Unangepasste Jugendkulturen im Nationalsozialismus – ein Großstadphänomen?


Hausarbeit, 2008
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung der Arbeitshypothese

3. Jugendkulturen im Nationalsozialismus
3.1 Unangepasste Jugendkulturen in Großstädten: Edelweißpiraten und Swingjugend
3.2 Unangepasste Jugendkulturen in Kleinstädten und ländlichen Gebieten: Die christliche Jugend

4. Jugendkulturen als Großstadtphänomen

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Das Thema der vorliegenden Arbeit entwickelte sich erst aus der Sichtung der Sekundärliteratur zu Jugendkulturen im Nationalsozialismus und der Recherche im Staats- und Personen-standsarchiv in Detmold zu eben diesen in Lippe.

Nachdem der Versuch gescheitert war Hinweise auf unangepasste Jugend-kulturen[1] in Lippe im Dritten Reich zu finden und die Sekundärliteratur sich in diesem Kontext größtenteils mit deren Existenz in Großstädten[2] auseinandersetzte, kam ich zu dem Schluss, dass es sich möglicherweise generell um ein Phänomen in Großstädten gehandelt haben könnte.

Im Folgenden soll deshalb zunächst geklärt werden, ob diese These haltbar ist und wenn ja, welche Gruppen resistent gegen eine Gleichschaltung der Jugend waren und ihren Aktionsraum in Großstädten hatten. In diesem Zusammenhang soll auch kurz dargestellt werden, wie sich die Nonkonformität äußerte und ob es auch juvenile Strömungen gab, die sich unabhängig vom Raum oder nur in Kleinstädten entwickelten.

Während der gesamten Analyse liegt der Fokus sowohl auf verschiedenen Großstädten, als auch exemplarisch auf den Kleinstädten im heutigen Kreis Lippe. Durch diese vergleichende Perspektive steht zum Schluss die Frage im Zentrum, warum sich gerade in Großstädten derartige Jugendcliquen bildeten.

2. Entwicklung der Arbeitshypothese

In der Sekundärliteratur ließen sich keine Hinweise darauf finden, dass es unangepasste Jugendkulturen in Lippe gegeben hat. Dies mag vielleicht damit zusammenhängen, dass dieser Themenkomplex noch nicht untersucht worden ist. Weitet man jedoch den Blick auf die Literatur über resistente Jugendliche im gesamten Reichsgebiet aus, lassen sich ähnliche Ergebnisse feststellen. Auch die Quellen geben nicht mehr Aufschluss: Zwar konnten bei der Recherche im Staats- und Personenstandsarchiv in Detmold im Bestand L113 „NSDAP und NS-Organisationen in Lippe“, der mir für diese Untersuchung von den hiesigen Fachkräften empfohlen wurde, vereinzelt Belege für regimekritisches Verhalten gefunden werden.[3] In Bezug auf nonkonforme Jugendliche war die Nachforschung jedoch ergebnislos. Auch das am 19.01.1939 erteilte Swingverbot[4] ist als Quelle wenig brauchbar, da es ohne Angabe von Gründen erteilt wurde. Somit kann, zumindest anhand dieses Bestands, nicht nachgewiesen werden, dass es in Lippe während des Nationalsozialismus resistente Jugendliche gegeben hat.

Rollt man die Fragestellung von der anderen Seite auf, indem man nicht nach unangepassten Jugendkulturen in Kleinstädten und ländlich geprägten Gebieten sucht, sondern danach fragt, ob es sich bei deren Entstehung um ein Großstadtphänomen handelt, lassen sich verschiedene Indizien finden, die diese These stützen.

I. Die Führerinformation Nr. 114 vom 21.08.1942 des Reichsministers der Justiz berichtet von oppositionellen Jugendlichen in Großstädten. Es handelt sich sicherlich um sogenannte Swing-Jugendliche, da von einer „Nachahmung englisch-amerikanischer Manieren“[5] berichtet wird. Dass es nicht das erste Mal war, dass diese Jugendlichen in Erscheinung traten und dass der Aktionsraum die Großstadt war, wird im einleitenden Satz deutlich: „In einer früheren Meldung habe ich auf die bedenklichen Erscheinungen bei Teilen der deutschen Jungend in einigen Großstädten hingewiesen“[6]. Im Folgenden werden die Städte Hamburg, Erfurt, Wien und Krefeld genannt, in denen es zu „organisierten Überfällen auf Angehörige der Hitler-Jugend“[7] durch oppositionelle Jugendliche gekommen sein soll.
II. Hans-Christian Brandenburg merkt in seiner Geschichte der Hitler-Jugend (HJ) sehr lapidar an: „Ihre Hauptverbreitungsgebiete waren das sächsische und rheinisch-westfälische Industrierevier und die Großstädte Berlin, Leipzig, Hamburg und Frankfurt am Main. In Kleinstädten und ländlichen Gebieten traten sie verständlicherweise nicht auf.“[8]. Warum es jedoch so verständlich ist, dass der Autor es nicht für nötig erachtetete dies näher zu erläutern, wird nicht deutlich. Die Frage nach dem „Warum?“ soll im späteren Verlauf noch einmal aufgegriffen werden.
III. Karl-Heinz Jahnke führt in der Monographie „Jugend im Widerstand 1933-1945“[9] 567 Hitlergegner im Alter bis zu dreißig Jahren auf, die zwischen Februar 1933 und Mai 1945 ermordet wurden. Bei der Analyse der Herkunft ergab sich, dass 441 Personen dieser Liste, das entspricht 77,7 %, aus Großstädten kamen. Dieses Ergebnis ist für die vorliegende Untersuchung jedoch lediglich als Tendenz zu werten. Es muss berücksichtigt werden, dass sich die bei Jahnke aufgelisteten Personen überwiegend aus dem linken politischen Widerstand, dem Partisanenkampf außerhalb des Deutschen Reiches und nur zum geringen Teil aus dem nonkonformen Jugendmilieu rekrutierten. Außerdem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass eine Bezugsgröße von 567 Regimegegnern zu gering und somit nicht repräsentativ ist, um genaue Aussagen in Fragen zur gesamtdeutschen Jugend zu machen.

Somit lässt sich abschließend festhalten, dass aufgrund der zuvor genannten Indizien die Arbeitshypothese vom Großstadtphänomen unangepasster Jugendkulturen bestätigt werden kann. Wilfried Breyvogel setzt die Wechselwirkung zwischen Großstadt und Jugendlichen sogar in einen größeren Kontext und sieht eine Kontinuität von der Wandervogelbewegung über die Edelweißpiraten, Swingjugendlichen und Halbstarken der Fünfziger Jahre bis hin zu den Punks, Skins und Hausbesetzern der Achtziger Jahre.[10]

Dabei muss jedoch zwischen den einzelnen Jugendgruppen in Hinblick auf ihr Verhalten, ihrer Motivation und der Ausprägung des Protests differenziert werden.

[...]


[1] Untersuchungsobjekt sind resistente/nonkonforme/unangepasste Jugendgruppen, die sich vom Nationalsozialismus nicht gleichschalten lassen wollten, sondern versuchten ihren individuellen Lebensraum zu verteidigen. Dazu zählen keine politisch motivierten Widerstandsgruppen wie die „Weiße Rose“ oder Widerstandsgruppen kommunistischer Verbände. Vgl. hierzu Peukert, Detlef, Die Edelweißpiraten. Protestbewegungen jugendlicher Arbeiter im Dritten Reich. Eine Dokumentation, Köln 1980, S. 236 und Hellfeld, Matthias von, Bündischer Mythos und bündische Opposition. Zu einer Neubewertung der bündischen Tradition und ihrer kulturellen Praxis, in: Breyvogel, Wilfried [Hg.], Piraten, Swings und Junge Garde. Jugendwiderstand im Nationalsozialismus, Bonn 1991, S. 100 f.

[2] Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern.

[3] Vgl. beispielsweise Staats- und Personenstandtsarchiv Detmold, Bestand L 113, Nr. 362,

363, 373, 781, 789, 818, 1057, 1058.

[4] Staats- und Personenstandtsarchiv Detmold, Bestand L 113, Nr. 856.

[5] Zitiert nach: Jahnke, Karl Heinz, Jugend unter der NS-Diktatur 1933-1945. Eine Dokumentation, Rostock 2003, S. 431.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Brandenburg, Hans-Christian, Die Geschichte der HJ. Wege und Irrwege einer Generation, Köln 1968, S. 210.

[9] Jahnke, Karl Heinz, Jugend im Widerstand 1933-1945, Frankfurt am Main 1985, S. 209-236.

[10] Breyvogel, Wilfried, Die Stadt als Forum des Jugendprotestes. Zur verborgenen Beziehung von Stadterfahrung und Subjektivität, in: Deutscher Werkbund e.V. [Hg.], Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert, Darmstadt 1986, S. 92.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Unangepasste Jugendkulturen im Nationalsozialismus – ein Großstadphänomen?
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V115828
ISBN (eBook)
9783640173945
ISBN (Buch)
9783640174195
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unangepasste, Jugendkulturen, Nationalsozialismus, Großstadphänomen, Lippe, Widerstand, Großstadt
Arbeit zitieren
Daniel Hitzing (Autor), 2008, Unangepasste Jugendkulturen im Nationalsozialismus – ein Großstadphänomen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115828

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