In der vorliegenden Arbeit soll anhand konkreter Textaspekte und -stellen untersucht werden, welche Erzählintention Anna Seghers mit dem Schreiben dieser Novelle verfolgte. Dabei unterscheide ich eine Autorbezogene Funktion, d.h. welche Ziele die Autorin für sich persönlich mit dem Schreiben verfolgte, und eine Leserbezogene Funktion, d.h. welche Botschaft dem Leser übermittelt werden soll. In einem ersten Kapitel sollen zunächst beide Begrifflichkeiten – die Autorbezogene und die Leserbezogene Funktion - näher erläutert werden. Im Hauptteil dieser Arbeit soll dann diese Dualität der Erzählfunktion konkret am Text bzw. an Textaspekten erarbeitet werden. Dabei lege ich den Schwerpunkt auf die Erzähl- und Zeitstruktur des Textes, die autobiographischen Elemente und die Figuren- und Landschaftsdarstellungen. Abschließend behandle ich in einem letzten Kapitel das Motiv des Erinnerns, da es in der Funktion des Erzählens, sowie innerhalb des fiktionalen Geschehens selbst eine Schlüsselfunktion hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Leserbezogene Funktion und Autorbezogene Funktion - Begriffsklärung
3. Erzähltechnik und Zeitstruktur in „Der Ausflug der toten Mädchen“
4. Schreiben wider das Vergessen – Autobiographische Aspekte
5. Landschaftsdarstellungen
6. Beitrag zur Frage nach der deutschen Schuld – die Figuren
7. „Die befohlene Aufgabe machen“
8. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Erzählintention von Anna Seghers in ihrer Novelle „Der Ausflug der toten Mädchen“. Dabei wird die Dualität zwischen einer autorbezogenen Funktion, die als persönliche Trauerbewältigung im Exil dient, und einer leserbezogenen Funktion, die als Appell zur Vergangenheitsbewältigung und zur Erneuerung eines humanistischen Bewusstseins im Nachkriegsdeutschland fungiert, analysiert.
- Analyse der Erzähl- und Zeitstruktur des Werkes
- Einfluss autobiographischer Aspekte auf das Schreiben
- Darstellung von Landschaft als Kontrastfolie und Identitätsmotiv
- Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld durch die Figurenkonstellation
- Die Bedeutung des Motivs des Erinnerns als Akt des Widerstands
Auszug aus dem Buch
3. Erzähltechnik und Zeitstruktur in „Der Ausflug der toten Mädchen“
In der Novelle „Der Ausflug der toten Mädchen“ geht es um eine exilierte deutsche Schriftstellerin in Mexiko, die von einem Ausflug mit ihren ehemaligen Schulkameradinnen, einer Mainzer Mädchenklasse, berichtet. Den Rahmen der Geschichte bildet die Wanderung der Erzählerin durch eine verödete mexikanische Landschaft. Beim Erkunden eines Rancho verwandelt sich die nebulöse Umgebung, von der nicht geklärt wird, ob sie durch atmosphärische Bedingungen oder den Gesundheitszustand der Erzählerin hervorgerufen wird, und die Erzählerin wird von Erinnerungsbildern an einen Schulausflug des Jahres 1912 im hessischen Rheinland überwältigt. Doch die Erzählerin ist nicht nur Beobachterin, sondern als Schulmädchen Netty auch Teil der Geschichte. Die mexikanische Erzählgegenwart bleibt die ganze Zeit über präsent und zu ihr kehrt die Erzählung am Ende zurück.
Stichwortartig skizziert die Erzählerin die einzelnen Mädchengestalten; die Landschaft am Rhein, die Rheinfahrt und der Weg durch Mainz zum Elternhaus der Erzählerin werden detailliert beschrieben. Doch diese idyllisierte, fast märchenhafte Darstellung wird immer wieder durch Reflexionen über den weiteren Werdegang der Mädchen vom Ersten Weltkrieg über das Dritte Reich bis hin zum Zweiten Weltkrieg unterbrochen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Entstehungsgeschichte der Novelle ein und definiert die zentrale Forschungsfrage nach der autor- und leserbezogenen Funktion des Erzählens.
2. Leserbezogene Funktion und Autorbezogene Funktion - Begriffsklärung: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Begrifflichkeiten und ordnet Anna Seghers’ Rolle als Exilschriftstellerin mit der Verantwortung für ein neues deutsches Bewusstsein ein.
3. Erzähltechnik und Zeitstruktur in „Der Ausflug der toten Mädchen“: Hier wird analysiert, wie die Vermischung von Zeitebenen und der Gebrauch des Präteritums den Bruch mit dem zeitlichen Verlauf und die Irritation des Lesers bewirken.
4. Schreiben wider das Vergessen – Autobiographische Aspekte: Das Kapitel beleuchtet, wie biographische Erlebnisse und persönliche Lebenskrisen der Autorin als Basis für die literarische Erinnerungsarbeit dienen.
5. Landschaftsdarstellungen: Die Analyse zeigt, wie die mexikanische Landschaft als negative Kontrastfolie zur rheinhessischen Heimat und als Spiegel innerer Zustände fungiert.
6. Beitrag zur Frage nach der deutschen Schuld – die Figuren: Der Fokus liegt auf der typologisierenden Darstellung der ehemaligen Schulfreundinnen als Spiegelbild deutscher Gesellschaftsentwicklungen und ihrer moralischen Bewährung.
7. „Die befohlene Aufgabe machen“: Dieses Kapitel interpretiert den Schreibauftrag in der Erzählung als zentrales Element für die Bewältigung der Vergangenheit und die Wiedererlangung der Identität.
8. Schlussbetrachtung: Die Arbeit fasst zusammen, dass die Novelle als Instrument der Trauerarbeit dient und gleichzeitig die Mahnung zur Erinnerung als ethische Pflicht formuliert.
Schlüsselwörter
Anna Seghers, Der Ausflug der toten Mädchen, Exilliteratur, Trauerarbeit, Erinnerung, Zeitstruktur, deutsche Schuld, Nationalsozialismus, Identitätssuche, Erzähltechnik, Heimat, Frauenbilder, Vergangenheitsbewältigung, Mexiko, Kriegsfolgen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Anna Seghers in ihrer Novelle „Der Ausflug der toten Mädchen“ literarische Mittel nutzt, um persönliche Trauer zu bewältigen und gleichzeitig ein politisches Signal für das Nachkriegsdeutschland zu setzen.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Exil, der Prozess der Erinnerung, die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf das Leben des Einzelnen sowie die Rolle des Schreibens bei der Identitätsstiftung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Dualität der Erzählfunktion – einerseits als persönliche Trauerarbeit der Autorin (autorbezogen) und andererseits als Appell an die Leserschaft zur Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit (leserbezogen) – aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer textanalytischen Vorgehensweise, bei der konkrete Textstellen, Erzählstrukturen und Zeitverhältnisse der Novelle untersucht und mit literaturwissenschaftlicher Sekundärliteratur in Bezug gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Erzähltechnik, autobiographische Bezüge, Landschaftsbeschreibungen als Identitätsspiegel und die Figurenkonstellation als Abbild gesellschaftlicher Entwicklungen im Dritten Reich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Anna Seghers, Exilliteratur, Trauerarbeit, Erinnerung, Identitätssuche, Zeitstruktur und Vergangenheitsbewältigung.
Welche Rolle spielt die Landschaft in der Novelle?
Die Landschaft dient als Kontrast zwischen der fremden, oft als lebensfeindlich wahrgenommenen Umgebung des mexikanischen Exils und der idyllisch überhöhten rheinhessischen Heimat, wodurch Sehnsucht und Fremdheit greifbar gemacht werden.
Warum spielt das Plusquamperfekt eine wichtige Rolle in der Erzählweise?
Es wird genutzt, um die Unwiderruflichkeit der in der Vergangenheit liegenden Ereignisse zu unterstreichen und eine Brücke zwischen der erzählten Gegenwart und dem späteren Wissen um die Zerstörung zu schlagen.
- Arbeit zitieren
- Christina Baumann (Autor:in), 2006, Die Funktionen des Erzählens in Anna Seghers "Der Ausflug der toten Mädchen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115431