Kooperation und Wettbewerb als Verhalten bei Konflikten


Hausarbeit, 2021

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Kooperation und Wettbewerb
2.2 Konflikt
2.3 Die Spieltheorie und das Gefangenendilemma
2.4 Zusammenfassung

3 Methodischer Teil
3.1 Kooperatives und wettbewerbliches Verhalten in Organisationen
3.2 Möglichkeiten zur Förderung kooperativen Verhaltens durch Führungskräfte

4 Diskussion
4.1 Kritische Reflexion
4.2 Empfehlungen für die Praxis

5 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Payoff-Matrix für das Gefangenendilemma in Jahren Gefängnis

Abbildung 2: Payoff-Matrix für das Gefangenendilemma in Nutzenwerten

Abbildung 3: Kooperatives und wettbewerbliches Verhalten bei Konflikten

Abbildung 4: Stufenmodell der Konflikteskalation nach Glasl

Abbildung 5: Säulenmodell der Transkooptionalen Führung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Konflikte sind unvermeidbar und durchdringen nahezu alle möglichen Bereiche des alltäglichen wie auch beruflichen Lebens. Dies ist allein der Tatsache geschuldet, dass jeder Mensch Situationen und Verhaltensweisen anders wahrnimmt, sodass infolgedessen unterschiedliche Schlussfolgerungen getroffen werden. Dabei entstehen Konflikte i.d.R. immer dann, wenn die subjektiven Bewertungen zwei oder mehrerer Individuen nicht zueinander passen. Häufig führt dies in der Konsequenz dazu, dass gegenseitig versucht wird, die eigene Auffassung als die einzig richtige Sichtweise darzustellen und das Gegenüber von der eigenen Meinung zu überzeugen (Zoller & Nussbaumer, 2019, S. 183). Dies kann auf lange Sicht nicht nur dem psychischen Befinden und damit der Gesundheit, Motivation und Leistung des Menschen schaden, sondern stellt darüber hinaus im beruflichen Kontext einen nicht unerheblichen betriebswirtschaftlichen Kostenfaktor dar. Die Gründe hierfür liegen v.a. darin, dass der Erfolg und damit die Wettbewerbsfähigkeit von Organisationen maßgeblich von der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter abhängen. Damit ist der Mensch eine zentrale Ressource von Unternehmen, sodass sein wettbewerbliches und kooperatives Verhalten je nach Situation ausschlaggebend für die Bewältigung von Konflikten und Herausforderungen ist. Dabei dürfen Konflikte nicht nur als etwas Negatives betrachtet werden. Vielmehr steckt in Konflikten auch positives Potenzial, das es zu erkennen und zu nutzen gilt. So können Auseinandersetzungen bspw. dazu beitragen, sich auf der sachlichen, persönlichen, zwischenmenschlichen und organisationalen Ebene weiterzuentwickeln (Rehwaldt, 2017, S. 1; Zoller & Nussbaumer, 2019, S. 183–184). Des Weiteren ist die Etablierung von Kooperation und Wettbewerb in und außerhalb von Organisationen von zentraler Bedeutung für den langfristigen Unternehmenserfolg, sodass beide Verhaltensweisen gleichermaßen in der Unternehmenskultur zu verankern sind. Daher stellt sich an dieser Stelle zusammenfassend die Frage, wie kooperatives und wettbewerbliches Verhalten in Konfliktsituationen entsteht, sich gegenseitig beeinflusst und bewusst gefördert werden kann.

1.2 Zielsetzung

Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Kooperation und Wettbewerb als Verhalten bei Konflikten zu untersuchen. Dabei wird basierend auf wissenschaftlichen Quellen der Fragestellung nachgegangen, wie kooperatives und wettbewerbliches Verhalten in Organisationen entsteht. Darüber hinaus zeigt die Arbeit unterschiedliche Wege auf, wie Organisationen und insbesondere Führungskräfte kooperatives Verhalten fördern können. Nicht zuletzt fokussiert sich die Arbeit in diesem Kontext auch darauf, Empfehlungen für die Praxis zu geben.

1.3 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit beginnt mit der Erarbeitung der theoretischen Grundlagen, nachdem im ersten Teil auf die Relevanz des Themas hingewiesen wurde. Dabei werden basierend auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft zunächst die drei Begriffe Kooperation, Wettbewerb und Konflikt voneinander abgegrenzt. Daran anschließend wird die Spieltheorie und als Teil dieser das Gefangenendilemma erläutert. Abschließend zu Kapitel 2 werden die Ergebnisse kurz zusammengefasst. Auf Basis der theoretischen und empirischen Grundlagen werden schließlich im Anwendungsteil des dritten Kapitels die Entstehung kooperativen und wettbewerblichen Verhaltens in Organisationen erläutert. Darüber hinaus werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie Organisationen bzw. Führungskräfte kooperatives Verhalten fördern können. Die kritische Diskussion in Kapitel 4 bewertet schließlich die Ergebnisse aus Kapitel 3 und leitet Empfehlungen für die Praxis sowie die Zukunft ab. Die Arbeit endet mit einer kurzen Zusammenfassung und einem Ausblick.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Kooperation und Wettbewerb

Kooperatives Verhalten tritt in den verschiedensten Dimensionen auf und kann u.a. auch im Tierreich beobachtet werden. Dies ist einer der zentralen Gründe, warum das Konstrukt „Kooperation“ Forschungsgebiet diverser Wissenschaften, wie z.B. der Evolutionsbiologie oder Sozial- und Evolutionspsychologie ist, um nur einige Beispiele zu nennen (Arenberg, 2020, S. 21–22). Bevor jedoch auf die einzelnen Verhaltensweisen eingegangen wird und eine Abgrenzung zum wettbewerbsorientierten Verhalten erfolgt, ist es ratsam, die Begriffe zunächst zu definieren.

Beginnend mit dem Begriff der Kooperation beschreibt dieser im betriebswirtschaftlichen Kontext die „Zusammenarbeit unterschiedlicher Intensität, zeitlicher Dauer und Zielrichtung zwischen rechtlich selbstständigen Unternehmen“ (Weerth & Mecke, 2018). Dabei kann ferner zwischen unterschiedlichen Intensitätsstufen differenziert werden, wobei diese von einem herkömmlichen Informationsaustausch in der niedrigsten Ausprägung über ein Gütermanagement bis hin zur rechtlichen Ausgliederung des Kooperationsmanagements als höchste Intensität reichen (Weerth & Mecke, 2018). Diese Definition ist noch recht allgemein gehalten und betrachtet nur die wirtschaftliche Perspektive. Deshalb ist es ratsam, das Konstrukt zusätzlich aus Sicht der Evolutionsbiologie zu definieren, da zudem eingangs darauf hingewiesen wurde, dass kooperatives Verhalten auch in der Tierwelt zu beobachten ist. In diesem Kontext betrachtet Tomasello den Begriff Kooperation ausgehend von der Natur und unterscheidet hierbei die zwei grundlegenden Formen der altruistischen Hilfe und der wechselseitigen Zusammenarbeit. Die erst genannte Variante des Altruismus zeichnet sich dadurch aus, dass eine Person zugunsten einer anderen Person Opfer bringt. Bei der wechselseitigen Zusammenarbeit wird hingegen ein Vorteil für alle miteinander interagierenden Beteiligten angestrebt, sodass sich für jeden ein ausgeglichener Nutzen ergibt. In der Tierwelt lassen sich diese beiden Phänomene beispielsweise bei der Versorgung der Nachkommen durch Säugen oder beim gegenseitigen Schutz vor Raubtieren beobachten (Tomasello, 2016, Kapitel 1). Die von Tomasello thematisierte wechselseitige Zusammenarbeit deckt sich ferner mit der Definition der Autoren Reinhardt und Tries. Sie sprechen von einer kooperativen Situation, „wenn die Ziele/Interessen von (mindestens) zwei Personen in einer sich gegenseitigen fördernden Wechselbeziehung stehen“ (Tries & Reinhardt, 2008, S. 110). Außerdem differenzieren die beiden Wissenschaftler zwischen der natürlichen, strategischen, empathischen und pseudoempathischen Kooperation. Dabei ist bei natürlichen Kooperationen das gegenseitige Handeln maßgeblich emotional determiniert, wohingegen strategische kooperative Verhaltensweisen rational darauf ausgerichtet sind, die Effizienz eines gemeinsamen Ziels zu steigern. Die empathische Kooperation beschreibt wiederum die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Der Unterschied zur pseudoempathischen Kooperation besteht darin, dass bei letztgenannter Verhaltensweise mindestens ein Partner Empathie und Interesse vortäuscht, um Wissen über die andere Partei hinzuzugewinnen und dadurch die eigene Position zu verbessern (Tries & Reinhardt, 2008, S. 113–115). Somit lässt sich an dieser Stelle zusammenfassend festhalten, dass bei kooperativen Verhaltensweisen die Erreichung unterschiedlicher Ziele von zwei oder noch mehr Personen in gleichem Maße gefördert werden.

Darüber hinaus kann das Konstrukt Kooperation anhand dieser Tatsache vom Begriff „Wettbewerb“ abgegrenzt werden. Demnach ist eine Situation wettbewerblich bzw. kompetitiv, „wenn die Ziele von mindestens zwei Personen in einer sich gegenseitigen behindernden Wechselbeziehung stehen“ (Tries & Reinhardt, 2008, S. 110). Somit behindert die Zielerreichung einer Person die Zielerreichung einer anderen Person und umgekehrt. Dieses Begriffsverständnis deckt sich mit der Begriffsdefinition des Gabler Wirtschaftslexikons. Darin beschreiben die Autoren Suchanek, Lin-Hi und Mecke Wettbewerb als das „Streben von zwei oder mehr Personen bzw. Gruppen nach einem Ziel (...), wobei der höhere Zielerreichungsgrad des einen i.d.R. einen geringeren Zielerreichungsgrad des (der) anderen bedingt (...)“ (Suchanek, Lin-Hi & Mecke, 2021). Aus betriebswirtschaftlicher Sicht bedeutet Wettbewerb somit, dass Märkte mit mindestens zwei Anbietern und Nachfragern existieren, die sich nicht kooperativ zueinander verhalten und damit den eigenen Zielerreichungsgrad gegenüber der Konkurrenz verbessern wollen. Dabei ist außerdem anzumerken, dass Wettbewerb durchaus einen ambivalenten Charakter aufweist. Dies wird damit begründet, dass z.B. im Sport ein Leistungswettbewerb erwünscht ist, um die individuelle Leistungsbereitschaft zu fördern bzw. zu steigern. Andererseits kann ein Leistungswettbewerb auch negative gesellschaftliche Resultate bewirken, wenn die Produktivität innerhalb von Organisationen sinkt. Als Beispiele hierfür sind u.a. hohe Fluktuationsraten oder viele Krankheitstage von Mitarbeitern zu nennen, die durch enorme Arbeitsbelastungen und Stress aufgrund von Wettbewerb hervorgerufen werden (Proksch, 2014, S. 10–11; Suchanek, 2015, S. 126; Suchanek et al., 2021). Somit lässt sich an dieser Stelle zusammenfassend festhalten, dass sowohl Kooperation als auch Wettbewerb zwei zueinander gegensätzliche soziale Handlungsmuster darstellen. Ob sich ein Individuum in einer spezifischen Konfliktsituation kooperativ oder wettbewerblich verhält, ist nach Deutsch abhängig von der sozialen Interdependenz der jeweiligen Ziele. So ist es z.B. sehr wahrscheinlich, dass Konflikte kooperativ ausgetragen werden, wenn die Ziele beider Konfliktparteien gleichsinnig und damit positiv interdependent sind. Bei gegensätzlich ausgerichteten Zielen ist es jedoch eher der Fall, dass ein wettbewerbliches Verhalten eingeschlagen wird (Solga, 2019, S. 140–141). Abschließend ist hierbei anzumerken, dass eine detailliertere Betrachtung des Aspekts in Abschnitt 2.3 erfolgt.

2.2 Konflikt

Für den Begriff „Konflikt“ existieren in der heutigen Literatur unterschiedliche und breit gefächerte Definitionen, die in ihrer Spezifität variieren. Daher ist eine umfassende, einheitlich wissenschaftliche Definition des Konstrukts aufgrund der Komplexität und des unterschiedlichen Verständnisses schwierig (Wagner, 2019, S. 19). Einen ersten allgemeinen Definitionsansatz für den Begriff liefert schließlich das Gabler Wirtschaftslexikon. Dabei definieren die Autoren Maier, Bartscher und Nissen einen Konflikt als „Prozess der Auseinandersetzung, der auf unterschiedlichen Interessen von Individuen und sozialen Gruppierungen beruht und in unterschiedlicher Weise institutionalisiert ist und ausgetragen wird“ (Maier, Bartscher & Nissen, 2018). Darüber hinaus wird für eine detailliertere Begriffsbestimmung in der Literatur aufgrund der bereits angesprochenen Vielfältigkeit des Konstrukts häufig zwischen verschiedene Konfliktarten differenziert. Deshalb unterscheidet Wagner in diesem Zusammenhang auf oberster Ebene zunächst zwischen intraorganisationalen und interorganisationalen Konflikten, wobei erstere innerhalb eines Unternehmens stattfinden. Interorganisationale Konflikte beziehen sich schließlich auf Auseinandersetzungen zwischen einer Organisation und deren externen Umwelt bzw. externen Anspruchsgruppen und Stakeholdern (Wagner, 2019, S. 19). Diese werden im Folgenden jedoch nicht näher betrachtet, da die vorliegende Arbeit den Fokus auf das Konfliktverhalten innerhalb von Organisationen legt. Somit sind nur die intraorganisationalen Konflikte in diesem Zusammenhang relevant. Im Besonderen kann bei dieser Gruppierung weiter in Bezug auf die Konfliktparteien zwischen sozialen und intrapsychischen bzw. intrapersonellen Konflikten differenziert werden. Dabei bezieht sich die zuletzt genannte Konfliktart auf innere Spannungen einzelner Individuen. Aus diesem Grund erfolgt an dieser Stelle eine weitere Abgrenzung der Begrifflichkeit, sodass infolgedessen nur die sozialen Konflikte einer näheren Betrachtung unterzogen werden, da hierbei mehrere Individuen beteiligt sind. Infolgedessen kommt dieser Konfliktart in betrieblichen Situationen auch eine höhere Bedeutung zu (Wagner, 2019, S. 20). Eine der bekanntesten und wohl umfassendsten Begriffsdefinitionen in diesem Kontext stammt von Friedrich Glasl. Der Autor definiert einen sozialen Konflikt als „eine Interaktion zwischen Aktoren (Individuen, Gruppen, Organisationen usw.), wobei wenigstens ein Aktor eine Differenz bzw. Unvereinbarkeit im Wahrnehmen (...) im Denken (...) im Fühlen und im Wollen mit dem anderen Aktor (den anderen Aktoren) in der Art erlebt, dass beim Verwirklichen dessen, was der Aktor denkt, fühlt und will eine Beeinträchtigung durch einen anderen Aktor (die anderen Aktoren) erfolge“ (Glasl, 2019, S. 72). Damit können als zentrale Merkmale zusammengefasst die Diskrepanz zwischen zwei oder mehreren Individuen und deren unterschiedliche Wahrnehmung sowie gegenseitige Beeinträchtigung identifiziert werden. Dies deckt sich in etwa mit der Definition der beiden Autoren Reinhardt und Tries, die als Kriterien für das Vorliegen eines Konflikts ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis (Interdependenz) zwischen zwei oder mehr Personen bzw. Gruppen, das Fehlen von Lösungsalternativen für beide Parteien sowie unterschiedliche, nicht miteinander vereinbare Zielsetzungen festlegen (Tries & Reinhardt, 2008, S. 30). Jost geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er den sozialen Konflikt von Meinungsverschiedenheiten abgrenzt, da bei einem Konflikt seiner Ansicht nach die Voraussetzung bestehen muss, dass Handlungen mit gegenseitigen Zielsetzungen zugrunde liegen, deren Verhalten nicht miteinander vereinbar sind (Wagner, 2019, S. 22). Dadurch lässt sich abschließend an dieser Stelle festhalten, dass bei Konflikten immer auch die Ursache für die Entstehung entscheidend ist und gerade hierin die Vielschichtigkeit von Konflikten besteht, auf die bereits zu Beginn dieses Abschnitts hingewiesen wurde.

2.3 Die Spieltheorie und das Gefangenendilemma

In Abschnitt 2.1 wurde bereits erläutert, dass kooperatives und wettbewerbliches Verhalten u.a. von der Interdependenz der Ziele und Handlungen abhängig ist. Darüber hinaus ist für das Verständnis von Kooperation und Wettbewerb die sogenannte Spieltheorie (game theory) von grundlegender Bedeutung. Diese stellt einen der wichtigsten wissenschaftlichen Ansätze der letzten Jahrzehnte zur Erforschung sozialer Verhaltensweisen in ambiguenten Situationen dar und ist ein wichtiger Bestandteil der Verhaltenswissenschaften (z.B. in der Psychologie, Soziologie oder der Volks- und Betriebswirtschaft). Heutzutage handelt es sich dabei um eine formale mathematische Theorie, deren Ursprünge auf die Untersuchung von Gesellschaftsspielen, wie z.B. Schach, zurückgehen. Als Begründer der Spieltheorie gelten die Wissenschaftler Neumann und Morgenstern, wobei im Mittelpunkt des Ansatzes diverse Experimente in Zusammenhang mit dem Gefangenendilemma stehen (Pfister, Jungermann & Fischer, 2017, S. 287; Tries & Reinhardt, 2008, S. 115). Dabei kann das zugrunde liegende Szenario wie folgt beschrieben werden: Zwei Gefangene, Spieler A und Spieler B, werden einen gemeinsamen Diebstahls bezichtigt. Beide Beschuldigten werden einzeln verhört, wobei das Strafmaß, das jedem der beiden droht, abhängig von dem Verhalten des jeweils anderen ist. Darüber hinaus können sich die beiden Gefangenen im Vorfeld nicht miteinander absprechen. Wenn Spieler A das Verbrechen gesteht und Spieler B den Diebstahl leugnet, so bleibt Spieler A straffrei und der Gefangene B muss für zehn Jahre ins Gefängnis. Im umgekehrten Fall gilt das gleiche, d.h. wenn Spieler B den Diebstahl zugibt und Spieler A die Straftat leugnet, so bleibt Person B straffrei und Spieler A muss zehn Jahre in Haft. Für den Fall, dass beide Gefangenen das Verbrechen gestehen, wirkt sich das Strafmaß mildernd aus, sodass Spieler A und Spieler B jeweils nur eine Strafe von fünf Jahren absitzen müssen. Leugnen jedoch beide Gefangenen die Tat, so bekommen Spieler A und Spieler B eine Strafe von jeweils einem Jahr, da die Polizei nur Beweise für andere, geringere Vergehen vorweisen kann (Pfister et al., 2017, S. 288). Das beschriebene Szenario ist noch einmal zusammenfassend in Abbildung 1 dargestellt. Dabei handelt es sich um die sogenannte Auszahlungstabelle oder Payoff-Matrix.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Payoff-Matrix für das Gefangenendilemma in Jahren Gefängnis

(Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an: Pfister et al., 2017, S. 288)

Überträgt man die Struktur des Gefangenendilemmas nun in eine allgemeine Form, so können die einzelnen Strategien der Spieler A und B auch als „kooperieren“ und „defektieren“ (nicht kooperieren) bezeichnet werden. Die dargestellten Gefängnisjahre können außerdem in Nutzenwerte übertragen werden, wobei die Zahl vor dem Schrägstrich den Nutzen für Spieler A und die Zahl hinter dem Schrägstrich den Nutzenwert für Spieler B widerspiegelt. Daraus ergibt sich schließlich die in Abbildung 2 veranschaulichte Situation.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Payoff-Matrix für das Gefangenendilemma in Nutzenwerten

(Quelle: Pfister et al., 2017, S. 288)

Bei genauerer Analyse der einzelnen Strategieoptionen ist festzustellen, dass aus Sicht der Gemeinschaft eine kooperative Verhaltensweise beider Spieler der sinnvollste und effektivste Weg mit dem größten beiderseitigen Nutzen darstellt (siehe Abbildung 2). Betrachtet man jedoch die Sicht eines rational agierenden Spielers, der auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, so kommt man zu folgendem Ergebnis: Wenn Spieler B kooperiert und Spieler A ebenfalls kooperiert, so erhält Spieler A einen Nutzen mit dem Wert drei. Falls Spieler A jedoch defektiert, erhält er einen Nutzen von fünf. Somit ist es aus individueller Sicht des Spielers A ratsam, sich nicht kooperativ zu verhalten und stattdessen zu defektieren, da er in diesem Fall den größeren Nutzen für sich selbst erzielt. Des Weiteren ist dem Spieler A ein defektives Verhalten aus individueller Sicht auch zu empfehlen, wenn Spieler B defektiert. Dies wird damit begründet, dass Spieler A bei kooperativem Verhalten einen Nutzen mit dem Wert null erzielen würde, bei der Defektion hingegen einen Nutzen von einem Punkt erhält (siehe Abbildung 2). Somit lässt sich an dieser Stelle zunächst zusammenfassend festhalten, dass aus Sicht eines individuellen Spielers das defektive Verhalten immer gewinnt und es keine Rolle spielt, wie sich der gegenüberliegende Partner verhält. Übertragen auf das Gefangenendilemma bedeutet dies nun, dass defektives Verhalten bzw. „gestehen“ für beide Spieler eine strikt dominante Strategie darstellt (Holler, Illing & Napel, 2019, S. 6; Smit, 2017, S. 15–17). Diese Überlegungen gelten jedoch nur, wenn beide Spieler ein einziges Mal spielen. Aus diesem Grund führte der Politologe Robert Axelrod ein Experiment mit Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Fachbereiche durch, um die optimale Strategie für eine unbekannte Anzahl an Spielwiederholungen zu finden und somit das Modell auch auf immer wiederkehrende Situationen in Organisationen anwenden zu können. Dafür bat er die Wissenschaftler Strategien für das wiederholte Gefangenendilemma einzusenden, die dann in ein Computerprogramm übersetzt wurden. Anschließend trat in einem Turnier jedes Programm gegeneinander und gegen sich selbst an, wobei Axelrod die Zufallsstrategie als weitere Strategie hinzufügte. Die Auswertungen ergaben, dass eine der einfachsten Strategien das Computerturnier eindeutig gewann. Dabei handelt es sich um die „Tit for Tat“ (TfT, „wie du mir so ich dir“) Strategie des Mathematikers und Biologen Anatol Rapoport, der als Vorreiter der modernen Systemwissenschaften gilt. Die Idee der Strategie lautet: „Kooperiere im ersten Zug und kopiere in allen folgenden Zügen den vorausgegangenen Zug des anderen Spielers“ (Smit, 2017, S. 18). Infolgedessen beginnt TfT mit einer kooperativen Verhaltensweise und setzt diese so lange fort, bis der andere Spieler defektiert. Dieses Verhalten führt dazu, dass TfT im darauffolgenden Spielzug auch defektiert. Allerdings ist in diesem Kontext ebenso anzumerken, dass die TfT-Strategie wieder zu einer kooperativen Verhaltensweise zurückkehrt, wenn der Gegenspieler zuvor kooperiert hat. Insbesondere wenn die Strategie gegen bzw. mit sich selbst spielt, kommt es dadurch in jedem Spielzug zu einer wechselseitigen Kooperation. Somit lässt sich an dieser Stelle zusammenfassend festhalten, dass die TfT-Strategie sowohl für die Gemeinschaft als auch für den egoistisch denkenden Einzelnen die optimale Strategie darstellt. Abschließend konnte Axelrod darüber hinaus die folgenden charakteristischen Merkmale für die TfT-Strategie identifizieren (Axelrod, 2005, S. 27–29; Kottmann & Smit, 2014, S. 35–37; Smit, 2017, S. 18–19):

- Die Strategie ist nett, da TfT niemals als Erster die Zusammenarbeit verweigert und so lange kooperiert wie der andere Spieler kooperiert.
- TfT ist provozierbar, da die Strategie auf unkooperatives Verhalten reagiert und im nächsten Spielzug Vergeltung übt.
- Sie ist verzeihend bzw. nicht nachtragend, da TfT wieder zu kooperativem Verhalten zurückkehrt, sobald die Gegenseite wieder kooperiert.
- TfT ist nicht neidisch, da die Strategie nicht darauf ausgelegt ist, die Punktzahl der anderen Strategie zu reduzieren.
- TfT ist berechenbar, weil dem anderen Spieler schnell bewusst wird, wie TfT auf Kooperation bzw. Defektion reagiert.

2.4 Zusammenfassung

Das vorangegangene Kapitel verdeutlicht, dass die drei Begriffe Kooperation, Wettbewerb und Konflikt sehr vielfältig in ihrer Bedeutung sind, sodass es immer von dem Blickpunkt abhängig ist, aus dem die Begrifflichkeiten betrachtet werden. Zusammenfassend lässt sich an dieser Stelle dennoch festhalten, dass die Termini Kooperation und Wettbewerb zwei zueinander gegensätzliche soziale Handlungsmuster darstellen. Während bei kooperativen Handlungen und Entscheidungen unterschiedliche Ziele mehrerer Personen gleichermaßen gefördert werden und sich für alle interagierenden Beteiligten ein ausgeglichener Nutzen ergibt, zeichnen sich Wettbewerbe insbesondere dadurch aus, dass die Zielerreichung einer Person gleichzeitig das Erfüllen des Ziels einer anderen Partei abschwächt. Dabei können Kooperation und Wettbewerb von unterschiedlicher Intensität sein. Ferner kann in Bezug auf kooperative Verhaltensweisen zwischen Altruismus und wechselseitiger Zusammenarbeit sowie der natürlichen, strategischen, empathischen und pseudoempathischen Kooperation differenziert werden. Ob sich ein Individuum in Situationen kooperativ oder wettbewerblich verhält, ist v.a. abhängig von der sozialen Interdependenz und spiegelt sich auch im entsprechenden Konflikt wider, welcher ebenfalls einen der oben erwähnten Termini beschreibt. In der wissenschaftlichen Literatur werden Konflikte darüber hinaus unterschiedlich und recht vielfältig klassifiziert. Hierbei sind v.a. soziale Konflikte in Unternehmen von hoher Bedeutung.

Zur Untersuchung von kooperativem und wettbewerblichem Verhalten bei Konflikten existieren außerdem unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze. In der Vergangenheit hat sich dabei die Spieltheorie und im Speziellen das Gefangenendilemma etabliert. Dabei werden anhand eines fiktiven Szenarios verschiedene Entscheidungssituationen und Möglichkeiten analysiert. In diesem Kontext ist abschließend anzumerken, dass im Ergebnis die wechselseitige Kooperation sowie die „Tit for Tat“ („wie du mir so ich dir“) Strategie als optimal identifiziert werden können, um einen maximalen Nutzen zu generieren. Außerdem können als Charaktermerkmale der Strategie die Eigenschaften nett, provozierbar, verzeihend, neidisch und berechenbar identifiziert werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Kooperation und Wettbewerb als Verhalten bei Konflikten
Hochschule
SRH Fernhochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
26
Katalognummer
V1156436
ISBN (eBook)
9783346549884
ISBN (Buch)
9783346549891
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kooperation, wettbewerb, verhalten, konflikten
Arbeit zitieren
André Müller (Autor:in), 2021, Kooperation und Wettbewerb als Verhalten bei Konflikten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1156436

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