"Durch die Augen der Muse". Leben und Werk des Künstlers Vermeer auf Grundlage von Fiktion, anhand des Films "Das Mädchen mit dem Perlenohrring"


Hausarbeit, 2020

30 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein Künstlerfilm auf der Basis von Fiktion
2.1. Der historische Jan Vermeer
2.2. Von Delft nach Hollywood- Vermeers Leben als Film

3. Zwischen Realität und Fiktion – die Figurenkonstellation
3.1. Der Film Vermeer
3.2. Der Patron Pieter van Ruijven
3.3. Vermeers Frauen
3.4. Die Magd Grit

4. Mit den Augen Vermeers- filmstilistische Mittel

5. Resümee

Literaturverzeichnis

Filmverzeichnis

Bildverzeichnis

1 Einleitung

„Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ ist vom gleichnamigen Bild inspiriert. Es ist ein großartiges Portrait- die Mona Lisa des Nordens. Ein ikonisches Bild eines jungen Mädchens. Der Film entstand nach der Vorlage des Buchs von Tracy Chevalier. Tracy wollte einfach den Hintergrund des Gemäldes aufzeigen. Die Geschichte ist frei erfunden.“1 (Das Mädchen mit dem Perlenohrring, 2005, [00:00:21] Zitat Peter Webber im Zusatzmaterial anatomy of a scene)

Der Historienfilm „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Regisseur Peter Webber beruht laut seiner eigenen Aussage zum größten Teil auf einer fiktiven Romanvorlage. Tatsächlich spiegelt der Spielfilm aus dem Jahr 2003 in vielen Sequenzen das zeitgenössische Leben um 1665 in Delft wider. Das Leben des Malers Jan Vermeer wird dem Publikum hierbei vor allem durch die Augen seiner Dienstmagd Grit nähergebracht, welche sich auch hinter dem rätselhaften Porträt „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ (Abbildung 1) von 1665 verbergen soll. Da es trotz unzähliger Biografien über das Leben des flämischen Künstlers kaum verschriftliche Nachweise über die Beweggründe und Entstehungsprozesse seiner Werke zu finden gibt, ist es schwierig, über Vermeers Malintention zu recherchieren. Trotzdem fasziniert vor allem sein „Perlenmädchen“ Gemälde seit vielen Jahren die Forschung und Kunstinteressierte. Die dargestellte Frau wirkt mit ihrer milchig- blassen Haut wie eine Porzellanpuppe. Die weichen Gesichtszüge wurden nur mithilfe von Licht und Perspektive ohne erkennbare Pinselstriche auf die Leinwand gebracht. Eine Technik, welche der Künstler extra für dieses Werk konzipiert hatte. Auch wirft die träumerisch verklärte Darstellung des Mädchens mit Turban Fragen nach der Rezeption auf. Wen hat Jan Vermeer hier so eindrucksvoll verewigt? Eine Frage mit der sich der Film „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ spielerisch auseinandersetzt und dabei auf der Basis einer fiktiven Geschichte viel Wahrheitsgetreues aus Vermeers Leben widerspiegelt. Welche Stilmittel Vermeers adaptiert der Film hierbei? Gibt es Parallelen zwischen dem historischen und dem Film Vermeer? Schadet der Grad der Fiktionalisierung dem Erbe des Künstlers oder ist er für seinen Nachruhm eher förderlich?

„Demnach vollzögen wir aus der Perspektive des Anderen Überzeugungen und Gefühle nach und kämen über eine Form des »reenactments« zu übereinstimmenden Gefühlen. Der technisch ideale Auslöser dafür kann der Point of View Shot sein, also die subjektive Kameraperspektive […] Aber muss ich tatsächlich genau dasselbe fühlen, um zu verstehen, wie es dem Anderen geht? Beziehungsweise, ist eine Gefühlsübereinstimmung nicht eher eine neue affektive Phase, ein sympathisches Mitfühlen?“2 (Malte Hagener: Empathie im Film.Bielefeld.2017.S.155)

2 Ein Künstlerfilm auf der Basis von Fiktion

2.1. Der historische Jan Vermeer

„Seit im 19. Jahrhundert mit der Begeisterung für Vermeers Kunst auch das Interesse an seiner Person erwachte, haben sich Forscher in die Archive begeben, um etwas über seinen Lebensweg herauszufinden. Was sie in unermüdlichem Aktenstudium und genauester Quellenlektüre zutage brachten, war vergleichsweise viel. Vermeers Leben ist genauer bekannt als das der meisten anderen holländischen Maler seiner Zeit. Dennoch bezeichneten die meisten Biographen das Wissen über den Lebensweg des Künstlers als spärlich, da die dokumentarischen Zeugnisse nicht zu dem enthusiastischen Bild passten, das man sich von dem Maler machen wollte. Weil Vermeer nach dem übereinstimmenden Urteil aller, die sich über ihn geäußert haben, zu den herausragendsten Künstlern seiner Zeit zählt, hat es bisher kaum jemand gewagt, den mit Blick auf die Quellen naheliegenden Schluss zu ziehen, dass Vermeers Biographie alles andere als außergewöhnlich war.“3 (Büttner, Nils: Vermeer. München.2010.S.11)

1632 wurde Vermeer in Delft geboren und von seinen Eltern protestantisch erzogen. Wie er zum Künstlerberuf kam und bei welchem Maler er hierfür in die Lehre ging ist bis heute unbekannt. Sein Vater war neben der Arbeit im familiär betriebenen Gasthaus auch als Kunsthändler tätig, sodass die Vermutung nahe liegt, dass auch sein Sohn schon früh einen Sinn für die schönen Künste entwickelte. Durch Quellen bekannt ist zumindest die Tatsache, dass im Gasthaus am Delfter Marktplatz ortsansässige Maler und auch Künstler von auswärts tagtäglich ein und aus gingen. Im Alter von 21 Jahren wurde Vermeer in die Lukasgilde aufgenommen und ließ sich dort als Maler einschreiben. Parallel dazu ehelichte er die Katholikin Catharina Bolnes. Das Paar lebte fortan mit der Schwiegermutter Maria Thins im Delfter „Papistenviertel“ und war laut zeitgenössischen Quellen tief in der katholischen Oberschicht der Stadt verwurzelt. Sowohl die Tatsache, dass Vermeer und Catharina Eltern von 14 Kindern waren als auch die Nachweise über Schulden, Verpfändungen und den insolventen Nachlass bieten stets Anlass für Spekulationen über die finanziellen Verhältnisse der Familie. Bereits vor der Fertigstellung von Vermeers frühesten Werk lieh er sich Geld bei Pieter Claesz. van Ruijven, welcher im Verlauf seiner Karriere, zum wichtigsten Förderer seiner Kunst werden sollte4 (vgl.: Haag, Sabine: Vermeer. Die Malkunst. Salzburg.2010.S. 23). Dass der Künstler innerhalb seiner Heimatstadt jedoch ein großes Ansehen genoss, belegt die Tatsache, dass er kurz nach seinem Eintritt in die Malergilde zum Vorstand und wenig später zum Dekan erhoben wurde. Neben seinem eigenen Kunstschaffen arbeitete Vermeer zusätzlich als Sachverständiger weit über die Grenzen der Stadt hinaus und war wie schon sein Vater zuvor als Kunsthändler tätig. Sein breites Interesse an den wissenschaftlichen und technischen Innovationen der Malerei und Kunst seiner Zeit werden nicht nur in seinen Werken wie „Der Astronom“ 1968 oder „Der Geograph“ 1969/68 deutlich, sondern auch an der großen Nachfrage nach Vermeers Expertise in Bezug auf fremde Kunstwerke.

„Die in Folge des Krieges mit Frankreich einsetzende Rezession brachte nach dem Jahr 1672 Vermeers Bilderhandel zum Erliegen und ließ die eingekauften Werke anderer wie seine eigenen Bilder unverkäuflich werden. Zwei Jahre später starb auch noch Pieter van Ruijven, an den Vermeer seit Beginn seiner Karriere beinahe alle seine Bilder verkauft hatte. Eine Besserung dieser misslichen Umstände sollte Vermeer nicht mehr erleben. Er starb im Alter von 43 Jahren.“5 (Büttner, Nils: Vermeer. München.2010.S.20)

Nach seinem Tod hinterließ Vermeer seiner Witwe, den Kindern und der Schwiegermutter eine beträchtliche Summe an Schulden, welche in den folgenden Jahren zur völligen Zahlungsunfähigkeit der Familie führte. Erhalten sind bis heute nur 35 Werke, viele gelten noch immer als verschollen. Die Quellen geben Nachweise darüber wo und im welchem Besitz sich die Gemälde zu Lebzeiten Vermeers befanden. Aus Aufzeichnungen geht ebenso hervor, dass etliche Werke Vermeers noch im Umlauf oder falschen Künstlern zugeordnet sind. Die Faszination um Vermeer macht weniger sein relativ unspektakulärer Lebenslauf als das Mysterium, um die Intention seiner Kunstwerke aus. Die fehlenden Hintergrundinformationen bezüglich seiner Bildideen, sowie nicht existente Unterzeichnungen, Figurenvorlagen oder Vorzeichnungen beschäftigen die Forscher bis heute. Vor allem Vermeers innovativer Umgang mit Perspektive und Licht trägt dazu bei, dass die Gemälde den Betrachter in eine andere Welt entführen und das auf sehr kleinformatigen Leinwänden. Ein ebenso auffälliges Detail an Vermeers Malweise ist die Bild- im Bild Präsentation. So finden sich in Vermeers Gemälden häufig zeitgenössische Kunstwerke anderer Maler wieder und geben dem Betrachter Anlass für vielfältige Interpretationsmöglichkeiten. Eine Technik, welche sich auch die Verfilmung „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ zu Nutzen macht.

2.2. Von Delft nach Hollywood- Vermeers Leben als Film

„Manche sehen es als Literaturverfilmung. Ich sehe es als häuslichen Thriller. Es ist die Geschichte einer jungen Magd im Dienst des Malers Johannes Vermeer, die eine außergewöhnliche Beziehung zu ihm entwickelt.“6 (Das Mädchen mit dem Perlenohrring, 2005, [00:00:23] Zitat Andy Peterson im Zusatzmaterial anatomy of a scene)

Da es wie bereits mehrfach erwähnt nur wenige bekannte Informationen über das Leben des Künstlers Jan Vermeer gibt jedoch sein Werk bis heute auf großes Interesse stößt, ist es unumgänglich Fiktion mit ins Spiel zu bringen. Die literarische Vorlage von Tracy Chevalier spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Mit ihrer bildhaften und feinsinnigen Erzählweise führt Sie dem Leser Werk und Leben Vermeers sinnbildlich vor Auge und kreiert rund um seine berühmtesten Gemälde eine spannende Geschichte. Diese Storyline fungierte als Grundlage für das Drehbuch des gleichnamigen Spielfilms und wurde nur minimal geändert. Im Fokus der Handlung steht die Magd Grit, welche sich später als die Muse und Gestalt hinter dem bekannten Werk „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ (Abbildung 1) offenbart. Das Erschaffen eines Filmuniversums in welchem die Grenzen zwischen fiktionalen und historischen Figuren fließend ineinander übergehen erzeugt ein großes Authentizitätsgefühl beim Zuschauer. Mithilfe von detailverliebten Requisiten, Kostümen und Verweisen auf die Malkunst Vermeers wandert der Zuschauer gefühlt durch das gesamte Werk des Künstlers. Von der Ideenfindung eines Gemäldes, über die Umsetzung bis hin zum vollendeten Auftrag vermittelt der Spielfilm den Alltag eines Künstlers um 1660. In der Verfilmung besonders hervorgehoben werden die Schattenseiten des Künstlerlebens. So verweist der Film immer wieder auf die finanziellen Schwierigkeiten der Familie und das Abhängigkeitsverhältnis zu Vermeers Mäzen Pieter van Ruijven. Während die Quellen aus Vermeers Leben vielfach Engpässe in der Familienkasse aufzeigen, verweisen die Biografen jedoch auf den Reichtum und das Ansehen des Künstlers innerhalb der Delfter Gesellschaft. Dass der Alltag eines beliebten Künstlers jedoch trotzdem von Selbstzweifel, fehlender Inspiration, Geldsorgen und Abhängigkeitsverhältnissen zu Publikum und Mäzenen geprägt war ist historisch verankert:

„Der Topos vom leidenden Künstler und vom Leid als Bedingung wahren Künstlertums ist einerseits der Mythos, wie jeder Mythos hat er aber einen realen Kern. Der historische Hintergrund des neuen Künstlerselbstverständnisses sind die grundlegenden sozialen Umstrukturierungen, die seit dem ausgehenden 18.Jahrhundert mit der abnehmenden Bedeutung höfischer Auftraggeber und Mäzene […] Materielle Schwierigkeiten hatten Künstler aber schon vorher kennen gelernt. Auch in der Renaissance hatte es neben dem Typus des gebildeten, anerkannten und von Protentaten umschmeichelten Künstlers bereits den Typ des bindungs- und erfolglosen Eigenbrötlers gegeben.“7 (Krieger, Verena: Was ist ein Künstler? Köln. 2007. S. 50)

[...]


1 Das Mädchen mit dem Perlenohrring, 2005, [00:00:21] Zitat Peter Webber im Zusatzmaterial anatomy of a scene

2 Malte Hagener: Empathie im Film.Bielefeld.2017.S.155

3 Büttner, Nils: Vermeer. München.2010.S.11

4 Haag, Sabine: Vermeer. Die Malkunst. Salzburg.2010.S. 23

5 Büttner, Nils: Vermeer. München.2010.S.20

6 Das Mädchen mit dem Perlenohrring, 2005, [00:00:21] Zitat Andy Peterson im Zusatzmaterial anatomy of a scene

7 Krieger, Verena: Was ist ein Künstler? Köln. 2007. S. 50

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
"Durch die Augen der Muse". Leben und Werk des Künstlers Vermeer auf Grundlage von Fiktion, anhand des Films "Das Mädchen mit dem Perlenohrring"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
30
Katalognummer
V1154912
ISBN (eBook)
9783346548160
ISBN (Buch)
9783346548177
Sprache
Deutsch
Schlagworte
durch, augen, muse, leben, werk, künstlers, vermeer, grundlage, fiktion, films, mädchen, perlenohrring
Arbeit zitieren
Sarah Popp (Autor:in), 2020, "Durch die Augen der Muse". Leben und Werk des Künstlers Vermeer auf Grundlage von Fiktion, anhand des Films "Das Mädchen mit dem Perlenohrring", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1154912

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