Schulgesundheitspflege. Die Rolle der Gesundheits- und Krankenpflege im Bildungssystem in Zeiten von Covid-19


Masterarbeit, 2021

139 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ZUSAMMENFASSUNG

ABSTRACT

VORWORT

INHALTSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG
1.1. PROBLEMSTELLUNG
1.2. FORSCHUNGSFRAGE
1.3. METHODIK
1.4. FORSCHUNGSZIEL

2 DIE WELTGESUNDHEITSORGANISATION
2.1 OTTAWA-CHARTA
2.2 PUBLIC HEALTH
2.3 GESUNDHEIT 2020 - DAS RAHMENKONZEPT DER WHO
2.4 GESUNDHEIT UND KRANKHEIT
2.5 DIMENSIONEN DER GESUNDHEIT
2.6 DETERMINANTEN DER GESUNDHEIT
2.7 GESUNDHEITSFÖRDERUNG UND PRÄVENTION

3 DAS BERUFSBILD SCHULGESUNDHEITSPFLEGERIN
3.1 SCHULGESUNDHEITSPFLEGE INTERNATIONAL UND IN EUROPA
3.2 TÄTIGKEITSBEREICHE VON SCHULGESUNDHEITSPFLEGERINNEN
3.3 QUALIFIZIERUNG VON SCHOOL NURSES
3.4 ERFAHRUNGEN MIT SCHULGESUNDHEITSPFLEGERINNEN
3.4.1 Prinzipien der Schulgesundheitspflege
3.4.2 Vorteile von Schulgesundheitspflege
3.4.3 Zielsetzung von Schulgesundheitspflege

4 GESUNDHEITSPROFESSIONEN IM ÖSTERREICHISCHEN SCHULWESEN
4.1 SCHULGESUNDHEITSPFLEGERINNEN
4.2 SCHULÄRZTINNEN
4.3 SCHULSOZIALARBEITERINNEN
4.4 SCHULPSYCHOLOGINNEN
4.5 SOZIALPÄDAGOGINNEN

5 KOMPETENZEN VON SCHULGESUNDHEITSPFLEGERINNEN
5.1 SIEBEN STANDARDS UND KOMPETENZBEREICHE DER SCHOOL HEALTH SERVICES (WHO)
5.2 KOMPETENZEN VON GESUNDHEITS- UND KRANKENPFLEGERINNEN IN ÖSTERREICH
5.3 QUALIFIZIERUNG UND KOMPETENZEN VON SCHULGESUNDHEITSPFLEGERINNEN IN BRANDENBURG/HESSEN
5.4 ZIELE EINER QUALIFIZIERUNGSMAßNAHME ZUR SCHOOL NURSE

6 SCHULGESUNDHEITSPFLEGE IN ZEITEN VON COVID-19
6.1 PFLEGERISCH MEDIZINISCHE VERSORGUNG VON SCHULKINDEN
6.2 COVID-19 - GESUNDHEITLICHE/SOZIALE BELASTUNGEN
6.2.1 Angst
6.2.3 Asthma
6.2.4 Bewegungsmangel
6.2.5 Diabetes
6.2.6 Essstörungen
6.2.7 Gewalt und Mobbing
6.2.8 Kommunikation / Körperkontakt / Social Distancing
6.2.9 Neurodermitis und andere Hautkrankheiten
6.2.10 Psychische Störungen
6.2.11 Schlafen
6.2.12 Sexualität und Beziehungsleben
6.2.13 Stress
6.2.14 Suchtverhalten
6.2.15 Zahngesundheit
6.3 PANDEMIEEINDÄMMENDE MAßNAHMEN IN SCHULEN
6.4 INTERGRIERUNG VON SCHULGESUNDHEITSPFLEGERINNEN IN ÖSTERREICH
6.5 KRITISCHE BETRACHTUNG DER CORONA-STRATEGIE IN SCHULEN
6.5.1 Händehygiene
6.5.2 Testungen
6.5.3 Masken
6.5.4 Distance Learning / Digitalisierung
6.5.5 Lockdown / Quarantäne
6.5.6 SARS-CoV-2-Impfstrategie bei Kindern
6.6 GESUNDHEITSFOLGEN FÜR KINDER IN ZEITEN VON COVID-19
6.7 ETHIK IN ZEITEN VON COVID-19

7 ERGEBNISTEIL

8 DISKUSSION

9 AUSBLICK

LITERATUR

ANHANG

Zusammenfassung

Chronisch Krankheiten, Übergewicht, Bewegungsmangel, psychische Belastungen und sonstige Störungen im Schulkindalter erfordern zusätzliches Gesundheitsfachpersonal an Schulen. Es fehlt an professioneller pflegerisch­medizinischen Versorgung von Schulkindern. Vor allem braucht es eine nachhaltige Stärkung der Kindergesundheit. In Österreich wird Schulgesundheitspflege hauptsächlich von SchulärztInnen durchgeführt. In Bildungseinrichtungen ohne Gesundheitsfachpersonal vor Ort erledigt Lehr- und sonstiges Schulpersonal die gesundheitliche Versorgung der Kinder (Verbandwechsel, Handlungen an Sonden und Katheter oder Verabreichung einer Medikation uvm.). Die seit Ende März des Jahres 2020 ausgerufene Corona-Pandemie erfordert auch in Österreich eine Überarbeitung von Gesundheitsstrategien. Schulkinder stehen derzeit vor besonderen gesundheitlichen bzw. psychosozialen Herausforderungen.

Forschungsfrage: „Welche gesundheitsbezogenen Erfordernisse bestehen für Kinder aktuell im österreichischen Pflichtschulsystem und inwiefern wirken die Rollen bzw. Kompetenzen der Gesundheits- und Krankenpflege darauf ein?“

Forschungsziel: Aufzeigen der aktuellen Ausgangslage der Schulgesundheits­pflege in Österreich und Ermittlung der Aufgaben und Kompetenzen der Gesund- heits- und Krankenpflege in diesem Setting.

Ergebnis: SchulgesundheitspflegerInnen tragen als erste Ansprech-, Vertrauens- und Vermittlungspersonen zur Stärkung der Kinder- und Bevölkerungsgesundheit bei. Die vielfältigen Kompetenzen befähigen Gesundheits- und KrankenpflegerInnen zu Aktivitäten in der Gesundheitsversorgung, -förderung und Prävention. School Nurses leisten insbesondere in Zeiten von Covid-19 einen wertvollen Gesundheitsbeitrag.

Methode: Die Forschungsergebnisse sind anhand von Literaturrecherchen zum Thema entstanden.

Schlüsselwörter: Schulgesundheitspflege, Gesundheits- und Krankenpflege, Kompetenzen, Schulkinder, Covid-19

Abstract

There is a lack of professional nursing and medical care for school children. Chronically ill children, obesity, lack of exercise, psychological stress and other disorders in school-age children require additional health professionals in schools. Furthermore, there is a need for sustainable strengthening of child health. In Austria, school health care is mainly provided by school physicians. In educational institutions without health professionals on site, teaching and other school staff provide health care for children (e.g., dressing changes, actions on probes and catheters or administration of medication, etc.). Covid-19, which was declared an international emergency situation in March 2020, requires a revision of health strategies in Austria, because school children are currently facing special health and psychosocial challenges.

Research question: "What are the current health-related needs for children in the Austrian compulsory education system and to what extent do the roles and competencies of health care and nursing affect them?"

Research aim: To highlight the current baseline situation of school health nursing in Austria and to identify the tasks and competencies of health and nursing in this setting.

Results: School Health Nurses contribute to strengthening child and population health as the first point of contact, trust, and referral. Diverse skills empower health and health care nurses to engage in health care delivery, promotion, and prevention activities. School Nurses make a valuable health contribution, especially in times of Covid-19.

Method: The research results were developed by means of literature research on the topic.

Keywords: School Health Nursing, health and nursing care, competencies, school children, Covid-19.

Vorwort

„GESUNDHEIT IST NICHT ALLES, ABER OHNE GESUNDHEIT IST ALLES NICHTS.“ (Arthur Schopenhauer)

Gesundheitsförderung ist ein Prozess, der Menschen dabei unterstützt, die Kontrolle über ihre Gesundheit zu verbessern.

Präventionsmaßnahmen verfolgen das Ziel, einer Krankheitsentstehung frühzeitig entgegenzuwirken. Je früher gesundheitsfördernde und präventive Strategien einsetzen, desto stärker ist der Gesundheitseffekt. Gesundheitsstärkende, nachhaltig eingesetzte Maßnahmen im (Volks- )Schulalter tragen maßgeblich zur Bevölkerungsgesundheit bei. in Europa und international sind vorwiegend School Nurses für gesunde und kranke Kinder im Bildungssystem zuständig. Sie unterstützen mit gezielten Gesundheitsförderungs- und Präventionsstrategien die Kindergesundheit, bereits ab dem Kleinkindalter bis hin zum Ende der Pflichtschulzeit.

Das besondere interesse der Autorin am Thema resultiert einerseits aus ihrer jahrelangen Berufserfahrung als Gesundheits- und Krankenpflegerin im Bereich chronisch kranker und intensivpflichtiger Patientinnen, andererseits auch aus einschneidenden privaten Erlebnissen. Sie erkannte, dass frühe Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention manches an Leid hätten eindämmen können. Nicht zuletzt liegt die Begründung für das Thema auch in ihrer Liebe zu Kindern.

School Nurses steigern die Gesundheitskompetenz von Kindern und von späteren Erwachsenen. initiativen der Berufsgruppe unterstützen nicht nur Schülerinnen, sondern auch ihr soziales umfeld. Langfristig lassen sich damit Gesundheitsausgaben reduzieren.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema baut auf zwei zuvor verfassten wissenschaftlichen Abschlussarbeiten der Autorin auf.

Die vorliegende Arbeit ist allen Kindern und Jugendlichen gewidmet, die in dieser besonderen Zeit die Herausforderungen unserer Gesellschaft mittragen.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Gesundheit 21 - Das Rahmenkonzept „Gesundheit für alle“ (DAS KONZEPT DER WHO 1999: 213-216, EIGENE DARSTELLUNG)

ABBiLDuNG 2: DiMENSiONEN DER GESuNDHEiT (AGGLETON & HOMANS 1987 uND EWLES & SiMNETT 1999, iN: NAiDOO uND WiLLS 2013: 6, EiGENE DARSTELLuNG) 1

ABBiLDuNG 3: GESuNDHEiTSDETERMiNANTEN: DAHLGREN u. WHiTEHEAD (1991), NACHGEBiLDET uND BEREiTGESTELLT VON FONDS GESuNDES ÖSTERREiCH

ABBiLDuNG 4: AuFGABENBEREiCHE VON SCHOOL NuRSES iN PROZENTANTEiL (MÖLLER 2016, ZiT. NACH GuNDOLF 2019: 7, EiGENE DARSTELLuNG)

ABBiLDuNG 5: uMFRAGE BEi ORGANiSATiONEN DER HAuSKRANKENPFLEGE FÜR KiNDER uND JuGENDLiCHE iN ÖSTERREiCH; MOKi-WiEN FÜR EiNE PRÄSENTATiON BEi DER PARLAMENTARiSCHEN ENQuETE (HiNTERMAYER 2016, ZiT. NACH GuNDOLF 2019: 26) (EiGENE DARSTELLuNG)

ABBiLDuNG 6: SCHuLTESTuNGEN LAND VORARLBERG (Ö) (GRAFiK BEREiTGESTELLT VON OLiVER LERCH 2021: O. S.)

ABBiLDuNG 7: SCHuLTESTuNGEN LAND VORARLBERG (Ö) (GRAFiK BEREiTGESTELLT VON OLiVER LERCH 2021: O. S.)

ABBiLDuNG 8: ZAHL DER BESTÄTiGTEN SARS-COV-2 FÄLLE iN ÖSTERREiCH, (iNFO.GESuNDHEiTSMiNiSTERiuM.AT/, ZiT. NACH CZYPiONKA ET AL. 2020: 9; EiGENE GRAFiK)

Abkürzungsverzeichnis

AKH: Allgemeines Krankenhaus

APA: Austria Presse Agentur

AWO: Arbeiterwohlfahrt Organisation

BED: Binge eating disorder

BMBWF: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung m-RNA: messenger ribonucleic acid

Covid-19: Corona Virus Disease 2019

DBfP e. V.: Deutscher Bundesverband für Pflegeberufe ein Verein

DGKP: Diplomierte Gesundheits- und KrankenpflegerInnen

DGP: Deutsche Gesellschaft für Beatmungsmedizin

DGSPJ: Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin

ELISA: Enzyme-Linked Immunosorbent Assay

EU: Europäische Union

FFP-2: Filtering Face Piece

GÖG: Gesundheit Österreich GmbH

GU: Gesamtunterricht

GuKG: Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes

HBSC: Health Behaviour in School-aged Children Study

ICN: International Council of Nurses

MHAT: Mental Health in Austrian Teenagers

MN/B/S: Mund Nasen Bedeckung/Schutz

MOKI: Mobile Kinderkrankenpflege

NASN: National Association of School nurses

NGO: Nichtregierungsorganisation

ÖDG: Österreichische Diabetes Gesellschaft

ÖGD: Öffentlicher Gesundheitsdienst

PCR: Polymerase chain reaction

RIS: Rechtsinformationssystem der Bundes

SARS-CoV-2: Severe acute respiratory syndrome coronavirus typ 2

SHS: School Health Services

UE: Unterrichtseinheit

WHO: Weltgesundheitsorganisation

1 Einleitung

Was hält uns gesund? Erfahrungen zeigen, dass Maßnahmen in der Gesund­heitsförderung und Prävention einen bedeutenden Beitrag zur Bevölkerungsge­sundheit leisten können. Je früher diese einsetzen, desto effizienter ist ihre Wir­kung. Diese Erkenntnis führte die Autorin hin zum Thema Schulgesundheits­pflege.

1.1. Problemstellung

Schon seit Jahren wird in Österreich auf die mangelnde gesundheitliche Versor­gung von Schulkindern im Pflichtschulsystem hingewiesen. Der Trend zur Ganz­tagsschule, zu Bildungszentren, die Zunahme chronisch kranker Kinder, vul­nerable (krankheitsanfällige) Personen und nicht zuletzt der steigende Migrati­onsanteil bei Lernenden verlangen nach erweiterten gesundheitsstrategischen Maßnahmen im Pflichtschulbereich. Fehlernährung, Bewegungsmangel und die daraus resultierende Zunahme an chronischen Erkrankungen erfordern eine Stärkung der Gesundheitskompetenz von Schulkindern. Im Frühjahr des Jahres 2020 wurde von Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals eine auch Europa betreffende Pandemie ausgerufen, die durch ein Coronavirus ver­ursacht wird. In Anbetracht einer Weiterverbreitung von SARS-CoV-2 bzw. einer möglichen Covid-19-Erkrankung erhalten Hygienemaßnahmen auch in Schulen eine stärkere Bedeutung.

In europäischen Bildungseinrichtungen und international gelten School Nurses als hauptverantwortliche Berufsgruppe in der Schulgesundheitspflege. In Öster­reich ist dieser Aufgabenbereich in der Praxis bislang ausschließlich ÄrztInnen vorbehalten. Gesundheitsfachkräfte sind in Österreichs Schulen vereinzelt anzutreffen. Hauptsächlich sind ÄrztInnen, SozialarbeiterInnen, PsychologInnen, SozialpädagogInnen in diesem Setting tätig. Wo diese Berufsgruppen fehlen, übernehmen Lehrende oder weiteres Schulpersonal die gesundheitliche Versor­gung der Schulkinder.

1.2. Forschungsfrage

Motivierende Gedanken zur Erstellung dieser Arbeit waren, den Nutzen, die Chancen und Risiken im Hinblick auf Schulgesundheitspflege darzustellen. Vor welchen gesundheitlichen und sozialen Herausforderungen stehen Schulkinder heute und was an Kompetenzen braucht es, um SchülerInnen auf ihren Weg in ein gesundes Leben zu stärken? Was unterscheidet die Gesundheits- und Kran­kenpflege von anderen, derzeit im Schulsystem agierenden Gesundheitsberufen und welche Bereiche könnten mit dieser Berufsgruppe abgedeckt werden? Welche Profession erfüllt die jeweiligen Voraussetzungen, um das aktuelle ge­sundheitsbezogene Anforderungsprofil im Bildungssystem optimal bewältigen zu können? Das oben angeführte Forschungsinteresse führte die Autorin zu folgen­der Forschungsfrage, die eine Grundlage der Abschlussarbeit bildet:

„Welche gesundheitsbezogenen Erfordernisse bestehen für Kinder aktuell im österreichischen Pflichtschulsystem und inwiefern können die Rollen und Kompetenzen der Gesundheits- und KrankenpflegerInnen darauf ein­wirken?“

1.3. Methodik

Die vorliegende Abschlussarbeit ist mittels einer Literaturrecherche entstanden. Publikationen in Form von Büchern, Studien, Fachzeitschriften sowie For­schungsergebnisse aus der Online-Datenbank Pubmed und sonstige relevante Internetquellen wurden zur Beantwortung der Forschungsfrage eingesetzt. Die Literaturrecherche fand im Zeitraum Dezember 2020 bis Juni 2021 statt. Bedeu­tende Textstellen aus der Quellensuche wurden in die Abschlussarbeit eingear­beitet. Insbesondere im zweiten und dritten Kapitel der vorliegenden Arbeit sind Elemente anderer wissenschaftlicher Abschlussarbeiten der Autorin enthalten.

1.4. Forschungsziel

Die Intention zur Erstellung der Forschungsarbeit war, den gesundheitlichen Be­darf von Kindern in Schulen abzubilden und die dafür erforderlichen Kompeten­zen des Gesundheitspflegepersonals herauszukristallisieren. Es sollte der Kom­petenzbedarf ergründet und aufgezeigt werden, um zu erkennen, über welche Aufgaben SchulgesundheitspflegerInnen verfügen bzw. in Schulen übernehmen können. Die Darstellung der anderen Gesundheitsberufe im multiprofessionellen Schulteam sollte dazu dienen, die Rolle der Gesundheits- und Krankenpflege in der Schulgesundheitspflege zu positionieren. Letztendlich sollte begründet wer­den, wozu es die Integrierung von School Nurses braucht, um derzeitige Gesund­heitserfordernisse der Schulkinder bewältigen zu können.

2 Die Weltgesundheitsorganisation

„Es gibt nichts Wichtigeres als unsere Gesundheit - das ist unsere Hauptkapitalanlage.“ Arlen Spencer

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt mit ihrem Hauptsitz in Genf zu einer der Organisationen der Vereinten Nationen, die sich vorrangig mit internationalen Gesundheitsfragen und der öffentlichen Gesundheit befasst. Die im Jahr 1948 gegründete Organisation führte bislang zu einem Erfahrungs- und Wissensaustausch von VertreterInnen der Gesundheitsberufen aus 190 Ländern. Das Bestreben ist es, für alle Menschen weltweit ein hohes Gesundheitsniveau bereitzustellen, um damit ein sozial und wirtschaftlich produktives Leben zu ermöglichen. Das WHO-Regionalbüro für Europa ist eines von sechs Regionalbüros, welche in allen Teilen der Welt positioniert sind (WHO 1999: 2ff).

2.1 Ottawa-Charta

Die erste internationale Konferenz zur Gesundheitsförderung in Ottawa, Kanada, im Jahr 1986 ergab Grundsätze und Handlungsfelder, die in der „Ottawa-Charta“ beschrieben sind. Die Konferenz sollte eine Antwort auf die wachsenden Erwartungen bereithalten und mit folgenden vier empfohlenen Handlungsschritten in der „Ottawa-Charta“ zu einer neuen öffentlichen Gesundheitsbewegung anregen:

- Gesundheitliche Voraussetzungen sicherstellen: Dazu zählen z. B. grundlegende Bedingungen für Frieden, angepasste Wohn-, Bildungs-, Ernährung- und Einkommensverhältnisse schaffen und dabei das Natur- bzw. ökologische System gleichfalls zu berücksichtigen.
- Interessen vertreten: Politische, soziale, ökonomische, kulturelle, biologische Umwelt und Verhaltensfaktoren sollten darauf ausgerichtet sein, Gesundheit zu fördern.
- Befähigen und ermöglichen: Das soll heißen, dass für alle Menschen die gleichen Voraussetzungen für ein gesundheitsförderliches Handeln geschaffen werden. Bestehende soziale Unterschiede werden verringert.
- Vermitteln und Vernetzen: Die koordinierende Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen ist zu fördern. Damit werden alle Beteiligten in Regierungen, im Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftssektor, in Institutionen, Industrie und Medien aufgefordert, entsprechende Voraussetzungen und Perspektiven für die Bevölkerungsgesundheit zu herzustellen (Ottawa-Charta 1986: 1f).

Kickbusch (1998) beschreibt die gesundheitsfördernden Ziele der „Ottawa­Charta“ folgend:

- eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik entwickeln,
- eine gesundheitsfördernde Lebenswelt für alle schaffen,
- gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen unterstützen,
- persönliche Kompetenzen und Fähigkeiten fördern und
- Gesundheitsdienste neu aufstellen (Kickbusch 1998: 2).

Steinbach (2011) verweist darauf, dass in der vierten Konferenz in Jakarta, Indonesien, im Jahr 1997 eine Weiterführung der bisherigen Handlungsstrategie bzgl. Gesundheitsförderung vereinbart wurde. Folgende Prioritätenliste für das 21. Jahrhundert wurde dabei festgelegt:

- Förderung sozialer Verantwortung und Gesundheit,
- Forcierung von Investitionen in die Gesundheitsentwicklung,
- Stärkung und Vernetzung von Partnerschaften für Gesundheit,
- Stärkung gesundheitsfördernder Potenziale der Gemeinschaften bzw. Handlungskompetenz des Einzelnen und
- Bereitstellung einer Infrastruktur für Gesundheitsförderung (Steinbach 2011: 83).

2.2 Public Health

Der historische Ursprung von Public Health (öffentliche Gesundheit) liegt in der Sozialpolitik und Medizin. Erste politische Schritte in Richtung Public Health erfolgten im 19. Jahrhundert auf Basis des medizinisch- bzw. naturwissenschaftlichen Modells, zur Klärung der Krankheitsverläufe. Zur Krankheitsvermeidung erfolgten sozialpolitische Interventionen. In den 1980er- Jahren entstand ein neuerliches Interesse an Public Health und daraufhin eine Neubestimmung bzw. Erweiterung des Aufgabengebietes.

Die öffentliche Gesundheit ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

- die Sorge um die Gesundheit der gesamten Bevölkerung,
- das Interesse an der Vermeidung von Erkrankungen und Krankheiten und
- die Anerkennung der vielfältigen sozialen Determinanten der Gesundheit.

Es besteht eine Abhängigkeit von mehreren Faktoren bzw. Entscheidungen der Regierungen, wenn von öffentlicher Gesundheit bzw. einer Gesundheitsförderung der Bevölkerung gesprochen wird (Naidoo u. Wills 2003: 179).

Public Health kann nur im interdisziplinären Team umgesetzt werden, wie z. B. in Zusammenarbeit mit Gesundheitspolitik, -soziologie, -management, -ökonomie, -pädagogik, und -psychologie sowie mit der Medizin, der medizinischen Soziologie, den Pflegewissenschaften, des Bereichs Public Health, der Ethik, den Rechtswissenschaften, den Rehabilitationswissenschaften, der Sozialmedizin und der Statistik uvm. (Gerhardus et al. 2012: o. S). Auch von Seiten der Europäischen Union wurde erkannt, dass Gesundheits- und KrankenpflegerInnen ein wichtiges Potenzial zur Lösung von Public Health-Aufgaben im europäischen Raum darstellen. Die auf Heilung ausgerichtete Berufsgruppe soll nun auch aktiv präventive Maßnahmen für die Wiedererlangung, Verbesserung, Förderung und Erhaltung der Gesundheit von Menschen einleiten. Kontinuierliche Entwicklungen in der Pflegewissenschaft werden der Berufsgruppe zukünftig noch mehr Handlungsspielraum im Bereich Public Health zukommen lassen (Brieskorn­Zinke 2003: 67f). Gesundheits- und KrankenpflegerInnen in deutschsprachigen Ländern können ihre Rolle in der Public Health-Gemeinschaft erfüllen, wenn sie bereit sind, aus ihrer gewohnten Rolle herauszutreten. Sie werden in allen öffentlichen Bereichen aktiv wie z. B. in der Politik, im der Gemeindearbeit, in Institutionen, in der Familie oder sie sind für einzelne Menschen zuständig (Brieskorn-Zinke 2007: 140).

2.3 Gesundheit 2020 - das Rahmenkonzept der WHO

Das Rahmenkonzept „Gesundheit 2020“ ist das Ergebnis eines zweijährigen Prozesses in der gesamten Europäischen Union. Die Vorlage wurde von den 53 Mitgliedstaaten der Europäischen Region der WHO auf der 62. Tagung des WHO-Regionalkomitees für Europa im September 2012 angenommen. Damit entstand eine europäische Gesundheitspolitik und -strategie für das 21. Jahrhundert. Die Aktivitäten in allen Bereichen von Staat und Gesellschaft sind auf folgende Ziele ausgerichtet:

- erhebliche Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden der Bevölkerung,
- Abbau von Ungleichheiten im Gesundheitsbereich herstellen,
- Stärkung der öffentlichen Gesundheit,
- Gewährleistung nachhaltiger bürgernaher Gesundheitssysteme, die flächendeckend sind und Chancengleichheit sowie qualitativ hochwertige Leistungen bieten (WHO 2021: o. S.).

Das Rahmenkonzept 2020 beruht auf aktuellen Erkenntnissen und wurde von ExpertInnen begutachtet. Es liefert Argumente für Investitionen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz der Gesellschaft. Außerdem werden darin Gesundheitstrategien aufgezeigt, die der Bevölkerung zugute kommen. Die Vorlage hält eine Zukunftsvision bereit und gibt (politischen) GestalterInnen eine Anleitung, wie eine erhebliche Verbesserung der Gesundheitssituation bewirkt, gesundheitliche Missverhältnisse bekämpft und die Gesundheit künftiger Generationen gesichert werden können. Das Konzept lässt sich auf vielfältige Umstände in der Europäischen Region der WHO anpassen und beinhaltet zwei strategische Hauptziele: Die Stärkung der Bevölkerungsgesundheit bei gleichzeitiger Verringerung von gesundheitlichen Ungleichheiten sowie eine Verbesserung der Führung und partizipatorischer Steuerung von Gesundheit (WHO 2021: o. S. ). Das im Jahr 2013 erstellte Gesamtkonzept 2020 dient in erster Linie dazu, EntscheidungsträgerInnen (Gesundheitsministerien) der Mitgliedstaaten Anregungen zu liefern, um die Vorgaben und Strategien von Gesundheit 21, der Initiative „Gesundheit für alle“, umzusetzen. Das Konzept „Gesundheit 21“ besteht schon seit dem Jahr 1999 und verfolgt folgende Ziele:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Gesundheit 21 - Das Rahmenkonzept „Gesundheit für alle“ (das Konzept der WHO 1999: 213-216, eigene Darstellung)

Oberstes Ziel von „Gesundheit 21“ ist es, das gesamte gesundheitliche Potenzial auszuschöpfen (WHO 1999: 4).

Das Gesamtkonzept „Gesundheit 2020“ bietet einen flexiblen Rahmen für Politik und Praxis in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union und baut auf einer langen Geschichte des globalen und regionalen politischen Denkens auf. Die Entwicklung von „Gesundheit 2020“ ist an die stetige Reformierung der WHO angepasst worden. Das Regionalbüro der WHO in Europa wirbt mit dem Konzept aktiv bei jenen Mitgliedstaaten, die im Kontext ihrer Bedürfnisse und Prioritäten eine integrierte Unterstützung auf Landesebene erhalten sollen (WHO 2013: 3).

2.4 Gesundheit und Krankheit

„Gesundheit ist die gelungene, Krankheit die nicht gelungene Bewältigung von inneren und äußeren Anforderungen“. Klaus Hurrelmann (2000)

Gesundheit bedeutet einen Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen (WHO 2020: 1). Mit Krankheit hingegen werden Schmerzen, gesundheitliche Beschwerden und damit verbundene Einschränkungen beschrieben. So leisten die genetische Veranlagung, die individuelle Verhaltensweise und soziale sowie ökologische Bedingungen der Lebensumwelt einen Beitrag zur Entwicklung der Gesundheit von Menschen (Naidoo u. Wills 2003: 27ff).

Chronische, oft lebenslang bestehende Krankheiten im Erwachsenenalter, wie z. B. Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen sowie andere organische Störungen und psychosoziale Beeinträchtigungen, haben ihren Ursprung meist im Kindes- und Jugendalter (Hurrelmann 1994: 1-29).

Nach Vorgabe der WHO ist der Besitz eines bestmöglichen Gesundheitszustan­des ein menschliches Grundrecht, ohne Unterscheidung in Bezug auf Rasse, Religion, politischer Gesinnung und wirtschaftlicher oder sozialer Position (WHO 2014: 1). Der Umgang mit Gesundheit und Krankheit ist von der jeweiligen Kultur abhängig. Hierbei gilt es, auch die geschichtliche Entwicklung, die Gesellschaft und die Kultur zu berücksichtigen. Im Zuge des historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandels ändert sich auch der Umgang mit Gesundheit und Krankheit (Steinbach 2011: 17-22).

Die Grundlagen für die heute vorherrschende naturwissenschaftliche Medizin wurden im 19. Jahrhundert gelegt. Die Behandlung von Krankheiten stand dabei im Vordergrund. Heute geht es nicht mehr ausschließlich um Krankheitsbehand­lung, sondern verstärkt auch um Prävention. Neue Strategien zielen wiederum weniger auf Krankheitsvorbeugung, stattdessen auf Gesundheitsförderungs­maßnahmen und darauf, Gesundheit zu unterstützen (ebd. 2011: 22).

2.5 Dimensionen der Gesundheit

Gesundheit umfasst unterschiedliche Ebenen, die alle zusammenwirken und Beachtung finden sollten. Der innere Kreis zeigt die inneren Gesundheitsdimensionen des Einzelnen auf:

- Physische Gesundheit bedeutet, körperlich nicht krank zu sein (z. B. Fitness).
- Psychische Gesundheit bedeutet ein positives Lebens- und Selbstwertgefühl (sich wohl fühlen, gut drauf sein, ...).
- Emotionale Gesundheit bezeichnet die Fähigkeit, Gefühle auszudrücken und Beziehungen einzugehen und diese auch längerfristig zu erhalten (das Gefühl, geliebt zu sein).
- Mit sozialer Gesundheit ist das Gefühl des sozialen Zusammenhalts gemeint, die Unterstützung durch Freunde und Familie z. B. Gemeinschaftsgefühl, sich aussprechen können ...
- Spirituelle Gesundheit ist die Erkenntnis und Fähigkeit, moralische oder religiöse Grundsätze und Überzeugungen praktisch anwenden zu können.
- Mit sexueller Gesundheit ist die Bereitschaft und Fähigkeit gemeint, die eigene Sexualität befriedigend ausdrücken zu können (Aggleton u. Homans 1987, Ewles u. Simnett 1999, zit. nach Naidoo u. Wills 2013: 6).

In der Grafik sind die Dimensionen der Gesundheit dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Dimensionen der Gesundheit (Aggleton & Homans 1987 und Ewles & Simnett 1999, in: Naidoo und Wills 2013: 6, eigene Darstellung)

2.6 Determinanten der Gesundheit

Der lateinische Begriff Determinante bedeutet „abgrenzen“ bzw. „bestimmen“. Jene Faktoren, die Gesundheit im Wesentlichen beeinflussen, werden auch als Gesundheitsdeterminanten bezeichnet. Diese Einflussfaktoren können auf mehreren Ebenen zum Tragen kommen und eine Wechselwirkung auslösen. Am Determinantenmodell werden die Einflüsse sichtbar, die auf Menschen jeglichen Alters einwirken:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Gesundheitsdeterminanten: Dahlgren u. Whitehead (1991), nachgebildet und bereitgestellt von Fonds Gesundes Österreich: o. J: o. S.

Diese vier Ebenen verlaufen von außen (1) nach innen (4) und wirken letztendlich auf die im inneren Kreis (5) befindlichen Faktoren: Alter, Geschlecht und Erbanalagen:

1 Allgemeine sozioökonomische, kulturelle und Umweltbedingungen

Veränderungen auf dieser Ebene sind nur durch langfristige strukturelle Wandlungen möglich, die üblicherweise ausschließlich mit politischen Strategien (auf nationaler oder internationaler Ebene) zu erzielen sind.

2 Lebens- und Arbeitsbedingungen

Die Faktoren dieser Ebene unterteilen sich in verschiedene Sektoren wie Bildung, Wohnungswesen, Krankenversorgung, Landwirtschaft, Nahrungsmittelversorgung sowie physische und soziale Gegebenheiten am Arbeitsplatz sowie Arbeitslosigkeit. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen können durch verschiedene Interventionen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene verbessert werden. Als wesentliche EntscheidungsträgerInnen gelten politische Institutionen, Unternehmen, Gewerkschaften u. ä.

3 Soziale und kommunale Netzwerke

Dazu zählen unterstützende Gemeinschaften wie der Familien- und Freundeskreis, Nachbarschaftshilfe und andere lokale Netzwerke.

4 Individueller Lebensstil

In diese Ebene fallen individuelle Verhaltensweisen, die sich positiv oder negativ auf die Gesundheit auswirken können wie z. B. Ernährungsgewohnheiten, Risikoverhalten, Tabakkonsum etc. (Reif 2012: 11f).

2.7 Gesundheitsförderung und Prävention

In der Ottawa Charta (1986) ist Gesundheitsförderung als ein Prozess beschrieben, um „allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Ein soziales Wohlbefinden zu erlangen erfordert, dass sowohl Einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Lebensumstände meistern bzw. verändern können. In diesem Sinne ist die Gesundheit als ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen und nicht als vorrangiges Lebensziel. Gesundheit bedeutet ein positives Konzept, das in gleicher Weise soziale und individuelle Ressourcen für die Gesundheit betont wie auch körperliche Fähigkeiten. Die Verantwortung für Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur beim Gesundheitssektor, sondern zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassendem Wohlbefinden.“ (Ottawa Charta 1986: o. S.)

Gesundheitsförderung umfasst alle Maßnahmen, deren Ziel es ist, Gesundheit zu erlangen, zu verbessern und über eine lange Zeit aufrecht zu erhalten. Die Förderung der Gesundheit ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, der alle angeht und nicht an einzelne Institutionen, Personen oder wissenschaftliche Disziplinen delegiert werden kann. Jedermann profitiert davon. Es ist jedoch oft schwierig, den Profit von Gesundheitsförderungsmaßnahmen für alle sichtbar zu machen (Steinbach 2011: 14f). Gesundheitsvorsorge bzw. Prävention entstand aus dem Bereich der Sozialmedizin im 19. Jahrhundert und diente zur Verbesserung der sozialen Hygiene und Volksgesundheit. Vorbeugung, Prophylaxe, Vorsorge und Prävention sagen aus, dass es sich um eine Verhinderung und Eindämmung von Krankheiten handelt (Hurrelmann, Klotz u. Haisch 2014c: 13).

Die Primärprävention zielt darauf ab, vor dem Auftreten einer Erkrankung die Widerstandskräfte zu stärken und damit ein Krankheitsgeschehen möglichst ganz zu verhindern.

Mit Sekundärprävention ist die Vorbeugung von wahrscheinlich auftretenden Erkrankungen gemeint. Im Übrigen soll damit die Ausbreitung einer Krankheit und/oder die Krankheitsdauer reduziert werden.

Eine Tertiärprävention setzt ein, um den Schweregrad und die Verschlimmerung einer Krankheit abzumildern wie z. B. Funktionseinschränkungen und Begleiterkrankungen. In diesem Stadium sind Menschen bereits in einem vorgerückten Stadium erkrankt. Ziel der Tertiärprävention ist es, die Funktionsfähigkeit und Lebensqualität nach einer Erkrankung wiederherzustellen (Hurrelmann 2000, Gundolf 2017: 26f).

Im Rahmen der Gesundheitsförderung werden Strategien angewendet, bei denen das Verhalten einzelner Menschen und von Gruppen, persönliche Kompetenzen und gesundheitsrelevante Verhältnisse berücksichtigt werden. Die Strategien der Gesundheitsförderung sind unter anderem in der Ottawa-Charta der WHO beschrieben.

Verhältnisbezogene Strategien lauten:

- gesundheitsförderliche Lebenswelten schaffen (z. B. Arbeitsschutz, Gesetzgebung, Bildungschancen, Freizeitangebote, Umweltschutzmaßnahmen),
- Gesundheitsdienste gesundheitsförderlich organisieren (z. B. Ausrichtung der Gesundheitsdienste auf Beratung, Prävention statt reiner Krankheitsbehandlung),
- Gesundheitsförderung durch die Politik (z. B. Sicherstellung der Chancengleichheit und Bereitstellung von Arbeitsplätzen, gesundheitsförderliche Gesetzgebung).

Verhaltensbezogene Strategien lauten:

- Projekte zu gesundheitsfördernden Angeboten schaffen und unterstützen (z. B. in Gemeinden, Nachbarschaft, Firmen oder (Selbsthilfe-)Gruppen

- gesundes Verhalten fördern (z. B. Raucherentwöhnung, Kampagnen)

Strategien der personalen Ebene lauten:

- gesundheitsbezogenes Wissen vermitteln (z. B. am Arbeitsplatz, in Schulen oder in der Gemeinde) durch Information, Bildung wie beispielsweise Rückenschule, Diabetikerschulung, Stressmanagement (Waller 2006, Düvel et al. 2016: 112f.)

Fazit: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bearbeitet vorrangig internationale bzw. öffentliche Gesundheitsfragen. Die Ottawa-Charta (1986) zielt darauf ab, die Gesundheit einzelner Personen und Gruppen zu stärken. Auch von Seiten der Europäischen Union erkannte man das Potential von Gesundheits- und KrankenpflegerInnen zur Lösung von Public Health-Aufgaben im europäischen Raum. Der auf Heilung ausgerichteten Profession wurde die Rolle zugewiesen, aktiv präventive Maßnahmen zur Wiedererlangung, Verbesserung, Förderung und Erhaltung der Gesundheit von Menschen zu setzen.

Das Gesamtkonzept „Gesundheit 2020“ bietet einen flexiblen Rahmen für Politik und Praxis in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Gesundheit sagt aus, dass ein Wohlbefinden und die Abwesenheit von Beschwerden vorliegen. Gesundheitsdimensionen zeigen jene Bereiche an, in welche Gesundheit einfließt. Dazu zählen psychologische, physiologische und soziale Faktoren. Gesundheitsdeterminanten bedeuten Einflussfaktoren, die auf auf diversen Ebenen die Gesundheit formen.

Gesundheit betrifft persönliche oder öffentliche Bereiche und kann in Selbst- und Fremdinitiative beeinflusst werden. Es gilt, eine Chancengleichheit herzustellen. Gesundheitsförderung zielt darauf ab, Gesundheit zu erlangen, zu bewahren, zu verbessern und über eine lange Zeit aufrecht zu erhalten. Gesundheitsvorsorge wird in Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention unterteilt. Zur Verhältnisprävention zählen Gesundheitsstrategien, die durch Politik oder ArbeitgeberInnen (Arbeitsschutz etc.) installiert werden. Zur Verhaltensprävention wiederum zählen z. B. gesundheitsfördernde Angebote in Form von Projekten. Der niederschwellige Zugang zur Bevölkerung ist von Pflegeberufen auch im Sinne von Public Health verstärkt zu nutzen.

3 Das Berufsbild SchulgesundheitspflegerIn

Im folgenden Kapitel sind das Berufsbild, die Kompetenzen und die Aufgabenbereiche von School Nurses beschrieben. Es werden internationale und europäische Erfahrungen und Ergebnisse des „Best-Practice-Beispiels Schulgesundheitspflege in Brandenburg“ dargestellt.

Im Rahmen des Plenums des Bündnisses „Gesund Aufwachsen in Brandenburg“ entwickelte sich Schulgesundheitspflege im norddeutschen Raum. Die Brandenburger Landesregierung befürwortete diese Initiative und der Projektträger „Arbeiterwohlfahrt Organisation (AWO) Bezirksverband Potsdam ein Verein” leitete daraufhin eine Machbarkeitsstudie ein, um die Sinnhaftigkeit und Möglichkeit des Einsatzes von School Nurses im dortigen Bildungssystem zu prüfen (Gundolf 2019: 16).

Deutlich sichtbar wird bei der Betrachtung der Aufgabenbereiche von School Nurses der Public Health-Bezug. Der Bereich Gesundheitsförderung und Prävention wird als wichtiger Aufgabenbereich von School Nurses erkannt, neben der Versorgung von akut und chronisch erkrankten Kindern und Jugendlichen im Schulbereich.

3.1 Schulgesundheitspflege International und in Europa

Der englische Begriff School Nurse ist die weibliche oder männliche Bezeichnung der im deutschen Sprachraum noch wenig bekannten SchulgesundheitspflegerInnen. School Nurses werden in Bildungseinrichtungen eingesetzt, um die professionelle Gesundheitsversorgung von Schulkindern zu gewährleisten.

In Schleswig-Holstein, Deutschland, und in Schweden wird die School Nurse als „skolsköterska“ bezeichnet. Mit Public Health Nurse (m/w), School Health Nurse (m/w), ist eine pflegerische Spezialisierung gemeint, die in den Ländern Vereinigtes Königreich, Finnland, Schweden, USA, Australien, China, Korea etc. bereits seit einigen Jahren etabliert wurde (Kocks 2008, Weskamm 2014, zit. nach Gundolf 2017: 39).

Auch von Seiten der WHO wird die Schule als geeigneter Ort zur Förderung von Gesundheit erkannt, wo auch Screeningprozesse stattfinden. Früherkennungs­Programme und Maßnahmen der Gesundheitsversorgung sowie -förderung sind in zahlreichen Ländern seit Jahren auch in Schulen implementiert. In einigen Ländern werden diese Tätigkeitsbereiche von spezialisierten Gesundheits- und KrankenpflegerInnen übernommen (z. B. in England, Finnland, Schweden, Australien, Korea und den USA) (Piso 2012: 32).

Die MedizinerInnen und MitgliederInnen vom Fachausschuss des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) und der deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin, ein Verein (DGSPJ), Horacek, Ellsäßer und Langenbruch (2015) beschreiben das Aufgabenspektrum der School Nurse folgend:

- pflegerische und medizinische Unterstützung chronisch kranker und behinderter SchülerInnen bei der Umsetzung von Inklusion in Schulen (z. B. personenbezogene Grund- und Behandlungspflege, Verabreichung von Medikamenten);
- Brückenfunktion zu Gesundheitsversorgungseinrichtungen außerhalb von Schule;
- erste/r Ansprechpartnerin bei Unfällen, Krankheitszwischenfällen oder auch akut auftretenden Erkrankungen;
- erste/r Ansprechpartnerin und Vertrauensperson („Kümmerln“) für Schülerinnen zu allen Fragen körperlicher und psychischer Gesundheit- ;
- Durchführung von Screeninguntersuchungen im Zusammenarbeit mit de/r/m SchulärztIn des ÖGD;
- im Sinne von Public Health Gesundheitsbeobachtung der SchülerInnenschaft, Analysen zu spezifischen Bedarfen mit Handlungsempfehlungen zu Maßnahmen;
- Entwickeln, Anstoßen und Begleiten von Gesundheitsförderangeboten, die am Bedarf in der jeweiligen Schule ansetzen;
- interdisziplinäre Zusammenarbeit (innerhalb von Schule) und Kooperation mit Partnerinnen außerhalb: Garant für und Akteurin in Vernetzung.“ (Horacek et al. 2015, zit. nach Gundolf 2017: 40)

3.2 Tätigkeitsbereiche von SchulgesundheitspflegerInnen

School Nurses stellen eine Verknüpfung des Gesundheitsplans zum Bildungsplan her, der in Zusammenarbeit mit Eltern, SchülerInnen und dem interdisziplinären Team in der Schule umgesetzt wird. Sie koordinieren eine auswärtige medizinische Behandlung gemeinsam mit der Bildungseinrichtung und gewährleisten eine interdisziplinäre Zusammenarbeit.

School Nurses treffen Bewertungen bzgl. des Gesundheitsstatus von Kindern, erkennen Gesundheitsprobleme, die eine Erschwernis für den Lernprozess der Kinder bedeuten würden. Weiters entwickeln sie einen „Gesundheitsplan“, um schulische Gesundheitsbelange zu organisieren. In Schweden, Finnland und Großbritannien besteht in Schulen eine gesetzliche Verpflichtung, SchulgesundheitspflegerInnen zur gesundheitlichen Versorgung der Kinder zu beschäftigen.

Die Berufsgruppe verfügt über eine Qualifikation auf Masterniveau. Sie arbeitet im Team mit LehrerInnen, SchulärztInnen, SchulpsychologInnen und SchulsozialarbeiterInnen und ist obligatorischer Bestandteil von sogenannten Schulgesundheitsteams. SchulgesundheitspflegerInnen gelten als erste und kompetente AnsprechpartnerInnen für alle gesundheitlichen Belange von SchülerInnen im Schulalltag. In Großbritannien übernehmen School Nurses zusätzlich auch Aufgaben von Family Health Nurses (Horacek et al. 2015: 8).

Die grundlegenden Aufgabenfelder von School Nurses sind vielfältig, bedarfsangepasst gestaltet und in der Abbildung unten ersichtlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Aufgabenbereiche von School nurses in Prozentanteil (Möller 2016, zit. nach Gundolf 2019: 7, eigene Darstellung)

Im nächsten Abschnitt sind Tätigkeitsbereiche von School Nurses in Europa nach Möller (2016) abgebildet:

- „Erkennung der körperlichen, sozialen und psychischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen,
- Ernährung, Bewegung, Mundgesundheit,
- Suchtprävention mit Schwerpunkt auf Alkohol, Tabak und illegalen Drogen,
- Sexualaufklärung und sexuelle Gesundheit,
- psychische Gesundheit,
- Unfall- und Gewaltprävention sowie der Schutz von Kindern (z. B. frühzeitige Erkennung von Missbrauch, Gewalt, Mobbing, etc.),
- die Mitwirkung an der Forcierung einer gesundheitsfördernden Umgebung in der Schule in Bereichen wie z. B. Hygiene, Ernährung, Belichtung, Belüftung und Möblierung,
- die Infektionsvorbeugung und Impfungen unter Einbeziehung des öffentlichen Gesundheitsdienstes,
- die Erkennung von gesundheitlichen und sozialen Herausforderungen im Frühstadium sowie von Lebens- und Lernbedingungen, die auf Schulleistungen beeinträchtigend wirken,
- die Bereitstellung von Angeboten für chronisch kranke bzw. behinderte Kinder und Jugendliche, auch im Rahmen von Beratungsmaßnahmen,
- die Früherkennung der Bedürfnisse von gefährdeten (vulnerablen) Kindern und Jugendlichen,
- die Erkennung von unzureichender Zahngesundheit und Weiterleitung an entsprechende Zuständigkeiten.“ (Möller 2016, zit nach Gundolf 2019: 7f)

Zu den Aufgabenbereichen von SchulgesundheitspflegerInnen in Schweden zählen:

- „ Gesundheitsversorgung - Behandlung von Kindern mit akuten und chronischen Erkrankungen, bei Bedarf Überweisung an externe medizinische Einrichtungen,
- Screeninguntersuchungen - jährliche Vorsorgeuntersuchungen, um die Abklärung etwaiger gesundheitlicher Risikofaktoren zu gewährleisten,
- Gesundheits förderung und Prävention - Erarbeitung von Konzepten für die Kindergesundheit,
- Erstellung von Ernährungsplänen - (z. B. Kinder mit Diabetes)
- Veranlassung bauliche Maßnahmen
- Zugang zu vulnerablen Gruppen - Identifikation von misshandelten, missbrauchten sowie vernachlässigten SchülerInnen.“ (Kocks 2008, zit. nach Gundolf 2019: 8)

Diese gelten als zentraler Baustein des schwedischen Gesundheitssystems. Ein/e SchulgesundheitspflegerIn ist im Durchschnitt für etwa 500-600 SchülerInnen zuständig. In Schweden kommen etwa 2.800 School Nurses für eine Million Lernende zum Einsatz. Alle Bildungseinrichtungen in Schweden verfügen über ein Gesundheitsteam, welches sich aus SchulgesundheitspflegerInnen, SozialarbeiterInnen, SchulpsychologInnen und SchulärztInnen zusammensetzt (Kocks 2008, Weskamm 2014, zit nach Gundolf 2017: 41).

Schwedische SchulgesundheitspflegerInnen haben Zugang zu den seit der Geburt geführten Krankenakten des zuständigen lokalen Gesundheitszentrums und können dadurch auf bedeutende Hintergrundinformationen zur Kindergesundheit zugreifen (Piso et al. 2012, zit. nach Gundolf 2017: 41f).

Im Besonderen sind School Nurses für die Betreuung von SchülerInnen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen unterschiedlichen Schweregrades zuständig (Horacek 2015, zit. nach ebd. 2017: 42).

3.3 Qualifizierung von School Nurses

Die Ausbildung zu einer School Nurse in Schweden erfordert ein positiv absolviertes dreijähriges Pflegestudium mit Bachelorabschluss, um nach einer zweijährigen Berufserfahrung und Weiterbildung in der Kinderkrankenpflege oder Schulgesundheitspflege tätig zu werden (Weskamm 2014: 7f).

Im Anschluss an eine Grundausbildung zum gehobenen Dienst für Gesundheits­und Krankenpflege erfolgt nach internationalen Vorbild eine Zusatzausbildung zur School Nurse, um die Anforderungen des komplexen Berufsbildes erfüllen zu können. Einerseits sind die gesundheitlichen Defizite von beeinträchtigten Kindern in der Schule zu identifizieren und darauf zu reagieren, andererseits sind Kenntnisse zu Public Health erforderlich, um zielorientiert Präventionsmaßnahmen setzen zu können. In Estland werden School Nurses postgradual ausgebildet. In den Niederlanden erfolgt die Grundausbildung der PflegeexpertInnen auf Bachelor-Niveau und es findet eine Zusammenarbeit mit der Gemeindefürsorge statt. Im Anschluss erfolgt ein Aufbaustudium nach dem Bachelor-Abschluss mit Schwerpunkt „Jugendkrankenpflege“ sowie Gesundheits- und Rechtsthemen etc. In Polen qualifizieren sich SchulgesundheitspflegerInnen mit einem Master-Abschluss. Daraufhin ist die Absolvierung einer Weiterbildung zum Thema Zahngesundheitsvorsorge erforderlich und eine zumindest drei Jahre andauernde Berufserfahrung in der Gesundheitsfürsorge (Horacek et al. 2015, zit. nach Gundolf 2017:44).

3.4 Erfahrungen mit SchulgesundheitspflegerInnen

Die Wirksamkeit des Einsatzes von School Nurses ist bestätigt. Die Anwesenheit von School Nurses führt zu einer deutlichen Reduktion der Krankheitsfälle (Morton u. Schulz 2004, zit. nach Gundolf 2019: 11).

„Borup und Holstein (2008) befragten in einer dänischen Studie (n= 5205) Kinder und Jugendliche im Alter zwischen elf und 15 Jahren. In die Untersuchung wurden Schulkinder einbezogen, die wiederholt gesundheitliche Beschwerden angaben. Die Lernenden gaben an, ein erhöhtes Gesundheitsbewusstsein und einen Benefit für sich erhalten zu haben und fanden die Gesundheitsinitiativen der Profession nützlich. School Nurses regten auch eine Diskussion zu Gesundheitsthemen mit Eltern und Freunden an. Speziell Lernende aus niedrigen sozialen Schichten profitierten vom Angebot der Berufsgruppe. Diese Gruppe suchte öfter SchulgesundheitspflegerInnen auf, sie beachtete ihre Empfehlungen und diskutiere häufiger deren Aussagen im Team. Die Initiative wird als nachhaltig und gesundheitsfördernd gewertet, wobei insbesondere häufig erkrankte Kinder besonders von der Präsenz von SchulgesundheitspflegerInnen profitieren.“ (Borup u. Holstein 2008, zit. nach Gundolf 2019: 12)

Engelke, Swanson, Guttu, Warren und Lovern befragten im Jahr 2008 eine Gruppe chronisch erkrankter Kinder im Alter von fünf bis 19 Jahren. Die ForscherInnen fanden heraus, dass die Anwesenheit von School Nurses im Verlauf eines Schuljahres zu einer gesteigerten Lebensqualität führt und bessere Bewältigungsstrategien im Umgang mit ihrer Krankheit erzielen lässt (Engelke et al. 2008: o. S.).

In der Machbarkeitsstudie von Brandenburg zeigt Möller (2015) eine Studie von Pennington und Delaney (2008) auf, die ergibt, dass an Tagen, wo School Nurses anwesend waren, nur fünf Prozent der SchülerInnen bzw. LehrerInnen krankheits- oder verletzungsbedingt heimgeschickt wurden. Hingegen wurden 18 Prozent der Schulkinder nach Hause entlassen, wenn School Nurses nicht anwesend waren bzw. wenn medizinisch-pflegerisches ungeschultes Personal darüber entschied. Organisatorisch wäre wichtig, dass auch für Vertretungen im Bedarfsfall gesorgt ist und dass ein Tätigkeitenkatalog für externes Personal vorliegt (Möller 2015: 56- 61).

„Nach Horacek et al. (2015) lässt eine gelungene Integration von School Nurses in das Schulteam positive Effekte für die Gesundheit der SchülerInnen im Setting Schule erwarten. Die Lernenden werden bei professioneller Gesundheitsfürsorge angstfreier, sicherer und lernbereiter. Persönliche Potentiale sind auf diese Weise besser erkennbar und es kann darauf hingearbeitet werden, eine Chancengleichheit in Bezug auf gute Bildung zu erzielen. Inklusionsziele können mithilfe von SchulgesundheitspflegerInnen leichter verwirklicht werden, da die Einzelbetreuung einer unterstützenden Struktur in der Schule weicht. Für die Eltern der Schulkinder bedeutet die Anwesenheit von School Nurses eine Entlastung, da sie ihre Kinder sicher in der Schule betreut wissen. LehrerInnen können sich intensiver den pädagogischen Schwerpunkten zuwenden. „Fachfremde“ gesundheitsbezogene Tätigkeiten, die derzeit von LehrerInnen erwartet werden, können School Nurses übergeben werden. Ebenso können SchulsozialarbeiterInnen, SchulpsychologInnen und IntegrationshelferInnen entlastet werden. Mit einer Genehmigung der Erziehungsberechtigten können primär zuständige Kinder- und JugendärztInnen in Ordination und Krankenanstalten Beobachtungen und Expertise der Schulgesundheitspflegenden optimal nutzen. Präventionsmaßnahmen können bezogen auf den spezifischen Gesundheitsbedarf der SchülerInnen umgesetzt werden.

Die Installierung von Gesundheitsförderung im schulischen Bereich und die Entwicklung einer gesunden Schule wird damit leichter durchführbar. Anhand einer Beratung vor Ort könnten auch Unfallrisiken vermindert werden. Rehabilitation nach Unfällen und Krankheiten können unter fachlich begleiteten Wiedereingliederungsmanagement besser realisiert werden. Somit kann eine Verkürzung der Schulfehlzeiten stattfinden.

Termine mit SchulärztInnen können von School Nurses gesteuert und eingeleitet werden. Bei Infektionskrankheiten kann durch Maßnahmen zur Unterbrechung der Infektionskette mittels Management von SchulgesundheitspflegerInnen, eine Weiterverbreitung der Krankheiten verhindert werden. Für KostenträgerInnen wie z. B. Kranken- oder Pflegekassen wäre bzgl. der Integrierung von School Nurses eine Win­Win Situation zu erwarten, da beispielsweise die Transportkosten für viele Individualeinsätze in der Grund- oder Behandlungspflege entfallen.“ (Horacek et al. 2015, zit. nach Gundolf 2019: 13).

3.4.1 Prinzipien der Schulgesundheitspflege

In der National Association of School Nurses Framework for the 21.st Century School Nursing Practice (2016) sind die fünf Prinzipien der Schulgesundheitspflege verankert:

- „Pflegekoordination
- Führung
- Qualitätsverbesserung
- Gemeinwesen
- öffentliche Gesundheit und Standards der Praxis”

(Berwick et al. 2008, Flemming u. Willgerodt 2017, zit. nach Gundolf 2019: 21)

Ein Hauptziel der fünf Prinzipien ist es nach Berwick et al. (2008), dass die Dreifachziele (Public Health, Prävention, Interdisziplinäre Zusammenarbeit) leichter erreichbar sind. Daher entscheiden sich Institutionen zunehmend für die Umsetzung von Schulgesundheitspflege (Berwick et al. 2008, Flemming u. Willgerodt 2017, zit. nach ebd. 2019: 21).

School Nurses fördern anhand der individuellen Betreuung vor Ort diese Zielsetzung und ermöglichen eine Verbesserung der Bevölkerungsgesundheit, indem sie gezielt aktiv werden (z. B. Impfungen, chronisches Krankheitsmanagement, Primärprävention, ...) (Flemming u. Willgerodt 2017, zit. nach ebd. 2019: 21.).

3.4.2 Vorteile von Schulgesundheitspflege

Flemming und Willgerodt (2017) verweisen auf Foley, Dunbar u. Clancy (2014) die erkannten, dass die vielfältigen Aufgaben der Berufsgruppe im Praxisalltag ein hohes Ausmaß an Zusammenarbeit und Kommunikation erfordern. Es braucht Netzwerke mit Gesundheitsberufen und Nicht-Gesundheitsberufen in und außerhalb von Bildungseinrichtungen (z. B. auf Gemeindeebene). School Nurses müssen dazu befähigt werden, komplexe Sachverhalte im Gesundheitswesen zu erkennen. Die Vernetzung mit Krankenhäusern und - kassen ist herzustellen und zu bewältigen. Oben genannte Prinzipien führen zu erfolgreichen Ergebnissen der Kindergesundheit und diese beruhen auf bzw. sind abhängig von einem funktionierenden Kommunikationsnetzwerk.

Die AutorInnen beziehen sich auf Baisch et al. 2011; Lineberry und Ickes 2015, McClanahan und Weismuller 2015; Swallow und Roberts 2016; Wang et al. 2014, die erkannten, dass die Aktivitäten von School Nurses Gesundheits- und Gesellschaftskosten senken können (Flemming u. Willgerodt 2017, zit. nach Gundolf: 21).

Mit der Umsetzung von Schulgesundheitspflege in den Ländern Brandenburg und Hessen erwarten sich die verantwortlichen Personen ein

- „verbessertes Gesundheitsverhalten bei Schülerinnen und des Schulpersonals,
- die Etablierung eines gesundheitsbewussten Schulklimas,
- eine Verbesserung der Lernvoraussetzungen für gesundheitlich und/oder sozial belasteter Lernender,
- eine bessere Integration chronisch kranker Schülerinnen,
- eine Reduktion von Fehlzeiten von Schülerinnen und Schulpersonal und
- eine Entlastung des Schulpersonals.” (Hessisches Ministerium für Soziales und Integration o. S.: o. J)

3.4.3 Zielsetzung von Schulgesundheitspflege

Drei Elemente bzw. Ziele sind in der National Association of School Nurses Framework for the 21.st Century School Nursing Practice (2016) verankert:

- „Bevölkerungsgesundheit,
- Prävention und
- die Zusammenarbeit mit Fachkräften im Gesundheitsbereich und

Nichtgesundheitsbereich”

(Berwick, Nolan und Whittington 2008, in Flemming und Willgerodt 2017: o. S.).

Die Zielsetzung lautet, 53 Mitgliedsstaaten der WHO-Region Europa zur Qualitätssicherung ihrer School Health Services zu unterstützen, wobei die unterschiedlichen Gegebenheiten der Mitgliedstaaten zu berücksichtigen sind (WHO 2014: 1). Tannen et al. (2018) verweisen auf die Rollen von School nurses. Diese haben nach Angabe der US-amerikanischen Fachgesellschaft „National Association of School Nurses (NASN)“ (2015) fünf nicht-hierarchische Aufgabenfelder zu erfüllen:

1. Koordinierung der Versorgung

Dazu zählt das strukturelle Assessment, mit welchem die Bedarfe der SchülerInnen und deren Familien erfasst werden wie z. B. ein individuelles Case­Management, Management chronischer Erkrankungen, interprofessionelle Gespräche in und außerhalb der Schulberatungsgespräche zu Themen der Gesundheitspflege und Krankenversorgung sowie die Delegation pflegerischer Tätigkeiten.

2. Qualitätsverbesserung

Messbare Ergebnisse und Verbesserungen sollten kontinuierlich die Versorgungsabläufe überprüfbar machen. Aktivitäten sollten identifiziert und zielgerichtet eingesetzt werden, um den größten Wirkungsgrad zu erzielen. Eine möglichst landesweit einheitliche (elektronische) Datensammlung, Forschung und Evaluation sollen die eingeleiteten Maßnahmen mit bedeutsamen gesundheitlichen und bildungsbezogenen Ergebnissen abstimmen.

3. Führungsrolle (Leadership) bei Gesundheitsthemen

Schulgesundheitsfachkräfte haben auch eine Führungsrolle, denn sie agieren meist auch als einzige Gesundheitsprofession in der Schule. Zu den Instrumenten und Strategien zählen gesundheitsrelevante Problemlösungen (Vermittlung von Fertigkeiten, Stärkung des Selbstmanagements), Grundsatzentwicklungen zu gesundheitlichen Fragen (Entwicklung von Gesundheitsstandards in der Schule), schulinterne Reformen zu Gesundheitsbelangen, Digitales Lernen, Professionsentwicklung etc.

4. Gemeindearbeit / Public Health

Im Sinne von Public Health Nursing zählen gemeindebezogene Aufgaben, wie etwa populationsbezogene Interventionen, alle Bereiche der Prävention, Definition von sozialen Determinanten der Gesundheit, Fragen zu niederschwelligen Angeboten der Gesundheitssysteme und -leistungen, kultursensible Kompetenz, Umweltfaktoren und deren Auswirkungen auf die Gesundheit und epidemiologisches Monitoring (inkl. frühzeitige Identifikation von Risikogruppen).

5. Professionelle Standards

Dazu zählen grundlegende Faktoren wie klinische Kompetenz, Einhaltung klinischer Richtlinien, Verpflichtung eines klinischen Kodex, kritisches Denken und Einhaltung der Grundpositionen der Fachgesellschaft (NASN 2015, zit. nach Tannen et al. 2018: 19ff).

Fazit: Internationale und europäische Erfahrungen lassen ein einheitliches Bild von Schulgesundheitspflegerinnen erkennen. Derzeit findet diese Form der gesundheitlichen Unterstützung in Österreichs Schulen noch in nicht nenneswertem Ausmaß statt. International und im europäischen Raum sind Schulgesundheitspflegerinnen seit Jahrzehnten aktiv. Die Weiterbildungen zur School Nurse sind uneinheitlich gestaltet. Die Aufgabenfelder der Berufsgruppe sind vielfältig und die Erfahrungen anderer Länder mit der Profession sind durchwegs positiv. School Nurses können mit ihren Präventionsmaßnahmen auf den spezifischen Gesundheitsbedarf von Lernenden eingehen. Schulkinder werden mit einer professionellen Gesundheitsfürsorge angstfreier, sicherer und lernbereiter. Die Berufsgruppe muss komplexe Sachverhalte im Gesundheitswesen wie z. B. die Vernetzung mit Krankenhäuser und Krankenkassen herstellen und bewältigen. Sie sorgt für eine Verkürzung der Schulfehlzeiten. Termine mit Schulärztinnen können von School Nurses gezielt eingeleitet werden. Bei Infektionskrankheiten leiten

Schulgesundheitspflegerinnen eine Unterbrechung der Infektionskette ein und verhindern durch ihre Expertise und Management eine Weiterverbreitung der Krankheiten. Zu den Prinzipien der Schulgesundheitspflege zählen: Pflegekoordination, Führung, Qualitätsverbesserung, Gemeinwesen, öffentliche Gesundheit und Standards der Praxis. Zu den Zielen der Schulgesundheitspflege zählen die Bevölkerungsgesundheit, die Prävention sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Professionen des Gesundheits­und Nicht-Gesundheitsbereich.

4 Gesundheitsprofessionen im österreichischen Schulwesen

Kinder, Jugendliche und Lehrende verbringen einen wesentlichen Teil ihrer Zeit in der Schule. Bildungseinrichtungen stellen einen Rahmen zur Verfügung, wo Folgen ungleicher sozialer Gesundheitsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen positiv beeinflusst und ausgeglichen werden können. Geschlechterunterschiede und Diversität werden dabei berücksichtigt. In der schulische Gesundheitsförderung können diverse Maßnahmen miteinander kombiniert zum Einsatz kommen. Als Ziele gelten:

- Schule als gesundheitsförderliche Lebens- und Arbeitsumwelt unter Einbeziehung aller beteiligten Personen des interdisziplinären Schulteams (Lehrende, SchulärztInnen, SchulpsychologInnen, SchulsozialarbeiterInnen etc.) zu gestalten.
- Persönliche Kompetenzen und Leistungspotenziale der SchülerInnen im Hinblick auf ein gesundheitsbewusstes und eigenverantwortliches Handeln und der Förderung von Wissen.
- Netzwerk zwischen Schulen und regionalem Umfeld aufbauen.
- Kommunikative und kooperative Kompetenzen von Lehrenden, Eltern und SchülerInnen zu fördern.
- Innovative Projekte, Aktivitäten und Maßnahmen zur

Gesundheitsförderung zu dokumentieren und verbreiten (BMSGP 2021a: o. S).

Im Folgenden werden Qualifikationen von Berufsgruppen beschrieben, die im multiprofessionellen Team für die gesundheitlichen und sozialen Bedürfnisse von Schulkindern in Österreich bereitstehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 139 Seiten

Details

Titel
Schulgesundheitspflege. Die Rolle der Gesundheits- und Krankenpflege im Bildungssystem in Zeiten von Covid-19
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Gesundheit und Soziales)
Veranstaltung
Gesundheitsmanagement
Note
1
Autor
Jahr
2021
Seiten
139
Katalognummer
V1154584
ISBN (eBook)
9783346545930
ISBN (Buch)
9783346545947
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schulgesundheitspflege, Gesundheits- und Krankenpflege, bildungssystem, Gesundheitsförderung, covid-19
Arbeit zitieren
Andrea Gundolf (Autor:in), 2021, Schulgesundheitspflege. Die Rolle der Gesundheits- und Krankenpflege im Bildungssystem in Zeiten von Covid-19, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1154584

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