Gregor Samsa ist ein Handlungsreisender, der sich eines Morgens im Körper eines Insektes wiederfindet. Oder? In dieser Hausarbeit wird der Beweis angetreten, dass Gregor weder Handlungsreisender (Mensch) noch Insekt ist, sondern vielmehr ein Zeichen, dessen Zeicheninhalt sich erst von Umgang mit Gregor her verstehen lässt.
Das methodologische Rüstzeug stammt von Jaques Derrida, in dessen Konzeption des Zeichens zu Beginn kurz eingeführt wird. Die Hausarbeit liefert eine Dekonstruktion des Signifikanten Gregor Samsa und zeigt auf, dass simple Oppositionen wie Mensch–Tier längst nicht ausreichen "Die Verwandlung" adäquat zu verstehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Vom Subjekt zum Signifikanten
2. Das Bild als Spiegel: Opposition Mensch – Tier
3. Drei Uniformen: Opposition Innen – Außen
4. Gregor unter Signifikant: Opposition Gregor – (_)
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Hausarbeit hinterfragt die Identität Gregor Samsas in Franz Kafkas "Die Verwandlung" kritisch und untersucht, inwieweit das Subjekt als fragmentiertes, von diskursiven Zeichen und sozialen Zuschreibungen abhängiges Konstrukt verstanden werden kann, anstatt als feste anthropologische Einheit.
- Analyse der Signifikationsprozesse in Kafkas "Die Verwandlung".
- Anwendung der dekonstruktivistischen Zeichentheorie nach Jacques Derrida.
- Untersuchung der Oppositionen Mensch-Tier, Innen-Außen sowie des Sprachverlusts.
- Kritische Betrachtung des Subjektbegriffs im Kontext des linguistic turns.
- Reflektion über die Bedingungen der Subjektwerdung und das Schicksal des "Ausschlusses".
Auszug aus dem Buch
3. Drei Uniformen: Opposition Innen – Außen
Die andere Fotografie, die im Text vorkommt, ist eine Art Gegenbild zur Chimäre: „Gerade an der gegenüberliegenden Wand hing eine Photographie Gregors aus seiner Militärzeit, die ihn als Leutnant darstellte, wie er, die Hand am Degen, sorglos lächelnd, Respekt für seine Haltung und Uniform verlangte.“ Das Bild ist insofern Gegenbild, als es a) einen Mann zeigt und weil b) keine Vertierung, sondern eine Vergegenständlichung dargestellt wird. Allerdings sind auch die Signifikanten aus Pelz kommodifiziert und keinesfalls mehr als Natur zu verstehen, sodass sich die Unterschiede nicht als Kontradiktionen, sondern eher als Ergänzungen verstehen lassen.
Strukturell funktionieren beide Bilder auf die gleiche Art und Weise. Das sorglose Lächeln und die Haltung, also Mimik und Gestik, lassen sich selbstredend als Signifikanten des Phänotyps auffassen. Sie sind eben nicht das Aussehen, sondern nur dessen äußere Form. Auch sie sind also Signifikanten von Signifikanten. Die Frage ist daher, aus welchen Quellen sie sich speisen. Ist das sorglose Lächeln Anzeichen eines sorglosen Zustands? Das erscheint gerade vor dem Hintergrund häufiger Schikanen im Heereswesen vor 1918 fraglich. Natürlich ist Gregor als guter Befehlsempfänger zu verstehen, immerhin opfert er sich auch nachdem er seinen Abschied genommen hat für seine Familie – dennoch leidet er genau darunter. Über seine Empfindungen als die Fotografie aufgenommen wurde, lässt sich zunächst nicht viel sagen. Aufschlußreicher ist da der Signifikant Uniform. Eine Uniform nivelliert allein schon der Wortbedeutung nach je signifikante Ausprägungen des Phänotyps. Die Formulierung „die ihn als Leutnant darstellte“ ist nicht nur hinsichtlich des Parallelismus zur Abbildung der Frau interessant, sondern auch dahin-
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vom Subjekt zum Signifikanten: Dieses Kapitel führt in die dekonstruktivistische Zeichentheorie ein und hinterfragt den klassischen, metaphysischen Subjektbegriff zugunsten einer sprachwissenschaftlichen Betrachtung als Signifikant.
2. Das Bild als Spiegel: Opposition Mensch – Tier: Anhand des Wandbildes einer Frau wird analysiert, wie Gregor versucht, seinen Subjektstatus zu wahren, während er gleichzeitig als "Chimäre" in ein Geflecht aus Signifikanten gerät.
3. Drei Uniformen: Opposition Innen – Außen: Dieses Kapitel untersucht die identitätsstiftende und gleichzeitig entindividualisierende Wirkung von Uniformen am Beispiel von Gregor und seinem Vater.
4. Gregor unter Signifikant: Opposition Gregor – (_): Hier wird der fortschreitende Sprachverlust Gregors thematisiert, der ihn letztlich vom handelnden Subjekt zum "leeren Signifikanten" degradiert.
Fazit: Die Arbeit resümiert, dass Identität kein fixer Zustand ist, sondern ein diskursives Konstrukt, das im Fall Gregors in einem stummen Sterben unter der Last der Signifikanten endet.
Schlüsselwörter
Gregor Samsa, Die Verwandlung, Franz Kafka, Subjekt, Signifikant, Signifikat, Dekonstruktion, Jacques Derrida, Identität, Sprache, Zeichentheorie, Chitinpanzer, Uniform, Abjektivierung, linguistic turn
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Kafkas "Die Verwandlung" unter literaturtheoretischen Gesichtspunkten, insbesondere mit Fokus auf Derridas Dekonstruktion, um den Status von Subjektivität und Identität neu zu hinterfragen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit konzentriert sich auf die Spannung zwischen Mensch und Tier, die Rolle der Kleidung bzw. Uniform als identitätsstiftendes Element sowie den Prozess des Sprachverlusts.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Behauptung, Gregor sei ein "Mensch im Insektenkörper", kritisch zu hinterfragen und zu zeigen, dass er weder Mensch noch Tier ist, sondern ein von Zeichen abhängiges Konstrukt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine dekonstruktivistische Analyse der Zeichentheorie (basierend auf Saussure und Derrida) auf die Textpassagen von Kafkas "Die Verwandlung" angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei zentrale Oppositionen: Mensch–Tier (am Bild der Frau), Innen–Außen (an den Uniformen) und Gregor–(_) (am Sprachverlust).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen zählen Signifikant, Subjekt, Identität, Dekonstruktion, Chitinpanzer und Sprachverlust.
Welche Rolle spielt der "Chitinpanzer" für die Argumentation?
Der Panzer wird als eine Art Uniform interpretiert, die Gregor einerseits als Insekt definiert, ihn aber gleichzeitig vom menschlichen Diskurs ausschließt und als "leeren Signifikanten" zurücklässt.
Warum wird die Vaterfigur in Kapitel 3 mit Gregor verglichen?
Die Vaterfigur dient als Vergleichsbeispiel, da auch bei ihm die Uniform (der Dienstgrad) die Persönlichkeit überformt und seine Handlungsfähigkeit innerhalb eines sozialen Systems erst konstituiert.
Wie deutet der Autor das "Bild der Frau" in Gregors Zimmer?
Das Bild wird als "letzte Hoffnung auf Subjektstatus" gelesen, das jedoch durch die Rahmung und die Darstellung als "Chimäre" den Prozess der Vertierung Gregors eher spiegelt und verstärkt.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit zum Thema Menschsein?
Der Mensch wird als ein durch Performanz und Sprache konstituiertes Wesen verstanden, dessen Identität im ständigen Spiel von Differenzen entsteht und in Krisenzeiten zerfallen kann.
- Arbeit zitieren
- Johannes Below (Autor:in), 2021, Dekonstruktion des Signifikanten Gregor Samsa anhand Kafkas "Die Verwandlung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1156729