Gegenstand dieser Arbeit bilden die intermedialen Beziehungen zwischen Literatur und Film. Zu diesem Zweck werden Arthur Schnitzlers Traumnovelle (1925) und deren Verfilmung durch Stanley Kubricks Eyes Wide Shut (1999) herangezogen.
Bevor der medienanalytische Vergleich zwischen dem literarischen Werk und seiner filmischen Adaption angegangen wird, soll im ersten Teil der Arbeit der Film in seiner historischen und kulturellen Dimension definiert werden. Es wird jedoch nicht auf die Geschichte des Films als solche eingegangen, sondern auf die Wirkungen dieses neuen Mediums auf die Wahrnehmung des Publikums und damit auf die Rezeption der zeitgenössischen Literatur.
Hinsichtlich der neuen Wahrnehmungsbedingungen im 19. und 20. Jahrhundert wird im nächsten Schritt die Blickthematik thematisiert. Schwerpunkt dieses Punktes bilden der neue mobilisierte, fotografische Blick, der Bilderhunger der Großstadtmenschen und deren damit verbundene Schaulust. Für den ersten Blick werden Beispiele von vorfotografischen bzw. –filmischen Blickkonstruktionen in der zeitgenössischen Literatur und Kunst herangezogen (Kap. 3). Neben Merkmalen ,filmischer Schreibweise‘ und ,literarisierter Filme‘ werden u.a. Bezüge zwischen den zu behandelnden Erzählungen (insbesondere E.T.A. Hoffmanns Des Vetters Eckfenster und Alfred Hitchcocks Film Das Fenster zum Hof ) bezüglich des Voyeurismus und der Kameratechnik aufgezeigt. Bei der Diskussion über den voyeuristischen Blick wird das Augenmerk besonders auf die Kinoerfahrung und den psychologischen Bezug zwischen Filmschau und Schaulust gerichtet (Kap. 4).
In Kap. 5 wird der Fokus des Interesses auf die Kino-Debatte, sprich: die öffentliche Auseinandersetzung der Intellektuellen mit dem neu aufkommenden Medium, gerichtet. Dabei wird auch Arthur Schnitzlers Verhältnis zum Film veranschaulicht (Kap. 5.4). Im Anschluss daran wird ein Einblick in die Entwicklung und den Stand der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Film (Kap. 6) gegeben und der Kunstbegriff des Films sowie die ästhetischen Bezüge desselben zu den traditionellen Künsten (Malerei, Architektur und Musik) eingehend untersucht, um schließlich die wechselseitigen Beziehungen zwischen Literatur und Film aufzeigen zu können. Besonderes Interesse erfährt die Montagetechnik, welche den Film von den traditionellen Künsten abgrenzt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ursprünge des Films: Vom Guckkasten zum ersten Film
2.1 Der neue Blick in den Guckkasten
2.2. Die Entwicklung des Films zwischen Realismus und Expressionismus
3 Die neue (filmische) Wahrnehmung im 20. Jahrhundert
3.1 Der Bilderhunger
3.2 Die Mobilisierung des Sehens
3.3 Der fotografische Blick: Protokinematografische Spuren in der Literatur des 19. Jahrhunderts
4 Der voyeuristische Blick
4.1 Das Kinoerlebnis: Psychologische Bezüge zwischen Filmschau und Schaulust
4.2 Voyeurismus im Kino: Audiovision als Surrogat für Sexuallust
5 Kino-Debatte
5.1 Die erste Phase (1895-1909)
5.2 Die zweite Phase (1909-1920)
5.2.1 Kultureller Widerstand und Stadt-Land-Dichotomie
5.2.2 Drang nach kultureller Legitimation: Die ersten Literaturverfilmungen
5.3 Die dritte Phase (1920-1929): Die Krise des Wortes, die Kraft der Bilder
5.4 Arthur Schnitzlers Liebe für den Film
6 Die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Film
7 Kunstbegriff des Films: Der Film und die traditionellen Künste
7.1 Der Film zwischen Fotografie und Malerei
7.2 Film und Architektur
7.3 Film und Musik: Das Zusammenspiel von Bild und Ton
7.3.1 Die Eigenschaft der Musik im Allgemeinen
7.3.2 Die Funktionen der Filmmusik
8 Literatur und Film
8.1 Film und Dramatik
8.1.1 Historische Konkurrenz
8.1.2 Mediale Ähnlichkeiten
8.1.3 Mediale Unterschiede
8.2 Film und Lyrik
8.3 Die Montagetechnik
8.3.1 Die Montage und ihre rhetorische Mittel
8.4 Film und Epik (Roman, Erzählung)
8.4.1 Medienspezifische Gemeinsamkeiten und Unterschiede
8.4.2 Die Beziehungen zwischen epischer Literatur und Film
8.5 Der Einfluss der Literatur auf den Film
8.6 Der Einfluss des Films auf die Literatur
8.7 Wechselseitiger Einfluss
8.7.1 Der Expressionismus und Das Cabinet des Dr. Caligari
8.7.2 Der Kinostil in Alfred Döblins Prosa
8.8 Ergebnisse: Die Vorliebe des Films für bestimmte Gattungen
9 Adaptionen als kulturelles Phänomen
9.1 Arten der Literaturverfilmungen: Werktreue und Interpretation
9.2 Ist eine Literaturverfilmung noch Literatur? Rezeptiven Unterschiede zwischen Lesen und Sehen
10 Film und Sprache
10.1 Der Textstatus des Films: Seine Bedeutung und der filmische Code
10.2 Der Sprachstatus des Films
10.2.1 Die paradigmatische und syntagmatische Bedeutungsebene des Films
10.3 Sprachliche und filmische Zeichen: Die unterschiedlichen Beziehungen von Signifikant und Signifikat
10.3.1 Die filmischen Zeichen: Icons, Index, Symbol
10.3.2 Versuche einer Gleichstellung von Wort und Bild
10.4 Die konnotative Kraft der Filmsprache
10.5 Die Universalität der Filmsprache
11 Die Mittelbarkeit der Literatur und des Films: Literarizität vs. Filmizität
11.1 Die Mittelbarkeit der Epik
11.1.1 Tiefenstruktur und Oberflächenstruktur
11.1.2 Der Erzähler als ,Zeichen der Mittelbarkeit‘ der Epik
11.1.3 Typische Erzählerfiguren der epischen Literatur: auktorialer, neutraler und personaler Erzähler
11.2 Die Mittelbarkeit des Films
11.2.1 Der Film: unmittelbares oder mittelbares Medium? Die traditionelle Vorstellung
11.2.2 Die Tiefenstruktur und Oberflächenstruktur des Films
11.2.3 Die vermittlende Instanz des Films: Die Kamera als Erzähler
11.3 Der Film und die Instrumente seiner Mittelbarkeit
11.3.1 Die Mittelbarkeit durch filmische Codes
11.3.2 Mittelbarkeit durch den kinematographischen Code
11.3.2.1 Der personale Erzähler und die attached camera
11.3.2.2 Der neutrale und der auktoriale Erzähler in der detached camera
11.4 Die ,Filmizität‘ des Films
12 Die Literaturverfilmung: Arthur Schnitzlers Traumnovelle und Stanley Kubricks Eyes Wide Shut
12.1. Arthur Schnitzler als Wissenschaftler und Schriftsteller
12.2 Die Traumnovelle als skeptischer Sieg von Ethos über Eros
12.3 Stanley Kubrick: Genie und Perfektion
12.4 Von der Traumnovelle zu Eyes Wide Shut
12.4.1 Verlegung von Ort und Zeit
12.4.2 Die Figurenkonstellation
12.4.3 Die Einführungssequenz: Die Vorbereitung auf den Weihnachtsball
12.4.4 Auf dem Vorweihnachtsball: Der Beginn des Traumes und der verbotene Blick
12.4.5 Die Offenbarungsszene im Film
12.4.6 Alice vs. Albertine
12.4.7 Bills vs. Fridolin auf der nächtlichen Odyssee
12.4.8 Kubricks Bruch mit der Traumnovelle: Das Aufklärungsgespräch und die Figur Zieglers
12.4.9 Eyes Wide Shut vs. Traumnovelle: Das skeptische Ende
13 Ergebnisse und Perspektiven
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die komplexen intermedialen Beziehungen zwischen Literatur und Film anhand von Arthur Schnitzlers Novelle "Traumnovelle" und deren filmischer Adaption "Eyes Wide Shut" durch Stanley Kubrick. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die historische Koevolution der Medien, die psychologische Bedeutung der Schaulust sowie die methodische Herausforderung einer medienadäquaten Literaturverfilmung.
- Intermediale Transformation zwischen literarischem Text und filmischer Bildsprache.
- Analyse der Blickthematik und der Rolle des Voyeurismus im Medium Film.
- Psychologische und ästhetische Funktionen der Kinoerfahrung für den Zuschauer.
- Die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Film als eigenständigem Medium.
- Vergleich der Erzählweisen und der Gestaltung der Mittelbarkeit in beiden Gattungen.
Auszug aus dem Buch
3.3 Der fotografische Blick: Protokinematografische Spuren in der Literatur des 19. Jahrhunderts
Die Entwicklung der Kunst des Kinos fällt mit der Epoche der Industrie und Technik zusammen, die das Auge privilegiert hat. In diesem Zeitalter “schrumpft die empirische Wirklichkeit [...] immer mehr zu einer simulierten fotografischen und videographischen Seh-Wirklichkeit zusammen”. Pawek definiert diese Epoche daher auch als optisches Zeitalter:
Man kann für diesen modernen Triumph des Auges nur eine Parallele finden in dem Triumph, den die ,Vernunft‘ [Hervorh.i.Orig.] im siebzehnten und achtzehnten Jh. gefeiert hat. Dieses Zeitalter glaubt mit missionarischem Eifer an die Vernunft und nannte sich stolz das ,philosophische‘ [Hervorh.i.Orig.]; das zwanzigste Jahrhundert glaubt an das ,Auge‘ [Hervorh.i.Orig.] - und man kann es daher das ,optische Zeitalter‘ [Hervorh.i.Orig.] nennen [...]. Nun hat die Menschheit ein neues menschliches Organ auf jenen Thron gehoben, den sie einst der Vernunft einräumte: sie verlangt Optik, kultivierte Optik und schafft sich eine neue Weltorientierung mittels der Optik.
Die Fotografie modifiziert die Perspektive und Wahrnehmungsweise des gesellschaftlichen Menschen. Letztere ist nun auch technisch und nicht mehr nur spirituell-philosophisch wahrzunehmen. Das visuelle Medium der Fotografie erfordert nun einen neuen Blick, der sich auf Details richtet und die Bewegung festhält. Es entsteht eine Wahrnehmungsoperation des Auswählens, Feststellens und Identifizierens.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in das Thema der intermedialen Beziehungen zwischen Literatur und Film ein und definiert den Vergleich von Schnitzlers "Traumnovelle" mit Kubricks "Eyes Wide Shut" als Untersuchungsgegenstand.
2 Ursprünge des Films: Vom Guckkasten zum ersten Film: Dieses Kapitel behandelt die technische Genese des Kinos, ausgehend vom Guckkasten bis hin zu den ersten Lumière-Filmen als Realitätssimulation.
3 Die neue (filmische) Wahrnehmung im 20. Jahrhundert: Es wird analysiert, wie Industrialisierung und Großstadtleben einen neuen "Bilderhunger" und eine Mobilisierung des Sehens erzeugten, die den Film als geeignetes Medium etablierten.
4 Der voyeuristische Blick: Das Kapitel untersucht die psychologischen Dimensionen der Kinoerfahrung und die psychoanalytische Bedeutung der Schaulust.
5 Kino-Debatte: Es wird die öffentliche und intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Film in Deutschland zwischen 1909 und 1929 nachgezeichnet, inklusive Schnitzlers persönlichem Verhältnis zum Medium.
6 Die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Film: Eine historische Einordnung der wissenschaftlichen Rezeption, die sich von einer anfänglichen Ablehnung hin zu einer intermedialen Kooperationsphase entwickelte.
7 Kunstbegriff des Films: Der Film und die traditionellen Künste: Die Analyse der ästhetischen Verwandtschaft des Films zu Malerei, Architektur und Musik.
8 Literatur und Film: Ein systematischer Überblick über die wechselseitigen Einflüsse zwischen literarischen und filmischen Erzählformen, Gattungen und der Montagetechnik.
9 Adaptionen als kulturelles Phänomen: Es wird das theoretische Feld der Adaption beleuchtet, wobei zwischen werktreuen und interpretativen Umsetzungen unterschieden wird.
10 Film und Sprache: Dieses Kapitel vergleicht verbalsprachliche und filmische Zeichenstrukturen und erörtert die konnotative sowie denotative Kraft der Filmsprache.
11 Die Mittelbarkeit der Literatur und des Films: Literarizität vs. Filmizität: Untersuchung der narrativen Instanzen in beiden Medien, um die Mittelbarkeit des Films (trotz seiner Unmittelbarkeit) aufzuzeigen.
12 Die Literaturverfilmung: Arthur Schnitzlers Traumnovelle und Stanley Kubricks Eyes Wide Shut: Eine tiefgehende Analyse der konkreten Adaption, von der Figurenkonstellation bis zur skeptischen Schlussdeutung des Werkes.
13 Ergebnisse und Perspektiven: Das Fazit fasst die intermediale Analyse zusammen und plädiert für eine moderne Literaturwissenschaft, die den Film als integralen Bestandteil ihres Forschungsbereichs begreift.
Schlüsselwörter
Literaturverfilmung, Intermedialität, Traumnovelle, Eyes Wide Shut, Filmtheorie, Montage, Voyeurismus, Erzähltheorie, Adaptation, Literaturwissenschaft, Filmgeschichte, visuelle Wahrnehmung, Schnitzler, Kubrick, Narrativität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die intermedialen Beziehungen zwischen Literatur und Film. Hauptaugenmerk liegt auf der Analyse von Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" und Stanley Kubricks filmischer Adaption "Eyes Wide Shut".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören die Geschichte der Filmrezeption durch die Literaturwissenschaft, die psychologischen Aspekte des voyeuristischen Blicks im Kino sowie die strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Erzählweise beider Medien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die "Literaturverfilmung" nicht mehr als einfache "Abfilmung" oder bloße Kopie zu verstehen, sondern als eigenständige, komplexe Interpretation eines Stoffes in einem anderen Medium, die wissenschaftlich analysiert werden muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt medienkomparatistische Ansätze sowie filmtheoretische und erzähltheoretische Konzepte, um Transformationen zwischen den Medien Text und Film zu identifizieren.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil erörtert historisch-technische Grundlagen des Films, die öffentliche Debatte über das Kino, die theoretische Entwicklung der Literaturwissenschaft hin zum Film sowie die spezifische Analyse der oben genannten Werke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Literaturverfilmung, Intermedialität, Montage, Voyeurismus, Erzähltheorie und die spezifische "Filmizität" im Vergleich zur "Literarizität".
Warum wird Arthur Schnitzler als wichtig für das Thema angesehen?
Schnitzler war selbst ein Vorreiter in der Auseinandersetzung mit dem Film und suchte nach einer künstlerischen Form der Adaption, die ohne die bloße Imitation des Theaters oder die Aufgabe des literarischen Geistes auskam.
Welche Rolle spielt die Montage für die Argumentation?
Die Montage wird als das primäre filmische Ausdrucksmittel identifiziert, das den Film von rein deskriptiven Medien abhebt und es erlaubt, narrative Strukturen ähnlich der Literatur zu erschaffen, jedoch mit ganz anderen technischen und semantischen Regeln.
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- MA Antonio Sisto (Author), 2006, Der ,Blick' zwischen Literatur und Film: Literaturverfilmung als intermediales Phänomen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115434