Historisch-kritische Exegese der Bibelstelle Genesis 9,1-17 "Gottes Bund mit Noah". Orientiert an der Übersetzung der Elberfelder Bibel 2017


Hausarbeit, 2020

31 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textvergleich: Elberfelder Bibel, Gute Nachricht Bibel, Einheitsübersetzung

3. Textanalyse
3.1 Wortarten/Wortfelder
3.2 Syntax
3.3 Kohäsion
3.4 Ko-Text(analyse)
3.5 Schematische Darstellung/Struktur des Textes

4. Formanalyse

5. Gattungsanalyse

6. Literarkritik/Redaktionskritik

7. Realienfrage

8. Traditionsgeschichte

9. Hermeneutik/Hermeneutische Schlussreflexion

10. Literaturverzeichnis

11. Anhang

1. Einleitung

Die folgende Hausarbeit fokussiert sich auf die Bibelstelle Gen 9,1-17, die den Bund Gottes mit Noah und seiner gesamten Schöpfung nach der Sintflut beinhaltet. Die Strukturierung der Arbeit verfolgt das Schema der im Seminar besprochenen Abfolge der exegetischen Arbeitsschritte und versucht dadurch, dem oben genannten Text in seiner Tradition, seinem Ursprung sowie seiner Bedeutung näher zu kommen. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Texten der Bibel ist auch heutzutage noch eine äußerst relevante Maßnahme, um sowohl sein persönliches Bibelverständnis als auch das einer größeren (kirchlichen) Gemeinschaft zu erweitern und zu vertiefen. Es geht dabei vor allem um die Herstellung einer Verbindung der Bibeltexte zur heutigen Sprache sowie aktuellen Kontexten, auf einer Basis von methodischen Schritten, die für die Allgemeinheit erfassbar ist.1

Der Text über den Bundesschluss Gottes reiht sich an das Ende der Sintfluterzählung (Gen 6-9) und bildet dementsprechend das Schlussbild der gesamten Erzählung, welches in einem ewigen Frieden zwischen Gott und seiner Schöpfung mündet (Gen 9,17). Die Rede Gottes beinhaltet nicht nur neue Vorschriften für die Nachkommen Noahs sowie der gesamten, darauffolgenden Erdbevölkerung auf; er weist in seinem weiten Verständnis die existenzielle Bedeutung eines Lebewesens auf und zeigt allem voran die unabdingliche Güte und Liebe Gottes, die er hier explizit seiner Schöpfung zukommen lässt. Die Bibelstelle beinhaltet eine weite Ausstrahlung in den gesamten Verlauf der Bibel sowie der Geschichte Israels, da sie sich als einen Teil der Urgeschichte der Menschheit manifestiert. „Urgeschichten“ aus dem ersten Buch Mose sind nicht wie die anderen Geschichten aus der Bibel, sondern wollen durch ihren Inhalt und ihre Erzählungen erklären, weshalb bestimmte Gegebenheit auf der Erde so vorzufinden sind und auf welcher Basis sie beruhen. Die Entwicklung der gesamten Welt sowie der Menschheit steht hier mehr im Vordergrund als die Beschreibung der anfänglichen Welt. Aus diesem Grund besitzen die Erzählungen und Texte der Genesis die Eigenschaft, zu den Menschen zu sprechen bzw. den Menschen direkt anzusprechen.2 Besonders in Gen 9,1-17 rückt der Mensch und vor allem die Erde, auf der er lebt, in den Fokus, was sich auch in der Verbindung mit dem traditionellen Ursprung des Textes zeigt. All diese Aspekte sowie weitere wichtige Anhaltspunkte des Bibeltextes sollen im Verlauf dieser Arbeit herausgestellt werden. Zum Ende hin soll dies vor allem für den Interpreten zu verschiedenen Erkenntnissen für sich selbst, seine Lebensart sowie der Übertragung dessen auf die gesamte Menschheit und Erde führen.

2. Textvergleich: Elberfelder Bibel, Gute Nachricht Bibel, Einheitsübersetzung

Bei der Rezeption der drei verschiedenen Übersetzungen fallen einige Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede auf, die in diesem Kapitel hervorgehoben werden sollen. Der größte Unterschied zeigt sich schon im einfachen Lesen: Die Übersetzung der Gute Nachricht Bibel weist den verständlichsten Text auf, bei dem der gesamte Inhalt sowie Sinn nach einmaligem Lesen erfasst werden können. Ebenfalls zu erwähnen ist, dass sich die Bibelstellen der Elberfelder Bibel und der Einheitsübersetzung sehr ähneln und die Unterschiede lediglich bei einigen Wortwahlen sowie Formulierungen auftauchen.

Formale, direkt ersichtliche Differenzen zeigen sich zunächst in den Überschriften. In der Elberfelder Bibel heißt es „Gottes Bund mit Noah“, die GNB3 entfernt sich hier von der Person Noah und wählt die Überschrift „Gottes Friedensbund mit den Menschen und Tieren“ und die Einheitsübersetzung weist keine Überschrift auf. Auch in dem Namen eines Protagonisten zeigen sich Unterschiede, denn die Elberfelder Bibel verwendet die Bezeichnung „Noah“ und die anderen beiden „Noach“. Weiterhin kann man bei dem Text der Elberfelder Bibel keinen 5. Vers vorfinden, einfacher gesagt fehlt die Zahl 5 zwischen dem vierten und sechsten Vers. Bei allen drei Übersetzungen gibt es zwei Verse, die nahezu konstant sind, es handelt sich dabei um 9,1 und 9,4. In der Einheitsübersetzungen heißt es in Gen 9,1: „Seid fruchtbar, mehrt euch und füllt die Erde!.“, ähnlich dazu klingt es in der Elberfelder Bibel und genauso auch in der GNB mit „Seid fruchtbar und vermehrt euch füllt die Erde!“. In Gen 9,4 geht es um das Verbot, blutiges Fleisch zu verspeisen, hier weisen alle drei Bibeln geringfügige Unterschiede auf. Alle verweisen auf das im Blut enthaltene Leben, welches keinesfalls mit verzehrt werden darf. Hier ist der Wortlaut aller drei Übersetzungen zwar ähnlich, jedoch kann man hier doch auf einen Unterschied verweisen, der bei der Elberfelder Bibel vorzufinden ist. Es wird hier das Wort „Seele“ verwendet statt „Leben“: „Nur Fleisch mit seiner Seele, seinem Blut, sollt ihr nicht essen!“ Weitergehend taucht es erneut auf in Gen 9,5-6: „[.] werde ich die Seele des Menschen einfordern.“

Da sich die GNB von beiden Varianten am stärksten unterscheidet, wird sie in diesem Teil des Vergleiches den beiden anderen Texten gegenübergestellt. In der GNB gibt Gott alle Lebewesen in die „Gewalt“ (Gen 9,2) des Menschen, wobei sie bei der Einheitsübersetzung in die scheinbar gemeinsame „Hand“ (Gen 9,2) und in der Elberfelder Bibel in die vielen „Hände“ (Gen 9,4) der Menschen gegeben werden. Weitergehend fällt auf, das Gott in der Version der GNB mehr Bezug auf sich als Persönlichkeit nimmt, beispielsweise in Gen 9,11 sagt er: „ Ich will das Leben nicht ein zweites Mal vernichten.“ Bei der Elberfelder Bibel sowie der Einheitsübersetzung geht er verallgemeinert darauf ein, dass es nie mehr eine Flut geben soll, ohne persönlichen Bezug (Gen 9,11). In der Elberfelder Bibel sowie der Einheitsübersetzung spricht Gott explizit in Vers 16 von sich in der 3. Person, als Beispiel 9,16 aus der Einheitsübersetzung: „[.] und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen [.]“, was in der GNB nicht vorzufinden ist. Allgemein zur der GNB ist zu sagen, dass sie im direkten Vergleich mit der Sprache der beiden anderen Übersetzungen einen sehr alltagsbezogenen Sprachstil aufweist, wie beispielsweise „erst recht“ (Gen 9,5) oder „Regenwolken“ (Gen 9,14). Auch wirkt Gott hier als Sprecher persönlicher, da er oft auf sich selbst Bezug nimmt, wie es weiter oben aufgezeigt wird. Die Gute Nachricht Bibel konzentriert voll und ganz darauf, den Inhalt der Texte für alle Lesende verständlich darzustellen, demnach spielt die Orientierung am Urtext hier eine sehr geringe Rolle.4 Bei dem Vergleich der drei Texte fällt dies auch unmittelbar auf, da sich diese Übersetzung sehr flüssig lesen lässt, und den gesamten Kontext vereinfacht wiedergibt.

Weitergehend rücken nun die Elberfelder Bibel und die Einheitsübersetzung in den Vordergrund, um die Unterschiede , die trotz großer Ähnlichkeiten vorhanden sind sowie Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. Während der Rezeption der Bibelstelle in der Elberfelder Bibel stolpert man über einige, fremdartige Formulierungen oder verschachtelte Sätze, die ein mehrfaches Lesen erfordern. In Gen 9,2 heißt es „Und Furcht und Schrecken vor euch sei auf allen Tieren [...]“, in Gen 9,8: „Und Gott sprach zu Noah und zu seinen Söhnen mit ihm: [...]“ oder als Gott sagt: „[...] nie mehr soll es eine Flut geben, die Erde zu vernichten.“ (Gen 9,11). Es sind Formulierungen, die etwas befremdlich wirken, vor allem wenn man das sprachliche Gegenstück, die GNB, liest. Dies liegt an der sehr nah am Urtext orientieren Übersetzung in der Elberfelder Bibel. Die Elberfelder Bibel wahrt ihren Ruf als am genauesten am Urtext orientierte Bibelübersetzung, sowie es auch in ihrem Vorwort zu finden ist. Man stellt klar fest, dass die sprachliche Harmonie zweitrangig ist, um den wahren Inhalt der Urtexte nicht zu verfälschen, somit sind die möglichen Verständnisprobleme mitinbegriffen. Die sprachliche Gestaltung ist hierbei aber nicht vollständig außen vor gelassen. Begriffe, die im Deutschen nicht mehr vorzufinden sind, wurden ersetzt und ebenso Sätze verändert, die in der deutschen Übersetzung zu komplexe Satzkonstruktion aufweisen.5 In den gleichen Versen der Einheitsübersetzung steht geschrieben, dass „ [.] Gott zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren [, sprach]: [.]“ (Gen 9,8) oder Gottes Versprechen: „[.] nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.“ (Gen 9,11). Hier zeigt sich die mittlere Position der Einheitsübersetzung zwischen Verständnis und Urtext. Man findet bei ihr keine Alltagssprache vor, sondern eher ein Gleichgewicht zwischen verständlicher und urtextgetreuer Sprache, also eine „harmonischere“ Form der Elberfelder Bibel und eine originalgetreuere Übersetzung der GNB. S.26: Die Einheitsübersetzung beinhaltet in ihrer (ihren) Übersetzung(en) zwei Orientierungen, die normalerweise getrennt voneinander vorzufinden sein sollten. Zum Einen versucht sie, sich so gering wie möglich vom Urtext zu entfernen, zum Anderen aber legt sie Wert auf eine gute, sinngemäße deutsche Sprache für die kirchliche Praxis.6

Sowohl die Einheitsübersetzung als auch die Elberfelder Bibel weisen vor allem im zweiten Teil der Bibelstelle, Gen 9,8-17, eine nahezu identische Wortwiederholung auf. Herausstechend bei der Einheitsübersetzung ist die Aussage „Ich bin es.“ (9,8), die bei den beiden anderen Übersetzungen nicht vorzufinden ist. Ebenso auch der Ausdruck in der Elberfelder Bibel „Und es wird geschehen [.]“ (9,14) als Gott auf den Bogen als Bundeszeichen zu sprechen kommt, der nur in dieser Bibel geschrieben steht.

Wenn man nach dem Schema der lectio difficilor („schwerste Lesart“) vorgeht, um die dem Urtext am nächsten entsprechende Übersetzung zu identifizieren, rückt die Variante der Elberfelder Bibel in den Vordergrund. Sie lässt sich eindeutig schwieriger Lesen als die beiden anderen Übersetzungen. Im tabellarischen Übersetzungsvergleich (siehe Anhang) ordnet sich im Hinblick auf die lectio brevior („kürzeste Lesart“), der Text der GNB an erster Stelle, was aber eher darauf zurückzuführen ist, dass dem Verständnis entsprechend wenig komplexe Sätze eingebaut wurden. Die Elberfelder Bibel weist zwar den längsten Text auf, jedoch fokussiere ich mich im weiteren Verlauf der Arbeit auf die Übersetzung der Elberfelder Bibel, da ihre Treue am Urtext äußerst relevant für die Analyse der Bibelstelle ist.

3. Textanalyse

In Gen 9,1-17 lassen sich einige sprachliche Besonderheiten sowie einen wichtigen weiten Kontext für die gesamte Bibel feststellen, die im folgenden Kapitel hervorgehoben werden sollen.

3.1 Wortarten/Wortfelder

Auffallend ist, dass der Text sehr viele Nomen sowie Verben, jedoch sehr wenige Adjektive aufweist, im direkten Vergleich sind es aber an der Anzahl 26 Nomen mehr als Verben, auch wenn diese sehr häufig wiederholt werden, wie im späteren Verlauf noch aufgezeigt wird. Aufgrund der Vielzahl an Nomen kann auf ein Nominalstil verwiesen werden. Häufig verwendete Verben sind „vermehrt“ in Vers 1 und 7, sowie „einfordern“, welches insgesamt vier Mal in dem Vers 4 auftaucht. Das am meisten auftauchende Nomen ist „Erde“ in den Versen 2, 7, 10, 11, 13, 14 und 16, dies ist auch zu erklären mit dem Aspekt, dass Gott sich in seiner Rede explizit auf die Erde und all ihren Lebewesen bezieht, womit die Verbindung Gottes zur Erde verdeutlicht wird. Darauf folgt das „Fleisch“ in Vers 4, 11, 15, 16 und 17 sowie „Menschen“ und „Blut“, die beide mehrmals in den Versen 4 und 6 auftauchen. Insgesamt findet man eine sehr gleichmäßige Verteilung der Wortarten in den Texten vor, da alle Sätze einheitlich mit Nomen und Verben gefüllt sind. Diese Tatsache ist auch an den Verszahlen, in denen die am häufigsten verwendeten Nomen zu finden sind, erkennbar, da sie sich über die gesamten Verse von 1 bis 17 erstrecken.

Bei der näheren Betrachtung der Verben im Hinblick auf Tempora und Modi fällt auf, dass man im gesamten Verlauf der Bibelstelle einige Zeitformen vorfindet, die sich aber dem Zweck des Gesagten anpassen. Vergangene Geschehnisse, wie die Schaffung des Menschen (9,6), die Arche (9,10) sowie der am Ende des Textes abgeschlossene Bund (9,17) werden im Perfekt formuliert. Zukünftige Ereignisse wie die Strafen bei Brechen der noahitischen Gebote (9,4-5) sowie das Versprechen an die Menschen, die Erde nicht mehr zu zerstören (9,11; 9,14; 9,15) findet man in der Futur-Form vor. Alle anderen Verse im Text beinhalten gegenwärtige Ereignisse, die dementsprechend im Präsens formuliert sind. Die Modi der Verben variieren nicht von Satz zu Satz, sondern lassen sich, wie die Bibelstelle selbst auch, in zwei Bereiche einteilen. Hervorstechend ist der Imperativ, der den nahezu gesamten ersten Teil der Rede in 9,1-7 dominiert und vor allem durch das sehr häufig auftretende Verb sollen (9,3.4.6) sowie dem Segensspruch „Seid fruchtbar und vermehrt euch und füllt die Erde!“, der sich sowohl in Vers 1 als auch in Vers 7 wiederfinden lässt. Der Segensspruch in Gen 9,7 als einzelner Satz erweist sich durch seinen Aufbau als „viergliedrige Imperativkette“ (Gertz 2018, S.283), der dem Befehl zur Vermehrung der Menschheit nochmal Nachdruck verleiht.7 In diesem Teil der Rede verkündet Gott seine Vorschriften an den Menschen, was also dementsprechend durch den Imperativ untermalt wird. Der zweite Teil der Rede weist einen ruhigeren Ton auf, mit Verben, die sich überwiegend im Indikativ vorfinden (9,8-11). Zweimal ist ein Imperativ-Satz vorzufinden, „[.] nie mehr soll es eine Flut geben [.]“ (9,11) und „[.] nie mehr soll das Wasser zu einer Flut werden [.]“, wodurch Gott sich selbst die Forderung und gleichzeitig das Versprechen an den

Menschen gibt, die Erde niemals mehr zerstören zu wollen. Weiterhin ist ein Konjunktiv in Vers 13 vorzufinden, der sich auf das Bundeszeichen bezieht: „[.] und er sei das Zeichen des Bundes [.]“.

3.2 Syntax

Die Sätze der Rede Gottes weisen an sich einen einfachen sowie gleichmäßigen Aufbau auf. Es lassen sich um einiges, genauer 26, mehr Nomen finden als Verben, worauf man wohl auf einen Nominalstil des Textes schließen kann. Die zu Beginn erwähnte einfache Struktur der Sätze weckt zunächst den Eindruck eines überwiegend parataktischen Stils, der sich vor allem im ersten Teil der Rede in Gen 9,1-7 vorfinden lässt. Insgesamt taucht die nebenordnende Konjunktion und 29 Mal auf, jedoch zeigt sich in der späteren schematischen Darstellung, dass der Text viele Relativsätze im zweiten Teil der Rede aufweist, die hypotaktisch verbaut sind. Aus diesem gleichmäßig gemischtem Stil ergeben sich auch die überwiegend strukturellen Ähnlichkeiten der Sätze. Aber auch die Sätze, die andere Konjunktionen aufweisen, wie beispielsweise „jedoch“ (9,4), „denn“ (9,6), „wenn“ (9,14.16) oder „dann“ (9,15) unterscheiden sich in ihrer allgemeinen Struktur nicht sonderlich von den Sätzen mit der nebenordnenden Konjunktion und. Dies kommt daher, dass der gesamte Text wie eine Aufzählung wirkt, in dem gleichzeitig, durch die vielen Einschübe, eine steigernde Wirkung hervorgerufen wird: Gott zählt Noah und seinen Söhnen seine Forderungen auf, die mit einigen näheren Beschreibungen als Nebensätze ausgelegt werden (9,1-7). Daraufhin beginnt er die Bundesschließung und berichtet ihnen von seinem zukünftigen Versprechen, die Erde nie wieder zerstören zu wollen, wobei dies ebenso weitreichend ausgeschmückt wird mit einigen parataktischen Nebensätzen. Er zählt dabei alle Beteiligten, wie beispielsweise die Tierarten, auf (9,9-11). Weitergehend legt der das Aufkommen des Bundeszeichens im Himmel ebenfalls als Aufzählung aus (9,13-16).

Auffallend an dem Text ist, dass der erste Teil, Gen 9,1-7, weitaus weniger die nebengeordnete Konjunktion und aufweist, dementsprechend weisen diese Verse einen hypotaktischen Charakter auf. Zwar besitzt dieser Abschnitt ebenso den Charakter einer Aufzählung, jedoch scheint sie in ihrem Satzbau, mehr zu variieren, als die Satzstruktur in 9,8-17. Der Steigerungs-Effekt soll anhand einiger Beispiele erläutert werden: „[.] von jedem Tiere, werde ich es einfordern; und von der Hand des Menschen, von der Hand eines jeden [.]“ (Gen 9,5) „[.] und mit jedem lebenden Wesen, das bei euch ist, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren der Erde bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, von allen Tieren auf der Erde.“ (Gen 9,10). Wie man erkennen kann, tritt der Effekt durch das mehrfache Aufgreifen desselben Sachverhaltes, mit zum Teil variierenden Ausdrücken oder Wörtern, auf. Es wird dem wichtigen Inhalt der Sätze mithilfe dieser Einschübe mehr Nachdruck verliehen. Eine Art Klimax zeigt sich in dem Vers 5, bei dem Gott in der Aufzählung derjenige, von denen er das Blut einfordern wird, sich zunehmend steigert, was auch in dem „Ton“ dieses Satzes mitschwingt. Besonders hervorzuheben ist der Parallelismus membrorum, den man in Gen 9,6 vorfindet: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll durch Menschen vergossen werden; [.]“.8 Ein tyypisches Merkmal für einen Parallelismus membrorum sind sich wiederholende sprachliche

Gegebenheiten, die eine enge Verbindung dieser Satzteile verdeutlichen sollen.7 Das Stilmittel äußert sich in den drei zweifach erwähnten Worten Mensch, Blut und vergießen, die sowohl formal als auch semantisch aufeinander aufbauen und sich gegenseitig bedingen. In diesem einen Vers steckt die Vermittlung des Tötungsverbotes von Menschen, welches für Gott in dieser Rede einen sehr hohen Stellenwert hat, was im weiteren Verlauf der Arbeit noch näher erläutert wird. Bei der genaueren Rezeption der Verse 3 und 4 fällt ein rhythmischer Stil auf, der sich auf genaue Satzteile bezieht. „Alles was sich regt, was da lebt, soll euch zur Speise sein; [.]“ (Gen 9,3), „Nur Fleisch mit seiner Seele, seinem Blut, sollt ihr nicht essen!“ (Gen 9,4). Der hervorgehobene Satzteil löst diesen beim Lesen auftretenden, parallelen Charakter aus, wobei auch diese Konstruktion in das Schema der Steigerung hinein passt.

3.3 Kohäsion

Es lassen sich in Gen 9,1-17 sprachliche Verknüpfungen vorfinden, die sich in den drei Kategorien Motive, Stichwörter und Tempus erstrecken. Das am stärksten hervortretende Motiv ist Leben , auf das Gott mehrmals im gesamten Verlauf seiner Rede zu sprechen kommt. Das Motiv äußert sich zunächst primär an dem Verb vermehren und dem Adjektiv fruchtbar in dem Segen aus den Versen 2 und 7. Weitergehend lässt sich dieses Motiv auch sinngemäß aus den Aussagen Gottes in den Versen 4 bis 6 herauslesen, da er sich hier für den Schutz des menschlichen Lebens und der Seele aller Lebewesen ausspricht. Für Fischer steckt in diesen Versen der Fokus auf dieses Motiv in „Vermehrung - Schutz [und] Unterhalt“ (Fischer 2018, S.487). In Gen 9,8-17 kommt ein weiteres Motiv hinzu, nämlich das Motiv des Friedens , vor allem in dem zweiten Teil der Rede von 9,8-17, geprägt durch das Versprechen, sowohl die Erde als auch alle Lebewesen dieser nie wieder zerstören zu wollen. Das Friedensmotiv weist auf ein Spannungsfeld innerhalb dieser Bibelstelle, auf die in der Literarkritik mehr Bezug genommen wird. Diese zwei Motive werden im Laufe des Textes durch häufig auftretende Stichwörter manifestiert. Das Blut, welches in 9,4-6 eine zentrale Rolle einnimmt, entpuppt sich als Sitz des Lebens, vor allem auch, weil es die Seele eines Lebewesens beinhaltet. Das Leben der Menschen soll sich auf der Erde verbreiten, womit sich hier ein weiteres Stichwort zeigt, zumal sich dieses Nomen durch den gesamten Text hindurch zieht: zweimal in 9,2; in 9,7; zweimal in 9,10; in 9,11; 9,13; 9,14; 9,16 und 9,17. Der gesamte Zusammenhang dieser Motive und Stichwörter schließt sich dann im Stichwort Bund, der vor allem für den zweiten Teil der Rede in Gen 9,8-17 kennzeichnend ist. Er besiegelt zum Einen den Frieden zwischen Gott und seiner Schöpfung, zum Anderen bekräftigt er die Zusage zum Erhalt des Lebens. Passend zu dem Motiv Leben lässt sich hier die aus dem Text hervortretende Sinnlinie angeben, die sich ebenfalls an dieses Motiv anpasst. Die Sinnlinie, in Form von miteinander verwandten Wörtern zeigt dieses Motiv erneut an mit folgenden Wörtern: „fruchtbar“, „vermehrt“ (9,1) - „lebt“ (9,3) - „Blut“, „Seele“ (9,4) - „Nachkommen“, „lebenden Wesen“ (9,10) - „Generationen“ (9,11) auf. Wobei der einzelne Begriff „lebenden“ insgesamt in 4 Versen auftaucht. Man kann bis hierhin schon einen wichtige Erkenntnis machen, und zwar, dass der gesamte Text sehr viele Wiederholungen von Begriffen und Konstruktionen aufweist, was Gertz in seinem Kommentar bestätigt.8 Die bereits oben aufgelisteten Wörter samt deren Verweise zählen ebenfalls zu der Kategorie der Wiederholungen, hinzugefügt werden sollen hier noch die im Text mehrfach auftretenden Konstruktionen, wie beispielsweise das Einfordern des Blutes und der Seele (9,4-6), die Aussage „[I]ch richte meinen Bund mit euch auf“ (9,9.11) und, allen voran, die in mehrfach veränderter Form auftretende Konstruktion „zwischen mir und [.]“ in 9,12.13.15.16 und 9,17 in Bezug auf den Bundesschluss.

Ein sehr gutes Beispiel für einen Tempuswechsel findet man in dem Vers 6 vor, bei dem sich drei Zeitformen in nur einem Satz widerspiegeln: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll durch Menschen vergossen werden; denn nach dem Bilde Gottes hat er den Menschen gemacht.“ Die Verwendung verschiedener Zeitformen soll hier die Bedeutung des Tötungsverbotes gegenüber Menschen bekräftigen, da die zukünftige Strafe der gegenwärtigen Tat auf dem vergangenen Ereignis, nämlich der Schöpfung des Menschen nach dem Ebenbild Gottes, fußt. Auf sytaktischer Ebene lassen sich Pro-Formen vor allem in den differenzierten Bezeichnung für Gott vorfinden, denn in Vers 6 benutzt Gott für sich selbst das Pronomen er, jedoch findet man im nahezu ganzen Text die Pro-Form ich vor, da es sich hier auch um eine Rede Gottes handelt. In Vers 7 findet man zum Einen das Pronomen Ihr als Satzanfang vor, es könnte stellvertretend als Bezeichnung der gesamten Menschheit stehen oder auch explizit als direkte Ansprache an Noah und seine Söhne verstanden werden. Zum Anderen ist mit der Pro-Form am Ende des Verses mit „[.] und vermehrt euch auf ihr!“ (Gen 9.7) die Erde gemeint. Es sind weniger variierende Konnektoren vorzufinden, als die nebenordnende Konjunktion und - dieses Bindewort ist mit Abstand am meisten vorhanden. In Gen 9,4 wird das Verbot der Tötung von Menschen mit einem „Jedoch [.]“ eingeleitet, woraufhin die Begründung dessen mit der Konjunktion „[.] denn [.]“ (Gen 9,6) beginnt. Bezüglich des Aufkommens des Bundeszeichens findet man die kausale Konjunktionsverknüpfung „wenn [.], dann [.]“ (Gen 9,14) vor. Die Einheit des Ortes zeigt sich darin, dass Noah und seine Söhne die Rede Gottes dort empfangen, wo sich die Arche nach der Flut eine lange Zeit befindet, nämlich am Gebirge Ararats (Gen 8,4). Innerhalb der Personen findet man ebenfalls eine Einheit vor, da Gott seine Rede an Noah und seine Söhne richtet und währenddessen keine weitere Person hinzutritt. Zeitlich gesehen besitzt Gen 9,1-17 keine konkreten Tages- oder Jahresangaben, da es sich hier um ein Einzelgeschehen handelt.11 Gott spricht in einem Zeitraum zu Noah und seinen Söhnen, wodurch es in diesem Geschehen des Redens keine Zeitsprünge vorhanden sind. Im Verlauf des Spannungsbogen lassen sich zwei Höhepunkte festlegen: Der erste zeigt sich in der drohenden Strafe bei Menschenmord (9,5-6) und der zweite in der Ankündigung seines Bundesschlusses (9,9-10).

Man kann in dem Text einige Sprachhandlungen herauslesen, vor allem, da es sich um eine Rede Gottes handelt und er mit dieser Rede gewisse Absichten verfolgt, welche im folgenden Abschnitt kursiv hervorgehoben werden. Beginnend mit den Versen 1 bis 2 und dem Vers 7 findet man hier Befehle Gottes an Noahs Nachkommen und letztendlich an die gesamte Menschheit vor: Sie sollen sich fortpflanzen. Im Anschluss daran erteilt er ihnen die Erlaubnis, Tierfleisch nun als Nahrung zu sich zu nehmen (9,2-3), obwohl dies zuvor strikt untersagt war (Gen 1,28f). Danach gibt Gott eine Warnung oder auch Ermahnung an den Menschen weiter in Bezug auf den Mord an einem Mitmenschen (9,4-6). Im Bundesschluss versichert Gott seine Gnade und die Bindung zwischen ihm und seiner Schöpfung, die auf ewig bestehen wird (9,8-11.12-17). Zu guter Letzt gibt Gott sein Versprechen an die Menschen, ihre Spezies nie mehr vernichten zu wollen durch eine Flut (9,11.15).

3.4 Ko-Text(analyse)

Die Analyse des Kontextes beschäftigt sich mit dem „engere[n] und weitere[n] Umfeld“ (Metzger/Risch 2010, S.41), es rückt demnach nicht nur die allgemeine, formale Verortung des Textes in der Bibel in den Vordergrund, sondern auch, inwieweit weitere, zum Teil viel spätere Texte von den inhaltlichen Aspekten dieser Stelle mitgeprägt sind.9 Es tritt bei der Ko-Text Analyse hervor, dass verschiedene Aspekte aus der Rede Gottes sich in einigen Stellen der Bibel wiederfinden lassen. Gott greift in seiner Rede zu Noah und seinen Söhnen zum Einen auf vergangene Geschehnisse, Aussagen und Gedanken zurück, zum Anderen bringt er neue Aspekte mit ein, die maßgeblich den Verlauf der weiteren Geschichte Israels mit prägen. Die Rede Gottes in Gen 9,1-17 das Ende der Sintflut, die in Gen 6,9 ihren Anfang findet und dementsprechend bis Gen 9,17 reicht. Die Bibelstelle lässt sich in die Mitte eines groben, engen Kontextes einordnen, bestehend aus drei Teilen, in welchem sie die Schnittstelle bildet: Schöpfung - Zerstörung - Genealogie. Gott schafft sowie segnet die Erde und den Menschen (Gen 1), jedoch verdirbt die aufkeimende Gewalt die Schöpfung Gottes, woraufhin er sich dazu entscheidet, sie zu vernichten (Gen 6-8,20). Darauf folgt Gottes Sinneswandel und gleichzeitig die Schnittstelle, da nun die Schöpfung Gottes auf die Menschheit bezogen erneut am Anfang steht. Gott will sowohl die Erde wieder aufkeimen lassen als auch die Menschen sich erneut verbreiten lassen (Gen 8,21-9,17). Ab dann folgen die Nachkommen Noahs, genauer die Genealogie Noahs, die sich über die Erde verteilen und so die Erde wieder voller Leben ist (Gen 9,18 - Gen 50).10 Die biblischen Gestalten Adam, Noah und Abraham bilden sinnbildlich das Fundament des Werdegangs Israels, indem sie durch den Willen Gottes „schaffend (Adam), rettend (Noach) und berufend (Abraham)“ (Zenger 1987, S.107) agieren.

Die sogenannten Schöpfungserzählungen, die den Anfang der Bibel bilden, haben vor allem die Funktion, mithilfe ihrer Inhalte auf weitere, wichtige Entwicklungen des Volkes Israels Bezug zu nehmen11. Dieser Zusammenhang im weiteren Kontext zeigt sich allem voran im darauffolgenden Kapitel Gen 10, wo die Ausführung des Befehl zur Vermehrung an Noahs Sippe anhand des aufgelisteten Stammbaums dargestellt wird.12 Dementsprechend knüpft diese Stelle unmittelbar an Gen 9,1-17 an, ebenso die Geschichte Abrahams, dessen Bundeszusage sowohl ein Völkerwachstum (Gen 17,2.5b-6) als auch den Besitz des Landes Kanaan beinhaltet (Gen 17,8). Mit dieser Bundeszusage, die in Verbindung zum Noahbund steht, manifestiert sich der Beginn der Geschichte Israels. Auch die Söhne Abrahams, Isaak und Isamael, weisen einen jeweils sehr großen Stammbaum auf, der auf den Mehrungssegen Gottes zurückzuführen ist (Gen 25,12-28). Die weitere Verheißung zur Vergrößerung des Volkes Israels ergibt sich dann wieder bei Jakob, dessen Schicksal „eine Schar von Nationen [.] und Könige[n] [.] aus [s]einen Lenden [.]“ (Gen 35, 11) hervorbringt.

[...]


1 vgl. Metzger/Risch 2010, S.9.

2 vgl. die-bibel.de, Artikel: Gesetzesbücher. Die Fünf Bücher Mose.

3 als Abkürzung für „Gute Nachricht Bibel

4 vgl. Dohmen 1995, S.29-30.

5 vgl. Dohmen 1995, S.27-28.

6 vgl. Ebd., S.26.

7 vgl. Weber 2007.

8 vgl. Gertz 2018, S.284.

9 vgl. Metzger/Risch 2010, S.41.

10 vgl. Zenger 1987, S.107.

11 vgl. Metzger/Risch 2010, S.41.

12 vgl. Bosshard-Nepustil 2005, S.111.

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Details

Titel
Historisch-kritische Exegese der Bibelstelle Genesis 9,1-17 "Gottes Bund mit Noah". Orientiert an der Übersetzung der Elberfelder Bibel 2017
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
31
Katalognummer
V1157706
ISBN (Buch)
9783346555274
Sprache
Deutsch
Schlagworte
historisch-kritische, exegese, bibelstelle, genesis, gottes, bund, noah, orientiert, übersetzung, elberfelder, bibel
Arbeit zitieren
Valentina Fischenko (Autor:in), 2020, Historisch-kritische Exegese der Bibelstelle Genesis 9,1-17 "Gottes Bund mit Noah". Orientiert an der Übersetzung der Elberfelder Bibel 2017, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1157706

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