Gentechnisch manipulierte Pflanzen und geklonte Tiere, Umweltkatastrophen wie starke
Stürme und Überflutungen aufgrund von Umweltschäden, Artensterben von Tieren und
Pflanzen - vielseitig sind die technischen Möglichkeiten des Menschen heutzutage und die
Folgen seiner Eingriffe in die Natur. Nicht zu vergessen natürlich auch die Bedrohung
durch die Atombombe, deren Anwendung die Auslöschung der ganzen Menschheit und
aller höher entwickelter Lebewesen zur Folge haben kann. Zur Zeit des Erscheinen von
´Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation´
(1979) des jüdischen Philosophen Hans Jonas war diese theoretische Gefahr durch den
Kalten Krieg sehr viel aktueller als heutzutage, dennoch hat sich an der Problematik nichts
geändert.
Durch die immer umfassenderen Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik oder deren
unbeabsichtigten, aber oft zwangsläufigen Nebenfolgen verändert der Mensch nicht nur
seine Lebensbedingungen und die natürliche Umwelt, auch im Bezug auf den Menschen
selbst stellen sich immer neue Fragen. Ist es gut, Menschen unter allen Umständen am
Leben zu erhalten, nur weil es technisch möglich geworden ist? Darf das Erbgut des
Menschen verändert werden?
Und wie steht es mit dem Lebensrecht schwerbehinderter Kinder? Der Artikel „Fluch und
Segen“ im SPIEGEL vom 16.04.07 beschäftigt sich mit dem Problem der Spätabtreibung
im Falle einer starken Behinderung des Kindes. Seit den ersten Ultraschallgeräten, die es
seit Mitte der siebziger Jahre in deutschen Kliniken gibt, wird es dem Menschen möglich,
sein Schicksal mehr und mehr selbst in die Hand zu nehmen und Gott zu spielen. Auf der
einen Seite bedeutet dies einen Segen, wenn so beispielsweise eine Krankheit schon früh
geheilt werden kann, aber in vielen Fällen stürzt dieser technische Fortschritt Menschen
„in ein Dilemma, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint“, da nun die Entscheidung
ansteht, ob man das sichtbar missgebildete Kind abtreiben sollte oder nicht und die
Betroffenen häufig mit der Situation überfordert sind. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Situationsanalyse: Die veränderten Bedingungen heutzutage
2.1 Merkmale moderne Technik im Vergleich zu früherer Technik
2.2 Anforderungen an eine neue Ethik
2.3 Der Neue Imperativ
3. Entwicklung einer Zukunftsethik
3.1 Problematik
3.2 Neue Formen der Verantwortung
3.3 Die Begründung unserer Verantwortung
4. Anwendung der neuen Ethik
4.1 Gründe für Beispiele aus der Medizin
4.2 Konkrete Beispiele und ihre ethische Bewertung
5. Nachwort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Aktualität und Umsetzbarkeit der Zukunftsethik von Hans Jonas vor dem Hintergrund moderner technologischer Möglichkeiten. Sie verfolgt das Ziel, die Notwendigkeit eines neuen, verantwortungsethischen Denkens darzulegen, das den globalen und langfristigen Folgen menschlichen Handelns gerecht wird, und wendet diese Theorie beispielhaft auf ethische Grenzfragen der Medizin an.
- Analyse der veränderten Bedingungen durch moderne Technik
- Entwicklung und Begründung einer neuen Zukunftsethik
- Der "Neue Imperativ" als kategorisches Prinzip
- Verantwortung als Schutz der künftigen Existenz
- Ethische Bewertung von Medizin, Sterben und technischem Fortschritt
Auszug aus dem Buch
3.1 Problematik
Da man keine genauen Vorhersagen machen kann, die die Auswirkungen in der fernen Zukunft und das Ausmaß der Schäden aufgrund von Fernwirkungen heutigen Handelns anbelangen, ist die Entwicklung einer Zukunftsethik nicht einfach, denn „Zukunftswissen ist per se kein Wissen von Fakten, sondern eines von Möglichkeiten“41. Da Jonas aber überzeugt ist, dass die Menschheit dringend einer solchen Ethik bedarf, um sich in ihrem Handeln zu beschränken, schlägt Jonas die „Heuristik der Furcht“ vor. Es gehört somit zu unserer Pflicht, „uns zukünftige Ereignisse als Fernwirkungen gegenwärtigen Handelns so anschaulich wie irgend möglich darzustellen; das heißt, wir müssen uns mit Hilfe unserer Vorstellungskraft vom größtmöglichen Unfall ein Bild machen, uns eine öde, radioaktiv verseuchte Erde ohne Wälder unter riesigem Ozonloch vorstellen “42. Diese Vorstellung bezeichnet Jonas als „die erste Pflicht der Zukunftsethik“43.
Die Vorstellung alleine reicht allerdings nicht aus und es wird zur „zweiten Pflicht“, sich darum zu bemühen, ein dieser Vorstellung angemessenes Gefühl zu bekommen. Dieses durch die schreckliche Vorstellung hervorgerufenen Gefühl der Furcht soll uns die Bedeutung und die Dringlichkeit einer Handlungsänderung vor Augen führen und uns darin bestätigen, dass eine neue Ethik unerlässlich ist. 44 Wenn man, wie es heute oft der Fall ist, die Folgen einer Handlung nicht kennt und auch nicht mit Sicherheit vorhersagen kann, weil es nie zuvor eine solche Situation gab, fordert Jonas, dass man sich die denkbaren schlimmsten negativen Folgen einer Handlung bewusst macht, um erst dann zu entscheiden, ob man diese negativen Folgen in Kauf nehmen kann oder ob das Risiko zu hoch ist und man wegen der möglichen Auswirkungen darauf verzichtet. Nur wirkliche „gefühlsmäßige Betroffenheit“45 kann zu einem Umdenken und damit zur erhofften Verhaltensänderung führen. Die Berücksichtigung rationaler und emotionaler Komponenten bei dieser Abwägung möglicher Folgen führt zu einer umfassenderen Entscheidungsgrundlage, die auf einer ganzheitlichen Sichtweise beruht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, dass technische Fortschritte und deren unvorhersehbare Nebenfolgen den Menschen vor neue ethische Dilemmata stellen, die klassische Ethiken nicht mehr lösen können.
2. Situationsanalyse: Die veränderten Bedingungen heutzutage: Dieses Kapitel analysiert den radikalen Wandel technischer Möglichkeiten und deren zwangsläufige Dynamik, die den Menschen zur Entwicklung einer neuen Verantwortungsethik zwingen.
3. Entwicklung einer Zukunftsethik: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Zukunftsethik, insbesondere die "Heuristik der Furcht" und der neue kategorische Imperativ, detailliert erarbeitet.
4. Anwendung der neuen Ethik: Dieses Kapitel prüft die theoretischen Prinzipien von Jonas anhand konkreter medizinethischer Fragestellungen, wie dem Recht auf Sterben und dem Umgang mit schwerstkranken Patienten.
5. Nachwort: Das Nachwort resümiert die anhaltende Aktualität von Hans Jonas' Analysen und verdeutlicht diese an aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen wie dem Klimawandel.
Schlüsselwörter
Hans Jonas, Prinzip Verantwortung, Zukunftsethik, Technikethik, Heuristik der Furcht, Verantwortungsethik, Kategorischer Imperativ, Medizinethik, Anthropozentrismus, Klimawandel, Nachhaltigkeit, Lebensschutz, Sterbehilfe, ontologische Verantwortung, technischer Fortschritt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Hans Jonas' Ethik – speziell sein „Prinzip Verantwortung“ – angesichts der immensen Möglichkeiten und Risiken moderner Technik eine Orientierung für verantwortungsvolles Handeln in der Zukunft bieten kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die Situationsanalyse moderner Technik, die Entwicklung einer Zukunftsethik, die Formulierung eines neuen Imperativs sowie die Anwendung dieser Ethik auf medizinische Problemstellungen und ökologische Herausforderungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die von Jonas entwickelte Ethik trotz der seit ihrer Veröffentlichung vergangenen Zeit nicht obsolet ist, sondern einen maßgeblichen Rahmen zur Bewertung aktueller globaler und individueller Handlungsprobleme bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Autorin nutzt eine philosophische Analyse des Werkes von Hans Jonas, ergänzt durch den Vergleich mit klassischen Ethikkonzeptionen (wie Kant und Weber) sowie die praktische Veranschaulichung anhand zeitgenössischer gesellschaftlicher Debatten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die veränderten Bedingungen der Moderne analysiert, dann die theoretischen Anforderungen an eine Zukunftsethik und der „Neue Imperativ“ hergeleitet, sowie anschließend die praktische Umsetzbarkeit anhand medizinischer Beispiele erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Zukunftsethik, Verantwortung, moderne Technik, Heuristik der Furcht, Klimawandel, Sterbehilfe und Hans Jonas charakterisieren.
Warum hält Jonas das bisherige Verständnis von Ethik für unzureichend?
Jonas argumentiert, dass traditionelle Ethiken primär auf den Nahbereich zwischenmenschlicher Beziehungen ausgerichtet waren, während moderne Technik eine globale Reichweite und unvorhersehbare Langzeitfolgen hat, die eine kosmische Verantwortung erfordern.
In welchem Verhältnis stehen "Töten" und "Zu-Sterben-Erlauben" bei Jonas?
Jonas zieht eine klare Trennlinie: Aktive Sterbehilfe lehnt er ab, da sie dem ärztlichen Ethos widerspricht; die passive Sterbehilfe oder die indirekte Beihilfe zur Linderung von Leid unter bestimmten Bedingungen bewertet er hingegen als ethisch vertretbar.
- Arbeit zitieren
- Lydia Kanngießer (Autor:in), 2006, Hans Jonas und das Prinzip Verantwortung. Hilft uns die Zukunftsethik von Hans Jonas heute noch weiter?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115478