Mit dieser Arbeit habe ich versucht, die Grundzüge der Tanz- und Bewegungstherapie / -
pädagogik theoretisch darzustellen. Ich halte diese Methode für sehr effektiv in der
therapeutischen Arbeit, da sie auf einem ganzheitlichen Ansatz basiert, der von den
natürlichen, in jedem Menschen schlummernden Selbstheilungspotentialen ausgeht.
TRUDI SCHOOP formuliert dies in ihrem Referat, gehalten während des 7. „Forums für
Musik und Bewegung“ 1977, meiner Meinung nach sehr eindrucksvoll: nämlich „... daß
gerade der tanzende Mensch wohl eines der glücklichsten, ausbalanciertesten Wesen auf
dieser Erde sein kann. Er kann im Einklang mit dem Rhythmus des Geschehens sein, er kann
die Veränderung lieben und jeden Ausdruck vom harmonischsten bis zum konfliktvollsten. Er
ist es, der sich seinen eigenen Raum schaffen kann, in welchem er sich bewegt. Diese
begeisterte Bejahung des Lebens ist seine Stärke, seine Geborgenheit. Rhythmus und
Melodie, Energie und Raumempfinden begleiten ihn innerhalb seiner Lebensdauer hier auf
unserer Erde.“*
Jeder Mensch hat Rhythmus erlebt, als Säugling z.B. den Herzschlag der Mutter, später
Sonnenauf- und Untergang, Jahreszeitenwechsel, Musik und jeder Mensch hat seinen
eigenen, inneren Rhythmus. Ich glaube, wenn jeder Mensch seinen ureigensten Rhythmen
folgen würde, würde er durch das Leben tanzen und die sich ihm stellenden Aufgaben des
Lebensalltags leichter bewältigen. Leider lassen wir uns viel zu oft von Zeitdruck und
Leistungsanforderungen der heutigen Zeit einengen. Dann hasten wir durch unser Leben
anstatt es zu tanzen. Die Tanz- und Bewegungstherapie bietet die Möglichkeit, wieder zum
eigenen Rhythmus zu finden und zumindest zeitweise wieder unser Leben zu tanzen statt
schwer an unseren Gefühlen, Ängsten und Sorgen zu tragen. Ihr Ziel ist, die „Bejahung des
Lebens“, um daraus wieder Kraft und Stärke schöpfen zu können und sie hilft dem
Menschen, sich seinen „eigenen Raum zu schaffen“. Wie sie das macht und auf welchen
Grundlagen die Tanz- und Bewegungstherapie basiert, habe ich in den folgenden Kapiteln
zusammengetragen.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1 Was ist Bewegungs- und Leibtherapie?
1.1 Quellen oder Wurzeln der Tanz- und Bewegungstherapie
1.2 Wodurch verändert Tanz- und Bewegungstherapie?
1.3 Der integrative Aspekt der Tanz- und Bewegungstherapie
2 Psychoanalytisch orientierte Tanz- und Bewegungstherapie
2.1 Interpretation durch den Therapeuten
2.2 Die Spaltung von Psyche und Soma
2.3 Bausteine des theoretischen SIEGEL-Modells
2.3.1 Psychoanalyse
2.3.2 Bewegungstherapie
2.3.3 ICH
2.3.4 Körper-ICH
2.3.5 Körper-Bild
2.3.6 Körper-Grenze
2.3.7 Körper-Raum
2.3.8 ES und Instinkt
2.3.9 Objektbeziehungen
2.3.10 Übertragung
2.4 Psychoanalytische Tanztherapie
2.5 Die Rolle des Therapeuten
3 Persönlichkeitsentwicklung und Selbsterfahrung
3.1 Zwei Arbeitsmodalitäten besonders für den nichtklinischen Bereich
3.1.1 Die Übungszentriert-funktionale Modalität
3.1.2 Der erlebniszentriert-agogische Ansatz
3.2 Persönlichkeitsentwicklung gefördert durch Kreativität
3.3 Methoden und Medien zur Förderung der Kreativität
3.3.1 Improvisation
3.3.2 Aktive Imagination
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit gibt einen theoretischen Überblick über die Grundzüge der Tanz- und Bewegungstherapie sowie -pädagogik. Ziel ist es, den ganzheitlichen Ansatz dieser Methode darzustellen, der davon ausgeht, dass in jedem Menschen Selbstheilungspotentiale schlummern, die durch körperzentrierte Arbeit reaktiviert und für die Persönlichkeitsentwicklung genutzt werden können.
- Grundlagen und Quellen der Tanz- und Bewegungstherapie
- Psychoanalytische Ansätze in der Tanztherapie (nach dem Siegel-Modell)
- Methoden der Persönlichkeitsentwicklung und Selbsterfahrung
- Förderung von Kreativität durch tanzpädagogische Ansätze
Auszug aus dem Buch
2.2 Die Spaltung von Psyche und Soma
SIEGEL beschreibt u.a., dass Abreagieren meist leichter zu erreichen ist als Katharis, da es hauptsächlich auf die Auflösung muskulärer oder anderer somatischer Abwehrmechanismen ausgerichtet ist. Jedoch ermöglicht ein „graduelles Abreagieren dem ICH, ursprünglich Abgewehrtes zu beobachten und zu integrieren“ (SIEGEL, 1992)15. Somit sind Psyche und Soma nicht mehr zwei getrennte Hälften sondern fungieren als Teile eines ganzen Wesen.
SIEGEL bezeichnet die Spaltung von Psyche und Soma als ein häufig wiederkehrendes, einfach zu beobachtendes gesellschaftliches Phänomen. Sie belegt das mit dem Hinweis, dass in unserer Gesellschaft die Lesefähigkeit eines Dreijährigen als sehr hoch bewertet, gleichzeitig jedoch versäumt wird diesem Kind die Worte für seine Genitalien oder grundsätzliche Begriffe wie „verrückt“, „traurig“ und „glücklich“ zu vermitteln. Die so hervor gebrachten Individuen werden ihr weiteres Leben vornehmlich nach rationalen und intellektuellen Kriterien führen.
„Leugnung und Unterdrückung innerer Körperempfindungen sowie die Unfähigkeit, Instinkte und Triebe mit Hilfe eines gut entwickelten, vielschichtigen ICHs zu filtern, scheinen entweder engstirnige, geistig verarmte Menschen hervorzubringen oder, am anderen Ende des Entwicklungsspektrums, Menschen, die unfähig sind, Verbindungen zwischen ihren Bedürfnissen und ihrem Lebensstil herzustellen“ (SIEGEL, 1992).15
Zusammenfassung der Kapitel
1 Was ist Bewegungs- und Leibtherapie?: Dieses Kapitel führt in die grundlegenden Begriffe ein und erläutert die therapeutischen Wirkfaktoren sowie den integrativen Ansatz der Therapie.
2 Psychoanalytisch orientierte Tanz- und Bewegungstherapie: Hier wird der Versuch dargestellt, tanztherapeutische Ansätze mit den Einsichten der Ich-Psychologie zu verbinden, wobei insbesondere die Überwindung der Spaltung von Psyche und Soma im Zentrum steht.
3 Persönlichkeitsentwicklung und Selbsterfahrung: Dieses Kapitel widmet sich der Tanzpädagogik als Weg zur Förderung von Kreativität, Selbstentfaltung und der persönlichen Entwicklung in nichtklinischen Kontexten.
Schlüsselwörter
Tanztherapie, Bewegungstherapie, Tanzpädagogik, Psychoanalyse, Körper-Ich, Integrative Therapie, Selbsterfahrung, Kreativität, Improvisation, Aktive Imagination, Leibtherapie, Persönlichkeitsentwicklung, Psychosomatik, Übertragung, Bewusstwerdung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine theoretische Darstellung der Grundzüge der Tanz- und Bewegungstherapie sowie -pädagogik und beleuchtet deren Stellenwert bei der Behandlung seelischer Belastungen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf den theoretischen Grundlagen des Tanzens als Therapieform, der psychoanalytisch orientierten Tanztherapie nach dem Siegel-Modell sowie der tanzpädagogischen Förderung von Persönlichkeitsentwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Tanz- und Bewegungstherapie als ganzheitliche Methode den Menschen dabei unterstützen kann, durch den Zugang zu eigenen Rhythmen und Körperempfindungen wieder mehr Kraft und Lebensbejahung zu finden.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die humanistische Psychologie sowie auf psychoanalytische Konzepte, insbesondere das theoretische Siegel-Modell und den integrativen Ansatz nach Petzold.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition der Bewegungs- und Leibtherapie, die detaillierte Beschreibung psychoanalytisch orientierter Tanztherapie sowie Ansätze zur Persönlichkeitsentwicklung durch tänzerische Kreativität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Tanztherapie, Körper-Ich, psychoanalytische Orientierung, Selbsterfahrung, Kreativitätsförderung und die Überwindung der Spaltung zwischen Psyche und Soma.
Wie definiert die Autorin den Begriff der "Körper-Grenze"?
Die Körper-Grenze wird als ein Teil des Körper-Bildes verstanden, dessen Stabilität maßgeblich vom Bewusstsein abhängt und deren Auflösung etwa im Rahmen von Psychosen auftreten kann.
Welche Bedeutung hat die "Aktive Imagination" in der tanzpädagogischen Arbeit?
Die aktive Imagination dient als kreativer Prozess, bei dem innere Impulse, Träume oder Körperempfindungen in einen authentischen Tanz übersetzt werden, um die Selbsterkenntnis und das Vertrauen des Individuums zu stärken.
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- Diplom Sozialpädagogin Vanessa Krings-Sarhan (Author), 2003, Grundzüge der Tanz- und Bewegungstherapie/-pädagogik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115902