Pflegefamilien als Chance für korrigierende Bindungserfahrungen


Praktikumsbericht / -arbeit, 2019

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzeption des Pflegekinderdienstes in Ahlen
2.1 Organisationsform
2.2 Aufgaben
2.2.1 Auswahl und Vorbereitung von Pflegepersonen
2.2.2 Vermittlung von Pflegekindern
2.2.3 Begleitung und Beratung der Pflegepersonen und des Pflegekindes
2.3 Ziel
2.4 Personalsituation und Finanzierung
2.5 Gesetzliche Grundlage
2.6 Tätigkeiten während des Praktikums

3. Pflegekinderwesen
3.1 Kindeswohlgefährdung als Vorerfahrung eines Pflegekindes
3.2 Gründe für die Vollzeitpflege
3.3 Formen der Vollzeitpflege
3.3.1 Dauerpflege
3.3.2 Bereitschaftspflege
3.3.3 Verwandtenpflege
3.3.4 Sonderform
3.4 Rolle der Bindung im Pflegekinderwesen

4. Bindungstheorie (Bowlby und Ainsworth)
4.1 Definition von Bindung und Bindungsentwicklung
4.2 Feinfühligkeit
4.3 Innere Arbeitsmodelle - Bindungsrepräsentation
4.4 Transgenerationale Weitergabe

5. Motivation und Ziele der Pflegeeltern

6. Bindungsentwicklung in der Pflegefamilie
6.1 Integrationstheorie (Nienstedt und Westermann)
6.1.1 Erste Phase — Pseudobindung
6.1.2 Zweite Phase — Reinszenierung der Traumata
6.1.3 Dritte Phase — Regression
6.2 Einflussfaktoren auf Seiten des Pflegekindes
6.3 Einflussfaktoren auf Seiten der Pflegeeltern

7. Fazit

1. Einleitung

Als Studentin der Technischen Universität Dortmund und des Bachelor-Studienganges Erziehungswissenschaft mit dem Wahlpflichtfach Soziale Arbeit ist im fünften Studiensemester ein 20-wöchiges Praktikum vorgesehen, welches ich vom 01.10.2018 bis zum 15.03.2019 im Jugendamt der Stadt Ahlen absolvierte.

Um mein Lernspektrum groß zu halten, habe ich mich für die Bereiche Allgemeiner Sozialer Dienst, Pflegekinderdienst sowie Jugendgerichtshilfe beworben. Ich habe eine intensive, anspruchsvolle und abwechslungsreiche Arbeit im Ahlener Jugendamt in der Gruppe 5.1 „Kinder, Jugendliche und Familien“ erwartet.

Das Praktikum habe ich genutzt, um unterschiedliche Arbeitsfelder, Institutionen und Arbeitsweisen der Sozialen Arbeit kennenzulernen, da das Jugendamt ein großes soziales Netzwerk hat und mit unterschiedlichen Einrichtungen, Trägern und Professionen zusammenarbeitet, aber auch selbst vielfältige Arbeitsbereiche bietet.

Aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen im pädagogischen Bereich, die ich in einer heilpädagogischen Wohngruppe und in einem Kinderhaus, welches zum größten Teil von sozialbenachteiligten und von Armut betroffenen Kindern besucht wird, habe ich mich bewusst dazu entschieden, den bürokratischen Bereich hinter der pädagogischen Praxis kennenzulernen. Wie die Themen in unterschiedlichen Seminaren aus den Modulen 3, 4 und 5 aus dem Wahlpflichtfach Soziale Arbeit war es mein Interesse, wie Sozialarbeiter in der Realität mit herausfordernden Lebenssituationen umgehen und welche Schwierigkeiten entstehen, wenn man unter Gesetzesgrundlagen handelt. Wie in dem Seminar „Einführung Lebensalter, Lebenslagen und soziale Probleme“ (Modul 3) vorgeführt, war ich gespannt auf unterschiedliche Familien mit multiplen Schwierigkeiten im Alltag und inwiefern das Jugendamt eine Unterstützung darstellt und worauf die Sozialarbeiter bei der Fallbearbeitung achten, da hinter den vielen Entscheidungen ein großer Verwaltungsakt und gleichzeitig pädagogisches Wissen steckt und schnell ein Fehler unterlaufen kann, wie ich im Seminar „Recht in der Sozialen Arbeit“ (Modul 5) gelernt habe.

Vor allem die Tätigkeit im Pflegekinderdienst hat mich fasziniert. So werde ich im Folgenden auf das Thema „Entwicklung in einer Pflegefamilie als Chance für korrigierende Bindungserfahrungen“ eingehen.

Der erste Teil des Praktikumsberichts widmet sich der Konzeption des Pflegekinderdienstes in Ahlen. Darauf aufbauend werden im zweiten Teil einige wichtige Aspekte des Pflegekinderwesens, wie z.B. Kindeswohlgefährdung als Vorerfahrung, Gründe und Formen 1 der Vollzeitpflege sowie die Rolle der Bindung im Pflegekinderwesen, erläutert. Basis der Überlegungen sind die Ansätze der Bindungstheorie von Bowlby und Ainsworth. Das vierte Kapitel widmet sich der terminologischen Klärung, hier werden u.a. die Begriffe „Bindung“ und „Feinfühligkeit“ definiert. Auf die von Bowlby aufgestellten vier Phasen der Bindungsentwicklung wird im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen, da sich für die Bindungsentwicklung in der Pflegefamilie die Integrationstheorie von Monika Nienstedt und Arnim Westermann besser eignet. Die Integrationstheorie wird nach den Zielen und der Motivation der Pflegeeltern dargestellt.

2. Konzeption des Pflegekinderdienstes in Ahlen

Ahlen ist eine Kleinstadt am äußeren Rand des Ruhrgebietes und eine ehemalige Zechenstadt. Hierdurch ist die Stadt durch Multikulturalität geprägt. Dies erfordert auf einem eher kleinen Raum dennoch vielfältige Angebote der Jugendhilfe (vgl. Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen, S. 3).

Hier gewinnt auch der Pflegekinderdienst eine große Wichtigkeit. Im Mittelpunkt der Tätigkeit steht das (Pflege-)Kind, das aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr zuhause leben kann. Hieraus entsteht die Aufgabe für diese Kinder eine passende Pflegefamilie zu finden, wobei auf die Bedürfnisse des Kindes großen Wert gelegt wird. Hierbei sind die Pflegeeltern in der Regel engagiert und verständnisvoll, weshalb sie sehr wertgeschätzt respektiert werden, andererseits wird auch die Herkunftsfamilie mit Akzeptanz und Wertschätzung begegnet. Dies ist sehr wichtig für einen gelingenden und guten Prozess (vgl. Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen, S. 3).

2.1 Organisationsform

Der Pflegekinderdienst Ahlen ist eines von vielen Verwaltungsbereichen im Jugendamt der Stadt Ahlen und gehört damit zu dem Träger der öffentlichen Jugendhilfe.

2.2 Aufgaben

Der Auftrag für den Pflegekinderdienst beginnt, wenn es angedacht ist, ein Kind nach § 33 SGB VIII in eine Pflegefamilie zu vermitteln.

2.2.1 Auswahl und Vorbereitung von Pflegepersonen

„Kernaufgabe des Pflegekinderdienstes ist es, Personen zu gewinnen, die die Bereitschaft haben, ihre Privatsphäre zu öffnen und diesen Rahmen für die Erziehung von Kindern, die nicht ihre eigenen sind, zur Verfügung zu stellen. Dadurch wird eine Pflegefamilie zu einer ,öffentlichen Familie‘ “ (Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen, S. 6). Das Jugendamt hat die gesetzliche Aufgabe nach § 37 Abs. 3 SGB VIII an Ort und Stelle zu überprüfen, ob die Pflegepersonen eine förderliche Erziehung gewährleisten.

Die Pflegeelternbewerber werden vom Jugendamt für diese Aufgabe umfassend vorbereitet. In der Vorbereitungszeit werden diese angeregt, „intensiv mit der Entscheidung, ein Kind aufzunehmen, [auseinandergesetzt]“ (Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen, S. 6f.). Die theoretische Vorbereitung geschieht in einer Gruppenschulung mit 6 Modulen (jeweils 4 Stunden), in denen beispielsweise Themen wie Bindung und Trauma thematisiert werden. Hierbei ist es wichtig, die Erwartungen und Wünsche, aber auch die Ängste der potenziellen Pflegepersonen zu erfahren (vgl. ebd., S. 7).

2.2.2 Vermittlung von Pflegekindern

Wenn die Entscheidung getroffen wird, dass ein Kind zukünftig in einer Pflegefamilie leben soll, fängt die Vermittlung an. Hierfür muss ein Antrag des Personensorgeberechtigten nach § 27 ff. SGB VIII „Hilfe zur Erziehung“ gestellt sein oder ein Sorgerechtsentzug gem. § 1666 BGB zu Grunde liegen (vgl. Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen, S. 7).

2.2.2.1 Profil des Kindes

Als erstes wird ein Profil des Kindes erstellt, in dem Informationen zu der bisherigen Lebensgeschichte des Kindes zusammengefasst sind. Außerdem werden hier Gründe der Trennung von der Herkunftsfamilie beschrieben, sowie Persönlichkeitsmerkmale des Kindes, aber auch über den gesundheitlichen Zustand sowie über Diagnosen Kenntnis geben. Weiterhin soll das Profil Angaben über das Herkunftssystem, die Vorerfahrungen mit der Jugendhilfe und den aktuellen familiengerichtlichen Stand beinhalten. Anhand des Profils wird der individuelle Entwicklungsstand des Kindes oder Jugendlichen eingeschätzt und sein Förderbedarf ermittelt (vgl. Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen, S. 7).

2.2.2.2 Suche nach passenden Pflegepersonen

Nach der Ermittlung des Bedarfes startet die eigentliche Suche nach Pflegepersonen anhand des erstellten Profils. Zuerst wird im eigenen Pflegeelternpool gesucht, danach auf der Ebene des regionalen Arbeitskreises und bei freien Trägern nach passenden Pflegepersonen angefragt. Unter den favorisierten Bewerbern wird eine Auswahl getroffen, welche Pflegeperson am ehesten geeignet scheinen (vgl. Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen, S. 7).

2.2.2.3 Informationsgespräch mit geeigneten Pflegeeltern

Haben die Sozialarbeiter aus dem Pflegekinderdienst geeignete Pflegepersonen ausgewählt, kommt es zu den ersten Kennenlerngesprächen in unterschiedlichen Zusammensetzungen. Diese werden zuerst ohne Herkunftseltern über die möglichen weiteren Schritte sprechen, und wenn sich die Pflegepersonen dazu entscheiden, das Kind aufzunehmen, lernen sie die leiblichen Eltern kennen (vgl. Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen, S. 7f.).

2.2.2.4 Kennenlernen mit Kind

Stehen alle Beteiligten positiv gegenüber der Fortführung der Vermittlungsprozesse, dürfen die Pflegepersonen und das Kind sich kennenlernen. „Der Rahmen und die Bedingungen werden dem Kind entsprechend festgelegt“ (Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen, S. 8). Hiernach wird ebenfalls über die Fortsetzung entschieden.

2.2.2.5 Anbahnungsprozess

Wenn auch das Kind positiv gegenüber den Pflegepersonen steht, fängt die eigentliche Anbahnung an. Diese ist kein standardisiertes Verfahren und wird individuell gestaltet. Ziel ist es, beiden Seiten, dem Kind und den Pflegepersonen, ein hohes Maß an Sicherheit zu geben. Die Orte und Häufigkeit der Treffen sind am Kind ausgerichtet und werden mit zunehmender Zeit intensiviert. Das Kind lässt nach unbestimmter Zeit persönliche Gegenstände im neuen Zimmer bei den Pflegeeltern und übernachtet hiernach zum ersten Mal dort. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, zieht das Kind zu den Pflegeeltern (vgl. Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen, S. 8).

Die Anbahnung kann von jeder Seite abgebrochen werden, jedoch sollte diese Entscheidung mit Blick auf das Kind und dessen Erwartungen und Hoffnungen frühestmöglich getroffen werden (vgl. Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen, S. 8).

2.2.3 Begleitung und Beratung der Pflegepersonen und des Pflegekindes

Eine weitere wichtige Aufgabe des Pflegekinderdienstes ist es, die Pflegefamilien nach der Vermittlung des Kindes zu begleiten und Beratungen anzubieten. Jede Pflegefamilie hat neben dem zuständigen Sozialarbeiter des Pflegekinderdienstes auch eine/n zuständige/n Berater/in eines freien Trägers, der/die jederzeit kontaktiert werden kann. Nun werden die theoretischen Grundlagen aus der Schulung Wirklichkeit, daher brauchen diese Familien vor allem in der Anfangszeit nach der Unterbringung intensive Beratungsgespräche. Jede einzelne Phase hat seine Besonderheit, bei denen die Fachkräfte den Pflegeeltern unterstützend und verlässlich zur Seite stehen. Traumatisch bedingte Erfahrungen können unerklärliche Verhaltensweisen bei den Kindern auslösen, über die die Pflegeeltern mit den Beratern sprechen und Erklärungen bekommen können. Außerdem werden für Pflegeeltern Fortbildungsangebote zu relevanten Themen zur Verfügung gestellt (vgl. Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen, S. 9f.).

In der Hilfeplanung gem. § 36 SGB VIII, welche mindestens ein Mal jährlich durchgeführt wird, wird die Hilfe überprüft, dokumentiert und neue Ziele formuliert (vgl. ebd., S. 10).

Auch sind die Fachkräfte aus dem Pflegekinderdienst die Ansprechpartner für die leiblichen Eltern. Die Organisation der Besuchskontakte (Häufigkeit, Ort, Dauer) ist wichtig, um dem Kind eine psychisch gesunde Entwicklung zu ermöglichen und die Belastung möglichst gering zu halten (vgl. ebd., S. 10).

Weitere Aufgabengebiete des Pflegekinderdienstes sind der Kinderschutz, Familiengerichtliche Angelegenheiten, Namensänderung und die Beendigung eines Pflegeverhältnisses (vgl. Konzeption des Pflegekinderdienstes der Stadt Ahlen., S. 10).

2.3 Ziel

Aus den oben genannten Aufgabenbereichen des Pflegekinderdienstes lassen sich die Ziele ableiten, die das Gelingen des Pflegeverhältnisses und die Integration in die Pflegefamilie ermöglichen. Ein zentrales Ziel ist, dass das Kind sich gesund in der neuen Familie entwickelt und sein weiterer Lebenslauf gesichert ist. Hieraus ergibt sich, dass die Eignung der Pflegepersonen dem Kindeswohl entsprechend festgestellt werden muss, aber auch kontinuierlich beratend begleitet werden müssen. Des Weiteren ist die Entwicklung einer tragfähigen Bindung zwischen dem Kind oder Jugendlichen und den Pflegepersonen ein wichtiges Ziel für die Integration des Pflegekindes in die Pflegefamilie und für die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit (vgl. ebd., S. 3ff.).

2.4 Personalsituation und Finanzierung

Der Pflegekinderdienst in Ahlen hat als ein Fachbereich im Jugendamt zum Zeitpunkt des Praktikums drei Diplom-Sozialarbeiter/Sozialpädagogen in Vollzeit angestellt, welche regelmäßig an Fortbildungen und Supervisionen teilnehmen. Jeder Sozialarbeiter sollte pro Arbeitsstunde für jeweils ein Pflegeverhältnis fallzuständig sein. Das bedeutet, dass eine Vollzeitkraft mit einer 39-Stunden-Woche 39 Pflegeverhältnisse begleiten sollte, jedoch wird diese Fallzahlgrenze überschritten.

Die Finanzierung der Pflegeeltern erfolgt im Rahmen der Behörde für Jugend, Soziales und Integration der Stadt Ahlen.

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Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Pflegefamilien als Chance für korrigierende Bindungserfahrungen
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
27
Katalognummer
V1157885
ISBN (eBook)
9783346553577
ISBN (Buch)
9783346553584
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pflegekinder, Pflegekinderwesen, Bindung, Vollzeitpflege, Jugendamt, Bindungsentwicklung in Pflegefamilien, Motivation und Ziele der Pflegefamilien, Bowlby, Ainsworth, Rolle der Bindung im Pflegekinderwesen
Arbeit zitieren
Nazile Karagöz (Autor:in), 2019, Pflegefamilien als Chance für korrigierende Bindungserfahrungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1157885

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