Die Hausarbeit hat das Zusammenleben der Juden und Christen im Westgotenreich von Toledo zum Untersuchungsgegenstand mit dem Ziel, einen alternativen Zugang zu den historischen Quellen vorzuschlagen. Dabei soll jedoch explizit nicht die antijüdische Haltung insgesamt in Frage gestellt, sondern vielmehr die Komplexität der Beziehungen zwischen Juden und Christen in der Spätantike ausgearbeitet werden, indem die als zu eng und zu einseitig anmutende Perspektive der Konfrontation kritisch diskutiert wird.
Die Beziehungen zwischen Juden und Christen werden seit jeher, insbesondere in der Geschichtswissenschaft, als eine Geschichte der christlichen Judenfeindschaft beschrieben und als Antijudaismus bzw. Antisemitismus charakterisiert.
Doch wenn das Zusammenleben zwischen Juden und Christen einzig auf einem von Feindschaft und Konfrontation geprägten Verhältnis basierte, wie hat der Historiker demzufolge mit Quellen umzugehen, die sich zunächst eher als ein Beleg für die Feindseligkeit zwischen Juden und Christen zu eignen scheinen, die aber gleichzeitig und implizit ein zumindest zeitweiliges friedliches Zusammenleben der beiden Gruppen suggerieren? Welche Schlüsse lassen sich aus jenen Situationen ziehen, in denen Christen die Juden ignorierten und Juden von den Christen keine besondere Notiz nahmen, obwohl sie nebeneinander lebten? Welche Assoziationen liegen nahe, wenn antijüdische Gesetze über Jahrzehnte hinweg immer wieder ergänzt, bestätigt und herausgegeben werden (müssen)?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Einführung
1.2 Motivierung der Fragestellung
2 Die Zwangstaufe der Juden unter König Sisebut (612-621)
2.1 Die Problematik der Apostasie
2.2 Der Versuch der „Korrektur der getauften Juden im christlichen Glauben“
3 Die Verpflichtungserklärungen von Toledo aus den Jahren 637 und 654
3.1 Das placitum unter König Chintila (637)
3.2 Das placitum unter König Reccesvinth (654)
4 Der Epistula Severi
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Zusammenleben von Juden und Christen im spätantiken Westgotenreich von Toledo, um einseitige Perspektiven der reinen Konfrontation kritisch zu hinterfragen und alternative, implizite Hinweise auf eine friedliche Koexistenz oder Faszination aufzuzeigen.
- Analyse der Zwangstaufen unter König Sisebut und deren Folgen
- Untersuchung der Verpflichtungserklärungen (placita) von Toledo (637 und 654)
- Interpretation des Epistula Severi bezüglich der jüdisch-christlichen Beziehungen
- Kritische Auseinandersetzung mit der These eines durchgehenden Antisemitismus
- Methodische Erweiterung des Forschungsansatzes durch das Konzept der Convivencia
Auszug aus dem Buch
3.1 Das placitum unter König Chintila (637)
Ermöglicht uns die Betrachtung des historischen Kontextes zwischen 614/615 und 633 ein tieferes Verständnis für die antijüdischen Gesetze des 4. Konzils von Toledo (633), beschäftigt sich die Arbeit im nächsten Schritt mit zwei Quellen, die als placitum 637 und placitum 654 bekannt sind. Der auf den 1. Dezember 637 datierten Verpflichtungserklärung waren offenbar Verfehlungen vorausgegangen, von denen die Unterzeichnenden jetzt offenbar Abstand zu nehmen bereit sind. Indem das placitum eine erzwungene Selbstverpflichtung der „abgefallenen“ Judenchristen zur Rückkehr zum christlichen Glauben darstellt und als Versuch zu deuten ist, die Problematik der Apostasie zu lösen, lässt sich die Urkunde als unmittelbare Fortsetzung vom 59.Kanon des 4. Konzil von Toledo verstehen. Dies zeigt, dass die Bestimmungen desselbigen offensichtlich wirkungslos geblieben sind. Die zwangsgetauften Juden machten sich noch immer der Apostasie schuldig, sodass sie nun verkünden, dem Judentum endgültig abzuschwören.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsdebatte zur jüdisch-christlichen Feindschaft ein und begründet das Ziel der Arbeit, die Komplexität dieser Beziehungen jenseits einer einseitigen Konfrontationsperspektive zu beleuchten.
2 Die Zwangstaufe der Juden unter König Sisebut (612-621): Dieses Kapitel analysiert die zwangsweisen Taufen und die daraus resultierende Problematik der Apostasie sowie die Versuche der Kirche, die Betroffenen durch spezifische Bestimmungen im christlichen Glauben zu festigen.
3 Die Verpflichtungserklärungen von Toledo aus den Jahren 637 und 654: Es wird untersucht, wie die schriftlichen Selbstverpflichtungen der getauften Juden dazu dienten, deren Rückkehr zum Judentum zu unterbinden, und welche Rückschlüsse dies auf die tatsächliche Durchsetzbarkeit der staatlichen Maßnahmen zulässt.
4 Der Epistula Severi: Das Kapitel widmet sich dem Bericht des Bischofs Severus über die Ereignisse auf Minorca und diskutiert das Spannungsfeld zwischen der dargestellten Konfrontation und den Hinweisen auf eine vorausgegangene friedliche Koexistenz.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die antijüdische Politik im Westgotenreich weniger durch einen universalen Antisemitismus als durch religiös-politischen Übereifer motiviert war und mahnt eine stärkere wissenschaftliche Beachtung der friedlichen Interaktionsformen an.
Schlüsselwörter
Westgotenreich, Toledo, Judentum, Christentum, Zwangstaufe, Apostasie, placitum, Epistula Severi, Antisemitismus, Koexistenz, Faszination, Konfrontation, Spätantike, Convivencia, Gesetzgebung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Zusammenleben von Juden und Christen im Westgotenreich von Toledo zwischen dem fünften und siebten Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen der Zwangstaufen unter König Sisebut, die rechtlichen Verpflichtungserklärungen (placita) von 637 und 654 sowie die Analyse des Epistula Severi.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, wie das Beziehungsverhältnis zwischen Juden und Christen historisch zu bewerten ist, wenn man über die einseitige Perspektive der reinen Konfrontation hinausgeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine hermeneutische Analyse von Quellenmaterial angewandt, bei der Texte, die primär von Konflikten berichten, "gegen den Strich" auf implizite Hinweise friedlicher Koexistenz gelesen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Gesetze zur Zwangstaufe, die Reaktionen der betroffenen Juden in Form von Verpflichtungserklärungen und das Fallbeispiel der Bekehrung der Juden auf Minorca.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Westgotenreich, Zwangstaufe, Apostasie, placitum, Epistula Severi, Koexistenz und Convivencia.
Inwiefern hinterfragt die Autorin die Rolle des Antisemitismus?
Sie argumentiert, dass die antijüdische Gesetzgebung nicht allein als Ausfluss eines inhärenten Antisemitismus zu verstehen ist, sondern als Ausdruck komplexerer theologischer Ängste und politischer Machtansprüche.
Warum spielt der Begriff "Faszination" eine so große Rolle für die Argumentation?
Der Begriff dient dazu, die Anziehungskraft jüdischer Riten und Traditionen auf Christen zu beschreiben, die teilweise so stark war, dass sie trotz staatlicher Sanktionen an jüdischen Bräuchen teilnahmen.
- Arbeit zitieren
- Bela Selzer (Autor:in), 2021, Judentum und Christentum im Westgotenreich von Toledo. Ein Zusammenleben zwischen Konfrontation und Faszination, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1158454