Der menschliche Körper, eine "Totale Institution"?


Hausarbeit, 2008
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Das Locked-In-Syndrom - Krankheitsdefinition

3 Das Konzept der „Totalen Institution“ – Eine begriffliche Näherung

4 Mechanismen der „Totalen Institution“ Krankenhaus in „Schmetterling und Taucherglocke“
4.1 Der menschliche Körper, eine „Totale Institution“?
4.2 Schutz des Selbst vor dem Selbst

5 Quellenverzeichnis

1 Einführung

Bereits der Titel dieser Hausarbeit bringt eine These und eine damit einhergehende Fragestellung mit sich. „Wenn der Körper zur totalen Institution wird“ beinhaltet den Begriff der totalen Institution. Definitorisch soll hierbei von den soziologischen Ausführungen Erving Goffmans ausgegangen werden, die er im Zusammenhang mit dem Begriff der totalen Institution in seinem Werk „Asyle“ darlegt. Wie definiert also Goffman totale Institutionen und vor allem kann der menschliche Körper zu einer solchen werden? Zumindest der zweite Teil der formulierten Fragestellung wird sich durch die gesamte Arbeit ziehen, auf der Suche nach einer hinreichenden Beantwortung und Belegen. Als „Instrument“, zwecks Identifizierung von Belegen, soll hierbei Jean-Dominique Baubys „Schmetterling und Taucherglocke“ dienen. Am 8. Dezember 1995, im Alter von dreiundvierzig Jahren, erleidet Jean-Dominique Bauby, der zu diesem Zeitpunkt Chefredakteur der Elle ist, einen Gehirnschlag. Konsequenz ist, dass der Vater zweier Kinder schlagartig aus dem Leben katapultiert wird und erst Ende Januar 1995 im Hôpital maritime in Berck, Frankreich das Bewusstsein wiedererlangt. Sein Verstand und sein Bewusstsein erholen sich schnell, doch sein Körper versagt ihm den Dienst. Bauby leidet an dem sog. Locked-In Syndrom, wodurch er unfähig ist, sich zu artikulieren oder sich gar zu bewegen. Einzig seinen Kopf kann er etwas drehen und wie es für die Symptomatik des LIS[1] typisch ist, kann er mit einem Augenlid blinzeln. Mithilfe einer Logopädin etabliert Jean-Dominique Bauby für sich darüber eine mühsame Kommunikationsform. Über ein ausgeklügeltes Alphabet kann er so einer Lektorin ein Buch, sein Schicksal, seine Gedanken diktieren.

Doch was Bauby hier beschreibt, ist nicht nur einfach das Schicksal eines Patienten mit LIS. Er schafft es darüber hinaus auf eindrucksvolle Art und Weise sich reflektierend mit der Institution Krankenhaus auseinanderzusetzen. Der Blick Jean-Dominique Baubys ermöglicht es, sich dem Konzept „Totale Institution“ von Innen herauszunähern, wohin gegen anhand Goffman der theoretische Blick von Außen gewährleistet wird. Gestützt werden diese Überlegungen u.a. von Vera Pohland, die in diesem Zusammenhang in der literarischen Verarbeitung von medizinischen Institutionen und Krankheiten ein Instrument begreift, sowohl Kritik an der Institution selbst und der Gesellschaft zu üben, als auch seine eigene Rolle einer genaueren Betrachtung zu unterziehen.

„Literatur gibt so der Krankheit Raum für eine eigene Sprache, die sich nicht bruchlos dem fachmedizinischen Diskurs fügt. Sie entfaltet neue, andere Dimensionen dadurch, daß sie Krankheit aus ihrer individuellen Einschreibung, der persönlichen Krankheitserfahrung, löst und schließlich in ein Erkenntnismedium umwandelt, durch das sich historische Realität darstellen kann.“[2]

2 Das Locked-In-Syndrom - Krankheitsdefinition

Um sich dem Zustand des Icherzählers resp. Autors von „Schmetterling und Taucherglocke“, Jean-Dominique Bauby, nähern zu können, ist eine vorangehende Betrachtung des sog. „Locked-In-Syndroms“ hilfreich.

Bei dem „Locked-In-Syndrom“ handelt es sich um eine neurologische Unfähigkeit zu sprechen oder sich zu bewegen. Der Betroffene ist jedoch wach und bei voller Bewusstseinsklarheit. Der „Locked-In-Syndrom e.V.“ liefert auf seiner Internetpräsenz folgende Definition:

„Das Locked-in Syndrom besteht in einer vollständigen Lähmung (Tetraplegie) bei erhaltenem Bewußtsein. Ebenso besteht eine Lähmung des Sprechapparates (Dysarthrie) und der Atmung. Häufigste Ursache ist ein Stammhirninfarkt, hervorgerufen durch eine Thrombose der Arteria Basilaris, der zentralen hirnversorgenden Arterie. Eine spontane Kommunikation ist im besten Fall nur über den Lidschlag möglich.“[3]

Anders also als bei Wachkomapatienten, zeigen „Locked-In-Patienten“ eine nachweisbare kognitive Orientiertheit. Aus medizinischer Sicht sind Betroffene somit eher zur Patientengruppe der Hochquerschnittsgelähmten zu zählen. Auslöser für LIS können, wie es weiter auf der Seite von „Locked-In-Syndrom e.V.“ heißt, unterschiedlichster Natur sein:

„Obwohl das Locked-in Syndrom selbst klinisch eindeutig definiert ist, kann es als Folge einer ganzen Reihe von Erkrankungen auftreten (Muskelschwund [Amyotrophe Lateralsklerose], Hirnhautentzündung [Meningitis] u. a.). Die häufigste Ursache ist ein Schlaganfall in Form eines Stammhirninfarktes, wie er zum Beispiel durch eine Basilaristhrombose hervorgerufen wird.“[4]

In der Regel ist, wie auch bei Jean-Dominique Bauby, eine Augenbeweglichkeit gegeben oder sogar die Fähigkeit den Kopf zu drehen, was es dem Betroffenen ermöglicht, eine Verständigung mit der Außenwelt zu etablieren. Im Falle des ehemaligen Elle-Chefredakteurs Bauby wurde in Zusammenarbeit mit einer Logopädin ein Alphabet entwickelt, welches eine Sortierung der Buchstaben nach Häufigkeit ihres Auftretens in der französischen Sprache aufweist. Mit einem Augenzwinkern signalisierte Bauby seinem gegenüber, beim Durchgehen des Alphabets, welche Buchstaben aneinander gereiht werden sollen. Hieraus ergab sich für Bauby die einzige Möglichkeit, sich seiner Außenwelt mitzuteilen und aufzuzeigen, dass die starre Hülle, die sein Körper nur noch war, durchaus noch einen wachen und geschärften Geist barg.

3 Das Konzept der „Totalen Institution“ – Eine begriffliche Näherung

1961 veröffentlichte der Soziologe Erving Goffman eine Untersuchung mit dem Titel: „Asylums. Essays on the Social Situation of Mental Patients and other Inmates“ (Chicago 1961). In dieser Publikation stellt Goffman erstmals seine Erkenntnisse, gewonnen durch die Methode der teilnehmenden Beobachtung, über das Binnenleben in psychiatrischen Kliniken vor. Grundlegend für sein Konzept ist hierbei der von ihm geprägte Begriff der „Totalen Institution“. Obwohl Goffmans Beobachtungen hauptsächlich anhand der Einrichtung psychiatrische Klinik formuliert werden, unterstreicht er gleichermaßen eine Gültigkeit für andere soziale Institutionen. Goffman definiert in diesem Kontext „Totale Institutionen“ „als Wohn- und Arbeitsstätte einer Vielzahl ähnlich gestellter Individuen […], die für längere Zeit von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes, formal reglementiertes Leben führen.“[5] Der Faktor Zeit ist dabei für Goffman eine wesentliche Komponente zur Abgrenzung von anderen sozialen Institutionen. Eine Institution ist umso totaler, je mehr Zeit ihrer Mitglieder sie in Anspruch nimmt.

Zum besseren Verständnis sei erwähnt, dass für Goffman „Totale Institutionen“ eine Art Unterform des Begriffs der „sozialen Einrichtung“ darstellen. Die „Totale Institution“ stellt in seinen Ausführungen dabei die radikalste Form von Einrichtungen resp. Institutionen dar, welche in unserer modernen Gesellschaft vorzufinden sind. Unter dem Überbegriff soziale Einrichtungen beschreibt Goffman „ – in der Alltagssprache Anstalten (institutions) genannt – […] Räume, Wohnungen, Gebäude oder Betriebe, in denen regelmäßig eine bestimmte Tätigkeit ausgeübt wird.“[6]

[...]


[1] Offiziele Abkürzung für „Locked- In- Syndrom“

[2] Pohland, Vera: Das Sanatorium als literarischer Ort : medizinische Institution und Krankheit als Medien der Gesellschaftskritik und Existenzanalyse / Vera Pohland . - Frankfurt am Main [u.a.] : Lang , 1984 . - 253 S. S.12.

[3] http://www.locked-in-syndrom.org/ (20.04.2008)

[4] Ebd.

[5] Goffman, Erving: Asyle: über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen / Erving Goffman . - 1. Aufl. . - Frankfurt am Main : Suhrkamp , 1973 . - 366 S. S.11f.

[6] Ebd.: S.15f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der menschliche Körper, eine "Totale Institution"?
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Seminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V115458
ISBN (eBook)
9783640169818
ISBN (Buch)
9783640172399
Dateigröße
1993 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
9 Einträge im Literaturverzeichnis, davon 3 Internetquellen.
Schlagworte
Körper, Totale, Institution, Seminar
Arbeit zitieren
David Liniany (Autor), 2008, Der menschliche Körper, eine "Totale Institution"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115458

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