.9/secid2.59, (21. 07.2007).

200 Morus, T. (2003): Utopia, S. 115.

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Details

Titel
´GemeinSinn` - Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle durch gemeinwesenorientiertes Arbeiten und deren Bedeutung für professionelles Handeln
Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Veranstaltung
Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
114
Katalognummer
V115415
Dateigröße
899 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gemeinsinn, Gemeinwohl, professionelles Handeln, Gemeinwesenarbeit, Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education
Arbeit zitieren
Master of Art Elisabeth Lawonn (Autor), 2007, ´GemeinSinn` - Eine uneingeschränkte Teilhabe für Alle durch gemeinwesenorientiertes Arbeiten und deren Bedeutung für professionelles Handeln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115415

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