Eine vergleichende Betrachtung der Geschichtsphilosophie bei Kant und Marx


Bachelorarbeit, 2021

54 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau

2 Einordnung in die Geschichtsphilosophie

3 Geschichtsphilosophie im Werk Kants
3.1 Einordnung und Entwicklung im Werk Kants
3.2 Geschichte als Fortschritt der Vernunft
3.3 Geschichtszeichen als Ausdruck der moralischen Anlage
3.4 Rekonstruktion der Geschichte der Vernunft

4 Geschichtsphilosophie im Werk Marx'
4.1 Einordnung und Entwicklung im Werk Marx'
4.2 Der Historische Materialismus
4.3 Übergänge zwischen den Entwicklungsstufen
4.4 Zustand der Entfremdung

5 Vergleich der geschichtsphilosophischen Konzeptionen
5.1 Zweck und Methode
5.2 Ziel der Geschichte
5.3 Begründung der angenommenen Entwicklungen
5.4 Triebkräfte der geschichtlichen Entwicklungen
5.5 Freiheit und Rolle des Individuums

6 Kritische Reflektion aus gegenwärtiger Perspektive
6.1 Plausibilität auf Basis der Entwicklungen im 20./21. Jahrhundert
6.2 Globalisierung als antizipierte Entwicklung
6.3 Gegenwärtige Bedeutung für die Geschichtsphilosophie

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Seit vielen Jahrhunderten schon beschäftigt die Menschen die Frage nach dem Verlauf der Geschichte. In der Philosophie hielt die Frage verstärkt Einzug seit der Aufklärung. Dabei geht es darum, die Gesetzmäßigkeiten im geschichtlichen Verlauf aufzuzeigen, sich mit dem Zweck der Geschichte auseinanderzusetzen und ein mögliches Endziel zu definieren. Zwei Vertreter dieser klassischen deutschen Geschichtsphilosophie waren Immanuel Kant (1724-1804) und Karl Marx (1818-1883). Ihre Werke beinhalten jeweils Überlegungen zur Geschichtsphilosophie, die eng mit ihrer jeweiligen Zeit verknüpft sind. Bei Kant ist ihr historischer Ort ein Zeitalter der Aufklärung, in dem sich seine als Essay verfassten Schriften an die bürgerliche Öffentlichkeit und Politik wandten, um praktische Reformen zur „Beförderung eines universalen Rechtszustands“ zu bewirken. Der Aufstieg der empirischen Geschichtswissenschaften stand erst noch bevor.1 Marx hingegen lebte rund hundert Jahre später im historischen Umfeld der gerade von England aus nach Kontinentaleuropa kommenden Industrialisierung, die durch neue Technologien die Produktionsweise veränderte und in der Folge soziale Fragen aufwarf. Wenngleich beide von der Idee einer Weltgeschichte mit fortschreitender Entwicklung ausgehen, so unterscheiden sich die Konzeptionen doch bereits wesentlich dadurch, dass Marx basierend auf empirischer Analyse einen Fokus auf die ökonomische Entwicklungsdimension legt, während bei Kant Fortschritt in einem zielgerichteten Prozess auf eine Entfaltung der menschlichen Vernunft zuläuft.

Der Autor möchte mit dieser Abschlussarbeit die wesentlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der geschichtsphilosophischen Konzeptionen von Kant und Marx herausarbeiten, sowie diese einer kritischen Reflektion aus gegenwärtiger Perspektive unterziehen. Er vertritt dabei die These, dass die auf den ersten Blick grundverschiedenen Geschichtsbilder zahlreiche verbindende Aspekte aufweisen, insbesondere hinsichtlich ihrer Gegenwartsdiagnose und Wirkungsmechanismen ausgehend von den individuellen Handlungen der Menschen. Zudem soll gezeigt werden, dass Kants Konzept durch seine im Gegensatz zu Marx bestehende Offenheit sich größere geschichtsphilosophische Relevanz bewahrt hat.

1.2 Aufbau

Zunächst erfolgt eine Einordnung beider Autoren innerhalb der Disziplin der Geschichtsphilosophie und ihrer wesentlichen Strömungen, bevor die Stellung der geschichtsphilosophischen Konzeptionen in Bezug zum jeweiligen Gesamtwerks herausgearbeitet wird, unter Berücksichtigung der im Werksverlauf zu beobachtenden Veränderungen der jeweiligen Theorien und Ansätze.

Darauf aufbauend werden grundlegende Bestandteile und Gedanken beider Konzeptionen expliziert, bevor wesentliche Gemeinsamkeiten und Differenzen bei einem Vergleich entlang relevanter Dimensionen näher beleuchtet werden. In der entsprechenden Kontrastierung entlang verbindender und trennender Elemente werden unterschiedlich gelagerte Schwerpunkte und Ausprägungen herausgestellt. Zu den betrachteten Dimensionen gehören der Zweck und die Methode der Konzeptionen mit einer Prüfung auf Art und Zwangsläufigkeit ihres Verlaufs, ebenso wie ihr Ziel, die für sie angeführten Begründungen, die Treiber der geschichtlichen Entwicklungen sowie die Rolle und Freiheit des Individuums darin. Dabei wird die Fragestellung thematisiert, inwiefern die herausgearbeitete Eigenlogik der Geschichte in Zusammenhang steht zu den Handlungen der Menschen und welche Implikationen sich für die Freiheit der Individuen daraus ergeben.

Eine daran anschließende kritische Reflektion prüft zunächst, welche geschichtlichen Entwicklungen seit der Veröffentlichung die Plausibilität der Konzeptionen von Marx und Kant stärken oder schwächen, insbesondere auch vor dem Hintergrund der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Dabei liegt ein Fokus auf der Globalisierung, welche beide als wesentliche zukünftige

Entwicklung antizipieren. Abschließend erfolgt eine kritische Analyse, in wie fern den jeweiligen Überlegungen aus heutiger Sicht Bedeutung für die Geschichtsphilosophie zugemessen werden kann, bevor ein Fazit gezogen wird.

2 Einordnung in die Geschichtsphilosophie

Im Alltag wird die Geschichte teilweise in Anlehnung an den Verlauf des Lebens als zyklisch wahrgenommen, teilweise in Anlehnung an den linearen Verlauf der Zeit als der Idee des Fortschritts folgend, oder als Kombination aus 2 beidem. Entsprechend handelt es sich bei der Geschichte nicht um ein feststehendes Faktum, sondern um etwas, das rückblickend konstruiert und je nach Perspektive unterschiedlich interpretiert wird, auch in Abhängigkeit von den jeweiligen Zukunftserwartungen. Daher gilt es im Begriff der Geschichte zu unterscheiden zwischen den tatsächlichen Geschehnissen der Vergangenheit und der Historie als ihrer kontinuitäts- und sinngebenden Darstellungsform, die somit zur Identitätsbildung beitragen und Orientierung für die Lebenspraxis bieten kann. Schließlich muss davon auch die Erforschung der Vergangenheit 3 unterschieden werden.

Kant und Marx beschäftigen sich nicht primär mit den formalen methodischen Aspekten der Geschichtsschreibung, sondern den materialen Aspekten der Geschichte, z.B. mit der Frage nach Sinn oder Fortschritt in der Geschichte, wobei die modernen Begriffe von Geschichte und Fortschritt selbst erst in der Zeit der Aufklärung geprägt wurden. Daher kann ihre Geschichtsphilosophie als solche im engeren Sinne bezeichnet werden, wozu insbesondere auch die Geschichtsphilosophie Hegels zählt. In Abgrenzung dazu stehen spätere geschichtsphilosophische Untersuchungen des Historismus und der Posthistoire ab dem 19. Jahrhundert, die zunehmend die formalen Voraussetzungen der Geschichtsschreibung ins Auge nehmen, um der Gefahr empirischer Unüberprüfbarkeit und eines totalitären Standpunkts zu begegnen.2

3 Geschichtsphilosophie im Werk Kants

3.1 Einordnung und Entwicklung im Werk Kants

Wenngleich die Geschichtsphilosophie keines der Hauptthemen im Werk Kants ist, insbesondere im Vergleich zur Ethik und Erkenntnistheorie, so ist er doch einer der prominentesten Vertreter der klassischen deutschen Geschichtsphilosophie der Aufklärung. Seine entsprechenden eher kleinen Schriften wurden teilweise in Zeitschriften publiziert mit Wendung an ein breites Publikum und sind mit praktischer Intention verfasst.3 Sie drehen sich um die Frage der Erkennbarkeit der Geschichte. Daher steht nicht die Deutung vergangener Geschehnisse im Fokus, sondern das Erlangen von Gewissheit für die Zukunft. Der erste und zentrale Text dabei ist die 1784 veröffentlichte „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“4 5, die er zurückhaltend als „Leitfaden“ klassifiziert und die formell aus systematisch aufeinanderfolgenden Lehrsätzen besteht, die jeweils erläutert und begründet werden. Darin begründet er philosophisch den Fortschritt der Menschheit und legt dessen Antriebskraft dar, wobei er die Ausführungen selbst als kosmopolitisch im Sinne eines Wissenschaftsbetreibens für jedermann betreffende Zwecke bezeichnet.

Im „Streit der Fakultäten“ (1798) ergänzt er später, wie man dieses Fortschreiten auf Basis realer Erfahrungen erkennen könne und verweist auf den erkennbaren moralischen Charakter der gewöhnlichen Menschen. In weiteren Schriften seines späten Werks rechtfertigt er zudem seine Fortschrittsannahme praktisch-moralisch. So widmet er sich im „Gemeinspruch“ (1793) dem Verhältnis von Theorie und Praxis bezogen auf Moral, Staatsrecht und Völkerrecht, wobei er die Urteilskraft als vermittelnde Kraft zwischen Theorie und Praxis betrachtet und herausstellt, dass aus Vernunftsgründen theoretisch gültiges auch praktisch gelte.6 7

In „Zum ewigen Frieden“8 (1795) nimmt er Friedensutopien auf und begründet die menschliche Pflicht, auf diese hinzuarbeiten. Weitere Überlegungen widmet er den Anfängen und Zielen der Geschichte, sowie der Aussicht, diese Ziele zu erreichen.9 10 Neben seinen explizit geschichtsphilosophischen Schriften führt Kant durch seine Vernunftskritiken weitergehende Fragestellungen ein, die eine Rekonstruktion einer Geschichte der Vernunft erlauben.

3.2 Geschichte als Fortschritt der Vernunft

Kant legt in der „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ sein geschichtsphilosophisches Konzept dar. Er nimmt an, dass die menschlichen Handlungen durch Naturgesetze bestimmt sind. Die Geschichte als ihre Erzählung setzt nicht beim einzelnen Menschen an, dessen Handlungen regellos erscheinen mögen, sondern versucht einen übergreifenden Zusammenhang einer langfristigen und stetigen Entwicklung der Menschheit zu erkennen, analog zu den dem menschlichen Willen unterworfenen Geburten und unbeständigen Witterungen in der Natur, die aber jeweils Teil eines 12 Ganzen sind, das beständigen Naturgesetzen unterworfen zu sein scheint. Wie einzelne Menschen, so verfolgen auch Völker ihre eigenen Absichten, wodurch sie zugleich aber die von ihnen unbemerkte Naturabsicht befördern, an der ihnen „wenig gelegen sein würde“. So ist die menschliche Geschichte nicht wie bei Tieren instinktgeleitet oder basierend auf ihren vernünftigen Handlungen entsprechend einer festen Gesetzmäßigkeit folgend, sondern erscheint chaotisch, bestehend aus „Torheit, kindischer Eitelkeit [...] und Zerstörungssucht“. Da Kant dementsprechend keine „eigene Absicht“ voraussetzen kann, entwickelt er einen Leitfaden basierend auf der Annahme einer verborgenen „Naturabsicht“ als ordnenden Plan der Geschichte.

Seine Überlegung geht von der Naturteleologie aus, derer gemäß die Naturanlagen jedes Geschöpfes dazu bestimmt sind, vollständig zur Entfaltung gebracht zu werden. Im Unterschied zu Tieren geht es dabei nicht nur um die Entwicklung körperlicher Organe, sondern um diejenigen Naturanlagen „in der Idee des Menschen“ zum Gebrauch der Vernunft. Diese entwickeln sich nicht im Individuum, sondern in der menschlichen Gattung, weil der Fortschritt kontinuierlich durch Übung erfolgt, für welche die Lebenszeit eines Menschen nicht ausreicht. Die entsprechende „Aufklärung“ wird aber über die Generationen weitergegeben. Kant wertet die Existenz der menschlichen Anlagen der Vernunft und Willensfreiheit als Zeichen, dass die Natur, welche nichts überflüssig tut, auch deren Entfaltung aus dem Menschen selbst heraus als sein eigenes Werk zum Verschaffen von „Glückseligkeit“ vorgesehen hat.11 12 Die anfänglich wenig entwickelte Anlage der Vernunft erfordert von ihm sich den langen und mühsamen Weg dorthin vorzuarbeiten, wobei er den Fortschritt als sein eigens erarbeitetes Verdienst erkennen kann, was ihn würdig für sein Wohlbefinden macht. Dabei profitieren die Generationen, welche diese Naturabsicht vorantreiben, letztlich nicht selbst davon. Die Naturanlagen greifen für ihre Entwicklung auf eine andere menschliche Anlage zurück, die der „ungeselligen Geselligkeit“, welche Kant als „Antagonism“ bezeichnet.13 Der Mensch neigt demgemäß zugleich zur Vergesellschaftung und zur Vereinzelung. Der daraus erwachsende Widerstand motiviert ihn zur Überwindung der Faulheit, getrieben von niederen Motiven der „Ehrsucht, Herrschsucht oder Habsucht“, um sich gesellschaftlichen Rang innerhalb aber doch gegen die anderen Menschen zu verschaffen. Dieser sukzessive Weg zur Kultur bedarf also der Ungeselligkeit.14 15 Zwar wünschte sich der Mensch „Eintracht“, doch seine „natürlichen Triebfedern“ drängen ihn zur mühsamen Entwicklung zwecks langfristigen Vorteils der Menschheit. Das langfristige Ziel dieser Entwicklung ist schließlich die „Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft“, also derjenigen Form des menschlichen Zusammenlebens, die die größte Freiheit für den Einzelnen ermöglicht, zugleich aber deren Grenzen so sichert, dass die Freiheit der anderen bestehen kann. Das Mittel hierzu ist eine „gerechte bürgerliche Verfassung“ durch die sich die Menschen selbst beschränken und disziplinieren, damit ihre natürlichen Neigungen die bestmögliche Wirkung entfalten können. Daraus erwächst die nicht völlig auflösbare Schwierigkeit, dass der Mensch aufgrund seiner tierischen Natur einerseits einen gerechten „Herrn“ braucht, der ihn zur Durchsetzung des gesellschaftlichen Willens gegen seinen eigenen Willen nötigt, andererseits dieser aber ein ebensolches Tier ist, „aus so krummem Holze“ gemacht, dass daraus „nichts ganz Gerades gezimmert werden“ kann. Daher ist letztlich nur eine Annäherung an die Idee möglich, welche viel Erfahrung und Vorbereitung über Generationen hinweg bedarf.16 Zum Erfolg einer solchen Verfassung bedarf es aber auch eines Verhältnisses der „Ruhe und Sicherheit“ zwischen den Staaten, da die Ungeselligkeit der Menschen übertragen auf ihre Staaten ebenfalls zu Handlungen verleitet, die den gleichen niederen Motiven folgen. So braucht es „traurige Erfahrung“ durch Kriege und Not bis sich die Staaten schließlich zu einem Völkerbund zusammenschließen, in dem analog zum einzelnen Staat, ein jeder seine Rechte durch Gesetze erwarten kann.17

Auf dem Weg dahin kommt es zu einer Abfolge letztlich nicht stabiler Zustände, deren Übel jene vor Anfang der Entwicklung übertreffen, bis schließlich im Zusammenspiel der bürgerlichen Verfassung und gemeinsamer Gesetze ein Gemeinwesen entsteht, das sich wie ein „Automat“ selbst erhalten kann. Wie auch innerhalb der Staaten ist dieser Zustand nicht „ohne alle Gefahr“, aber mit wechselseitigen Wirkungsprinzipien um den weltbürgerlichen Zustand abzusichern. Seiner gegenwärtigen Kultur diagnostiziert Kant bereits kultiviert und zivilisiert zu sein, allerdings ohne moralisiert zu sein. Dies aber sei zwingend notwendig, denn Gutes ohne die entsprechende Fundierung auf „moralisch-gute[r] Gesinnung“ ist „nichts als lauter Schein und schimmerndes Elend“. Kant folgert, dass die Menschheitsgeschichte als Fortschreiten eines natürlichen Plans angesehen werden kann, um eine vollkommene Staatsverfassung hervorzubringen, die ihr die Entfaltung ihrer Anlagen ermöglicht. Zugleich bestätigt historische Erfahrung diese Entwicklung zwar spärlich, da der Fortgang über sehr lange Zeit erfolgt, aber „zuverlässig genug“, um motivierend durch die sichere Erwartbarkeit zu wirken. Sichtbar ist, dass die bürgerlichen Freiheiten und die Kultur der Staaten bedingt durch ihr Gegeneinander nicht mehr ohne Machtverlust nachgelassen werden können und Kriege zunehmend weniger attraktiv für die Regierungen werden, wodurch es allmählich zur „Aufklärung“ kommt. Auch nimmt der Mensch „Herzensanteil“ am Guten, das er begreift, was sich durch „ein Gefühl in allen Gliedern“ ausdrückt. Eine philosophische Geschichtsschreibung auf dieser Basis hält Kant nicht nur für möglich, sondern auch für „beförderlich“ für ebenjene.

Die dargelegte Idee hilft als Leitfaden dabei, die planlos erscheinenden menschlichen Handlungen im Ganzen als System darzustellen, in dem die Staatsverfassungen sich verbessern, wenngleich dieser Fortschritt nicht gleichmäßig erfolgte, aber dadurch wuchs, dass „immer ein Keim der Aufklärung übrig blieb“. Die Funktion einer solchen Geschichtsschreibung ist dabei nicht beschränkt auf die Erklärung und politische Vorhersage, sondern ermöglicht eine tröstende Zukunftsaussicht. So ist nicht der Verweis auf ein Jenseits notwendig, um trotz der Verzweiflung an unmittelbar erfahrenem Chaos eine vernünftige Absicht festzustellen. Dabei soll der „Leitfaden a priori“ nicht die Empirie verdrängen, sondern ihr einen möglichen Standpunkt18 19 20 21 hinzufügen und die „Last von Geschichte“ für spätere Generationen fassbar 24 machen entlang des für die weltbürgerliche Absicht geleisteten.

3.3 Geschichtszeichen als Ausdruck der moralischen Anlage

Die bereits in der „Idee“ erwähnte moralische Anlage des Menschen expliziert Kant im zweiten Abschnitt des „Streit der Fakultäten“. Dort thematisiert er die Frage, ob das menschliche Geschlecht sich kontinuierlich zum Besseren weiterentwickelt. Diese Weissagung der „Sittengeschichte“ der Menschheit hält er für möglich, wenn der „Wahrsager“ selbst die verkündeten Begebenheiten herbeiführen kann. Für die erfahrbare Geschichte konstatiert er zunächst die verbreitete Wahrnehmung eines sittlichen Stillstands, der aus der gegenseitigen Neutralisierung der guten und bösen menschlichen Anlagen zu erwachsen scheint, gibt aber zu bedenken, dass diese Wahrnehmung durch den eigenen „Standpunkt“, der eben keine Einsicht in die Naturgesetze hat, bedingt sein könnte.22 23 24 25 So sucht er eine konkrete Erfahrung, die darauf hinweist, dass die Menschen Urheber eines Fortschritts zum Besseren seien. Dies kann kein konkreter Zusammenhang von Handlung und Wirkung sein, da dieser immer von der jeweiligen Zeit und ihren Umständen abhinge. Vielmehr muss die gesuchte Erfahrung unbestimmt von einem solchen konkreten Wirkungszusammenhang, über die jeweilige Zeit hinaus weisend und in Völkern statt nur im einzelnen26 Individuum sein. Sie ist also nicht selbst Ursache, sondern deutet als „Geschichtszeichen“ auf eine moralische „Tendenz 27 des menschlichen Geschlechts im Ganzen“ hin.

Ein solches Geschichtszeichen erkennt Kant in der „uneigennützige[n] Teilnehmung“ des Publikums an einer Partei bei historischen Ereignissen. Diese wird öffentlich, auch auf die Gefahr eines daraus erwachsenden persönlichen Nachteils hin. Dabei ist es unerheblich, ob das Ereignis gelingt oder die Zuschauer selbst gegeben der widrigen Umstände so handeln würden. Die Uneigennützigkeit zeigt die moralische humane Gesinnung der menschlichen Anlagen und ist selbst schon Teil des vorherzusagenden 28 Fortschritts. Als Beispiel verweist Kant auf die Französische Revolution, die affektiven Enthusiasmus in der öffentlichen Anteilnahme an ihren Geschehnissen hervorrief, sowohl was das Recht zur bürgerlichen Verfassungsgebung angeht, als auch den Zweck ihrer moralischen Güte durch seine Vermeidung des Kriegs. Wahrer Enthusiasmus ist dabei gemäß Kant nie käuflich oder „auf den Eigensinn gepfropft“, sondern nur auf die Moral 29 abzielend möglich. Wenn sich ein solches Zeichen der moralischen Evolution zeigt, kann der Fortschritt nicht mehr vollständig rückgängig gemacht werden, da eine einmal in der Form des Aufzeigens der Möglichkeit zum Besseren 30 sichtbar gewordene moralische Anlage des Menschen unvergesslich wird. Dies gilt unabhängig davon, ob sich der daraus vorhersagbare gesellschaftliche Fortschritt zum Besseren unmittelbar aus dem Ereignis heraus oder erst zu 31 einem späteren Zeitpunkt unter günstigeren Umständen realisiert. Ungeachtet dessen zeigt sich der Fortschritt empirisch in den immer zahlreicheren und besseren guten Taten der Menschen, welche sich schließlich auch auf das 32 äußere Verhältnis der Staaten untereinander erstrecken.

3.4 Rekonstruktion der Geschichte der Vernunft

In seinen Vernunftskritiken führt Kant weitergehende Fragestellungen ein, die eine Rekonstruktion einer Geschichte der Vernunft erlauben. Dabei bezieht er sowohl die politische Vernunft gesellschaftlicher Praxis, als auch die Logik und Mathematik mit ein, um zu prüfen, ob sich bei historischen Veränderungen die Form des Denkens wandelt, oder nur die Vernunft auf ein unterschiedliches 33 Erfahrungsmaterial Anwendung findet.

Er hält nur eine empirische Erkenntnis von Gegenständen für möglich, wobei der Verstand Sinneseindrücke zu Objekten verknüpft, sie also für die empirische Erkenntnis konstituiert. Folglich ist in jeder empirischen Tatsache immer die Vernunft als ihre Wirklichkeitsbedingung zugegen. Ein Gegensatz zwischen Vernunftwahrheiten und Tatsachenwahrheiten besteht nicht, da sie dem gleichen Gegenstandsbereich zugeordnet sind. Auch historische Fakten werden also durch die Vernunft hervorgebracht, ohne der Moral zu bedürfen.

Kant betrachtet die Natur nicht als selbsttätige Kraft, sondern sieht die Vernunft als ihr gesetzgebendes Prinzip an, durch welches sie sich uns erst als geordnetes Gefüge von Erscheinungen präsentiert. Diese Erscheinungen sind damit nicht ihrer Zeit nach zu bestimmen, ihre Form ergibt sich aus einem ewigen Gesetz der vernünftigen Synthese und somit nicht aus dem Erscheinenden selbst, sondern durch das betrachtende Subjekt. Die Wandlung des Bewusstseins des Subjekts weg von der Wahrnehmung einer aus sich heraus wirkenden Ordnung der Dinge, hin zur eigenen Rolle als gesetzgebendes Prinzip der (auch geschichtlichen) Ereignisse, legt nahe, dass die empirische Ordnung der Weltgeschichte eine geistige Entwicklungsgeschichte der Anschauungs- und Denkformen widerspiegelt.

Die Vernunft im menschlichen Geist zeichnet also eine Selbstbestimmung aus, die den Mechanismen der Natur unabhängig gegenübersteht. Diese Selbstbestimmung wirkt aber nicht willkürlich, sondern folgt notwendigen logischen Regeln. Die Freiheit des Menschen zur Wahl sittlicher Handlungen ist insofern beschränkt, da er selbst als Teil der Erscheinungen diesen notwendigen Regeln der Vernunft zu dieser Zeit unterworfen ist. Als frei gewählt können Handlungen daher nur insofern betrachtet werden, als sie nicht in den Erscheinungen zu finden sind und sich in diesen Erscheinungen nur als die durch Erfahrung ermittelte Eigenart des erschienenen Menschen als intelligibler Charakter darstellen, den dieser Mensch sich frei gegeben habe. Die Notwendigkeit der Erscheinungswelt steht somit der Freiheit der Welt intelligibler Handlungen gegenüber. Somit gibt es einen Widerspruch zwischen der menschlichen Freiheit und Abhängigkeit, der nur durch einen Fortschritt zur Freiheit aufgelöst werden kann. Da das Vernunftssubjekt außerhalb der Zeitverhältnisse steht, ist dieser Fortschritt nicht durch äußere Einflüsse bedroht, sondern durch die selbstverschuldete Unfreiheit, die Vernunft von der Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse abhängig zu machen. Durch die sittliche Reflexion kann diese Unfreiheit erkannt und überwunden werden. Die gesellschaftliche Entsprechung dafür ist das ethische Gemeinwesen als Ziel der historischen Entwicklung. Unklar bleibt bei dieser Überlegung Kants allerdings das Verhältnis des individuellen sittlichen Fortschritts zur empirisch beschreibbaren Geschichte.34

Somit erkennt Kant bei Natur und Sittlichkeit die gleiche Vernunft, die einmal im theoretischen und einmal im praktischen Gebrauch gesetzgebend ist. Diese Identität wiederum führt zu einem notwendigen Widerspruch zwischen den Gesetzen, einem Widerstreit der Vernunft mit sich selbst. Für die praktische Vernunft zeigt sich das in der Erfahrung, dass weder sittliche Gesinnung die Natur so ändern kann, dass diese Gesinnung zur Glückseligkeit führe, noch die Natur das Glück der Menschen mit moralischer Gesinnung garantiert. Für die theoretische Vernunft zeigt es sich in der Erfahrung des Widerstreits der Vernunft mit sich selbst, wenn sie über einen ganzen Gegenstandsbereich (z.B. das Weltganze) Aussagen treffen will. Aus der notwendigen dialektischen Auflösung dieser inneren Widersprüche der Vernunft geht sie nicht unverändert hervor. Daraus ergibt sich für die Geschichtsphilosophie sowohl die Einsicht der Geschichtlichkeit der Vernunft, als auch das Verhältnis einer Erkenntnis der Vernunft der Geschichte dazu. Auch die allgemeine Geschichte geht also voran im Austrag von Gegensätzen und ihrer dialektischen Auflösung. Für die praktische Vernunft ergibt sich ein Endzweck für die Moralität und somit das moralische Gemeinwesen als Ziel der Geschichte.35

4 Geschichtsphilosophie im Werk Marx'

4.1 Einordnung und Entwicklung im Werk Marx'

Marx' überlieferte Schriften zur Geschichtsphilosophie sind nur fragmentarisch und bilden keine in sich geschlossene Geschichtstheorie, wobei es sich um Texte aus unterschiedlichen Phasen seines Gesamtwerks handelt, die häufig in polemischer Abgrenzung formuliert sind. Er nimmt insofern eine ambivalente Stellung zur bisherigen Geschichtsphilosophie ein, als er in seiner Kritik an ihren fortschrittsgläubigen Konzeptionen seine Weiterführung mit einer radikalisierten historischen Perspektive begründet, die Mensch und Natur als etwas geschichtlich Gewordenes betrachtet und zugleich an der Idee einer Weltgeschichte festhält. Neben der Rückführung des Geschichtlichen auf seine materielle Basis hebt sich sein Ansatz ab durch eine Wendung des Motivs der geschichtlichen Vernunft in etwas praktisch zu realisierendes, was als rationale Geschichte in der Zukunft verortet wird, gegen die existierende Unvernunft einer entfremdeten Welt.36 37 38

Grundsätzlich können drei Ansätze zur Geschichte unterschieden werden. Zunächst der universale Sinnbezug in seinem frühen Werk, bei dem Marx von einer zielstrebigen menschlichen Entwicklung ausgeht, in der der von der kapitalistischen Produktionsweise entfremdete Mensch sein eigentliches Wesen im künftigen vollendeten Humanismus einer kommunistischen Gesellschaft wiedergewinnt. In seiner folgenden Kritik am Materialismus Feuerbachs wendet sich Marx dann selbst gegen derartige spekulative historische Teleologie, sofern sie über die zweckgerichtete Tätigkeit der Menschen hinausgeht, wodurch seine Geschichtsauffassung keine zielstrebige Planrealisierung mehr darstellt, sondern das kontingente Ergebnis von Synthesen.39 Sein zweiter Ansatz betrachtet den konkreten Vollzug der Geschichte als Folge des historischen Handelns der Menschen. Insbesondere in der „Deutschen Ideologie“40 (1845-1846) legt Marx den geschichtsphilosophischen Grundzug seines historischen Materialismus dar, welcher zugleich den Schwerpunkt seiner geschichtsphilosophischen Überlegungen bildet. Das menschliche Handeln ist demgemäß über Generationen hinweg empirisch in der Entwicklung ihrer Produktivkräfte zu beobachten, unter den jeweiligen natürlichen Bedingungen. Diese materielle Produktion ist die Grundlage für das menschliche Sein in einer Gesellschaft.41 Dabei haben die Individuen bestimmte Gattungsmerkmale gemeinsam, die durch ihre gesellschaftliche Lebensweise nicht an ihnen selbst, aber in der Form ihrer gesellschaftlichen Ordnung sichtbar sind.42 Die Annahme eines teleologischen Endzwecks der Geschichte kritisiert er als spekulative Verdrehung, die die spätere Geschichte zum Zweck der früheren macht. Dabei arbeitet er sich insbesondere an Hegels Idealismus ab, der Geschichte als zielgerichtete, dialektisch verlaufende Abfolge menschlicher Entwicklungsstufen begreift, bestimmt durch die freie Entfaltung des Geists als überindividuellem Subjekt der Weltgeschichte. Marx verfolgt das Ziel, diese idealistische Vorstellung einer „Philosophie, welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt“ auf die sinnliche Erfahrung, also die materiellen Lebensverhältnisse der Menschen zurückzuführen, wodurch „von der Erde zum Himmel gestiegen“ wird.43 Im Gegensatz zu Hegel setzt er daher keine Idee an den Anfang, die die Geschichte als Subjekt formt, sondern die Handlungen der Menschen in ihren materiellen Verhältnissen, welche selbst erst Ideen schaffen. Diese materiellen Verhältnisse beinhalten dabei sowohl die natürlichen Verhältnisse, als auch die selbst geschaffenen Arbeits- und Lebensbedingungen. Daher wendet er sich explizit der empirischen und erfahrungsbasierten statt einer spekulativen Betrachtung der Geschichte zu und geht entsprechend die vergangenen Gesellschaften bis in die Gegenwart durch, um Epochen-übergreifende Parallelen aufzuzeigen.44

[...]


1 Vgl. Christian Thies, „Kants Geschichtsphilosophie aus heutiger Sicht“, in: Kant: l’anthropologie et l’histoire, hg. v. Olivier Agard; Fran^oise Lartillot, Paris 2011, 40, 47.

2 Vgl. Rohbeck, Geschichtsphilosophie, 17-18.

3 Vgl. Rohbeck, Geschichtsphilosophie, 43.

4 Immanuel Kant, „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“, in: Immanuel Kant. Schriften zur Geschichtsphilosophie, hg. v. Manfred Riedel, Ditzingen: 1985.

5 Immanuel Kant, „Der Streit der Fakultäten. Zweiter Abschnitt. Der Streit der philosophischen Fakultät mit der juristischen. Erneuerte Frage: Ob das menschliche Geschlecht im beständigen Fortschreiten zum Besseren sei“, in: Immanuel Kant. Schriften zur Geschichtsphilosophie, hg. v. Manfred Riedel, Ditzingen: 1985.

6 Immanuel Kant, „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“, in: Immanuel Kant. Schriften zur Geschichtsphilosophie, hg. v. Manfred Riedel, Ditzingen: 1985.

7 Vgl. Kant, Gemeinspruch, 118, 121, 162.

8 Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden, Berlin 2011.

9 Vgl. Rohbeck, Geschichtsphilosophie, 44.

10 Vgl. Kant, Idee, 21.

11 Kant, Idee, 22.

12 Kant, Idee, 23-24.

13 Kant, Idee, 25.

14 Kant, Idee, 26.

15 Kant, Idee, 27-28.

16 Kant, Idee, 29.

17 Kant, Idee, 30.

18 Kant, Idee, 30.

19 Kant, Idee, 30.

20 Kant, Idee, 31-32.

21 Kant, Idee, 33.

22 Kant, Idee, 34-35.

23 Kant, Idee, 36-37.

24 Kant, Streit der Fakultäten, 187-188.

25 Kant, Streit der Fakultäten, 189.

26 Kant, Streit der Fakultäten, 187-188.

27 Kant, Streit der Fakultäten, 189.

28 Kant, Streit der Fakultäten, 190.

29 Kant, Streit der Fakultäten, 191.

30 Vgl. Kant, Streit der Fakultäten, 193.

31 Vgl. Kant, Streit der Fakultäten, 194.

32 Vgl. Kant, Streit der Fakultäten, 197-198.

33 Vgl. Richard Schäffler, Einführung in die Geschichtsphilosophie, Darmstadt 1980, 145-146.

34 Vgl. Schäffler, Einführung Geschichtsphilosophie, 151-154.

35 Vgl. Schäffler, Einführung Geschichtsphilosophie, 155-157.

36 Vgl. Helmut Fleischer, Marxismus und Geschichte, Frankfurt am Main 1970, 11.

37 Vgl. Johannes Rohbeck, Marx, Leipzig 2006, 83.

38 Vgl. Emil Angehrn, Geschichtsphilosophie, Stuttgart/Berlin/Köln 1991, 106-107.

39 Vgl. Fleischer, Marxismus und Geschichte, 15-16; 18-19.

40 Karl Marx; Friedrich Engels, MEGA. Marx/Engels. Gesamtausgabe. Erste Abteilung, Werke. Artikel. Entwürfe. Berlin/Boston 2017, 3-514.

41 Vgl. Fleischer, Marxismus und Geschichte, 22-24.

42 Vgl. Fleischer, Marxismus und Geschichte, 30.

43 Marx; Engels, MEGA, 135.

44 Vgl. Angehrn, Geschichtsphilosophie, 108-110.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Eine vergleichende Betrachtung der Geschichtsphilosophie bei Kant und Marx
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
54
Katalognummer
V1157732
ISBN (Buch)
9783346553621
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, betrachtung, geschichtsphilosophie, kant, marx
Arbeit zitieren
Alexander Görke (Autor:in), 2021, Eine vergleichende Betrachtung der Geschichtsphilosophie bei Kant und Marx, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1157732

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