Vergleich des Romans 'Mogadischu Fensterplatz' mit der Entführung der ‚Landshut’ und Analyse der Erzähltechniken


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Geschichtlicher Vergleich im Überblick
2.1 Die historische Entführung der Landshut
2.2 Der Roman Mogadischu Fensterplatz im Blickpunkt der Literaturkritik
2.3 Das Einzelschicksal am Beispiel der Andrea Boländer im Bezug zu den historischen Ereignissen

3 Inhaltliche Analyse des Erzähltextes
3.1 Techniken der Ich-Erzählung
3.2 Innere Monologe im Kontext der Geschehnisse
3.3 Vermischung der Täter- und Opferrollen
3.4 Die Diskrepanz zwischen Terrorist und Mensch: Jassid

4 Schlussbetrachtung

5 Quellenverzeichnis

„Delius’ Romane [] stellen sich sowohl dem Problem subjektiver Erfahrung als auch dem der Präsentation gesellschaftlicher Wirklichkeit durch die Medien. […] In Mogadischu Fensterplatz ersetzt Delius nicht nur die dokumentarische Zitatmontage durch das auf die außersprachliche Wirklichkeit anspielende Modell, sondern er erzählt auch Geschichten.“

- Helmut Peitsch in: DAS ARGUMENT 199/1993, S. 414.

1 Einleitung

Arabische Terroristen von unerbittlicher Härte und ohne Kompromissbereitschaft, mit Handgranaten gerüstet, gefesselte Geiseln mit entsicherter Waffe bedrohend; deutsche Politiker als Unterhändler, Polizei und Bundesgrenzschutz zum Sturmangriff entschlossen. Bei der Flugzeugentführung nach Mogadischu war es ähnlich den schlimmen Anschlägen bei den Olympischen Spielen 1972 in München zu bisher in Deutschland nicht gekannten Terroranschlägen gekommen.

Die beiden einzigen politischen Terrorfälle der Bundesrepublik, die bislang mit Polizeigewalt bewältigt wurden, dokumentieren Weg und Wende in der Bekämpfung der Polit-Kriminalität und die negativsten Schlagzeilen in der Bewegung der ’68er. In Mogadischu wurden alle 86 Geiseln befreit, drei der vier Terroristen kamen ums Leben.

Friedrich Christian Delius widmet sich in seinem Roman „Mogadischu Fensterplatz“ dieser 1977 verübten Entführung der Lufthansa-Maschine ‚Landshut’.

Mit dem 1984 veröffentlichten Roman soll sich die vorliegende Arbeit beschäftigen und herausfinden, wie die Geschehnisse in diesem Roman verarbeitet wurden. Dabei soll nach einem kurzen geschichtlichen Abriss der Geschehnisse von 1977 ein Blick in die Literaturwelt gewagt werden und ein Vergleich der Kritiken einiger großen Zeitungen gezogen werden.

In einer genauen Gegenüberstellung wird Wert darauf gelegt, Aussagen des Romans mit denen der tatsächlichen Geiseln zu vergleichen und so herauszufinden, ob Delius seinem Werk Originalaussagen zugrunde legt. Hat die fiktive Figur der Andrea Boländer Ähnlichkeiten mit einer realen Person?

Im zweiten Teil der Arbeit wird dann ein Schwerpunkt auf die inhaltliche Analyse von ‚Mogadischu Fensterplatz’ gelegt. Hierbei sollen die Techniken der Ich-Erzählung, die gedanklichen Monologe der Protagonistin und die Vermischung der Täter- und Opferrollen genauer beleuchtet werden. Bei Letzterem soll geklärt werden, inwiefern die Täterrollen der Terroristen mit den Opferrollen der Passagiere vermischt werden und so nicht selten unsicher ist, wer eigentlich Täter und wer Opfer ist. Das widersprüchliche Verhältnis von Gewalt und schlechtem Gewissen beim Terroristenführer Jassid soll abschließend untersucht werden.

Da es sehr wenig wissenschaftliche Literatur in diesem Bereich gibt, werden auch TV-Berichte aus verschiedenen Dokumentationen und der Tagesschau herangezogen, die zeitgenössische Augenzeugenberichte der tatsächlichen Geiseln beinhalten.

2 Geschichtlicher Vergleich im Überblick

Der Roman von Christian Friedrich Delius „Mogadischu Fensterplatz“ ist die Geschichte einer jungen Frau, die fünf Tage und Nächte als Geisel mit über achtzig anderen Lufthansa-Passagieren in einem entführten Flugzeug gefangensitzt. Die äußeren Ereignisse sind an der ‚Landshut’-Entführung aus dem Jahr 1977 orientiert, an jenem 106stündigen Geiseldrama der deutschen Mallorca-Urlauber, das sich über drei Erdteile erstreckte, in Palma seinen Anfang nahm und mit der Stürmung der Maschine in Mogadischu beendet wurde. Im Folgenden soll die Entführung mit dem Roman in der Hinsicht verglichen werden, ob Andrea Boländer als weibliche Geisel eine authentische Person sein könnte, die auch im echten Flugzeug hätte sitzen können. Weiter soll herausgestellt werden, welche Unterschiede Delius im Vergleich zum realen Ereignis macht. Zuvor sollen jedoch die Reaktionen auf den Roman die Literaturkritik widerspiegeln. Für das bessere Verständnis wird zuerst jedoch kurz der geschichtliche Ablauf der realen Geschehnisse der Entführung zusammengefasst.

2.1 Die historische Entführung der Landshut

Am 13. Oktober 1977 wurde die Lufthansa-Maschine mit der Flugnummer LH 181, die planmäßig von Palma de Mallorca nach Frankfurt am Main fliegen sollte, von einem aus vier Personen bestehenden palästinensischen Terrorkommando der PFLP namens Martyr Halimeh entführt. Diese Entführung resultierte aus der zuvor bereits ohne großen Erfolg gebliebenen vierwöchigen Gefangenschaft des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, der von linken RAF-Sympathisanten zur Geisel genommen wurde, um die Freilassung der Mitglieder der ersten Generation der RAF zu erpressen. Da sich die Bundesregierung jedoch nur sehr zäh auf Verhandlungen einließ, sollten wohl weitreichendere Entführungen dazu beitragen, das Ziel der Befreiung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und neun weiteren RAF-Gefangenen zu erreichen. Die politische und mediale Situation im Oktober 1977 war bereits durch die Schleyer-Entführung angespannt, da versetzte die Entführung der zwei Frauen und zwei Männer aus Palästina die ganze Bundesrepublik in Aufruhr. An Bord des Flugzeugs befanden sich 86 zumeist deutsche Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder. Die Urlauber, die eigentlich nach Frankfurt zurückfliegen wollten, wurden im französischen Luftraum entführt und zunächst nach Rom geleitet, von wo aus der selbsternannte neue Kapitän „Mahmud“ erstmals die Forderungen seines Kommandos verkündete. Diese waren identisch mit denen der Entführer von Hanns Martin Schleyer in Bonn: Auch sie forderten die Freilassung von elf inhaftierten RAF-Terroristen. Zusätzlich forderte das Palästinenser-Kommando jedoch noch die Entlassung zweier Gesinnungsgenossen aus der Türkei und 15 Millionen US-Dollar.

Von Rom aus flog das Flugzeug innerhalb von 24 Stunden mit Stopps in Larnaka und Bahrein weiter nach Dubai. Im Emirat landete die ‚Landshut’ trotz offizieller Sperrung aus Treibstoffmangel und blieb daraufhin annähernd 55 Stunden, in denen die Passagiere und die Besatzung aufgrund der ausgefallenen Klimaanlage und des engen Raumes im Flugzeug starker Hitze ausgesetzt waren. Dort wiederholten die Entführer „ihre Drohung, das Flugzeug zu sprengen, wenn die Terroristen, deren Freilassung sie gefordert haben, nicht bis Sonntag, 16. Oktober 1977 um 13 Uhr, ihren Zielort erreicht hätten.“[1] Ohne die Kenntnis der Entführer folgte der damalige Staatsminister Wischnewski der entführten Lufthansa-Maschine in einem eigenen Flugzeug seit Larnaka mit Beamten der GSG 9, um im richtigen Augenblick gezielt eine Befreiungsaktion zu starten. Doch die Hilfe kam wenige Minuten zu spät – die ‚Landshut’ hatte bereits abgehoben und nahm Kurs auf die Stadt Aden im damaligen Südjemen auf. Hier erwartete den Piloten Jürgen Schumann ein Horrorszenario: Die Landebahn wurde mit Panzern und Militärfahrzeugen blockiert, sodass keine Landung möglich war. Doch der Treibstoffmangel zwang Schumann zu einer gewagten Notlandung auf dem seitlichen Sandstreifen. Nachdem der eigentliche Kapitän die Erlaubnis des „neuen“ Kapitäns Mahmud bekommen hatte, das Flugzeug nach dieser geglückten Bruchlandung zu inspizieren, nutzte dieser die Gelegenheit, ohne die Erlaubnis Mahmuds die Flughafenbediensteten um Hilfe zu bitten. Ihnen erklärte der Pilot, wie brenzlig die Lage sei, und kündigte bereits an, dass er wahrscheinlich gleich nach seiner Rückkehr ins Flugzeug von den Terroristen ermordet würde. Dies geschah tatsächlich mit einem gezielten Schuss durch Mahmud auf dem Mittelgang des Flugzeugs – ein Vorgehen, das den Forderungen mehr Nachdruck verleihen sollte. Jürgen Schumann opferte sich für die Menschen in der ‚Landshut’. „Nach so einer Notlandung und aus Sorge um die Passagiere und seine Besatzung hat er nur einen Gedanken gehabt, den Widerstand zu verhindern. Er ist in einer ausweglosen Situation gewesen“, schildert Peter Heldt, B 737 Flottenchef der Lufthansa[2].

Ab nun musste Jürgen Vietor, der Kopilot der ‚Landshut’, das Kommando über das Flugzeug übernehmen. „Das war für mich ein Horrortrip. Die ganzen Instrumente waren schon Richtung roter Bereich, zum Teil schon im roten Bereich durch den Sand, der in die Triebwerke hineingesogen wurde. Wenn nun ein Triebwerk in der Luft begonnen hätte zu brennen, wären wir in der Luft explodiert,“[3] schildert der Kopilot. In den frühen Morgenstunden des 17. Oktober landete die entführte Maschine dann in Mogadischu, der Hauptstadt Somalias. Erst hier wird die Leiche des ermordeten Flugkapitäns Schumann von Bord gebracht. Die Entführer setzten ein Ultimatum, bis 15 Uhr MEZ, um die RAF-Mitglieder aus der Justizvollzugsanstalt zu entlassen. Nun ließ sich die Bundesregierung mit dem Sonderschutzbeauftragten und Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski eine originelle Hinhaltetaktik einfallen: Damit die Zeit ausreichte, den Hauptteil des Kommandos der deutschen GSG 9 vor Ort zu schaffen, wurden die Entführer mit der Nachricht getäuscht, ihrer Forderung würde nachgegeben, die Überführung der RAF-Gefangenen aber würde mehrere Stunden benötigen. „Die Kriegslist war die, dass ich die Unwahrheit gesagt habe und eine Notlüge angewandt habe, indem ich gesagt habe, die Bundesregierung habe nachgegeben.“[4] Wie gehofft verlängerten die Entführer, die in der Zwischenzeit bereits die Passagiere mit Alkohol übergossen und ihre Sprengkörper scharf gemacht hatten, das Ultimatum bis zum 18. Oktober um 1.30 MEZ. Der somalische Präsident Siad Barre wurde von der Bundesregierung über die Nationalität der Entführer getäuscht, da er freundschaftlich gegenüber den Palästinensern eingestellt war. Nachdem er durch die Bundesregierung über den Einsatz aufgeklärt wurde, stimmte er einer ‚Joint-Operation’[5] zu. Um 20 Uhr befanden sich über 60 GSG 9-Männer auf dem Flugplatz von Mogadischu. „Es bereiteten sich sechs Sturmtrupps vor, für jede Tür einer. Außerdem ein Rettungsteam für Verletzte und ein Sprengstoffexpertenteam,“[6] so Ulrich Wegener, damaliger Kommandeur der GSG 9-Einheit Mogadischu.

Die ‚Operation Feuerzauber’ begann. Im Dunkeln und ohne Funkgeräte sowie mit der Gefahr, dass jemand die Männer aus dem Fenster sehen konnte, schritten die Einsatzkräfte zur Tat. ‚Kapitän’ Mahmud wurde zur Ablenkung vom Tower aus in Gespräche verwickelt, die von dem vermeintlichen Austausch der Geiseln mit den RAF-Terroristen handelten. Um Punkt 0:05 Uhr eröffneten die Streitkräfte das Feuer und schafften es, drei der Terroristen in einem Sturmangriff innerhalb weniger Minuten zu töten. Die vierte Terroristin wurde schwer verletzt. Auf der Seite der Geiseln wurden lediglich die Stewardess Gabriele Dillmann und ein GSG 9-Beamter verletzt. Um 0:12 Uhr konnte Staatsminister Wischnewski dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt den Abschluss der Aktion melden. „Noch in derselben Nacht haben sich in Stammheim die führenden deutschen Terroristen Baader, Raspe und Ensslin das Leben genommen. Irmgard Möller verletzte sich bei einem Selbstmordversuch schwer.“[7]

[...]


[1] Vgl. Bundesregierung 1982, S. 150f.

[2] Vgl. ZDF-Dokumentation „Das Wunder von Mogadischu“ 2007.

[3] Vgl. ZDF-Dokumentation „Das Wunder von Mogadischu“ 2007.

[4] Zitat von Hans Jürgen Wischnewski in der ZDF-Dokumentation „Das Wunder von Mogadischu“ 2007.

[5] Eine ‚Joint Operation’ ist eine von zwei Ländern gemeinsam angelegte Befreiungsaktion.

[6] Vgl. Ebd.

[7] Vgl. Tagesschau vom Dienstag, dem 18. Oktober 1977.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Vergleich des Romans 'Mogadischu Fensterplatz' mit der Entführung der ‚Landshut’ und Analyse der Erzähltechniken
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
Hauptseminar '1968 und die Literatur'
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V115749
ISBN (eBook)
9783640171057
ISBN (Buch)
9783640172894
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Eine kenntnisreiche, selbstständig erarbeitete und auf Textnähe zielende Analyse, die sich dem Roman in mehreren Anläufen, methodisch differenziert, nähert." - Dozent des Fachbereiches Neuere deutsche Literatur an der Philipps-Universität Marburg.
Schlagworte
Vergleich, Romans, Mogadischu, Fensterplatz, Entführung, Analyse, Erzähltechniken, Hauptseminar, Literatur
Arbeit zitieren
Matthias Dula (Autor), 2008, Vergleich des Romans 'Mogadischu Fensterplatz' mit der Entführung der ‚Landshut’ und Analyse der Erzähltechniken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115749

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