Lolita - über Romanadaption und Medienwechsel


Seminararbeit, 2002
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung und Vorbemerkungen

Adaption und Medienwechsel: vom Papier auf die Leinwand
Kriterien der Bewertung einer Adaption
Der Vorgang der Adaption

Stanley Kubrick und Lolita
Die Adaption und die Rolle der literarischen Vorlage bei Kubrick
Kubricks Emanzipation von Nabokov Die Verfilmung von Lolita 1962
Vergleich der Lolita-Adaption bei Stanley Kubrick und Adrian Lyne

Fazit

Quellen

Einleitung und Vorbemerkungen

Im Laufe der Erarbeitung des Themenkomplexes Lolita und seiner vielfltigen Betrachtungsmglichkeiten war ein Thema immer wieder besonders interessant: Obwohl es zahlreiche Untersuchungen, Arbeiten und Auseinandersetzungen mit und ber das Thema des Romans gab und gibt, ist der Roman immer noch mit dem Makel der Anrchigkeit behaftet. Gerade diese Anrchigkeit macht ihn natrlich auch interessant und hat sicherlich eine Menge zu seiner Popularitt beigetragen.

Genau dieser Bekanntheitsgrad macht den Aspekt der Filmadaptionen dieses offensichtlich schwierigen Stoffes so faszinierend. Ganz unabhngig davon, ob man die Verfilmungen als gelungen oder nicht einstufen will, dass liegt im Zweifel ohnehin im Auge des Betrachters, und die Bezeichnungen, ganz besonders im Fall der Verfilmung von Stanley Kubrick, reichen von enttuschend bis meisterhaft, ist schlicht und einfach die Aufgabe der Umsetzung einer solchen Vorlage spannend. Darber hinaus eignet sich Lolita , bedingt durch das meisterhafte Talent des Autors Nabokov, vorzglich, um in Hinsicht auf die Filmadaptionen zu zeigen, wo die Mglichkeiten und die Grenzen der Adaption liegen.

Ich werde in dieser Arbeit zunchst auf die Adaption einer Vorlage aus der Literatur im allgemeinen eingehen und versuchen, einen Einblick in dieses Feld zu geben. Ich halte dies fr notwendig, um die Kriterien der Beurteilung einer Adaption ausreichend deutlich darstellen zu knnen.

Im Anschluss soll dann auf die Arbeit Stanley Kubricks mit Lolita eingegangen werden. Ich werde die zweite Verfilmung von Adrian Lyne aus dem Jahr 1997 nur am Rande behandeln und lediglich fr einen exemplarischen Szenenvergleich benutzen, da ich Kubricks Lolita in Hinsicht auf das Thema der Adaption fr interessanter halte.

Adaption und Medienwechsel: vom Papier auf die Leinwand

Kriterien der Bewertung einer Adaption

Die Geschichte der Romanadaption fr den Film ist unmittelbar verknpft mit den Problemen des Films, als eigenstndige Kunstform akzeptiert zu werden.

Viele Filmschaffende, die auf einen Roman, eine Kurzgeschichte oder ein Theaterstck zurckgreifen, um daraus einen Film zu machen, mssen sich den Vorwurf machen lassen, der Film werde der Vorlage nicht gerecht. Besonders drastisch fallen diese Vorwrfe natrlich meist dann aus, wenn es sich dabei um eine bekannte, allgemein anerkannte und am besten noch vom Kritiker persnlic h

geschtzte Vorlage handelt. Mit diesem Konflikt muss sich der Film schon seit seinem Bestehen auseinandersetzen. Schon von den ersten Gehversuchen mit dem Medium Film an, haben Filmemacher auf Vorlagen aus der Literatur zurckgegriffen, teilweise um etwas eigenes daraus zu machen, um der Inspiration willen, oder einfach nur, um dem Werk ihre Wertschtzung zu erweisen.

Akzeptiert man das Medium Film als eigene Kunstform, so folgt daraus der Bedarf nach eigenen Bewertungskriterien. Der Film ist nicht nur ein relativ junges Medium, wenn man ihn z.B. mit dem Buchdruck oder dem Theater vergleicht, sondern er weist auch in seiner Funktion und in seinen Rezeptionsanforderungen entscheidende Unterschiede zu den Alten Medien auf.

Vor allem die Tatsache, dass es sich beim Film um ein audiovisuelles Medium handelt und die eigens fr die Vorfhrung (wir gehen davon aus, dass der Film in einem Kinosaal rezipiert wird) erforderliche rtlichkeit und Technik sind die Hauptunterschiede im Vergleich zu anderen Medien.

Die entscheidenden Fragen, die es zu betrachten gilt, wenn man sich um die Beurteilung einer Filmadaption bemht, knnten demnach folgende sein:

Was kann und was muss eine Romanadaption leisten?

Ist es der Zweck bzw. sollte es der Zweck einer Verfilmung sein, ein genaues Abbild der Vorlage zu schaffen?

Ist dies berhaupt mglich bzw. ist es wnschenswert?

Macht es nicht viel mehr Sinn, einen Film als etwas eigenstndiges zu beurteilen?

Eine definitive Beantwortung kann man sicherlich nicht geben, aber der entscheidende Punkt ist die Eigenstndigkeit des Films. Nichtsdestotrotz kann natrlich ein Vergleich mit einer eventuellen Vorlage erfolgen, denn es muss auch beurteilt werden, in wie fern die Entscheidung, einen Film aus einer Vorlage zu machen, richt ig war.

Der Vorgang der Adaption

Im folgenden Abschnitt soll ein knapper berblick ber den Vorgang und die Kriterien der Adaption gegeben werden. Das Thema Adaption ist sehr umfangreich und wird hufig und immer wieder diskutiert. Vor allem die Diskussion um den Wert filmischer Umsetzungen wird auch nach hundert Jahren Film und Kino immer noch gefhrt, und ein wirkliches Ende scheint nicht in Sicht zu sein. Zu gespalten sind die Meinungen,

und die Kritiker des Kinos beharren auf ihren Argumenten. Einer der hufigsten Vorwrfe, dass die meisten Filme ihren Vorlagen nicht gerecht wrden und oftmals den Glanz eines Werkes der Literatur schmlerten, ist auch in Hinsicht auf die Adaptionen des Romans Lolita von Bedeutung, weil gerade an diesem Beispiel besonders die Mglichkeiten und vor allem auch die Einschrnkungen, die das Kino bei der bernahme von Stoffen aus der Literatur machen muss, deutlich gemacht werden knnen.

Bei den Nominierungen und der Vergabe der alljhrlichen Academy Awards (Oscars) der amerikanischen Filmindustrie wird nicht umsonst zwischen dem Original Screenplay und dem Adapted Screenplay unterschieden. 1

Ein groer Teil der Drehbcher, aus denen spter Filme werden, basiert auf bereits vorhandenen Romanen, Kurzgeschichten etc.. Beim Transfer vom Papier auf die Leinwand, um es ganz grob zu formulieren, findet ein entscheidender Prozess statt, den man als Medienwechsel bezeichnet. Dies bedeutet vor allem eine Vernderung der Reglements und der theoretischen Bedingungen, die fr den betreffenden Stoff und fr dessen Umsetzung gltig werden. Wird ein Buch zum Drehbuch und schlielich zum Film, gelten andere Regeln und Einschrnkungen, weil Roman und Film auf eine gnzlich andere Weise funktionieren; sie erzhlen eine Geschichte auf vllig unterschiedliche Art und Weise.

In seinem Buch Concepts in Film Theory 2 stellt Dudley Andrew fest, dass Film

und Literatur auf gegenstzliche Weise funktionieren: Film is found to work from perception toward signification, from external facts to interior motivations and consequences, from the givenness of a world to the meaning of a story cut out of that

world. 3

Literatur dagegen, begins with signs (graphemes and words), building to propositions that attempt to develop perception. As a product of human language it naturally treats human motivation and values, seeking to throw them out onto the external world, elaborating a world out of a story.4

Die Problematik einer Adaption und eines Medienwechsels liegen also auf der Hand: Ein Autor beschreibt mit seinem geschriebenen Wort eine Geschichte, einen Zustand etc., der direkt seiner Imagination entspringt, etwas, das ihm selber widerfahren ist, oder etwas, das ihm berichtet worden ist. Seinen Weg auf das Papier findet das Wort ber den Kopf, das Gehirn des Autors. Die beim Verfassen eines Drehbuches ntige Umwandlung wiederum dieser Worte in ein geeignetes Bild ist nun

Aufgabe des Drehbuchautors und spter des Regisseurs. Die Kunst der Umwandlung ist die Kunst, welche die Filmschaffenden beherrschen mssen.

Als Faustregel zur Berechnung der Lauflnge eines Filmes schlgt der

Drehbuchtheoretiker Syd Field eine Veranschlagung von einer Drehbuchseite pro Filmminute vor: Eine geschriebene Drehbuchseite entspricht einer Minute Filmzeit.5 Ein durchschnittlicher Roman umfasst ca. 250 350 Seiten, manchmal mehr, manchmal weniger. Nichtsdestotrotz wrde eine theoretische Wortfr-Wort Umsetzung vom Buch auf die Leinwand uns, gehen wir nach Field, Filme von mindestens 300 Minuten Lnge bescheren. Der Drehbuchautor sucht die seiner Meinung nach entscheidenden Aspekte der Vorlage heraus, filtriert die Geschichte also und legt den Fokus auf die entscheidenden Wendepunkte, die den Fortgang der Erzhlung gewhrleisten. Es findet also eine Selektion statt. Gleichzeitig findet bei der Bearbeitung eines Stoffes aber auch immer eine Interpretation fr die Leinwand statt. Was der Zuschauer im Kino sieht, ist die Interpretation der Vorlage durch Drehbuchautor und Regisseur. Dem Kinobesucher ist es nun wiederum berlassen, die ihm vor Augen gefhrten Bilder zu interpretieren.

An diesem Punkt beginnt ein weiterer Aspekt der Adaption, eine wichtige Rolle zu spielen: der Zuschauer und seine Erwartungshaltung. Wird ein Stoff fr das Kino bearbeitet, so geschieht dies im populren Spielfilm meist aus wirtschaftlichen Grnden; die Vorlage hat sich gut verkauft, ist mit Preisen ausgezeichnet worden, bei den Lesern beliebt und eignet sich gut fr eine Adaption. Das Filmprojekt wird in Auftrag gegeben, und wenig spter kann der Zuschauer dann die Verfilmung im Kino sehen. Das grte Problem, sowohl fr Zuschauer als auch fr den Film, ist die Tatsache, dass im Kopf des Zuschauers bereits eine Version der Geschichte existiert, nmlich diejenige, die entstanden ist, als das Buch gelesen wurde. Dass der Film kaum dieser Vorstellung entsprechen wird und kann, ist hufig eine Quelle fr Enttuschungen auf Seiten des Publikums. Wie soll auch ein Film genau das umsetzen knnen, was sich in dem Kopf eines Individuums beim Lesen abgespielt hat? Das ist unmglich, denn jeder Leser hat sich beim Lesen seine eigene Version der Geschichte zurechtgelegt, und genau das tun Drehbuchautor und Regisseur auch. An ihnen ist es, die Entscheidung zu fllen, wie etwas, das nur mit Worten beschrieben wurde und dem Leser allen Platz fr seine eigene Imagination lsst, auf der Leinwand so umzusetzen ist, dass der Zuschauer sich nicht um seine Geschichte betrogen fhlt und im besten Falle sogar vielleicht noch neue Aspekte und Perspektiven der Geschichte zu sehen bekommt, die ihm vielleicht entgangen waren. Das sind die Mglichkeiten, aber auch die Risiken, die bei der Adaption einer Vorlage bestehen.

[...]


1 www.oscars.com, 26.2.2002.

2 Andrew 1984.

3 Andrew, S.101.

4 Ebenda.

5 Field 1991, S.39.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Lolita - über Romanadaption und Medienwechsel
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Anglistik und Amerikanistik)
Veranstaltung
Vladimir Nabokov, Lolita
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V11552
ISBN (eBook)
9783638176828
Dateigröße
717 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lolita, Romanadaption, Medienwechsel, Vladimir, Nabokov
Arbeit zitieren
Arno Schumacher (Autor), 2002, Lolita - über Romanadaption und Medienwechsel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11552

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