Das Thema der vorliegenden Arbeit entwickelte sich erst aus der Sichtung der
Sekundärliteratur zu Jugendkulturen im Nationalsozialismus und der
Recherche im Staats- und Personen-standsarchiv in Detmold zu eben diesen in
Lippe.
Nachdem der Versuch gescheitert war Hinweise auf unangepasste Jugendkulturen1
in Lippe im Dritten Reich zu finden und die Sekundärliteratur sich in
diesem Kontext größtenteils mit deren Existenz in Großstädten2
auseinandersetzte, kam ich zu dem Schluss, dass es sich möglicherweise
generell um ein Phänomen in Großstädten gehandelt haben könnte.
Im Folgenden soll deshalb zunächst geklärt werden, ob diese These haltbar ist
und wenn ja, welche Gruppen resistent gegen eine Gleichschaltung der Jugend
waren und ihren Aktionsraum in Großstädten hatten. In diesem Zusammenhang
soll auch kurz dargestellt werden, wie sich die Nonkonformität äußerte und ob
es auch juvenile Strömungen gab, die sich unabhängig vom Raum oder nur in
Kleinstädten entwickelten.
Während der gesamten Analyse liegt der Fokus sowohl auf verschiedenen
Großstädten, als auch exemplarisch auf den Kleinstädten im heutigen Kreis
Lippe. Durch diese vergleichende Perspektive steht zum Schluss die Frage im
Zentrum, warum sich gerade in Großstädten derartige Jugendcliquen bildeten.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklung der Arbeitshypothese
3. Jugendkulturen im Nationalsozialismus
3.1 Unangepasste Jugendkulturen in Großstädten: Edelweißpiraten und Swingjugend
3.2 Unangepasste Jugendkulturen in Kleinstädten und ländlichen Gebieten: Die christliche Jugend
4. Jugendkulturen als Großstadtphänomen
5. Fazit
6. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die These, ob unangepasste Jugendkulturen während des Nationalsozialismus primär ein Phänomen der Großstädte darstellten, indem sie großstädtische Widerstandsbewegungen mit der Situation in kleinstädtisch geprägten Gebieten wie dem Kreis Lippe vergleicht.
- Analyse der Verbreitung nonkonformer Jugendgruppen im „Dritten Reich“.
- Gegenüberstellung von großstädtischen Gruppierungen (z.B. Swingjugend, Edelweißpiraten) und kleinstädtischer Jugendpraxis.
- Untersuchung soziologischer Faktoren der Großstadt (Anonymität, kulturelle Vielfalt) als Bedingung für Jugendprotest.
- Kritische Reflexion der Datenlage und Quellenlage zur Jugendforschung.
- Beurteilung des Einflusses des sozialen Umfelds auf die Entstehung von Subkulturen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Unangepasste Jugendkulturen in Großstädten: Edelweißpiraten und Swingjugend
Bei den Edelweißpiraten und der Swingjugend handelt es sich um zwei juvenile Strömungen, die ausschließlich in den deutschen Großstädten entstanden.
Die Edelweißpiraten hatten ihren Aktionsraum überwiegend im Rhein-Ruhr-Gebiet, besonders in den Städten Köln, Düsseldorf, Essen, Duisburg, Wuppertal, Krefeld und Oberhausen, doch auch Berichte von Frankfurter Edelweißpiraten sind überliefert. Ihre Unangepasstheit zeichnete sich dadurch aus, dass sie sich weigerten der Hitler-Jugend beizutreten und sich durch ihre Kleidung von anderen Jugendlichen unterschieden. So trugen einige der Mitglieder weiße Strümpfe, Lederhosen, bunte Hemden, Halstüchern und führten oftmals ein aufgesticktes Edelweiß an ihrer Kleidung. In den Fokus der Reichsjugendführung und der nationalsozialistischen Verfolgungsinstanzen, wie der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), dem Sicherheitsdienst und auch dem Streifendienst der Hitlerjugend, rückten sie durch die Weiterführung der bündischen Fahrtenkultur, dem Singen bündischer Lieder und dadurch, dass an ihren Aktivitäten sowohl Jungen, als auch Mädchen beteiligt waren. Später kam es auch zu gezielten Angriffen auf den HJ-Streifendienst und zum Singen regimekritischer Lieder.
Als Hauptstadt der deutschen Swingjugend kann Hamburg gesehen werden. Doch darüber hinaus verbreitete sich das internationale Phänomen auch in anderen Großstädten, wie Hannover, Kiel, Berlin, Dresden, Saarbrücken, Frankfurt und Wien. Wie die Edelweißpiraten zeichneten sich auch die Swing-Jugendlichen durch typische Charakteristika aus. Hier waren besonders die langen Haare, sowohl bei Jungen, als auch bei Mädchen, und die Kleidung auffällig. Sich an der englischen Mode orientierend, trugen die männlichen Mitglieder dieser sozialen Gruppe, vorwiegend Sakko, Schal und Hut. Auch der Regenschirm war ein typisches Accessoire. Sie selbst bezeichneten sich als Swing-Boy, Swing-Girl, Old-hot-Boy, Swingpuppe oder Jazzkatze. Des Weiteren ist überliefert, dass manche sich untereinander englische Spitznamen wie Bobby, Monty, Teddy, Conny oder Daisy gaben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit begründet die Themenwahl aus der Sekundärliteratur und stellt die Forschungsfrage, ob unangepasste Jugendkulturen in der NS-Zeit ein spezifisches Großstadtphänomen waren.
2. Entwicklung der Arbeitshypothese: Durch eine Quellenrecherche im Archiv wird dargelegt, dass in Lippe keine Anzeichen für resistente Jugendgruppen existieren, was die These vom Großstadtphänomen stützt.
3. Jugendkulturen im Nationalsozialismus: Dieses Kapitel beschreibt Merkmale und Aktionsräume von Edelweißpiraten und Swingjugend in Großstädten sowie die Situation der kirchlichen Jugendarbeit im ländlichen Raum.
4. Jugendkulturen als Großstadtphänomen: Es wird soziologisch analysiert, warum die Großstadt durch Faktoren wie Anonymität und kulturellen Austausch die Bildung von Subkulturen begünstigt hat.
5. Fazit: Die Arbeit bestätigt, dass nonkonforme Jugendgruppen primär in Großstädten auftraten, da hier die sozialen Bedingungen für ein Abweichen vom NS-System günstiger waren als in Kleinstädten.
6. Literatur: Auflistung der verwendeten Quellen, Quellensammlungen und der wissenschaftlichen Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Jugendkulturen, Edelweißpiraten, Swingjugend, Großstadtphänomen, Widerstand, Jugendprotest, Nonkonformität, HJ, Anonymität, Lippe, Sozialisation, Jugendbewegung, NS-Diktatur, Subkultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Existenz und die räumliche Verteilung von unangepassten Jugendkulturen während der NS-Zeit unter besonderer Berücksichtigung der Unterschiede zwischen Großstädten und ländlichen Räumen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die jugendlichen Widerstandsformen der Edelweißpiraten und der Swingjugend sowie die soziologische Einordnung des städtischen Lebensraums.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Die Autorin oder der Autor möchte klären, ob es sich bei der Entstehung nonkonformer Jugendcliquen im Nationalsozialismus um ein spezifisches Phänomen handelt, das an großstädtische Bedingungen gebunden ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine vergleichende Analyse auf Basis von Sekundärliteratur und einer lokalen Archivrecherche im Staats- und Personenstandsarchiv in Detmold durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung der Gruppen, eine Analyse der ländlichen Situation anhand von Beispielen wie dem CVJM Wüsten und eine soziologische Deutung mittels Theorien von Georg Simmel.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind neben der geografischen Differenzierung vor allem „Nonkonformität“, „Anonymität“, „Eskapismus“ und die spezifischen Gruppennamen der Jugendcliquen.
Warum konnte für die Region Lippe kein vergleichbarer Widerstand nachgewiesen werden?
Die Recherche ergab, dass Jugendliche in Kleinstädten stärker unter Beobachtung standen, was die Entstehung von Gruppen erschwerte, und dass die HJ hier abweichendes Verhalten oft informell korrigierte.
Welche Rolle spielt die Anonymität in der Argumentation des Autors?
Die Anonymität der Großstadt wird als Voraussetzung identifiziert, die es dem Individuum ermöglichte, sich aus dem Zugriff von NS-Organisationen zu entziehen und Gleichgesinnte zu finden.
- Quote paper
- Daniel Hitzing (Author), 2008, Unangepasste Jugendkulturen im Nationalsozialismus – ein Großstadphänomen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115828