Von der Idee zum Produkt: MP3

Wie ein Dateiformat die Musikindustrie revolutioniert


Hausarbeit, 2008

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte des MP3 Formates

3. Tauschen statt Kaufen

4. Wie MP3 zum Produkt wurde

5. Fazit

6.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Eine Idee, die nicht gefährlich ist, verdient es nicht, überhaupt Idee genannt zu werden.“[1] sagte Oscar Wild bereits im neunzehnten Jahrhundert.

Doch die Gefahr liegt immer im Auge des Betrachters. So ist wohl anzunehmen, dass Karlheinz Brandenburg mit der Entwicklung des Audiocodierverfahren MPEG-1 Layer 3 (MP3) nicht beabsichtigt hat, die weltweite Musikindustrie einem massiven Wandel auszusetzen. Aufzuzeigen, wie es dazu kam, ist der Ansatz dieser Arbeit.

Am Anfang steht immer die Idee und so auch in diesem Fall, weshalb zu Beginn die Entwicklung des MP3 Standards im Fokus meiner Arbeit stehen soll. Nachdem die Idee technisch umgesetzt wurde, war das allein noch keine Revolution der Musikindustrie und auch noch kein Produkt im eigentlichen Sinne. Deshalb galt der nächste Schritt dem Aufzeigen der Verbreitung des Formates auf der ganzen Welt. Hierbei sind die Konsequenzen, ins Besondere für die Musikindustrie, ein entscheidender Faktor. Nun hatte sich ein Markt entwickelt, auf dem es eine Nachfrage, aber kein legales Angebot gab.

Der Weg aus dieser Situation, hin zu einem legalen Markt und der damit verbundenen Entwicklung von MP3 als Produkt, ist Anliegen des dritten Teils dieser Arbeit. Eine abschließende Bewertung und ein Ausblick auf die mögliche Zukunft des digitalen Musikmarktes bilden den Abschluss der Betrachtung eines Marktes, dessen Entwicklung noch einige Jahre andauern dürfte.

2. Die Geschichte des MP3 Formates

Erste dokumentierte Forschungen, die als Grundlage des MP3 Formates gelten, fanden Anfang der 1970er Jahre unter Prof. Dieter Seitzer an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg statt. Seitzer und eine Gruppe von Studenten beschäftigten sich mit der Übertragung von Sprache in hoher Qualität über Telefonleitungen. Obwohl erste Patentanträge abgelehnt wurden, beschäftigte sich die Gruppe weiter mit Audiocodierung, schwenkte allerdings aufgrund der Einführung von ISDN und Glasfaserkabeln auf die Codierung von Musiksignalen um. Nachdem Prof. Seitzer 1979 den ersten digitalen Signalprozessor zur Audiocodierung entwickelt hatte, begann Karlheinz Brandenburg mit der Nutzung von psychoakustischen Prinzipien in die Audiocodierverfahren. Eine stetige Weiterentwicklung war die Folge.

Im Rahmen des EU-geförderten Projektes EU147 „EUREKA“ für Digital Audio Broadcasting (DAB) kam es 1987 zur Bildung einer Forschungsallianz der Universität Erlangen-Nürnberg und des Fraunhofer-Institutes für Integrierte Schaltungen (IIS). Unter der Leitung von Prof. Heinz Gerhäuser entwickelte das Forscherteam als Grundlage für weitere Arbeiten einen Echtzeitcodec des LC-ATC-Algorithmus (Low Complexity Adaptive Transform Coding). Im Jahre 1988 kam es schließlich zur Gründung der „Moving Picture Experts Group MPEG“ durch die Internationale Standardisierungsorganisation ISO. Diese Gruppe war und ist Teil einer europaweiten Initiative zur Schaffung einheitlicher Standards für Audio- und Videodaten im Internet. Die Forschungsgruppe um Heinz Gerhäuser entwickelte in den darauf folgenden Jahren verschiedene Codierungsalgorithmen, die letztendlich die Grundlage für das MP3 Format bildeten. So schließt z. B. Karlheinz Brandenburg 1989 seine Doktorarbeit über den OCF-Algorithmus (Optimum Coding in the Frequency Domain)[2] ab. Dieser Algorithmus enthält bereits viele charakteristische Eigenschaften des MP3 Formates und ermöglicht es mit einigen Erweiterungen weltweit zum ersten Mal eine Audiosignalcodierung mit nur 64 kbit/s in guter Qualität, wodurch es möglich wurde, Musik über eine Telefonleitung in Echtzeit zu übertragen.

Weitere Beiträge u. a. vom der Universität Hannover, AT&T und Thomson, führten 1991 zur Veröffentlichung der verbesserten Version von OCF, dem ASPEC Codecs (Adaptive Spectral Perceptual Entropy Coding)[3]. Auf der Suche nach einem Audiokomprimierungsstandard gehen bei MEPG viel Vorschläge ein, als Ergebnis werden drei Layer präsentiert. Layer 1 auf Grundlage des MUSICAM Codecs mit geringer Komplexität, Layer 2 auf der gleichen Grundlage, allerdings optimiert, und als Layer 3 schließlich der ASPEC Codec. Der digitale Rundfunk (DAB) entscheidet sich für den Layer 2 als Standard.

Dies kann als die Geburtsstunde des MP3 Formates bezeichnet werden. Die Erfinder beschreiben MPEG-1 Layer 3 als Codierschema, das der menschlichen Wahrnehmung folgte. Damit ist gemeint, dass sie sich die Eigenschaften des menschlichen Ohrs zunutze machten, um die Originalqualität der gespeicherten Musik zu erhalten, d. h., es werden diejenigen Informationen weggelassen, die der menschliche Gehörsinn sowieso wegblendet. „Laute und tiefe Töne überdecken im menschlichen Gehör leise hohe Klänge; Letztere müssen also nicht in voller Datenmenge übernommen werden, sondern können deutlich reduziert werden.“[4] MPEG-1 Layer 3 schrumpft Audiodaten um den Faktor zwölf, ohne Verlust der Klangqualität.

Der Layer 3 bekommt seine wegweisende Rolle, in dem er als Standard für Übertragung von qualitativ hochwertigen Audiodaten über ISDN- Telefonleitungen gewählt wird. Die erste echte Anwendung des IIS Audiocodierverfahren wird somit die Übertragung von Sprache und Musik via ISDN zwischen Rundfunkanstalten. Bei der Entwicklung des endgültigen MP3 Standards nähern sich die eingebrachten Codecs noch an und 1992 kommt es schließlich zu ersten Feldtest während der Olympischen Spiele in Albertville. Im gleichen Jahr wird der erste MPEG-Kompressionstandard bei Video-CDs eingesetzt.

Aufgrund der damals noch kleinen PC-Festplatten und den mit 28,8 kBit/s sehr langsamen Modems verbreitet sich der Layer 3 sehr schnell zum Speichern von Musik. Erst 1995 kommt es dazu, dass der MPEG-1 Layer 3 seinen heutigen Namen MP3 bekommt. In einer internen Umfrage sprechen sich die Fraunhofer-Forscher einstimmig für .mp3 als Dateiendung für MPEG Layer 3 aus.[5]

Ein weiterer Meilenstein in der Erfolgsgeschichte des MP3 Formates ist die Vorstellung des Saehan MPman, dem ersten tragbaren MP3-Player.

Damit begann im Jahre 1998 die Ära der tragbaren MP3-Musik in Korea, dicht gefolgt von den USA, wo im gleichen Jahr mit dem RIO von Diamond Multimedia der zweite MP3-Player folgte.

MP3 ist ein offener Standard, was bedeutet, dass sein Quellcode jedem Entwickler kostenlos zur Verfügung steht und von niemandem überwacht wird. Doch das Frauenhofer-Institut und Thomson Multimedia sind seid 1989 in Deutschland und seid 1996 in den USA Inhaber einiger MP3-Patente und erheben Anspruch auf das geistige Eigentum an einigen Codierungs- und Decodierungsprozessen. Es folgten im September 1998 Abmahnungen zur Zahlung von Lizenzgebühren an einige Entwickler von Encodern, doch auch das konnte die bereits eingesetzte Verbreitung nicht mehr aufhalten.[6] Aufgrund des Erfolges dieser Geräte ließen andere Hersteller mit ähnlichen Produkten nicht lange auf sich warten, was wiederum zur Entwicklung vieler weiterer Audiocodierungsverfahren führte. Zur Jahrtausendwende werden schließlich erste Player mit Festplatten veröffentlicht, was den Markt noch einmal zusätzlich antreibt.

3. Tauschen statt Kaufen

Mit der Schaffung des MP3 Formates war die technische Grundlage für die Verbreitung von Musik über das Internet geschaffen. Allerdings waren die geringen Bandbreiten und die noch komplizierten technischen Voraussetzungen, die Dateien vom PC ins Internet zu laden die größten Hindernisse es zu einer sofortigen Revolution kommen zu lassen. Dies führte in Kombination mit den guten Abverkäufen der Musikindustrie, dazu das diese das Phänomen zwar wahrnahm, aber nicht die Ausmaße erkannte, die diese digitale Revolutionen haben würde. Hilary Rosen, zu dieser Zeit Chefin der RIAA (Recording Industry Association of America), dem Verband der Musikindustrie in den USA, beschrieb die Situation der Branche folgendermaßen:

„Die Eisenbahn hätte zu General Motors, Ford und Chrysler werden müssen, aber sie wollten nicht glauben, dass die Menschen sich abseits der Eisenbahnschienen fortbewegen wollten. Die Telefongesellschaften hätten sich um die Handys kümmern müssen, aber sie konnten sich nicht vorstellen, dass die Leute Lust hatten, im Auto zu telefonieren. Die Fernsehsender sind ein hervorragendesBeispiel aus jüngster Zeit. Sie hätten die Kabelnetze übernehmen müssen, aber sie konnten sich nicht vorstellen, dass jemand so viele Kanäle sehen will.“[7]

Und genau in diese Situation wollte sich die Plattenindustrie laut Rosen nicht drängen lassen. Es wurde ein Expertenteam angeheuert, welches einen Ausgleich zwischen den Interessen der Künstler und der Labels schaffen sollte, wofür die Plattenindustrie besonders von der IT-Branche belächelt wurde, da diese ihren jahrelangen Kampf gegen Raubkopien bereits aufgegeben hatte. Allerdings stand die wirkliche digitale Revolution zu diesem Zeitpunkt erst noch ins Haus.

1998 schaffte der gerade erst neunzehnjährige Shaw Fanning es, die globale Musikindustrie auf den Kopf zu stellen. „Der schüchterne Junge mit T-Shirt, Jeans und einem Bürstenhaarschnitt unter dem Basecap“[8] entwickelte während seines Informatikstudiums an der Northeastern University in Boston die Idee zur ersten Musiktauschbörse Napster. Die Universitäten waren dank ihrer Breitband Internetanschlüsse von Anbeginn die „Keimzelle“ der MP3 Szene. Fanning soll der Legende nach sich die Beschwerde eines Zimmergenossen zu Herzen genommen haben, das die Links zu den MP3 Dateien, auf den einschlägigen Webseiten, meist nicht mehr funktionieren würden, wenn man sie denn dann mal gefunden hätte. Und so kam er auf die Idee eines Echtzeitsystems. Das gemeinsame Nutzen von Ressourcen in Computernetzwerken war theoretisch bereits seit den 1970er bekannt. In der Sprache der Netzwerkarchitekten hieß es Peer-to-Peer (P2P), weil es Gleiche mit Gleichen vernetzte, anstatt auf übergeordnete Server zu vertrauen.[9] Fanning selbst sagte dazu:

„Eigentlich war das keine große Sache. Logisch betrachtet war es sogar sehr einfach. Ich erkannte das Problem. Ich war immer auf der Suche nach technischen Problemen. Sie faszinierten mich. Außerdem hatte ich noch nie ein Interface programmiert, es aber schon immer vorgehabt. Um das Problem zu lösen, brauchte man Netzwerk-Wissen. Das hatte ich. Ich merkte, dass alle Puzzle-Teilezusammenpassten. Es war ganz natürlich, dass ich mich damit beschäftigte.“[10]

Nach anfänglichen zeitlichen Engpässen beim Programmieren verließ Fanning kurzerhand die Universität und widmet sich ganz seinem Traum. Einige schlaflose Monate später hatte Fanning ein Programm geschaffen, mit dem die Nutzer ihre Computer über das Internet an ein zentrales Server- System anschließen und sich gegenseitig die Festplatten durchsuchen konnten. Und so wurde Napster im Frühjahr 1999 ohne großes Aufsehen veröffentlicht.

Napster kombinierte eine Chat-Funktion, einen Musik-Player und eine Funktion, die das schnelle Suchen von Musiktiteln im MP3-Format auf den Festplatten der Nutzer erlaubte. Dank Mundpropaganda wurde Napster an den amerikanischen Colleges schnell bekannt. Die Napster Webseite wuchs exponentiell: In den ersten Monaten verdoppelte sich die Zahl der Nutzer alle fünf Wochen.[11]

[...]


[1] http://www.aphorismen.de/display_aphorismen.php

[2] http://www.iis.fraunhofer.de:80/bf/amm/mp3history/mp3history01.jsp

[3] http://www.iis.fraunhofer.de:80/bf/amm/mp3history/mp3history02.jsp

[4] Theilacker, Jörg. "MPEG." Microsoft® Encarta® 2006 [DVD]. Microsoft Corporation, 2005.

[5] http://www.iis.fraunhofer.de:80/bf/amm/mp3history/mp3history03.jsp

[6] Vgl. Haring, Bruce: MP3. Die digitale Revolution in der Musikindustrie, Freiburg, 2002, S.38

[7] Haring, Bruce: MP3. Die digitale Revolution in der Musikindustrie, Freiburg, 2002, S.47

[8] Haring, Bruce: MP3. Die digitale Revolution in der Musikindustrie, Freiburg, 2002, S.158

[9] Vgl. Röttgers, Janko: Mix, Burn & R.I.P. Das Ende der Musikindustrie, Hannover, 2003, S.19

[10] Haring, Bruce: MP3. Die digitale Revolution in der Musikindustrie, Freiburg, 2002, S.160

[11] Vgl. Haring, Bruce: MP3. Die digitale Revolution in der Musikindustrie, Freiburg, 2002, S.162

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Von der Idee zum Produkt: MP3
Untertitel
Wie ein Dateiformat die Musikindustrie revolutioniert
Hochschule
Universität der Künste Berlin  (Gestaltung)
Veranstaltung
Dynamische Wirtschaft. Innovationen und Unternehmer im ökonomischen Prozess
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V115883
ISBN (eBook)
9783640174485
ISBN (Buch)
9783640179411
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Idee, Produkt, Dynamische, Wirtschaft, Innovationen, Unternehmer, Prozess
Arbeit zitieren
Moritz Hartmann (Autor), 2008, Von der Idee zum Produkt: MP3, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115883

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