Holocaustleugnung in Österreich seit den 1980er/1990er-Jahren bis 2010


Seminararbeit, 2010

26 Seiten, Note: 2

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Erkenntnisleitendes Interesse, Forschungsfragenund Forschungsstand
1.2. Begriffsdefinition „Holocaustleugnung“/„Revisionismus“

2. Einführung zum Thema „Revisionismus“/Holocaustleugnung
2.1. Ursprünge und Geschichte des „Revisionismus“
2.2. Themen des „Revisionismus“
2.3. Methoden des „Revisionismus“
2.4. Funktionen des „Revisionismus“

3. „Revisionismus“ in Österreich
3.1. Akteure in den 1980er/1990er Jahren (bis heute)
3.2. Österreicher beteiligen sich an Holocaustleugner-Konferenz in Teheran – Ein Beispiel für Aktivitäten österreichischer „Revisionisten“
3.3. Die Forderung nach Abschaffung des NS-Verbotsgesetzes

4. Die „Revisionisten“ und das Konzentrationslager Mauthausen

5. „Revisionismus“ im Internet
5.1. Die Entwicklung „revisionistischer“ Aktivitäten im „World Wide Web“
5.2. Die Neonazi-Homepage „Alpen-Donau.info“ - Ein Fallbeispiel

6. Resümee

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Erkenntnisleitendes Interesse, Forschungsfragen und Forschungsstand

Das Leugnen und Verharmlosen der nationalsozialistischen Verbrechen sowie das Auf­rechnungen der nationalsozialistischen Gewalttaten mit anderen Verbrechen ist eine wich­tige Strategie rechtsextremer bis neonazistischer Personen und Gruppierungen. Ein be­deutendes Spezifikum in Österreich (aber auch in anderen Staaten) ist, dass die Leug­nung des Holocaust und anderer nationalsozialistischer Verbrechen gegen geltendes Recht (das NS-Verbotsgesetz) verstößt, also eine Straftat darstellt. Rechtsextreme setzen sich aus diesem Grund für die Abschaffung dieses Gesetzes ein, um ungehindert agieren zu können. Unter Missachtung seriöser historischer, aber auch naturwissenschaftlicher Ar­beitsweisen, mit der Herstellung von gefälschten „historischen Dokumenten“, der Falschauslegung von ZeugInnenaussagen und Quellen usw. produzierten „Revisionisten“ in der Vergangenheit zahlreiche Pamphlete, die die LeserInnen von der Nicht-Existenz der nationalsozialistischen Gräueltaten überzeugen bzw. diese zumindest verharmlosen sol­len. In Österreich ist vor allem für die 1980er und 1990er Jahre eine intensive Publikati­onstätigkeit der rechtsextremen, „revisionistischen“ Szene festzustellen.

Obwohl sich die seriöse Geschichtsforschung eingehend mit den pseudo-wissenschaftli­chen und geschichtsfälschenden Ausführungen der „Revisionisten“ auseinandergesetzt hat und zahlreiche „Gutachten“ und Behauptungen detailreich widerlegt hat, tauchen die immer selben Texte und Pamphlete immer wieder in Publikationen und – in den letzten Jahrzehnten vermehrt – auch im Internet auf. „Revisionistische“ Aktivitäten oder Äußerun­gen waren in Österreich in der Vergangenheit nicht nur von rechtsextremen und neonazis­tischen Gruppierungen festzustellen, sondern auch von Personen des öffentlichen Lebens, etwa hochrangigen PolitikerInnen.

In der vorliegenden Seminararbeit sollen einige der bekanntesten Vertreter der österreichi­schen „Revisionisten“-Szene sowie „revisionistische“ Bemühungen hinsichtlich der Ver­harmlosung und Leugnung der NS-Verbrechen, die sich auf dem Staatsgebiet Österreichs ereigneten (hier v. a. die Verbrechen im KZ Mauthausen) beleuchtet werden. Anhand eini­ger aktueller Fallbeispiele soll die Verbreitung „revisionistischer“ Propaganda – u. a. im „World Wide Web“ – dargestellt werden. Der Untersuchungszeitraum umfasst die 1980er/1990er Jahre bis heute. Das zweite Kapitel dieser Arbeit bietet einen allgemeine Einführung zum Thema „Revisionismus“ bzw. Holocaustleugnung. Es wird auf die Ursprünge, Themen, Methoden und Funktionen des „Revisionismus“ eingegangen. Das dritte Kapitel widmet sich dem „Revisionismus“ in Österreich: Hier werden die wichtigsten Akteure vorgestellt, weiters werden in einem Fallbeispiel die Aktivitäten österreichischer „Revisionisten“ beschrieben. Darüber hinaus gehe ich auch auf eine wichtige Forderung von (österreichischen) „Revisionisten“ – jene nach Abschaffung des NS-Verbotsgesetzes – ein. Im vierten Kapitel beschäftige ich mich mit der Leugnung bzw. Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen im Konzentrationslager Mauthausen. Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit der Funktion des Internets für die „revisionistische“ Szene und in einem Fallbeispiel – mit der Neonazi-Homepage „Alpen-Donau.info“. Im sechsten und letzten Kapitel werden die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit zusammengefasst.

Hypothese

Das Internet wurde in den 1990er Jahren zu einem wesentlichen Sprachrohr der „Revisio­nisten“ – auch in Österreich. Während die Zahl der LeserInnen von „revisionistischen“, rechtsextremen und neonazistischen Buch- und Zeitungs-Publikationen in der Regel (durch geringe Auflagen) stark eingeschränkt ist und die Verbreitung von gedruckter Litera­tur durch strafrechtliche Verfolgung behindert wird, bietet das Internet beinahe grenzenlo­se Verbreitungsmöglichkeiten. „Revisionistische“ Publikationen können rund um die Uhr kostenlos und anonym von jedem Ort der Welt bezogen werden. „Revisionisten“ beschrän­ken sich daher nicht mehr nur darauf, ihre Texte in Zeitschriften und Büchern zu publizie­ren, sondern veröffentlichen diese heute mehr denn je auch auf einschlägigen Homepa­ges, die darüber auch zum Vertrieb kostenpflichtiger Publikationen genutzt werden.

Forschungsstand

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema „Revisionismus“ bzw. Holocaustleug­nung erfolgte in Österreich in den letzten Jahrzehnten vor allem durch MitarbeiterInnen des Dokumentationsarchivs des Österreichisches Widerstandes (DÖW). In den 1990er Jahren erschienen mehrere Publikationen zum Thema „Revisionismus“ und Holocaust­leugnung,1 die Beschäftigung mit dieser Thematik und mit rechtsextremen bzw. neonazisti­schen Aktivitäten im Allgemeinen riss auch in den letzten Jahren nicht ab2 und wird in Form von Artikeln auf der Homepage des DÖW ständig fortgesetzt.3 Die Auseinanderset­zung mit den Geschichtsfälschern ist generell umstritten, da die Gefahr einer Aufwertung „revisionistischer“ Propaganda besteht. Bei einem Gerichtsprozess gegen den Neonazi Gerd Honsik beauftragte das Gericht etwa den Historiker Gerhard Jagschitz, ein Gutach­ten über die Massenmorde in Auschwitz zu erstellen. Honsik interpretierte dies in einen Zweifel des Gerichts an der Existenz der Giftgasmorde in Auschwitz um.4 Die wissen­schaftliche Beschäftigung mit dem „Revisionismus“ ist aber dennoch einerseits im Sinne der Demokratie und Vernunft notwendig, andererseits müssen „revisionistische“ Lügen al­lein schon aus Respekt gegenüber den Opfern der NS-Verbrechen mit aller Entschieden­heit zurückgewiesen werden.5

1.2. Begriffsdefinition „Holocaustleugnung“/„Revisionismus“

Holocaustleugnung ist ein Aspekt des „Revisionismus“. Die beiden Begriffe werden in der Literatur, die sich mit Rechtsextremismus beschäftigt, häufig gleichgesetzt bzw. wird eine Verwendung des Begriffs „Holocaustleugnung“ statt „Revisionismus“ vorgeschlagen. Der „Revisionismus“ umfasst jedoch nicht „nur“ die Leugnung der Ermordung der europäi­schen Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus sondern auch andere Themenspek­tren.6 Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes definiert „Revisionis­mus“ als alle Bemühungen, Geschichte im Sinne einer Verharmlosung, Beschönigung, Rechtfertigung oder Entkriminalisierung des Nationalsozialismus für persönliche, vor allem aber politische Zwecke umzuschreiben bzw. durch Aufrechnung alliierter Grausamkeiten die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren. Jeder Versuch dieser Art ist untrennbar mit den politischen Bemühungen rechtsextremer bzw. neonazistischer Kreise verbunden. Selbst Arbeiten von ursprünglich nicht rechtsextremen Autoren werden rasch vom Rechtsextremismus instrumentalisiert, die Verfasser finden meist bald den Weg in einschlägige Zirkel oder zumindest deren Umfeld.7

2. Einführung zum Thema „Revisionismus“/Holocaustleugnung

2.1. Ursprünge und Geschichte des „Revisionismus“

Der „Revisionismus“ kam v. a. in Deutschland, Österreich, den USA und in Frankreich auf. Nachdem in den USA unter dem Begriff „Revisionismus“ zunächst seriöse historische Kri­tik an der offiziellen Darstellung der Rolle der USA während dem Ersten Weltkrieg verstan­den wurde, versuchten Verteidiger des Nationalsozialismus, diesen Begriff für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, um den Anschein von Seriosität zu erwecken. Der Begriff „Revisio­nismus“ wurde zur Selbstbezeichnung der NS-Apologeten. Es entwickelte sich ein interna­tionales Netzwerk aus „revisionistischen“, rechtsextremen und neonazistischen Einzelper­sonen und Organisationen in Europa, in den USA und Kanada.8

2.2. Themen des „Revisionismus“

Nachdem im „Revisionismus“ anfangs vor allem die Verharmlosung der Kriegsschuld der Schuld und die Verherrlichung sowie Entschuldigung von NS-Führerpersönlichkeiten von Bedeutung war, widmeten sich neonazistische und „revisionistische“ Publizisten Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre der Holocaustleugnung, die bis heute das zentrale The­ma ist. Man fokussierte auf den Holocaust und andere schwerwiegende NS-Verbrechen, da diese ein Hindernis für die Wiederverbreitung nationalsozialistischer Ideologie darstel­len und diese Schuld- und Schamgefühle bei der Bevölkerung Deutschlands und Öster­reichs, v. a. der „Kriegsgeneration“, verursachen.9

Die „Revisionisten“ widmen sich vor allem zwei Themengebieten:

- Kriegsschuld und Kriegsverbrechen

Die Schuld für den Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Polen und Großbritannien sowie den verbündeten Staaten gegeben: Polen sei von Großbritannien und den Verbündeten angestiftet worden, den Krieg zu eröffnen. Der Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion im Jahr 1941 sei lediglich eine Handlung zur Abwehr eines Angriffs der Sowjetunion gewe­sen. Rudolf Heß, Stellvertreter Hitlers, wurde von den „Revisionisten“ zum Friedensbrin­ger, der NS-Kriegsverbrecher Walter Reder zum Märtyrer erklärt. Jene NS-Verbrechen, die nicht vollständig geleugnet werden, werden zumindest verniedlicht, verharmlost oder mit Verbrechen anderer Staaten und Regime aufgerechnet. Ein Moment der „Kritik“ sind etwa die Bombenangriffe der Alliierten auf deutsche Städte, z. B. Dresden. In Österreich wurde der Versuch, die Kriegsgeneration und die nachkommende Generation zu entlasten und zu entschuldigen, in der Vergangenheit etwa von Jörg Haider und der „Neuen Kronen Zei­tung“ unternommen.10

- Antijüdische Verbrechen und Holocaust

Die Leugnung oder Verharmlosung der an Jüdinnen und Juden begangenen Verbrechen, v. a. des Holocaust, dient wie erwähnt der Entlastung von Scham und Schuld und ist anti­semitisch orientiert. Gängige antisemitische Stereotype werden bei der Leugnung der Ver­brechen zur „Argumentation“ verwendet, auch ist die Leugnung selbst eine neue Art anti­semitischer Äußerung. Um die umfangreichen Beweise für die NS-Verbrechen zu entwer­ten, wird eine Fälschung von Beweisen, Beeinflussung von ZeugInnen und Erpressung von Geständnissen von TäterInnen durch eine „jüdische Weltverschwörung“ behauptet. Die Motive dafür seien die „Geldgier“ und das Streben nach der „Weltherrschaft“ des „Weltjudentums“ – alte antisemitische Vorurteile werden hier bemüht. Um Wiedergutma­chungsgeld lukrieren und Deutschland Kollektivschuldvorwürfen aussetzen zu können, sei der Holocaust erfunden werden. Die TäterInnen werden somit zu Opfern, die Opfer zu Tä­terInnen erklärt. Das „Weltjudentum“ wird neben den Westalliierten (v. a. Großbritannien) für den Beginn des Zweiten Weltkrieges verantwortlich gemacht. Unter Berufung auf Zei­tungsartikel, die in den 1930ern über Reaktionen seitens von Jüdinnen und Juden gegen antisemitische Handlungen der Nationalsozialisten bzw. eine Solidarisierung von Juden mit Großbritannien berichteten, soll etwa eine solche „Kriegserklärung des Weltjudentums“ belegt werden. Durch letztere sollen antijüdische Handlungen der Nationalsozialisten, etwa die Deportation in Konzentrationslager, legitimiert werden. Die Jüdinnen und Juden hätten ihr Schicksal selbst zu verantworten gehabt.11

Seit den 1970ern rückte vor allem die Leugnung der Giftgasmorde, hier vor allem in Auschwitz, in den Fokus der „Revisionisten“. „Die Auschwitz-Lüge“, Titel einer Broschüre mit holocaustleugnendem Inhalt, wurde zum Synonym für die rechtsextreme und neona­zistische Holocaustleugnung. Das Bestreiten und Verharmlosen der antijüdischen NS-Ver­brechen stützt sich v. a. auf drei Argumenationslinien:

- Es wird geleugnet, dass die Absicht und Planmäßigkeit der Ermordung der Jüdin­nen und Juden ausschließlich wegen ihrer „Rassenzugehörigkeit“ bestanden habe
- Es wird geleugnet, dass Gaskammern zum planmäßigen, industriellen Massenmord an Jüdinnen und Juden verwendet wurden bzw. funktionsfähig waren, auch wird be­zweifelt, dass die Massenverbrennung von Leichen technisch durchführbar war
- Die Zahl der Opfer wird bezweifelt.

Auch die Behauptung, Hitler und Heß seien nicht in die antijüdischen Verbrechen einge­weiht gewesen, Zweifel an der Authentizität des Tagebuchs von Anne Frank, die Infrage­stellung von anderen antijüdischen Verbrechen (z. B. des Novemberpogroms 1938) spie­len und spielten eine Rolle im „Revisionismus“.12

2.3. Methoden des „Revisionismus“

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges dienten angebliche „Erinnerungen“ und beschönigte Autobiographien zur NS-Verharmlosung, mittlerweile haben die „Revisionisten“ weitere Methoden entwickelt. Dazu gehören umfangreiche Anmerkungsapparate mit Zitaten aner­kannter HistorikerInnen aber auch anderer „Revisionisten“. Unklare oder vorgeblich falsche Details in den Äußerungen von ZeugInnen oder WissenschafterInnen werden her­aus gesucht und aus einem größeren Zusammenhang gerissen, um diese Personen oder einen ganzen Bereich zur Gänze unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Uninformierte Le­serInnen sollen so getäuscht werden.13

Bailer-Galanda unterscheidet vier Arten „revisionistischer“ Propaganda:

- einfache Leugnung des Massenmordes in Konzentrationslagern ohne wissenschaft­liche oder seriöse Verbrämung
- Fälschung von „Gegenbeweisen“
- selektive und manipulative Auslegung historischer Quellen
- Produktion angeblich naturwissenschaftlicher „Gutachten“.

Bis Ende der 1980er Jahre versuchten „Revisionisten“ geschichtswissenschaftlich zu argu­mentieren, schließlich ging man zu pseudo-naturwissenschaftlichen „Gutachten“ über. Hier sind etwa der „Leuchter-Bericht“ von Fred Leuchter, den dieser im Auftrag von Ernst Zün­del erstellte und die Ausführungen von Germar Rudolf sowie Walter Lüftl zu nennen. Sie alle zielen auf die Leugnung der Massenmorde (u. a.) im Konzentrationslager Auschwitz ab.14

2.4. Funktionen des „Revisionismus“

Die Funktionen „revisionistischer“ Propaganda lassen sich folgendermaßen festhalten:

- Die Last der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus soll beseitigt werden. Durch die Leugnung bzw. Minimierung des Geschehenen soll die Schuld der TäterInnen und jener, die zugesehen haben, verringert werden. Ein neues na­tionales Bewusstsein in Deutschland und Österreich soll ermöglicht werden, Brüche in der nationalen und Familiengeschichte sollen vermieden werden sowie finanzielle Forderungen seitens der Opfer abgelehnt werden können.
- Differenzen in der rechtsextremen Szene können durch Zusammenarbeit beim The­ma „Revisionismus“, vor allem im Internet, ausgeräumt werden
- Nationalsozialistische Ideologie soll vom „Makel“ des Holocaust befreit werden15

3. „Revisionismus“ in Österreich

3.1. Akteure in den 1980er/1990er Jahren (bis heute)

Österreich als „Kernland“ des Nationalsozialismus gehört wie bereits erwähnt auch zu je­nen Ländern, in denen die Ursprünge des „Revisionismus“ liegen.16 Im international agie­renden rechtsextremen und revisionistischen Netzwerk sind zahlreiche Österreicher aktiv. In den letzten Jahrzehnten waren diverse Organisationen aktiv, die Publikationen vertrie­ben, in denen „revisionistisches“ Gedankengut verbreitet wurde, z. B. die Zeitschriften „Aula“, „Halt“ und „Sieg“.17 NS-verharmlosende Aussagen fanden sich in der Vergangen­heit auch in der täglich erscheinenden „Neuen Kronen Zeitung“ und in Publikationen der FPÖ.18

Wilhelm Lasek stellt in seinem Mitte der 1990er Jahre erschienenen Buchbeitrag fest, dass in Österreich mehrere Neonazi-Gruppierungen und -Zeitschriften existierten, die den Holocaust und Gaskammern in NS-Konzentrations- und Vernichtungslagern abstritten.

Die bis Anfang der 1990er Jahre reichenden öffentlichen Aktivitäten der Neonazi-Gruppen „Volksbewegung“ (herausgegebene Zeitschrift: „Halt“), „Volkstreue Grüne Bewegung“ (Zeitschrift: „Sieg“) und „Volkstreue Außerparlamentarische Opposition“ konnten in Zusam­menhang mit strafrechtlicher Verfolgung des Führungspersonals großteils beendet bzw. in die Illegalität gedrängt werden, die Zeitschrift „Halt“ erschien jedoch nach wie vor.19

Im Folgenden werden einige prominente Vertreter der österreichischen „Revisionisten“-Szene und ihre Aktivitäten in den 1980er und 1990er Jahren vorgestellt:

Walter Lüftl

Walter Lüftl, zum damaligen Zeitpunkt Präsident der Bundesingenieurskammer und Bau­sachverständiger, versuchte Anfang der 1990er Jahre, PolitikerInnen, Justizbedienstete und JournalistInnen von seinen Zweifeln an den „technischen Fakten“ und den angebli­chen Widersprüchen in Bezug auf den Massenmord mit Giftgas (im Nationalsozialismus) zu überzeugen. Sein zu diesem Zweck an den genannten Personenkreis versandtes Pam­phlet wurde auch in der Neonazi-Szene wohlwollend aufgenommen: Die neonazistischen Zeitungen „Halt“ und „Sieg“ veröffentlichten jeweils Auszüge aus seinem „Gutachten“. Lüftl erhielt 1991 vom Anwalt des Neonazis Otto Ernst Remer den Auftrag, im ehemaligen Kon­zentrationslager Auschwitz ein Gutachten zu erstellen. Lüftl übermittelte dem Anwalt seine Ausführungen zum Thema Auschwitz, eine Reise dorthin trat er jedoch nicht an. Der An­walt beauftragte auch einen anderen „Revisionisten“, Germar Rudolf, der mit Unterstüt­zung Lüftls ein „Gutachten“ erstellte. Aufgrund seiner Aktivitäten verlor Lüftl seinen Posten als Präsident der Bundesingenieurskammer, ein Verfahren gegen ihn wegen NS-Wieder­betätigung wurde von der Staatsanwaltschaft Wien eingestellt. Dies wurde in der rechtsex­tremen Szene als Sieg des „Revisionismus“ gefeiert: So berichteten die einschlägigen Zeitschriften „Aula“ und „fakten“ erfreut über die Einstellung des Strafverfahrens. Der „Lüftl-Bericht“ wurde vom „revisionistischen“ „Journal of Historical Review“ abgedruckt und auch im Internet verbreitet.20 Im Dezember 2009 erhielt Lüftl gemeinsam mit anderen AbsolventInnen der Technischen Universität Wien das „Goldene Ingenieursdiplom“, das 50 Jahre nach Studienabschluss verliehen wird. Nachdem Kritik an der Vergabe des Diploms an den Holocaustleugner laut wurde, setzte der TU-Rektor Peter Skalicky eine Kommission ein, die prüfen sollte, ob Lüftl eines solchen Diploms würdig sei. Diese kam schließlich zu dem Schluss, dass die Verfahrensvorschriften hinsichtlich der Ehrung nicht eingehalten wurden – die Ehrung Lüftls wurde demzufolge widerrufen.21

[...]


1 Vgl. z. B. Brigitte Bailer-Galanda, „Revisionismus“ – pseudowissenschaftliche Propaganda des Rechtsex­tremismus, in: Brigitte Bailer-Galanda, Wolfgang Benz, Wolfgang Neugebauer (Hg.), Die Auschwitzleug­ner – „Revisionistische“ Geschichtslüge und historische Wahrheit, Berlin 1996, S. 19-37; Wilhelm Lasek, „Revisionistische“ Propaganda in Österreich, in: Brigitte Bailer-Galanda, Wolfgang Benz, Wolfgang Neu­gebauer, Wahrheit und „Auschwitzlüge“ – Zur Bekämpfung „revisionistischer“ Propaganda, Wien 1995, S. 193-206.

2 Vgl. z. B. Brigitte Bailer-Galanda, Wilhelm Lasek, Heribert Schiedel, „Revisionismus“ und das Konzentrationslager Mauthausen – Zur Genese und Aktualität des „Revisionismus“, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Wi­derstandes. Jahrbuch 2004, Wien 2004, S. 135-149; Heribert Schiedel, Der Rechte Rand – Extremistische Gesinnun­gen in unserer Gesellschaft, Wien 2007.

3 Vgl. DÖW, Homepage des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes, http://www.doew.at.

4 Bailer-Galanda, „Revisionismus“ – pseudowissenschaftliche Propaganda, S. 32.

5 Ebd., S. 32-33.

6 Ebd., S. 19.

7 Ebd., S. 19-20.

8 Bailer-Galanda, „Revisionismus“ – pseudowissenschaftliche Propaganda, S. 20-21; Vgl. ausführlich zur Entstehung des „Revisionismus“ und der Holocaustleugnung: Deborah E. Lipstadt, Leugnen des Holocaust, Rechtsextremismus mit Methode, Reinbek bei Hamburg 1996, S. 77-150.

9 Bailer-Galanda, „Revisionismus“ – pseudowissenschaftliche Propaganda, S. 21.

10 Ebd., S. 22-23.

11 Ebd., S. 24-25.

12 Ebd., S. 25-26.

13 Ebd., S. 27.

14 Ebd., S. 28-29.

15 Bailer-Galanda, Lasek, Schiedel, „Revisionismus“ und das Konzentrationslager Mauthausen, S. 136.

16 Bailer-Galanda, „Revisionismus“ – pseudowissenschaftliche Propaganda, S. 20.

17 Vgl. Ebd., S. 29-31.

18 Ebd., S. 31.

19 Lasek, „Revisionistische“ Propaganda, S. 193.

20 Brigitte Bailer-Galanda, Leuchter und seine Epigonen, in: Brigitte Bailer-Galanda, Wolfgang Benz, Wolfgang Neugebauer (Hg.), Die Auschwitzleugner – „Revisionistische“ Geschichtslüge und historische Wahrheit, Berlin 1996, S. 117-129, hier: S. 124-126.

21 Der Standard, Rektorat der TU Wien widerruft Ehrung von Walter Lüftl (18. Jänner 2010), http://derstandard.at/1263705371128/Uni-Ehrung-Rektorat-der-TU-Wien-widerruft-Ehrung-von-Walter-Lueftl.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Holocaustleugnung in Österreich seit den 1980er/1990er-Jahren bis 2010
Note
2
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V1156306
ISBN (eBook)
9783346551528
ISBN (Buch)
9783346551535
Sprache
Deutsch
Schlagworte
holocaustleugnung, österreich, jahren
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Holocaustleugnung in Österreich seit den 1980er/1990er-Jahren bis 2010, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1156306

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