Zur Bedeutung von Rausch und Ekstase im kulturellen Vergleich – unter besonderer Berücksichtigung von kompulsivem Drogengebrauch in westlichen Gesellschaften


Diplomarbeit, 2008

102 Seiten, Note: 1,9


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Überblick über den Aufbau der Arbeit

2. Einleitung
2.1 Persönlicher Zugang zum Thema dieser Arbeit
2.2 Inhaltliche Einführung
2.2.1 Historische Annäherung an Rausch und Ekstase in Europa
2.3 Gesetzliche, gesellschaftliche und wissenschaftliche Ausgangslage
2.3.1 Qualitative Studien der Drogenforschung
2.4 Der Begriff „Sucht“
2.4.1 „Sucht“ und „Rausch“
2.4.2 Gebrauch und Missbrauch
2.4.3 Trias der Suchtursachen

3. Rausch und Ekstase im kulturellen Vergleich
3.1 Definition von Rausch
3.2 Definition Ekstase
3.3 Phänomenologie von Rausch und Ekstase
3.4 Biologische Aspekte von Rausch und Ekstase
3.5 Rausch und Ekstase als anthropologische „Konstante“
3.5.1 Bedeutungen und Funktionen der Ekstase
3.5.2 Bedeutungen und Funktionen des Drogengebrauchs
Zusammenfassung :

4. Rausch und Ekstase - Ihre Bedeutung für die Suchtprävention
4.1 Erziehung zur Drogenmündigkeit
4.1.2 Drogenmündigkeit und Vorschläge zur methodischen Umsetzung
4.2 Risflecting – Entwicklung von Rausch- und Risikokompetenzen
4.2.1 Das Projekt - „Barmixworkshop“
4.2.2 Das Projekt - „Visionensuche“

5. Resümee

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

1. Überblick über den Aufbau der Arbeit

Die inhaltliche Einführung gibt einen Einblick in die wesentlichen Grundthematiken dieser Arbeit. Rausch, Ekstase und Drogenkonsum sind universelle Phänomene, die einem natürlichen Grundbedürfnis entsprechen. Gesellschaftliche Konventionen prägen und bestimmen die Bewertung jener Verhaltensweisen, weshalb ein kultureller Vergleich im Verlauf der Arbeit vorgenommen wird. Besondere Berücksichtigung erhält der Aspekt dass der Umgang mit Drogen im Verlauf der Sozialisation erlernt werden muss, weshalb dieser eine typische Entwicklungsaufgabe von Jugendlichen sein kann, die in der Suchtprävention berücksichtigt werden muss. Das Erleben von Rausch und Ekstase als veränderte Bewusstseinszustände ohne Drogeninduktion, wird als mögliches Äquivalent zum Drogenkonsum betrachtet (Kapitel 2.2)

Anhand einer kurzen Einführung in die Kulturgeschichte von Rausch und Ekstase, soll aufgezeigt werden werden, dass die Bewertung, Funktion und Bedeutung ihrer Zustände einen Wandel erfahren hat und unserer gegenwärtigen Gesellschaft einer „eher“ ekstase- und rauschfeindliches Verhältnis besitzt (Kapitel 2.2.1).

Der vorherrschende gesellschaftliche, gesetzliche und wissenschaftliche Blickwinkel auf den Themenkomplex der Drogen wird skizziert. Der Fokus liegt auf der Verbreitung des Drogenkonsums unter Jugendlichen und jungen Heranwachsenden (Kapitel 2.3). Es folgt der gegenwärtigen Stand der qualitativen Drogenforschung, der mit der Entdeckung des kontrollierenden Drogenkonsum zu einer veränderten Sichtweise von „Sucht“ und Drogen führte (Kapitel 2.3.1), um im Anschluss den Begriff der „Sucht“ als soziales-interaktives Konstrukt darzustellen, der nicht eindeutig definierbar ist und eher als dynamischer, offener Prozess verstanden werden sollte (Kapitel 2.4). Der Rausch wird gegenüber den Begriff der „Sucht“ abgegrenzt, damit das vorherrschende negative Bild des Rausches relativiert wird und um aufzuzeigen das im Rausch auch positive Elemente enthalten sind, die praktische Konsequenzen für die Suchtprävention besitzen (Kapitel 2.4.1). Abstufungen des Drogengebrauch werden anhand der Unterscheidung von Missbrauch und Gebrauch vorgenommen für ein differenziertes Bild des Drogenkonsums, dass es ermöglicht den entscheidenden Umschlagpunkt zur „Sucht“ aufzuzeigen (Kapitel 2.4.2). Einen Überblick über das multikausale Zusammenspiel der Faktoren die Einfluss auf die Entstehung der „Sucht“ besitzen können, bietet der Trias der Suchtursachen (Kapitel 2.4.3).

Hauptthema in Kapitel drei beschäftigt sich mit Rausch, Ekstase und Drogenkonsum im kulturellen Vergleich. Zuerst wird eine Definition der Begriffe Rausch (Kapitel 3.1) und Ekstase (Kapitel 3.2) vorgenommen. Es folgt eine phänomenologische Perspektive, welche ein tiefgründiges, wissenschaftliches Verständnis von Rausch und Ekstase als veränderte Wachbewusstseinszustände ermöglichen soll (Kapitel 3.3). Die biologischen Aspekte jener Phänomene zeigt die neurologischen Zusammenhänge auf, die es ermöglichen Rausch und Ekstase ohne eine Drogeninduktion zu erleben. Hier befindet ein Überblick über die speziellen Techniken die veränderte Wachbewusstseinszustände erzeugen (Kapitel 3.4). Der Begriff der anthropologischen Konstante soll verstanden werden ein als Oberbegriff für das Streben das alltägliche Bewusstsein zu verändern, unabhängig von einer Drogeninduktion. Die anthropologische Konstante soll jenes Streben als ein natürlichen Grundbedürfnis des Menschen verständlich machen (Kapitel 3.5). Im Anschluss werden die Funktion und Bedeutungen von Ekstase (Kapitel 3.5.1) und Drogenkonsums im kulturellen Vergleich dargestellt. Die hohe Variabilität des Funktionsbereichs der Drogen, erzeugen ein differiertes Bild des Konsums das im hohen Maße einer kulturellen Prägung obliegt. Hier ergeben sich Orientiertungspunkte für die konzeptionelle Arbeit der Suchtrpävention (Kapitel 3.5.2).

Kapitel vier zieht ein Fazit aus dem kulturellen Vergleich und integriert aufbauend auf den Ergebnissen von Kapitel zwei, jene in Suchtprävention ein. Mit dem Konzept Erziehung zur Drogenmündigkeit werden Kriterien dargestellt die es ermöglichen sollen, zu einen selbständigen, verantwortungsvollen, unschädlichen und reflektierte Umgang mit Drogen zu gelangen, der vor „Sucht“ und Missbrauch schützen kann (Kapitel 4.1). Im Anschluss folgen eigene Überlegungen zur methodischen Umsetzung (Kapitel 4.1.2). Risfelcting als ein Handlungsmodell in der Jugendarbeit und Suchtprävention strebt eine Förderung einer Rausch-und Risikokompentenz an, um das Verhalten in außeralltäglichen, riskanten Situation zu optimieren (Kapitel 4.2). Im Sinne des Konzeptes Risflecting wird ein Projekt vorgestellt, welches als Ziel eine reflektierte Haltung zum Alkoholkonsum bei Jugendlichen anstrebt (Kapitel 4.2.1). Das Projekt „Visionensuche“ integriert Techniken zur Bewusstseinsveränderung in die Suchtprävention und bietet somit im geschützten Rahmen ein Äquivalent zu Drogenkonsum an (Kapitel 4.2.2).

In Kapitel fünf befindet sich das Resümee (Kapitel 5), gefolgt von einen Anhang dem Abbildungen zu entnehmen sind (Kapitel 6). Den Abschluss der Arbeit bildet das Verzeichnis der Literaturnachweise (Kapitel 7).

2. Einleitung

2.1 Persönlicher Zugang zum Thema dieser Arbeit

Über ein Praktikum bei der Fachstelle für Suchtprävention im Landkreis Darmstadt-Dieburg, kam ich zu einer Honorarstelle, um in dem Bereich der Suchtprävention zu arbeiten. Seitdem beschäftige ich mich mit dem Themenkomplex der Drogen. Das Projekt „Joint Tonic- und was tankst du?“ führe ich eigenverantwortlich durch und wurde von der Fachstelle Suchtprävention speziell dafür ausgebildet. Unser Team beschäftigt sich mit Jugendlichen, die bereits erste Erfahrungen mit Drogen gesammelt haben. Hierbei akzeptieren wir die Tatsache, dass der Konsum von illegalen Drogen zu einem festen Bestandteil ihrer Lebenskultur gehört. Der grundlegende Gedanke ist, dass innerhalb der Sozialisation jeder Jugendliche für den Umgang mit psychoaktiven Substanzen seine eigene Haltung und Antworten finden muss. Der gesellschaftliche Rahmen, innerhalb dessen die Sozialisation stattfindet, bedingt die sozio-kulturelle Bewertung der Drogeneinnahme und damit auch die Wertung der damit verbundenen Zustände des Rausches.

Der Umstand, dass das kulturelle System darüber entscheidet, welche Substanzen als Droge oder als Genussmittel bezeichnet werden, bewog mich, die Funktionen des Drogengebrauchs im kulturellen Vergleich zu diskutieren. Für diesen ethnologischen Blickwinkel interessiere ich mich zusätzlich, da ich lernte, dass die Wirklichkeit nach Watzlawick als eine „kulturell-konstruierte“ aufzufassen ist. Je nach kultureller Prägung, werden ein- und demselben Phänomen unterschiedliche Bedeutungsinhalte zugeordnet. Somit besitzen die Bedeutungsmuster, die wir in unserer Gesellschaft ausgebildet haben, keine allgemeingültige Aussagekraft. Um meinen eigenen ethnozentrischen Horizont zu erweitern, beschäftige ich mich schon seit länger Zeit mit anderen Kulturen und ihren besonderen Systemen der „Seinsdeutung“ der Welt.

Zur Thematik der Ekstase kam ich, indem ich ein Buch der Kulturanthropologin Goodman gelesen habe. Sie führt darin auf, dass es ein universelles Bedürfnis aller Menschen gibt, vorübergehend das alltägliche Bewusstsein zu verändern. Dies könne nach Goodman durch die Drogeneinnahme geschehen aber auch über Techniken, die es ermöglichen, ekstatische Zustände zuerreichen. In dem Erlangen von ekstatischen Zuständen sieht sie ein Äquivalent zum Drogengebrauch. Sie attestiert der westlichen Welt ein ekstase-feindliches Verhältnis, welches dazu führe, dass die Menschen in ihrem Grundbedürfnis der zeitweiligen Grenzüberschreitung blockiert werden und es damit zu schädlichen Auswirkungen psychosomatischer Art kommen könne. Deshalb beschäftigt sich die Arbeit nicht nur mit der Drogeninduktion als Weg der Grenzüberschreitung, sondern auch mit der Thematik der Ekstase.

2.2 Inhaltliche Einführung

Drogenkonsum und Rausch stellen Phänomene dar, die auf allen fünf Kontinenten der Erde angetroffen werden können und so alt wie die Menschheit selbst sind. Ihre Bedeutungen, Funktionen und Bewertungen unterliegen kulturellen und gesellschaftlichen Konvention und ebenfalls auch dem Wandel der Zeit. Waren Drogenkonsum und Rausch zu früheren Zeiten noch eingebunden in religiöse Riten und Zeremonien und boten daher Regeln und Richtlinien die vor Missbrauch und „Sucht“ schützten, so stellt sich der Rausch und der Drogenkonsum heute als eine „individualisierte“ und „privatisierte“ Handlung dar, der eine weite Verbreitung in unserer Gesellschaft erfährt. Die alten Schutzmechanismen sind heute nicht mehr gegeben, aufgrund des Bedeutungswandels die Rausch und der Drogenkonsum erfahren haben. Es obliegt nun am Menschen selbst eigenständig autonome Regeln für seinen Drogenkonsum zu finden. Jener Prozess der als typischen Entwicklungsaufgabe westlich zivilisierte Menschen gilt, gestaltet sich als höchst anspruchsvoller Prozess, der mannigfaltigen Einflüssen des kulturellen System unterliegt. Aus diesem Grund beschäftigt sich die Arbeit mit einem kulturellen Vergleich der es ermöglicht einen erweiterten Blickwinkel auf das Phänomen der Drogeneinnahme zuwerfen und zusätzlich aufzeigen kann dass es ein universelles Bedürfnis der Menschen gibt, vorübergehend das Bewusstseins zu verändern. Erzeugt werden können veränderte Bewusstseinszustände über die Einnahme von Drogen oder über die Verwendung spezieller Techniken, die zum größten Teil im Schamanismus ihren Ursprung haben um ekstatische Zustände zureichen. Hierin begründet liegt ein Grund weshalb sich die Arbeit mit dem Phänomen der Ekstase beschäftigt. Es wird der Frage nachgegangen werden, ob ekstatische Techniken Handlungsalternativen zum Drogenkonsum darstellen können, die es im geschützten pädagogischen Rahmen ermöglichen können dem Bedürfnis nach verändernden Bewusstseinszuständen entsprechen zu können. Ein weiterer Grund für die Beschäftigung mit dem Phänomen der Ekstase ist darin begründet, da auch sie einem fundamentalem Bedürfnis des Menschen entspricht, vorübergehend die Grenzen der Wirklichkeit und des Alltags zu überschreiten. Kann diesem Bedürfnis in unserer Gesellschaft nachgegangen werden? Welche Bedeutungen und Funktionen werden und wurden der Ekstase zu geordnet? Die selben Fragen stellen sich ebenfalls für die Motive von Menschen Drogen einzunehmen. Welche Bedeutungen und Funktionen sind dem Konsum von Drogen beizumessen? Welchen Einfluss hat das kulturelles System innerhalb dessen die Drogeneinnahme statt findet? Weshalb bilden Menschen Formen der „Sucht“ aus, während andere Menschen es gelernt haben einen genuss-orientierten, risikoarmen und sozial-integrierten Drogengebrauch zu praktizieren? Können aus jener kontrollierten Umgangsform mit Drogen, Strategien abgeleitet werden, die für die Suchtprävention Bedeutung erwerben können, um Prozesse zu initiieren die vor „Sucht“ und Missbrauch von Drogen schützen? Kann die Annahme erstellt werden das westliche Länder ein ekstase-und rauschfeindliches kulturelles System darstellen? Wenn dem so ist, welche Auswirkungen und Konsequenzen folgen daraus für die Menschen und sowohl auch für die Sozialpädagogik?

Bevor es um die Erörterung dieser essentiellen Fragen im Verlauf der Arbeit geht, ist es zunächst noch einige wichtige Anmerkungen vorzunehmen. Der Begriff der westlichen Länder, soll stellvertretend für den Begriff des Westens stehen. Der Begriff des Westen steht heute für das, was früher das christliche Abendland war, im Kern Europa, Nordamerika, Neuseeland und Australien. Der Begriff ist nicht allein auf Territorien, nicht auf Ethnien oder regionale Landschaften bezogen. „Westen“ steht heute für eine relative und spezifische „Seinsdeutung“, für eine besondere Art die Welt zu sehen und für ein vergleichbares Wertefundament (vgl. Fabio 2005 : 2 – 3). Aus diesem Grund findet ein kultureller Vergleich in Hinblick auf die unterschiedlichen Funktionen des Drogengebrauchs statt, jedoch beschränkt sich die Arbeit für den Bereich des Drogenmissbrauchs und dessen Auswirkungen sowie die daraus resultierenden Anforderungen an die Sozialpädagogik auf die Bundesrepublik Deutschland. Ebenfalls fällt der kulturelle Vergleich der Ekstase etwas kleiner zugunsten eines größeren Vergleichs des Drogenkonsums. Jene Eingrenzungen mussten vorgenommen werden, um den Rahmen der Arbeit nicht überzubelasten. Maßgeblich wird sich die Arbeit mit der Thematik beschäftigen, die Aufgabe der Suchtprävention fokussierend, Prozesse zu fördern die vor „Sucht“ und Missbrauch schützen können.

Um einen Einstieg in die gewählte Thematik zu ermöglichen folgt nun eine skizzierte Darstellung des Bedeutungswandels von Rausch und Ekstase innerhalb Europas.

2.2.1 Historische Annäherung an Rausch und Ekstase in Europa

Historisch und interkulturell betrachtet haben „Rausch und Ekstase“ gemeinsam, dass „sie universelle Phänomene“ sind, die in allen Kulturen und von jedem Menschen gesucht, gefürchtet und ersehnt wurden und werden. Rausch und Ekstase sind Zustände, die es ermöglichen, auf Gruppen stabilisierende Wirkungen auszuüben, da Rausch und Ekstase früher meist in kollektiven Zusammenhängen stattgefunden haben. Darüber hinaus besaßen sie die Funktion, eingebettet in religiösen Zeremonien, ein Erleben der Nähe Gottes zu ermöglichen. Zu früheren Zeiten dienten Rausch und Ekstase als legitime Mittel zur Erkenntnis von Wahrheit. Der Weg der Erkenntnis existierte gleichwertig zu vernunftbetonten Erkenntnisweisen. Dies veränderte sich im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Politische, wirtschaftliche, kirchliche und wissenschaftliche Prozesse trugen dazu bei, die Welt zu entzaubern und etablierten die innerweltliche Rationalität als die einzige wahre Weltauffassung. Die theologisch bestimmten Konzeptionen von einer universalen Heilsordnung wurden abgelöst von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die alle Phänomene durch Messverfahren und der vergleichenden Beobachtung konstruierte. Damit wurde nicht mehr die Erkenntnis der Ganzheit der Erde angestrebt, sondern das Funktionieren ihrer einzelne Teile in den Vordergrund gestellt. So entfiel die Ekstase als Erfahrung von Subjekt-Objekt-Verschmelzung[1] als Weg der Erkenntnis, da die Ekstase nach den nun herrschenden wissenschaftlichen Diskursen nicht als falsifizierbar gilt (vgl. Legnaro 1996 : 40ff.).

Der Rausch galt im Mittelalter noch als selbstverständlicher Bewusstseinszustand, der kaum negativen Sanktionen unterlegen war. Die Einstellungen zur Trunkenheit waren von Ungezwungenheit geprägt und unterlagen geringeren Affektkontrollen als heute. Diese ist darauf zurückzuführen, dass Affektverhalten und die Persönlichkeit der Menschen im Mittelalter noch nicht in dem Maße, wie wir es heute kennen, individualisiert waren. Diese geringe Affektkontrolle bewirkte somit auch eine niedrigere Kontrolle des Rausches (vgl. Ladewig 2002 : 14 – 15).

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, seit dem Entstehen der modernen Gesellschaft, unterliegt der Rausch der ´Tabuisierung`. Das sich ausbildende bürgerliche Ideal des nüchtern-autonomen und rational-abwägenden Menschen stellt den Rausch in Frage (vgl. Sting/Blum 2003 : 32).

So wurde der Rausch nach Legnaro als

„die misslungene Beherrschung einer als rational konzipierten Welt verstanden: als Störung in nerweltlichen Berufsmenschentums in einer nüchterner werdenden Zeit[...]) (Legnaro 2000 : 12).

Wer ab diesem Zeitpunkt die Kontrolle über den Rausch verloren hat, musste mit sozialer Ächtung, Prestigeverlust und negativen Sanktionen rechnen. Der Rausch erfuhr dadurch einerseits eine eindeutige Ablehnung, anderseits bekam er eine neue Bedeutung hinsichtlich des Wunsches nach gelegentlicher psychischer Entlastung, nach Affektlösung, nach Abenteuer und nach vom Alltagsdruck befreiten Ausnahmesituationen. Beschränkt werden musste er jedoch auf bestimmte Anlässe und Lokalitäten. Wer darüber hinaus durch seine Berauschung auffiel, wurde für „krank“, „willensschwach“ oder einfach für „unmöglich“ erklärt. Diese Neubewertung des Rausch besteht im wesentlichen auch heute noch. Zur Grundausstattung eines westlich sozialisierten Menschen gehört deshalb die Fähigkeit zu unterscheiden, in welchen Bereichen, zu welchen Zeiten und in welchem Ausmaß die Berauschung statt finden darf (vgl. Strieder 2003 : 53).

Zur heutigen Bedeutung und Wertung der Zustände von Rausch und Ekstase äußert sich Schneider folgendermaßen: Er attestiert der westlichen Gesellschaft ein feindliches Verhältnis zu den irrationalen Zuständen des Erfahrens durch Rausch und Ekstase. Er erklärt weiter, dass die dominante Alltagswirklichkeit der westlichen Industriegesellschaften im „Prinzip“ unekstatisch und durch Nüchternheit konstituiert ist. Das „Prinzip“ in seiner Aussage bedeutet, dass es durchaus Situationen gibt, in denen diese Erfahrungen gemacht werden können (vgl. Schneider 2000 : 32).

„Rausch und Ekstase wird in technologisierten, ´spätmordernen` Gesellschaften nur eine Enlas- tung auf Zeit zugebilligt, d.h. sie werden situationsspezifisch eingegrenzt und normativ an Selbstdisziplin und Selbstkontrolle gebunden. Rausch- und Ekstasemöglichkeiten werden heute durch ´das rationale Kalkül` bestimmt; sie erfahren ihre Zulassung nur in technologisierten, verräumlichten, materialsierten Zusammenhängen.“ (Schneider 2000 : 12)

Nach Schneider können ekstatische Züge unserer Gesellschaft in folgenden Bereichen erkennbar werden: Parteiwahlveranstaltungen, Papstbesuch, Oktoberfest, Fußballspiele, Rockveranstaltungen, 100.000 Mark- Shows, Traumhochzeiten und Techno-Partys (vgl. ebd. 2000 : 13).

Rausch und Ekstase haben eine Gemeinsamkeit. Sie dienen nicht mehr als Medium der Erkenntnis, und besitzen keine religiöse- und gruppenbildende Funktion mehr. Sondern sie sind zu Medien des Konkurrierens geworden und zu Erfahrungen, die von außen gesteuert werden (vgl. Legnaro 1996 : 50).

Es wurde der wirtschaftliche und politische Marktwert von Rausch und Ekstase entdeckt. Als Beispiel hierfür führt Koller auf, dass die Pharmaindustrie im 20. Jahrhundert mit der Erfindung neuer Drogen an Wachstum gewonnen hat und Kriege (z.Bsp. Vietnam) mit diesen neuen Substanzen geführt worden sind. An dritter Stelle der Weltwirtschaft steht der Handel mit illegalen Drogen. Diese genannten Faktoren führten dazu, dass die Berauschung entheiligt, ihre psychosoziale Bedeutung enthoben und gleichzeitig zu einem berechenbaren Planungsfaktor geworden ist. Koller ist der Meinung, dass derjenige, der eine rauschfreie Menschheit fordert, hierbei die konkrete Alltagswirklichkeit übersieht. Ohne Fest und Ausnahmesituationen würden die Menschen freudlos und kollektiv deprimiert werden. Wichtiger als das Ventil Rausch zu bekämpfen, sei es, die Ursachen zu betrachten, die dieses Ventil unter anderem bedingen. Dies sei die rationale, moralistische Welt, in der der Leistungsgedanke noch vor dem Menschen stehe. Koller beschreibt, dass die Aufklärung und ihr Streben nach antrhopozentrischer Seinsdeutung dazu führte, dass der Rausch mit seiner essentiellen Bedeutung für die Menschen ins Abseits geraten ist. Die Verdrängung schaffte sich um so heftiger neue Bahnen, als mit der Industrialisierung und den damit verbunden Lebensumstellungen, die Frustverdrängung durch Alkohol epidemische Ausmaße annahm (vgl. Koller 2003 : 9).

Auch Scheiblich schreibt, dass der Verlust des Zugangs der Menschen zu ihren irrationalen Sehnsüchten (u.a. Rausch und Ekstase) die Nicht-Beachtung eines natürlichen Bedürfnisses der Menschheit darstellen kann. Dass kann dazu führen, dass der Mensch versucht, auf anderen Wegen diese Bedürfnisse zur Erfüllung zu bringen; so eben, wie Menschen versuchen ihre irrationalen Sehnsüchte zu erfüllen, indem sie auf kommerzielle Angebote der Freizeit- und Unterhaltungsindustrie zurückgreifen oder versuchen, ihre Bedürfnisse nach Rausch und Ekstase durch die Einnahme von Drogen zu stillen (vgl. Scheiblich 1987 : 38 – 41).

Gegenwärtig zeichnet sich eine neuartige Akzeptanz des Rausches ab, welche in einer liberaleren Haltung gegenüber illegalisierten Drogen und in der „akzeptierenden Drogenarbeit“ ihren Ausdruck findet (vgl. Strieder 2003 : 52).

Im Bereich der Suchtprävention ist die genannte Entwicklung ebenfalls erkennbar. Ein Beispiel stellt das neue Konzept „Risflecting“ dar. Hier handelt es sich um ein Handlungsmodell innerhalb der Jugend- und Präventionsarbeit, dass den Umgang mit Rauscherfahrungen und Risikoerlebnissen verbessern möchte (vgl. Koller 2003 : 1).

2.3 Gesetzliche, gesellschaftliche und wissenschaftliche Ausgangslage

Innerhalb des Themenkomplexes „Drogen“[2] sind viele Unterscheidungen von höherer oder geringerer Tragweite und Nützlichkeit bekannt. Eine, die nahezu jedem sofort einfällt, ist die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Drogen.

In der Bundesrepublik Deutschland fallen viele Drogen unter das Betäubungsmittelgesetz. Handel, Besitz und das Verschaffen von Konsummöglichkeiten sind strafbar. Trotz der Illegaliserung dieser Substanzen werden sie vielfältig konsumiert, und der Gebrauch weist in repräsentativen Erhebungen eine Stabilität bzw. eine leichte Abnahme auf[3] (vgl.Kraus/Pfeiffer-Gerschel/Pabst 2008 : 16).

Bei jüngeren Konsumenten illegaler Drogen, lässt sich jedoch ein starker Anstieg verzeichnen[4]. Trendanalysen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung berichten, dass sich der Anteil bei den 12 -25 Jährigen Konsumenten, die Erfahrungen mit illegalen Drogen besitzen, seit 1979 innerhalb von 25 Jahren verdoppelt hat. 2004 spielte besonders der Gebrauch von Cannabis eine große Rolle. 24% der Jugendlichen haben ausschließlich Cannabis konsumiert. 8% haben zusätzlich auch andere Drogen wie Amphetamine (4%), Ecstasy (4%), psychoaktive Pilze (4%), Kokain (2%) oder LSD (2%) konsumiert. Andere Drogen wie Heroin oder Crack werden vergleichsweise wenig eingenommen (Drogenaffinitätsstudie der BZgA 2004). Gegenwärtig zeichnet sich ein Rückgang des Cannabiskonsums bei Jugendlichen ab[5]. Während der Konsum der legalen Droge Alkohol bis 2005 rückläufig war, steigt die pro Kopf konsumierte Alkoholmenge wieder an[6] (Drogenaffinitätsstudie der BZgA 2007).

Aktuell ist ein Trend unter den Jugendlichen zu verzeichnen, exzessiv Alkohol bis zum Verlust des Bewusstseins zu trinken, so dass sie medizinische Behandlung in Anspruch nehmen müssen. Zwölf Prozent der Jungen und Mädchen sind erst zwischen zwölf und 15 Jahre alt. Die Techniker Krankenkasse ermittelte: 2007 wurden bundesweit 1822 TK-Versicherte unter 20 Jahren volltrunken in deutsche Kliniken eingeliefert. 2003 wurden 962 alkoholisierte Jugendliche klinisch versorgt. Das sogenannte „Koma-Saufen“ ist vor allem Männersache: 2007 waren 1134 der eingelieferten jugendlichen TK-Versicherten männlich, 688 weiblich (vgl. Abendblatt 2008).

Für die praktische Drogenarbeit stellt der Drogenkonsum von Jugendlichen eine besondere Rolle dar. In die Entwicklungsphase des Jugendalters fällt ein besonders ausgeprägtes Bedürfnis nach Grenztestung und Grenzüberschreitung. Trotz der Verbote, Drogen zu konsumieren, versuchen viele Jugendliche Erfahrungen mit Drogen zu sammeln. Die Erfahrungen, welche als „Akt der Grenzüberschreitung“ zu deuten sind, können zu einem lustvollen Erleben führen oder aber schädliche Folgen nach sich ziehen (vgl. Schmidt/Bühler 2007 : 120 – 121).

Vor allem frühzeitiger Konsumbeginn kann kognitive und soziale Lernprozesse beeinträchtigen, die als Voraussetzung für die Bewältigung alterstypischer Entwicklungsaufgaben gelten. Zu den Beeinträchtigungen können folgende exemplarisch aufgezählt werden: Schulische Misserfolge, instabile Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnisse, gescheiterte Parnterschaftsbeziehungen, Gewalttätigkeit in der Beziehung und frühe Schwangerschaft (vgl. Laucht 2007 : 47 – 49).

Nach Sting und Blum ist vor allem das Alter zwischen 16 und 25 Jahren eine Lebensphase, die die höchsten Konsumraten und die exzessivsten Konsumpraktiken aufweist. Der Substanzkonsum gilt hier als entwicklungsbezogenes, jugendtypisches Risikoverhalten. Bei vielen ist aufgrund des entwicklungsbezogenen Verlaufs eine stetige Weiterführung zwar nicht zu erwarten, dennoch birgt der Konsum die Gefahr, dass sich die Verhaltensmuster verfestigen können. Aus diesem Grund sind Anstrengungen durch Suchtprävention zur drogenbezogenen Bildung als Elemente einer pädagogischen Entwicklungs- und Lebensbegleitung notwendig (vgl. Sting/Blum 2003 : 24).

Derselben Ansicht ist ebenfalls Scheerbaum: Er betrachtet den Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit Drogen als typische Entwicklungsaufgabe, ähnlich wie den Erwerb von Kompetenzen in der Berufsrolle oder das Ausbilden von Fähigkeiten zur gelingenden Gestaltung einer Partnerschaft (vgl. Scheerbaum 2007 : 169).

2.3.1 Qualitative Studien der Drogenforschung

Die eingangs vorgestellten quantitativen Studien sind sinnvoll um einen ersten Eindruck vom Ausmaß des Drogengebrauchs zu erhalten. Anhand der Bestandsaufnahme von der weiten Verbreitung des Konsums von Drogen innerhalb der Phase der Adoleszenz konnte somit aufgezeigt werden, dass das Erlernen von Kompetenzen im Umgang mit Drogen als ein Bildungsziel der Suchtprävention anerkannt werden sollte. Quantitative Studien lassen zudem Konsumtrends und die Entwicklung neuer Konsumrisiken erkennen. Diese haben wiederum praktische Bedeutung für die konzeptionelle Arbeit der Sozialpädagogik, die ihre Arbeitsweise darauf auszurichten hat.

So berichtet Schmidt, dass es einen neuen Trend gibt, Demenzpräparate als leistungssteigernde Substanzen zu missbrauchen (vgl. Schmidt/Bühler 2007 : 121).

Quantitative Studien des Drogengebrauchs verschaffen ein erstes Bild; darüberhinaus, so Kemmesies, sei ein weiterer Verwertungszusammenhang für ein tiefergehendes Verständnis des Drogengebrauchs nicht erkennbar. Er argumentiert, dass es sich nur um Ausschnitte des Drogenkonsums handelt, dessen wirkliche Größenordnung aufgrund der Zugangsschwierigkeiten zu illegalen Drogenkonsumenten erheblich unterschätzt wird. Kritik übt Kemmesies auch an den quantitativen Studien, da diese hinsichtlich differenten Drogenumgangsformen und -gebrauchsmustern keine Informationen liefern. Ebenso fehle die Einbeziehung der Lebenswelt, des subkulturellen Umfeldes, innerhalb dessen der Konsum stattfindet. Damit bleiben die spezifischen Sinn- und Bedeutungszuschreibungen der Drogenkonsumenten sowie deren Entwicklungsverläufe und Erfahrungswelten ausgeblendet (vgl. Kemmesies 2004 : 20 – 21).

Qualitative Studien, deren Anzahl noch sehr begrenzt sind, liefern entscheidende Vorteile, um dem multikausalen Phänomen des Drogengebrauchs in seinen Eigenschaften gerecht zu werden. Ihre Nutzung liegt in der Offenlegung von Subjektdispositionen, in der Kreation neuer Sichtweisen (durch Begriff- und Theoriebildung) und in der Kritik implizierter wissenschaftlicher Vorannahmen (vgl. Jungaberle 2007: 192).

Schneider kritisiert ebenfalls den Mangel an qualitativen Studien, der dazu führe, dass die konkrete Lebenswelt der Betroffenen ausgeblendet werde. Die Vernachlässigung von lebensweltnahen Beschreibungen zur Verlaufsdynamik von Drogengebrauchsequenzen und deren Einbettung in lebensweltliche Zusammenhänge führe zu einem eher statischen Bild von Drogengebrauch und Drogenabhängigkeit. Es herrschte die Vorstellung eines linearen Abhänigkeitsverlaufes, dessen Ende nur durch langzeittherapeutische oder andere professionelle Hilfestellungen aufhebbar sei. Die Droge besitze die totale Wirkungsmacht über den Konsumenten. Damit erscheint der Konsument nicht als beteiligtes Subjekt an seiner Handlung, vielmehr sei ihm die Verantwortung für seinen Zustand durch Entmündigung genommen worden. Zudem herrsche der Mythos, dass einmaliger Drogengebrauch automatisch als Einbahnstraße in die „Sucht“ führe, an dessen Ende immer physische und psychische Verelendung stehe. So werden vor allem in den Medien illegale Drogengebraucher als junge Menschen dargestellt, die permanent Drogen konsumieren, dazu erheblich kriminell vorbelastet sind und keine eigenständige Lebensführung besitzen. Als Ursache für ihren Gebrauch wird ihnen meist Persönlichkeitsdefizite unterstellt (vgl. Schneider 2000 : 65 – 67).

Zu einer veränderten Sichtweise in der Drogen- und Suchtforschung führte die Entdeckung des kontrollierten Konsums illegaler Drogen. Diese Entdeckung wurde mittels mehrerer qualitativen Studien erforscht. Das Bild der zwangsläufig entstehenden „Sucht“ bei einmaligen Konsum und das Verständnis von Drogen hat seitdem eine Wandlung erfahren. Die neue Vielfältigkeit der untersuchten Gebrauchsmuster führte dazu, dass die pharmakologischen Eigenschaften einer Droge nicht verantwortlich für kompulsive[7] Gebrauchsformen sind. Vielmehr wurde in den Studien aufgezeigt, dass verschiedene Konsumenten Drogen auf sehr unterschiedliche Art und zu individuellen Zwecken nutzen. Drogen erscheinen somit nicht mehr als aus sich selbst heraus begründete Suchtmittel, Genussmittel oder Rauschmittel, sondern die spezifische Zweckbestimmung des Konsumenten entscheidet darüber welche Funktion die Droge erhält. Aus diesem Grund macht es wenig Sinn, zwischen gefährlichen und ungefährlichen Drogen zu unterscheiden, vielmehr ist es nötig, zwischen gefährlichen und ungefährlichen Verwendungszwecken, bzw. verschiedenen Konsummustern zu differenzieren (vgl. Kolte/Schmidt-Semisch 2005 : 6).

Die Studie von Zinberg und Harding weist bereits 1981 auf, dass sogar ein kontrollierter Gebrauch von Heroin möglich ist. Damit konnte aufgezeigt werden, dass der Konsum von Heroin nicht zwangsläufig zur sozialen Verelendung durch „Sucht“ und Abhängigkeit führen muss. Die Konsumenten hatten erlernt, gelegentlich Heroin zu konsumieren, und umgingen somit die potentiell nachteiligen Wirkungen (vgl. Harding 1982 : 694).

Weber und Schneider zeigten in ihrer Studie 1997 auf, dass Drogengebrauchsverläufe heterogen und durch verschiedene Stadien der Konsumsequenz geprägt sind. Kompulsiver Gebrauch ist nicht als ein Endzustand zu bezeichnen, der nur durch therapeutische Hilfestellung aufhebbar ist, sondern als ein Stadium innerhalb ausgedehnter Entwicklungen mit reversiblem Charakter. Sie zeigten auf, dass selbstinitiierte und privat organisierte Ausstiegsprozesse existieren. Ein weiteres Ergebnis war, dass es autonom kontrollierte Gebrauchsmuster bei illegalen Drogen gab, welche über längeren Zeitraum praktiziert wurden[8] (vgl. Schneider/Weber 1992).

Kemmesies (2004) widerlegt in seiner Studie “Drogenkonsum im bürgerlichen Milieu“ das Bild des illegalen, kriminellen, verwahrlosten Jugendlichen. Er zeigte ebenfalls auf, dass der Konsum illegaler Drogen kontrolliert-genusshaft stattfinden kann. Das Spektrum der erforschten Personengruppen, die diese Art von Konsum praktizierten, reichte vom Handwerker, Polizisten über selbständige Unternehmer und Akademiker[9] (vgl. Kemmesies 2004 : 259).

Daraus ergibt sich, dass es möglich ist, einen sozial-integierten, kontrollierten Konsum von illegalen Drogen zu betreiben. Diese Konsumenten haben gelernt, ungefährliche Umgangsweisen mit Drogen zu entwickeln. Hierfür war die Ausbildung von autonomen Regeln Grundvoraussetzung für den Schutz gegenüber den Risiken, die der Drogengebrauch mit sich führen kann. Dieser Gruppe von Menschen steht eine Andere gegenüber, welche es aus verschiedensten Gründen nicht geschafft hat, die Risiken des Drogengebrauchs zu umgehen. Sie unterliegt den Gefahren des Drogenkonsums. Kompulsive Drogengebrauchsformen bergen die Risiken und Gefahren, welche zur Entstehung ernsthafter physischer, psychischer und sozialer Probleme beitragen können.

Die gesellschaftlichen Folgekosten, jener kompulsiven Verwendungsart von legalen oder illegalen Drogen ist enorm (vgl. ebd. 2004 : 14). Menschen können von legalen oder illegalen Drogen in einer drastischen Weise abhängig werden, so dass das gesamte Leben, die Biographie und die Persönlichkeit zerstört werden können. Dieser Verlauf ist in den westlichen Ländern zu einem massiven Problem herangewachsen (vgl. Emrich 2003 : 235). Welche praktischen Konsequenzen folgen daraus für die Drogenarbeit?

Für Menschen, die gefährliche Konsummuster ausgebildet haben, welche zu erheblichen Beeinträchtigungen der gesamten Lebensführung und Gesundheit führen, sind entsprechende professionelle Hilfestellungen zur Verfügung zu stellen. Hier sollte, nach Schuler, beachtet werden, dass nicht jeder der behandlungsdedürftigen Personen auch behandlungswillig oder behandlungsfähig ist. Leistungserbringer für ambulante professionelle Hilfe sind die psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstellen der freien Wohlfahrt und die Sozialen Dienste der öffentlichen Daseinsfürsorge. Stationäre Hilfen werden von öffentlich-rechtlichen Krankenhäusern, Fachkliniken und der Psychiatrie in freier und gewerblicher Trägerschaft erbracht (vgl. Schaaf/Schärfer/Schuler 2000 : 315). Die Behandlungskonzepte der Einrichtungen weisen je nach Weltanschauung und Verständnis der Suchttheorien eine sehr hohe Vielfalt auf. Dazu zählen tiefenpsychologische-, pädagogische-, psychotherapeutische-, erlebnispädagogische- und spirituelle Ansätze (vgl. ebd. 2000 : 302 – 303).

Werden die Maßnahmen der Sozialpädagogik unterteilt in die Begriffe der Intervention und Prävention, so liegt der eben beschriebene Handlungsbereich im Gebiet der Intervention. Diese reagieren auf bereits manifeste Probleme, Auffälligkeiten und Abweichungen. Zu dem Gebiet der Prävention gehört es, im Vorfeld tätig zu werden. Es geht um die Verhinderung von möglichen oder befürchteten Problemen, Abweichungen oder Auffälligkeiten (Böllert ziert nach Sting/Blum 2003 : 25).

Welche Möglichkeiten bestehen in der Suchtprävention, Prozesse zu fördern, welche die Möglichkeit des kompulsiven Drogengebrauchs verhindern? Welche psychosozialen Bedeutungen liegen dem Drogengebrauch zugrunde? Welche Rolle spielt das Erfahren der Zustände von Rausch und Ekstase in diesem Kontext? Wenn die Drogeneinnahme einen Weg darstellt, Rausch und Ekstase zu erlangen, welche anderen Wege gibt es, diesem Bedürfnis nachzugehen? Wenn es möglich ist, einen genusshaften, sozial-integrierten Konsum von illegalen Drogen zu entwickeln, welche Bedingungen liegen innerhalb dieses Entwicklungsvorgangs? Welche Faktoren begünstigen den Aufbau reflexiver, autonomer Strukturen, die einen kontrollierten Konsum möglich machen?

Dieser kontrollierten Verhaltensweise kann der Begriff der „Sucht“ gegenüber gestellt werden, der von einer Zwanghaftigkeit und Kontrollverlust gekennzeichnet sein kann (vgl. Sting/Blum 2003 : 17).

Bevor es um die Erörterung jener Fragen im Verlauf dieser Arbeit geht, ist es zunächst von essentieller Bedeutung, den Begriff der „Sucht“ zu klären und diesen vom Phänomen des Rausches abzugrenzen.

2.4 Der Begriff „Sucht“

Der Begriff „Sucht“ ist in Anführungszeichen gesetzt, da es keine eindeutige Definition gibt. Vielmehr existieren eine ganze Reihe unterschiedlicher Definitionen und Definitionsversuche. Der Begriff der „Sucht“ ist als ein sozial-interaktives Konstrukt zu verstehen, welches in Abhängigkeit von der Kultur und Gesellschaft gebildet wird. Er unterliegt ebenfalls dem Wandel der Zeit und der damit einhergehenden Veränderungen von Normen und Werten (vgl. Dollinger/Schmidt-Semisch 2007 : 8).

Im herkömmlichen Gebrauch bedeutete der Begriff „Sucht“ (i. eng. addiction : wörtlich Ergebenheit) nichts weiter als den starken Hang zu einer bestimmten Verhaltensweise. So wurde darunter beispielsweise eine „Sucht“ nach politischer Betätigung“ verstanden. Früher verstand man unter „Sucht“ noch eine gute oder schlechte Angewohnheit, häufiger das Erste (vgl. Szasz 1980 : 22).

Ab dem 19. Jahrhundert kam es zu einer kulturellen und semantischen Wandlung des Begriffs. Dies ist zurückzuführen auf die Entdeckung des Alkoholismus als Krankheit. Das Laster der Trunkenheit wurde zu einer medizinisch beschreibbaren, erforschbaren und behandelbaren Krankheit. „Sucht“ wurde damit zu einer spezifischen Krankheitsform, die zunächst an der Untersuchung des Alkoholismus festgemacht wurde (Spode zitiert nach Sting/Blum 2003 : 27). Damit wandelte sich die frühere positive Beschreibung einer Tätigkeit in eine deskriptive Bedeutung zur Charakterisierung einer Person, mit stigmatisierenden Etikett (vgl. Szasz 1980 : 23).

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt die „Sucht“ als eines der größten, international bedeutsamsten sozialen Problemen. Die Verwendung des Begriffs erfährt momentan eine hohe Inflation. Kaum eine Diagnose ist so weit verbreitet in der Gegenwart wie die der „Sucht“. Nahezu jede menschliche Verhaltensweise kann durch die Bezeichnung als „Sucht“ in ein problematisches Verhalten verwandelt werden. Das Spektrum reicht von klassischen Alkohol- und Drogensüchten über die jüngeren Phänomene der (substanzungebundenen) Fernseh-, Internet-, Sex-, oder Spielsucht bis hin zu der gegenwärtig hochaktuellen Fettsucht (Adiposittas). Die weite Verwendung des „Sucht“-Begriffs führte dazu, dass dieser aus der Alltagssprache und Alltagstheorie kaum mehr wegzudenken ist. Das „Suchtkonzept“ hat sich zugleich ebenfalls in der Wissenschaft verfestigt. Es wird meist unhinterfragt übernommen und verwendet. Dabei sind die Begriffe wie „Sucht“ und der synonym gebrauchte Terminus „Drogenabhängigkeit“ Phänomene, für die keine einheitlichen, allgemeinverbindlichen Definitionen vorliegen (vgl. Dollinger/Henning-Semisch 2007 : 8).

In dem internationalen medizinischen Klassifikationsytem wurde der Begriff „Sucht“ durch den der Substanzabhängigkeit ersetzt. Das System, genannt ICD[10] und DSM-IV[11], dient zur Ermittlung von Krankheiten. In der Bestimmung von „Sucht“ als Abhängigkeitserkrankung wurde eine medizinische Zuständigkeit für Suchtprobleme formuliert. Damit können die betroffenen Personen einen Anspruch auf Therapie und Krankenbehandlung gelten machen (vgl. Sting/Blum 2003 : 28).

Kriterien für eine Substanzabhänigkeit nach DSM-IV[12]:

1. Toleranzentwicklung und Dosissteigerung
2. Entzugssymptome in konsumfreien Phasen
3. Stärkerer Konsum als intendiert
4. Wunsch, den Konsum zu reduzieren und einzustellen
5. Hoher Zeitaufwand zur Beschäftigung mit der Substanz
6. Einschränkungen wichtiger beruflicher Tätigkeiten und Freizeitaktivitäten
7. Anhaltender Konsum trotz wiederkehrender sozialer, psychischer und körperlicher Probleme (vgl. ebd. 2003 : 28).

Die Verwendung dieses gebräuchlichsten Diagnosesystems kann jedoch kein einheitliches Erscheinungsbild der Abhängigkeit aufzeigen. Je nachdem, welche Kriterien erfüllt sind, ist die Abhängigkeit anders charakterisiert. Als Gemeinsamkeit aller Erscheinungsbilder kann nur das „starkes Verlangen“ nach der Einnahme des Suchtmittels (Craving) genannt werden (vgl. Uchtenhagen 2000 : 2).

Nach den Ausführungen Uchtenhagens gibt es die „Sucht“ oder die „Subtanzabhängigkeit“ als starres, homogenes Konstrukt nicht. Vielmehr muss von einem großen Spektrum der Erscheinungsbilder ausgegangen werden, das der vielfältigen Lebenspraxis auch eher Rechnung trägt. Daraus ergibt sich ein Grund, weshalb ich den Begriff der kompulsiven Drogengebrauchsform verwende. Das Wort kompulsiv ("zwingen, drängen")[13] besitzt die Fähigkeit, die Gemeinsamkeit der differenzierten Erscheinungsbilder von Substanzabhängigkeit zu beschreiben. Das Wort Craving (starkes Verlangen) steht in direkter Verbindung mit kompulsiv, also einen starken Drang zu verspüren eine Substanz einzunehmen. Auf das Zwanghafte der Verhaltensweise der Substanzabhängigkeit, deutet auch das Wort „zwingen“.

Der zweite Grund für die Verwendung des Begriffs „kompulsive Drogengebrauchsformen“ soll darauf hinweisen, dass „Sucht“ nicht als starres Verhaltensmuster zu verstehen ist. Das Wort kompulsiv soll die Eigendynamik des Suchtverlaufs betonen, die nicht zwangsläufig in therapeutische Behandlung führen muss. Kompulsive Drogengebrauchsformen, die als reversible Verhaltensmuster bezeichnet werden können, deuten darauf hin, dass das Konstrukt der „Sucht“ als „lebenslange Abhängigkeit“[14] nicht mit der Wirklichkeit des reversiblen Entwicklungsverlaufes vom Drogenkonsum zu vereinbaren ist.

Die Diagnose der „Sucht“ hat ihre ambivalenten Seiten. Auf der einen Seite eröffnet die Anerkennung der „Sucht“ als Krankheit den Betroffenen den Zugang zu den positiven Aspekten des Anspruchs auf Therapie und Behandlung. Damit erfahren die Personen Entlastung und eine gesicherte Versorgung. Auf der anderen Seite wirkt sich das Krankheitskonzept negativ auf das Selbstbild der Betroffenen aus, trägt es doch einen stigmatisierenden Zug in sich.

Dollinger/Schmidt-Semisch schreiben, dass mit dem medizinischen Klassifikationsytem DSM oder ICD-IV in erster Linie ein Wertekonsens gebildet wird, der darüber entscheidet, welche Verhaltensweisen als unerwünscht gelten. Damit einhergehend werden die Betroffenen besonderen Nachteilen ausgesetzt. Der Terminus „Sucht“ oder „Abhängigkeit“ kann zwar eine (scheinbar) objektive Diagnose bieten, zugleich klassifiziert dieser aber auch störendes und sozial auffälliges Verhalten. Neben diesem stigmatisierenden Effekt wirkt sich das Krankheitskonzept zusätzlich negativ auf die Selbstheilungskräfte der Betroffenen aus. Die Zuschreibung der „Sucht“ kann bewirken, dass die Person in ihrem aktiven Handeln gehindert wird, indem ihr verdeutlicht wird, dass sie sich selbst nicht mehr unter Kontrolle hat und zu keinem rationalen Handeln mehr fähig ist. Darüberhinaus besteht die Gefahr, dass die Betroffenen - im Sinne einer selbst erfüllenden Prophezeiung – die negativen Zuschreibungen, die ihrem Krankheitsbild zugeordnet werden, in ihr inneres Selbstbild übernehmen (vgl. Dollinger/Schmidt-Semisch 2007 : 19).

2.4.1 „Sucht“ und „Rausch“

Eine Definition des Terminus „Sucht“ ist aufgrund der aufgezeigten Komplexität, die mit diesem Phänomen verbunden ist, erschwert. Der Tatsache bewusst, dass es sich bei der Festlegung um ein Verfahren handelt, welches kulturell, sozial und historisch geprägt ist, soll dies als eine Annäherung verstanden werden.

Dazu geeignet ist eine Gegenüberstellung der Begriffe „Sucht“ und „Rausch“, die nach Sting und Blum in der Suchtprävention bis heute nicht klar unterschieden werden (vgl. Sting/Blum 2003 : 31).

In der Theorie und Praxis der sozialen Arbeit dominiert eine negative Betrachtungsweise des Erfahrens von drogeninduzierten Rauschzuständen, da Drogen zu erheblichen körperlichen, sozialen und psychischen Problemen führen können. So versteht Tretter den Rausch als „Motor der „Sucht“ (vgl. Tretter 2003 : 71). Leist ist der Meinung, dass der Rausch zu strukturlosen Handlungen führe und dass uns der Rausch darüberhinaus innerlich nicht richtig berühren würde (vgl. Leist 2003 : 287).

Tretter betont den Aspekt des Risikos, der dem Rausch innewohnt. Dem ist insofern zuzustimmen, als dass unreflektierte, gefährliche Konsummuster zu erheblichen Schädigungen führen können. Seine These „der Rausch als Motor der „Sucht“ sagt weiterhin aus, dass Rauschzustände direkt zur „Sucht“ führen würden. Dem widerspricht die Tatsache, dass Menschen durchaus in der Lage sind, kontrolliert Drogen einzunehmen und dies innerhalb eines längeren Zeitraumes.

Leist negiert die positiven Seiten des Rausches, die sich Menschen seit dem Beginn ihrer Existenz zunutze gemacht haben, um beispielsweise ihre geistigen und kreativen Fähigkeiten zu beflügeln oder um ihre Arbeitskraft zu steigern[15]. Sie hat teilweise Recht, wenn sie schreibt, dass der Rausch zu strukturlosen Handlungen führe, wie im Falle eines Rausches, der durch erheblichen Alkoholkonsum entstanden ist. Wenn Leist meint, der Rausch würde die Menschen nicht richtig berühren, wie ist es dann zu erklären, dass der Konsum von Drogen so weit verbreitet ist und Genuss sowie Sinnlichkeit als Elemente des Rausches[16] erfahren werden können?

Die negative Betrachtung des Rausches führte dazu, dass suchtpräventive Konzepte sich die Aufrechterhaltung der Drogendistanz als Ziel setzten. Sie legten das Ideal des abstinenten Menschen zugrunde, für den es in der Realität der Menschheitsgeschichte nicht viele Beispiele gibt (vgl. Sting/Blum 2003 : 32).

Im Gegensatz zur „Sucht“ scheint der Rausch ein die gesamte Menschheit übergreifendes Phänomen zu sein. In fast allen Gesellschaften findet sich ein Bedürfnis nach Rausch, der es ermöglicht, Erfahrungen außerhalb der Alltagswirklichkeit zu sammeln, und darüberhinaus gruppenbildende und gemeinschaftlichsstabilisierende Funktionen[17] besitzen kann. Auch in unserer Gesellschaft spielt der Rausch eine bedeutende Rolle, gut sichtbar an der Ausbreitung der Kulturdroge Alkohol. Wie bereits im Kapitel 2.2.1 erwähnt, hat die Bewertung des Rausches eine Wandlung erfahren. Dem Rausch wird heute nur noch eine „Entlastung auf Zeit“ (Legnaro 2000 : 12) zugebilligt, welche normativ an Selbstkontrolle und Selbstdiziplin gebunden ist, um die Gefahr einer „Sucht“ zu verhindern.

Zur gleichen Zeit entsteht das Bild des krankhaft Süchtigen, gekennzeichnet von Kontroll- und Autonomieverlust. Zeitlich betrachtet stellt das Erscheinungsbild der „Sucht“ ein relativ junge Entwicklung dar, die eng verknüpft ist mit an das Individuum gerichteten Anforderungen seiner Lebensführung, die auf Selbstplanung, Selbststeuerung und Selbstreflexivität beruht. Somit gesehen ist Rausch nicht identisch mit „Sucht“ (vgl. Sting/Blum 2003 : 32).

Im Rausch können Momente erfahren werden, die beglückende Stimmungen erzeugen. Mystische Erfahrungen sind möglich und der Einzelne kann eine tiefe Verbundenheit mit anderen Personen oder der Welt erfahren[18].

„Sucht“ ist demgegenüber der Versuch, das Rauscherlebnis auf Dauer zu sichern (vgl. ebd. 2003 : 32). Die Wiederholung des Rausches führt jedoch zu seiner „Deformation“, zum Intensitätsverlust und damit zur Enttäuschung (Vief ziert nach Sting/Blum 2003 : 32).

In der „Sucht“ verliert das Individuum die Offenheit für Innovation, für Variation. Der Rausch, welcher kreative Elemente tragen kann, steht im Kontrast hierzu. So gesehen atmet die „Sucht“ keine Freiheit mehr (vgl. Bussmann 2003 : 118).

Ab welchem Zeitpunkt kann von einem zwanghaften, kompulsiven Gebrauch gesprochen werden? Wo können Grenzen gezogen werden zwischen Gebrauch und Missbrauch von Drogen? Dies hat eine entscheidende Bedeutung für den Bereich der Suchtprävention, die den Gebrauch von Drogen nicht generell ablehnt.

Der Umschlagpunkt zwischen Gebrauch und Missbrauch erfährt zunehmende Beachtung in Teilen der Suchtprävention. Es wird das Ziel verfolgt, dass konsumbedingte Folgeschäden verhindert werden sollen, ebenso wie das Entstehen von „Sucht“ (Arnold/Schille ziert nach Sting/Blum 2003: 33).

2.4.2 Gebrauch und Missbrauch

Die Abgrenzung zwischen Gebrauch und Missbrauch oder schädlichem Gebrauch ist eine Frage des gesellschaftlichen Konsens. Welche Substanzen in welchen Mengen zu welchen Gelegenheiten konsumiert werden dürfen, ohne die formellen oder informellen Regeln des sozialen Zusammenlebens zu verletzten, ist eine Frage, welche die Gesellschaft immer neu beantworten und bewerten muss[19]. Das Erlernen dieser Regeln ist eine Aufgabe, die von Jugendlichen im Verlauf ihrer Sozialisation erfüllt werden muss. Es gilt eigene Standpunkte zu entwickeln um die Regeln des Gebrauchs bewerten zu können. Dies ist besonders wichtig, da es selbst innerhalb eines kulturellen Systems unterschiedliche Auffassungen von sozial-erlaubtem und sozial-unakzeptablem Drogengebrauch gibt. So stellt beispielsweise die Verwendung von Ecstasy im subkulturellen Milieu der Techno-Kultur einen sozial-erlaubten Konsum dar. Bezogen auf die Gesamtgesellschaft wäre das gleiche Verhalten als Missbrauch oder schädlicher Gebrauch einzustufen (vgl. Lüken 2006 : 12).

Im medizinischen Bereich wurde der Begriff des „Missbrauchs“ durch den des „schädlichen Gebrauchs“ abgelöst. Weitere Verwendung findet der Gebrauch des Begriffes „Missbrauch“ im Zusammenhang der internationalen Konventionen und desweiteren in dem Klassifikationsytem DSM. Hierbei ist der Begriff „Missbrauch“ praktisch deckungsgleich mit dem Terminus des „schädlichen Gebrauches“. Von schädlichem Gebrauch wird in diesem Zusammenhang gesprochen, wenn der Gebrauch gesundheitliche und soziale Schäden zur Folge hat (vgl. Uchtenhagen 2000 : 2).

Dieser Versuch, die Grenzen des Drogenkonsums mithilfe von medizinischen Kriterien zu bestimmen, würde bedeuten ein soziales Problem auf einer unangemessen Ebene lösen zu wollen. Jeder Drogenkonsum ist immer und in jeder Dosis mit einer Gefährdung des gesunden Organismus verbunden. Die Medizin kann beantworten, ab welcher Dosis mit großer Wahrscheinlichkeit schwere irreversible Schäden für den Organismus zu erwarten sind. Die Entwicklung von Verhaltensmustern, die zu schädlichem Gebrauch oder Missbrauch führen können, beginnen allerdings viel früher. Aus diesem Grund ist es notwendig, eine differenziertere Abstufung der Bereiche vorzunehmen, innerhalb deren Drogengebrauch stattfinden kann.

[...]


[1] Nähere Erklärung; siehe Kapitel 3.3 (Phänomenologie von Rausch und Ekstase).

[2] In Anlehnung an Völger definiere ich Drogen im Rahmen dieser Arbeit als Substanzen, die bewusst eingenommenen werden, um die Befindlichkeit, die Stimmung, das Bewusstsein und somit auch die Wahrnehmung zu verändern (vgl. Völger 1996 : 13). Diese Definition erscheint mir sinnvoller als pathologische Definitionen wie „Drogen bezeichnen Substanzen, deren Gebrauch eine psychische oder Verhaltensstörung erzeugen kann“, die bei Uchtenhagen zu finden ist (vgl. Uchtenhagen 2000 : 1). Unter den Begriff „Substanzen“ fallen somit exemplarisch Kaffee, Tabak und Alkohol, die als Genussmittel gelten, Psychopharmaka, sowie beispielsweise Cannabis, Ecstasy, Kokain, die als „illegale“ Drogen bezeichnet werden.

[3] Lebenszeitprävalenz illegaler Drogen: 2006: 25,4%; 2003: 25,2% (Stichprobe: 18 - 58jährige, die Daten beziehen sich auf die gesamte Bundesrepublik).

[4] Lebenszeitprävalenz illegaler Drogen: 2004: 32%; 2001:27%; 1997: 23%; 1993: 18% (Stichprobe: 12 - 25jährige, die Daten beziehen sich auf die gesamte Bundesrepublik).

[5] Lebenszeitprävalenz Cannabis: 2007: 12,8%; 2004: 22,0% (Stichprobe: 12 - 19jährige, die Daten beziehen sich auf die gesamte Bundesrepublik) (vgl. Drogenaffinitätsstudie der BZgA 2007a)

[6] Alkohol: (mind. 1x/Woche) 2007: 22%; 2005: 19%; 2004: 21% (Stichprobe:12 - 17jährige, die Daten beziehen sich auf die gesamte Bundesrepublik)

[7] Der Begriff kompulsiv bedeutet einen zwanghaften, gefährlichen Drogenkonsum zu praktizieren, der erhebliche Folgeschäden im psychischen, physischen und sozialen Bereich bewirken kann. Zur nähern Begriffsbestimmung und -Herleitung siehe Kapitel 2.4.

[8] Dies ist eine knappe Zusammenfassung der Ergebnisse dieser qualitativen Studie. Ein Nachteil dieser, gegenüber quantitativen Studien, ist, dass die Ergebnisse weniger einprägsam und schwerer darstellbar sind. Methodisch handelte es sich um eine längschnittlich angelegte Erfassung von Drogengebrauchsbiographien mittels narrativ orientierten und fokussierten Interviews. Dabei wählten Weber und Schneider Adressaten aus, die nicht in einem institutionellen Zusammenhang standen (vgl. Studie: „Herauswachsen aus der „Sucht“ illegaler Drogen“ von Weber und Schneider 1992).

[9] Bei dieser Studie handelte es sich ebenfalls um eine Längschnittstudie, die mittels Interviews Adressaten aus nicht-institutionellen Bereichen, über ihre Umgangsformen mit Drogen (vgl. Studie; vollständiger Titel; „Zwischen Rausch und Realität – Drogenkonsum im bürgerlichen Milieu“ von Kemmesies 2004).

[10] ICD bedeutet : International Classification of Diseases (vgl. Uchtenhagen 2000 : 2)

[11] DSM-IV bedeutet : Diagnostic Statistic Manual of Mental Disorders (vgl. Uchtenhagen 2000 : 2)

[12] Mindestens drei der sieben Kriterien müssen erfüllt sein (vgl. Sting/Blum 2003 : 28).

[13] Begriffsherleitung von kompulsiv : Part. Perf. von compellere "zwingen, drängen" (Duden 2008).

[14] Das „Sucht“ als „lebenslange Abhängigkeit“ im medizinischen und therapeutischen Bereich weite Verwendung erfahren hat und heute auch noch erfährt, darauf verweisen Dollinger und Schmidt-Semisch (vgl. Dollinger-Schmidt-Semsich 2007 : 19).

[15] Diese Bedeutung des Rausches wird unter dem Aspekt der ökonomischen Funktion des Drogengebrauchs ausführlicher aufgezeigt. Siehe Kapitel 3.5.2.

[16] Zur Bedeutung des Genuss und Sinnlichkeit durch Drogeneinnahme; siehe hedonistische Funktion des Drogengebrauchs unter Kapitel 3.5.2.

[17] Siehe auch die identitätsbildende und gruppenkohäsive Funktion des Drogengebrauchs nach Blätter; unter Kapitel 3.5.2.

[18] Siehe Kapitel 3.3 (Phänomenologie von Rausch und Ekstase).

[19] Ausführlich wird das Thema des kulturellen Einflusses auf die Bewertung des Drogengebrauchs in dem Kapitel 3.5.2 (Bedeutung und Funktionen des Drogengebrauchs) aufgezeigt.

Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Zur Bedeutung von Rausch und Ekstase im kulturellen Vergleich – unter besonderer Berücksichtigung von kompulsivem Drogengebrauch in westlichen Gesellschaften
Hochschule
Hochschule Darmstadt
Note
1,9
Autor
Jahr
2008
Seiten
102
Katalognummer
V115864
ISBN (eBook)
9783640173242
Dateigröße
967 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Rausch, Ekstase, Vergleich, Berücksichtigung, Drogengebrauch, Gesellschaften
Arbeit zitieren
Diplom Sozialpädagogin Anne Debald (Autor), 2008, Zur Bedeutung von Rausch und Ekstase im kulturellen Vergleich – unter besonderer Berücksichtigung von kompulsivem Drogengebrauch in westlichen Gesellschaften , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115864

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