Den Roman Ein Kind unserer Zeit stellte Ödön von Horváth zu Beginn des Jahres 1938 fertig, so dass er in Teilen wohl gleichzeitig zu einer anderen, vom Umfang her um einiges größeren Arbeit Horváths entstand, nämlich Jugend ohne Gott. Der Autor erlebte das Erscheinen seines Werkes im Amsterdamer Exilverlag Allert de Lange im Sommer 1938 nicht mehr, da er bereits am 1. Juni in den Champs-Elysées in Paris von einem herunterstürzenden Ast erschlagen worden ist. Beiden Romanen ist nicht nur gemeinsam, dass sie bereits im selben Jahr von den Nationalsozialisten auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt wurden , sondern auch, dass sie beide das Leben im faschistischen Staat beschreiben. Diese Beschreibung erfolgt zwar beide Male in der Ich-Erzählung, jedoch aus zwei unterschiedlichen Perspektiven; einerseits aus der Sicht des intellektuellen Lehrers bei Jugend ohne Gott und andererseits aus der Sicht des völlig systemkonformen Soldaten bei Ein Kind unserer Zeit. Axel Fritz, der in seinem 1973 erschienenen Werk Ödön von Horváth als Kritiker seiner Zeit besonders auf die Rolle Horváths als Zeitzeuge eingeht, äußert sich über dessen literarisches Schaffen folgendermaßen:
„Horváth zeigt darüber hinaus auch die Hintergründe und Ursachen des äußeren Zeitgeschehens, das in seinem Werk eine so dominierende Rolle spielt: die soziale, geistige und moralische Konstitution des mittelständischen Spießbürgertums, sein aus Traditionalismus, Standesdenken, Egoismus und Dummheit geprägtes (falsches) Bewusstsein, das die politische Entwicklung zum Faschismus ermöglichen half.“
Tatsächlich spielt das von Fritz erwähnte „falsche Bewusstsein“ als Ursache für den Faschismus in beiden Werken eine große Rolle, denn schließlich durchlaufen beide Hauptfiguren einen „Bewusstseinswandel“, der sie letztendlich dann dem Regime gegenüberstellt. Der Lehrer wandelt sich von einem ängstlichen Skeptiker des Systems zu einem öffentlichen Protestler, während der Soldat aufgrund seiner enttäuschenden Erfahrungen vom überzeugten Anhänger zum aggressiven Kritiker wird. Die immense Wichtigkeit des individuellen Denkens und Reflektierens, welches einem solchen Bewusstseinswandel unweigerlich zugrunde liegen muss, liegt auf der Hand. Daher soll auch die Rolle des Denkens in Horváths Roman Ein Kind unserer Zeit in Zusammenhang mit dem Bewusstseinswandel der Hauptfigur im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Rolle des Denkens bei „Ein Kind unserer Zeit“
2.1. Ausgangssituation
2.1.1. Der Generationenkonflikt
2.1.2. Überzeugte Anhängerschaft
2.1.2.1. Sprache des Soldaten nach faschistischem Vorbild
2.1.2.2. Man soll nicht denken, sondern handeln!
2.2. Der Bewusstseinswandel des Soldaten
2.2.1. Das Schicksal des Hauptmanns – der Auslöser
2.2.2. Das Schicksal des Soldaten – der Wandel
2.2.2.1. Das langsame Aufbrechen der Denkblockade
2.2.2.2. Der Vollzug des individuellen Denkens
2.2.3. Das Schicksal der Kassiererin – Aggressive Kritik
2.3. Die Ermordung des Buchhalters – Abschluss mit der eigenen Vergangenheit
3. Schluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Proseminararbeit analysiert die Entwicklung des individuellen Denkens der Hauptfigur in Ödön von Horváths Roman „Ein Kind unserer Zeit“. Ziel ist es, den Bewusstseinswandel des Soldaten von einem systemkonformen Anhänger zu einem kritischen Hinterfrager der faschistischen Ideologie nachzuzeichnen.
- Rolle des Generationenkonflikts und soziale Prägung
- Analyse der faschistischen Sprache und Ideologie
- Bedeutung von Schlüsselereignissen (Hauptmann, Kassiererin, Buchhalter)
- Prozess des individuellen Denkens und der Reflexion
- Symbolik der Mordhandlung als Abschluss mit der Vergangenheit
Auszug aus dem Buch
2.2.1. Das Schicksal des Hauptmanns – der Auslöser
„Eigentlich hasse ich alle. Nur unseren Hauptmann nicht. -“ (S. 28) beschreibt der Soldat sein Verhältnis zu anderen Menschen. Es wird deutlich, dass der Vorgesetzte eine besondere Rolle in seinem Leben spielt, er hat nicht nur Vorbildfunktion, sondern wird vom Soldaten sogar als ideale Vaterfigur (vgl. S. 14) angesehen. Der Hauptmann besitzt somit auch großen Einfluss auf ihn. Um so mehr bedeutet dessen Freitod während eines Blitzangriffes auf ein Nachbarland einen Einschnitt in das Leben und vor allem in das Denken des Ich-Erzählers.
Der Hauptmann zählt selbst zur Generation der Väter, zur Generation des Ersten Weltkriegs, der „in der Erkenntnis des Zeitenwandels lebt, dem Gefühl, einer zum Untergang bestimmten Epoche anzugehören, während eine neue Zeit der Barbaren angebrochen ist.“
Im Gegensatz zu anderen Vertretern seiner Generation versucht er jedoch aktiv gegen die barbarische Moral der neuen Kriegsführung vorzugehen, die nun, während des Angriffs, zu Tage tritt. Natürlich fällt dem Soldaten sofort auf, dass sich am Hauptmann ein Wandel vollzogen hat, der sich vor allem an seinem Verhalten seinen Soldaten gegenüber manifestiert.
„Überhaupt ist der Hauptmann ein anderer Mensch geworden, seit wir die Grenze überschritten. Er war wie ausgewechselt. Verwandelt ganz und gar.“(S. 38)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung bettet Horváths Werk in den zeitgeschichtlichen Kontext ein und erläutert die zentrale Forschungsfrage zum Bewusstseinswandel der Hauptfigur.
2. Die Rolle des Denkens bei „Ein Kind unserer Zeit“: Dieses Kapitel analysiert die Ausgangslage, in der die Indoktrination des Soldaten durch das System und den Generationenkonflikt dominiert.
2.1. Ausgangssituation: Hier werden die Einflüsse von Generationenkonflikten und die totale Anhängerschaft des Soldaten an das System als fundamentale Denkblockaden untersucht.
2.1.1. Der Generationenkonflikt: Untersuchung der Spannungen zwischen der alten „Vätergeneration“ und der jungen „Kriegsgeneration“.
2.1.2. Überzeugte Anhängerschaft: Beleuchtung der Identifikation des Soldaten mit dem nationalsozialistischen Vaterlandsbegriff.
2.1.2.1. Sprache des Soldaten nach faschistischem Vorbild: Analyse der typischen, von der NS-Ideologie geprägten Ausdrucksweise der Hauptfigur.
2.1.2.2. Man soll nicht denken, sondern handeln!: Aufzeigen, wie das System das eigenständige Denken unterdrückt und durch blindes Handeln ersetzt.
2.2. Der Bewusstseinswandel des Soldaten: Zentraler Abschnitt, der den Prozess der allmählichen Loslösung von der Ideologie beschreibt.
2.2.1. Das Schicksal des Hauptmanns – der Auslöser: Beschreibung des Freitods des Vorgesetzten als initialen Anstoß für erste Zweifel am System.
2.2.2. Das Schicksal des Soldaten – der Wandel: Darstellung der persönlichen Krise des Soldaten durch Kriegsverletzung und soziale Enttäuschung.
2.2.2.1. Das langsame Aufbrechen der Denkblockade: Analyse der ersten Risse in der ideologischen Weltanschauung des Soldaten.
2.2.2.2. Der Vollzug des individuellen Denkens: Dokumentation des endgültigen Durchbruchs zur Reflexion und persönlichen Selbstfindung.
2.2.3. Das Schicksal der Kassiererin – Aggressive Kritik: Untersuchung, wie soziale Ungerechtigkeit gegenüber einer Frau die Kritik des Soldaten radikalisiert.
2.3. Die Ermordung des Buchhalters – Abschluss mit der eigenen Vergangenheit: Analyse des Mordes als symbolische Befreiung von der eigenen faschistischen Vergangenheit.
3. Schluss: Fazit über die zeitlose Bedeutung von Horváths Aufruf zum Widerstand gegen politische Gleichgültigkeit.
Schlüsselwörter
Ödön von Horváth, Ein Kind unserer Zeit, Faschismus, Individuelles Denken, Bewusstseinswandel, Ideologiekritik, Generationenkonflikt, NS-Sprache, Fremdbestimmung, Widerstand, Selbstreflexion, Nationalsozialismus, Sozialkritik, Indoktrination, Literarische Analyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Proseminararbeit?
Die Arbeit untersucht die psychologische und intellektuelle Entwicklung eines Soldaten im Roman „Ein Kind unserer Zeit“ von Ödön von Horváth, mit Fokus auf den Wandel vom blinden Gefolgsmann zu einem kritisch reflektierenden Individuum.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit beleuchtet das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv, die Rolle der Sprache als Indoktrinationsmittel, den Generationenkonflikt sowie den Einfluss sozialer Missstände auf die politische Haltung der Hauptfigur.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Es soll aufgezeigt werden, wie der Soldat schrittweise die vom Regime anerzogenen Denkblockaden durchbricht und welche Schicksale anderer Figuren dabei als Katalysatoren fungieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt die literaturwissenschaftliche Textanalyse, um den Roman auf Basis primär- und sekundärliterarischer Quellen (z.B. Axel Fritz, Kurt Bartsch) zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Ausgangssituation (Indoktrination), den Prozess des Bewusstseinswandels durch externe Schicksale (Hauptmann, Kassiererin) und die symbolische Aufarbeitung der Vergangenheit durch den Mord am Buchhalter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Bewusstseinswandel, Faschismuskritik, Individuelles Denken, Ideologie und Entfremdung.
Warum fungiert der Hauptmann als entscheidender Auslöser für den Soldaten?
Als frühere Vaterfigur und Vorbild verdeutlicht der Freitod des Hauptmanns dem Soldaten die Diskrepanz zwischen der heroischen Ideologie des Staates und der verheerenden Realität des Krieges.
Welche Funktion hat die Ermordung des Buchhalters im Kontext der Arbeit?
Die Tat wird nicht primär als krimineller Akt, sondern als symbolische „Ermordung“ des eigenen alten Ichs interpretiert, wodurch der Soldat die Verbindung zu seiner nationalsozialistisch geprägten Vergangenheit kappt.
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- Sophia Schroll (Author), 2008, Die Rolle des Denkens in Ödön von Horváths "Ein Kind unserer Zeit" , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115763